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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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35. Kapitel

Smike wird Mrs. Nickleby und Kate vorgestellt. Auch Nikolas macht neue Bekanntschaften, und die Zukunft scheint sich für seine Familie aufhellen zu wollen

Nachdem Nikolas seine Mutter und Schwester im Hause der gutmütigen Miss La Creevy untergebracht und sich die Überzeugung verschafft hatte, daß Sir Mulberry nicht direkt in Lebensgefahr schwebte, wendete er seine Sorgfalt wieder dem armen Smike zu, der die ganze Zeit über äußerst bekümmert in der Wohnung Newman Noggs' geblieben war und trostlos auf weitere Nachrichten von seinem Beschützer wartete. »Er gehört nun mal mit zu unserem kleinen Haushalt, wo wir auch immer wohnen und welches Schicksal uns auch bevorstehen mag«, sagte sich Nikolas, »und daher ist es auch meine Pflicht, den armen Jungen, wie es sich gehört, vorzustellen. Kate und meine Mutter werden schon um seiner selbst willen gütig gegen ihn sein, und sollte seine Persönlichkeit selbst nicht ausreichen, ihm ihr Wohlwollen zu sichern, so werden sie doch um meinetwillen ein Auge zudrücken.«

In Wirklichkeit erstreckten sich Nikolas' Bedenken aber nur auf seine Mutter, denn Kates war er sicher. Was seine Mutter anbelangte, so kannte er ihre Eigenheiten und war daher nicht so ganz überzeugt, ob Smike in ihren Augen würde bestehen können. »Aber liebgewinnen muß sie ihn«, sagte er sich, als er auf dem Wege zu ihnen war, »sobald sie erkennt, wie treu und anhänglich er ist. Und da sie sich darüber bald im klaren sein wird, kann seine Prüfungszeit nicht lange dauern.«

»Ich fürchtete schon«, rief Smike, überfroh, seinen Beschützer wiederzuhaben, »es könne Ihnen abermals eine Unannehmlichkeit zugestoßen sein. Die Minuten vergingen wie die Stunden, und ich hatte schon große Angst, Sie vielleicht gar nicht mehr wiederzusehen.«

»Gar nicht mehr wiederzusehen?« lachte Nikolas. »Du kannst sicher sein, so leicht wirst du mich nicht los. Ich werde immer und immer wieder an die Oberfläche kommen, und je tiefer man mich hinunterstößt, desto rascher werde ich wieder emporschnellen. Aber komm jetzt, Smike, ich bin hier, um dich mit nach Hause zu nehmen.«

»Nach Hause?« stotterte Smike und wich schüchtern einen Schritt zurück.

»Jawohl«, sagte Nikolas, ihn am Ärmel fassend, »warum erschrickst du so darüber?«

»Das Wort ›nach Hause‹ erweckt die Erinnerung an Hoffnungen in mir, die ich so viele Jahre lang hindurch hegte. Ich sehnte mich nach Hause, bis ich vor Müdigkeit einschlief, und siechte dahin vor Gram, aber jetzt –«

»Nun, was jetzt?« fragte Nikolas, dem armen Burschen freundlich ins Gesicht blickend. »Was wolltest du sagen, lieber Freund?«

»Ich könnte mich eines irdischen Heimes willen von Ihnen niemals trennen«, antwortete Smike, ihm innig die Hand drückend, »einen Fall ausgenommen. – Ich weiß, ich werde nicht alt werden, und wenn Sie mich dann begrüben und ich mir denken könnte, bevor ich stürbe, daß Sie zuweilen kommen werden und mein Grab mit Ihrem gütigen Lächeln ansehen – im Sommer, wo alles lebt und webt und nicht tot ist, wie ich es sein würde –, zu einer solchen Heimat könnte ich wohl ohne Tränen ziehen.«

»Warum sprichst du so, armer Junge, wo wir doch glücklich miteinander leben werden?« rief Nikolas vorwurfsvoll.

»Ich würde dann verändert sein, nicht die um mich her, und wenn man mich auch vergäße, ich würde nichts davon wissen«, antwortete Smike bewegt. »Im Grabe sind wir alle gleich, aber hier auf Erden ist niemand wie ich. Ich bin nur ein armes, einfältiges Geschöpf, aber das begreife ich sehr wohl.«

»Ja, ein albernes, einfältiges Geschöpf bist du«, rief Nikolas fröhlich, um ihn aufzumuntern. »Wenn du das sagen willst, so müßte ich dir recht geben. So eine Jammermiene für eine Damengesellschaft, und noch obendrein, wo meine hübsche Schwester dabei sein wird, nach der du so oft gefragt hast! Ist das vielleicht Yorkshirer Galanterie? Pfui, schäme dich!«

Smikes Mienen wurden heiterer, und er lächelte. »Wenn ich von einem Zuhause spreche«, fuhr Nikolas fort, »so spreche ich von ›meinem‹ Zuhause, das natürlich auch das deinige ist. Allerdings, wenn du dabei an ein Besitztum von vier Mauern und einem Dach darauf denkst, dann wäre ich, weiß Gott, recht verlegen, dir zu sagen, wo es liegt. Aber das ist es nicht, was ich meine. Wenn ich von meinem Zuhause spreche, so habe ich dabei den Ort im Sinne, wo vorläufig, wo wir noch nichts Besseres haben, die, die ich liebe, beisammen wohnen; und wäre dieser Ort ein Zigeunerzelt oder eine Scheune, ich würde ihm doch denselben teuern Namen geben. Was daher mein jetziges ›Zuhause‹ anbelangt, so wird es dich weder durch seine Größe noch seine Pracht erschrecken, wie großartig du dir auch alles vorstellen magst.«

Dabei nahm Nikolas den Arm seines Schützlings, führte ihn nach Miss La Creevys Heim und erzählte ihm unterwegs noch allerlei, was ihn unterhalten oder aufmuntern konnte.

»Also dies, Kate«, stellte er Smike seiner Schwester vor, als er in das Zimmer trat, wo sie und seine Mutter wohnten, »dies ist der treue Freund und wackere Reisegefährte, auf dessen Empfang ich dich vorbereitet habe.«

Anfangs war Smike wohl recht blöde, linkisch und furchtsam, aber Kate trat so freundlich auf ihn zu und sagte ihm mit ihrer süßen Stimme, wie sehr sie sich nach allem, was ihr ihr Bruder erzählt, gesehnt habe, ihn kennenzulernen, und wie dankbar sie ihm wäre für sein treues Ausharren bei Nikolas, trotz aller schweren Prüfungen, daß er anfing, ganz zweifelhaft zu werden, ob er weinen solle oder nicht, und nur noch verwirrter wurde. Schließlich gelang es ihm jedoch, mit gebrochener Stimme zu stammeln, Nikolas sei sein einziger Freund, für den er gern sein Leben hingeben wolle, wenn ihm dadurch geholfen sei. Und Kate schien in ihrer Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit seine Verwirrung und Angst gar nicht zu bemerken, so daß er bald gefaßter wurde und anfing, sich nach und nach heimisch zu fühlen.

Dann kam Miss La Creevy herein, der Smike ebenfalls vorgestellt wurde. Und auch sie war sehr freundlich und wunderbar gesprächig, wenn auch nicht direkt Smike gegenüber, den das anfangs natürlich beunruhigt haben würde, so doch gegen Nikolas und seine Schwester. Erst nach einer Weile zog sie dann und wann Smike mit ins Gespräch, fragte, ob er Sinn für Äußerlichkeiten habe und ob er denke, daß das Bild in der Ecke ihr gliche, und ob er nicht der Ansicht wäre, es würde hübscher gewesen sein, wenn sie sich zehn Jahre jünger gemalt hätte, und ob er nicht im allgemeinen glaube, daß junge Damen auch auf Gemälden, ebenso wie in Wirklichkeit, besser aussähen als alte.

Solche und ähnliche kleine Scherze und launige Bemerkungen brachte sie mit soviel Humor und Freundlichkeit vor, daß Smike sich innerlich sagte, sie sei wohl die liebenswürdigste Dame, die er je gesehen – sogar noch gewinnender als Mrs. Grudden von der Truppe des Mr. Vincent Crummles, die doch gewiß anziehend genannt werden könne.

Nach ungefähr einer Viertelstunde ging die Türe abermals auf, und eine Dame in Schwarz trat herein. Nikolas küßte sie zärtlich, nannte sie »Mutter« und führte sie zu dem Sessel, von dem Smike, als sie eingetreten, aufgestanden war.

»Du bist immer wohlwollend gewesen, wenn du arme und unterdrückte Menschen kennengelernt hast, liebe Mutter«, sagte er, »und ich bin daher überzeugt, daß du auch ihn mit Liebe aufnehmen wirst.«

»Gewiß, gewiß, lieber Nikolas«, versicherte Mrs. Nickleby, faßte Smike scharf ins Auge und verneigte sich mit mehr Grandezza, als gerade notwendig gewesen wäre, gegen ihn; »natürlich hat jeder Freund von dir – wie es übrigens auch ganz in der Ordnung ist – Ansprüche an mich, und es gewährt mir selbstverständlich ein großes Vergnügen, jemand kennenzulernen, an dem du Anteil nimmst – das kann doch gar keinem Zweifel unterliegen – ganz und gar nicht – oh, nicht im mindesten. – Allerdings muß ich hinzusetzen, lieber Nikolas, wie ich auch oft zu deinem armen seligen Papa zu sagen pflegte, wenn er Herren zum Essen mitbrachte und nichts im Hause war, daß er, wenn er vorgestern gekommen wäre – nein, ich meine nicht vorgestern, sondern ich wollte sagen, wenn er vor etwa zwei Jahren gekommen wäre, so hätten wir ihn gewiß besser bewirten können.« Nach diesen etwas schwülstigen Bemerkungen wendete sich Mrs. Nickleby zu ihrer Tochter und fragte sie mit hörbarem Flüstern, ob der Herr die ganze Nacht dableiben werde.

»Denn wenn es der Fall ist, liebe Kate«, sagte sie, »so wüßte ich wirklich nicht, wo wir ihn hinlegen sollten.«

Kate beugte sich zu ihr und flüsterte ihr, ohne eine Spur von Verdruß oder Verlegenheit blicken zu lassen, ein paar Worte ins Ohr.

»Aber Kate, du kitzelst mich ja!« rief Mrs. Nickleby und fuhr zurück. »Das begreife ich doch selbstverständlich, ohne daß du mir's zu wiederholen brauchst. Ich habe Nikolas bereits dasselbe gesagt, und, wirklich, ich bin sehr erfreut. Aber lieber Nikolas«, wendete sie sich an ihren Sohn und ließ jetzt ihre steife Miene ein bißchen fallen, »ich weiß noch immer nicht, wie dein Freund heißt.«

»Er heißt Smike«, sagte Nikolas.

Die Wirkung dieser Worte war höchst merkwürdig. Kaum war der Name gefallen, als Mrs. Nickleby in einen Stuhl sank und in einen Strom von Tränen ausbrach.

»O Gott, was gibt's denn?« rief Nikolas und eilte ihr zu Hilfe.

»Es klingt ganz wie Pyke«, jammerte Mrs. Nickleby, »ganz wie ›Pyke‹, weiter nichts. O Gott, rede jetzt nicht mit mir; es wird mir bald wieder besser sein.«

Nachdem die würdige Witwe alle Symptome eines langsamen Erstickungstodes durch alle Stadien durchgemacht und aus einem großen Glas mit Wasser einen Teelöffel zu sich genommen, das übrige aber verschüttet hatte, wurde ihr glücklicherweise wieder besser, worauf sie mit schwachem Lächeln bemerkte, »sie sähe ein, daß sie eine Törin sei«.

»Aber es ist eine Familienschwäche«, erklärte sie, »und deshalb brauche ich mich ihrer nicht zu schämen. Deine Großmama, Kate, war ebenso – genau ebenso. Die kleinste Aufregung, die geringste Überraschung, und sofort wurde sie ohnmächtig. Wie oft und oft habe ich erzählen hören, daß sie einmal – noch vor ihrer Verheiratung – um eine Ecke in der Oxford Street gebogen und gegen ihren eigenen Friseur angerannt sei, der, wie sie glaubte, vor einem ausgebrochenen Bären davonlief, und der bloße Anprall an ihn bewirkte, daß sie sofort in Ohnmacht fiel. – Aber wart einmal«, setzte sie hinzu und hielt ein wenig inne, um sich zu besinnen, »warte einmal, ob ich mich doch nicht irre. War es der Friseur, der vor dem Bären davonlief, oder der Bär, der vor dem Friseur floh. Ich kann mich wirklich nicht mehr genau besinnen. Ich weiß nur, daß der Friseur ein sehr hübscher Mann und höchst gentlemanisch in seinen Manieren war, so daß es also wohl der Bär gewesen sein muß.«

Mrs. Nickleby war, ohne sich darüber klar zu sein, wieder so ganz in ihre Gewohnheit verfallen, Reminiszenzen auszugraben, daß sie im Verlauf der Unterhaltung, bei der noch eine ganze Menge genau so wenig zur Sache passende Histörchen zum Vorschein kamen, immer heiterer wurde.

»Mr. Smike ist aus Yorkshire, lieber Nikolas, nicht wahr?« fragte sie nach dem Mittagessen, als sie eine Zeitlang unbegreiflicherweise still geschwiegen hatte.

»Allerdings, liebe Mutter. Ich sehe, du hast seine traurige Geschichte nicht vergessen.«

»O Gott, nein«, rief Mrs. Nickleby. »Wahrhaftig eine traurige Geschichte! – Haben Sie vielleicht einmal bei der Familie Grimble von Grimble Hall irgendwo da unten gespeist, Mr. Smike? – Ein sehr angesehener Mann, der Sir Thomas Grimble! Er und seine sechs erwachsenen ungemein liebenswürdigen Töchter hatten den schönsten Park in der ganzen Grafschaft.«

»Aber, liebe Mutter«, gab ihr Nikolas zu bedenken, »glaubst du wirklich, daß das unglückliche Opfer einer Yorkshirer Schule viele Einladungen von dem Adel des Landes erhalten konnte?«

»Aber, mein Junge, ich sehe doch nicht ein, was da Außerordentliches daran wäre!« entschuldigte sich Mrs. Nickleby. »Ich erinnere mich ganz genau, daß ich, als ich noch in die Schule ging, wenigstens zweimal in jedem halben Jahr zu der Familie Hawkins in Taunton Vale kam, die noch viel reicher sind als die Grimbles und übrigens mit ihnen verschwägert. Du siehst daraus, daß etwas Derartiges durchaus nicht so unmöglich ist«

Der Triumph, ihren Sohn so glänzend seines Irrtums überwiesen zu haben, machte einen solchen Eindruck auf sie, daß plötzlich eine derartige Vergeßlichkeit über sie kam, daß sie sich auf Smikes Namen gar nicht mehr besinnen konnte und eine unwiderstehliche Neigung an den Tag legte, ihn »Mr. Slammons« zu nennen. Sie entschuldigte sich dabei jedesmal damit, daß die merkwürdige Ähnlichkeit, die diese beiden Namen miteinander hätten, da sie beide mit einem »S« anfingen und überdies ein »m« enthielten, sie immer dazu verleite.

Das alles aber störte Smike durchaus nicht, Mrs. Nickleby bewundernd zuzuhören, wodurch er denn auch in ihrer Gunst außergewöhnlich stieg und sie veranlaßte, über sein Benehmen und seinen Charakter die vorteilhaftesten Urteile abzugeben.

So verblieb der kleine Kreis auf dem freundschaftlichsten und gemütlichsten Fuß bis zum Montagmorgen, wo sich Nikolas auf kurze Zeit separierte, um über seine Lage ernstlich nachzudenken und wegen einer Laufbahn nachzugrübeln, die ihn instand setzen könne, seine Familie, die jetzt gänzlich von ihm abhing, zu unterstützen.

Mehr als einmal fiel ihm dabei das Ensemble Mr. Crummles' ein; aber obgleich Kate seine ganze Geschichte und seine frühere Stellung bei der Schauspielertruppe kannte, so war dies doch bei seiner Mutter nicht der Fall, und er sah voraus, daß er von dieser Seite die verdrießlichsten Einwendungen gegen das Komödiantenleben zu gewärtigen habe. Aber auch noch andre und gewichtigere Gründe hielten ihn ab, zur »Bühne« zurückzukehren. Abgesehen von dem kümmerlichen und unsicheren Erwerb und seiner eigenen festen Überzeugung, daß er – nicht einmal als Schauspieler in der Provinz – je etwas Besonderes leisten werde können: wie durfte er seine Schwester von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort mit sich herumführen, ohne sie dabei von der Berührung mit Menschen ausschließen zu können, mit denen er fast täglich zusammenzukommen genötigt sein mußte.

»Nein, es geht nicht«, sagte er sich kopfschüttelnd. »Ich muß etwas anderes versuchen.«

Aber dieser Plan war leichter gefaßt als ausgeführt. Was konnte er anfangen angesichts seiner geringen Weltkenntnis, die er sich in den paar Monaten Lehrzeit erworben, und bei seinem ungestümen Charakter, der wohl seinem Alter natürlich war, aber nur eine Klippe beim Vorwärtskommen bedeutete. Und dann – mit seinem geringen Vorrat an Geld und einem noch geringeren an Freunden!

»Ach was«, sagte er sich schließlich; »ich mache eben noch einen Versuch bei dem Stellenvermittlungsbureau.«

Er mußte über sich selbst lachen, als er raschen Schrittes das Haus verließ, denn noch einen Augenblick vorher hatte er sich seinen Hang zur Übereilung zum Vorwurf gemacht. Aber es half ihm nichts; einige Schritte weiter, und schon wieder malte er sich alle möglichen glänzenden Möglichkeiten und ein großes Glück aus, das ihm unvermittelt in den Weg kommen werde.

Das Dienstvermittlungsbureau sah noch genauso aus wie das letzte Mal und schien sogar – mit ein oder zwei Ausnahmen – ganz dieselben Plakate in den Fenstern zu enthalten, die er bereits damals gelesen. Da waren dieselben tadellosen Herrschaften, die tugendhafte Dienstboten, und dieselben tugendhaften Dienstboten, die tadellose Herrschaften suchten. Dieselben herrlichen Besitztümer, auf die man Geld aufnehmen wollte, und genau dieselben ungeheuren Summen, die irgend jemand auf gute Hypotheken auszuleihen vorhatte – kurz, es wimmelte von Hinweisen auf alle Arten von Menschen, die ihr Glück machen wollten.

Als Nikolas stehenblieb, um sich das Fenster näher zu betrachten, blieb wie zufällig ein alter Herr gleichfalls stehen und musterte ihn genauer, vielleicht weil ihn sein Gesicht im Reflex der Fensterscheiben sympathisch berührte.

Es war ein untersetzter alter Herr mit einem breitschößigen blauen Frack von weitem bequemem Schnitt ohne Taille, braunen Hosen und hohen Gamaschen und auf dem Kopf einen breitkrempigen niedrigen Hut, wie ihn reiche Ökonomen zu tragen pflegen. Er hatte seinen Frack zugeknöpft, und sein Doppelkinn ruhte in den Falten einer weißen Halsbinde, nicht etwa einer jener steifen, gestärkten, Schlagfluß befördernden Krawatten, sondern eines guten altmodischen behaglichen weißen Halstuches, in dem man schlafen gehen kann, ohne die geringste Unbequemlichkeit zu empfinden. Was aber Nikolas' Aufmerksamkeit am meisten auf sich lenkte, war das Auge des alten Herrn, denn nicht so leicht gab es wohl ein klareres, freundlicheres, ehrlicheres, heitereres und glücklicheres Auge als dieses. Da stand der alte Herr vor dem Fenster, den Blick ein wenig aufwärts gerichtet, die eine Hand in der Brust seines Frackes und mit der andern mit einer altmodischen alten Uhrkette spielend, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und den Hut ein wenig aufs Ohr geschoben – offenbar zufällig, denn Gewohnheit war es nicht, das sah man – und mit einem so herzerquickenden Lächeln um den Mund und einem so komischen Ausdruck von Schlauheit, Einfalt, Herzensgüte und fröhlicher Laune in dem heiteren alten Gesicht, daß ihn Nikolas bis zum Abend hätte ansehen können und ganz darüber vergessen, daß es sauertöpfische und unfreundliche Gesichter auf der Welt gäbe, die einem überall auf Erden in den Weg laufen.

Der alte Herr schien es anfangs nicht zu bemerken, daß man ihn beobachtete, endlich aber blickte er doch zur Seite und nach Nikolas, der daraufhin, um keinen Anstoß zu erregen, sogleich seine Fensterschau wieder aufnahm.

Immer noch blieb der Fremde stehen, um ein Plakat nach dem andern durchzulesen, und Nikolas konnte sich nicht enthalten, ihn abermals neugierig anzuschauen. In den merkwürdigen, seltsamen Zügen und im ganzen Wesen des alten Herrn lag etwas so unbeschreiblich Anziehendes, soviel auf innern Wert Hindeutendes, und um seine Mund- und Augenwinkel tanzten so viele kleine spaßhafte Lichter, daß es eine wahre Freude und Lust war, ihn anzusehen.

Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß der Alte Nikolas mehr als einmal dabei ertappte, wie dieser ihn nicht aus den Augen ließ; und jedesmal errötete Nikolas dann und wurde verlegen, denn es hatte sich nachgerade in ihm der Gedanke festgesetzt, der Fremde suche vielleicht einen Sekretär oder sonst eine Hilfskraft, und es war ihm, als müsse ihm der alte Herr diesen Gedanken geradezu von der Stirne ablesen.

Über alldem waren kaum ein paar Minuten vergangen. Als der alte Herr sich schließlich anschickte fortzugehen, begegnete er abermals einem Blick aus Nikolas' Augen, und dieser stotterte verwirrt eine Entschuldigung hervor.

»Macht doch weiter nichts, hat gar nichts zu sagen«, entgegnete freundlich der alte Herr. Seine Worte klangen so herzlich und seine Stimme ganz so, wie man sie von einem so freundlichen Gentleman erwarten durfte, daß Nikolas den Mut faßte, ein paar Worte zu sprechen.

»Eine Menge Gelegenheiten, Beschäftigung zu finden, Sir«, sagte er lächelnd und deutete auf das Fenster.

»Ja, ja; so mancher hat das wohl schon im Ernst geglaubt. So mancher, der den besten Willen hatte und sich nach einer guten Anstellung sehnte«, versetzte der alte Herr. »Arme Burschen – arme Burschen.«

Mit diesen Worten wollte er weitergehen; als er aber sah, daß Nikolas gerade den Mund zu einer Erwiderung öffnete, hielt er gutmütig inne, als sei es durchaus nicht seine Absicht, das Gespräch so kurz abzubrechen.

Nach einigem Zögern, wie man es oft zwischen zwei Menschen bemerkt, die einander zugenickt haben und nicht sicher sind, ob sie auf ihrem Wege umkehren oder sich anreden sollen, befand sich Nikolas an der Seite des alten Herrn.

»Sie wollten etwas sagen, Sir, was war es denn?« fragte der Gentleman.

»Ach, es war weiter nichts; ich hoffte nur – oder vielmehr ich glaubte –, Sie hätten diese Ankündigungen wahrscheinlich nicht ohne Grund durchgelesen«, stotterte Nikolas.

»So? Und aus welchem Grunde wohl glaubten Sie?« entgegnete der alte Herr mit einem freundlich schlauen Blick. »Haben Sie vielleicht geglaubt, ich suche eine Stelle – wie?«

Nikolas schüttelte den Kopf.

»Haha«, lachte der alte Herr und rieb sich fröhlich die Hände, »gewiß nur ein sehr naheliegender Gedanke, wenn man jemand diese Annoncen durchlesen sieht; wahrhaftig, anfangs dachte ich ganz dasselbe von Ihnen.«

»Nun, da waren Sie, wenn Sie dies annahmen, nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt«, entgegnete Nikolas.

»Wie?« rief der alte Herr, Nikolas von Kopf bis zu Füßen musternd. »Was sagen Sie da? Meiner Treu, ein junger Herr, der sich gut aufführt, kann wohl kaum in eine solche Notlage kommen. O nein – nein – nein.« Nikolas verbeugte sich, wünschte dem Gentleman einen guten Morgen und wendete sich zum Gehen.

»Warten Sie doch ein bißchen«, rief dieser und winkte ihn in ein Seitengäßchen, wo sie ihr Gespräch ungestörter fortsetzen konnten. »Was wollten Sie damit sagen? Bitte, erklären Sie sich doch näher.«

»Ich kann eigentlich nur sagen, daß Ihr freundliches Gesicht und Ihr leutseliges Benehmen – ich habe bisher bei niemand auch nur etwas Ähnliches gesehen – mich zu einem Geständnis veranlaßt haben, das ich wohl kaum einem andern Fremden in dieser Wildnis von London gemacht haben würde«, erwiderte Nikolas.

»Wildnis? Ja, da haben Sie recht, das ist es; sehr gut gesagt, London ist eine Wildnis«, rief der alte Herr lebhaft. »Es war auch einmal für mich eine Wildnis. – Ich kam einst barfuß hierher – werde das nie vergessen – Gott sei Dank.«

Mit feierlicher Miene lüftete er den Hut.

»Aber um was handelt sich's bei Ihnen, wo fehlt's Ihnen, wie ging alles zu«, fuhr der alte Herr fort und legte die Hand auf Nikolas' Schulter, während sie zusammen die Straße hinaufgingen.

»Sie sind – wie?« – Er deutete mit dem Finger auf den Flor auf Nikolas' Rockärmel. – »Für wen? – Wie?«

»Ich trage Trauer um meinen Vater.«

»Ah«, sagte der alte Herr hastig; »schlimm für einen jungen Menschen, seinen Vater zu verlieren. – Verwitwete Mutter vielleicht?« Nikolas seufzte.

»Auch Brüder und Schwestern – wie?«

»Eine Schwester«, antwortete Nikolas.

»Das arme Ding – das arme Ding. Sie haben wahrscheinlich eine gute Schule genossen?« fragte der alte Herr mit einem neugierigen freundlichen Blick in das Gesicht seines Begleiters weiter.

»Allerdings, an Erziehung hat es mir nicht gefehlt.«

»Schöne Sache das«, lobte der alte Herr, »Erziehung! Sehr wichtig! Außerordentlich wichtig! – Habe selber keine genossen, – bewundere sie aber desto mehr an andern. – Eine schöne Sache das – Erziehung! Ja, ja, erzählen Sie mir doch mehr von Ihrer Geschichte. Ich möchte alles hören – nicht aus zudringlicher Neugierde – nein, nein, nein.«

Es lag etwas so Kindliches und Unverfängliches, so etwas ganz anderes als konventionelle, geheuchelte Teilnahme in der Art, mit der der alte Herr das alles hervorstieß, daß Nikolas nicht widerstehen konnte. Unter Leuten von gediegenem und gesundem Charakter wirkt nichts so wohltuend als Offenherzigkeit. Auch Nikolas empfand augenblicklich diesen Einfluß und erzählte die Hauptpunkte seiner Geschichte ohne Rückhalt, wobei er bloß die Namen verschwieg und die Art, wie sein Onkel Kate behandelt hatte, so flüchtig wie möglich berührte. Der alte Herr hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und nahm dann Nikolas, als er fertig war, ohne viel Umstände am Arm.

»Kein Wort weiter – kein Wort mehr«, sagte er. »Kommen Sie, wir dürfen keine Minute verlieren.«

Damit zog der alte Herr Nikolas nach der Oxford Street zurück, rief einen Omnibus an, der nach der City fuhr, schob ihn hinein und stieg dann ebenfalls auf.

Da er sich in außerordentlicher Aufregung zu befinden schien und jeden Satz, den Nikolas sprechen wollte, stets mit dem gleichen: »– kein Wort mehr, mein Lieber, bitte kein Wort mehr« unterbrach, so hielt es dieser für das beste, sich stillschweigend zu fügen. So fuhren sie denn recht einsilbig zusammen nach der City; und je weiter sie kamen, desto neugieriger wurde Nikolas, wie wohl dieses Abenteuer enden werde.

Als sie bei der Bank anlangten, stieg der alte Herr mit großer Hast aus, faßte Nikolas abermals am Arm, eilte mit ihm durch Threadneedle Street und einige Durchlässe auf der rechten Seite, bis sie endlich in einen ruhigen freien kleinen schattigen Platz einbogen, wo er ihm in ein sehr altes, aber höchst reinlich aussehendes Haus voranging. Die Türe trug weiter keine Aufschrift als »Gebrüder Cheeryble«, aber ein rascher Blick auf die Adressen auf einigen umherstehenden Kisten ließ Nikolas schließen, daß die Firma Gebrüder Cheeryble sich mit Exporthandel nach Deutschland befasse.

Mr. Cheeryble – denn das schien der alte Herr, wenn nicht alle Anzeichen trügten, zu sein – führte Nikolas durch ein Warenlager, wo alles auf ein höchst umfangreiches Geschäft hindeutete, in ein kleines, durch Verschläge abgeteiltes Kontor, das wie ein großer Glaskasten aussah und in dem so unbelästigt von Staub und Schmutz, als sei das Bureau wirklich ein Glaskasten mit einem Deckel darauf, ein korpulenter ältlicher Buchhalter mit einem dicken runden Gesicht, einer silbernen Brille auf der Nase und einem gepuderten Kopfe saß.

»Ist mein Bruder drin?« fragte Mr. Cheeryble ganz in derselben freundlichen Weise, die er bisher gegen Nikolas bewiesen.

»Jawohl Sir«, antwortete der Buchhalter und richtete seine Brillengläser abwechselnd auf seinen Prinzipal und auf Nikolas, »aber Mr. Trimmers ist bei ihm.«

»So! Und was will er denn, Tim?« fragte Mr. Cheeryble.

»Er hat eine Subskriptionsliste für die Witwe und Familie eines Mannes, der heute morgen in den Ostindien-Docks ums Leben kam, aufgelegt, Sir«, antwortete Tim. »Der Unglückliche wurde durch ein Faß mit Zucker zermalmt, Sir.«

»Trimmers ist ein braver Bursche«, sagte Mr. Cheeryble ernst, »und ein menschenfreundlicher Mann, und ich bin ihm sehr verpflichtet. Trimmers ist wirklich einer unserer besten Freunde, die wir haben, und bringt uns immer etwas, von dem wir sonst nie erfahren hätten. Wirklich, wir können Trimmers nicht genug dankbar sein.«

Dabei rieb sich Mr. Cheeryble erfreut die Hände und faßte Mr. Trimmers, der soeben an der Bureautüre vorüberkam, um das Haus zu verlassen, am Ärmel.

»Tausend Dank, tausend Dank. – Das ist wieder mal hübsch von Ihnen«, lobte er und zog Mr. Trimmers in eine Ecke. »Wieviel Kinder hinterläßt der Mann, und was hat mein Bruder Ned gezeichnet, Trimmers?«

»Sechs Kinder«, antwortete der Gefragte. »Ihr Bruder hat zwanzig Pfund gezeichnet.«

»Mein Bruder Ned ist eine gute Seele, und Sie sind es gleichfalls, Trimmers«, sagte der alte Herr und drückte dem Kollektanten eifrig und voll Wärme beide Hände. »Schreiben Sie mich auch mit zwanzig Pfund auf – oder – warten Sie mal – es könnte protzig aussehen – schreiben Sie lieber mich mit zehn Pfund und Tim Linkinwater ebenfalls mit zehn Pfund auf. – Eine Anweisung von zwanzig Pfund für Mr. Trimmers, Tim! – Gott segne Sie, Trimmers, und kommen Sie doch diese Woche mal zum Mittagessen; Sie sind immer willkommen. – So, lieber Freund, hier ist die Anweisung. O Gott, durch ein Faß mit Zucker zermalmt und sechs arme verwaiste Kinder! – O Gott, welches Unglück.«

So ununterbrochen fortsprechend, um die Dankesbezeugungen Mr. Trimmers' für den hohen Betrag der Gabe abzuschneiden, führte Mr. Cheeryble Nikolas, der durch das, was er in diesen paar Minuten gesehen und gehört, ebenso erstaunt und ergriffen war, zu der halboffenen Türe des anstoßenden Zimmers.

»Lieber Ned«, fragte Mr. Cheeryble und klopfte mit den Fingerknöcheln an, »hast du zu tun, lieber Bruder? – Störe ich vielleicht?«

»Aber, lieber Charles«, rief eine Stimme von drinnen, die der des Fragenden so ähnlich war, daß Nikolas förmlich erschrak, »wie kannst du nur fragen! So komm doch herein.«

Wie erstaunte Nikolas aber erst, als der alte Herr mit ihm ins Zimmer trat und einen andern alten Herrn begrüßte, der genau sein Ebenbild war – dasselbe Gesicht, dieselbe Figur, derselbe Frack, dieselbe Weste, dasselbe Halstuch, dieselben Hosen und Gamaschen, ja sogar an der Wand am Nagel genau derselbe weiße Hut.

Als die beiden Alten einander die Hand schüttelten, leuchteten ihre Gesichter in so zärtlicher Liebe, daß man es bei Kindern nur mit Entzücken hätte ansehen können, die aber bei so alten Leuten etwas unbeschreiblich Rührendes hatte. Bei näherer Betrachtung bemerkte Nikolas, daß der zweite alte Herr nur ein wenig stämmiger, sonst aber genau wie sein Bruder war. Dies und ein kleiner Unterschied in Gang und Haltung war das einzige, wodurch man die beiden auseinanderkennen konnte; und auf den ersten Blick sah man, daß es Zwillingsbrüder sein mußten.

»Lieber Ned«, begann Mr. Cheeryble und schloß die Zimmertüre, »ich habe da einen jungen Freund gefunden, dem wir unbedingt aushelfen sollten. Wir müssen, nicht nur seinetwegen, sondern auch unserthalben, die entsprechenden Nachforschungen anstellen, und wenn sich – wie ich fest überzeugt bin – seine Aussagen bestätigen, so müssen wir ihm unter die Arme greifen – ja, wir müssen ihm unbedingt unter die Arme greifen, lieber Ned.«

»Wenn du so überzeugt bist, lieber Bruder«, erwiderte Ned, »wozu dann weitere Nachfragen? Wir werden ihm einfach helfen. Aber was wünscht er eigentlich, und was braucht er? Wo ist Tim Linkinwater? Er soll hereinkommen.«

Die beiden Zwillingsbrüder sahen einander nicht nur äußerlich aufs Haar ähnlich, sondern da sie fast dieselben Zahnlücken hatten, war auch ihre Artikulation beinahe ganz die gleiche. Es machte den Eindruck, als hätten sie beim Reden ein paar Pflaumen im Munde.

»Wo ist Tim Linkinwater?« fragte Ned.

»Halt, halt, halt«, rief Charles, seinen Bruder beiseite nehmend.

»Mir fällt da etwas ein, lieber Bruder, ich hätte einen Plan. – Tim wird nachgerade ein wenig alt und ist uns stets ein treuer Diener gewesen, lieber Ned. Ich glaube, es genügt nicht, daß wir ihm als Dank für seine langjährigen Dienste für seine Mutter und Schwester ein Jahresgehalt auswarfen und ihm einen kleinen Familiengrabplatz kauften, als sein armer Bruder starb.«

»Nein, nein, nein, gewiß genügt es nicht – gewiß nicht, nicht annähernd – nicht annähernd«, stimmte der andere alte Herr ein.

»Was denkst du also, wenn wir Tim seine Geschäfte ein wenig abnähmen und ihm zuredeten, aufs Land zu gehen oder sich zwei oder drei Tage wöchentlich ein bißchen in der frischen gesunden Luft draußen zu bewegen? Er kann ja ganz gut des Morgens ein paar Stunden später ins Geschäft kommen. Ich glaube, der alte Tim würde sich bald wieder verjüngen«, entwickelte Charles Cheeryble seinen Plan. »Der alte Tim Linkinwater wieder jung! Was meinst du dazu, wie? Erinnerst du dich noch, wie der alte Tim noch ein ganz kleiner Junge war? Haha! Der arme Tim, der arme Tim.«

Und die beiden alten Knaben lachten fröhlich mitsammen, bis ihnen die Tränen im Auge standen.

»Und jetzt höre mal, lieber Ned«, begann der alte Herr wieder hastig und setzte rechts und links neben Nikolas je einen Stuhl. »Ich werde dir die Sache selber erzählen, Ned, denn der junge Herr ist ein bißchen schüchtern und überdies wohlerzogen, Ned, und ich halte es nicht für richtig, daß er uns seine Geschichte noch einmal vorträgt, als ob wir Zweifel darein setzten. Nein, nein, nein.«

– »Nein – nein – nein«, bekräftigte auch der andere. »Ganz recht, lieber Bruder, ganz recht.« –

»Er soll mich aufmerksam machen, wenn ich etwas Falsches sage. Die Geschichte wird dich sehr ergreifen, lieber Bruder. Zumal du dich der Zeit erinnern wirst, wo wir beide zwei freudlose Jungen waren und unsern ersten Schilling in dieser großen Stadt verdienten.«

Schweigend drückten sich die Zwillingsbrüder die Hand, und Charles berichtete in schlichter Weise, was er von Nikolas erfahren hatte. Es folgte sodann eine lange Unterredung und nach dieser eine geheime Besprechung von fast gleicher Dauer zwischen Ned und Tim Linkinwater im anstoßenden Zimmer. Nikolas war so tief ergriffen von der Güte der beiden alten Herrn, daß er bei jedem neuen Beweise von Wohlwollen und Teilnahme nur mit der Hand abwehren konnte und wie ein Kind schluchzen mußte.

Dann kamen Ned Cheeryble und Timotheus Linkinwater zusammen zurück, und letzterer ging sofort auf Nikolas zu und flüsterte ihm kurz ins Ohr – er pflegte nie viel Worte zu machen –, daß er sich seine Adresse auf dem Strand notiert habe und diesen Abend um acht Uhr bei ihm vorsprechen wolle. Sodann wischte er seine Brille ab und setzte sie wieder auf, gleichsam als Vorbereitung für das, was jetzt von Seiten der Gebrüder Cheeryble folgen würde.

»Tim«, begann Charles, »Sie haben gehört, daß wir beabsichtigen, diesen jungen Mann in unser Kontor aufzunehmen?«

Ned erklärte, daß er Tim bereits alles Nähere mitgeteilt habe und dieser vollkommen einverstanden sei. Tim Linkinwater nickte und sagte, er wisse schon, warf sich in die Brust und nahm eine außerordentlich wichtige Miene an, worauf tiefes Schweigen folgte.

»Ich habe nur eins zu sagen. Aus dem ›Jeden-Morgen-ein-paar-Stunden-später-ins-Geschäft-Kommen‹ wird nichts«, brach er dann plötzlich mit entschlossener Miene das Schweigen. »Auch gedenke ich nicht, in frischer Luft zu schlafen und ebensowenig aufs Land zu gehen. Das paßte mir gerade noch.«

»Zum Kuckuck mit Ihrem Eigensinn, Tim Linkinwater«, brach Charles Cheeryble los, jedoch ohne die mindeste Spur von Unwillen oder Verdruß im Gesicht, »zum Kuckuck mit Ihrem Eigensinn, Tim Linkinwater! Was soll denn das wieder heißen?«

»Es sind jetzt vierundvierzig Jahre«, entgegnete Tim, addierte mit der Feder in der Luft eine Kolonne und zog einen Strich darunter, ehe er das Fazit nannte, »künftigen Mai sind's vierundvierzig Jahre, seit ich die Buchhaltung der Gebrüder Cheeryble übernommen habe. Die ganze Zeit über – Sonntag ausgenommen habe ich jeden Morgen das Kontor Schlag neun Uhr aufgesperrt und jeden Abend um halb elf – wenn es viel zu erledigen gab, manchmal erst zwanzig Minuten vor zwölf – alles noch einmal nachgesehen, damit kein Brand entstehen konnte, und keine einzige Nacht anderswo als in dem Dachstübchen hinten geschlafen. Dort stehen noch immer derselbe Resedatopf mitten im Fenster und dieselben vier Blumentöpfe, zwei auf jeder Seite, die ich mitgebracht, als ich hier eintrat. Ich habe es Ihnen schon oft und oft gesagt, und ich lasse mir's nicht nehmen, daß es einen Platz wie den unserigen auf der ganzen Welt nicht wieder gibt. Ja, das weiß ich gewiß«, rief er plötzlich sehr energisch und sah sich würdevoll um. »Es gibt nichts, was ihm gliche, sowohl punkto Geschäft wie punkto Erholung. Auch in ganz England gibt's keinen solchen Brunnen, wie die Pumpe da unten im Torweg, und keine solche Aussicht, wie die aus meinem Fenster. Ich sehe sie doch jeden Morgen, wenn ich mich rasiere, und muß es daher wissen. Ich habe in diesem Zimmer drüben« – er wurde wieder ein wenig beruhigter – »vierundzwanzig Jahre lang geschlafen, und wenn es Ihnen weiter keine Ungelegenheiten macht und dem Geschäft nichts schadet, so möchte ich Sie bitten, daß Sie mich auch dort einmal sterben lassen.«

»Hol Sie der Kuckuck, Tim Linkinwater, was Sie da wieder vom Sterben faseln«, riefen die beiden Brüder wie aus einem Munde und holten dabei gerührt ihre Schnupftücher hervor.

»So, jetzt ist's heraus, Mr. Ned und Mr. Charles«, schloß Timotheus und warf sich von neuem in die Brust. »Es ist nicht das erste Mal, daß Sie davon gesprochen haben, mich unters alte Eisen zu werfen, aber wenn es beliebt, so möchte ich bitten, daß Sie es jetzt das letzte Mal sein lassen und das Thema nicht mehr weiter erwähnen.«

Damit stapfte Timotheus Linkinwater mit der Miene eines Mannes, der seine Meinung offen herausgesagt hat und entschlossen ist, kein Haarbreit nachzugeben, hinaus und schloß sich wieder in seinen Glaskasten ein.

Die beiden Brüder wechselten einen Blick und hüstelten ein halbes dutzendmal, ohne ein Wort zu sprechen.

»Wir müssen etwas mit ihm tun, lieber Ned«, begann Charles nach einer Weile. »Wir müssen ihn, wenn's nicht anders geht, zu unserm Associé machen, lieber Ned, und wenn er nicht gutwillig nachgibt, so müssen wir eben Gewalt anwenden.«

»Sehr richtig«, rief Ned eifrig, »sehr richtig, lieber Bruder. Wenn er auf vernünftige Vorstellungen nichts gibt, so müssen wir unsern Willen einfach durchsetzen und ihm zeigen, daß wir fest entschlossen sind. Wir müssen's ganz einfach auf einen Streit ankommen lassen.«

»Ja, das müssen wir, ja gewiß – auf einen Streit ankommen lassen«, bekräftigte Mr. Cheeryble. »Aber, lieber Bruder, wir halten unsern jungen Freund hier auf, und seine arme Mutter und seine Schwester werden wegen seines Ausbleibens besorgt sein. Wir wollen uns also für jetzt verabschieden – Achtung, die Kiste, lieber Herr – nein, nein, nein, kein Wort – geben Sie acht, daß Sie sich nicht anstoßen – nein, nein –«

Mit solchen und ähnlichen unzusammenhängenden Ausrufen, die alle darauf abzielten, Nikolas zu verhindern, seinen Dank zu stammeln, trieben ihn die beiden Brüder hinaus, ihm unablässig die Hände schüttelnd und so tuend – in der Verstellungskunst hatten sie es allerdings nicht besonders weit gebracht –, als ob sie von den Gefühlen nicht das geringste ahnten, die sein Innerstes erfüllten.

Nikolas war das Herz zu voll, als daß er auf die Straße hätte hinaustreten können, ohne sich vorher ein wenig gesammelt zu haben. Als er aber endlich aus der dunklen Ecke des Torweges, wo er hatte Halt machen müssen, hinausschlüpfte, sah er, wie die beiden Zwillingsbrüder verstohlen in den Glaskasten hineinspähten, offenbar unschlüssig, ob sie ihren eben besprochenen Angriff unverzüglich ausführen oder die weitere Belagerung des unbeugsamen Timotheus Linkinwater vorderhand hinausschieben sollten.

Wer könnte wohl all das Entzücken und Erstaunen schildern, das der Bericht der eben mitgeteilten Umstände in Miss La Creevys Haus veranlaßte und was für Freude er dort verbreitete. Pünktlich abends zur bezeichneten Stunde erschien Mr. Timotheus Linkinwater; so wunderlich er auch war und so eifersüchtig er als pflichtgetreuer und ergebener Beamter seiner Firma darüber wachte, daß die unbegrenzte Freigebigkeit seiner Chefs nicht an Unwürdige verschwendet wurde, so warm berichtete er am nächsten Tage zu Nikolas' Gunsten und teilte ihm dann mit, »daß die freie Stelle in dem Bureau der Firma Cheeryble Brothers Mr. Nickleby vorläufig mit einem Gehalt von hundertzwanzig Pfund jährlich übertragen werde«.

»Ich denke, lieber Bruder«, wandte sich Mr. Charles Cheeryble zu Ned, als die Sache abgemacht war, »daß wir der Familie Nickleby im Bow das jetzt leerstehende Haus überlassen könnten, vielleicht ein wenig unter dem gewöhnlichen Mietpreis. Was meinst du, Ned?«

»Lassen wir's ihnen doch umsonst«, riet Ned. »Wir sind doch wahrhaftig reich genug, und es ist eine Schande, unter Umständen wie diesen von einer Hausmiete zu reden. – Wo ist Tim Linkinwater – umsonst müssen wir's tun, lieber Bruder, umsonst.«

»Aber vielleicht wär's doch besser, Ned, wenn wir einen geringen Preis dafür ansetzten«, meinte Charles milde. »Es kann für sie vielleicht den Nutzen haben, daß sie ihren Haushalt in den richtigen bescheidenen Grenzen fortführen, und überdies bliebe ihnen auch das peinliche Gefühl allzu großer Dankesschuld erspart. Setzen wir fünfzehn oder zwanzig Pfund jährlich an, und wenn sie's pünktlich bezahlen, können wir's ihnen ja auf andere Weise wieder zuwenden. Auch möchte ich ihnen ganz im Geheimen zu ihrer Möblierung eine kleine Summe vorstrecken lassen, und auch du, lieber Ned, könntest so unterderhand etwas dafür tun; und wenn wir finden, daß es gut angelegt ist – woran ich nicht im geringsten zweifle –, so können wir das Anlehen schließlich in ein Geschenk umwandeln. Aber vorsichtig, Ned, nur ganz allmählich, nicht zu dick auf einmal kommen – was meinst du, lieber Bruder?«

Ned schlug ein und hielt natürlich auch Wort, und in einer Woche ergriffen Nikolas Besitz von seinem Pult und Mrs. Nickleby und Kate von dem Häuschen, und alle waren voll Hoffnung, Rührigkeit und Freude.

Wohl keine Woche war bisher für sie so reich an Entdeckungen und Überraschungen wie die erste in diesem kleinen Häuschen. So oft Nikolas abends nach Hause kam, gab es irgend etwas Neues. Einmal einen Weinstock, dann einen Kochkessel, dann wieder einen Schlüssel zu dem Vorzimmer, den man glücklich auf dem Boden einer Wasserkufe gefunden, und so ging es weiter von einem kleinen Ereignis zum andern. Einmal wurde dieses Zimmer mit einem Musselinvorhang verschönt und dann wieder jenes durch Anbringen einer Fensterblende elegant gemacht, und Verbesserungen entstanden, die man kaum für möglich gehalten hätte. Auch Miss La Creevy erschien des öftern in einem Omnibus, um einige Tage dazubleiben und mitzuhelfen. Dabei war sie die Rührigkeit selbst. Alle Augenblicke verlor sie eine kleine Tüte mit Nägeln oder einen riesigen Hammer, lief mit aufgestreiften Ärmeln herum oder fiel ein paar Treppen hinunter – kurz, Ruhe kannte sie nicht. Mrs. Nickleby schwätzte unaufhörlich, tat sogar selbst hie und da etwas, wenn auch nicht viel, Kate war an allen Ecken und Enden tätig, ohne viel Lärm zu machen und sich über alles freuend, Smike besorgte den Garten, daß es ein Vergnügen war, ihm zuzusehen, und Nikolas half und riet, wo er konnte; der ganze Frieden, die ganze Heiterkeit der früheren Heimat schien wiederhergestellt, und nach so viel Leiden und herber Trennung waren für die kleine Familie die Lust des Zusammenlebens – wenn auch nur für die Abendstunden – um so entzückender und die Freuden ihres häuslichen Lebens fast ungetrübt.

Kurz und gut, die armen Nicklebys fühlten sich glücklich und vergnügt, und der reiche Nickleby war allein und elend.

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