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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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63. Kapitel

Die Gebrüder Cheeryble geben verschiedene Erklärungen ab, teils für sich selbst, teils für andere; nur Mr. Timotheus Linkinwater gibt eine solche für eigene Rechnung ab

Es waren mehrere Wochen verflossen, und der erste Eindruck von dem entsetzlichen Ereignis war verblaßt. Madeline hatte Mrs. Nicklebys Wohnung verlassen, Mr. Frank befand sich auswärts, und Nikolas und Kate hatten allen Ernstes angefangen ihren Schmerz niederzukämpfen, fest entschlossen, nur mehr ihrer Mutter zu leben, die sich immer noch nicht in den traurigen veränderten Zustand der Dinge zu finden wußte – da kam eines Abends Mr. Linkinwater und brachte im Namen der Brüder Cheeryble eine Einladung zu einem Mittagessen auf den übernächsten Tag, zu der nicht nur Mrs. Nickleby, Kate und Nikolas, sondern auch Miss La Creevy ausdrücklich gebeten waren.

»Nun sagt mir nur, Kinder, was das zu bedeuten hat«, rief Mrs. Nickleby, als Tim sich wieder entfernt hatte.

Nikolas lächelte. »Man ladet uns eben ein«, sagte er, »und will uns einen angenehmen Tag bereiten.«

»Und du glaubst, das wäre alles?«

»Was sollte es denn mehr sein, Mutter?«

»Nun, dann will ich dir etwas sagen«, entgegnete Mrs. Nickleby; »ich weiß bestimmt, es handelt sich hier um eine Überraschung. Die Herren Cheeryble würden uns nicht so zeremoniell zu einem Mittagessen einladen für nichts und wieder nichts. Du wirst schon sehen. Natürlich, niemand glaubt mir wieder. Aber ihr werdet ja sehen. Nur behauptet dann nicht, daß ich es nicht vorausgewußt hätte.«

Verstimmt brach Mrs. Nickleby das Thema ab und ging auf ein anderes über. Tag und Nacht fand sie keine Ruhe und glaubte jeden Augenblick, ein schweißtriefender Bote müsse die Türe aufreißen und die Nachricht bringen, Nikolas sei zum mindesten von den Gebrüdern Cheeryble zum Geschäftsteilhaber ernannt worden.

»Es ist doch höchst merkwürdig«, sagte sie, »daß auch Miss La Creevy eingeladen ist. Das setzt mich wirklich in das größte Erstaunen. Es kann uns natürlich nur angenehm sein, und ich zweifle auch nicht, daß sie sich anständig benehmen und uns keine Schande machen wird. Und dann freut es mich auch sehr, daß eigentlich wir die Ursache sind, daß sie in gute Gesellschaft kommt. Es ist wirklich eine ungemein brave und gutmütige kleine Person. Wenn ihr nur irgendeine gute Freundin sagen wollte, wie schlecht ihr ihre Spitzenhaube steht und daß sie nicht immer so linkische Knickse machen soll. Aber so etwas sagt man natürlich nicht gern jemand ins Gesicht.«

Diese Betrachtung erinnerte sie an die Notwendigkeit, sich selbst gehörig herauszuputzen, um durch den Kontrast den ungünstigen Eindruck, den Miss La Creevy machen könnte, zu beheben. Sie begann daher mit Kate ausführlich über Bänder, Handschuhe und Besätze zu beraten, und diese ungemein wichtige Frage nahm bald ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Als der große Tag gekommen war, erschien Miss La Creevy mit ein paar Schachteln, von denen die eine beim Hereintragen sogleich den Boden verlor, und einem in ein Zeitungsblatt eingewickelten Paket, auf das sich im Omnibus ein Herr gesetzt hatte, weshalb der Inhalt vorerst sorgfältig wieder aufgebügelt werden mußte. Dann fuhren sie alle mit Nikolas zu den Herren Cheeryble. Während der Fahrt erging sich Mrs. Nickleby in den wildesten Vermutungen, was sie wohl zu essen bekommen würden, und quälte ihren Sohn mit Fragen, ob er denn nicht bemerkt, wonach es im Hause gerochen habe, ob vielleicht nach Schildkrötensuppe oder ähnlichem. Das brachte sie auf Reminiszenzen an Dinners, zu denen sie vor zwanzig Jahren geladen gewesen, und sie erbaute ihre Zuhörer mit den konfusesten Schilderungen.

Der alte Diener empfing die Gesellschaft mit einem respektvollen Bückling und führte sie in das Besuchszimmer, wo sie von den beiden Hausherren mit solcher Herzlichkeit aufgenommen wurden, daß Mrs. Nickleby in größte Verlegenheit geriet und ganz darauf vergaß, Miss La Creevy zu bemuttern. Einen noch tieferen Eindruck machte der Empfang auf Kate, denn sie wußte, daß die beiden alten Herren alle näheren Umstände kannten, die zwischen Frank und ihr vorgefallen waren. Sie fühlte sich so beklommen, daß sie an Nikolas' Seite zitterte, aber Mr. Charles schloß sie sofort in die Arme und fragte sie, ob sie Madeline nicht wiedergesehen habe.

»Nein, Sir«, versetzte Kate, »nicht ein einziges Mal wieder. Ich habe bisher nur einen Brief von ihr erhalten. Ich hätte nicht gedacht, daß sie mich so bald vergessen würde.«

»Oh, Sie armes Kind!« scherzte der alte Herr und klopfte ihr liebevoll auf die Wange; »und was hältst du davon, lieber Ned? Denk dir, Madeline hat ihr nur einmal geschrieben – nur ein einziges Mal, und Miss Nickleby sagt, sie hätte nicht gedacht, daß sie sie so bald vergessen würde.«

»Oh, das ist ja sehr schlimm, sehr schlimm«, rief Mr. Ned schalkhaft.

Die Brüder warfen sich einen Blick zu und drückten einander verständnisvoll die Hand, als wünschten sie sich zu etwas sehr Angenehmem Glück.

»Treten Sie einmal einen Augenblick in das Zimmer nebenan«, wendete sich Mr. Charles wieder an Kate, »und sehen Sie einmal nach, ob Sie nicht dort einen Brief von Madeline auf dem Tisch finden. Sollte es der Fall sein, so hat es mit Ihrer Rückkehr keine Eile. Wir essen noch nicht, noch lange nicht.«

Kate tat, wie ihr geheißen, und Mr. Charles wandte sich, nachdem er ihrer anmutigen Gestalt freundlich mit den Augen bis zur Tür gefolgt war, an Mrs. Nickleby.

»Wir haben uns erlaubt«, begann er, »Sie eine Stunde vor dem Dinner herzubitten, Madame, weil wir gern eine kleine Angelegenheit mit Ihnen besprechen möchten. Lieber Ned, möchtest du nicht Mrs. Nickleby mitteilen, was wir miteinander abgemacht haben? Sie, Mr. Nickleby, kommen vielleicht einen Augenblick mit mir.«

Nikolas folgte ihm in ein anderes Zimmer und fand dort zu seinem Erstaunen Frank, den er noch auswärts geglaubt hatte.

»Reicht euch die Hände!« rief Mr. Cheeryble.

Einen Augenblick lang weidete sich der alte Herr schweigend an dem Anblick der beiden hübschen jungen Männer, setzte sich dann an sein Pult und sagte:

»Ich möchte, daß ihr Freunde seid – treue innige Freunde. Kommt mal her, Frank und auch Sie, Mr. Nickleby.«

Dann zog er aus seinem Pult ein Papier hervor und las:

»Es ist das die Abschrift eines Testamentes eines Großvaters von Madelines mütterlicher Seite, worin ihr zwölftausend Pfund, zahlbar, sobald sie mündig oder verheiratet sein wird, verschrieben sind. Es scheint, als ob der alte Herr ihr gezürnt hätte, daß sie sich trotz seiner Bitten niemals unter seinen Schutz begeben und ihren Vater verlassen wollte, denn sein erstes Testament setzte ein wohltätiges Institut als Erbe ein. Er mag dies jedoch ein paar Wochen später bereut haben, denn noch im selben Monat schrieb er das gegenwärtige, das unmittelbar nach seinem Tod gestohlen wurde, während das andere die gerichtliche Bestätigung bekam. Wir haben inzwischen die nötigen Schritte getan, nachdem wir das zweite Testament gefunden hatten, und das Geld wurde wieder zurückbezahlt. Madeline ist daher jetzt alleinige Erbin und kann frei über das Vermögen verfügen. Habt ihr dies alles verstanden?«

Frank bejahte, aber Nikolas, der nicht zu sprechen wagte, um seine Aufregung nicht zu zeigen, nickte nur mit dem Kopf.

»Nun, Frank«, fuhr der alte Herr fort, »du bist eigentlich der erste gewesen, dem Madeline die Wiedererlangung dieser Urkunde zu verdanken hat. Das Vermögen ist zwar nicht bedeutend, aber wir haben Madeline ins Herz geschlossen, und wie die Sachen nun einmal stehen, wäre es uns lieber, du heiratetest sie als irgendein anderes Mädchen, das vielleicht dreimal soviel Geld hat. Willst du dich also um ihre Hand bewerben?«

»Lieber Onkel«, entgegnete Frank, »ich habe mich für dieses Dokument nur in der Meinung interessiert, Madelinens Hand sei bereits an jemand vergeben, der tausendmal mehr Ansprüche an ihre Dankbarkeit und an ihr Herz besitzt als ich oder irgendein anderer. Es scheint, daß ich mich geirrt habe.«

»Wie es gewöhnlich bei dir der Fall ist, mein Junge – wie es gewöhnlich der Fall ist«, rief Bruder Charles lustig. »Du wirst doch nicht glauben, Frank, es könne unser Wunsch sein, daß du des Geldes wegen heiratest, wo Jugend, Schönheit und Herzensvorzüge anderswo zu gewinnen sind? Wie konntest du dich unterstehen, Frank, um Mr. Nicklebys Schwester anzuhalten, ohne uns vorher einzuweihen, damit wir für dich Fürsprache halten könnten?«

»Ich wagte kaum zu hoffen –«, stotterte Frank.

»So, du wagtest kaum zu hoffen! Um so mehr hättest du unsern Beistand in Anspruch nehmen sollen. Mr. Nickleby, Frank liebt es zwar, vorschnell zu urteilen, aber diesmal hat er doch recht gehabt. Geben Sie mir Ihre Hand, Mr. Nickleby. Madelinens Herz ist vergeben – und zwar an Sie, was ich höchst selbstverständlich finde. Das Vermögen wird Ihnen zufallen, aber Sie haben in dem Mädchen einen noch viel größern Schatz als in dem Geld, und wäre es auch noch vierzigmal mehr. Ihre Wahl ist auf Sie gefallen, Mr. Nickleby; sie hat gewählt, wie auch wir – ihre treusten Freunde – für sie gewählt haben würden. Und Frank wählte gleichfalls nach unsrem Herzen. Er soll die kleine Hand Ihrer Schwester bekommen, Sir, und wenn sie ihn auch ein dutzendmal zurückgewiesen hätte – ja, das soll und muß er. Sie haben, als Sie unsre Ansicht noch nicht kannten, hochherzig gehandelt, aber jetzt, wo Sie sie kennen, Sir, müssen Sie sich eben fügen. Ihr beide seid die Kinder eines braven Mannes. Es hat eine Zeit gegeben, wo mein Bruder Ned und ich als ein Paar arme Jungen fast barfuß umherzogen, um unsern Lebensunterhalt zu finden, und Sie glauben doch wohl nicht, daß wir uns seitdem innerlich verändert haben? Da sei Gott vor. Ach Ned, Ned, was wird das heute für ein glücklicher Tag sein! Wenn doch unsre gute Mutter noch lebte, um Zeugin unsrer Freude sein zu können, Ned.«

Bei diesen Worten eilte Mr. Ned, der kurz zuvor mit Mrs. Nickleby eingetreten war, auf seinen Bruder zu und umarmte ihn herzlichst.

»So, und jetzt bringt uns unsre kleine Kate herein!« rief Mr. Charles nach einer Weile. »Bring sie herein, Ned. Ich muß sie sehen und umarmen und küssen. Ich habe jetzt ein Recht darauf. – Nun, kleines Mädchen, haben Sie den Brief gefunden, oder haben Sie vielleicht Madeline selbst getroffen? Haben Sie sich überzeugt, daß man Sie nicht vergessen hat? – Wahrhaftig, das ist der köstlichste Spaß von allem.«

»Komm, komm!« mahnte Ned. »Frank wird eifersüchtig, und es könnte vielleicht noch vor dem Dinner ein Blutvergießen geben.«

»So soll er sie mit sich nehmen, Ned«, rief Charles, »Madeline ist nebenan. Die Liebenden können jetzt das Feld räumen und untereinander ausmachen, was sie sich zu sagen haben. Schaff sie hinaus, Ned, ohne Federlesens!«

Dabei ließ er seinen Worten die Tat folgen, führte das errötende Kätchen an die Tür und entließ sie mit einem Kuß. Frank folgte ihr blitzgeschwind, und Nikolas war bereits unsichtbar geworden. Es blieben also nur noch Mrs. Nickleby und Miss La Creevy, beide aus tiefstem Herzen schluchzend, und die Gebrüder Cheeryble mit Tim Linkinwater zurück, der inzwischen mit strahlenden Augen eingetreten war.

»Nun, was meinen Sie, Tim Linkinwater?« fragte Mr. Charles. »Sind die jungen Leute jetzt glücklich?«

»Sie haben sie nicht so lange in Ungewißheit gelassen, wie Sie anfangs wollten«, grollte Tim. »Sie hatten doch beschlossen, Mr. Nickleby und Mr. Frank erst noch lange auf die Folter zu spannen, bevor Sie mit der Wahrheit herausrückten!«

»Ned«, rief der alte Herr, »Ned, hast du jemals einen solchen Bösewicht gesehen wie Tim Linkinwater? Jetzt schiebt er die Schuld auf mich und sagt gar nicht, daß er uns morgens, mittags und abends gequält hat, doch hingehen und alles ausplaudern zu dürfen, bevor noch unsre Pläne halb reif waren. Ist das eine Spitzbüberei, was, Ned?«

»Ja, das ist es, Bruder Charles«, rief Ned Cheeryble. »Tim Linkinwater ist die Ruchlosigkeit selbst. Man kann ihm nicht mehr über den Weg trauen. Er ist ein Brausekopf. Er wird sich noch sehr die Hörner ablaufen müssen, ehe er ein achtbares Glied der menschlichen Gesellschaft wird.«

Herzlich lachten alle drei über diesen Witz und würden vielleicht noch länger gelacht haben, hätten die Brüder nicht bemerkt, daß Mrs. Nickleby in der Überschwenglichkeit ihres Glücks auf die Gelegenheit brannte, ihren Gefühlen Worte zu geben. Sie nahmen sie daher in die Mitte und führten sie unter dem Vorwand, höchst wichtige Vorbereitungen mit ihr beraten zu müssen, ins anstoßende Zimmer.

Tim Linkinwater und Miss La Creevy hatten einander schon sehr oft gesehen und stets gern und viel miteinander geplaudert. Sie waren von jeher die besten Freunde gewesen, und nichts konnte natürlicher sein, als daß jetzt Tim, da die kleine Malerin immer noch schluchzte, den Versuch machte, sie zu trösten. Da sie auf einem altmodischen Kanapee am Fenster saß, war es sehr natürlich, daß er sich zu diesem Zweck zu ihr setzte.

»Weinen Sie nicht«, begann er mitleidig.

»Ich muß«, schluchzte Miss La Creevy.

»Oh, tun Sie es doch nicht«, sagte Tim, »bitte, tun Sie es nicht.«

»Ach das Glück, ach das Glück«, schluchzte die kleine Malerin immerfort.

»So lachen Sie doch lieber!« riet Tim.

Was Tim mit seinem Arm anfangen wollte, war durchaus unerfindlich. Er stieß mit dem Ellbogen an das Fenster, neben dem Miss La Creevy saß, obwohl er offenkundig dort nichts zu schaffen hatte.

»Lachen Sie«, wiederholte er, »oder ich muß auch weinen.«

»Warum sollten Sie denn weinen?« fragte Miss La Creevy lächelnd.

»Weil ich auch so glücklich bin«, antwortete Tim. »Wir sind beide glücklich, und ich möchte gern tun, was Sie tun.«

Wohl nie war ein Mann so auf Nadeln gesessen wie jetzt Tim Linkinwater. Abermals stieß er an das Fenster – fast an dieselbe Stelle –, und Miss La Creevy sagte, er werde es bestimmt zerbrechen.

»Ich wußte sicher«, begann er stockend, »daß das heutige Ereignis Ihnen Freude bereiten würde.«

»Wie gütig es war, auch mich daran teilnehmen zu lassen«, rief Miss La Creevy. »Über nichts hätte ich mich auch nur halb so freuen können.«

Warum wohl Miss La Creevy und Tim Linkinwater, statt laut miteinander zu sprechen, bloß flüsterten? Es handelte sich doch nicht um Geheimnisse. Und warum faßte wohl Tim Linkinwater Miss La Creevy so fest ins Auge, und Miss La Creevy blickte so unablässig auf den Boden?

»Es ist für Leute, die wie wir ihr ganzes Leben einsam verbracht haben, erfreulich, wenn sich junge Leute, die sich lieben, zusammenfinden und jetzt eine so glückliche Zukunft vor sich haben«, sagte Tim.

»Ja, da haben Sie recht«, bekräftigte die kleine Malerin aus tiefstem Herzensgrund.

»Und doch«, fuhr Tim gedankenvoll fort, »führt es einem seine eigene einsame verlassene Lage so recht vor Augen. Finden Sie nicht auch?«

Miss La Creevy meinte, sie wisse nicht, inwiefern.

»Es könnte uns fast selbst auf Heiratsgedanken bringen nicht wahr?« fragte Tim.

»Lächerlich! Unsinn!« rief Miss La Creevy errötend. »Wir sind zu alt dazu.«

»Ach, gar keine Spur«, protestierte Tim. »Wir sind zu alt, um einsam weiterzuleben; warum sollten wir beide nicht lieber heiraten, statt die langen Winterabende allein am Kamin zu versitzen? Warum sollten wir nicht an einem gemeinsamen Kamin sitzen und uns heiraten?«

»Ach, Mr. Linkinwater, Sie scherzen«, seufzte Miss La Creevy.

»Nein, nein, ich gewiß nicht«, rief Tim. »Wenn Sie einverstanden sind, mache ich sofort Ernst. Sagen Sie ›ja‹.«

»Die Leute würden drüber lachen –«

»Sollen Sie lachen!« rief Tim mutig; »wir lachen einfach mit. Wir haben doch schon so oft miteinander gelacht, nicht wahr?«

»Das ist allerdings richtig«, gab Miss La Creevy zu – wie es Tim vorkam, bereits in ihren Prinzipien stark erschüttert.

»Es war die glücklichste Zeit meines Lebens – wenigstens solange ich nicht im Kontor und mit den Brüdern Cheeryble zusammen war«, erklärte Tim. »Lassen Sie sich erweichen, liebes Fräulein!«

»Nein, nein, daran ist nicht zu denken. Was würden Ihre Chefs dazu sagen!«

»Gott im Himmel«, rief Tim unschuldig, »Sie werden doch nicht glauben, daß mir der Gedanke an einen solchen Vorschlag gekommen wäre, ohne daß sie darum gewußt hätten. Deswegen haben sie uns ja gerade allein gelassen.«

»Ach Gott, ich werde ihnen nie wieder ins Gesicht sehen können«, jammerte Miss La Creevy.

»Willigen Sie ein! Lassen Sie uns ein glückliches Paar werden!« redete Tim auf sie ein. »Wir werden hier in dem alten Hause, wo ich schon vierundvierzig Jahre verlebt habe, wohnen, gehen zusammen in die alte Kirche, die ich jeden Morgen besuche, und dann haben wir meine alten Freunde um uns, Dick, den Torweg, den Brunnen, die Blumentöpfe, Mr. Franks Kinder und Mr. Nicklebys Kinder, denen wir Großvater und Großmutter sein wollen. – Lassen Sie uns ein glückliches Paar werden! Wie froh werden wir sein, wenn wir einander zur Seite stehen können, wenn wir einmal taub, blind, lahm oder bettlägerig sein sollten. Lassen Sie uns ein glückliches Paar sein, lassen Sie sich erweichen, liebes Fräulein!«

Fünf Minuten nach dieser ehrlichen unumwundenen Liebeserklärung plauderten Miss La Creevy und Mr. Timotheus Linkinwater so ungezwungen miteinander, als wären sie schon sechzig Jahre miteinander verheiratet gewesen, ohne sich die ganze Zeit über auch nur ein einziges Mal gezankt zu haben, und nach weiteren fünf Minuten, als Miss La Creevy hinausgeeilt war, um zu sehen, ob ihre Augen nicht verweint und ihre Haare nicht in Unordnung wären, verfügte sich Mr. Timotheus Linkinwater mannhaften Schrittes in das Besuchszimmer und versicherte dort: Es gibt kein zweites ähnliches Frauenzimmer in ganz London – gewiß und wahrhaftig, kein zweites.

Inzwischen hatte der apoplektische Diener infolge des unerhört langen Wartens fast Krämpfe bekommen, und Nikolas eilte auf sein stürmisches Mahnen hinunter, wobei ihn eine neue Überraschung erwartete. Er holte nämlich einen sehr anständig gekleideten Unbekannten ein, der sich ebenfalls ins Speisezimmer verfügen wollte, und dachte noch gerade nach, wer der Herr wohl sein möge, als dieser sich umdrehte und seine Hand ergriff.

»Oh, Newman Noggs«, rief Nikolas erfreut.

»Jawohl, Newman – Ihr Newman, Ihr alter treuer Newman Noggs. Ach, lieber Freund, mein teuerster Nikolas, ich wünsche Ihnen Glück und Segen in Hülle und Fülle. Ich kann es nicht ertragen, es ist zuviel, zuviel für mich – es macht mich fast zum Kind.«

»Wo haben Sie denn bisher gesteckt?« fragte Nikolas. »Was haben Sie getrieben? Wie oft habe ich nach Ihnen gefragt und immer die Antwort bekommen, ich würde seinerzeit schon von Ihnen erfahren.«

»Ich weiß, ich weiß«, versetzte Newman. »Die Herren wollten, daß alles Glück sich auf einen Tag häufen möge. Ich habe mitgeholfen. Ja, ich. Sehen Sie mich nur an, Mr. Nickleby, sehen Sie mich nur an.«

– »Und warum haben Sie nicht mich das für Sie tun lassen?« fragte Nikolas mit sanftem Vorwurf. –

»Ach, damals war mirs ja gleich, wie ich aussah; bessere Kleider hätten mich nur an alte Zeiten erinnert und unglücklich gemacht. Aber jetzt bin ich ein andrer Mensch, Mr. Nickleby; ich kann nicht sprechen – reden Sie nicht mit mir – nehmen Sie mir meine Tränen nicht übel – Sie können ja nicht wissen, wie mirs heute ums Herz ist.«

Arm in Arm gingen sie in das Speisezimmer und nahmen nebeneinander Platz.

Seit Erschaffung der Welt hat es wohl kein solches Mittagessen gegeben wie da. Da war der pensionierte Bankbeamte, Tim Linkinwaters Freund, und die dicke alte Dame, Tim Linkinwaters Schwester, und sie erwiesen Miss La Creevy so viel Aufmerksamkeiten, und der alte Bankbeamte machte so viel Späße, und Tim Linkinwater selbst war auf einer solchen Höhe von Heiterkeit, und die kleine Miss La Creevy benahm sich so komisch, daß diese vier allein schon die angenehmste Partie von der Welt gebildet haben würden. Aber da war noch Mrs. Nickleby, so vornehm und herablassend, Madeline und Kate erröteten so oft, und ihre Augen leuchteten so selig, und Nikolas und Frank waren so freundschaftlich zueinander und so stolz und alle vier so still selig – und Newman mehr als gewöhnlich bescheiden und doch dabei so überglücklich, und die Zwillingsbrüder wechselten so schelmische vergnügte Blicke, daß der alte Diener ganz versteinert war und nur mit tränentrüben Augen umherzuschauen vermochte.

Je länger man bei Tisch saß, desto heiterer wurde die ganze Gesellschaft, und die Erklärung der beiden Brüder Cheeryble, nach Aufhebung der Tafel den Damen nicht eher gestatten zu wollen wegzugehen, bevor sie nicht der Reihe nach abgeküßt worden seien, gaben dem pensionierten Bankbeamten Veranlassung zu so viel Witzen, daß er sich selbst geradezu übertraf und als ein Wunder des Humors angesehen wurde.

»Liebe Kate«, sagte Mrs. Nickleby, ihre Tochter beiseite nehmend, als die Damen hinausgegangen waren, »du glaubst doch nicht, daß die Geschichte mit Miss La Creevy und Mr. Linkinwater wirklich wahr ist?«

»Warum sollte ich denn nicht, Mama?«

»Das wäre ja geradezu unerhört!« rief Mrs. Nickleby.

»Mr. Linkinwater ist doch ein vortrefflicher Mann und sieht für sein Alter noch sehr rüstig aus«, wendete Kate ein.

»Für sein Alter – ja, mein Kind«, erwiderte Mrs. Nickleby. »Niemand würde etwas dagegen einzuwenden haben, wenn er sich verheiraten wollte. Aber er ist doch der törichteste Mann, der mir je vorgekommen! Wenn ich von Alter rede, so meine ich ihr Alter. Geht er her und bietet seine Hand einer Person an, die mindestens halbmal älter ist als ich, und sie nimmt an! Ich will nichts weiter sagen, Kate, aber sie ist mir im Herzen zuwider geworden.«

Und den ganzen Abend benahm sich Mrs. Nickleby inmitten der allgemeinen Heiterkeit äußerst zurückhaltend und steif, um dadurch ihre Mißbilligung an der geradezu verletzenden Aufführung der kleinen Malerin an den Tag zu legen.

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