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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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47. Kapitel

Mr. Ralph Nickleby hat eine vertrauliche Zusammenkunft mit einem andern alten Freund. Sie besprechen ein Projekt, das für beide Teile große Vorteile in Aussicht stellt

»Dreiviertel auf drei«, murmelte Newman Noggs, die Schläge der benachbarten Kirchturmuhr zählend, »und meine Essenszeit ist um zwei Uhr! Er tut es absichtlich – mir zum Tort, das sieht ihm wieder einmal ähnlich.«

Er hielt dieses Selbstgespräch in seiner kleinen Höhle, die den Ehrentitel eines Geschäftszimmers führte, und von der Höhe seines Schreibbocks herunter. Seine Worte bezogen sich, wie es bei seinen mürrischen Dialogen zumeist der Fall war, auf Mr. Ralph Nickleby.

»Ich glaube, Hunger hat er überhaupt nie«, brummte er, »außer es dreht sich um Pfunde, Schillinge und Pence. Aber auf diese ist er so gierig wie ein Wolf. Ich wollte, ich könnte ihn zwingen, einmal ein Stück von jeder englischen Münzsorte zu verschlucken. Schon ein Penny würde ein gefährlicher Bissen sein, was erst eine Krone, hahaha!«

Newmans gute Laune fing an, sich einigermaßen zu bessern, wie er sich vorstellte, daß Ralph Nickleby zwangsweise ein Fünfschillingstück verschlucken müsse. Gemächlich nahm er aus seinem Pulte eine jener gewissen kleinen Flaschen, die im Volke unter dem Namen Taschenpistolen bekannt sind, schüttelte sie vor seinem Ohr, und seine Mienen erheiterten sich bei dem angenehm glucksenden Ton. Und noch weit mehr, als er einen tüchtigen Schluck zu sich nahm. Dann setzte er den Kork wieder auf die Flasche und schmatzte ein paarmal behaglich mit den Lippen. Kaum jedoch war der Geschmack des Brandy von seiner Zunge verschwunden; da kehrte er wieder zu seinen Lamentationen zurück.

»Fünf Minuten vor drei«, murrte er, »und um acht Uhr hatte ich mein Frühstück – und was für eines! Die gewöhnliche Mittagszeit ist um zwei. ›Gehen Sie nicht früher fort, ehe ich zurückkomme‹, so heißt es einen Tag um den andern. Und warum gehen Sie denn immer aus, Mr. Nickleby wenn ich gerade zu Mittag essen möchte – was? Ich soll wohl nicht merken, daß es weiter nichts ist als Schikane – wie?«

Wenn diese Worte auch mit sehr lauter Stimme gesagt wurden, so waren sie doch in die leere Luft gesprochen. Die Erinnerung an häufig erlebte Unbill schien jedoch die Wirkung zu haben, Newman Noggs ganz außer Rand und Band zu bringen, denn er stülpte sich seinen alten Hut auf den Kopf, zog seine unvermeidlichen Handschuhe an und erklärte heftig, noch in dieser Minute zu seinem Mittagessen aufzubrechen, möge daraus werden, was da wolle.

Wirklich hatte er auch vor, diesen Entschluß auf der Stelle auszuführen, und schon war er bis zum Hausflur gelangt, als ein Rütteln draußen an der Klinke ihn zu schleunigem Rückzug in sein Geschäftszimmer veranlaßte.

»Da ist er«, grollte er, »und er hat noch jemand bei sich. Nun wird es wieder einmal heißen, ›bleiben Sie da, bis der Herr fort ist‹, aber ich will nicht. – Fällt mir gar nicht ein.«

Mit diesen Worten schlüpfte Newman Noggs in einen leeren hohen Schrank mit zwei Flügeltüren und schloß sich ein mit der Absicht, sich aus dem Hause zu schleichen, sobald sein Prinzipal in seinem Zimmer wäre.

»Noggs!« rief Ralph. »Wo steckt denn der Mensch nur? – Noggs!« Newman meldete sich nicht.

»Wahrscheinlich ist der Kerl wieder zum Mittagessen gegangen, obgleich ich ihm befohlen habe, hierzubleiben«, murmelte Ralph, warf einen Blick in die Schreibstube und zog seine Uhr zu Rate. »Hm, es ist am besten, Sie kommen hier herein, Gride. Mein Schreiber ist ausgegangen, und in mein Zimmer scheint die Sonne zu heiß. Hier ist es kühl und schattig, und ich hoffe, Sie werden sich nicht an dem Ort stoßen.«

»Oh, nicht im geringsten, Mr. Nickleby, nicht im geringsten. Mir ist jedes Zimmer recht, Sir, und hier ist's ganz nett und behaglich«, war die Antwort.

Mr. Gride war ein kleiner alter Mann von ungefähr siebzig oder fünfundsiebzig Jahren, sehr mager und sehr gebückt. Er trug einen grauen Frack mit einem schmalen Kragen, eine altmodische Weste von geripptem schwarzen Seidenstoff und so enge Hosen, daß sich seine dürren Spindelbeine in ihrer ganzen Häßlichkeit präsentierten. Sein einziger Schmuck bestand aus einer stählernen Uhrkette, an der ein paar goldene große Petschafte hingen, und einem schwarzen Band, das nach altmodischer Weise, wie man es heutzutage selten mehr zu sehen bekommt, sein graues Haar hinten in einem Zopfe zusammenhielt. Nase und Kinn waren spitzig und hervorstehend, die Wangen infolge der fehlenden Zähne eingefallen, das Gesicht faltig und gelb mit Ausnahme der Stellen, wo sie, ähnlich einem runzelig gewordenen Winterapfel, rote Streifen aufwiesen. Wo ehemals sein Bart gewesen, standen noch ein paar graue Büschel, gleich den wie von Motten durchfressenen Augenbrauen die Unfruchtbarkeit des Bodens bekundend, dem sie entsproßten. Das ganze Wesen und die Haltung des Mannes trug den Ausdruck einer schleichenden katzenhaften Zutunlichkeit, während aus dem schielenden Auge ein Lauerblick von Schlauheit, Lüsternheit, Verschlagenheit und Geiz brach.

Das war das Äußere des alten Arthur Gride, in dessen Gesicht jede Runzel und in dessen Anzug die Abwesenheit jeder überflüssigen Falte bekundete, daß er derselben Geschäftsklasse angehörte, die auch Ralph Nickleby zu den Ihren zählte. Er saß jetzt auf einem niedrigen Stuhl und blickte zu Ralph Nickleby empor, der sich's, die Arme auf die Knie gestützt, auf dem hohen Schreibbock bequem gemacht hatte und zu seinem Gefährten hinunterschaute, neugierig, was dieser ihm wohl zu sagen haben werde. »Nun, wie ist es Ihnen die ganze lange Zeit über ergangen?« fragte Gride, lebhaft Teilnahme an Ralphs Befinden heuchelnd. »Ich habe Sie jetzt schon nicht mehr gesehen – seit – seit –«

»Seit nicht zu lange«, fiel Ralph ein mit einem gewissen eigentümlichen Lächeln, das bedeuten mochte, er wisse ganz gut, daß sein Freund gewiß nicht einer bloßen Höflichkeitsvisite wegen gekommen sei. »Es ist übrigens ein bemerkenswerter Zufall, daß Sie mich trafen, wo ich eben heimkam, gerade, als Sie um die Ecke bogen.«

»Da hatte ich wieder einmal großes Glück«, bemerkte Gride.

»Sie sollen es immer haben, meinen die Leute«, versetzte Ralph.

Der ältere Wucherer wackelte lächelnd mit dem Kinn, ohne etwas darauf zu erwidern, und so saßen beide eine Weile lang stumm da, jeder darauf bedacht, dem andrem einen Vorteil abzukaufen.

»Nun also, heraus mit der Sprache, Gride!« brach Ralph das Schweigen. »Was führen Sie heute im Schild?«

»Sie gehen doch immer gerade auf Ihr Ziel los, Mr. Nickleby«, rief der Alte, augenscheinlich sehr erleichtert, daß Ralph ihm die Umschweife ersparte. »Du lieber Gott, was Sie doch für ein entschlossener Mann sind.«

»Nun, Ihre Weise ist eben glatt und schleichend, und da fällt der Gegensatz um so mehr auf«, brummte Ralph. »Ich gebe gern zu, daß Ihre Methode die bessere ist, aber mir fehlt's an Geduld dazu.«

»Sie sind ein geborenes Genie, Mr. Nickleby«, schmeichelte der alte Gride. »Sie durchschauen alles.«

»Jedenfalls weiß ich, daß ich meiner ganzen Gerissenheit bedarf, wenn Leute wie Sie zu schmeicheln anfangen«, versetzte Ralph. »Sie wissen, daß ich des öfteren Zeuge gewesen bin, wie Sie andern um den Bart gingen, und entsinne mich auch ziemlich genau, wozu es jedesmal führte.«

»Ha ha ha«, lachte der Alte und rieb sich die Hände, »glaub's gerne, daß Sie sich daran erinnern. Wie denn auch nicht. Übrigens ist es höchst erfreulich, daß Sie noch der alten Zeit gedenken. Höchst erfreulich, Mr. Nickleby.«

»Also los, Freund! – Um was handelt es sich? Ich muß noch einmal fragen.«

»Da seh einer! An nichts denkt er als an Geschäfte; und sogar jetzt, wo wir von der Vergangenheit plaudern! Ach Gott im Himmel, was das doch für ein Mann ist!«

»Und was aus der Vergangenheit möchten Sie denn wieder so gern ins Leben rufen?« fragte Ralph spöttisch. »Jedenfalls handelt es sich um etwas Derartiges, sonst würden Sie nicht davon sprechen.«

»Sogar mich beargwöhnt er!« rief der Greis, die Arme emporstreckend. »Sogar mich! – O Gott, sogar mich. Was ist das nur für ein Mann! Hahaha! Nein, auf der ganzen Welt gibt's keinen zweiten wie ihn. Ein Riese unter Zwergen – ein Riese – ein Riese!«

Mit ruhigem Lächeln musterte Ralph den alten Fuchs, wie dieser in einem fort kicherte. Newman Noggs in seinem Schrank wurde es ganz wehmütig ums Herz, wie er so die Aussicht auf sein Mittagessen immer mehr und mehr in den Hintergrund treten sah.

»Aber ich muß ihm seinen Willen lassen«, fuhr Mr. Gride fort. »Er ist eigensinnig, wie die Schotten sagen. Nun, die Schotten sind gescheite Leute – er will eben von Geschäften reden und seine Zeit nicht vergeuden. Er hat recht, vollkommen recht. Zeit ist Geld – Zeit ist Geld.«

»Ich denke, dieses Sprichwort muß wohl einer von den Unserigen erfunden haben«, sagte Ralph. »Zeit ist Geld und noch obendrein sehr viel Geld für jemand, der seine Zinsen darnach berechnet. Zeit ist Geld und Zeit kostet Geld. – Für viele ist es ein sehr kostspieliger Artikel.«

Als Antwort auf diesen Witz erhob der alte Gride abermals seine Hände, kicherte wieder und rief: »Was ist das nur für ein Mann!« Dann zog er seinen Schemel etwas näher zu Ralphs Schreibbock, sah zu dessen unbeweglichem Gesicht empor und begann:

»Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich – daß ich – im Begriffe stehe, mich zu verheiraten?«

»Ich würde sagen«, versetzte Ralph, ruhig auf ihn herunterblickend, »daß Sie mir zu irgendeinem Zweck eine Lüge aufbinden. Und das wäre freilich nicht das erste Mal, und es wird wohl auch nicht das letzte Mal sein. Aber verlassen Sie sich darauf, Sie werden mich nicht hinters Licht führen.«

»Ich versichere Ihnen aber, daß es mein voller Ernst ist«, beteuerte Mr. Gride.

»Und ich sage Ihnen, daß es mir mit dem, was ich soeben sagte, gleichfalls mein voller Ernst ist. Aber halt, ich muß Sie mir einmal näher anschauen. Ich lese irgendeine Teufelei in Ihrem Gesicht. Also, was ist's damit?«

»Sie wissen doch, daß ich Sie niemals hintergehen würde«, winselte Gride. »Es wäre Wahnsinn, wenn ich's nur versuchen wollte. Ich – ich Mr. Nickleby hintergehen! Der Zwerg den Riesen! Ich frage Sie noch einmal – hähähä –, was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß ich mich zu verheiraten gedenke?«

»Wahrscheinlich irgendeine alte Hexe?« fragte Ralph.

»Nein, nein«, jubelte Gride und rieb sich entzückt die Hände. »Daneben geraten! – Wieder falsch geraten. Mr. Nickleby ist auf dem Holzweg – ganz und gar auf dem Holzweg. Nein, es handelt sich um ein junges und schönes Mädchen. – Frisch, liebenswürdig, bezaubernd und noch nicht neunzehn Jahre alt. Schwarze Augen – lange Wimpern – volle rote Lippen, die man nicht ansehen kann, ohne daß es einen nach einem Kuß verlangt – schönes reiches Haar, daß einem die Finger jucken, damit zu spielen – eine Taille, daß man unwillkürlich in die Luft greift in der Meinung, sie zu umschlingen – kleine Füße, die so leicht auftreten, daß sie kaum die Erde zu berühren scheinen – und alles das gedenke ich zu heiraten, Sir; alles das – hihihi!«

»Das ist etwas mehr als gewöhnliche Faselei«, brummte Ralph, der dem entzückten Alten mit gerunzelter Miene zugehört hatte. »Und das Mädchen heißt?«

»O wie schlau, o wie schlau«, rief Mr. Gride. »Er weiß, daß ich seiner Hilfe bedarf. Er weiß, daß er mir beistehen kann, und wittert, daß ein Vorteil für ihn dabei herausschaut. Er sieht alles schon im voraus vor sich. Wie sie heißt – kann uns aber auch niemand hören?«

»Zum Teufel, wer sollte denn da sein?« versetzte Ralph ärgerlich. »Ich weiß es nicht, aber vielleicht könnte irgend jemand die Treppe hinauf- oder heruntergehen«, flüsterte Gride, blickte zur Tür hinaus und schloß sie sorgfältig wieder. »Ihr Schreiber könnte zurückgekommen sein und uns belauschen. Schreiber und Dienstboten horchen am Schlüsselloch, und es würde mir ganz und gar nicht passen, wenn zum Beispiel Mr. Noggs –«

»Hol der Teufel Ihren Mr. Noggs«, unterbrach Ralph scharf, »und fahren Sie endlich fort!«

»Also meinetwegen zum Teufel mit Mr. Noggs«, greinte Arthur Gride. »Dagegen habe ich durchaus nichts einzuwenden. Also sie heißt –«

»Nun?« fragte Ralph gereizt, als der Alte wieder innehielt.

»Heraus mit der Sprache!«

»Madeline Bray.«

Aus was für Gründen Gride auch vermutet haben mochte, daß die Erwähnung dieses Namens einen gewissen Eindruck auf Ralph hervorbringen müsse, jedenfalls ließ sich dieser nichts anmerken, sondern wiederholte mehrere Male ruhig, als sänne er nach, wann und wo er schon den Namen gehört habe.

»Bray«, murmelte er, »Bray – Bray – Bray? Ich kannte einmal einen jungen Bray von – nein, aber der hatte keine Tochter.«

»Sie können sich nicht an Bray erinnern?« fragte Arthur Gride.

»Nein«, sagte Ralph gleichgültig.

»Wie? Nicht an Walter Bray den Verschwender, der seine schöne Frau so mißhandelt hat?«

»Wenn Sie mir durch einen solchen Zug irgendeinen Verschwender ins Gedächtnis zurückrufen wollen«, sagte Ralph achselzuckend, »so riskieren Sie, daß ich ihn zu neun Zehnteln mit all den Verschwendern, die ich je gekannt habe, verwechsle.«

»Lächerlich, ich meine den Bray, der jetzt im Distrikt von Kings Bench wohnt«, erklärte der Greis. »Sie können ihn doch nicht vergessen haben! Wir haben beide Geschäfte mit ihm gehabt – er ist Ihnen sogar noch Geld schuldig.«

»Ah so, der«, brummte Ralph. »Ja, ja – hm – weiter. Also, um seine Tochter handelt sich's?« So unbefangen er diese Worte auch hinwarf, so gelang es ihm doch nicht, einem ihm verwandten Geist, wie dem des alten Arthur Gride, die Absicht zu verbergen, daß er gerne noch mehr hören möchte. Der Greis war jedoch viel zu sehr von seinem Plane eingenommen, als daß er den aufkeimenden Argwohn nicht sofort erstickt hätte.

»Ich wußte wohl, daß Sie sich an ihn erinnern würden, wenn Sie nur einen Augenblick nachsännen«, begann er.

»Sie haben recht«, versetzte Ralph. »Der alte Arthur Gride und Ehestand ist eine so seltsame Zusammenstellung, daß ich's gar nicht fassen kann. Der alte Arthur Gride und schwarze Augen und Wimpern, Lippen, die zum Küssen verführen, üppiges Haar, mit dem man spielen möchte, eine Hüfte, die es einen zu umfangen gelüstet, und ein Fuß, der mehr schwebt als geht – der alte Arthur Gride und lauter solche Sachen zusammengehalten sind noch viel wunderbarer, noch merkwürdiger und unglaublicher, als, kommt mir vor, daß der alte Arthur Gride die Tochter eines herabgekommenen Verschwenders im Bezirke von Kings Bench heiraten will. Offen gestanden, Arthur Gride, wenn Sie bei diesem Geschäft meiner Hilfe bedürfen – was wohl der Fall sein muß, da Sie sonst nicht hier sein würden –, so rücken Sie ruhig mit der Sprache heraus. Vor allen Dingen unterlassen Sie's aber, davon zu sprechen, daß ich allein einen Nutzen davon haben würde, denn ich weiß ganz gut, daß Sie auch wohl einen haben müssen, und zwar einen recht bedeutenden, denn sonst würden Sie die Nase nicht in derlei Dinge stecken.« Es lag soviel Herbheit und Sarkasmus in den Worten Ralphs, in seiner Stimme und in den Blicken, mit denen er sie begleitete, daß sogar dem alten Wucherer das Blut in die Wangen stieg. Er ließ sich jedoch nicht aufreizen, sondern begnügte sich wie früher mit dem Ausruf: »Was ist das für ein Mann!« und wackelte dabei mit dem Kopf, als habe er einen riesigen Spaß an der ungezwungenen Offenheit seines Geschäftsfreundes. Bald jedoch erkannte er an dem Ausdruck von Ralphs Gesicht, daß er am besten tun werde, so schleunig wie möglich zur Sache zu kommen. Er nahm daher eine ernstere Geschäftsmiene an als bisher und schickte sich an, seinen Plan genauer auseinanderzusetzen.

Zuerst verbreitete er sich darüber, daß Madeline Bray ihren Vater, der sonst keinen Freund auf Erden mehr hätte, ganz allein ernähren müsse und nichts anderes als seine Sklavin sei.

Ralph erwiderte, daß er das alles längst wisse, daß aber das junge Mädchen trotzdem keine solche Törin sein werde, so ohne weiteres einzuschlagen.

Ferner beleuchtete Mr. Gride den Charakter ihres Vaters und setzte auseinander, daß dieser sie wohl mit aller Zärtlichkeit liebe, deren er fähig sei, daß aber seine Selbstliebe noch viel größer sei, was Ralph zu der Bemerkung veranlaßte, es wäre unnötig, noch mehr darüber zu sagen, da dies alles höchst natürlich und einleuchtend sei.

Sodann beteuerte der alte Gride, das junge Mädchen wäre ein zartes und liebenswertes Geschöpf, nach dessen Besitz es ihm vor allem gelüste. Ralph hatte darauf nichts anderes zu erwidern, als ein herbes Lächeln aufzusetzen und dem verhutzelten alten Burschen vor ihm einen ausdrucksvollen Blick zuzuwerfen.

»Ich komme nun zu dem kleinen Plan, den ich mir ausgeheckt habe, um die Sache ins Werk zu setzen«, fuhr Gride fort. »Ich vergaß Ihnen übrigens zu sagen, daß ich an Madeline noch mit keinem Vorschlag herangetreten bin und auch nicht an den Vater. Aber das haben Sie wahrscheinlich schon erraten. O Gott, Ihnen entgeht doch nichts.«

»Suchen Sie nicht mich hinters Licht zu führen«, fiel ihm Ralph ungeduldig ins Wort, »Sie kennen das gewisse Sprichwort?«

»Stets eine Schlagfertigkeit auf der Zunge«, rief der alte Gride und erhob entzückt Hände und Augen. »Stets ist er auf dem Quivive! O mein Gott, was ist es doch für ein Segen, wenn man einen so raschen Verstand hat und so reiche Geldmittel, ihn anwenden zu können.« Dann änderte er plötzlich seinen Ton und fuhr gleichmäßig fort: »Ich bin in dem letzten halben Jahr verschiedene Male in Brays Wohnung gewesen, und es ist jetzt gerade sechs Monate her, daß ich das entzückende Geschöpf dort gesehen habe. Doch das gehört nicht zur Sache. Ich bin der Gläubiger des Vaters und habe ihn wegen einer Schuld von siebzehnhundert Pfund in der Hand.«

»Sie sprechen ja rein, als ob Sie der einzige Gläubiger wären, der seine Verhaftung beantragt hat«, höhnte Ralph und zog sein Taschenbuch zu Rate. »Ich habe es gleichfalls getan. Mir ist er neunhundertfünfundsiebzig Pfund, drei Schillinge und vier Pence schuldig.«

»Sie sind außer mir der einzige klagende Gläubiger«, fiel der Alte lebhaft ein. »Jawohl, der einzige. Kein anderer wollte die Kosten riskieren. Man nahm an, daß wir ihn bereits in der Hand hätten. Wir sind allein in die Falle gegangen, da wir meinten, er sei sicher. Mich hat er fast zugrunde gerichtet. Wir haben ihm Geld auf Wechsel, bei denen nur ein einziger Bürge unterschrieben war, geborgt; freilich hielt man ihn für gut und seinen Namen für bares Geld – doch Sie wissen selbst, wie alles gekommen ist. Der Bürge ist insolvent gestorben, als wir ihn gerade beim Kragen nehmen wollten. O Gott, dieser Verlust! Es hat nicht viel gefehlt, so hätte es mich gänzlich zugrunde gerichtet.«

»Weiter, weiter!« drängte Ralph. »Kramen Sie nicht die gewerbsmäßigen Lamentationen aus, es hört Ihnen ja niemand zu.«

»Es ist immer gut, wenn man so redet«, meckerte Gride, »ob uns jemand hört oder nicht. Sie wissen, Übung macht den Meister. Nun, also gut, wenn ich mich jetzt dem Bray als Schwiegersohn anbiete mit dem Versprechen, daß er vom Tage meiner Vermählung an in Freiheit gesetzt wird und ein Jahresgehalt bezieht, das er meinetwegen drüben auf der andern Seite des Kanals verzehren kann – lange wird's mit ihm nicht dauern – ich habe nämlich seinen Arzt gefragt, und der hat mir gesagt, er leide an einer Herzkrankheit, die ihn jeden Tag unter die Erde bringen kann. – Wenn ich ihm nun alle diese Vorteile klar und ausführlich vor Augen stelle, glauben Sie, daß er der Versuchung widerstehen kann? Und wenn er nicht widerstehen kann, seine Tochter wird es ihm nicht abzuschlagen imstande sein. Sollte ich dann nicht wirklich Madeline zu Mrs. Arthur Gride – zu meinem allerliebsten Frauchen – und zwar in einer Woche, in einem Monat, in einem Tag, kurz, wann es mir beliebt, machen können?«

»Weiter!« brummte Ralph, bedächtig den Kopf wiegend und mit einem Ton, dessen einstudierte Kälte einen seltsamen Gegensatz zu dem entzückten Gequiek bildete, in das sich sein Geschäftsfreund allmählich hineingeredet hatte. »Weiter! Sie sind doch nicht hergekommen, um Fragen an mich zu stellen!«

»O mein Gott, wie Sie wieder reden«, jammerte Gride und rückte noch näher. »Natürlich bin ich's nicht – und habe es auch nicht behauptet. Ich bin hergekommen, um zu fragen, mit wieviel Sie sich für Ihre Forderung an den alten Bray zufriedengeben, wenn der Handel gelingt. – Sagen wir, fünf Schillinge pro Pfund – sechs Schillinge und acht Pence – zehn Schillinge? Einem Geschäftsfreund, wie Sie es sind, gegenüber versteige ich mich sogar bis zu zehn Schillingen. Aber ich weiß, Sie werden nicht so hart gegen mich sein, wo wir doch immer auf gutem Fuß miteinander gestanden haben. – Nun? – Schlagen Sie ein?«

»Ich muß die Sache noch genauer durchschauen«, erwiderte Ralph, so unbeweglich wie je.

»Ja, ja, natürlich. Aber Sie lassen mir doch keine Zeit zum Erzählen!« jammerte Gride. »Ich bedarf jemandes in dieser Angelegenheit, der drängen und pressen kann; und wer wäre da besser als Sie? Mir geht diese Eigenschaft ab, denn ich bin ein armer, schüchterner und weichherziger Mensch. Nun, ich denke, wenn Sie einen so schönen Teil der Schuld, die Sie doch schon lange in den Kamin geschrieben haben, bekommen, so werden Sie mir doch als Freund zur Seite stehen und mir Ihren Beistand leihen nicht wahr?«

»Sie sind noch immer nicht mit allem herausgerückt«, unterbrach Ralph.

»O sicher, sicher«, beteuerte Gride.

»Nein, sage ich Ihnen. Nein! Sie hintergehen mich.«

»Ah«, krächzte Gride und tat, als ob ihm plötzlich ein Licht aufginge, »Sie meinen, ich soll mich hinsichtlich meiner selbst und meiner Absichten näher aussprechen? – Richtig, richtig. – Sie wünschen darüber eine Auskunft?«

»Ich denke allerdings, daß es das beste wäre, Sie rückten heraus«, erwiderte Ralph trocken.

»Ich wollte Sie nicht damit bemühen, da ich annahm, Ihr Interesse höre damit auf, wo die Schuld des Bray an Sie teilweise hereinbringlich sein wird«, entschuldigte sich Arthur Gride. »Ich bin Ihnen übrigens sehr für Ihre Güte verbunden. Nun, nehmen wir also an, ich hätte Kenntnis von einem Vermögen – einem kleinen, einem sehr kleinen Vermögen, an das die hübsche Madeline Ansprüche hat und von dem zur Zeit noch niemand etwas weiß oder wissen kann –, ihr Gatte kann es dann in die Tasche stecken, vorausgesetzt, daß er ebensoviel davon weiß wie ich. Erkennen Sie jetzt den ganzen –«

»Freilich erkenne ich jetzt den ganzen Zusammenhang«, erwiderte Ralph kurz. »Lassen Sie mich die Sache überlegen und berechnen, was ich für meine Hilfe fordern kann.«

»Aber verfahren Sie glimpflich mit mir«, flehte der alte Gride mit bebender Stimme und erhob bittend die Hände, »verfahren Sie glimpflich mit mir! Es ist wirklich und wahrhaftig nur ein ganz kleines Vermögen. Sagen Sie: zehn Schillinge pro Pfund, und der Handel ist abgemacht. Es ist eigentlich viel mehr, als ich geben sollte, aber in Anbetracht des Freundschaftsdienstes, den ich von Ihnen erhoffe, wollen wir zehn Schillinge sagen; – was meinen Sie?«

Ralph achtete nicht auf dieses Drängen, sondern blieb drei oder vier Minuten in tiefem Grübeln dasitzen und warf dabei von Zeit zu Zeit einen gedankenvollen Blick auf den alten Wucherer. Dann brach er sein Schweigen und ging unmittelbar zur Sache über.

»Wenn Sie das Mädchen ohne meine Beihilfe heiraten«, sagte er, »so bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als mir die Schuld ganz zu bezahlen, da es Ihnen sonst nicht glücken kann, den Vater wie versprochen in Freiheit zu setzen. Es ist daher ganz klar, daß ich die volle Summe ohne jeden Abzug oder sonstige Quengeleien bekommen muß, da ich andernfalls durch das Vertrauen, mit dem Sie mich zu beehren belieben, nur verlieren würde. Weiter verlange ich für meine Bemühungen in der Sache, durch die ich Ihnen zu dem erwähnten Vermögen verhelfe, fünfhundert Pfund, was sehr wenig ist, da Ihnen ja die schwellenden Lippen, das üppige Haar und was weiß ich sonst noch alles bleiben, und drittens endlich fordere ich, daß Sie sich noch heute schriftlich mir gegenüber verbindlich machen, beide Summen am Morgen Ihrer Vermählung mit Madeline Bray zahlbar zu stellen. Sie haben vorhin selbst meine Fähigkeit zu drängen und zu pressen gerühmt, und so will ich denn diese Ehre auch rechtfertigen. Schlagen Sie ein, gut; wo nicht, so heiraten Sie das Frauenzimmer ohne mich, wenn Sie es imstande sind. Meine Forderung wird so oder so dadurch einbringlich werden.«

Alle Bitten, Vorstellungen und Vergleichsanträge Grides waren vergeblich, Ralph Nickleby blätterte nur, je wärmer der andere wurde, ruhig in seinem Notizbuch, als ob ihn alles dies nichts angehe. Als Gride einsah, daß es unmöglich sei, auf seinen unbeugsamen Geschäftsfreund auch nur den geringsten Eindruck zu machen, willigte er schließlich in den vorgeschlagenen Vertrag ein und füllte sofort ein Formular, wie es Ralph für solche Fälle immer bei der Hand hatte, mit den verlangten Summen und seiner Unterschrift aus, dabei nur die Bedingung stellend, daß Ralph Nickleby ihn noch in dieser Stunde in Brays Wohnung begleite und sogleich die Verhandlungen, vorausgesetzt, daß die Umstände seinen Plan begünstigen sollten, eröffnen müsse.

Demgemäß entfernten sich die beiden Ehrenmänner gleich darauf, und Newman Noggs tauchte mit der Flasche in der Hand aus seinem Schranke auf, durch dessen obere Tür er mehr als einmal auf die Gefahr der Entdeckung hin seine rote Nase gesteckt hatte, sooft Themen, die sein Interesse ganz besonders erregt, zur Sprache gekommen waren.

»Ich habe keinen Appetit mehr«, brummte er und steckte die Flasche ein. »Ich habe mein Mittagessen schon bekommen.«

Mit dieser kummervollen Bemerkung machte er einen einzigen langen Satz zur Türe, kehrte aber gleich darauf mit einem zweiten wieder zurück.

»Ich weiß nicht, wer oder was sie sein mag«, brummte er, »aber ich bedauere sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Ach, wenn ich nur helfen könnte! Aber das ist leider ebenso wenig möglich wie bei den andern hundert Teufeleien, die hier jeden Tag gegen irgend jemand ausgeheckt werden, wenn auch vielleicht keine davon so niederträchtig ist wie diese. Aber das gehört eben zu meinen Leiden. Sie natürlich machen sich nichts daraus, ob ich die Sache jetzt weiß oder nicht. Die Sache steht für sie dadurch nicht schlimmer, obgleich sie mir ebenso nahe ans Herz geht wie ihnen, wenn auch in anderem Sinn. Gride und Nickleby, ein hübsches Paar! O diese Schurken!«

Mit einem kräftigen Schlag auf die Wölbung seines mißhandelten Hutes bei jedem seiner Worte entfernte er sich ein wenig schwankend, da er in seinem Versteck die Taschenpistole ein wenig zu oft zu Rate gezogen.

Ralph Nickleby und Gride hatten sich mittlerweile in dasselbe Haus begeben, in dem Nikolas erst vor ein paar Tagen zum erstenmal gewesen war und den alten Mr. Bray kennengelernt hatte. Madeline war nicht zu Hause, und Ralph Nickleby manövrierte mit so meisterhafter Geschicklichkeit, daß der Zweck ihres Besuches bald kein Geheimnis mehr für den Kranken war.

»Da sitzt er, Mr. Bray«, sagte Ralph, als sich der Patient erstaunt in seinem Sessel zurücklehnte und bald ihn, bald Gride mit aufgerissenen Augen anstarrte. »Hat er das Unglück gehabt, die eine Ursache Ihres Aufenthalts hier zu sein – so bin ich die zweite. Man muß leben, das wissen Sie. Sie sind zu sehr Weltmann, als daß Sie die Sache nicht in ihrem richtigen Lichte sehen sollten. Wir bieten Ihnen heute dafür das beste Entgelt an, das uns zu Gebote steht. Was sage ich. Entgelt! Es handelt sich hier um einen Heiratsantrag, bei dem so mancher reiche und angesehene Vater vor Freuden einen Luftsprung machen würde, wenn er seiner Tochter gälte. Mr. Arthur Gride besitzt ein fürstliches Vermögen, bedenken Sie, was das besagen will.«

»Meine Tochter, Sir«, erwiderte Bray hochmütig, »würde mit der Erziehung, die ich ihr habe zuteil werden lassen, ein reiches Gegengewicht für das größte Vermögen sein, das ihr überhaupt ein Mann für ihre Hand anbieten kann.«

»Dasselbe, was ich Ihnen gesagt habe«, fiel Ralph schlau ein und wendete sich an seinen Geschäftsfreund Mr. Gride, »dasselbe, was mich die Angelegenheit als leicht zu erledigen betrachten läßt. Auf keiner Seite eine Verbindlichkeit. Sie haben Geld, und Miss Madeline ist schön und hat ihren Wert in sich selbst. Sie ist jung, und Sie haben Geld. Sie hat kein Geld, und Sie sind nicht jung. So gleicht sich's aus. Wahrhaftig ein Pärchen, wie es der liebe Himmel selbst nicht besser hätte zusammenbringen können.«

»Man sagt, Ehen werden im Himmel geschlossen«, fügte Mr. Gride mit einem häßlichen Lauerblick auf seinen zukünftigen Schwiegervater hinzu. »Wenn wir also ein Paar werden, so erfüllt sich nur die Bestimmung.«

»Bedenken Sie ferner, Mr. Bray«, fiel Ralph ein, um statt solcher Argumente mehr irdische Rücksichten ins Spiel zu bringen, »bedenken Sie, was bei der Annahme oder Abweisung der Vorschläge meines Geschäftsfreundes auf dem Spiele steht.«

»Wie kann ich annehmen oder ablehnen? Sie wissen, daß das lediglich Sache meiner Tochter ist«, unterbrach ihn Bray mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er innerlich ganz davon durchdrungen war, daß die Entscheidung darüber doch lediglich ihm selbst zustehe.

»Allerdings«, gab Ralph mit Nachdruck zu, »aber Sie haben doch immerhin das Recht, ihr Ratschläge zu erteilen, ihr die Gründe für und gegen anzuführen und ihr Ihre Wünsche anzudeuten.«

»Meine Wünsche anzudeuten«, murmelte Bray, in dem Stolz, Niedertracht und Selbstsucht miteinander kämpften. »Ich bin ihr Vater – oder vielleicht nicht? Warum sollte ich da andeuten oder so subtil zu Werke gehen? Glauben Sie vielleicht auch wie alle die Freunde ihrer Mutter, die meine Feinde sind – Fluch über sie alle –, sie habe bei dem, was sie für mich geopfert hat, mehr als ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, Sir? Oder sind Sie der Ansicht, mein Unglück wäre ein hinreichender Grund, unsere Verwandtschaftsverhältnisse umzukehren und sie mir gegenüber zur Befehlenden zu machen? – Meinen Wunsch andeuten! – Glauben Sie vielleicht, weil Sie mich an diesem Ort in einem Zustand sehen, der mir kaum gestattet, diesen Stuhl hier ohne Beistand zu verlassen, daß ich ein abhängiger Mensch sei, der weder Mut noch Kraft besäße, was ihm für das Wohl seines Kindes als nötig erscheint – ›anzudeuten‹? Ich dächte wirklich, daß ich mehr Rechte hätte.«

»Verzeihen Sie«, erwiderte Ralph, »hören Sie mich zu Ende. Ich will doch nur sagen, daß es ohne Zweifel so gut wie ein Befehl sei, wenn Sie einen Wunsch auch nur andeuteten.«

»Das will ich meinen«, rief Mr. Bray aufgebracht. »Wenn Sie nicht vielleicht schon zufällig davon gehört haben, so will ich Ihnen nur sagen, daß es eine Zeit gegeben hat, wo ich gegen die ganze Familie ihrer Mutter alles durchgesetzt habe, was ich wünschte, obgleich die Macht und der Reichtum auf ihrer Seite waren. – Einzig und allein durch meinen bloßen Willen.«

»Sie haben mich noch immer nicht zu Ende angehört«, entgegnete Ralph so milde, wie er nur irgend konnte, »Sie sind ein Mann, der dazu befähigt ist, in Gesellschaften zu glänzen, und haben Aussicht, noch lange zu leben – das heißt, wenn Sie in reinere Luft und in ein besseres Klima gebracht werden, wo Sie sich Ihren Verkehr nach Belieben zu wählen imstande sind. Das gesellschaftliche Leben ist Ihr Element, und Sie haben meines Wissens früher keine unbedeutende Rolle darin gespielt. Frankreich und ein Einkommen, von dem Sie dort mit dem nötigen Komfort leben können, würde Sie wieder verjüngen. In ganz London hat man einst von Ihren kostspieligen Passionen gesprochen, und da Sie jetzt aus Ihren Erfahrungen Nutzen ziehen können, das heißt, ein wenig auf anderer Leute Kosten zu leben verstehen, so wird es Ihnen gewiß nicht unmöglich sein, auf einem neuen Schauplatz Ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten abermals entfalten zu können. Und wenn wir die Kehrseite des Bildes betrachten, was blüht Ihnen da? Ich weiß nicht, wo der nächste Kirchhof liegt, aber wo er auch sein mag, ich sehe im Geiste dort bereits einen Grabstein mit einem Datum – vielleicht schon in zwei Jahren von jetzt an, möglicherweise auch erst in zwanzig und so weiter, und so weiter.«

Mr. Bray stützte sich mit dem Ellbogen auf die Armlehne seines Stuhles und bedeckte sein Gesicht mit der Hand.

»Ich spreche ganz offen«, fuhr Ralph fort und ließ sich neben ihm nieder, »weil ich eben stark empfinde. Gewiß liegt es in meinem Interesse, daß Sie Ihre Tochter meinem Freunde zur Frau geben, da er dann meine Forderung an Sie bezahlt. – Ich leugne es nicht und sage es offen heraus, aber welch größeres Interesse haben Sie erst, ihr den Schritt anzuraten! Bedenken Sie das wohl. Vielleicht widerspricht sie, vergießt Tränen, sagt, Mr. Gride wäre zu alt für sie, und hält Tiraden von unwiederbringlich verlorenem Lebensglück – aber wie steht die Sache denn jetzt?« Eine leichte Bewegung von Seiten des Kranken verriet, daß diese Gründe nichts weniger als spurlos an ihm vorübergingen, wie er denn überhaupt Ralph kaum aus den Augen ließ.

»Ich wiederhole, wie steht die Sache denn jetzt?« wiederholte der schlaue Wucherer, »und welche Zukunft blüht ihr? Freilich, wenn Sie stürben, so würden sich Ihre Feinde alle Mühe geben, sie glücklich zu machen, aber sind Sie imstande, einen solchen Gedanken zu ertragen?«

»Nein«, murmelte Bray im Vollgefühl seines Hasses, den er niemals zu unterdrücken vermochte.

»Hab' mir's gedacht«, versetzte Ralph ruhig. »Wenn sie schon von dem Tode irgendeines Menschen Nutzen zieht« – er sagte es mit sehr leiser Stimme – »so sollte es, dächte ich, der ihres Gatten sein. Sehen Sie zu, daß sie nicht den Ihrigen herbeiwünscht. – Was wäre übrigens gegen die Heirat einzuwenden? Daß ihr Bewerber ein alter Mann ist, wäre das einzige. Nun, wie oft verheiraten Eltern von Rang und Familie, die Ihre Entschuldigung nicht haben und im größten Überfluß leben, ihre Tochter an alte, oder was noch schlimmer ist, an junge Männer ohne Kopf und Herz, nur um irgendeine nichtige Eitelkeit zu befriedigen oder Familieninteressen zu fördern oder einen Sitz im Parlament zu behaupten. Beurteilen Sie nicht das Mädchen mit seiner Denkungsart, sondern die Verhältnisse. Ihr gereifter Verstand ist es, der ihr den Weg vorzeichnen muß, und sie wird Ihnen ihr ganzes Leben über dankbar sein.«

»Still still«, rief Mr. Bray, fuhr plötzlich auf und legte Ralph die Hand auf den Mund, »ich höre sie draußen an der Türe.«

In dem Schrecken dieser hastigen Gebärde offenbarte sich der Stachel des Gewissens, fiel für eine Sekunde die dünne Hülle der Sophistik von dem scheußlichen Plane und enthüllte ihn in seiner ganzen Niedertracht und gottlosen Abscheulichkeit. Blaß und zitternd sank der Kranke in seinen Stuhl zurück, Gride drehte verlegen an seinem Hut und wagte es kaum, die Augen vom Boden zu erheben, und selbst Ralph duckte sich einen Augenblick wie ein geprügelter Hund, eingeschüchtert durch die Gegenwart des jungen unschuldigen Mädchens.

Die Wirkung war jedoch ebenso kurz wie plötzlich, und Ralph war der erste, der sich wieder zusammennahm. Er bat Madeline, als er ihre Bestürzung und Unruhe bemerkte, sich nicht aufzuregen, da sie durchaus keinen Grund dazu habe. »Ein plötzlicher Krampfanfall«, setzte er mit einem Blick auf Bray hinzu. »Er ist schon wieder vollkommen wohl.«

So manches harte und weltlich gesinnte Herz hätte weich werden müssen, wenn es Zeuge gewesen wäre, wie das junge und schöne Geschöpf, über dessen künftiges Elend man noch eine Minute vorher beraten, daraufhin ihre Arme um ihres Vaters Nacken schlang und mit Worten zärtlicher Teilnahme und Liebe zu ihm sprach – mit den süßesten, die ein Vater wohl hören oder ein Kind aussprechen kann. Allein Ralph schaute kaltblütig zu, und Arthur Gride, der mit seinen Triefaugen nichts als die Schönheit Madelines sah, ohne eine Spur von dem Geiste, der ihr Inneres erfüllte, zu erkennen, zeigte – allerdings – eine Art phantastischer Wärme, jedenfalls aber nicht jene Glut des Gefühles, die ein Bild wie dieses in einem andern Herzen wohl entzündet hätte.

»Madeline«, murmelte Bray und machte sich sanft los, »laß nur, es hat nichts auf sich.«

»Aber du hattest einen solchen Anfall schon gestern, und es ist schrecklich, dich so leiden zu sehen. Kann ich denn nichts für dich tun?« fragte das Mädchen.

»Vorderhand nicht. Hier sind zwei Herren, Madeline, von denen du den einen schon früher gesehen hast. – Sie pflegte nämlich immer zu sagen, Mr. Gride«, wendete er sich an den Wucherer, »daß Ihre Besuche mich jedesmal kränker machten. Es war das auch ganz natürlich, da sie ja die Art unserer Verbindung und ihre Folgen für mich kannte. Nun, vielleicht ändert sie jetzt ihre Ansicht hinsichtlich dieses Punktes. Sie wissen doch, junge Mädchen haben immer das Recht, ihren Sinn zu ändern. Du bist sehr müde, meine Liebe?«

»Oh, durchaus nicht.«

»Du mußt es sein, du arbeitest zu viel!«

»Ich wollte, ich könnte mehr tun.«

»Ich weiß es, aber du überschätzest deine Kräfte. Dieses jämmerliche Leben voll täglicher Arbeit und Entbehrung ist mehr, als du ertragen kannst. – Ja, bestimmt, mehr, als du ertragen kannst – meine arme Madeline.«

Mit solchen und anderen freundlichen Worten zog Mr. Bray seine Tochter an sich und küßte sie zärtlich auf die Wange. Ralph beobachtete ihn dabei scharf, dann wandte er sich zur Türe und winkte Gride, ihm zu folgen.

»Sie werden uns weitere Nachrichten zukommen lassen, nicht wahr?« fragte er.

»Ja, ja«, versicherte Mr. Bray und schob seine Tochter hastig weg. »In einer Woche. – Lassen Sie mir eine Woche Zeit.«

»Also heute über acht Tage«, wiederholte Ralph zu seinem Geschäftsfreund, »guten Morgen. – Miss Madeline, ich küsse Ihnen die Hand.«

»Geben Sie mir die Hand, Gride«, sagte Mr. Bray und streckte die seine dem sich verbeugenden alten Wucherer hin.

»Ihre Absicht ist zweifellos gut, und ich fühle mich Ihnen sehr verpflichtet. Sie können nichts dafür, daß ich Ihnen Geld schulde. Madeline, liebes Kind, gib Mr. Gride die Hand.«

»O Gott«, krächzte der alte Wucherer, zögerte und trat einen Schritt zurück, »wenn sich die junge Dame herablassen wollte, mir nur die Fingerspitzen –«

Unwillkürlich schreckte Madeline vor der koboldartigen Gestalt des Greises zurück, legte indessen ihre Fingerspitzen in seine Hand, entzog sie ihm jedoch fast augenblicklich wieder. Vergeblich bemühte sich Gride, sie festzuhalten und an seine Lippen zu ziehen. Er küßte deshalb nur seine eigenen Finger mit einem murmelnden Kuß und folgte dann unter vielen verliebten Gesichtsverzerrungen seinem Geschäftsfreunde, der inzwischen die Straße erreicht hatte.

»Nun, was sagt – was sagt – was sagt der Riese zum Zwerg?« fragte er und humpelte an Ralph heran.

»Was sagt der Zwerg zu dem Riesen?« höhnte Ralph, zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte auf den Frager herunter.

»Er weiß nicht, was er sagen soll«, kicherte Arthur Gride, »er hofft und fürchtet – aber ist sie nicht zuckersüß?«

»Ich habe keinen Sinn für Schönheit«, brummte Ralph.

»Aber ich«, jubelte Gride, sich die Hände reibend. »O Gott, wie schön ihre Augen ausgesehen haben, als sie sich herunterbeugte – über ihn herunterbeugte – und die Wimpern! Wie zarte seidene Fransen! Und dann – wie – wie sanft sie mich anblickte.«

»Nicht besonders zärtlich, dächte ich«, sagte Ralph. »Oder meinen Sie?«

»Meinen Sie?« echote der alte Gride. »Aber glauben Sie nicht, daß es gelingen wird, sie so weit zu bringen? – Halten Sie es nicht doch für möglich?«

Ralph blickte ihn verächtlich an, lächelte höhnisch und knurrte durch die Zähne.

»Haben Sie nicht bemerkt, wie er sagte, sie müßte krank sein und es ginge über ihre Kräfte?«

»Ja, ja, und was weiter?«

»Glauben Sie vielleicht, er hätte das je früher zu ihr gesagt? Oder: dies Leben sei mehr, als sie ertragen könne? Seien Sie fest überzeugt, er wird alle Vorkehrungen treffen, ihr Leben in Ihrem Interesse zu verbessern.«

»Halten Sie die Sache also für sicher?« fragte Gride mit seinen Triefaugen blinzelnd.

»Ich bin davon überzeugt. Er bemüht sich bereits, sich selbst zu belügen, sogar vor unsern Augen. Er wird sich einreden, er denke nur an ihren und nicht an seinen eigenen Vorteil. Er spielte den besorgten Vater, und zwar so rücksichtsvoll zärtlich, daß ihn jetzt schon seine Tochter kaum mehr wiedererkannte. Ich sah ganz deutlich eine Träne der Überraschung in ihrem Auge. Aber freilich, es werden binnen kurzem noch ganz andere Überraschungstränen kommen. Kurz und gut, wir können die acht Tage mit Zuversicht abwarten.«

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