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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
projectid0abf21fd
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31. Kapitel

Handelt von Ralph Nickleby und Newman Noggs sowie von einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, über deren günstigen beziehungsweise ungünstigen Ausgang später berichtet werden wird

Nicht ahnend, daß Nikolas sich mit der Geschwindigkeit einer vierspännigen Postkutsche seinem Wirkungskreise näherte und jede entschwindende Minute die Entfernung zwischen ihnen verringerte, saß Ralph Nickleby an jenem Morgen, beschäftigt wie immer, an seinem Pulte und bemühte sich vergeblich, gegen die beständig auftauchende Erinnerung an die Besprechung, die er tags zuvor mit seiner Nichte gehabt, anzukämpfen. Wie sehr er sich auch anstrengte, die Ziffernkolonnen in dem vor ihm liegenden Hauptbuch zu addieren, immer wieder tauchten die störenden Reminiszenzen auf, so daß er schließlich seine Feder hinlegte und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, entschlossen, dem sich ihm aufdrängenden Gedankenstrome seinen Lauf zu lassen, um ihn dadurch ein für allemal loszuwerden.

»Ich bin nicht der Mann, der sich durch ein hübsches Lärvchen in seiner Handlungsweise beeinflussen läßt«, brummte er finster vor sich hin. »Ein grinsender Totenschädel liegt darunter, und Männer wie ich, die sich nicht durch die Oberfläche der Dinge täuschen lassen, sehen in die Tiefe. Und doch scheint mir manchmal, als hätte ich das Mädchen gern oder könnte sie lieben, wenn sie weniger hochfahrend und weniger heikel erzogen wäre. Läge der Bursche, ihr Bruder, irgendwo in einem Teich oder hinge an einem Galgen und wäre die Alte tot, dann sollte dies Haus ihre Heimat sein. Fast wünschte ich, es wäre so.«

Trotz des tödlichen Hasses, den Ralph gegen Nikolas hegte, und der tiefen Verachtung, die er der armen Mrs. Nickleby gegenüber empfand, und so schlecht er sich auch Kate gegenüber benommen hatte, noch benahm und zu jeder Zeit benommen haben würde, wenn es zu seinem Vorteil gewesen wäre trotz alledem lag doch etwas, so sonderbar es auch klingen mag, Menschliches, fast Zartes in dem, was er dachte und fühlte. Er malte sich aus, was sein Haus sein könne, wenn Kate darin waltete, stellte sie sich vor, wie sie neben ihm säße, glaubte sie in der leeren Luft zu sehen und hörte den Ton ihrer Stimme. Wieder fühlte er auf seinem Arm den sanften Druck ihrer bebenden Hand, und hundert stumme Anzeichen schienen in seinen Prunkzimmern den Reiz weiblicher Gegenwart und Geschäftigkeit widerzuspiegeln. Dann kehrten seine Gedanken zu seiner innern Einsamkeit und der stolzen kalten Pracht seiner Wohnung zurück, und in diesem einzigen Lichtblick seiner bessern Natur, sosehr sie auch durch Selbstsucht verkümmert war, fühlte er sich trotz seines Reichtums verlassen, freund- und kinderlos. Das Gold hatte in diesem Augenblick keinen Wert für ihn; er fühlte so etwas wie eine Erinnerung an zahllose versunkene Schätze in seinem Herzen, die sich nicht durch Geld erkaufen ließen.

Wie er so zerstreut über den Hof nach dem Fenster des andern Bureaus gegenüber hinblickte, bemerkte er plötzlich, daß Newman Noggs mit seiner roten Nase fast das Fensterglas berührte, wie es schien, sich mit dem rostigen Bruchstück eines Taschenmessers eine Feder schneidend, in Wirklichkeit aber scharf herüberspähend.

Ralph erwachte aus seinem Grübeln und beugte sich wieder über sein Hauptbuch. Das Gesicht des alten Faktotums verschwand, und alles war wieder wie sonst.

Nach ein paar Minuten zog er die Klingel. Newman trat ein, und Ralph warf ihm einen lauernden Blick zu, als fürchte er, in seinen Mienen etwas von dem zu lesen, was er sich selbst soeben gedacht.

Aber in Newman Noggs' Gesicht lag nichts, was auf Neugierde und dergleichen hingedeutet hätte. Er sah aus wie ein Mensch mit zwei weit aufgerissenen Augen im Kopf, die nach keiner besondern Richtung blickten und nichts sahen.

»Nun, was gibt's?« brummte Ralph.

»Na«, sagte Newman und schien aus seiner Geistesabwesenheit zu erwachen, »ich dachte, Sie hätten geklingelt.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich wieder um und hinkte der Türe zu.

»Halt! «rief Ralph.

Newman blieb, ohne die mindeste Verwirrung zu verraten, stehen.

»Ja, ich habe geklingelt.«

»Hab' ich mir gleich gedacht.«

»Wenn Sie sich's gleich gedacht haben, warum wollten Sie dann wieder gehn?«

»Ich habe mir gedacht, Sie hätten geklingelt, um mir zu sagen, daß Sie nicht geklingelt hätten«, versetzte Newman; »Sie machen's oft genug so.«

»Wie können Sie sich unterstehen zu spionieren, nach mir herüberzusehen und mich anzugaffen, Sie Schweinehund?« fuhr Ralph auf.

»Sie anzugaffen!?« rief Newman. »Haha!«

Das war die ganze Antwort, mit der er seinen Herrn beehrte.

»Hüten Sie sich!« brummte Ralph drohend. »Es paßt mir nicht, betrunkene Narren in meinem Bureau zu haben! – Sehen Sie dieses Paket hier?«

»Ich dächte wohl. – Groß genug ist es.«

»Tragen Sie es in die City zu Mr. Cross in der Broad Street. Lassen Sie's dort – aber gleich, verstanden?«

Newman nickte verdrießlich, verließ das Zimmer und kehrte nach ein paar Sekunden mit seinem Hute bewaffnet zurück. Nachdem er einige erfolglose Versuche gemacht, das einige Quadratfuß große Paket darin unterzubringen, nahm er es schließlich unter den Arm, zog dann, die ganze Zeit über Mr. Nickleby scharf fixierend, höchst bedächtig seine durchlöcherten Handschuhe an, setzte mit geheuchelter oder wirklicher Bedächtigkeit seinen Hut auf, als wäre es ein Prunkstück und funkelnagelneu, und verließ das Zimmer, um seinen Auftrag auszurichten.

Er erledigte ihn mit großer Pünktlichkeit und Eile, das heißt, er sprach nur ungefähr eine halbe Minute in einem einzigen Wirtshaus vor und ließ sich dann durch keine weiteren Verlockungen aufhalten. Hierauf kehrte er wieder um, nahm seinen Heimweg über den Strand und schien dort plötzlich unschlüssig zu werden, wie jemand, der nicht weiß, was er tun soll. Nach kurzer Überlegung entschied er sich aber doch zu irgend etwas, das heißt, er schlug plötzlich eine gerade Richtung ein und klopfte endlich mit bescheidenem Doppelschlag an Miss La Creevys Türe.

Diesmal öffnete ihm ein fremdes Dienstmädchen – offenbar eine sehr mißtrauische Person, denn kaum war sie seiner ansichtig geworden, als sie die Türe beinahe zur Gänze wieder schloß und sich mit der Frage, was er denn eigentlich wünsche, drohend vor die schmale Spalte stellte. Newman sagte nur lakonisch das einzige Wort: »Noggs«, als habe es Zauberkraft und vor seinem Klange müßten die Riegel zurückfahren und die Türen weit auffliegen. Dann drängte er sich rasch durch und erreichte die Türe von Miss La Creevys Arbeitszimmer, ehe noch das erschrockene Mädchen etwas dagegen einwenden konnte.

»Um Gottes willen«, rief die kleine Malerin erschreckt, als er auf ihr »Herein« ins Zimmer stürzte. »Was gibt es denn, Sir?«

»Sie erinnern sich meiner offenbar nicht mehr«, sagte Newman mit einer leichten Verbeugung. »Wundert mich übrigens nicht. Ziemlich begreiflich, daß mich niemand mehr erkennt, der mich in früheren Tagen gesehen hat, wenn es auch wohl nur wenige gibt, die mich jetzt, wenn sie mir mal begegnet sind, so leicht wieder vergessen.«

Dabei blickte er an seinen schäbigen Kleidern herunter, schielte auf sein gelähmtes Bein und schüttelte trübe den Kopf.

»Ich habe Sie allerdings nicht sogleich wiedererkannt«, versetzte Miss La Creevy, stand auf und ging ihm freundlich entgegen; »und wahrhaftig, ich schäme mich deshalb, denn Sie sind ein guter und wohlwollender Mensch, Mr. Noggs. Setzen Sie sich jetzt und erzählen Sie mir, was Sie von Miss Nickleby wissen. Das arme Kind! Viele Wochen lang habe ich sie nicht gesehen.«

»Wieso nicht?« fragte Newman.

»Offen gestanden, Mr. Noggs«, erklärte Miss La Creevy, »ich war über Land und habe einen Besuch gemacht – meine erste Reise seit fünfzehn Jahren!«

»Allerdings eine lange Reise«, entgegnete Newman melancholisch.

»Allerdings, eine sehr lange Zeit, wenn man die Jahre dabei im Auge hat. Aber Tag für Tag schwindet, Gott sei Dank, auf die eine oder andre Weise immer friedlich und glücklich genug dahin«, plauderte die Miniaturmalerin weiter. »Ich habe einen Bruder, Mr. Noggs. – Der einzige Verwandte, der mir noch geblieben ist, und die ganze lange Zeit über haben wir einander nicht gesehen. Nicht, daß wir uns je überworfen hätten, aber er wurde da draußen als junger Bursche in die Lehre getan, verheiratete sich später und vergaß in der neuen Umgebung natürlich ein so armes kleines Frauenzimmer wie mich. Übrigens ganz begreiflich. Sie dürfen auch nicht glauben, daß ich mich darüber beklagte, denn ich sagte mir immer, daß das so der Lauf der Natur sei. Der arme John sucht sich eben in der Welt fortzuhelfen, so gut er kann, hat eine Frau, mit der er sich in Kummer und Sorgen aussprechen kann, und Kinder, die um ihn spielen, und so möge Gott ihn und sie alle segnen und uns seinerzeit dort zusammenführen, wo wir uns nie wieder trennen werden. – Aber, was sagen Sie nur dazu, Mr. Noggs«, fuhr die kleine Malerin fort und klatschte plötzlich mit fröhlichem Gesicht in die Hände, »kommt da dieser mein Bruder neulich plötzlich nach London und rastet und ruht nicht eher, bis er mich aufgefunden hat. Sehen Sie, und da saß ich in dem Stuhl, in dem Sie jetzt sitzen, und er mir gegenüber, und er weinte wie ein Kind vor lauter Freude, mich wiederzusehen, und denken Sie sich nur, er bestand darauf, mich mit sich aufs Land in sein Haus zu nehmen – ein ganz prächtiges Haus, Mr. Noggs, mit einem großen Garten davor und ich weiß nicht wieviel Morgen Feld dabei und einem livrierten Bedienten, der bei Tische serviert, Kühen, Pferden, Schweinen und Gott weiß was sonst noch! Einen ganzen Monat mußte ich bei ihm bleiben, und er redete mir zu, überhaupt nicht mehr fortzugehen – und ebenso redeten mir seine Frau zu und seine Kinder; es sind ihrer vier, und das älteste davon, ein Mädchen, haben sie vor acht Jahren nach mir getauft – ja, das haben sie. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so glücklich – noch nie so glücklich!«

Und die weichherzige Malerin verbarg das Gesicht in ihrem Taschentuch und schluchzte laut, denn Newmans Besuch gab ihr zum erstenmal Gelegenheit, ihrem übervollen Herzen Luft zu machen.

»Ach Gott, ach Gott«, fuhr sie nach einer Pause fort, trocknete sich die Augen und steckte ihr Taschentuch mit großer Geschäftigkeit wieder in ihr Ridikül, »ach Gott, wie töricht muß ich Ihnen erscheinen, Mr. Noggs. Von Rechts wegen hätte ich eigentlich davon schweigen sollen, aber ich erzählte es Ihnen nur, um Ihnen zu erklären, weshalb ich Miss Nickleby so lange nicht gesehen habe.«

»Sind Sie auch nicht mit der alten Frau zusammengekommen?« fragte Newman.

»Meinen Sie Mrs. Nickleby? Da möchte ich Ihnen übrigens einen Rat geben, Mr. Noggs! – Wenn Sie bei ihr nicht sehr in Ungnade fallen wollen, so müssen Sie sich hüten, sie eine alte Frau zu nennen, denn ich habe Grund anzunehmen, daß ihr dieser Ehrentitel nicht besonders zusagen dürfte; ja, ich habe sie gestern abend besucht, aber sie tat so vornehm und geheimnisvoll, daß ich rein nicht wußte, was ich daraus machen sollte. Offen gestanden, spielte ich mich daher ein bißchen auf die Reservierte. Und so gingen wir später auch auseinander. Ich dachte mir, sie würde bald wieder die nüchterne Erde unter ihren Füßen spüren, aber bis jetzt hat sie mir noch keinen Gegenbesuch gemacht.«

»Und Miss Nickleby?«

»War in meiner Abwesenheit zweimal hier. Ich fürchtete, es könnte ihr vielleicht ungelegen kommen, wenn ich sie bei den vornehmen Leuten, bei denen sie jetzt lebt, besuchte, und so wollte ich erst ein paar Tage warten, ob sie nicht zu mir käme, und ihr dann schreiben.«

»Hem«, hüstelte Newman und knackte mit seinen Fingergelenken.

»Aber können denn Sie mir keine Neuigkeiten über sie mitteilen?« fragte Miss La Creevy. »Sagen Sie, was macht eigentlich das alte grobe scheußliche Ungeheuer von Golden Square? Befindet sich natürlich wohl, nicht wahr? – Das pflegt bei solchen Leuten immer der Fall zu sein – ich meine also nicht, was seine Gesundheit anbetrifft, sondern wie er sich gegen seine Verwandten benimmt.«

»Gott verdamm ihn«, schrie Newman und schleuderte seinen noch vor kurzer Zeit so verhätschelten Hut wütend auf den Boden. »Er benimmt sich wie ein nichtswürdiger Hund. Wie die ärgste Bestie, die die Erde trägt.«

»Gott im Himmel, Mr. Noggs, Sie erschrecken mich!« rief Miss La Creevy erbleichend.

»Am liebsten hätte ich ihn gestern nachmittag für Lebenszeit gezeichnet, aber ich durfte es nicht wagen«, brummte Newman, ging in großer Aufregung auf und ab und schüttelte die Faust wütend gegen Cannings Porträt über dem Kamin. »Ich war schon dicht daran und mußte mir die Hände mit Gewalt in der Tasche festhalten. – Aber einmal tue ich's noch, wahrhaftiger Gott, einmal tue ich's noch. Hinten in dem kleinen Nebenzimmer! Ich hätte ihn früher schon einmal in die Beize genommen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dadurch die Sache noch viel schlimmer zu machen. Aber ich werde mich schon noch einmal mit ihm einschließen und Abrechnung mit ihm halten, bevor ich sterbe, so wahr ich hier stehe.«

»Ich werde um Hilfe schreien müssen, wenn Sie sich nicht beruhigen, Mr. Noggs«, jammerte Miss La Creevy. »So kann ich unmöglich allein mit Ihnen hier im Zimmer bleiben.«

»Machen Sie sich nichts daraus«, erwiderte Newman und raste wütend immer noch auf und ab. »Heute abend kommt er. Ich habe ihm geschrieben. Der Alte hat keine Ahnung, daß ich hinter seine Schliche gekommen bin, so verschmitzt er auch ist, der Schuft! Keine Ahnung hat er davon – nein, nein, aber das ist schließlich gleichgültig. Einen Strich durch die Rechnung mache ich ihm sowieso; jawohl ich, Newman Noggs! Hoho!«

Seine Leidenschaftlichkeit steigerte sich jetzt bis ins Maßlose, und er raste mit so seltsamen Bewegungen im Zimmer auf und ab, wie man es wohl noch nie an einem menschlichen Wesen gesehen hatte, dabei bald gegen die kleinen Miniaturbilder an der Wand hingestikulierend, bald, um die Illusion noch zu erhöhen, sich mit den Fäusten den Kopf zerhämmernd, bis er schließlich atemlos und erschöpft in seinen Stuhl sank.

»So«, keuchte er und hob seinen Hut auf, »das hat mich ein bißchen erleichtert. Es ist mir schon wieder besser. Jetzt sollen Sie alles erfahren.«

Trotzdem bedurfte es noch einige Zeit, um Miss La Creevy, die durch die ganze seltsame Szene aufs höchste beunruhigt und außer Fassung geraten war, wieder ein wenig zu beruhigen. Dann aber erstattete Mr. Noggs getreulich Bericht über alles, was sich mit Kate bei Mr. Nickleby zugetragen hatte. Er schloß mit der Mitteilung, er habe heimlich an Nikolas geschrieben.

Wenn sich auch die Entrüstung bei Miss La Creevy nicht in so seltsamer Art äußerte wie bei Newman, so war sie doch kaum weniger intensiv. Wer weiß, wenn Mr. Ralph Nickleby in diesem Augenblick ins Zimmer getreten wäre, ob er nicht in der kleinen Malerin oder in Newman Noggs die gefährlichsten Gegner gefunden haben würde.

»Gott verzeih mir die Sünde«, schloß Miss La Creevy ihren Empörungsausbruch, »aber ich glaube, ich könnte ihm mit Freude dies da ins Herz stoßen.«

Ihre Waffe war freilich keine besonders furchtbare, denn sie bestand lediglich in einem Bleistift; als sie jedoch ihren Irrtum gewahrte, vertauschte sie ihn mit einem Perlmutterobstmesser und führte zum Beweis ihrer Rachsucht einen Stoß in die Luft, der übrigens kein Krümchen von einem Brotlaib heruntergesäbelt hätte.

»Sie wird morgen nicht mehr in dem Hause sein«, sagte Newman, »und das ist ein Trost.«

»Ich wollte, sie hätte es schon vor Wochen verlassen«, seufzte Miss La Creevy.

»Ja, wenn man alles hätte voraus wissen können«, versetzte Newman, »aber das konnte man eben nicht. Im übrigen darf sich da niemand hineinmischen als ihre Mutter oder ihr Bruder. Die Mutter ist schwach – ein armes schwaches Ding; aber der liebe junge Mann wird heute abend noch hier sein.«

»Um Gottes willen«, schrie Miss La Creevy »er wird etwas Unüberlegtes tun, wenn Sie ihm gleich alles auf einmal heraussagen.«

Newman horchte auf, hielt inne, um sich die Hände zu reiben, und machte ein gedankenvolles Gesicht.

»Verlassen Sie sich darauf!« verstärkte Miss La Creevy den Eindruck ihrer Worte. »Wenn Sie nicht mit der Wahrheit behutsam herausrücken, so wird er irgend etwas Schreckliches an seinem Onkel oder einem dieser Menschen verüben, und das würde ein furchtbares Unglück über ihn bringen.«

»Das habe ich mir noch gar nicht überlegt«, brummte Newman und blickte düster vor sich hin. »Ich bin eigentlich hergekommen, um Sie zu fragen, ob Sie seine Schwester aufnehmen würden, wenn wir sie zu Ihnen brächten, aber –«

»Von viel größerer Wichtigkeit wäre es gewesen«, fiel Miss La Creevy ein, »wenn Sie sich die Sache vorher genauer überlegt hätten, ehe Sie kamen. Sie ahnen nicht, wie die Dinge ausgehen können, wenn Sie nicht mit der allergrößten Behutsamkeit zu Werke gehen.«

»Was kann ich aber tun«, rief Noggs und kratzte sich verlegen hinter dem Ohr, »wenn er sagt, er wolle sie alle der Reihe nach totschießen? Was bliebe mir da anderes übrig, als zu erwidern: Nur zu – aber treffen Sie sie gut!«

Miss La Creevy konnte bei dieser schrecklichen Drohung einen Angstruf nicht unterdrücken und ging sogleich mit nicht zu hemmender Lebendigkeit ans Werk, Newman das feierliche Versprechen abzunehmen, daß er alles aufbieten möge, den jungen Mr. Nickleby nach Möglichkeit zu besänftigen, was er denn auch schließlich nach einigem Zögern tat. Dann hielten sie miteinander Rat, wie man Nikolas alles, was vorgefallen, auf die sicherste und gefahrloseste Weise beibringen könnte.

»Man muß es so einrichten, daß er es zu einer Zeit erfährt, wo er einige Stunden genötigt ist, ruhig nachzudenken, ehe er Schritte tun kann!« riet Miss La Creevy. »Das ist vor allem von größter Wichtigkeit. Sie dürfen es ihm erst spät abends sagen.«

»Aber er wird schon zwischen sechs und sieben Uhr in London sein!« gab Newman zu bedenken. »Ich darf ihm doch den wahren Sachverhalt nicht verhehlen, wenn er mich danach fragt.«

»Dann gehen Sie vorher aus, Mr. Noggs«, riet Miss La Creevy. »Sie können doch ganz einfach in Geschäften zu tun haben und brauchen nicht vor Mitternacht nach Hause zu kommen.«

»Dann wird er schnurstracks hierher eilen«, opponierte Newman.

»Wahrscheinlich wird er das tun«, gab Miss La Creevy zu. »Aber auch mich braucht er nicht zu finden. Ich gehe eben, sobald Sie mich verlassen, sofort in die City, söhne mich mit Mrs. Nickleby aus und nehme sie mit ins Theater, so daß Mr. Nikolas nicht einmal den Aufenthalt seiner Schwester erfährt.«

Schließlich stellte sich dieser Kriegsplan als der sicherste und beste heraus, und es wurde daher beschlossen, sich genau darnach zu richten. Newman, der zum Schluß noch eine ganze Menge von guten Ratschlägen über sich ergehen lassen mußte, verabschiedete sich sodann von der Malerin und humpelte nach Golden Square zurück, dabei unterwegs eine unglaubliche Menge Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten im Geiste erwägend und wiederkäuend, die ihn ganz und gar absorbierten.

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