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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Brautwerbung,

oder ein altes Lied nach einer neuen Melodie.


Professor A. an Edla.

Sie wollen mein Schicksal nicht theilen, Edla! Sie schlagen meine Hand aus, und wünschen nur die Hälfte meines Herzens zu besitzen. Die andre Hälfte schenken Sie irgend einer Frau, die ich nach Ihrer 93 Meinung noch bekommen werde. Aber schaffen Sie sich strengere Worte, Edla, und gültigere Gründe, wenn Sie einen Mann vermögen wollen, von einem Glück abzustehen, das er im Innersten seines Herzens als das höchste für ihn auf Erden erkannt hat. Edla, Sie haben Ihrem Freunde erlaubt, die ungeschminkte Sprache der Wahrheit mit Ihnen zu reden, – ja Edla, ich habe Sie zuerst um der Liebe willen geliebt, die Sie für meine Liebe, für die Wahrheit hegen. Durch meine Wahrheitsliebe habe ich die Meisten von denen, die sich meine Freunde nannten, mir entfremdet und meine Bekannten weggeschreckt. Sie allein, Edla, fürchteten meine rauhe Aufrichtigkeit nie, Sie stießen sich nicht an mir, Sie hörten mich und verstanden mich. Sie sind noch immer meine beste, meine wirklichste Freundin, die einzige, vor der ich ohne Scheu meine ganze Seele öffnen kann, und ich fühle mich glücklich, Ihnen auch jetzt ohne Scheu sagen zu können, daß Sie in Ihrer Antwort an mich nicht die Wahrheit sprechen, daß Sie nicht aufrichtig gegen mich sind. Sie antworten mir, wie ein gewöhnliches Weib einen ganz gewöhnlichen Mann abspeist. Armselige Ausflüchte! Elende Gründe! Wie kann Edla sich erniedrigen, solche zu gebrauchen. »Sie sind alt, Sie sind häßlich.« Nun gut Edla, ich gebe es zu, Sie sind ein altes Mädchen. Wie alt? Etwa vierzig Jahre. Nun gut, Sie stehen im besten Frauenalter, was man wohl sagen kann, ohne wie Balzac ein Narr zu sein. Ich bitte Sie, kommen Sie mir nicht mit ihren siebenzehnjährigen Mädchen. Sie sind schöne Blumen, sagt man. Sehr wohl; allein ich weiß wahrhaftig nicht, was ich zu ihnen sagen soll, als was ich eben zu den Blumen auch sage, d. h. höchstens, »ihr seid gar zu schön!« und vielleicht noch: »habt ihr in diesem Winter viel getanzt?« – Soviel für den Menschen. – Mit vierzig Jahren trägt das Weib Frucht und Blüthe zugleich. Meine Mutter machte mit dreiundvierzig Jahren einen Mann glücklich und ihr Sohn durfte fünfundzwanzig Jahre lang 94 das Glück seiner Eltern mit ansehen. Man kann auch mit weniger zufrieden sein.

»Sie sind häßlich.« Ja Sie sind häßlich, sehr häßlich. Ich weiß kaum ein Gesicht, das auf den ersten Anblick so abstoßend wäre. »Sie haben überdieß etwas Steifes, etwas Unangenehmes;« ja Sie haben dieß Alles! ich gebe Ihnen Recht, Edla. Innigst geliebte Edla! unverständiges, kindisches, unphilosophisches Weib! Siehst du denn nicht, daß man dich bei all diesem, ja eben deßwegen lieben kann? Eben, weil Sie häßlich sind, Edla, liebe ich Sie um so mehr. Wären Sie schön, hätten Sie auch nur die gewöhnlichsten Reize einer Frau, so würde ich fürchten, irgend ein minder erhebendes Gefühl möchte sich in meine Liebe mischen. Aber Sie sind häßlich, Sie sind unangenehm – und doch liebe ich Sie, Edla! und liebe Sie mit aller Wärme! Es gibt eine Schönheit, die keine äußere ist, die nicht verwelken darf; – meine Liebe für Sie läßt mich an Unsterblichkeit glauben! Und darum, weil Sie nicht äußerlich schön sind, darum glauben Sie nicht, daß ich Sie liebe! Wie weibisch, wie elend, wie geckenhaft machen Sie mich nicht, wenn Sie glauben, ich könne nicht auch von etwas Anderem entzückt werden, als von dem, was leblose Dinge und Thiere so gut besitzen können, als der Mensch!

»Sie sind langweilig;« – Gott verzeih Ihnen diese Unwahrheit, Edla, so gewiß, als alle unsere plappernden und leeres Zeug schwatzenden Frauenzimmer es thun würden. Glauben Sie mir, Edla, in Ihrer schweigenden Gegenwart ist mehr Leben, als in der Unterhaltung der meisten Menschen. Aber in allem Ernst; – haben Sie wirklich auch das gemeint, was Sie sagten? Haben Sie geglaubt, ich würde es glauben? Nein Edla, das haben Sie nicht! Sie sind nicht so schwach, so kindisch! Folglich haben Sie sowohl sich selbst, als mich belogen. Ich ahne einen andern Grund für Ihre abschlägige Antwort. Aber warum ihn nicht geradezu heraussagen? Sie lieben mich vielleicht nicht; Sie theilen das Gefühl nicht, das 95 ich für Sie hege? Gut! – oder vielmehr schlimm. Indeß kennen Sie meine Ueberzeugung in diesem Punkte. Die Frau braucht keine Liebe für den Mann zu hegen, mit dem sie sich verbindet. Achtung und Vertrauen ist Alles, was sie vonnöthen hat; – und die Pflichten und Freuden der Ehe, die Annehmlichkeiten des Hauswesens bewirken nothwendig, daß sie sich mit immer höherer Innigkeit an den Freund schließt, den sie für ihr Leben erwählt hat. Dieß beweist die Erfahrung jedes Tags. Und Edla! Warum sollen Sie nicht auf dieselbe Art wie so manche Frauen, die Ihnen gleich, oder sogar noch ausgezeichneter waren, im Leben wirksam und glücklich werden? Sollten Sie die Pflichten einer Mutter und Hausfrau verschmähen, darum, weil Sie ein Bischen mehr von der Welt wissen, als die meisten Ihres Geschlechts? Dann werfen Sie Ihre Wissenschaft ins Meer! Sie ist dann nicht mehr werth als die letzte Tragödie meines Freundes H. Hören Sie, Edla! hätten Sie ein bestimmtes schöpferisches Vermögen, wären Sie zur Künstlerin, zur Schriftstellerin geschaffen, dann würde ich nicht so viele Worte machen, um Sie für die Ehe zu gewinnen. Aber das sind Sie nicht. Sie haben ein Ohr für das Leben, jedoch keine Zunge es auszusprechen. Sollten Sie damit zufrieden sein, bloß zu vegetiren, ohne Ihren Mitgeschöpfen nützlich zu sein, ohne für Jemandes Wohl zu leben? Edla, nehmen Sie meine Hand – werden Sie meine Gattin, die Freundin meiner Freunde, die Freudespenderin in meinem Hause; beglücken Sie einen Mann, der künftig nur für Sie leben will.

Sie zweifeln an der Wirklichkeit meiner Liebe! Erwarten Sie etwa, daß ich seufzen, schreien, zu Ihren Füßen liegen, mich im Sande wälzen, mit Erstechen drohen soll – erwarten Sie, daß ich eine der trunkenen Scenen aufführen soll, womit die modernen Romane unsere nüchterne Welt überfluthen? Das kann ich nicht, Edla, und gewiß wünschen Sie es nicht. Aber glauben Sie, daß ich Sie liebe. Beurtheilen Sie meine Liebe 96 nach ihren vernünftigen Zeichen. Edla, ich bin nicht glücklich, außer in Ihrer Nähe. Alles, was ich thue, denke und schreibe, das erwartet und sucht Ihren Blick und Ihren Beifall; ohne ihn hat es keinen Werth für mich! Doch ich verschmähe es, mich darüber auszubreiten, zu versichern, zu betheuern . . . Seit vierzehn Jahren, Edla, haben Sie mich Ihren Freund genannt und haben meinen Worten nicht mißtraut. Warum sollten Sie ihnen jetzt mißtrauen, in dem Augenblick, da sie aus dem Innersten meines Herzens kommen und sagen: Ich liebe Sie! Sind dieß etwa auch nur leere Ausflüchte? Steckt ein anderer Grund darunter verborgen? Heißt es vielleicht, in die Sprache der Wahrheit übersetzt: »Ich hege eine Scheu mich mit dir zu verbinden, du bist ein Atheist, der weder an Gott noch an Unsterblichkeit glaubt, du bist ein verworfenes Wesen!« Edla, können Sie so denken? Können Sie mir ein Verbrechen aus Etwas machen, was in keines Menschen Macht steht. Es ist wahr, mein Verstand erkennt die Lehre noch nicht an, worin Sie und so viele Andere ihr Glück finden. Aber zeigen Sie mir den Fleck in meinem Leben, der den Menschen entehrt; dann erst werden Sie ein Recht haben, mir wegen meiner Ungläubigkeit zu mißtrauen. Hat je ein Wort, oder ein Lächeln von meinen Lippen Etwas verspottet, was Andern heilig war? – Dann, Edla, scheuen Sie mich, als einen Unwürdigen! Habe ich je, seitdem ich Mann geworden, absichtlich eine Unwahrheit gesagt – dann, Edla, glauben Sie mir auch jetzt nicht, dann mißtrauen Sie meiner Liebe. Ich will noch mehr sagen. Ich habe oft auf die Möglichkeit gehofft, ehe mein Abend niedersinkt, ein höheres Licht sehen zu können, einen so schönen, so segensreichen Glauben theilen zu dürfen; . . . Jetzt verlangt es mich darnach, jetzt ist es mir Bedürfniß. Auch ich bin alt, Edla, und meine fünfzig Jahre, obgleich sie mein Herz nicht zu kühlen vermochten, beweisen mir doch durch den Schneeduft auf meinem Scheitel, daß der Winter bevorsteht. Edla, meine theure Freundin! 97 Willst du ihn mir nicht warm machen, willst du mir nicht das Licht anzünden, das meinen Abend erhellen kann, willst du mich nicht lehren, zu hoffen und zu glauben, wie du? Wenn dieses Werk irgend einem Menschen möglich ist, so bist du es, denn du bist so verständig und so mild.

Eine andere Frau! Ich bitte Sie, Edla, verschonen Sie mich mit diesen Tröstungen und Hoffnungen und mit dieser andern Frau, die, wenn ich es recht verstehe, eine Art gutes Schaf sein müßte. Werden Sie mein, Edla! Lassen Sie mich hoffen, daß Sie es noch werden wollen, oder geben Sie mir bessere, wahrere Gründe an für ein Nein, das mein Glück vernichtet.

Ihr A.

 

Edla an Professor A.

Ich habe Ihnen keine falschen Gründe angegeben, mein Freund. Ich habe die Wahrheit gesagt. Aber vielleicht hätte ich mich deutlicher ausdrücken sollen. Mein Alter, bester A., legt jeder Veränderung meiner Lebensverhältnisse ein Hinderniß in den Weg, das Niemand so gut beurtheilen kann, als ich selbst; meine Häßlichkeit wäre mir nicht so gefährlich, wenn ich nur eine gewisse Scheu überwinden könnte, die sie mir vor den Blicken anderer Menschen einflößt; – und dann ist es nicht bloß Häßlichkeit; – diese könnte ich wohl ertragen; allein in meinem Wesen, in meinem Blick liegt etwas Hartes und Abstoßendes, was unangenehm auf Andere wirkt und mich deßwegen quält. Ich erhielt dieses Bewußtsein schon in meiner frühen Kindheit. Ich sog es ein aus dem Auge meiner Mutter, wenn es sich kalt und fremd von mir abwendete. – Verzeih, strenger Schatten! Ich hoffe dich einstens zu lieben und dein Auge freundlich auf deiner Tochter ruhen zu sehen. Dann wird alle unfreiwillige Härte sich auflösen und von meinem Wesen genommen werden, dann werde auch ich liebenswürdig 98 werden. Daß sie schon früher vergehen soll, hoffe ich nicht. Sie ist mir gleichsam von einer fremden Macht angeheftet; – allein sie wirkt störend. Ich bin nicht angenehm für Andere, ich bin es nicht bei Andern. Ich fühle das und es macht mich beklommen; – ich kann dieses Gefühl nicht überwinden.

Für Sie, mein lieber A., hege ich die herzlichste Achtung und Freundschaft, und ich glaube, daß Nichts in meinem Gefühl für Ihre Person mich hindern würde, Ihnen die Hand zu reichen, wenn ich damit wirklich etwas Gutes zu thun glaubte. Ich habe Ihnen bereits darüber geschrieben und will Sie nicht mit Wiederholungen ermüden. Einige wenige Worte muß ich indeß noch hinzufügen.

Ich verehre von ganzem Herzen den Beruf des Weibes als Gattin, Mutter und Hausfrau; wie sollte ich es nicht? – Ich weiß keinen schöneren; – allein ich fühlte in mir selbst die Mittel nicht, ihn würdig zu erfüllen. Sie sprechen von der Nutzlosigkeit meines Daseins. Ich könnte Ihnen antworten: »Sehen Sie einmal Nina an.« Vor einiger Zeit hoffte ich sagen zu können: »Sehen Sie meines Vaters glückliches Alter.« Doch ich will mich nicht auf eine Wirksamkeit berufen, an welcher die zufälligen Ereignisse so großen Theil hatten. Ich will sagen – o nennen Sie es nicht Hochmuth! – Sehen Sie in meine Brust! Dort arbeitet unaufhörlich die Kraft ein gutes Werk zu thun, nicht unwürdig des großen Meisters über uns Allen. Ich habe oft gedacht, ich würde einmal die Worte finden, um auszusprechen, was ich so tief erkannt, worüber ich so lange nachgedacht; – vielleicht täusche ich mich auch, vielleicht kommt dieser Augenblick nie für mich auf Erden. Dem sei, wie ihm wolle, ich werde nie fürchten, daß mein Leben und meine Arbeit vergebens sei. Derjenige ist glücklich, der für das Wohl Vieler auf Erden leben darf; – aber auch der hat nicht umsonst gelebt, der stille in seiner eigenen Brust nur nach Selbstveredlung gestrebt 99 hat. Sollte alle Tugend, alle Kraft bloß moralisch sein und kein Leben haben, außer in der Ausübung der gemeinsamen Pflichten? Der auf Lebenszeit Gefangene, der von der ganzen Welt abgeschnittene Gott einen Tempel in seiner eigenen Brust baute – der Einsiedler, der vermöge seiner Wissenschaft eine Welt aufzuklären vermöchte, glauben Sie wohl, mein Freund, daß diese umsonst gelebt haben, daß sie keinen Platz finden werden, um ihren Gottesdienst auszuüben, und wäre es auch in einer andern Welt, als in dieser?! Ich weiß, daß das nicht Ihr Glaube ist, aber der meinige ist es durchaus. In Beziehung auf den Nutzen meines Lebens bin ich ruhig.

Sie fordern mich auf, Ihren Lebensabend zu erhellen. Ach da haben Sie eine Seite berührt, die meinem Herzen wehe thut! Aber kann ich thun, kann ich sein, was Sie wünschen, was Sie glauben? Ich fürchte, nein! Mein Freund, ich weiß, daß ich es nicht kann. Haben wir nicht schon manchmal über diese Gegenstände gesprochen, über die wir ungleich denken? Und welche Frucht hat es wohl getragen? Ich habe Ihnen Nichts geholfen und Sie – verzeihen Sie, aber ich muß es sagen – Sie haben mir oft wehe gethan. Mein lieber Freund! Glauben Sie mir, es ist mir nie eingefallen, Sie einen Atheisten zu nennen. Von dem Gott, an den Sie glauben, der in Ihnen wohnt, gibt Ihr Leben Zeugniß, und um mich der Worte eines großen Schriftstellers zu bedienen: »Die Gottheit, die Sie verläugnen, rächt sich an Ihnen dadurch, daß sie Ihren Handlungen ihren Stempel aufdrückt.« Sie sind in der That und Wahrheit ein guter Christ, indeß Ihr Verstand oder vielmehr der Widerspruchsgeist, der in Ihrem Kopfe wohnt, sich weigert, es zu erkennen. Aber dieser Geist und diese unaufhörlichen Zweifel beunruhigen meine Seele. Ach das Leben hat zu viele Wolken, zu viele Räthsel, als daß nicht das Gemüth zuweilen sich verdunkeln lassen sollte, daß es die Lichter, die es erworben, nicht wegen eines hereindringenden Dunkels gleichsam vergessen könnte. Sie haben 100 meinen Tag oft finster gemacht; wie könnte ich Ihrem Abend Licht bringen? Ach, Sie bedürfen einer Frau von ganz anderer Gemüthsart, von einer schöneren Kraft als die meinige.

Kennen Sie sie wohl, haben Sie sie wohl schon gesehen, jene holden, einfachen Frauen, deren ganzes Wesen Liebe ist und die in ihrem Herzen Worte finden, welche wie eine Verklärung wirken, ohne den mindesten Anspruch auf Aufklärung zu machen? Ich möchte sie weibliche Johannes nennen; sie ruhen an der Brust des göttlichen Meisters und bekommen Antheil an seinen Geheimnissen. Sie schöpfen aus der Liebesquelle selbst, deßwegen ist auch ihre Weisheit so tief, ihr Blick so wohlthuend, ihre Worte so überzeugend. Sie führen keine Argumente für die Unsterblichkeit der Seele, aber ihre Seele öffnet den Himmel vor euren Blicken und ihr sehet den Gott, den sie schauen. Auf eure Zweifel, auf eure Fragen wird eine solche Frau antworten: »Laß uns glücklich sein! Laß uns einander lieben! Laß uns nicht grübeln, Alles wird dereinst klar und gut genug werden.« Und diese so armseligen Worte, wenn der Alltagsmensch sie gebraucht, um seine Trägheit zu bemänteln, werden zu Offenbarungen auf den Lippen der frommen, liebevollen Johanniterin. Sehen Sie, A., eine solche Frau müssen Sie suchen. Sie allein kann Ihr Haus erwärmen, Ihren Abend erhellen, an ihrer Brust wird Ihre Seele Ruhe finden. Argumente werden Sie ewig mit Argumenten, Beweise mit Gegenbeweisen beantworten, aber vor einem solchen Glauben, vor solchen Worten wird Ihre Kampflust sich legen und Ihnen vergönnen, den tieferen Eingebungen Ihrer eigenen Seele zu lauschen.

Sie sprechen von Ihrer Liebe zu mir! Ja ich hoffe allerdings, daß ich Ihnen lieb bin; dieser Glaube ist mir theuer, ist mir nothwendig; – aber Liebe! . . . . Liebe zu mir? . . . Nein mein A., daran glaube ich nicht. Ich habe Ihres Widerspruchsgeistes erwähnt. Verzeihen Sie, wenn ich darauf zurückkomme und meinen 101 Glauben eingestehe, daß er es ist, der gegenwärtig Ihre Gefühle steigert. Sie waren jeder Zeit ein stolzer und trotziger Mann, A., und lieben es mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie suchen mich nur darum so eifrig, weil ich mich entziehe. Die willige Edla wird aufhören, die so warm geliebte zu sein. Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Liebe, A. Ich glaube nicht, daß Sie, oder irgend Jemand je dieses Gefühl für mich hegen könnte. Ich bin über die Zeiten hinaus, wo man an Feenmährchen glaubt. Lassen Sie mich, wie bisher, Ihre Freundin sein und verbleiben Sie mein Freund! . . . . Dieß ist das Beste für uns Beide.

Stets und auf immer

Ihre Freundin Edla.

 

Professor A. an Edla.

Sie haben ganz Recht, Edla, zu sagen, daß Sie sich bloß wiederholen. Ihr Brief besteht größtentheils aus lauter Aufwärmungen Ihrer früheren Gründe oder vielmehr Nichtgründe. Das Neue daran, was mich am Meisten frappirte, war die Kunde von meinem Widerspruchsgeist, der sich in meinem Gehirn einquartirt haben soll und sich die Mühe nimmt, mir meine Worte und Handlungen vorzubuchstabiren. Die Folge davon ist augenscheinlich die, daß ich nicht weiß, was ich sage, und nicht glaube, was ich versichere. Schönen Dank für diese Notiz, aber da es mir wirklich am Herzen liegt, Sie vom Gegentheil zu überzeugen, und da ich in Ihrem Briefe keine triftigeren Gründe finde, als diejenigen, die ich bereits verworfen habe, so verzeihen Sie mir, beste Edla, wenn ich weniger Rücksicht darauf nehme und die Hoffnung, Sie meine Gattin zu nennen, keineswegs aufgebe. Die Johannesdame bitte ich schönstens zu grüßen. Sie wird nie meine Frau! Edla oder keine!

Der Widerspruchsgeist. 102


Edla fühlte sich durch den Eigensinn Ihres Freundes sowohl geschmeichelt als geärgert. Indeß befestigte sie sich immer mehr in dem Entschluß, nach einer entfernten Gegend abzureisen. Sie kannte eine liebenswürdige Person, die den Professor schon lange in der Stille geliebt hatte. Diese, glaubte sie, sei dazu geschaffen, A. glücklich zu machen, und sie hegte die Hoffnung, daß er selbst es eines Tags einsehen werde. Von ihrem künftigen Aufenthaltsort aus gedachte Edla an ihren Freund zu schreiben, und ihm Vorstellungen wegen Charlotte D. zu machen. Sie traf alle ihre Anstalten zur Reise, die sie unmittelbar nach dem Neujahr antreten wollte, und sprach mit ihrem Vater darüber. Es versteht sich von selbst, daß Frau S. und ihre bedrängte Lage die ganze Schuld an diesem Entschlusse tragen mußten. Der Präsident hörte sie schweigend an und sagte dann mit unsicherer Stimme, er glaube, sie thue wohl daran, und es stehe ihr frei, ganz nach Gutdünken zu handeln; sodann entfernte er sich schnell und ließ Edla allein mit einem Herzen von Beklommenheit.


Wir versetzen uns jetzt, wenn auch nicht nach Bender, doch zu einem

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