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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
projectid0abf21fd
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36. Kapitel

Handelt lediglich von Familienangelegenheiten – Mr. Kenwigs gerät in heftige Aufregung, und Mrs. Kenwigs befindet sich den Umständen angemessen

Es mochte ungefähr sieben Uhr abends sein, und in den engen Straßen in der Nähe von Golden Square dunkelte es bereits, als Mr. Kenwigs mit einem Paar billigen weißen ledernen Handschuhen ausgerüstet – zu vierzehn Pence das Paar – mit wichtiger und ziemlich erregter Miene die Treppe hinunterstieg und sich anschickte, mit einem davon den Türklopfer zu umwickeln.

Als er dieses Geschäft mit größter Sorgfalt erledigt, schloß er die Haustüre hinter sich zu und ging über die Straße hinüber, um sich zu überzeugen, wie sich der umhüllte Türklopfer von weitem ausnehme. Zufrieden und überzeugt, daß man in dieser Art unmöglich etwas Schöneres sehen könne, kam er wieder zurück, rief durch das Schlüsselloch Morlina zu, die Türe zu öffnen, verschwand dann im Flur und ließ sich nicht wieder blicken.

Merkwürdig bei dem ganzen Vorgange war nur, daß Mr. Kenwigs sich so große Mühe gab, gerade diesen Türklopfer zu umwickeln, wo er doch geradeso gut den eines zehn Meilen weit entfernt wohnenden Gentlemans hätte umwickeln können, denn die Haustüre stand für die zahlreichen Insassen stets sperrangelweit offen, so daß der Klopfer überhaupt nie gebraucht wurde. Der erste, der zweite und der dritte Stock hatten außerdem jeder seine eigene Klingel. Die Bewohner im Dachstübchen erhielten niemals Besuch, und wer bei den Parteien im Parterre vorsprechen wollte, brauchte nur geradeaus zu gehen, da die Zimmer auf den Hausflur mündeten und die Küche einen Extraeingang vom Hofe aus besaß. Vom Standpunkte der Notwendigkeit und Nützlichkeit aus betrachtet, war Mr. Kenwigs' Vorgehen daher vollständig unbegreiflich.

Türklopfer können nun aber auch aus andern Gründen als aus denen bloßer Nützlichkeit umwickelt werden, und das war augenscheinlich hier der Fall. In zivilisierten Ländern gilt es als erste Regel, gewisse althergebrachte Formen aufrechtzuerhalten, wenn die Menschheit nicht in die ursprüngliche Barbarei zurückversinken soll. Noch nie hat eine angesehene Dame daher entbunden – ein anständiges Kindbettzimmer ist anders überhaupt kaum denkbar –, ohne daß nicht als Begleitsymbol der Türklopfer vor dem Hause umwickelt worden wäre.

Mrs. Kenwigs war nun eine Dame, der Sitte und Anstand über alles ging, und sie war niedergekommen, und aus diesem Grunde hatte Mr. Kenwigs um den alten pensionierten Türklopfer des Hauses einen weißen ziegenledernen Handschuh gewickelt.

»Ich weiß noch nicht recht«, sagte sich Mr. Kenwigs, als er seinen Hemdkragen ordnend langsam die Treppe hinaufging, »ob ich's nicht in die Zeitung setzen lassen soll, da es ein Knabe ist.«

Die Rätlichkeit dieses Schrittes und die Sensation, die etwas Derartiges voraussichtlich in der Nachbarschaft erregen mußte, genau erwägend, verfügte sich Mr. Kenwigs in das Wohnzimmer, wo verschiedene Diminutiv-Garderobestücke vor dem Kamin hingen und Mr. Lumbey, der Arzt, das Kindchen auf den Armen tanzen ließ – das vorletzte nämlich, nicht das letzte.

»Ein Prachtjunge, Mr. Kenwigs«, sagte Mr. Lumbey, der Doktor.

»Ist das wirklich Ihre Ansicht, Sir?« fragte Mr. Kenwigs.

»Er ist der prächtigste Junge, der mir je in meinem Leben vorgekommen ist«, versicherte der Arzt. »Ich habe bisher noch nie ein solches Kind gesehen.«

Das hörte sich sehr angenehm an und lieferte den schlagenden Gegenbeweis für die übliche Behauptung einer allmählichen Degeneration des Menschengeschlechts. Mr. Kenwigs lächelte.

»Ich habe noch nie ein solches Kind gesehen«, wiederholte Mr. Lumbey, der Doktor.

»Morlina war ebenfalls ein schönes Kind«, sagte Mr. Kenwigs mit einem Untertone von Vorwurf, als ob die Behauptung des Arztes einen versteckten Angriff auf die Familie in sich schlösse.

»Es waren natürlich lauter Prachtsprößlinge«, bestätigte Mr. Lumbey und fuhr fort, Mr. Kenwigs' Kind – das vorletzte – mit gedankenvoller Miene zu hätscheln. Ob er vielleicht dabei nachdachte, in welcher Form er dieses Hätscheln in seine Doktorrechnung hineinschmuggeln könne, weiß natürlich niemand als er selber. Während der kurzen Unterhaltung ihres Vaters mit dem Arzt hatte Miss Morlina als die älteste in der Kinderfamilie und aus diesem Grunde die natürliche Stellvertreterin der Mutter, solange diese das Bett hüten mußte, die drei jüngeren Kenwigs eifrig an den Haaren gezaust und hin und her gepufft, und dieses höchst umsichtige und zärtliche Benehmen entlockte Mr. Kenwigs nicht nur Tränen der Rührung, sondern er sah sich auch zu der Erklärung veranlaßt, daß das Mädchen an Verstand bereits einer erwachsenen Frau gliche.

»Sie wird für den Mann, dem sie einst ihre Hand reichen wird, ein wahrer Schatz sein, Sir«, sagte er halblaut zu dem Doktor. »Ich denke übrigens, sie wird über ihre Verhältnisse heiraten, Mr. Lumbey.«

»Das sollte mich nicht im geringsten wundernehmen«, versetzte der Doktor.

»Haben Sie gesehen, wie sie tanzen kann?« fragte Mr. Kenwigs.

Der Doktor schüttelte den Kopf.

»Oh!« rief Mr. Kenwigs in einem Tone, als ob er den Doktor von Herzen bemitleide. »Dann können Sie sich keine Vorstellung machen, was sie zu leisten imstande ist.«

Die ganze Zeit über war man in dem nächsten Zimmer beständig aus und ein gegangen, und die Tür öffnete und schloß sich wohl zwanzigmal in der Minute, aber jedesmal ganz leise denn Mrs. Kenwigs bedurfte der Ruhe –, und das kleine Kindchen war von einem oder zwei Dutzend weiblicher Abgesandtinnen einer Schar auserlesener Freundinnen gezeigt worden, die sich im Hausflur und um die Haustüre versammelt hatten, um das wichtige Ereignis eingehend zu erörtern. In Wirklichkeit erstreckte sich die Aufregung jedoch über die ganze Straße, und man bemerkte vor dem oder jenem Haus zwei bis drei, ja sogar vier bis fünf Damen – einige derselben in demselben interessanten Zustande, in dem sich Mrs. Kenwigs zuletzt in der Öffentlichkeit gezeigt –, die einander ihre Erfahrungen bei ähnlichen Vorfällen mitteilten. In dem Punkte, daß Mrs. Kenwigs höchst verdienstlich gehandelt habe und es keinen geschickteren und erfahreneren Arzt auf der Welt gäbe als Mr. Lumbey, waren alle sich einig. Mr. Lumbey befand sich unterdessen, wie bereits berichtet, in Mr. Kenwigs' Familienzimmer, spielte mit dem abgesetzten Nesthäkchen und plauderte mit dem Vater. Er war ein untersetzter, rot und bieder aussehender Herr mit einem nicht nennenswerten Hemdkragen und einem Bart, der ungefähr achtundvierzig Stunden alt sein konnte. Doktor Lumbey war allgemein beliebt und grassierte sozusagen in der Nachbarschaft, denn im Lauf der letzten achtundvierzig Stunden hatte man nicht weniger als drei Türklopfer in seinem Bezirk umwickelt.

»Na, Mr. Kenwigs«, meinte Mr. Lumbey, »jetzt sind's ja glücklich sechs; mit der Zeit werden Sie eine ganz hübsche Familie zusammenkriegen.«

»Ich dächte, sechs wären gerade genug«, brummte Mr. Kenwigs.

»Ha, lächerlich, Unsinn«, schalt der Doktor, »nicht halbgenug.«

Er lachte, aber nicht halb soviel wie eine verheiratete Freundin von Mrs. Kenwigs, die gerade aus dem Wochenzimmer kam, um über die Fortschritte dort zu berichten und sich mit einem Schlückchen Grog zu erquicken, und die Bemerkung des Doktors gehört hatte und für einen famosen Witz zu halten schien.

»Zum Glück werden die Kinder im Leben nicht auf den Zufall angewiesen sein«, warf Mr. Kenwigs hin und nahm seine zweite Tochter aufs Knie, »sie haben eine Erbschaft zu erhoffen.«

»Oh!« rief Mr. Lumbey. »Was Sie nicht sagen!«

»Und eine recht hübsche, glaube ich, nicht wahr?« fragte die verheiratete Dame.

»Nun, Madame«, erwiderte Mr. Kenwigs, »es kommt mir eigentlich nicht zu, mich näher darüber auszulassen, zumal es nicht meine Gewohnheit ist, mich meiner Verwandtschaft zu rühmen. Eines kann ich aber wohl sagen: nämlich, daß Miss Kenwigs – oder besser gesagt, jedes meiner Kinder – auf etwa hundert Pfund zu rechnen haben wird, vielleicht sogar auf mehr. Auf weniger wohl keinesfalls.«

»Ein recht hübsches kleines Vermögen«, meinte die verheiratete Dame.

»Ja, ja, Mrs. Kenwigs hat Verwandte«, fuhr Mr. Kenwigs fort, nahm eine Prise aus des Doktors Dose und nieste heftig, da er an Schnupftabak nicht gewöhnt war, »die ganz gut zehn Personen je hundert Pfund testamentarisch verschreiben könnten, ohne daß damit ihr Vermögen erschöpft wäre.«

»Oh. Ich weiß schon, wen Sie meinen«, bemerkte die verheiratete Dame mit verständnisvollem Kopfnicken.

»Ich muß betonen, daß ich keinen Namen genannt habe und auch keinen nennen möchte«, verwies Mr. Kenwigs mit wichtiger Miene, »aber so mancher Freund von mir hat gerade in diesem Zimmer die Bekanntschaft eines nahen Verwandten meiner Frau gemacht, der jeder Familie zur Ehre gereichen würde; mehr will ich nicht sagen.«

»Ich kenne ihn ebenfalls«, sagte die verheiratete Dame mit einem Blick auf Mr. Lumbey.

»Natürlich muß ich es als Vater«, fuhr Mr. Kenwigs fort, »sehr wohltuend empfinden, wenn ich einen solchen Mann meine Kinder lieben und sogar küssen sehe, aber auch für meine Gefühle als Mensch muß es erhebend sein, einen solchen Mann zu kennen, wie es nicht minder meinen Gefühlen als Gatte schmeichelt, einem solchen Manne das jetzige freudige Ereignis mitteilen zu können.«

Nachdem Mr. Kenwigs in dieser Weise seinen Gefühlen Luft gemacht, ordnete er die flachsblonden Zöpfe seines zweiten Töchterchens und empfahl ihr, sich gut aufzuführen und nicht zu vergessen, was ihr ihre Schwester Morlina eingeschärft habe.

»Das Mädchen wird wirklich der Mutter von Tag zu Tag ähnlicher«, pries Mr. Lumbey, plötzlich von einer geradezu enthusiastischen Bewunderung für Miss Morlina ergriffen.

»Nicht wahr?« rief die verheiratete Dame. »Ich habe es auch immer gesagt; sie ist ihr leibhaftiges Ebenbild.«

Dann benützte sie, nachdem sie auf diese Art die allgemeine Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen gelenkt, die günstige Gelegenheit, sich abermals an einem Schlückchen Grog – und zwar an einem sehr gehörigen – zu erquicken.

»Ja, ja, eine Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen«, gab Mr. Kenwigs versonnen zu, »aber was war meine Gattin auch für ein Weib, ehe ich sie heiratete! Gott im Himmel! Was war das für ein Weib!« Mr. Lumbey nickte feierlich mit dem Kopf, sichtlich tief davon durchdrungen, daß Mrs. Kenwigs geradezu ein Ausbund von Schönheit gewesen sein mußte.

»Sagen Sie ruhig: eine Fee!« rief Mr. Kenwigs. »Ich habe noch nie ein lebendes Weib gesehen, das so ätherisch gewesen wäre. – Nie! Und das Temperament! So fröhlich und voll Mädchenlaunen und dabei doch so züchtig! Und dann die Figur! Es ist vielleicht heute nicht mehr allgemein bekannt« – Mr. Kenwigs dämpfte seine Stimme fast bis zu vertraulichem Flüstern – »aber ihre schöne Figur war damals so allgemein bekannt, daß sie als Modell für das Hotelholzschild der Britannia in der Halloway Street gewählt wurde.«

»Aber bitte, schauen Sie sie nur an, wie sie jetzt noch ist«, stimmte die verheiratete Dame mit ein, »kein Mensch sieht ihr die sechs Kinder an.«

»Kein Mensch würde es glauben, wenn ich ihm sagte, sie sei Mutter von sechs Kindern«, rief der Doktor.

»Sie sieht eher aus wie ihre eigene Tochter«, überbot ihn die verheiratete Dame.

»Gewiß«, pflichtete Mr. Lumbey bei, »mindestens.«

Mr. Kenwigs war eben im Begriff, wahrscheinlich zur Bekräftigung dieser Ansicht, noch weitere Bemerkungen zu machen, als eine andere verheiratete Dame, die zu Besuch gekommen war, um Mrs. Kenwigs Mut zuzusprechen und das, was an Essen und Trinken vorhanden war, aufräumen zu helfen, den Kopf zur Türe hereinsteckte, um zu melden, daß man unten geklingelt habe und ein Herr draußen sei, der Mr. Kenwigs »in höchst dringlichen Angelegenheiten« zu sprechen wünsche.

Mr. Kenwigs sah schon im Geiste seinen distinguierten Verwandten vor sich und sandte Miss Morlina hinaus, um den Besuch sogleich hereinzuführen.

»Oh, das ist ja Mr. Johnson«, rief er einige Sekunden später, nachdem er sich zur Türe hinausbegeben, um seinen Besuch bereits auf dem oberen Treppenabsatz zu empfangen. »Oh, Mr. Johnson! Wie befinden Sie sich, Sir?«

Nikolas reichte ihm die Hand, küßte seine ehemaligen Schülerinnen der Reihe nach, übergab Morlinas Obhut ein großes Paket mit Spielsachen, verbeugte sich gegen den Arzt und die verheirateten Damen und erkundigte sich mit so viel Teilnahme nach Mrs. Kenwigs, daß es der Wärterin, die gerade hereinkam, um eine geheimnisvolle Mischung in einem kleinen Napf über dem Feuer zu wärmen, tief zu Herzen ging.

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich zu so ungelegener Zeit vorspreche«, entschuldigte er sich, »aber ich erfuhr von dem freudigen Ereignis erst, als ich geklingelt hatte, und meine Zeit ist augenblicklich so sehr in Anspruch genommen, daß ich fürchtete, erst in einigen Tagen wiederkommen zu können.«

»O bitte sehr, Sir«, rief Mr. Kenwigs, »da alles glücklich abgelaufen ist, kann uns, dächte ich, nichts abhalten, ein bißchen miteinander zu plaudern, wie?«

»Sehr gütig«, bedankte sich Nikolas.

In diesem Augenblick meldete eine dritte verheiratete Dame, daß der neugeborene Säugling zu trinken angefangen habe wie ein Alter, worauf die beiden bereits erwähnten verheirateten Damen tumultuarisch zu der Wöchnerin hineinrauschten, um Zeugen dieses seltenen Naturspiels zu sein.

»Eigentlich komme ich«, begann Nikolas, »um einen Auftrag auszurichten, den ich gelegentlich meines Aufenthalts in der Provinz, wo ich einige Zeit zubrachte, zu besorgen übernommen habe.«

»Oh, so, so«, sagte Mr. Kenwigs.

»Ich bin zwar seit einigen Tagen wieder in London, hatte aber bisher keine Gelegenheit, mich meines Auftrags zu entledigen.«

»Hat nichts zu sagen, Sir«, versetzte Mr. Kenwigs. »Es wird keine so dringende Botschaft sein – übrigens eine Nachricht aus der Provinz?« – Er blickte erstaunt auf. – »Das ist sonderbar; ich habe doch gar keine Beziehungen mit der Provinz.«

»Von Miss Petowker«, bemerkte Nikolas.

»Ach so, daher! Ach Gott ja. Nun, Mrs. Kenwigs wird sich freuen, von ihr zu hören – Sie meinen doch Henriette Petowker? Wie wunderlich doch oft der Zufall spielt, daß Sie gerade mit ihr in der Provinz zusammentreffen mußten – ei, ei.«

Als die vier Misses Kenwigs den Namen ihrer Freundin Petowker nennen hörten, umringten sie Nikolas, sperrten Mund und Augen auf und wollten noch mehr hören. Auch Mr. Kenwigs schien ein wenig neugierig zu sein, obwohl er offenbar nichts Schlimmes ahnte.

»Mein Auftrag bezieht sich auf gewisse Familienangelegenheiten«, begann Nikolas stockend.

»Ach, das macht ja nichts«, meinte Mr. Kenwigs mit einem Blick auf Doktor Lumbey, der wie sich jetzt zeigte, etwas vorschnell die Obhut über den vorletzten kleinen Kenwigs übernommen hatte und nun niemand finden konnte, der Lust an den Tag gelegt hätte, ihm seine kostbare Bürde abzunehmen. »Wir sind hier ganz unter Freunden.«

Nikolas räusperte sich ein paarmal und schien sichtlich unschlüssig zu sein, wie er fortfahren solle.

»Henriette Petowker ist in Portsmouth?« half Mr. Kenwigs nach.

»Ja – hem – auch Mr. Lillyvick ist dort.«

Mr. Kenwigs wurde totenblaß, faßte sich jedoch gleich wieder und meinte nur, es sei das wirklich ein höchst sonderbares Zusammentreffen.

»Und er war es, der mir die Botschaft für Sie aufgetragen hat.«

Mr. Kenwigs lebte sichtlich wieder auf. Mr. Lillyvick wußte, daß sich seine Nichte in delikaten Umständen befand, und ließ ohne Zweifel sagen, man möge ihm über alle Einzelheiten berichten. – Ja, ja, so mußte es sein. – Wie gütig von ihm, das sah ihm wieder so recht ähnlich.

»Er hat mir aufgetragen, Sie herzlichst zu grüßen«, stotterte Nikolas.

»Ich danke, ich danke; ich bin ihm sehr verbunden – euer Großonkel, Mr. Lillyvick, meine Kinder«, wendete sich Mr. Kenwigs erläuternd zu seinen Mädchen, »läßt mich grüßen«.

»Läßt Sie herzlich grüßen«, nahm Nikolas seinen Bericht wieder auf, »und Ihnen sagen, es sei ihm unmöglich gewesen zu schreiben; er – er ließ sich übrigens vor einigen Tagen mit Miss Petowker trauen«, platzte er heraus.

Mit verglastem Blick fuhr Mr. Kenwigs von seinem Sessel auf, krampfte seine Finger in die blonden Flechten seiner zweiten Tochter und verhüllte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Morlina fiel steif und starr in ihren Kinderstuhl, wie sie ihre Mutter in Ohnmächten hatte hinsinken sehen, und die beiden andern kleinen Kenwigsmädchen heulten jämmerlich auf.

»Meine Kinder, meine betrogenen, meine schändlich hintergangenen Kinder«, ächzte Mr. Kenwigs und zerrte vor Wut unwillkürlich seine zweite Tochter so heftig an ihrem Flachszopf, daß sie einige Sekundenlang auf den Zehenspitzen schwebte, »der Schurke, der Esel, der niederträchtige Verräter!«

»Um Gottes willen«, schrie die Wärterin unwillig auf, »haben Sie denn den Verstand verloren? Was machen S' denn für an Lärm.«

»Still, Weib!« zürnte Mr. Kenwigs.

»Ja was fällt denn Ihna ein«, remonstrierte die Wärterin. »Halten S' selbst lieber den Mund, Sie Unmensch. Haben Sie denn gar keine Rücksicht für das Neugeborene?«

»Nein«, schäumte Mr. Kenwigs.

»Schämen Sie sich«, kreischte die Wärterin. »Pfui, Sie Ungeheuer.«

»Mag es sterben«, raste Mr. Kenwigs in sinnloser Wut. »Mag es sterben. Es hat keine Aussichten mehr im Leben, es hat auf keine Erbschaft zu rechnen. – Wir brauchen nichts Neugeborenes jetzt«, wütete er weiter. »Weg damit – hinaus damit – ins Findelhaus.«

Und dann warf sich Mr. Kenwigs trotzig in einen Stuhl. Die Wärterin eilte in das anstoßende Zimmer und kehrte mit einer ganzen Schnur von Matronen zurück, um ihnen in einem Strudel von Worten auseinanderzusetzen, daß Mr. Kenwigs gotteslästerliche Aussprüche gegen seine Familie getan habe und offenbar verrückt geworden sei.

Der äußere Schein sprach allerdings gegen den Trefflichen, denn der Sturm in seinem Innern und gleichzeitig der Zwang, seine Wutausbrüche aus Rücksicht für die Wöchnerin nebenan zurückdämmen zu müssen, hatte verursacht, daß er fast blauschwarz im Gesicht geworden war; und dazu kam noch, daß sowohl die Aufregung des Tages wie der ungewohnte Genuß verschiedener kräftiger Herzstärkungen, mit denen er das freudige Ereignis gefeiert, seinen Zügen an und für sich schon ein etwas gedunsenes Aussehen verlieh. Als aber Nikolas und der Arzt, die sich anfangs beide passiv verhalten hatten – in der Annahme, Mr. Kenwigs übertreibe vielleicht absichtlich in seiner Wut – nunmehr den Zusammenhang der Sache klarmachten, verwandelte sich die Entrüstung der alten Damen in Mitleid, und sie flehten den sechsfachen Vater aufs teilnehmendste an, sich doch zu beruhigen und zu Bett zu gehen.

»Und die Aufmerksamkeiten!« stöhnte Mr. Kenwigs mit einem Jammerblick. – »Die Aufmerksamkeiten, die ich diesem Menschen erwiesen habe! Die Menge Austern, die er bei mir gefressen, und die vielen Flaschen Ale, die er hier gesoffen hat –«

»Es ist allerdings eine schwere Prüfung, das wissen wir wohl«, tröstete ihn eine der verheirateten Damen, »aber denken Sie an Ihre liebe arme Frau.«

»Ja, ja, und was sie alles heute ausgestanden hat«, riefen sämtliche Matronen durcheinander.

»Und die Geschenke, die wir ihm gemacht haben«, fuhr Mr. Kenwigs mit erlöschender Stimme fort. »Die Pfeifen und Schnupftabaksdosen, die ich ihm gedrechselt habe, und dann das Paar Gummigaloschen, das allein sechs Schillinge und sechs Pence kostete –«

»Ja, ja, es ist schauderhaft«, riefen sämtliche Damen, »aber es wird ihm schon vergolten werden. Sorgen Sie nicht.«

Mr. Kenwigs warf nur einen düstern Blick auf die Damen, stützte den Kopf auf die Hand und verfiel in Lethargie.

Die würdigen Matronen fingen an, zu beraten, ob es nicht das gescheiteste sei, den guten Mann zu Bett zu bringen; es würde am nächsten Morgen schon wieder besser mit ihm sein. Sie wüßten ja aus eigener Erfahrung, wie erschütternd Ereignisse wie die heutigen auf Ehemänner wirken. Mr. Kenwigs mache sein Zustand nur Ehre, denn man könne daraus mit Freude entnehmen, welch gutes Herz er besäße. Und dann erzählte eine Dame einen Fall, der ganz auf den gegenwärtigen passe, nämlich, daß ihr Mann bei ähnlichen Anlässen ihrerseits ganz außer sich geraten und einmal gelegentlich der Geburt »ihres Letzten« beinahe eine ganze Woche lang nicht mehr zum Bewußtsein gekommen sei. Endlich meldete Morlina, die ganz vergessen hatte, daß sie eigentlich ohnmächtig war, als sie bemerkte, daß man nicht auf sie achtete, das Zimmer stehe für ihren Vater bereit; und Mr. Kenwigs ließ sich, nachdem er seine vier Töchterchen mit inbrünstigen Umarmungen fast erstickt hatte, von dem Arzt und Nikolas die Treppe hinaus nach dem Interimsschlafzimmer führen, das während der Kindbettepoche für ihn hergerichtet worden war.

Als Nikolas ihn glücklich versorgt hatte und laut schnarchen hörte, verteilte er zur Freude sämtlicher kleinen Kenwigs die Spielsachen und verabschiedete sich. Die Matronen entfernten sich gleichfalls – eine nach der andern; nur so ungefähr sechs oder acht besonders intime Freundinnen Mrs. Kenwigs' blieben, um bei der Wöchnerin zu wachen. Die Lichter in den Häusern hinter den Fenstern erloschen allmählich, und das letzte Bulletin lautete dahin, daß sich Mrs. Kenwigs außer jeder Gefahr und den Umständen angemessen wohl befinde.

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