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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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59. Kapitel

Die bösen Pläne drohen zu mißlingen, und Zweifel und Gefahren beunruhigen ihren Urheber

Ralph saß allein in dem einsamen Zimmer, in dem er zu speisen oder die Abende zuzubringen pflegte, wenn ihn nicht gerade ein gewinnversprechendes Geschäft aus dem Hause rief. Vor ihm stand unberührt ein Frühstück, und die Uhr lag auf dem Tisch. Er achtete nicht auf ihr eintöniges Ticken, sondern heftete den Blick in düsterem Sinnen auf den Boden.

Plötzlich schreckte er auf, sah verstört um sich und murmelte: »Was ist es nur, was mich so niederdrückt und das ich nicht abzuschütteln vermag? Ich habe mich nie verweichlicht und kann doch jetzt nicht plötzlich krank werden! Ich war niemals untätig oder ließ mich von Einbildungen plagen. Aber was kann man tun, wenn man keine Ruhe findet.«

Er preßte die Hand auf die Stirn.

»Eine Nacht nach der andern kommt und geht, und ich finde keine Ruhe; immer sehe ich dieselben verhaßten Gesichter vor mir, und dieselben verhaßten Menschen mischen sich in alle meine Handlungen und vereiteln meine Pläne. Wache ich, so verfolgt mich überallhin derselbe finstere Schatten von – ich weiß nicht was. Fände ich nur einzige Nacht ungestörte Ruhe, würde ich wieder derselbe sein wie früher.«

Der Anblick der Speisen schien ihn anzuekeln; er schob den Teller zurück, da fiel sein Blick auf die Uhr. Der Zeiger deutete auf Mittag.

»Sonderbar«, brummte er, »Mittag, und Noggs immer noch nicht hier? Ohne Zweifel hat er sich irgendwo betrunken. Ich gäbe etwas drum – nach diesem schauderhaften Verlust sogar –, wenn er in einem Wirtshausstreit irgend jemand erschlagen oder einen Einbruch, einen Taschendiebstahl oder sonst etwas verübt hätte, was ihm den Galgen oder das Gefängnis eintrüge. Noch besser, wenn ich imstande wäre, ihn dazu zu verleiten, mir etwas zu stehlen, damit ich ihn selbst dem Gericht übergeben könnte. Meinen Kopf wette ich darauf, er ist ein Spion; mein Gefühl täuscht mich nicht.«

Er wartete noch eine halbe Stunde, dann schickte er seine Haushälterin nach Newmans Wohnung, um dort fragen zu lassen, warum er nicht gekommen sei, und im Falle er krank wäre, warum er es nicht gemeldet habe. Sie kam mit der Antwort zurück, Mr. Noggs sei die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen und niemand wisse etwas von ihm.

»Aber ein Herr wartet unten, Sir«, fügte sie hinzu. »Ich traf ihn gerade, als ich zurückkam, an der Tür, und er sagte –«

»Was sagte er?« fiel ihr Ralph zornig in die Rede. »Haben Sie ihn nicht abgewiesen? Sie wissen doch, daß ich keine Besuche empfange.«

»Er sagte, er käme in besonders wichtigen Geschäften«, versetzte die Frau eingeschüchtert, »und ich dachte, es könnte vielleicht wegen –«

»Nun, wegen was, in Teufels Namen? Fangen Sie auch an herumzuspionieren?«

»O Gott, nein, Sir; es fiel mir nur auf, daß Sie unruhig sind, und ich dachte mir, es sei wahrscheinlich Mr. Noggs' wegen.«

»So, sie bemerkte auch schon, daß ich unruhig bin«, murmelte Ralph; »das könnte mir so passen. – Wo ist der Mann, der mich besuchen will?«

Die Haushälterin erwiderte, der Fremde warte in Mr. Noggs' Zimmer; sie habe ihm gesagt, Mr. Nickleby sei beschäftigt, aber sie wolle ihn melden gehen.

»Gut«, brummte Ralph. »Lassen Sie ihn herein und gehen Sie in die Küche hinunter und bleiben Sie dort. Verstanden?«

Froh, daß sie gehen durfte, verschwand die Haushälterin eiligst. Ralph sammelte sich rasch ein wenig, trachtete seine gewohnte Miene anzunehmen und ging dann die Treppe hinunter. Er blieb noch ein paar Augenblicke mit der Klinke in der Hand vor der Tür stehen, trat dann schnell ein und sah – Mr. Charles Cheeryble vor sich.

Von allen Menschen war Mr. Cheeryble der letzte, dem er zu begegnen gewünscht hätte, aber gar jetzt, wo er in ihm nur den Beschützer seines Neffen sah, wäre ihm wohl der Anblick eines Gespenstes noch willkommener gewesen. Immerhin übte dieses Zusammentreffen eine gewisse wohltätige Wirkung auf ihn. Es weckte nämlich mit einem Schlag seine ganze Energie wieder und fachte die Leidenschaften in seiner Brust von neuem an. Ingrimm, Haß und Bosheit malten sich in seinen Mienen.

»Oho«, rief er und blieb an der Tür stehen. »Das ist ja eine unerwartete Ehre.«

»Und auch eine unwillkommene«, versetzte Mr. Charles Cheeryble. »Ich weiß ganz gut, daß man mich hier nicht gern sieht.«

»Man nennt Sie in London die Wahrheit selbst, Sir«, fing Ralph höhnisch an, »und momentan reden Sie allerdings die Wahrheit. Ich will Ihre Worte nicht in Abrede stellen. Die Ehre ist zum mindesten so unwillkommen wie unerwartet; mehr kann ich wohl nicht sagen.«

»Offen gesprochen –«, begann Mr. Charles.

»Offen gesprochen«, unterbrach ihn Ralph, »ich wünsche Ihren Besuch nicht. Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mit mir sprechen wollen, und habe keine Lust, Sie anzuhören. Sie lieben, glaube ich, die Offenheit und sollen sehen, daß auch ich mir kein Blatt vor den Mund nehme. Dort ist die Türe. Unsre Wege sind verschieden. Ich bitte, gehen Sie den Ihrigen und lassen Sie mich den meinigen ruhig fortsetzen.«

»Ruhig«, wiederholte Mr. Charles milde und mit einem Blick, in dem sich mehr Mitleid als Zorn ausdrückte. »Er will seinen Weg ruhig fortsetzen!«

»Ich nehme nicht an, daß Sie gegen meinen Willen in meinem Hause bleiben wollen«, fuhr Ralph fort. »Gegen alles, was Sie sagen werden, ist mein Ohr verschlossen.«

»Mr. Nickleby«, erklärte Mr. Charles ebenso mild wie früher, aber mit Festigkeit, »ich komme gegen meinen Willen hierher und habe nur höchst ungern diesen Schritt unternommen. Sie können nicht erraten, weshalb ich mit Ihnen sprechen möchte; denn wenn dies der Fall wäre, würden Sie Ihr Benehmen wohl sofort ändern.«

Ralph blickte ihn scharf an, aber das klare Auge und die offenen Züge des biedern alten Kaufmanns behielten ihren gleichen Ausdruck bei.

»Soll ich fortfahren?«

»Wenn's Ihnen Freude macht«, erwiderte Ralph trocken. »Sie können meinetwegen die Wände, das Pult und die beiden Stühle hier anreden. Sie brauchen nicht zu fürchten, von ihnen unterbrochen zu werden. Betrachten Sie mein Haus ganz als das Ihrige. Wenn ich von meinem Spaziergang zurückkomme, werden Sie hoffentlich mit dem, was Sie zu sagen haben, zu Ende sein.«

Mit diesen Worten knöpfte er sich den Rock zu, nahm seinen Hut vom Nagel und trat in den Hausflur hinaus. Mr. Cheeryble folgte ihm und wollte ihn abermals ansprechen, aber Ralph bedeutete ihm ungeduldig, zu schweigen und sich zu entfernen.

»Nicht ein Wort«, rief er, »ich lasse mich in keine Unterhaltung mit Ihnen ein, Sir. Den Wänden da können Sie meinetwegen predigen, aber nicht mir. Sie sind kein Engel, der gegen ihren Willen andere Leute mit Moralitätspredigten belästigen dürfte.«

»Gott weiß, daß ich kein Engel, sondern nur ein irrender unvollkommener Mensch bin«, erwiderte Mr. Charles kopfschüttelnd. »Aber es gibt eine Eigenschaft, die alle Menschen mit den Engeln gemein haben. Sie können nämlich, wenn sie wollen, Barmherzigkeit üben. Der Zweck meines Besuches ist ein Akt der Barmherzigkeit.«

»Ich erweise niemand Barmherzigkeit und verlange auch keine«, unterbrach ihn Ralph mit höhnischem Lächeln. »Suchen Sie bei mir nicht Barmherzigkeit dem Burschen gegenüber, von dem Sie sich in Ihrer kindischen Leichtgläubigkeit etwas aufbinden ließen.«

»Er Barmherzigkeit suchen bei Ihnen!« rief der alte Herr mit Wärme. »Erbitten Sie sich lieber Erbarmen von ihm, Sir! Wenn Sie mich jetzt nicht gutwillig anhören wollen, so werden Sie mich später wohl anhören müssen. Ihr Neffe ist ein edeldenkender junger Mann, Sir, und was Sie sind, Mr. Nickleby, darüber will ich mich nicht aussprechen. Aber ich weiß, was Sie getan haben. Wenn Sie jetzt im Begriff stehen, wegen der Angelegenheit, die Sie vor kurzem angezettelt haben, auszugehen, und auf gewisse Schwierigkeiten stoßen sollten, so kommen Sie zu mir, zu meinem Bruder Edward und zu Timotheus Linkinwater, und Sie sollen die nötigen Aufklärungen dort erhalten. Aber kommen Sie bald, es würde sonst zu spät sein. Vergessen Sie nicht, Sir, daß mich heute morgen das Erbarmen und nur das Mitleid mit Ihnen hergeführt hat und daß ich immer noch bereit bin, in diesem Sinne mit Ihnen zu unterhandeln.«

Mr. Charles Cheeryble hatte diese Worte mit großem Nachdruck gesprochen, setzte seinen breitkrempigen Hut auf und eilte auf die Straße hinaus. Ralph sah ihm eine Weile stumm und regungslos nach, dann erwachte er aus seiner Betäubung und lachte verächtlich.

»Wahrhaftig zu toll«, murmelte er. »Träume ich jetzt vielleicht auch? Aus Mitleid und mit Erbarmen mit – mir? Der alte Einfaltspinsel scheint übergeschnappt zu sein.«

Je länger er nachsann, desto weniger konnte er sich einer innern aufsteigenden Unruhe erwehren, und eine unbestimmte Bangigkeit bemächtigte sich seiner, die immer mehr zunahm, je länger Newman Noggs ausblieb. Die alte Warnung seines Neffen tönte ihm fortwährend in den Ohren, so daß er schließlich ganz verwirrt am Nachmittage das Haus verließ und sich, kaum wissend, warum er es tat, nach Snawleys Wohnung begab. Snawleys Frau öffnete ihm die Türe und erwiderte auf seine Frage, ob ihr Mann zu Hause sei, kurz, er wäre ausgegangen und würde so bald nicht zurückkehren.

»Sie scheinen nicht zu wissen, wer ich bin«, sagte Ralph schroff.

»Ich kenne Sie gut genug«, war die prompte Erwiderung, »vielleicht zu gut. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß es bei meinem Manne desgleichen der Fall ist.«

»Melden Sie ihm, ich hätte ihn von der Straße aus am Fenster stehen sehen und müsse notwendig wegen eines Geschäftes mit ihm sprechen«, sagte Ralph sarkastisch. »Verstehen Sie?«

»Jawohl, ich höre«, versetzte Mrs. Snawley, ohne jedoch seinem Wunsche Folge zu leisten.

»Ich wußte, daß das Frauenzimmer eine psalmensingende und mit Bibelsprüchen um sich werfende Heuchlerin ist«, murmelte Ralph und wollte sich an ihr vorbeidrängen. »Aber daß sie auch trinkt, wußte ich nicht.«

»Halt! Hier kommen Sie nicht herein«, rief Mrs. Snawley und pflanzte sich vierschrötig vor der Tür auf. »Sie haben schon zu viel mit ihm über Geschäfte gesprochen, und ich sagte ihm immer schon, der Verkehr mit Ihnen würde einmal zu etwas Bösem führen. Entweder Sie oder der Schulmeister – vielleicht auch ihr beide zusammen – habt den gefälschten Brief fabrizieren lassen. Merken Sie sich das. Und was er nicht getan hat, soll ihm auch nicht zur Last gelegt werden.«

»Halt's Maul, du Jesabel«, fuhr Ralph mit wütender Miene auf.

»Oh, ich weiß schon, wann ich reden und wann ich schweigen soll«, erwiderte die Dame. »Sorgen Sie nur dafür, daß andere nicht zu laut schreien.«

»Sie Tollhäuslerin«, raste Ralph, »Wenn Ihr Mann dumm genug gewesen ist, Ihnen seine Geheimnisse auszuplaudern, so schwatzen Sie sie gefälligst nicht heraus, Sie alberne Gans.«

»Sie meinen damit wohl anderer Leute Geheimnisse«, erwiderte Mrs. Snawley, »es ist mehr anderer Leute als sein Geheimnis. Ich verbitte mir übrigens Ihre wütenden Gesichter. Es wird schon noch die Zeit kommen, wo Sie bissige Gesichter werden machen können. Ich rate Ihnen, lassen Sie das!«

»Wollen Sie«, sagte Ralph dumpf, unterdrückte seinen Zorn, so gut er konnte, und faßte das Weib fest beim Arm, »wollen Sie jetzt zu Ihrem Mann gehen und ihm sagen, ich wisse ganz gut, daß er zu Hause sei, und müßte ihn unbedingt sprechen? Ja oder nein.«

»Nein«, rief Mrs. Snawley und riß sich los, »weder das eine noch das andere.«

»Sie wollen mir also trotzen?«

»Ja.«

Ralph hob einen Augenblick den Arm und wollte zuschlagen, bezwang sich jedoch, nickte mit dem Kopf, murmelte etwas vor sich hin und ging davon.

Er begab sich geradenwegs in das Gasthaus, in dem Mr. Squeers einzukehren pflegte, und erkundigte sich dort, ob der Schulmeister nicht vor kurzem dagewesen sei. Allein es hieß, Squeers sei seit zehn Tagen nicht dortgewesen. Sein Gepäck sei wohl noch da, und seine Rechnungen habe er bisher auch nicht bezahlt.

Von tausend Sorgen gequält und begierig zu erfahren, ob Squeers Verdacht gegen Snawley hege, faßte Ralph nunmehr den Entschluß, den Schulmeister in Lambeth aufzusuchen, um mit ihm in seiner dortigen Wohnung zu sprechen. Warten schien ihm unerträglich, und so begab er sich unverzüglich nach diesem Ort, wo er sogleich die Treppen vorsichtig hinaufschlich und an die Tür klopfte.

Er klopfte wohl ein dutzendmal, aber es führte zu nichts; es schien niemand drinnen zu sein. Er versuchte sich einzureden, der Schulmeister könne eingeschlafen sein, und horchte an der Tür, und fast kam es ihm so vor, als höre er drinnen atmen. Abermals klopfte er lange Zeit. Vergebens. Dann setzte er sich geduldig auf der schadhaften Treppe nieder und wartete, falls Mr. Squeers vielleicht ausgegangen sein sollte, bis er wieder zurückkehren werde.

Squeers kam jedoch nicht, und schließlich ging Ralph wieder hinunter und erfuhr von Hausleuten, der Schulmeister vom oberen Stockwerk sei am verflossenen Abend in großer Eile mit zwei Männern ausgegangen, die gleich darauf wieder zurückgekehrt wären, um auch die alte Frau abzuholen. Das war alles, was Ralph in Erfahrung bringen konnte. Er vermutete sofort, Grete Sliderskew sei wahrscheinlich wegen ihres Diebstahls verhaftet und Squeers wegen Verdachtes an der Teilnahme mit ihr weggeführt worden. Wenn dem so war, mußte Gride darum wissen. Und zu diesem eilte er daher in größter Bestürzung, da er ernstlich zu fürchten anfing, daß Böses in der Luft liege.

Als er vor Grides Haus anlangte, waren die Fenstervorhänge dicht zugezogen, und das ganze Haus stand stumm und verödet da. Er klopfte – klopfte immer heftiger, allein es erschien auch hier niemand. Schließlich schrieb er mit Bleistift ein paar Worte auf eine Karte, schob sie unter der Tür durch und wollte sich eben entfernen, als ein Geräusch, wie wenn oben ein Fenster geöffnet würde, sein Ohr traf. Er blickte hinauf und sah Gride vorsichtig aus dem Dachstübchen herunterlugen, aber schnell wieder den Kopf zurückziehen. Er rief ihm zu, doch sofort herunterzukommen. Aber er mußte seine Rufe mehrere Male wiederholen, ehe Gride wieder vorsichtig das Fenster öffnete und herunterspähte.

»Still! Gehen Sie fort«, rief Gride halblaut. »Gehen Sie fort.«

»Nein, kommen Sie herunter!«

»Gehen Sie, gehen Sie«, quiekte Gride und schüttelte ängstlich den Kopf. »Rufen Sie mich nicht an; klopfen Sie nicht! Machen Sie die Leute nicht aufmerksam auf das Haus. Gehen Sie!«

»Ich werde klopfen, bis die ganze Nachbarschaft auf den Beinen ist, wenn Sie mir nicht sofort erklären, was das dumme Versteckenspielen bedeuten soll, Sie Feigling«, rief Ralf hinauf.

»Ich kann nicht verstehen, was Sie sagen; sprechen Sie nicht mit mir – es ist gefährlich. – So gehen Sie doch endlich«, jammerte Gride.

»Und ich sage, kommen Sie herunter! Wollen Sie herunterkommen, in drei Teufels Namen, oder nicht?«

»Nein, nein, nein«, schrie Gride, zog schnell den Kopf zurück und verschloß das Fenster so vorsichtig, wie er es geöffnet hatte.

»Was soll das nur bedeuten?« murmelte Ralph. »Alles wendet sich von mir ab und meidet mich wie die Pest – und sogar die, die mir früher den Staub von den Schuhen geleckt haben. Geht mein Stern wirklich bergab und bricht die Nacht an? Ich will wissen, was das heißen soll. Ich will es wissen – um jeden Preis. Ich fühle mich stark wie je und bin wieder der alte Ralph Nickleby.«

Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht gegen die Türe donnern solle, bis Gride aus Furcht öffnen werde, aber er besann sich bald eines Besseren und begab sich zu den Gebrüdern Cheeryble in die City.

Tim Linkinwater saß allein im Kontor.

»Mein Name ist Nickleby«, begann Ralph.

»Weiß ich«, antwortete Tim, ihn scharf durch die Brille betrachtend.

»Welcher von Ihren Herren Prinzipalen ist heute morgen bei mir gewesen?«

»Mr. Charles.«

»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihn zu sprechen.«

»Oh«, rief Tim und sprang mit großer Behendigkeit von seinem Schreibbock herunter. »Sie sollen nicht nur Mr. Charles, sondern auch Mr. Ned sprechen.«

Er warf Ralph einen ernsten Blick zu, verschwand, kehrte gleich darauf wieder zurück und führte ihn zu den Brüdern, blieb aber selbst im Zimmer.

»Ich wünsche nur den Herrn zu sprechen, der heute morgen bei mir war«, begann Ralph mit scharfer Betonung und deutete mit dem Finger auf Mr. Charles.

»Ich habe vor meinem Bruder Ned und auch vor Tim Linkinwater keine Geheimnisse«, entgegnete dieser ruhig.

»Aber ich«, versetzte Ralph.

»Mr. Nickleby«, erwiderte Mr. Ned Cheeryble an Stelle seines Bruders, »die Angelegenheit, die Charles heute morgen zu Ihnen führte, ist uns dreien und überdies noch andern Personen vollkommen bekannt und wird leider auch noch mehreren zu Ohren kommen müssen. Mein Bruder Charles war heute morgen lediglich aus Zartgefühl und Rücksicht für Sie bei Ihnen. Jetzt noch Rücksicht zu nehmen wäre nicht am Platz, und wir verhandeln entweder so, wie wir hier sind, mit Ihnen, oder gar nicht.«

»Es scheint Ihre besondere Stärke zu sein«, höhnte Ralph und biß die Zähne zusammen, »in Rätseln zu reden. Ihr Buchhalter scheint als kluger Mann darin Ihrem Beispiel zu folgen. Reden Sie also in Gottes Namen zu dritt, ich will Nachsicht haben.«

»Nachsicht?« fuhr Timotheus Linkinwater auf und wurde blutrot im Gesicht. »Er Nachsicht mit uns haben! Er mit den Gebrüdern Cheeryble Nachsicht haben! Haben Sie gehört! Haben Sie gehört! Er sagt, er wolle mit den Gebrüdern Cheeryble – Nachsicht haben!«

»Tim, ich bitte Sie«, flehten Charles und Ned zugleich, »bitte, Tim, lassen Sie das jetzt.«

Mr. Linkinwater unterdrückte seinen Unwillen, so gut er konnte, schoß nur hier und da einen Blick der Entrüstung durch seine Brille und bediente sich dabei des Sicherheitsventils für sein Gemüt, daß er ein paarmal kurz und krampfhaft auflachte, was ihm große Erleichterung zu verschaffen schien.

»Da mir niemand einen Stuhl anbietet«, sagte Ralph umherblickend, »so will ich mir selbst einen nehmen. Ich bin müde von dem langen Weg. So. Und jetzt, meine Herren, wenn es Ihnen beliebt, verlange ich zu wissen, denn ich habe ein Recht dazu, was Sie zu sagen haben. Rechtfertigen Sie den Ton, den Sie mir gegenüber angeschlagen haben. Ich meinerseits erkläre Ihnen übrigens offen, daß ich mich um die öffentliche Meinung verdammt wenig kümmere, aber andererseits nicht geneigt bin, Verleumdungen ungestraft hingehen zu lassen. Ob Sie jetzt selbst getäuscht wurden oder nicht, kann mir gleichgültig sein. In beiden Fällen haben Sie von einem Manne wie mir weder Rücksicht noch Schonung zu erwarten.« Er sagte das so ruhig und gefaßt, daß wohl neun unter zehn mit den Umständen nicht bekannte Menschen geneigt gewesen wären, ihn für den Beleidigten zu halten. Er saß mit verschränkten Armen da, zwar ein wenig blasser als sonst und ziemlich übel gelaunt, aber immerhin ruhig, ruhiger wenigstens als die beiden Brüder und der wütende Tim.

»Sehr gut, Sir«, sagte Mr. Charles. »Sehr gut. Bruder Ned, möchtest du nicht klingeln?«

»Warte noch einen Augenblick, Charles«, erwiderte Ned. »Es wird für Mr. Nickleby sowohl wie für uns besser sein, wenn er erst erfährt, was wir ihm zu sagen haben.«

»Sehr richtig, sehr richtig«, fiel Mr. Charles ein.

Ralph lächelte nur höhnisch, ohne ein Wort zu erwidern. Die Brüder klingelten, die Türe öffnete sich, und herein hinkte ein Mann, in dem Ralph, als er sich umsah, sofort Newman Noggs erkannte. Er fuhr zusammen.

»Das ist ja ein netter Anfang«, sagte er verächtlich. »Sie scheinen wirklich äußerst biedere, redliche und offene Männer zu sein. Ich habe den wahren Wert Ihrer Charaktere von Anfang an richtig taxiert. Mit einem Kerl unter einer Decke zu stecken, der seine Seele, wenn er eine hätte, für ein Glas Schnaps verkaufen würde! Ein Mensch, der ein berufsmäßiger Lügner ist, hat Ihnen also als Bundesgenosse gedient. Das ist ja ein netter Anfang.«

»Lassen Sie mich sprechen«, rief Newman und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über Tims Kopf, der ihm den Weg vertreten hatte, um ihn am Reden zu hindern, wegsehen zu können.

»Oho. Sie ehrenwerter Patron – Sie, alter Nickleby –, was wollen Sie mit Ihrem ›Kerl‹ sagen? Wer hat mich denn zu einem solchen Kerl gestempelt? Wenn ich meine Seele hätte um ein Glas Schnaps verkaufen wollen, wäre ich wahrscheinlich lieber ein Dieb, Räuber oder Gauner geworden als Ihr Packesel. Wenn jedes Wort, das ich spreche, eine Lüge sein soll, warum haben Sie mich denn dann nicht ins Herz geschlossen? Lügen! Bin ich vielleicht je gekrochen, oder habe ich Ihnen schöngetan? Das möchte ich gerne wissen. Ich habe Ihnen treu gedient und schwer gearbeitet, weil ich arm war, und mehr harte Worte von Ihnen hingenommen, als wohl irgendein Mensch ertragen haben würde, den sie aus dem Armenhause geholt hätten, weil ich Sie und Ihre Schimpfereien mißachtete. Jawohl! Nur mein Stolz hat mich dazu gezwungen, Ihnen zu dienen, weil ich allein bei Ihnen angestellt war und kein andrer Mitpackesel meine Erniedrigung mit ansehen konnte – und dann, weil niemand besser als Sie wußte, daß ich nicht immer in so armseligen Umständen war und in einer besseren Lage hätte sein können, würde ich nicht die Torheit begangen haben, mich in Ihre und anderer Schurken Hände zu begeben. Können Sie das vielleicht leugnen was?«

»Ruhig, Mr. Noggs, ruhig«, ermahnte Tim. »Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen.«

»Schon gut«, rief Newman und schob Tim beiseite. »Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern. Stellen Sie sich nicht, Mr. Nickleby, als wäre ich ein Lügner in Ihren Augen. Es wird Ihnen nichts helfen. Ich sage Ihnen nur eins: in dem kleinen Geschäftszimmer steht ein gewisser Wandschrank.«

Bisher hatte Ralph seine Selbstbeherrschung behauptet, aber bei diesen Worten konnte er ein Zusammenzucken doch nicht unterdrücken.

»Aha, sehen Sie«, triumphierte Newman; »ich habe mir's gleich gedacht, daß Sie die Ohren spitzen würden. Was hat den armen Packesel zuerst veranlaßt, auf die Handlungen seines Chefs achtzugeben? Nichts anderes als die Grausamkeit seines Herrn gegen ihn und seine niederträchtigen Anschläge gegen ein junges Mädchen, dessen Schicksal selbst diesem gedemütigten, betrunkenen, armen Sklaven Mitleid einflößte und ihn veranlaßte, in Ihrem Dienste zu bleiben, da er hoffte, ihr nützlich zu werden. Jawohl, so standen die Dinge. Merken Sie sich das! Und merken Sie sich ferner, daß ich jetzt hier stehe, weil diese Herren es für gut befinden. Als ich sie aufsuchte, sagte ich ihnen, ich brauchte sie, um Ihnen nachzuspüren und der Unterdrückten zu ihrem Rechte zu verhelfen, und daß ich, wenn alles soweit gediehen sein würde, in Ihr Zimmer treten und Ihnen Auge in Auge wie ein Mann alles ins Gesicht sagen wolle. So, jetzt bin ich zu Ende.«

Newman hatte sich bei seinen letzten Worten hoch aufgerichtet, stand steif und regungslos da und starrte Ralph Nickleby mit weit aufgerissenem Auge an. Ralph warf ihm nur einen einzigen wilden Blick zu, stampfte auf den Boden und sagte mit fast erstickter Stimme:

»Fahren Sie fort, meine Herren, fahren Sie nur fort. Ich habe Geduld, wie Sie sehen. Es gibt zum Glück noch Gesetze. Ich werde Sie wegen Ihres Benehmens zur Rechenschaft ziehen. Legen Sie Ihre Worte gefälligst auf die Goldwaage.«

»Wir haben Sie in Händen«, erwiderte Mr. Charles. »Gestern abend legte ein gewisser Snawley seine Beichte ab.«

»Und wer ist denn dieser Snawley?« fragte Ralph. »Was hat seine Beichte mit mir zu tun?«

In seiner Frage lag verstockter Trotz, aber der alte Herr achtete nicht darauf, sondern erklärte kurz, welche Anklagen gegen Mr. Nickleby erhoben worden seien und wie sie zu Mr. Noggs' Kenntnis gelangt wären. Newman habe nämlich von einem Mann, den er vorläufig nicht nennen wolle, die feierliche Versicherung erhalten, Smike sei keineswegs Snawleys Sohn. Das habe sie, die Gebrüder Cheeryble, veranlaßt, der Sache weiter nachzugehen, und dabei sei an den Tag gekommen, daß alle Fäden auf Ralph und Squeers als Urheber des Komplottes zurückführten. Man hatte sich hierauf bei einem erfahrenen Advokaten Rates geholt, und dieser empfahl, Smike vorerst Snawley nicht auszuliefern, sondern im Gegenteil allen diesbezüglichen Bemühungen der Gegenpartei den denkbar größten Widerstand entgegenzusetzen und in der Zwischenzeit zu versuchen, Snawley in jeder Weise zuzusetzen, ihn in Widersprüche zu verwickeln und womöglich einzuschüchtern und auf diese Art dazu zu bewegen, ein Geständnis abzulegen. Letzteres war geglückt, und zwar durch Eintritt eines ganz unvorhergesehenen Umstandes.

Als nämlich Newman erfahren, daß Squeers sich wieder in London befände und eine geheime Unterredung mit Ralph Nickleby gehabt habe, hatte man den Schulmeister beobachten lassen und dabei die Entdeckung gemacht, daß er in demselben Hause wie die taube Grete Sliderskew wohnte. Der Diebstahl der Alten war ruchbar geworden, und man hatte sich an Gride gewendet, der jedoch seine Einwilligung zur Verhaftung der Alten aus Furcht, als Zeuge auftreten zu müssen, aufs energischste verweigerte. Er hatte sich gleich darauf in sein Haus eingeschlossen, so daß man nicht zu ihm konnte. Die Polizei war zu Hilfe gerufen und ein Haftbefehl gegen Squeers und die Grete Sliderskew erwirkt worden; dann hatte man das Fenster des Zimmers, wo die Alte wohnte, beobachtet, und eines Abends, nachdem Squeers in seiner Kammer das Licht ausgelöscht, waren Frank Cheeryble und Newman hinaufgeschlichen, um womöglich einen günstigen Augenblick abzupassen, was ihnen auch gelungen sei. Squeers und die Alte wurden schließlich verhaftet, und Snawley hatte, nachdem man ihm versprochen, seine Person zu schonen, ein vollständiges Bekenntnis abgelegt.

Ralph hörte das alles an, ohne mit der Wimper zu zucken, und saß, die Augen zürnend auf den Boden geheftet und den Mund mit der Hand bedeckt, ruhig da. Als die Erzählung zu Ende war, hob er den Kopf und schien reden zu wollen, aber Mr. Charles kam ihm zuvor.

»Ich habe Ihnen heute morgen bereits gesagt«, begann er, die Hand auf seines Bruders Schulter legend, »daß ich nur aus Mitleid zu Ihnen käme. Wie groß Ihre Mitschuld an der Angelegenheit ist und wie weit sie Ihnen von dem verhafteten Squeers bewiesen werden kann, müssen Sie selbst am besten wissen. Indessen muß der Gerechtigkeit gegen diejenigen freier Lauf gelassen werden, die in das Komplott gegen den unschuldigen unglücklichen jungen Menschen verwickelt sind. Es steht weder in meiner noch in meines Bruders Macht, Sie vor den Folgen zu schützen. Das Äußerste, was wir tun können, ist, Sie zu warnen und Ihnen Gelegenheit zu geben zu fliehen. Wir möchten nicht, daß Sie als alter Mann und überdies auf Veranlassung Ihres nahen Anverwandten gerichtlich bestraft werden. Wir bitten Sie daher – mein Bruder Ned und ich und auch Tim Linkinwater, wenn er auch eine grollende Miene dazu macht, als wolle er sich nicht erweichen lassen –, wir bitten Sie dringend, verlassen Sie London und begeben Sie sich irgendwohin, wo Sie vor den Folgen Ihrer eigenen ruchlosen Anschläge sicher sind und Zeit haben, sie wiedergutzumachen und ein besserer Mensch zu werden.«

»Sie meinen also«, fiel Ralph schroff ein und stand mit Hohnlächeln auf, »Sie glauben also wirklich, mich auf diese Art in die Ecke drücken zu können? Sie irren, selbst wenn Sie glaubten, daß hundert ähnliche fein eingeleitete Pläne, hundert andere falsche feige Hunde auf meinen Fersen oder hundert andere fromme Salbadereien mich einschüchtern könnten. Ich danke Ihnen, daß Sie mir verraten haben, was Sie planen; ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin nicht der Mann, der ich Ihnen zu sein scheine. Bieten Sie ruhig Ihre ganze Feindseligkeit auf; ich trotze Ihnen, fordere Sie sogar dazu heraus und verachte Sie mit Ihren Schönredereien und albernen Intrigen.«

So trennten sie sich für dieses Mal. Aber das Schlimmste war noch nicht gekommen.

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