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Fredrika Bremer: Nina - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleNina
authorFredrika Bremer
translatorG. Fink
year1843
firstpub1835
publisherFranckh'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleNina
pages520
created20171205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Untersuchung

Daß Vater mir ist und Mutter todt,
Drob klag' ich mit bitterem Schmerz,
Doch Gott, der allen hilft aus der Not,
Er kennt auch am besten mein Herz.
                Schwedisches Volkslied.

Es war ein frischer Herbstmorgen – ein solcher dessen prächtige Sonne und klare Luft Unternehmungslust und Hoffnung auf Erfolg einflößt. Klaras beide Liebhaber empfanden seinen Einfluß; sie standen mit demselben Gedanken auf und gingen in derselben Absicht aus. Langsam und würdevoll, wie die Aristokratie, und besorgt sich zu erhitzen, schritt Baron H. gemessen dahin, mit der einen Hand auf dem Rücken und die andere auf dem Goldknopf seines Stockes ruhend. Rasch und vorstrebend, wie die Industrie, und noch nicht von überflüssigem Fett beschwert, eilte Herr Fredriks nach demselben Ziel, aber auf einem andern Wege, als der Baron, und langte vor ihm in der Wohnung ihrer gemeinschaftlichen Geliebten an.

Die Gräfin empfing ihn in ihrem Alltagszimmer, wo sie einige neue Bücher musterte. Am Fenster in demselben Zimmer saß die stille Klara und nähte. Herr Fredriks steuerte nach der ersten Begrüßung auf sie zu und gab ihr plötzlich seinen Wunsch zu erkennen, sie Gattin nennen zu dürfen. Mit zitternder Stimme, aber eben so bestimmt, als achtungsvoll lehnte Klara sein Anerbieten ab und der junge Mann war eben im Begriff, sich niedergeschlagen zurückzuziehen, als die Gräfin herzukam und ihn bat, sich nicht zu übereilen, denn sie sei überzeugt, daß sich Klara noch eines Bessern besinnen werde; zugleich bat sie sich das Vergnügen aus, ihn morgen Mittag über Tisch bei sich zu sehen. Nach einem kurzen Zögern und einem vergeblichen Versuch in Klaras 72 niedergeschlagenen Augen zu lesen, nahm Herr Fredriks die Einladung an und entfernte sich. Die Gräfin warf Klara einen fürchterlichen Blick zu, indem sie zu ihren Büchern zurückkehrte. Jetzt kam der Baron H. und dieselbe Scene wiederholte sich, nur daß Klara dießmal in ihre abschlägige Antwort eine gewisse Zärtlichkeit legte, und der Baron nicht besonders niedergeschlagen schien – im Gegentheil, als die Gräfin ihn bat, Geduld mit einem jungen Mädchen zu haben, das selbst nicht wisse, was es wolle, und wohl bald auf vernünftigere Gedanken kommen werde, so antwortete er, an Geduld fehle es ihm keineswegs und er werde Klara nicht eher beim Worte nehmen, als bis sie ja sage. Die Gräfin lud ihn auf einen Tag später, als Herrn Fredriks, zum Mittagessen ein. Durch diese Einladungen hoffte sie Klara einen Entschluß in Beziehung auf einen der beiden Freier abzuzwingen.

Zu ihrer großen Erleichterung war die Gräfin den größeren Theil des Tages abwesend. Abends kam sie von einem Diner im Schloß nach Hause zurück; Fräulein Margarethe stellte sich fast zu gleicher Zeit ein, um noch ein paar Stunden bei ihr zuzubringen, und nun wurde an Klara der Befehl erlassen, sich ohne Zögern im Schlafzimmer der Gräfin einzufinden. Klara empfand bei dieser Botschaft eine ungewöhnliche Niedergeschlagenheit und ihre Kniee zitterten, als sie durch das Zimmer ging, welches in das Gemach der Gräfin führte. Während der langen Unterredungen, die sie bisher mit der Gräfin gehabt, und wobei sie meistens eine stumme Rolle gespielt, hatte Klara die Gewohnheit gehabt, einen kleinen goldnen Ring, den sie am Mittelfinger der rechten Hand trug, beständig hin und her zu schieben. Fräulein Margarethe hatte dieses einförmige Manöver mehreremale mit stillem Aerger betrachtet, und war jetzt sehr neugierig, ob sie bei dem bevorstehenden Gespräch eine Wiederholung desselben zu sehen bekommen werde. Sie setzte sich bequem in einen Lehnstuhl und bereitete sich mit einem Band von den 73 Memoiren der Herzogin von Abrantes (Fräulein Margarethe nannte sie schlechtweg nur die Abrantes) in der Hand vor, ihre ganze Aufmerksamkeit auf Klara zu richten und auf jedes Wort, so wie jede Bewegung dieses »Holzblocks« wohl Acht zu geben. Da Fräulein Margarethe Klara so unbeschreiblich langweilig und beinahe unausstehlich fand, da sie dieselbe in ihrem Innern ein unangenehmes Mädchen mit einem lichtscheuen Geheimnisse nannte, so ist es schwer einzusehen, welch großes Interesse sie an dem bevorstehenden Verhör nehmen konnte. Sie konnte sich selbst keine Rechenschaft darüber geben, aber gewiß ist, daß sie dieses Interesse in hohem Grade hatte und Klaras Ankunft mit Ungeduld erwartete. Die Gräfin saß an ihrem Toilettentische und war noch in voller Hofkleidung von der königlichen Tafel her. Wir können uns nicht enthalten, die Bemerkung mitzutheilen, welche Fräulein Margarethe in petto über ihre Cousine machte, während sie über den Einband der Abrantes hinaussah:

»Nun da seh einmal einer, wie Natalie sich in die Brust wirft! Sie setzt den rechten Fuß vor, stützt den linken Ellenbogen auf den Tisch . . . . Alles, um sich Attitüde zu geben! Ihre Perlen legt sie wieder an; . . . . sie wendet sich halb nach der Thüre; . . . . richtet sich auf . . . . däucht sich auszusehen, wie Semiramis; – nur damit die arme Klara verblüfft und verblendet werde; wie Esther, als sie zu Ahasverus hineinkam, und in Ohnmacht falle. Natalie will sie niederschmettern. Ich will doch sehen, ob es ihr gelingt; die Sache muß lustig werden.«

Wirklich war die Haltung und das Aussehen der Gräfin in hohem Grad imponirend, wirkte aber vielleicht in diesem Augenblick weniger auf Klara, als der durchdringende Blick, welchen Fräulein Margarethe auf sie heftete. Inzwischen fiel sie nicht Ohnmacht, und was auch in ihrem Innern vorgehen mochte, ihr Aeußeres verrieth nicht viel davon. Sie war etwas blaß, aber 74 ruhig; das Linonhalstuch mit breitem Saum lag glatt auf ihrem Halse und bildete seine gewöhnlichen, regelmäßigen Ecken. Die ewige Krause war steif und weiß wie immer. Fräulein Margarethe seufzte.

Die Gräfin gebot Klara kalt, sich zu setzen, und hielt nun eine von ihren gewöhnlichen Reden. Sie stellte ihr die beiden ehrenden Anerbietungen, die ihr gemacht wurden, vor, entwickelte die Vortheile derselben, sprach ihre Ansicht über Klaras Stellung aus, so wie über die Pflichten, welche sie selbst (die Gräfin) gegen sie zu haben glaube, schätzte sich glücklich, zu einer so ehrenvollen Versorgung für sie beitragen zu können, und machte es ihr zur Pflicht, eine von beiden Partien anzunehmen.

Sie sprach gut und mit ungewöhnlichem Ernst und Nachdruck. Allein Klara hatte auf diese wohlgesetzte und lange Rede bloß ihre alte Antwort: »Sie danke den beiden Herrn für ihr Anerbieten, könne aber ihre Erkenntlichkeit dafür nicht anders beweisen. Sie wolle nicht heirathen. Sie wünsche ledig zu bleiben.«

Fräulein Margarethe nahm ihre Lorgnette, um Klara bei dieser Erklärung genauer zu beobachten. Sie fand den Gedanken, hartnäckig zwei gute Partien auszuschlagen, ganz eigen bei einem armen Mädchen.

Die Gräfin dagegen wurde roth vor Aerger und fragte kalt:

»Darf man fragen, was deine Plane für die Zukunft sind?«

»Ich kann sie jetzt nicht sagen,« antwortete Klara mit einem Seufzer, »hoffe es jedoch bald zu können.«

»Fräulein Klara handelt ja ganz selbstständig! . . . . und scheint auch meinen Rath und meinen Beifall für gar Nichts zu achten. Klara! Ich muß dich daran erinnern, daß dein Vater dich in meine Hände, in meine Obhut übergeben hat.«

»Ich habe das nicht vergessen,« sagte Klara mit einer Stimme, die man zittern hörte. 75 »Ich muß hinzufügen,« fuhr die Gräfin fort, »daß ich in Folge davon Rechte über dich zu haben glaube . . . .«

»Ich erkenne dieselben,« sagte Klara, »ich bin dankbar für die viele Güte, welche Sie mir erwiesen haben. Ich will aufmerksam und gehorsam sein . . . . aber ach, sprechen Sie mir nur nicht mehr vom Heirathen! . . . .«

»Sie ist wahrhaftig interessant,« dachte Fräulein Margarethe und die Abrantes fiel ihr aus der Hand.

»Klara,« sagte die Gräfin, »deine Aufführung ist zu sonderbar, als daß man sie mit Bemerkungen und Tadel verschonen könnte. Du bist ein armes Mädchen und hast nicht die mindeste Aussicht für die Zukunft! . . . .«

»Gott gibt den Vögeln ihr Futter; – er wird auch mich nicht vergessen.«

Fräulein Margarethe nahm ihr Nastuch und bemerkte nicht, daß die Abrantes auf den Boden hinabglitt.

»Das mag ganz gut sein,« sagte die Gräfin ironisch, »allein die gottesfürchtige Erwartung, ohne eigenes Zuthun gekleidet und ernährt zu werden, führt gewöhnlich dazu, daß man am Ende den Freunden und Verwandten zur Last fällt. Indeß laß dich diesen Gedanken nicht beunruhigen, Klara; – ich werde eine Tochter meines alten Freundes nie ungern unter meinem Dache sehen, ich würde auch jetzt nicht so sehr auf eine Verbindung dringen, die dir so zuwider ist, wenn ich nicht fürchtete, daß unter deiner unverständigen Weigerung andere, vielleicht minder ehrenhafte Plane verborgen liegen. Ich will es dir nur sagen, Klara, man hat dich beobachtet, und deine Aufführung gibt Anlaß zu ernstlichem Verdacht.«

Fräulein Margarethe dachte, Klara werde jetzt sagen, »das mag sein;« allein sie sagte nicht so. Sie wurde roth und bleich, stand auf, setzte sich wieder und blieb endlich stehen.

Die Gräfin fuhr mit vieler Kälte und Strenge fort: »Du hast verschiedene Sachen von Werth bekommen, seit du in meinem Hause bist. Sie sind verschwunden. Wohin? weiß Niemand. Du gehst oft Abends in der 76 Dämmerung aus; . . . Klara, ich verlange, ich fordere eine Erklärung darüber.«

Klara stand stumm und bleich da.

»Dein Vater,« sprach die Gräfin weiter, »hat dich meiner Obhut, meiner Aufsicht anvertraut – in seinem Namen fordere ich Rechenschaft von dir.«

»Ich kann sie jetzt nicht geben,« antwortete Klara mit leiser Stimme, aber etwas mehr Fassung.

»Jetzt nicht?« sagte die Gräfin scharf, – wann denn?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Klara beklommen und als ob sie nicht recht wüßte, was sie sagte; »ich glaube . . . . ich weiß nicht . . . .«

»Du mußt es wissen und sollst antworten – wann?«

Klara warf einen ausdrucksvollen Blick gen Himmel, als wollte sie sagen: Dort!

»Das sind Ausflüchte, die ich nicht annehme,« sagte die Gräfin mit Härte. »Ich erkläre dir hiemit, daß die Pflichten, die ich gegen mich selbst und gegen deinen seligen Vater zu beobachten habe, mich zwingen, eine Freiheit zu beschränken, die du mißbrauchst. Von heute an bleibst du auf deinem Zimmer, bis du entweder einen der achtungswerthen Anträge, die man dir macht, angenommen oder eine vollständig befriedigende Erklärung über deine unpassende Aufführung gegeben hast.«

Fräulein Margarethe nahm jetzt ihre Lorgnette wieder, um Klara zu betrachten. Diese stand stille, mit übereinandergelegten, jedoch nicht gekreuzten Armen da; sie war ungewöhnlich blaß; in ihren Augen schimmerten Thränen, aber gleichwohl war der Ausdruck in ihrem Gesichte ein vollkommen ruhiger, vollkommen frommer: – Fräulein Margarethe erinnerte sich wieder an das Wort heilig. Sie fühlte, daß sie hier einschreiten mußte und wandte sich zur Gräfin, indem sie mit Ernst und einiger Heftigkeit sagte:

»Meine liebe Natalie, dieß ist weder mild, noch 77 gerecht. Wir haben keinen Beweis, daß Klaras Spaziergänge gegen irgend ein Gebot verstoßen, und so lange wir dieß nicht bestimmt wissen, sind wir nicht berechtigt, sie deßhalb einzuschließen. Ich kann es nicht geschehen lassen, daß man Jemand beschuldigt, der unschuldig sein kann, und ihn dann ohne allen Beweis seines Vergehens abstraft.«

Man dürfte sich vielleicht über Fräulein Margarethens diktatorischen Ton in einer Sache, die sie eigentlich nichts anging, wundern. Allein Fräulein Margarethe war schon lange gewöhnt, unter ihren Bekannten ihren einmal ausgesprochenen Willen so schnell befolgt zu sehen, wie in früheren Zeiten ein Gesetz von Solon oder Moses, und sie fand dieß durchaus in der Ordnung.

In demselben bestimmten Tone fuhr sie fort: »Wenn übrigens Klara die ihr geschenkten Schmucksachen wiederum verschenkt oder sonst auf eine Art darüber verfügt, so sehe ich auch hierin nichts Gesetzwidriges, was eine Landesverweisung verdiente. Was man von Klara mit Recht fordern kann, ist nach meiner Ansicht, daß sie ihre Spaziergänge einstellt, wenigstens so lange, bis sie eine befriedigende Erklärung darüber zu geben vermag. Sind Sie damit einverstanden, Klara?«

Nach einem augenblicklichen Bedenken antwortete Klara: »Ja!«

»Nun gut,« fuhr Fräulein Margarethe fort, »dann glaube ich auch, daß man ihr das Einsperren erlassen kann. Wir haben ohnehin in der neuesten Zeit Cholera und Quarantänen genug gehabt, und könnten solcher Sachen überdrüssig sein. Was die beiden Freier betrifft, so muß ich gestehen, daß mir Klara wie eine der thörichten Jungfrauen zu handeln scheint. Aber – man darf doch ums Himmelswillen nicht in die Ehe hineingepeitscht werden und man kann auch ohne sie selig werden . . . so sagt wenigstens, glaube ich, Paulus. Das Beste und Sicherste ist, daß Klara sich nicht übereilt, sondern sich gute Bedenkzeit nimmt. Meine beste Natalie, gib Klara 78 eine Bedenkzeit von drei Monaten. Die guten Herren können wohl ein Bischen auf eine gute Frau warten. Baron H. sieht mir aus, als könnte er um Klara so lange dienen, wie weiland Jakob um Rahel. Kurz und gut, wir setzen den Friedenscontrakt so auf: ›Klara unterläßt ihre Spaziergänge und darf dafür binnen drei Monaten mit keinen Heirathsanträgen mehr gequält werden.‹«

Klara sah ihre Beschützerin mit einem Blick an . . . . Fräulein Margarethe fühlte dabei, daß es ihr warm ums Herz wurde, wie es ihr noch nie geworden war.

Mit einer Mischung von Mißvergnügen und Nachgiebigkeit sagte die Gräfin: »Du bist zu gut gegen Klara. Sie verdient das nicht. Inzwischen will ich auf deinen Wunsch die Bedenkzeit bewilligen. Nur zweifle ich, daß die beiden Herrn es für der Mühe werth halten werden, so lange zu warten.«

»Ich nehme es auf mich, sie dazu zu überreden,« sagte Fräulein Margarethe.

In diesem Augenblick wurde gemeldet, es seien Besuche im Salon. Die Gräfin stand majestätisch auf und ging hinaus, ohne Klara anzusehen. Fräulein Margarethe aber ging zu ihr hin, ergriff ihre Hand und sagte mit Ernst und Güte:

»Meine beste Klara! Unter uns gesagt, Sie haben thöricht und unvorsichtig zugleich gehandelt, und wenn Sie, wie ich vermuthe, einen dritten Bräutigam hinter diesen Spaziergängen stecken haben, rathe ich Ihnen, denselben so bald, als möglich ans Licht zu bringen und die andern Herren abziehen zu lassen. Reines Spiel, Klara, und etwas gesunde Vernunft gibt ein gutes Gewissen vor Gott und den Menschen.«

Hiebei drückte sie Klara fest die Hand und verließ sie.

Klara bedeckte ihre Augen mit der Hand: »Mutter, Mutter, was kostest du mich!« seufzte sie mit stillem Schmerz.

Von diesem Tage an war Klara für Fräulein 79 Margarethe viel interessanter geworden. Der Grund dazu war dreifach. Fräulein Margarethe fand sie sonderbar; sie wünschte ihrem Geheimniß auf die Spur zu kommen, und Klara war ihr Schützling. Sie suchte sich ihr jetzt ernstlich zu nähern, um sie auszuforschen und ihr nützlich werden zu können. Sie kam ihr mit Herzlichkeit und Munterkeit entgegen, aber ach! die interessante Klara war seit dem merkwürdigen Abend ganz und gar verschwunden; die dumme, die stumme saß jetzt wieder da und nähte entweder oder beschäftigte sie sich mit Haushaltungsangelegenheiten, oder mit Toilettenartikeln für die Gräfin, Alles mit einer Aufmerksamkeit und Schweigsamkeit, die wirklich zum Verzweifeln war. Klara hatte zwar im Ausdruck ihres Gesichtes Etwas, was Erkenntlichkeit für Fräulein Margarethe bewies, allein ihre Reden und Antworten blieben lakonisch wie zuvor.

Jetzt fühlte sich Fräulein Margarethe ernstlich, sowohl in ihrem Gefühl, als auch in ihrem Hochmuth verletzt – denn wir müssen bekennen, daß sie von letzterem nicht ganz frei war. Daß eine unbedeutende Person wie Klara die Freundschaftsbezeugungen einer Dame von Fräulein Margarethens Geist und Charakter – Freundschaftsbezeugungen, womit sie überdieß nichts weniger als freigebig war, so wenig zu würdigen verstehen sollte, das schien ihr unerträglich; und hatte sie nicht überdieß mit der Gräfin, mit den drei wilden Brüdern gesprochen und sie auf drei Monate zur Ruhe vermocht? hatte sie nicht mit den Freiern gesprochen, und sie zur dreimonatlichen Geduld überredet? hatte sie nicht Klara vor Verfolgung und Gefängniß geschützt? Es that Fräulein Margarethe wirklich weh, daß sie derjenigen, für die sie so viel gethan, so wenig sein sollte.

Sie zog sich jetzt stolz von Klara zurück, und beschloß in ihrem Innern, sich nicht weiter mit ihr zu befassen. Aber, o Pein! gerade jetzt konnte sie weniger als je umhin, an sie zu denken, sich über sie zu wundern, ja sie zu beneiden. Es konnte Fräulein Margarethens 80 Blicken unmöglich entgehen, daß Klara ungeachtet ihrer stummen Schweigsamkeit dennoch ein volles und reiches Leben in sich trug. Besonders ihre Blicke legten Zeugniß davon ab. Fräulein Margarethe wunderte sich über diese Fülle in einem so eintönigen Aeußern, in einem so freudelosen Leben, während sie selbst mit Allem, was die Welt, das Glück und das Leben in der bewegungsvollen Gesellschaft zu geben vermögen, ausgestattet, oft – namentlich in den letzten Zeiten – eine Leere verspürte, die sie nicht auszufüllen wußte. Und was war es wohl in der armen Klara, das machte, daß sie so genug hatte, daß sie von den beständigen Befehlen und Gegenbefehlen der Gräfin so wenig zu leiden schien, daß sie so ruhig den gewöhnlichen Freuden der Jugend entsagte und es für das einzige Fest in der ganzen Woche hielt, Sonntags in die Kirche zu gehen? Was war es, was sie so mild gegen alle Anderen machte, während sie selbst ein Leben voll Entsagung führte? Zweifel und Fragen von allerlei Art stellten sich bei Fräulein Margarethe ein, und sprachen so: »Was ist es, das Freude im Leben verschafft? Wornach soll man eigentlich streben, um angenehm zu leben? Natalie besitzt Schönheit, Talente, eine Menge Reichthümer und eine Masse Bewunderer. Dieses arme, aussichtslose Mädchen hat noch Etwas mehr, als Alles dieses. Ich selbst besitze von den Gütern dieser Welt, so viel ich will; ich habe noch überdieß Gesundheit, gute Laune, meine geraden Glieder, Vernunft und alle fünf Sinne, die Fähigkeit zu scherzen und zu lachen, und doch kann ich es diesem armen, schweigsamen Mädchen ansehen, daß sie nicht mit mir tauschen möchte. Ich verzeihe ihr das, denn bei Allem, was ich von der Welt besitze, finde ich doch, daß sie nicht sehr angenehm ist. Vielleicht glaubt auch Klara, daß ich nothdürftiger lebe als sie, aber sie, die so reich von Nichts ist – was hat sie denn, was ist sie denn?« Klara war Fräulein Margarethens Plage. 81

Es ist indeß Zeit, daß wir uns nicht ganz und gar bei Fräulein Margarethe vergessen, sondern uns ein Bischen näher bei dem Präsidenten umsehen.

 


 

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