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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nähzeug.

Beilalter, Schweralter,
Sturmalter, Wolfsalter,
Ehe die Welt fällt.
    —   —   —
Rings um den Weltbaum rast
Die dampfende Glut
Die hohe Flamme leckt
Zum Himmel auf.
                      Wala's Gesang.

Fräulein Margarethe hatte indeß mit Klara ihre liebe Noth. Sie fand sie mit jedem Tag interessanter 103 und unerträglicher. Sie war ihr ein Stein des Anstoßes und eine Klippe des Aergernisses. Ganz plötzlich wandelte sie die Lust an, ihr eine Freude zu machen. Sie fuhr eines Vormittags mit der Gräfin aus und kehrte in den Läden von Medberg, von Folker, von Giron Alles um und um. Die Gräfin kam mit einem ungeheuern Pack von Zeug, Shawlen und andern Modeartikeln nach Hause: Fräulein Margarethe mit zwei ausgesucht schönen Halsbändern, das eine von Amethyst, das andere von Korallen, und in der Absicht, Klara zwischen beiden wählen zu lassen. Ihr Herz erfreute sich an diesem Geschenk, womit sie Klara sich verbinden wollte. Sie war in diesem Augenblick ungemein freundlich gegen sie gestimmt und hatte alle Gleichgültigkeit und Wortkargheit des schüchternen Mädchens vergessen.

Bei ihrer Nachhausekunft beschäftigte die Gräfin Klara drei Stunden lang mit ihren Einkäufen. Dieß war für Nina, dieß für Fräulein Margarethe, dieß für Edla, dieß für die Gräfin selbst: und nicht das geringste Seidefädchen war für Klara bestimmt, damit sie recht deutlich empfinden sollte, daß sie in Ungnade gefallen sei.

Aber Klara schien diese Strafe nicht zu merken, und nachdem sie gewissenhaft ihre Ansicht über die Zeuge und Farben ausgesprochen, die erforderliche Zahl angegeben, Verschiedenes zugeschnitten hatte u. s. w. setzte sie sich müde und niedergeschlagen an das Kaminfeuer, dessen Schein ihr leuchtete, während sie an einer jener ewig sich erneuernden Tüllarbeiten nähte, die Fräulein Margarethens Plage waren.

Fräulein Margarethe kam in diesem Augenblick. Sie nahm einen Stuhl, setzte sich freundlich neben Klara, zeigte ihr die beiden Halsbänder und fragte, ob sie ihr gefallen.

Ein matter Blick von Klara und ein gleichgültiges Ja war Alles, was sie zur Antwort bekam.

»Und welches halten Sie wohl für das schönere?« 104 fragte Fräulein Margarethe weiter, ohne sich dießmal so bald stören zu lassen.

»Ich weiß es kaum,« antwortete Klara mit einer Stimme, die von einem bedrückten Gemüth zeugte; »ich verstehe mich so wenig auf solche Sachen.«

»Solche Sachen!« wiederholte Fräulein Margarethe für sich, ärgerlich über Klaras Worte und Benehmen. Indeß fuhr sie dennoch fort:

»Möchte nicht das Korallenband das schönere sein und würde es wohl nicht eine Person von etwas dunkler Farbe besser kleiden, als das Amethystband?«

»Vielleicht,« erwiederte Klara mit der höchsten Zerstreuung, indem sie sich beschäftigte, ein paar Stiche an ihrer Arbeit aufzunehmen. Dieß war doch zu stark. Fräulein Margarethens Zorn schlug in hellen Flammen auf über eine solche Unhöflichkeit.

»Dieß ist eine recht hübsche Arbeit,« sagte sie, indem sie Klaras kostbare Stickerei ergriff, »allein da Sie dadurch von noch schöneren und wichtigeren Sachen, nämlich von ein Bischen Höflichkeit, abgehalten werden und keine Zeit haben, Fragen zu beantworten, so will ich Sie hiermit von diesem Hindernisse befreien.«

Und ehe die überraschte Klara ihre Absicht ahnen konnte, lag die schöne Arbeit im Feuer. Klaras erste Bewegung war, hervorzuspringen und sie herauszuholen: allein die Flammen schlugen hoch darüber zusammen, ergriffen sie von allen Seiten und verzehrten sie in wenigen Sekunden. Klara stand stille da und sah zu; Fräulein Margarethe betrachtete sie aufmerksam. Als die kostbare Arbeit ganz und gar zu Asche geworden war, rollte eine große Thräne über Klaras Wangen und sie ging hinaus, ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Blick auf Fräulein Margarethe zu werfen.

Wie dieser zu Muthe war, läßt sich nicht leicht beschreiben. Sie sah Klara nach, sie sah in die zuckende Asche und fühlte große Lust, die beiden Halsbänder der 105 Arbeit nachzuschicken. Indeß mäßigte sie sich und sann einen bessern Plan aus.

Beim Mittagessen hatte Klara rothe und niedergeschlagene Augen, worin jedoch ein Ausdruck stiller Geduld lag, der Fräulein Margarethe tief zu Herzen ging, und als Klara einmal ihre Augen aufschlug und ihre Blicke sich begegneten, mußte Fräulein Margarethe unwillkürlich die ihrigen niederschlagen.

Nach Tisch hatte sich Klara in ein Zimmer neben dem Salon begeben, und besah einige Kupferstiche, die auf einem Tische lagen, als sie eine Hand spürte, die sich freundlich auf ihre Schulter legte, während eine andere, welche die beiden unglückseligen Halsbänder hielt, sich unter ihre Augen vorschob und die Besitzerin der Hände, Fräulein Margarethe, mit einer Stimme voll Herzlichkeit und Ernst sagte:

»Verzeihen Sie, Klara! Verzeihen Sie meine Heftigkeit! Besehen Sie mir zu Liebe diese Halsbänder noch einmal und versuchen Sie, ob Ihnen solche Sachen gefallen können. Ich wollte Sie anfangs ersuchen, mit einem von beiden vorlieb zu nehmen; nun aber bitte ich Sie, beide zu nehmen, zum Beweis, daß Sie mir verzeihen und zum Ersatz für den Tüllkragen, obgleich ich von Herzen wünsche, daß das Schicksal desselben Sie abhalten möchte, einen neuen anzufangen. Nehmen Sie's, meine gute Klara, schenken Sie mir Ihre Verzeihung.«

Klara erröthete tief: sie sah zu Fräulein Margarethe mit einem so schönen Blicke auf, daß ihr Herz aufs Neue das warme, behagliche Gefühl empfand, das sie schon einmal gehabt hatte, und sie wollte ihr jetzt ohne weiteres die beiden Halsbänder anlegen; allein Klara hielt ihre Hand zurück und sagte: »Nein . . . nein! Es ist zu viel . . . zu viel . . . ich bedarf nicht! . . .«

»Solcher Sachen!« fügte Fräulein Margarethe hinzu: »gut, aber wenn Sie dieselben nicht des Bedarfs wegen nehmen wollen, so nehmen Sie sie aus 106 Barmherzigkeit, damit jener Brand nicht länger in meinem Gewissen brennt.«

»Das soll er nicht,« sagte Klara. »Es ist Alles vergessen; ich habe jetzt bloß noch Gefühl für Ihre Güte, gnädiges Fräulein.«

»So nehmen Sie's!« sagte Fräulein Margarethe im modus imperativus.

Klara sah die schönen Schmucksachen an. Nach einer augenblicklichen Pause sagte sie:

»Erlauben Sie mir damit anzufangen, was ich will?«

»In Gottes Namen, ja! Aber im Liebsten würde ich Ihren Hals damit geschmückt sehen.«

»Aber wenn ich sie bekomme, so habe ich auch das Recht, nach Belieben darüber zu verfügen?«

»Ja wohl, das versteht sich, nehmen Sie sie nur aus meiner Hand.«

Klara nahm eines davon: zu beiden ließ sie sich durch Fräulein Margarethens ganze Beredsamkeit nicht vermögen, und als sie das Halsband nahm, bückte sie sich und küßte der Geberin die Hand mit einer so lebhaften und herzlichen Bewegung, daß Fräulein Margarethe innig gerührt wurde und sie zärtlich umarmte. Bei sich selbst aber dachte sie:

»Das muß doch ein ganz besonderer Kamerad sein, dieser Bräutigam, der so viele Tüllkrägen und Hauben absorbirt und nun auch mein theures Halsband. Ich hätte wohl Lust, den Mann einmal zu sehen.«

Fräulein Margarethe hatte sich viel in der Welt umgesehen; sie hatte oft den kleinen Momus ausgespürt, der gerne im Hintergrund der Seele sitzt, mit dem bessern Ich des Menschen sein Gaukelspiel treibt, und ihn Unwahrheiten sagen, Dummheiten, ja sogar Schlechtigkeiten oder auch schöne Handlungen begehen läßt – Alles nur, um irgend einen Hochmuth, irgend eine Eitelkeit, oder sonst eine andere minder edle Neigung zu befriedigen. Fräulein Margarethe hatte den Schelm so oft gesehen, 107 daß sie sich gewöhnt hatte, ihn als Inwohner jeder Menschenbrust zu betrachten, und überhaupt glaubte sie im Allgemeinen mehr an kleinliche, als an erhabene Triebfedern. Aber ungeachtet des geheimnißvollen Benehmens, das gegen Klara zu zeugen schien, konnte sich Fräulein Margarethe doch bald nicht mehr denken, daß etwas Unwürdiges zu Grunde liege; es war ihr beinahe unmöglich, zu glauben, daß der eben erwähnte Schelm sein Spiel in Klaras Seele treiben könnte, und sie war in der Stille überzeugt, der tüllverzehrende Bräutigam werde sich am Ende als ein ganz ehrenhafter Mann herausstellen.

Einen Tag nach diesem Auftritt ereignete sich eine Begebenheit von tragischer Natur, und wir lenken jetzt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die möglichen Folgen einer

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