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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
projectid0abf21fd
secondcorrectorgerd.bouillon
secondcorrection20120112
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62. Kapitel

Ein letzter Besuch bei Ralph Nickleby

Ralph Nickleby hatte sich wie ein Dieb aus dem Haus hinausgeschlichen, tappte sich wie ein Blinder auf der Straße weiter und blickte alle Augenblicke über die Schulter, als fürchte er, daß ihn jemand verfolge, der ihn zur Rede stellen oder zurückhalten wolle.

Die Nacht war finster, und es wehte ein kalter Wind, der die eilenden Wolken ungestüm vor sich hertrieb. Eine schwarze düstre Masse wie die wilde Jagd zog am Himmel heran und schien Ralph zu folgen. Er stand mehr als einmal still, aber immer wieder ging er weiter, und traurig und langsam zog sie hinter ihm her wie ein schemenhafter Leichenzug.

Ralphs Weg führte an einem Armenfriedhof vorbei, einem unheimlichen Ort, der ein paar Fuß höher lag als die Straße und von ihr durch eine niedrige Mauer und ein eisernes Gitter getrennt war. Es war ein modriger schauerlicher Ort, wo sogar das kümmerliche Gras und das Unkraut durch ihren verkrüppelten Wuchs andeuteten, daß sie über den Leichen von Armen grünten und mit ihren Wurzeln Nahrung sogen aus den Gräbern von Menschen, die in jämmerlichen Höhlen, in Hunger und Trunkenheit dahingesiecht waren. Da lagen sie jetzt – von den Lebenden nur durch ein paar Fuß Erde und ein paar Bretter geschieden – dicht und enge nebeneinander, so erbärmlich im Tod, wie sie im Leben gewesen – eine unabsehbare ekelhafte Schar. Da lagen sie fast Wange an Wange mit den Lebenden, mit einer dünnen Schicht Erde bedeckt und fast in Manneshöhe aufeinandergeschichtet; da lagen sie – eine grauenhafte Familie –, alle »liebe Brüder und Schwestern« desselben Geistlichen, der einst seine Amtspflicht gedankenlos und schluderhaft an ihnen geübt hatte.

Als Ralph vorüberkam, erinnerte er sich, einmal einer Jury beigewohnt zu haben, die ihren Ausspruch über einen Selbstmörder abgegeben hatte, der hier beerdigt werden mußte. Er konnte sich nicht erklären, wieso ihm dieser Gedanke gerade jetzt durch den Kopf schoß, denn er war oft an dieser Stelle vorübergekommen, ohne daran zu denken. Jetzt blieb er stehen, hielt sich mit den Händen an dem eisernen Geländer fest und blickte neugierig hinüber, ob er nicht das Grab dieses Menschen entdecken könnte.

Während er noch so dastand, kamen ein paar Betrunkene gröhlend und singend auf ihn zu, und einer von ihnen, ein kleiner buckliger Mensch, begann einen grotesken Tanz, worüber seine Genossen laut johlten. Ralph stimmte, ohne zu wollen, krampfhaft in das Gelächter mit ein, aber als der Zug vorüber war, jagten wieder die alten Gedanken durch sein Hirn. Er erinnerte sich, daß der Selbstmörder kurz vor seinem Tode noch eine wilde Heiterkeit zur Schau getragen haben sollte, und er entsann sich, wie seltsam ihn und andere Mitglieder der Jury dieser Umstand damals berührt hatte.

Er ging weiter, aber je näher er seiner Wohnung kam, desto mehr bedrückte ihn die Stille und das Gefühl, wie öde es jetzt dort sein würde.

Schaudernd erreichte er die Tür und konnte sich kaum entschließen, den Schlüssel umzudrehen. Kein Licht schien innen, alles lag traurig kalt und öd.

Am ganzen Leibe zitternd ging Ralph die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er war jetzt daheim und überließ sich ganz seinen Gedanken.

Sein Kind – sein eigenes Kind, tot! An Nikolas' Seite gestorben! Und es hatte ihn geliebt! Ihn! Das war das Schrecklichste von allem. – Kein Geld konnte sein Leben zurückkaufen, und alles mußte ans Licht kommen und der Welt bekannt werden. Der junge Lord war ebenfalls tot, Hawk außer Land, zehntausend Pfund an einem einzigen Tag verloren und das Komplott in dem Augenblick, wo er sich des Sieges bereits sicher gewähnt, zunichte gemacht. Jetzt schwebte er selbst in Gefahr, und der Gegenstand seiner Verfolgung und der Liebe seines Neffen war sein eignes unglückliches Kind gewesen. Der Boden schien unter ihm zu wanken.

Hätte er sein Kind noch am Leben gewußt und wäre es unter seinen Augen aufgewachsen, er würde ihm vielleicht ein gleichgültiger, harter und liebloser Vater gewesen sein, aber es hätte auch anders kommen können – dieser Gedanke drängte sich ihm auf. Sein Sohn hätte ihm ein Trost sein können. Er suchte sich zu überreden, der Umstand, daß ihn seine Frau treulos verlassen, habe viel dazu beigetragen, ihn zu dem harten mürrischen Mann zu machen, der er jetzt war. Er hatte das dunkle Gefühl, als sei er nicht immer so gewesen und als habe er Nikolas deshalb nur von Anfang an gehaßt, weil er jung und hübsch und seinem Nebenbuhler ähnlich gewesen sei, der die Schmach über sein Haupt gebracht hatte.

Der einzige milde Gedanke mitten in diesem Sturm von Leidenschaft und Gewissensqualen war nur Öl in lodernde Flammen. Der Haß gegen Nikolas steigerte sich, als er daran dachte, daß nur dieser es gewesen, der ihm beständig im Wege gestanden. Er raste in seinem Grimm als ein Wahnsinniger, daß von allen lebenden Menschen gerade er seine Hand zur Rettung seines unglücklichen Kindes bieten mußte, daß er sein Freund und Beschützer gewesen und er ihn gelehrt habe, seinen eigenen Vater zu hassen und seinen Namen zu verwünschen. – Das war Gift und Galle in sein Herz. Er knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. »Er hat mich mit Füßen getreten und mich zugrunde gerichtet«, knirschte er. »Seine Worte sind zur Wahrheit geworden: die Nacht ist hereingebrochen für mich. Gibt es denn kein Mittel mehr, ihm seinen Triumph zu entwinden und die Barmherzigkeit dieser Leute und ihr Mitleid zuschanden zu machen? Ist denn kein Teufel da, mir zu helfen?«

Plötzlich schwebte ihm die Gestalt des Selbstmörders schemenhaft wieder vor, wie er sie damals gesehen. Er hörte das Gejammer der Frauen, sah die bestürzten Gesichter der Männer – es war wie ein Sieg, den ein Klumpen Erde mit der einzigen Handbewegung, die das Leben ausgetilgt, über die Natur davongetragen hatte. Welche Verwirrung und Aufregung diese einzige Handbewegung verursacht hatte! Wie im Traum verließ Ralph leise das Zimmer und ging die knarrende Treppe hinauf – ganz hinauf in das Dachstübchen –, wo er die Türe hinter sich abschloß. Es war jetzt nichts weiter als eine Rumpelkammer, aber noch immer stand eine alte halbverfallene Bettstelle da – dieselbe, in der einst sein Kind geschlafen hatte. Ralph wich vor ihr zurück und setzte sich in den entferntesten Winkel.

Der schwache Schein der Laternen auf der Straße, der durch das kleine Fenster hereindrang, verbreitete nur spärlich Helle in dem Gemach. Undeutlich konnte Ralph das Gerümpel und die zerbrochenen Möbel unterscheiden. Die durch das Dach gebildete schräge Wand lief vom Bretterboden bis hinauf in die Höhe. Auf den höchsten richtete er jetzt seinen Blick und starrte wie gebannt hin. Dann rückte er die alte Kiste, auf der er saß, näher, bestieg sie und tastete an einem Balken über seinem Kopf umher, bis er einen großen eisernen Haken, der dort eingeschraubt war, erfaßte.

In diesem Augenblick ertönte unten ein lautes Klopfen an der Haustür. Zögernd öffnete Ralph nach einer Weile das Fenster und fragte, wer unten sei.

»Ich wünsche Mr. Nickleby zu sprechen«, rief eine Stimme herauf.

»Was will man von ihm?«

»Das kann doch unmöglich Mr. Nicklebys Stimme sein«, hörte man einen Mann sagen. Aber doch war es so, und die Leute unten auf der Straße bestätigten es.

»Die Herren Cheeryble wünschen zu wissen, was Mr. Nickleby verfügt, daß mit Brooker geschehen soll?« rief es wieder herauf.

»Halten Sie ihn bis morgen zurück und schicken Sie ihn dann mit meinem Neffen, auch die Herren können mitkommen, zu mir.«

»Zu welcher Stunde?«

»Wann sie wollen«, entgegnete Ralph hastig, »sagen Sie ihnen meinetwegen: nachmittag; es ist mir gleichgültig, wann.«

Er lauschte dem Schall der sich entfernenden Schritte, warf dann einen Blick zum Himmel hinauf, wo jetzt die schwarze Wolke, die ihn nach Hause verfolgt, gerade über seinem Dache stand.

»Ich weiß jetzt, was sie bedeutet«, murmelte Ralph, »ich weiß, was die ruhelosen Nächte, meine Träume und meine Niedergeschlagenheit zu bedeuten hatten. Alles weist auf einen Punkt hin. Ach, wenn der Mensch durch Hingabe seiner Seele nur ein einziges Mal erkaufen könnte, was er wünscht, wie gern würde ich die meinige jetzt dafür hingeben.«

Es schlug ein Uhr.

»Lüg nur zu mit deiner eisernen Zunge«, knirschte Ralph, »juble nur bei Geburten, daß die Erbschleicher wütend die Fäuste ballen, und bei Ehen, die in der Hölle geschlossen werden. Jammere nur über die dem Tode Geweihten, deren Schuhe bereits durchgelaufen sind. Ruf nur die Menschen zum Gebet, die für fromm gelten, weil man sie nicht durchschaut. Und begrüße jedes neue Jahr, das diese verfluchte Erde ihrem Ende näher bringt. Aber mich laß in Ruhe. Werft mich auf einen Misthaufen. Laßt mich da verfaulen, damit ich eure Luft verpeste.«

Rasend vor Wut, Haß und Verzweiflung, schüttelte er die geballten Fäuste gen Himmel und warf das Fenster zu. Regen und Hagel prasselten gegen die Glasscheiben, der Schornstein heulte, und der Wind rüttelte mit ungeduldiger Hand am Fensterrahmen, aber drin war niemand mehr, der geöffnet hätte.

»Was hat das zu bedeuten?« rief jemand. »Die Herren sagen, sie klopften jetzt schon zwei Stunden lang vergebens.«

»Er ist gestern abend bestimmt nach Hause gekommen«, sagte ein Mann; »ich habe ihn mit jemand aus dem Fenster sprechen hören.«

Vor dem Hause hatte sich ein Haufen Menschen angesammelt und blickte zum Dachfenster hinauf. Die Haushälterin versicherte, der Schlüssel gehe nicht ins Schlüsselloch, da von innen abgesperrt sei. Endlich entschlossen sich ein paar der Kühnsten, durch ein Fenster hineinzuklimmen. Die andern blieben draußen erwartungsvoll stehen.

Alles sei leer innen, hieß es. Dann klommen die Leute in das Dachstübchen hinauf, von dessen Fenster aus man angeblich Ralph Nickleby zuletzt gesehen haben wollte. Zögernd und furchtsam gingen sie hinauf und blieben vor der Türe stehen. Einer schaute durch eine Ritze, prallte zurück und flüsterte, es sei höchst seltsam: Mr. Nickleby stehe mitten im Zimmer. Man brach die Türe auf. Ein Schreckensruf! Ein Mann riß ein Messer aus der Tasche und schnitt den Strick durch, an dem Ralph hing.

Ralph Nickleby hatte sich erhängt an einem Kofferstrick an demselben eisernen Haken unterhalb der Falltüre in der Decke, an derselben Stelle, zu der sein einsames verlassenes Kind so oft vor vierzehn Jahren emporgeblickt.

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