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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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57. Kapitel

Wie Ralph Nicklebys Bundesgenosse ans Werk ging und welchen Erfolg er dabei hatte

An einem nassen finstern Herbstabend saß in einem elenden Dachstübchen eines ärmlichen Hauses in einer Sackgasse in Lambeth ein einäugiger schäbig gekleideter Mann. Vielleicht hatte er wirklich keinen besseren Anzug, vielleicht aber auch wollte er sich nur unkenntlich machen. Tatsächlich würde ihn sogar Mrs. Squeers selbst nicht wiedererkannt haben, so scharf ihr Blick auch sonst zu sein pflegte. Der ärmlich und höchst grotesk gekleidete einäugige Mann war nämlich Mrs. Squeers' Ehegatte und sprach jetzt in recht betrübter Stimmung einer vor ihm stehenden Brandyflasche zu, wobei er seinen Gefühlen durch ein wehmütiges Selbstgespräch Luft machte.

»Eine hübsche Bescherung das«, brummte er; »muß ich da schon sechs Wochen lang dieser verwünschten alten Hexe den Hof machen, und in Dotheboys Hall geht alles drunter und drüber. Das hat man davon, wenn man sich mit einem so verwegenen Burschen wie der alte Nickleby einläßt. Gibt man ihm nur einen Finger, so nimmt er gleich die ganze Hand. Der Penny genügt ihm nicht, er will das ganze Pfund.«

Diese Bemerkung erinnerte wahrscheinlich Mr. Squeers an die hundert Pfund, derentwillen er hier saß, wenigstens milderten sich seine Züge mit einemmal, und der Inhalt der Flasche schien ihm plötzlich besser zu schmecken als vorher.

»In meinem ganzen Leben ist mir kein so abgefeimter Halunke in die Quere gekommen wie der alte Nickleby«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Der ist wahrhaftig mit allen Hunden gehetzt. Unglaublich, was für Pfiffe und Kniffe er anwandte, wie er Tag für Tag herumkroch und sich abmühte, bis er den Aufenthaltsort dieser Grete Sliderskew richtig entdeckte. Das wäre so ein Mann für unsern Beruf gewesen, aber da waren ihm eben die Grenzen zu eng gesteckt. Sein Genie hätte sich nicht damit begnügt. – Übrigens genug für jetzt.« Abermals setzte er das Glas an die Lippen, zog dann einen schmutzigen Brief aus der Tasche und las darin mit der Miene eines Mannes, der den Inhalt genau kennt, aber aus Mangel an besserer Beschäftigung augenblicklich nichts Gescheiteres zu tun hat.

»Die Schweine sind gesund«, brummte er, »die Kühe desgleichen, und bei den Zöglingen steht's auch ganz gut. ›Der junge Sprouter hat hinter meinem Rücken gelacht.‹ – So? hat er das? – Na, ich werde ihm das Lachen schon vertreiben, wenn ich zurückkomme. – ›Cobbey schnüffelt beim Mittagessen immer in der Luft und sagt, das Rindfleisch röche‹ – schon gut, Cobbey! – Werde mal sehen, ob du nicht auch ohne Rindfleisch schnüffeln kannst – ›Pitcher hat schon wieder das Fieber‹ – hab ich mir denken können – ›seine Verwandten haben ihn abgeholt. Er starb einen Tag darauf, als er zu Hause ankam‹ – natürlich aus Bosheit. Ein andrer Junge wäre nicht ausgerechnet am Ende des Quartals gestorben, wo der letzte Penny des Pensionsgeldes aufgezehrt war. Das heißt schon die Bosheit aufs Äußerste treiben! – ›Der junge Palmer hat gesagt, er wünschte, er wäre im Himmel‹ – unglaublich, was sich der Bursche alles wünscht! – ›Einmal sagte er, er wollte, er wäre ein Esel, er hätte dann keinen Vater, der ihn liebte‹. – Ist das eine Frechheit von einem sechsjährigen Buben!«

Wütend steckte Mr. Squeers den Brief wieder ein und suchte in neuen Gedanken Trost.

»Wie lange das alles hier noch dauern soll«, murrte er, »und noch dazu in diesem abscheulichen Loch, das einem alles verbittert, wenn man nur acht Tage drin hausen soll. Aber schließlich, hundert Pfund sind hundert Pfund, und um sie zu verdienen, brauchte ich sonst fünf neue Zöglinge und müßte sie ein ganzes Jahr lang verköstigen. Na, schließlich versäume ich hier nichts weiter. Die Zahlung für die Jungen läuft ja sowieso weiter, und Mrs. Squeers hat schon die nötigen Eigenschaften, die Jungen im Zaum zu halten. – Mrs. Squeers, lieber Schatz, sollst leben!«

Blinzelnd goß er sich ein volles Glas hinter die Binde. Da das Getränk sehr stark war und er seiner Flasche schon des öftern zugesprochen, war er nachgerade sehr heiter gestimmt worden.

Nachdem er einigemal im Zimmer auf und ab gegangen war, um wieder Leben in seine eingeschlafenen Beine zu bringen, nahm er die Flasche unter den Arm, das Glas in die Hand, blies das Licht aus, schlich sich am Treppengeländer vorbei zur Türe des gegenüberliegenden Zimmers und klopfte leise an.

»Was nützt das Anklopfen«, brummte er, »sie hört mich ja doch nicht.« Damit klinkte er die Tür auf, steckte den Kopf in ein womöglich noch jämmerlicheres Dachstübchen als das seinige, und da er niemand weiter darin erblickte als ein altes Weib, trat er ohne Umstände ein und klopfte ihr auf die Schulter.

»Recht so, Slider«, sagte er in heiterer Laune.

»Ach so, Sie sind's«, brummte Grete.

»Jawohl, ich bin's, und zwar in erster Person Singularis«, scherzte Squeers, »mit dem Verbum ›bin‹, das in Tempore präsentis von mir: ›Schulmeister Squeers‹, regiert wird.«

Damit zog er einen Stuhl an den Kamin, setzte sich Grete gegenüber, stellte Flasche und Glas auf den Boden und begann abermals mit lauter Stimme:

»Nun, meine gute Slider?«

»Ich höre«, versetzte Grete huldvoll.

»Ich bin gekommen, wie ich versprochen habe«, brüllte Squeers.

»Das behauptet man bei mir zu Hause auch«, bemerkte Grete liebenswürdig, »aber ich denke, Öl ist besser.«

»Besser als was?« schrie Squeers und fügte seinen lauten Worten eine Verwünschung in leisem Tone hinzu.

»Nein«, sagte Grete, »natürlich nicht.«

»In meinem ganzen Leben habe ich keine solche Bestie gesehen wie dieses Weibsbild«, murmelte Squeers vor sich hin, nahm jedoch dabei die liebenswürdigste Miene an, die ihm zu Gebot stand, denn Gretes Blick war auf ihn gerichtet, und sie kicherte so fürchterlich, als sei sie ganz entzückt über ihre passenden Antworten. »Sehen Sie das hier? Es ist eine Flasche.«

»Ich sehe«, antwortete Grete.

»Und sehen Sie auch das?« schrie Squeers. »Es ist ein Glas.« Grete nickte.

»Also schaun Sie her«, fuhr Squeers fort und begleitete seine Worte mit einer entsprechenden Bewegung, »ich fülle das Glas hier aus der Flasche und leere es auf Ihre Gesundheit, Slider, dann spül ich es, wie man es bei vornehmen Herrschaften zu tun pflegt, mit einem Tröpfchen Brandy aus, schütte es ins Feuer, fülle es aufs neue, und reiche es Ihnen.«

»Prosit«, krächzte Grete.

»Na, das versteht sie wenigstens«, murmelte Squeers und betrachtete die Alte gelassen, wie sie den Branntwein hinunterschüttete und dann halb erstickt nach Luft schnappte. »So, jetzt plaudern wir ein Weilchen. Was macht Ihre Gicht?«

Mrs. Sliderskew versicherte blinzelnd und kichernd und mit Blicken höchster Bewunderung für Mr. Squeers' Person, Benehmen und Unterhaltungsgabe, daß es ihr wesentlich besser ginge.

»Was mag wohl der Grund sein«, fragte Mr. Squeers und stärkte sich seinerseits aus der Flasche, »daß die Leute die Gicht kriegen?«

Mrs. Sliderskew riet, es komme wahrscheinlich daher, daß man sich die verwünschte Krankheit nicht vom Leibe halten könne.

»Masern, Gicht, Keuchhusten, Fieber aller Art und auch Rheumatismus sind Philosophie, weiter nichts«, dozierte Mr. Squeers; »die Himmelskörper sind Philosophie und die Erde desgleichen. Wenn an einem Himmelskörper eine Schraube losgeht, ist das auch Philosophie, und wenn am Erdenkörper eine losgeht, ist es ebenso, wenn nicht zuweilen ein bißchen Metaphysik mitwirkt, was aber nicht oft vorkommt. Philosophie ist mein Element. Wenn mich der Vater irgendeines Zöglings über die Klassiker, über Mathematik oder Handelswissenschaft fragt, so sage ich ernst: zuvörderst handelt sichs darum, Sir: sind Sie Philosoph? – Sagt er dann ›nein, Mr. Squeers, das bin ich nicht‹, so antworte ich ihm, das tut mir leid, aber in diesem Fall kann ich Ihnen die Sache nicht auseinandersetzen. Natürlich geht dann der Vater mit dem Wunsch fort, ein Philosoph zu sein, und muß mich begreiflicherweise für einen halten.«

Mr. Squeers gab diese Erläuterung mit höchst leutseliger Miene und dem liebenswürdigen Tiefsinn der Betrunkenheit im Ton zum besten und ohne sein starres Auge von Mrs. Sliderskew zu verwenden, die natürlich kein Sterbenswörtchen von seiner Rede gehört hatte. Dann griff er wieder zur Flasche und händigte sie hierauf der Alten ein, die ihr gebührend zusprach.

»Es ist jetzt gerade die richtige Zeit zu einem Schlückchen«, lallte er. »Sie sehen schon um zwanzig Pfund und zehn Schillinge besser aus als früher.«

Mrs. Sliderskew kicherte abermals und schwieg bescheiden.

»Jawohl, Sie sehen um zwanzig Pfund zehn Schillinge besser aus«, wiederholte Mr. Squeers, »als an dem Tag, an dem ich Ihre werte Bekanntschaft machte. Sie erinnern sich doch?«

»Ach Gott«, klagte Grete, den Kopf schüttelnd, »wie Sie mich damals erschreckt haben.«

»So? Wirklich? Nun, ich glaub's gern. Es kann einen allerdings ein wenig erschrecken, wenn ein Fremder ins Haus kommt und einem ins Gesicht sagt, er kenne einen beim Namen, wisse, warum man so zurückgezogen lebe und daß man gelegentlich lange Finger habe, und kenne auch die Person, die man bemogelt hat. Ist es nicht so?«

Grete nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf.

»Sie sehen, daß ich alles weiß, was in dieser Art passiert«, fuhr Mr. Squeers fort. »Es gibt nichts, was ich nicht sofort herausschnüffelte. Ich bin eben ein Advokat ersten Ranges, Slider, ein pfiffiger Bursche! Ich bin der vertraute Ratgeber von fast jedermann, von Mann, Weib und Kind, die sich durch allzu große Fingerfertigkeit in Ungelegenheiten gebracht haben; ich bin –«

»Hihihi«, kicherte die Alte, verschränkte die Arme und wackelte mit dem Kopf. »Er hat sie also nicht gekriegt. Er hat sie nicht gekriegt?«

»Nein, nein«, versicherte Squeers. »Mit Schande und Spott hat er abziehen müssen.«

»Und ein junger Fant ist gekommen und hat ihm die Braut vor der Nase weggeschnappt, was?« fragte Grete.

»Jawohl, vor der Nase weg. Ich habe gehört, der junge Bursche sei schrecklich mit ihm umgesprungen, habe die Fenster eingeschlagen und ihn gezwungen, seine Hochzeitsschleife zu verschlucken, woran er fast erstickt wäre.«

»Erzählen Sie mir die Geschichte nochmal«, rief Grete, entzückt über das Unglück, das ihrem alten Herrn zugestoßen war, was sie in ihrer Häßlichkeit nur noch grauenhafter erscheinen ließ. »Ich möchte die Geschichte von Anfang noch einmal hören. Fangen Sie ganz von vorn an – Wort für Wort – von dem Moment an, wo er nach Hause kam.«

Mr. Squeers regulierte die Alte abermals freigebig mit Brandy und nahm auch, da ihn das laute Sprechen ungemein anstrengte, alle Augenblick selbst einen Schluck. Dann beschrieb er Arthur Grides Mißgeschick, wie es ihm sein erfinderischer Geist eingab. Grete war förmlich außer sich. Sie wiegte den Kopf hin und her, zog ihre hagern Schultern in die Höhe und verzerrte ihr Mumiengesicht auf so scheußliche Weise, daß selbst der Schulmeister seinen Widerwillen kaum zu verbergen vermochte.

»Er ist ein hinterlistiger alter Bock«, greinte sie, »der mich durch seine lügenhaften Versprechungen um meine Erbschaft geprellt hat. Aber macht nichts, ich bin quitt mit ihm – ich bin quitt mit ihm.«

»Mehr als quitt, Slider!« rief Squeers. »Selbst wenn er die Braut heimgeführt hätte, wären Sie schon quitt mit ihm gewesen. Aber so sind Sie ihm weit voraus, haben ihn ganz aus dem Gesicht verloren. – Das erinnert mich übrigens«, setzte er hinzu und schenkte Grete wieder das Glas voll, »daß jetzt gerade die richtige Zeit wäre, wo ich Ihnen meinen Rat erteilen könnte, welche Urkunden Sie aufbewahren und welche Sie verbrennen sollten.«

»Ach Gott, damit hat's keine Eile«, sagte Grete mit schlauem Blinzeln.

»Nun, meinetwegen tun Sie, was Sie wollen«, bemerkte Squeers nonchalant, »mich geht's weiter nichts an. Sie haben mich übrigens selbst darum angegangen, und da ich Ihr Freund bin, stelle ich Ihnen meinen Rat umsonst zur Verfügung. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen. Nur eines kann ich Ihnen nicht verhehlen, Sie sind eine verwegene Person, Slider.«

»Wieso verwegen?« fragte Grete.

»Nun, ich für meine Person möchte keine Dokumente behalten, die mich an den Galgen bringen könnten. Ich würde sie lieber zu Geld machen«, sagte Squeers. »Was Plunder ist, möchte ich wegschaffen und das Brauchbare gut und sicher aufbewahren. Aber schließlich muß jeder selbst am besten wissen, was ihm frommt, und ich sage weiter nichts, als wie ich an Ihrer Stelle handeln würde.«

»Gut, also kommen Sie«, brummte Grete, »ich werde Ihnen die Papiere zeigen.«

»Ach Gott, ich brauche sie gar nicht zu sehen«, lehnte Squeers mit geheuchelter Verdrießlichkeit ab, »Sie tun mir damit durchaus keinen Gefallen. Zeigen Sie sie, wem Sie wollen, und lassen Sie sich anderweitig beraten.«

Grete erwiderte kein Wort darauf, humpelte zur Tür, bastelte am Riegel herum, kroch dann in die Ecke des Zimmers, brachte aus der Kohlenkiste ein kleines Kästchen zum Vorschein und setzte es vor Squeers hin, der hastig den Deckel zurückschlug und mit heimlichem Entzücken auf die darin liegenden Dokumente glotzte.

»Sehen Sie nach«, krächzte Grete, kniete neben ihrem Schatz nieder und hielt die ungeduldig zuckende Hand des Schulmeisters zurück. »Was überflüssig ist, wollen wir verbrennen; was sich zu Geld machen läßt, heben wir auf, und wenn wir etwas finden, womit wir ihn in Angst versetzen und in Gefahr bringen können, so heben wir's besonders gut auf, denn das ist's gerade, woran mir am meisten liegt.«

»Ich kann mir schon denken, daß Sie ihn nicht besonders lieben«, brüllte Squeers, »aber sagen Sie mir, warum haben Sie nicht auch bares Geld mitgenommen?«

»Was hätte ich sollen?« fragte Grete.

»Geld mitnehmen«, schrie Squeers. »Geld, Slider, Geld! – Es kommt mir rein vor, als verstünde mich die Alte ganz gut«, setzte er leise hinzu, »und als habe sie nur die Absicht, ich solle mich kaputtschreien, damit sie das Vergnügen hat, mich zu Tod pflegen zu können.«

»Wie können Sie nur so fragen?« erwiderte Grete verächtlich. »Wenn ich dem alten Schuft Geld genommen hätte, würde er die Polizei nach mir geschickt haben. Nein, nein. Ich wußte mir was Besseres. Ich habe etwas viel Besseres genommen. Hier die Schublade, in der er seine Geheimnisse aufbewahrte. Um die kann er sich nicht melden, und wenn sie auch noch so viel Geld wert wären. Er ist ein alter Schurke, ein schlauer, listiger, undankbarer alter Hund. Zuerst ließ er mich fast Hungers sterben, und dann hat er mich betrogen. Ich könnte ihn umbringen, den Halunken.«

»Das ist alles recht schön und gut«, lobte Squeers, »aber vorerst wollen wir mal das Kästchen verbrennen, denn Sie müssen vor allem darauf bedacht sein, nichts zu behalten, was zu einer Entdeckung führen könnte. Es ist alt und morsch, zerschlagen Sie es in kleine Stücke und verbrennen Sie's. Ich werde währenddessen die Dokumente durchsehen und Ihnen den Inhalt vorlesen.« Damit leerte er das Kästchen aus und reichte es Grete. Innerlich jubelte er über das Gelingen seiner List, die Alte zu beschäftigen, damit sie nicht merke, welche Dokumente er heimlich zu sich stecken werde. »So«, sagte er laut, »werfen Sie das Zeug in den Kamin und machen Sie ein Feuer damit an – und jetzt lassen Sie mich sehen.« Er zog die Kerze näher und fing an hastig zu lesen. Wäre die Alte nicht gar so taub gewesen, so hätte sie, wie sie zur Tür ging, deutlich das Atmen zweier Personen hören müssen, die draußen lauschten, nämlich Frank Cheeryble und Newman Noggs. Sie merkte nicht einmal, daß die beiden jetzt hinter ihr hereinschlichen und sich Squeers auf den Fußspitzen näherten. Noggs schwenkte einen alten Blasebalg, den er ergriffen hatte, über dem Kopf des Pädagogen, und Frank trat so dicht hinter Squeers, daß er ihm über die Schulter blicken und die Dokumente mitlesen konnte. Grete kniete vor dem Kamin, blies das Feuer an und fragte, wie lange sie noch warten solle. Squeers konnte nämlich in Anbetracht seines ungeübten Auges die Aktenschrift der Urkunde nicht sogleich entziffern.

»'s ist nur ein alter Mietskontrakt, soviel ich sehen kann – werfen Sie ihn ins Feuer«, war die Antwort.

»Und was haben Sie weiter?«

»Einen Bündel Quittungen und Prolongationswechsel von ein paar jungen Gentlemen. Sie sind leider sämtlich Parlamentsmitglieder, und daher kann man den Plunder nicht verwerten. Ins Feuer damit.«

Grete tat, wie ihr geheißen, und horchte weiter.

»Dies«, fuhr Squeers fort, »scheint eine Urkunde über den Verkauf des Präsentationsrechts der Pfarrei von Purechurch in der Nähe von Cashub zu sein. Heben Sie's auf, Slider – heben Sie's gut auf, das kann gelegentlich viel Geld wert sein.«

»Und das nächste?« fragte Grete.

»Das hier«, brummte Squeers, »scheint die Schuldverschreibung eines Landpfarrers zu sein; heben Sie's auch auf. Wenn er nicht bezahlt, wird ihm der Bischof schon aufs Dach steigen. – Ich finde immer noch nichts«, setzte er leise hinzu.

»Was haben Sie gesagt?« fragte Grete.

»Nichts«, versetzte Squeers. »Ich sehe mich bloß –«

Newman erhob seinen Blasebalg, aber Frank vereitelte sein Vorhaben durch eine rasche Armbewegung.

»Und da«, sagte Squeers, »haben wir ein paar Wechsel. Heben Sie sie auf. Und hier einen Pachtvertrag nebst Kündigung. Verbrennen Sie's. – Aha – Madeline Bray«, setzte er leise hinzu, »im Falle ihrer Verheiratung hat besagte Madeline – da, verbrennen Sie.«

Er warf der Alten rasch ein Pergament hin, aber ein anderes, und steckte, als sie sich zum Ofen wandte, die richtige Urkunde schnell in seine Brusttasche und brach dabei in ein triumphierendes Gelächter aus.

»Aaha«, jubelte er leise, »ich hab's. Hurra. Beinah hätte ich schon gezweifelt, ob's überhaupt hier ist. Aber, gottlob, jetzt haben wir's.«

Grete fragte, warum er lache, aber er gab keine Antwort mehr, denn Newmans Blasebalg war schwer auf sein Haupt niedergefallen und hatte ihn der Länge nach besinnungslos zu Boden gestreckt.

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