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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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7. Kapitel

Mr. und Mrs. Squeers im häuslichen Kreise

Mr. Squeers ließ Nikolas und die Knaben mit dem Gepäck auf der Straße warten, um ihnen das Vergnügen, dem Wechsel der Pferde zuzusehen, nicht zu schmälern, und eilte ins Wirtshaus, um am Schenktische »die Beine ein wenig auszustrecken«. Nach einigen Minuten kam er »ausgeruht«, wie man aus der Röte seiner Nase und seinem Schlucksen deutlich entnehmen konnte, wieder heraus, und zugleich wurde ein schmutziger Einspänner und ein Karren, mit zwei Arbeitern davor, aus dem Hofe gezogen.

»Setzt die Knaben und die Koffer in den Karren«, befahl er, sich die Hände reibend. »Ich und dieser junge Mann werden den Einspänner benützen. Steigen Sie ein, Nickleby.«

Nikolas gehorchte, und nachdem Mr. Squeers die Mähre nicht ohne einige Mühe veranlaßt hatte, gleichfalls zu gehorchen, fuhren sie ab und ließen den mit soviel Kinderelend beladenen Karren langsam nachfolgen.

»Ist es noch weit nach Dotheboys Hall, Sir?« fragte Nikolas.

»Noch etwa drei Meilen«, versetzte Squeers. »Sie können übrigens hier unten das ›Hall‹ weglassen.«

Nikolas hustete, um anzudeuten, daß es ihm angenehm wäre, den Grund davon zu erfahren.

»Es gibt nämlich keine ›Hall‹ hier«, erklärte Squeers trocken.

»So?« sagte Nikolas nicht wenig befremdet.

»In London nennen wir es Hall, weil es besser klingt, aber hier herum kennt niemand etwas dergleichen. Es kann einer sein Haus eine Insel nennen, wenn es ihm beliebt. Soviel ich weiß, ist das durch keine Parlamentsakte verboten.«

»Allerdings nicht, Sir«, gab Nikolas zögernd zu und schwieg.

Squeers warf ihm einen schlauen Blick zu, aber da er ihn in Gedanken vertieft und keineswegs geneigt sah, weiter auf das Gespräch einzugehen, begnügte er sich, auf den Gaul einzuhauen, bis sie endlich am Ziele ihrer Reise anlangten.

»So, Mr. Nickleby, steigen Sie hier aus«, sagte er dann. »Heda! Holla! Das Pferd ausgespannt! Na, wird's bald?«

Nikolas hatte inzwischen Zeit, Beobachtungen anzustellen, und sah, daß Mr. Squeers' Erziehungsanstalt ein langes, kalt aussehendes, einstöckiges Haus war, hinter dem sich einige Nebengebäude, eine Scheune und ein Stall befanden. Nach ein paar Minuten hörte man jemand den Riegel des Hoftors zurückschieben, und gleich darauf trat ein aufgeschossener, ausgemergelter Junge mit einer Laterne in der Hand heraus.

»Bist du's, Smike?« rief Squeers.

»Ja, Sir.«

»Warum zum Teufel hast du so lange gemacht?«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, ich war beim Feuer eingeschlafen«, antwortete Smike demütig.

»Feuer? Was für ein Feuer? Wo ist Feuer?« fragte der Schulmeister scharf.

»Nur in der Küche, Sir«, entgegnete der Junge. »Mrs. Squeers sagte, ich könnte hineingehen und mich wärmen, bis Sie kämen.«

»Ich glaube, Mrs. Squeers ist toll geworden«, brauste der Pädagog auf. »Du wärest in der Kälte wahrhaftig eher wach geblieben.«

Mr. Squeers war mittlerweile ausgestiegen und befahl dem Jungen, nach dem Pferd zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß es heute keinen Hafer mehr bekäme. Dann hieß er Nikolas an der Eingangstüre warten, die er von innen öffnen gehen wollte.

Ein Heer schlimmer Gedanken bestürmten Nikolas; die große Entfernung von der Heimat und die Unmöglichkeit, sie anders als zu Fuße zu erreichen, wenn er genötigt sein sollte zurückzukehren, stellten sich ihm in den beunruhigendsten Farben dar, und als er das trübselige Haus mit den dunklen Fenstern und die wilde, ringsumher mit Schnee bedeckte Gegend betrachtete, fühlte er ein Herzeleid, wie er es bisher nie gekannt hatte.

»Nun?« rief Squeers und steckte den Kopf aus der Türe. »Wo sind Sie denn, Nickleby?«

»Hier, Sir.«

»So kommen Sie doch herein. Der Wind saust durch die Türe, daß es einen umwerfen könnte.«

Nikolas gehorchte seufzend. Mr. Squeers legte, um das Tor gegen den Wind zu sichern, einen Balken vor und führte dann den Hilfslehrer in ein kleines, sparsam mit Stühlen versehenes Zimmer. An der Wand hing eine vergilbte Landkarte, und auf einem der beiden vorhandenen Tische standen die Vorbereitungen zu einem Abendessen, während auf dem andern Murrays Grammatik – der unentbehrliche Ratgeber des Pädagogen –, ein halbes Dutzend Geschäftskarten und ein alter, an Wackford Squeers, Wohlgeboren, adressierter Brief in malerischer Unordnung umherlagen.

Sie waren kaum ein paar Minuten in diesem Gemach, als ein Frauenzimmer hereinstürzte, Mr. Squeers an der Kehle packte und ihm zwei schallende Küsse applizierte, die einander so rasch wie das Klopfen eines Briefträgers folgten. Die Dame, eine hagere, derbknochige Gestalt, war fast um einen halben Kopf größer als Mr. Squeers und trug eine barchentne Nachtjacke und eine schmutzige Schlafmütze, gegen die ein gelbes, baumwollenes Schnupftuch, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft hatte, lebhaft abstach.

»Was macht mein Squeerchen?« fragte sie in scherzendem Tone und mit rauher heiserer Stimme.

»Ganz gut geht's mir, meine Liebe«, versetzte Squeers. »Was machen die Kühe?«

»Alles wohl. Stück für Stück.«

»Und die Schweine?«

»Sind so gesund wie bei deiner Abreise.«

»Gott sei Dank«, sagte Squeers und zog seinen Reisemantel aus. »Mit den Jungen ist wahrscheinlich auch alles in Ordnung?«

»O ja, so ziemlich«, versetzte die Dame ärgerlich. »Der kleine Pitcher hat wieder Fieber.«

»Verdammter Bengel«, fluchte Squeers, »der hat auch immer was.«

»Ich glaube, auf der ganzen Welt gibt's keinen so nichtsnutzigen Jungen mehr«, schimpfte Mrs. Squeers, »und wenn er etwas hat, dann ist's auch jedesmal noch ansteckend. Aber es ist nichts als seine Verstocktheit, das wird mir niemand ausreden. Ich werde es ihm aber schon ausprügeln, wie ich dir bereits vor sechs Monaten gesagt habe.«

»Ja, ich erinnere mich, meine Liebe«, brummte Squeers. »Na, wir werden ja sehen, was sich tun läßt.«

Nikolas stand mittlerweile verlegen mitten im Zimmer, unschlüssig, ob er sich in den Hausflur zurückziehen oder bleiben solle. Mr. Squeers erlöste ihn jetzt aus dieser peinlichen Ungewißheit.

»Dies ist der neue junge Mann, mein Schatz«, stellte er ihn der Frau vom Hause vor.

»So«, sagte Mrs. Squeers, nickte Nikolas zu und musterte ihn unfreundlich von Kopf bis zu Fuß.

»Er wird mit uns zu Abend essen und morgen sein Geschäft bei den Jungen beginnen. – Du kannst ihm doch eine Streu zurechtmachen, was?«

»Will sehen, was sich tun läßt«, brummte die Dame. »Sie machen sich doch nichts daraus, wie Sie schlafen, was?«

»O nein«, beeilte sich Nikolas zu erwidern, »in dieser Hinsicht bin ich nicht heikel.«

»Na, das ist ja ein großes Glück«, höhnte Mrs. Squeers.

Der Witz der Dame pflegte sich zumeist in beißenden Antworten zu äußern, und Mr. Squeers lachte deshalb herzlich und schien von Nikolas dasselbe zu erwarten.

Sodann entspann sich zwischen dem Ehepaar wieder eine lebhafte Unterhaltung über den Erfolg von Mr. Squeers' Abstecher und inzwischen eingegangene Zahlungen und böswillige Schuldner, die erst aufhörte, als ein Dienstmädchen eine Yorkshirer Pastete und ein kaltes Stück Rindfleisch hereintrug und beides auf den Tisch setzte, worauf der junge Smike mit einem Krug Bier erschien.

Mr. Squeers entleerte die Taschen seines Mantels von den Briefen an die verschiedenen Zöglinge und von kleinen Dokumenten, die er mitgebracht hatte, wobei der halbwüchsige Junge mit einem scheuen und ängstlichen Ausdruck auf die Papiere blickte, als hege er die schwache Hoffnung, es könne vielleicht auch etwas für ihn darunter sein. Der Blick war so schmerzlich und sprach von so langen qualvollen Leiden, daß er Nikolas tief ins Herz schnitt.

Obgleich Smike nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen konnte und für dieses Alter ziemlich groß schien, so war doch seine Kleidung ungefähr die eines kleinen Knaben und an Armen und Beinen geradezu lächerlich kurz – nichtsdestoweniger aber weit genug, so mager und abgezehrt war die Gestalt des Jungen. Um die untere Partie seiner Beine mit dieser seltsamen Garderobe in Einklang zu bringen, trug er ein Paar ungeheure Stiefel, die ursprünglich mit Stulpen versehen gewesen, für einen stämmigen Bauern gemacht sein mochten, aber jetzt sogar für einen Bettler zu zerschlissen waren. Gott weiß, wie lange er schon bei Squeers sein konnte, aber offenbar trug er noch immer dasselbe Weißzeug, das er einst mitgebracht, denn um den Hals hing ihm eine zerrissene Kinderkrause, die zur Hälfte von einem groben Männerhalstuch bedeckt war. Er hinkte, und während er sich emsig mit der Herrichtung des Tisches beschäftigte, warf er einen so scharfen und doch so entmutigten und hoffnungslosen Blick auf die Briefe, daß Nikolas es kaum mehr mit ansehen zu können glaubte.

»Was schnüffelst du da herum, Smike?« rief Mrs. Squeers plötzlich. »Willst du wohl die Sachen daliegen lassen, was?«

»Ah, du bist da?« sagte der Pädagog und blickte auf.

»Ja, Sir«, hauchte der Junge und preßte die Hände zusammen, als ob er mit Gewalt die zuckenden Finger zurückhalten müsse, nicht nach den Papieren zu greifen, »ist nicht –?«

»Was?« fuhr Squeers auf.

»Haben Sie – ist jemand – hat man nichts gehört – über mich?«

»Zum Henker, nein«, brummte Squeers verdrießlich.

Der Junge blickte weg und schlich, sich mit der Hand die Augen bedeckend, zur Türe.

»Nicht ein Wort«, nahm Squeers seine Rede wieder auf, »und ich werde wohl auch nie etwas zu hören bekommen. Wirklich unglaublich, daß du jetzt schon so viele Jahre hier bist und man nach den ersten sechsen keinen Penny mehr für dich bezahlt hat. Nicht einmal gefragt hat man nach dir, so daß man hätte ausfindig machen können, wohin du gehörst. Eine feine Geschichte das, einen so großen Bengel wie dich auffüttern zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, je einen Penny dafür zu bekommen. Was?«

Der Junge legte die Hand an die Stirne, als versuche er, sich irgendeine Erinnerung zurückzurufen, blickte dann ausdruckslos nach dem Frager, verzog allmählich sein Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln und hinkte hinaus.

»Ich muß dir sagen, Squeers«, bemerkte die Frau vom Hause, als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, »ich fürchte, der Bursche wird noch blödsinnig.«

»Will ich nicht hoffen«, brummte Squeers, »er ist sonst brauchbar und ganz anstellig und für das bißchen Essen und Trinken eigentlich billig. Wäre es aber schließlich auch der Fall, für unsere Zwecke wird er immer noch genug Verstand haben. Aber komm jetzt, wir wollen essen. Ich bin hungrig und müde und will machen, daß ich zu Bett komme.«

Auf diese Mahnung wurde noch ein Beefsteak für Mr. Squeers hereingebracht, der nicht säumte, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nikolas zog sich einen Stuhl an den Tisch heran, aber der Appetit war ihm gänzlich vergangen.

»Wie findest du das Beefsteak?« fragte Mrs. Squeers.

»Zart wie Lammfleisch«, schnaufte Squeers kauend. »Willst du versuchen?«

»Nein, nein, ich bin ganz satt«, lehnte die Hausfrau ab. »Was soll der junge Mann bekommen, mein Lieber?«

»Was er mag«, erwiderte Squeers in einer höchst ungewöhnlichen Anwandlung von Großmut.

»Also was, Mr. Knickerby?« fragte Mrs. Squeers.

»Ich möchte mir ein kleines Stückchen von der Pastete ausbitten; nur ein ganz kleines, ich bin nicht hungrig«, antwortete Nikolas.

»Ist es aber nicht schade, die Pastete aufzuschneiden, wenn Sie nicht hungrig sind?« meinte Mrs. Squeers. »Wollen Sie nicht lieber ein Stückchen von dem Rindfleisch versuchen?«

»Ganz wie es Ihnen beliebt«, murmelte Nikolas zerstreut, »es ist mir ganz gleichgültig.«

Mrs. Squeers schien diese Antwort sehr zu gefallen. Sie nickte ihrem Gatten zu, wie um ihm ihre Zufriedenheit darüber auszudrücken, daß der junge Mann sich so gut in seine Stellung zu finden wisse, und legte Nikolas mit ihren eigenen schönen Händen eine Fleischschnitte vor.

»Bier, Squeerchen?« fragte sie dabei und gab ihrem Manne durch Blinzeln und Stirnrunzeln zu verstehen, daß sie meinte, ob der Hilfslehrer auch welches bekommen solle.

»Na ja«, antwortete Squeers unter ähnlichen Gebärden. »Ein Glas.« Nikolas erhielt also ein Glas voll und trank es, da er mit seinen Gedanken zu sehr beschäftigt war, in glücklicher Nichtbeachtung dessen, was da verhandelt wurde, aus.

»Das Beefsteak war ungemein saftig«, lobte Squeers und legte endlich Messer und Gabel aus der Hand.

»Es ist Mastochsenfleisch«, erklärte die Hausfrau, »ich habe ein schönes großes Stück in der Absicht gekauft –«

»In was für einer Absicht?« fuhr Squeers auf. »Doch nicht für die –«

»Natürlich nicht für sie«, beruhigte ihn Mrs. Squeers. »Natürlich für dich, wenn du wieder nach Hause kämest. Wie kannst du nur denken – – Glaubst du vielleicht, ich bin verrückt?«

Dieser Teil der Unterhaltung war etwas unverständlich, wenn man keine Kunde von dem in der Gegend im Umlaufe befindlichen Gerüchte hatte, Mr. Squeers hasse Grausamkeit gegenüber Tieren so sehr, daß er für seine Zöglinge nur Fleisch von Vieh aufkaufe, das eines natürlichen Todes gestorben sei.

Als das Abendessen vorüber war, wurde es von einem kleinen Dienstmädchen mit hungrigen Augen wieder abgetragen, und Mrs. Squeers entfernte sich, um die Überbleibsel einzuschließen. Ebenso trug sie Sorge, die Kleider der soeben halberfroren angekommenen fünf Knaben aufzubewahren. Die Kinder wurden mit einem dünnen Süppchen abgespeist und dann Seite an Seite in eine kleine Bettstelle gepackt, wo sie sich aneinander wärmen und von einem besseren Mahle in einem geheizten Stübchen träumen durften, wenn ihre Einbildungskraft diese Richtung einschlagen sollte.

Mr. Squeers selbst labte sich noch mit einem tüchtigen Glas Grog, der nach dem beliebten Grundsatz, Branntwein und heißes Zuckerwasser genau zu gleichen Teilen, zusammengesetzt war, und seine liebenswürdige Gattin mischte für Nikolas ein kleines Glas voll desselben Getränkes, aber natürlich in wesentlich verdünnterer Lösung. Sodann rückte das Ehepaar dicht an das Feuer, stemmte die Füße auf das Kamingitter und flüsterte vertraulich zusammen, während Nikolas Murrays Grammatik hernahm und geistesabwesend darin blätterte.

Endlich gähnte Mr. Squeers entsetzlich und meinte, es wäre höchste Zeit, zu Bett zu gehen, worauf seine Gattin und das Dienstmädchen einen kleinen Strohsack und ein paar Decken in das Zimmer schleppten und zu einem Lager für Nikolas herrichteten.

»Wir werden Ihnen morgen Ihre regelmäßige Schlafstelle anweisen, Nickleby«, sagte Squeers. »Wer schläft in Brooks' Bett, meine Liebe?«

»In Brooks' Bett?« sann Mrs. Squeers nach. »Jennings, der kleine Bolder, Graymarsh und – wie heißt doch noch der vierte!?«

»Hm, ja«, brummte Squeers, »Brooks' Bett ist also voll.«

»Voll?« dachte Nikolas. »Man sollte denken, mehr als voll.«

»Es muß aber doch irgendwo noch Platz sein«, fuhr Squeers fort, »ich kann mich nur im Augenblick nicht recht besinnen. Aber lassen wir das bis morgen. Gute Nacht, Nickleby. Vergessen Sie nicht, morgen früh um sieben!«

»Ich werde bereit sein, Sir. Gute Nacht«, erwiderte Nikolas.

»Ich werde übrigens selbst kommen und Ihnen den Brunnen zeigen. Sie werden immer ein Stückchen Seife auf dem Küchenfenster finden. Das ist für Sie. Und – hm, ich weiß momentan nicht, wessen Handtuch ich Ihnen anweisen soll. Aber Sie können sich ja morgen früh mit etwas anderem behelfen; meine Frau wird dann im Lauf des Tages schon dafür Sorge tragen. Vergiß nicht, meine Liebe.«

»Ich werde schon dran denken«, entgegnete Mrs. Squeers, »und Sie, junger Mann, sehen Sie darauf, daß Sie zuerst zum Waschbecken kommen, ehe es Ihnen die Jungen schmutzig machen.«

Dann verschloß sie noch sorgsam die Brandyflasche, damit ihr Nikolas nicht am Ende in der Nacht zuspräche, und entfernte sich mit ihrem Gatten.

Als Nikolas allein war, ging er in großer Erregung ein paarmal im Zimmer auf und ab. Allmählich wurde er jedoch ruhiger, setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich fest vor, alles Ungemach, und möge kommen, was da wolle, eine Zeitlang geduldig über sich ergehen zu lassen, um seinem Onkel keinen Vorwand zu geben, die Hand von seiner hilflosen Mutter und Schwester abzuziehen. Das tat ihm gut; seine Verzagtheit ließ nach, und so sanguinisch sind die Träume der Jugend, daß er sogar zu hoffen begann, es würde sich die Sache in Dotheboys Hall vielleicht doch noch besser machen, als sie sich jetzt anließ.

Er wollte sich eben, wieder ein bißchen ermutigt, auf sein Lager werfen, als ihm der versiegelte Brief aus der Rocktasche fiel, den ihm Newman Noggs so geheimnisvoll in London zugesteckt hatte.

»Himmel, was für eine wunderliche Handschrift«, sagte Nikolas und betrachtete das merkwürdig bekritzelte Papier. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, folgendes zu entziffern:

Mein lieber junger Herr! Ich kenne die Welt. Ihr Vater kannte sie nicht, sonst würde er mir keine Wohltaten erwiesen haben, wo er doch so offenkundig nicht auf Rückerstattung rechnen durfte. Auch Sie kennen sie nicht, sonst hätten Sie sich nicht zu einer solchen Reise verpflichtet.

Wenn Sie je eines Obdachs in London bedürfen sollten (nehmen Sie mir diese Worte nicht übel, ich glaubte auch einst, nie eines solchen zu bedürfen), so können Sie meine Wohnung bei dem Wirte zur Krone, Golden Square, Silver Street, erfragen. Es ist das Eckhaus in Silver und James Street und hat auf beide Straßen hinaus einen Eingang. Sie können abends kommen. Einst schämte sich dessen niemand, doch das ist jetzt gleichgültig – die Zeit ist vorüber.

Entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Ich weiß heute kaum mehr, wie ein sauberer Anzug aussieht, geschweige denn, wie man Briefe schreibt.

Newman Noggs

PS. Wenn Sie nach Barnard Castle kommen, im »Königskopf« ist gutes Bier. Sagen Sie, daß Sie mich kennen, und man wird Ihnen dafür nichts anrechnen. Sie können dort von Mr. Noggs, Wohlgeboren, sprechen, denn ich war damals ein Gentleman. Auf mein Wort, ein Gentleman.

Als Nikolas Nickleby den Brief wieder zusammenfaltete und in seine Brusttasche steckte, standen Tränen in seinen Augen.

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