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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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30. Kapitel

Festlichkeiten, die Nikolas zu Ehren veranstaltet werden, und sein Austritt aus der Vincent-Crummlesschen Schauspielertruppe

Mr. Vincent Crummles hatte kaum von dem beabsichtigten Austritte seines Mitgliedes, Mr. Johnson, vernommen, als er unter den lebhaftesten Zeichen des Kummers und der Bestürzung und im Übermaße seiner Verzweiflung allerlei Andeutungen, wie Aufbesserung der Gage, wachsende schriftstellerische Nebeneinkünfte usw. usw., fallenließ. Da er jedoch fand, daß sich »Mr. Johnson« von seinem Vorhaben, die Truppe zu verlassen, nicht abbringen lassen wollte – Nikolas war fest entschlossen, auch ohne weitere Nachrichten von Newman, und möge es ausfallen, wie es wolle, sich nach London zu begeben und durch persönlichen Augenschein über die Lage seiner Schwester Gewißheit zu verschaffen –, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als auf dessen spätere Zurückkunft zu hoffen, wobei er es jedoch nicht unterließ, schnelle und energische Maßregeln zu treffen, um die »Zugkraft« Mr. Johnsons vor seinem Abgange noch nach Möglichkeit auszunützen.

»Warten Sie mal«, sagte er und nahm seine Geächtetenperücke ab, um die Lage der Dinge ruhiger überschauen zu können, »– warten Sie mal: heute haben wir Mittwoch abend. Unser erstes morgen früh soll sein, daß Zettel angeklebt werden, die für die Abendvorstellung Ihr letztes Auftreten ankündigen.«

»Sie können aber doch noch gar nicht wissen, ob ich morgen wirklich zum letzten Male auftrete«, wendete Nikolas ein. »Wenn ich nicht abgerufen werde, stehe ich Ihnen ja noch bis Ende dieser Woche zur Verfügung.«

»Um so besser«, rief Mr. Crummles. »Wir können dann aufs allerbestimmteste Ihr letztes Debüt für Donnerstag ankündigen, ein neues Engagement für einen einzigen Abend am Freitag und endlich auf ausdrücklichen Wunsch unsrer einflußreichsten Gönner, die bei der letzten Vorstellung keine Sitze mehr erhalten konnten, ein allerletztes Auftreten am Samstag. Das wird uns drei ausverkaufte Häuser einbringen.«

»So soll ich also dreimal zum letzten Male auftreten?« fragte Nikolas lächelnd.

»Natürlich!« erwiderte der Theaterdirektor und kratzte sich verdrießlich hinter dem Ohr. »Es ist das noch viel zu wenig! Zu dumm, daß wir nicht noch einige ›letzte Male‹ herausschinden können. Aber da läßt sich nun leider nichts mehr machen, und durch Hinundhergerede wird die Sache nicht besser. – Aber etwas Neues könnten wir vielleicht bringen. Glauben Sie nicht, daß Sie ein komisches Couplet, auf dem Pony reitend, singen könnten?«

»Das wird sich wohl kaum machen lassen«, meinte Nikolas.

»Das hat schon früher mal'n hübsches Stück Geld eingebracht«, gab Mr. Crummles, peinlich enttäuscht, zu bedenken. »Nun, und was halten Sie von einem großen Feuerwerk?«

»Daß es ziemlich kostspielig werden dürfte«, erwiderte Nikolas trocken.

»Achtzehn Pence würden ausreichen«, meinte Mr. Crummles. »Sie müßten auf einer Tribüne in Apotheosestellung mit dem Wunderkind stehen. Dahinter ein Transparent mit einem ›Lebewohl‹; an den Kulissen neun Statisten mit einem Schwärmer in jeder Hand – das ganze anderthalb Dutzend müßte auf einmal losgehen. Es würde sich vom Publikum aus geradezu grandios ausnehmen!«

Da Nikolas von der Großartigkeit einer solchen Szene nicht nur nicht sonderlich überzeugt zu sein schien, sondern im Gegenteil den Vorschlag auf eine höchst unehrerbietige Weise herzlich verlachte, gab Mr. Crummles sogleich den Plan wieder auf und bemerkte düster, daß sie dann eben das Repertoir aufs reichste mit Kampfesszenen und Tanzeinlagen ausstatten und sich an das reguläre Drama halten müßten.

Und um die Idee unverzüglich in Tat umzusetzen, verfügte er sich sogleich in das anstoßende kleine Ankleidezimmer, wo Mrs. Crummles eben damit beschäftigt war, die Gewänder einer Kaiserin gegen die gewöhnlichen Kleider einer Matrone des neunzehnten Jahrhunderts zu vertauschen. Mit ihr und der in allen Sätteln gerechten Mrs. Grudden, die in der Abfassung von Theaterzetteln unerreicht dastand, wurde sodann alles Nähere beraten.

»O Gott«, seufzte Nikolas und lehnte sich in dem Stuhl des Souffleurs zurück, nachdem er Smike – der in einem Zwischenspiel mit der üblichen wollenen Nachtmütze auf dem Kopf als magerer Schneider aufgetreten war und als solcher nur einen einzigen Rockschoß, mit einem kleinen, sehr durchlöcherten Taschentuch darin, besaß –, die nötigen telegraphischen Zeichen gegeben hatte. »O Gott, wenn das alles nur schon vorüber wäre.«

»Vorüber, Mr. Johnson?« wiederholte hinter ihm eine weibliche Stimme in den höchsten Tönen schmerzlichen Erstaunens.

»Es klingt allerdings etwas ungalant«, entschuldigte sich Nikolas, als er, den Kopf wendend, in der Sprecherin Miss Snevellicci erkannte, »ich würde es natürlich niemals ausgesprochen haben, wenn ich gewußt hätte, daß Sie sich in Hörbereich befänden.«

»Was für ein köstlicher Mensch der Mr. Dickby doch ist!« sagte Miss Snevellicci, als der Schneider gerade unter großem Applaus auf der andern Seite der Bühne abging. (Smikes Theatername war Dickby.)

»Ich will ihm sogleich Ihr Urteil hinterbringen. Es wird ihn ungemein freuen«, versetzte Nikolas.

»Oh, Sie Nichtsnutz!« flötete Miss Snevellicci. »Ob er meine Meinung von ihm erfährt, kann mir so ziemlich gleichgültig sein. Bei andern Leuten allerdings wäre es –«

Miss Snevellicci hielt inne, als erwarte sie eine Frage. Es erfolgte aber keine, da Nikolas' Gedanken bei weit ernsteren Dingen weilten.

»Wie freundschaftlich von Ihnen«, fing sie daher nach einer kurzen Pause von etwas anderm an, »dazusitzen und Abend für Abend auf ihn zu warten, trotzdem Sie wahrhaftig sehr, sehr müde sein müssen. Und was Sie sich für Mühe mit ihm geben, und mit soviel Freude und Bereitwilligkeit, als ob Sie weiß Gott wieviel Geld dafür bekämen.«

»Er verdient von Grund auf jede kleine Hilfe, die ich ihm erweisen kann, und noch viel mehr«, versetzte Nikolas. »Er ist das dankbarste, ehrlichste und liebevollste Geschöpf, das je gelebt hat.«

»Aber höchst sonderbar ist er, nicht wahr?« bemerkte Miss Snevellicci.

»Das weiß Gott. Und möge er denen verzeihen, die Schuld daran tragen!« entgegnete Nikolas und schüttelte ernst den Kopf.

»Er ist ein verteufelt schweigsamer Kunde«, mischte sich Mr. Folair, der inzwischen an die beiden herangetreten war, in die Unterhaltung. »Kein Mensch kann etwas aus ihm herausbringen.«

»Was wollen Sie denn aus ihm herausbringen?« fragte Nikolas schroff und wendete sich mit einem Ruck nach dem Sprecher um.

»No, no, sind Sie aber ein Feuerfresser, Johnson«, erwiderte Mr. Folair und zog sich die Ferse seines Tanzschuhes zurecht. »Ich spreche doch nur von der übrigens ganz begreiflichen Neugierde der Leute hier, etwas von seinem früheren Leben zu erfahren.«

»Ich bitte Sie, der arme Junge! Ich sollte meinen, es liege klar auf der Hand, daß er nicht genug Geistesschärfe besitzt, um für Sie oder irgend jemand sonst überhaupt von Wichtigkeit zu sein«, grollte Nikolas.

»Freilich; natürlich!« rief der Schauspieler und schnitt vor einem Lampenreflektor Charakterköpfe; »aber eben darum liegt die Frage nur um so näher.«

»Welche Frage?«

»Nun, wer und was er eigentlich ist, und wie Sie beide, trotz der großen äußern und innern Verschiedenheit der Charaktere, so eng miteinander befreundet werden konnten«, erwiderte Mr. Folair, entzückt über die Gelegenheit, jemand etwas Unangenehmes sagen zu können. »Das ist die allgemeine Meinung.«

»Doch wohl nur ›die allgemeine Meinung‹ der – Truppe?« fragte Nikolas verächtlich.

»Der Truppe und des Publikums«, beteuerte der Schauspieler. »Wissen Sie nicht, daß Lenville sagt –«

»Ich dachte, ich hätte diesen Herrn für einige Zeit zum Schweigen gebracht«, fiel Nikolas gereizt ein.

»Möglich«, gab der unerschütterliche Mr. Folair zu, »und wenn dies der Fall ist, so sagte er es wahrscheinlich früher. Lenville sagte also, Sie wären durch und durch und auch im Leben ein Schauspieler, und der ganze Erfolg, den Sie hier beim Publikum geerntet, läge in dem Geheimnis, in das Sie sich hüllten und das Crummles seines eigenen Vorteils wegen begünstige. Dabei meint Lenville, es stecke wohl weiter nichts hinter dem Ganzen, als daß Sie irgendwo tief in der Patsche gesessen und wegen irgendeines Streiches davongelaufen seien.«

»So, so!« sagte Nikolas mit gezwungenem Lächeln.

»Das ist übrigens nur ein Teil von dem, was er sagt«, fuhr Mr. Folair fort, »und ich teile es Ihnen als Freund beider Teile und im strengsten Vertrauen mit. – Sie wissen, daß ich durchaus nicht seiner Ansicht bin. Er sagt, er halte Dickby mehr für einen Spitzbuben als für einen Einfaltspinsel, und unser Requisiteur, der alte Fluggers, erzählt, in der vorletzten Saison, als er in Covent Garden Austräger gewesen, sei immer ein Taschendieb um den Droschkenstand herumgeschlichen, der ganz das Gesicht von Dickby gehabt habe. – Es brauche, fügte er übrigens hinzu, deshalb durchaus nicht Dickby gewesen zu sein; er könne ja einen Bruder oder sonst einen nahen Verwandten haben.«

»So, so!« rief Nikolas abermals.

»Ja, so spricht man«, nickte Mr. Folair. »Ich nahm mir längst vor, es Ihnen zu erzählen, da Sie doch eigentlich davon wissen sollten. – Ah, da kommt endlich das gesegnete Wunderkind. Uff! Du Wechselbalg, ich wollte, ich könnte dir eins – ich komme gleich, mein süßes Schätzchen. – Der Affe! – Vorhang, Mrs. Grudden, Vorhang auf –, und lassen Sie das Schoßhündchen seine Firlefanzereien aufführen.«

Als der Vorhang aufging, verzog Mr. Folair bei dem Applaus, mit dem das Wunderkind empfangen wurde, für eine Weile höhnisch die Lippen, trat ein paar Schritte zurück, um einen Anlauf zu nehmen, ließ dann ein einleitendes Geheul erschallen und stürzte, die Zähne gefletscht und einen blechernen Tomahawk schwingend, als wilder Indianer auf die Bühne.

»Das sind also einige von den Geschichten, die man hier über uns erfindet!« dachte Nikolas. »Will sich jemand eines unverzeihlichen Verstoßes gegen irgendeine Gesellschaft, mag sie groß oder klein sein, schuldig machen, so braucht er nur Erfolg zu haben; alles andere verzeiht man ihm, nur das nicht.«

»Sie nehmen sich's doch nicht etwa zu Herzen, was dieser boshafte Mensch sagt?« flötete Miss Snevellicci in ihren bestrickendsten Tönen.

»Nein, wahrhaftig nicht«, erwiderte Nikolas. »Wenn ich im Sinne hätte, hierzubleiben, so würde ich es vielleicht der Mühe wert halten, der Sache weiter nachzugehen. So aber sollen sie sich meinetwegen heiser schwatzen. Doch da kommt der interessante Mittelpunkt dieser Tratschereien«, setzte er hinzu, als Smike jetzt erschien. »Da können wir Ihnen gemeinsam gute Nacht sagen.«

»Nein, nein, so ohne weiteres kann ich Sie nicht loslassen«, rief Miss Snevellicci. »Sie müssen mich nach Haus begleiten und meine Mama kennenlernen, die eben erst heute in Portsmouth ankam und vor Begierde brennt, Ihre Bekanntschaft zu machen. Liebe Led, helfen Sie mir doch Mr. Johnson überreden.«

»Oh – wenn Sie ihn nicht überreden können –«, zierte sich Miss Ledrock mit großer Lebhaftigkeit.

Sie sagte nichts weiter, gab aber durch eine ausdrucksvolle Pantomime zu verstehen, daß wohl niemand auf Erden Mr. Johnson zu überreden vermöge, wenn es Miss Snevellicci nicht imstande wäre.

»Mr. und Mrs. Lillyvick haben sich in unserem Hause einquartiert und teilen für den Augenblick unser Besuchszimmer«, gab Miss Snevellicci zu bedenken. »Vielleicht gibt das für Sie den Ausschlag?«

»Nach Ihrer persönlichen liebenswürdigen Einladung bedarf es wahrhaftig keines weiteren Lockmittels!« versetzte Nikolas.

»Oh«, flötete Miss Snevellicci. – Und Miss Ledrock meinte: »Siehst du, da hast du's«, worauf Miss Snevellicci sagte, Miss Ledrock sei ein loses Ding, und Miss Ledrock fragte, warum Miss Snevellicci denn so rot werde; und Miss Snevellicci gab ihr einen Klaps, und Miss Ledrock gab Miss Snevellicci den Klaps wieder zurück.

»Aber kommen Sie jetzt, Mr. Johnson«, wendete sich Miss Ledrock an Nikolas, »es ist höchste Zeit zum Nachhausegehen, sonst meint die arme alte Mrs. Snevellicci, Sie seien mit ihrer Tochter durchgegangen.«

»Liebste Led, wie können Sie nur so sprechen«, verwies Miss Snevellicci.

Miss Ledrock lachte nur, nahm Smikes Arm und überließ es Mr. Johnson und ihrer Freundin, ihnen zu folgen, was auch augenblicklich geschah, da es Nikolas unter obwaltenden Umständen um nichts weniger als um ein müßiges Liebesgeplänkel zu tun war.

Trotzdem fehlte es, als sie auf die Straße kamen, nicht an Unterhaltungsstoff. Miss Snevellicci sowohl wie ihre Kollegin hatten nämlich je ein kleines Körbchen beziehungsweise eine kleine Schachtel nach Hause zu tragen, in denen sie jeden Abend den kleineren Toilettenbedarf mit sich zu führen pflegten. Nikolas wollte sich's nicht nehmen lassen, das Körbchen zu tragen, aber Miss Snevellicci bestand darauf, es selber zu tun, und das führte zu einem Kampf, bei dem Nikolas sich des Körbchens und der Schachtel zugleich bemächtigte. Dann sagte er, er wolle doch wissen, was in dem Körbchen sei, und versuchte einen Blick hineinzuwerfen, da schrie jedoch Miss Snevellicci laut auf und gab die Erklärung ab, sie werde, wenn sie annehmen müßte, er hätte etwas gesehen, sofort in Ohnmacht fallen. Ein ähnlicher Versuch Nikolas' mit der Schachtel hatte dieselben Demonstrationen von Seiten Miss Ledrocks zur Folge, und schließlich beteuerten die beiden jungen Damen, sie würden keinen Schritt von der Stelle gehen, ehe nicht »Mr. Johnson« feierlich versprochen hätte, nicht mehr hineinzugucken. Das gelobte er denn schließlich auch, und sie gingen friedlich zusammen weiter – beide Damen unablässig kichernd und erklärend, sie hätten in ihrem ganzen Leben noch keinen so gottlosen Menschen gesehen.

Unter solchen Scherzreden erreichten sie bald das Haus des Schneiders, wo sich bereits eine recht nette kleine Gesellschaft zusammengefunden hatte, denn außer Mr. und Mrs. Lillyvick war nicht nur Miss Snevelliccis Mutter, sondern auch ihr Vater zugegen, ein ungemein schöner Mann. Er hatte eine Habichtsnase, eine imponierende Stirne, krauses schwarzes Haar, hervorspringende Backenknochen und im ganzen großen ein recht hübsches Gesicht, das nur – vielleicht vom Trinken – ein bißchen kupfern schimmerte. Über seiner breiten Brust trug er dicht zugeknöpft einen etwas fadenscheinigen blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen, und als er Nikolas ins Zimmer treten sah, steckte er zwei Finger seiner rechten Hand zwischen die beiden mittleren Knöpfe, dabei den andern Arm anmutig in die Seite stemmend, als wolle er sagen: »Hier stehe ich, junger Mann; was ist dein Begehr?«

Das war das Äußere und die Attitüde von Miss Snevelliccis Papa, der, seit er als zehnjähriger Junge die Teufelchen in den Weihnachtspantomimen gespielt hatte, unentwegt der Kunst lebte. Er konnte ein wenig singen, ein bißchen tanzen, ein wenig fechten, ein wenig agieren, kurz von allem etwas, aber nicht viel. Er war bald beim Ballett, bald Statist oder Chorist, und überhaupt bei jedem Theater in London engagiert gewesen und eignete sich seiner Figur wegen für die Rollen militärischer Besucher und stummer Edelleute, in denen er, stets flott gekleidet, sich besonders gut ausnahm, wenn er Arm in Arm mit einer hübschen Dame in kurzen Röckchen auf der Bühne erschien, was er stets mit soviel Würde tat, daß ihn das Publikum im Parterre jedesmal mit einem lauten »Bravo« empfing. Mißgünstige Kollegen sagten ihm nach, er prügle hin und wieder Miss Snevelliccis Mama, ehemals Tänzerin und immer noch ziemlich niedlich – sowohl hinsichtlich Figur wie Gesicht –, die jetzt hingegossen dasaß, wie sie zu tanzen pflegte, nämlich im Hintergrund, da sie ein bißchen zu alt für den vollen Glanz der Lampen des Proszeniums war.

Diesen guten Leutchen wurde Nikolas mit großer Förmlichkeit vorgestellt. Als die Zeremonie vorüber war, sagte Miss Snevelliccis Papa, der übrigens bedeutend nach Grog roch, er sei entzückt, die Bekanntschaft eines so ungemein talentvollen jungen Mannes zu machen. Noch nie sei ihm ein Künstler vorgekommen, der so rasch Karriere gemacht habe – nein, keiner –, seit dem ersten Auftreten seines Freundes, des Mr. Glavormelly vom Coburg Theater.

»Sie haben ihn natürlich gesehen, Sir« fragte er angelegentlich.

»Nein, ich bedauere verneinen zu müssen«, versetzte Nikolas.

»Wie, Sie haben meinen Freund Glavormelly nicht gesehen, Sir?« rief Miss Snevelliccis Papa. »Dann haben Sie noch nie einen wirklich bedeutenden Schauspieler gesehen. Wenn er noch am Leben wäre –«

»Oh, er ist also tot?« fiel ihm Nikolas ins Wort.

»Ja. Aber er ist zur Schande unseres Zeitalters nicht in der Westminsterabtei begraben. Er war ein –. Nun, gleichgültig! Er ist hingegangen in das Land, aus dem kein Wanderer wiederkehrt. Ich hoffe, daß er dort mehr Anerkennung findet.«

Damit rieb sich Miss Snevelliccis Papa die Nasenspitze mit einem grellgelben seidenen Taschentuch und gab dadurch den Anwesenden kund, daß ihn die Erinnerungen überwältigten.

»Nun, Mr. Lillyvick«, wendete sich Nikolas an den Steuereinnehmer, »wie geht es Ihnen?«

»Vorzüglich«, erwiderte der neugebackene Ehemann. »Verlassen Sie sich darauf, es geht nichts über den Ehestand.«

»Was Sie nicht sagen!« rief Nikolas lachend.

»Nichts, gar nichts, Sir«, versicherte Mr. Lillyvick. »Was meinen Sie übrigens?« flüsterte er ihm ins Ohr, ihn beiseite nehmend. »Wie finden Sie sie heute abend aussehen?«

– »So schön wie immer«, beteuerte Nikolas mit einem Blick auf das ehemalige Fräulein Petowker. –

»Sie hat etwas an sich, Sir, was ich noch nie bei einer Frau gesehen habe. Schauen sie nur, wie sie jetzt dahinschwebt, um den Kessel auf das Feuer zu stellen. Ist es nicht direkt bezaubernd, Sir?«

»Sie sind ein glücklicher Mann«, sagte Nikolas. »Ha! ha! ha!« lachte der Steuereinnehmer. »Meinen Sie wirklich? Kann sein, kann sein! – Ich sage Ihnen, ich hätte es nicht besser treffen können, wenn ich ein junger Mann gewesen wäre – meinen Sie nicht auch? Sie selbst hätten keine bessere Partie machen können. Oder?«

Dabei stieß Mr. Lillyvick Nikolas fortwährend mit dem Ellenbogen an und gluckste, bis er vor lauter Anstrengung, seine Freude nicht laut werden zu lassen, ganz puterrot im Gesicht wurde.

Mittlerweile war durch die vereinten Bemühungen sämtlicher Damen das Tischtuch auf zwei aneinandergerückte Tische gebreitet worden, von denen der eine hoch und schmal, der andere niedrig und breit war. Oben prangten Austern, unten Würste, in der Mitte eine Lichtputzschere und überall, wo es nur anging, standen Teller voll gebratenen Kartoffeln. Man hatte aus dem Schlafzimmer zwei weitere Stühle herbeigeholt, Miss Snevellicci nahm oben an der Tafel Platz, Mr. Lillyvick unten und Nikolas hatte nicht nur die Ehre, neben Miss Snevellicci zu sitzen, sondern auch noch rechts neben Miss Snevelliccis Mama und vis-à-vis ihrem Papa. Mit einem Wort, er war der Held des Festes, und als das Essen abgeräumt war und heiße Getränke herumgereicht wurden, stand Mr. Snevellicci auf und brachte die Gesundheit des scheidenden Künstlers in einer so rührenden Rede aus, daß Miss Snevellicci sich schluchzend in ihr Schlafgemach zurückziehen mußte.

»Pst! Beunruhigen Sie sich nicht weiter«, beruhigte Miss Ledrock die Gesellschaft, nachdem sie einen Blick in das Schlafzimmer geworfen. »Sagen Sie ihr, wenn sie wieder zurückkommt, sie möge es sich nicht so zu Herzen nehmen.«

Sie gefiel sich bei diesem Bericht, ehe sie die Türe wieder schloß, in so geheimnisvollem Nicken und Blinzeln, daß die Damen sofort in das Schlafzimmer eilten und auf einmal eine tiefe Stille eintrat, wobei sich Miss Snevelliccis Papa riesig aufblies, der Reihe nach alle Herren, insbesondere aber Nikolas, mit hochmütigen Blicken maß und ohne Unterlaß sein Glas leerte und wieder füllte, bis die Damen, in ihrer Mitte Miss Snevellicci, wieder zurückkehrten.

»Sie brauchen sich nicht im mindesten zu beunruhigen, Mr. Snevellicci«, erklärte Mrs. Lillyvick. »Sie ist nur ein bißchen schwach und angegriffen und war es schon den ganzen Tag über.«

»Ach! Das ist alles?« rief Mr. Snevellicci.

»Ja, das ist alles. Machen Sie nur kein Wesens daraus«, riefen die Damen durcheinander.

Das war nun freilich keine Antwort für Mr. Snevellicci in seiner ganzen Bedeutsamkeit als Mann und Vater, und so nahm er sich denn die unglückliche Mrs. Snevellicci vor und fragte sie, was zum Teufel das heißen solle, daß man so mit ihm spreche.

»Ach Gott, mein Lieber –«, stotterte Mrs. Snevellicci.

»Nenne mich nicht ›mein Lieber‹, wenn ich bitten darf«, fuhr Mr. Snevellicci auf.

»Bitte, Papa, nicht, nicht!« flehte Miss Snevellicci.

»Was ›nicht, nicht‹, mein Kind?«

»Sprich nicht so, Papa!«

»Warum nicht?« fragte Mr. Snevellicci. »Du nimmst hoffentlich nicht an, daß hier jemand ist, der mir verbieten könnte zu sprechen, wie mir beliebt?«

»Das fällt doch niemandem ein, Papa«, suchte ihn die Tochter zu besänftigen.

»Würde es auch niemand geraten haben«, grollte Mr. Snevellicci. »Ich brauche mich vor niemand zu schämen. Ich heiße Snevellicci und bin in der Bow Street – Broad Court – zu finden, wenn ich mich in der Stadt aufhalte. Bin ich nicht zu Hause, kann man mich jederzeit im Theater erfragen. Gott verdamm mich, ich denke, man kennt mich dort! Die meisten Leute, dächte ich, kennen mein Porträt an dem Tabaksladen um die Ecke. Auch in den Zeitungen hat man meinen Namen schon oft genug gelesen – oder vielleicht nicht? – Nicht sprechen sollen! – Na, wenn ich herausbekommen sollte, daß jemand mit den Gefühlen meiner Tochter sein Spiel getrieben hat, dann würde ich allerdings nicht sprechen, aber der Kerl müßte mir Rede stehen, ohne daß ein Wort von meinen Lippen käme. So pflege ich's zu halten.« Dabei schlug Mr. Snevellicci dreimal mit der geballten Faust in die hohle Linke, führte einen Boxerhieb in die leere Luft und goß ein ganzes Glas voll Grog auf einen Zug hinunter. »So pflege ich's zu halten«, wiederholte er brummend.

Wie die meisten öffentlichen Charaktere hatte auch Mr. Snevellicci seine Fehler, und sein hauptsächlichster bestand darin, daß er ein wenig dem Trunk ergeben war oder – besser gesagt – fast nie nüchtern wurde. Man unterschied in seinen Trunkenheitszuständen drei bestimmte Grade: den würdevollen, den streitsüchtigen und den zärtlichen. Wenn er auftreten mußte, ging er nie über den würdevollen hinaus, in Privatgesellschaften pflegte er jedoch alle drei, und zwar so rasch hintereinander, durchzumachen, daß diejenigen, die nicht die Ehre seiner näheren Bekanntschaft genossen, geradezu verblüfft darüber wurden.

Mr. Snevellicci hatte soeben wieder ein volles Glas hinuntergegossen, lächelte, seine eben erst zur Schau gestellte Kampfeslust vergessend, den Anwesenden leutselig zu und brachte in liebenswürdigstem Animo einen Toast auf die Damen aus.

»Ich liebe sie alle«, rief er, sich im Kreise umsehend. »Ich liebe sie alle.«

»Doch wohl nicht alle!« wendete Mr. Lillyvick milde ein.

»Ja, alle!« wiederholte Mr. Snevellicci hartnäckig.

»Da wären ja auch die verheirateten Damen mit einbegriffen«, gab der Steuereinnehmer zu bedenken.

»Jawohl, sind sie auch«, lallte Mr. Snevellicci.

Mr. Lillyvick zog indigniert und erstaunt die Augenbrauen in die Höhe und war anscheinend auch nicht wenig überrascht, daß seine Gattin durchaus keine Anzeichen von Entsetzen oder Entrüstung an den Tag legte.

»Eine Liebe ist der andern wert«, fuhr Mr. Snevellicci unbeirrt fort. »Ich liebe sie und sie lieben mich.«

Und als ob diese Äußerung der guten Sitte nicht schon genug hohngesprochen hätte, blinzelte er – jawohl, er blinzelte, und zwar ganz ungeniert mit seinem rechten Auge – Mrs. Henriette Lillyvick zu! –

Sprachlos vor Empörung sank der Steuereinnehmer in seinem Stuhl zurück. Wenn seiner jetzigen Gattin jemand, als sie noch Henriette Petowker gewesen, zugeblinzelt hätte, so wäre es schon im höchsten Grade unanständig gewesen, aber gar jetzt! – Der Gedanke trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirne. Und noch während er darüber nachsann, ob das alles Wirklichkeit sei und er am Ende nicht bloß träume, wiederholte Mr. Snevellicci nicht nur sein unverschämtes Blinzeln, er trank Mrs. Lillyvick sogar noch zu und warf ihr – nicht zu glauben – eine Kußhand zu. Sofort sprang Mr. Lillyvick auf, ging entschlossen zu dem andern Ende der Tafel hinüber und warf sich mit seiner vollen Schwere auf den Missetäter.

Mr. Lillyvick hatte ein ziemlich bedeutendes Gewicht, und wie er so über Mr. Snevellicci herfiel, konnte dieser nicht umhin, unter den Tisch zu sinken, seinen Gegner mit sich reißend. – Die Damen kreischten laut auf.

»Was haben denn die beiden? Sind sie toll geworden?« rief Nikolas, fischte unter dem Tisch herum, zog den Steuereinnehmer mit kräftiger Faust hervor und warf ihn wie eine Strohpuppe in einen Stuhl. »Was soll denn das heißen? Was wandelt Sie an?«

Noch während er sich so zu schaffen machte, hatte Smike Mr. Snevellicci, der seinen Widersacher mit dem leeren Blick eines Betrunkenen anstierte, einen ähnlichen Liebesdienst geleistet.

»Sehen Sie dorthin, Sir!« keuchte Mr. Lillyvick und deutete auf seine erstaunte Gattin. »Da sitzt Reinheit und Anmut vereinigt. Ihre Gefühle sind aufs tiefste verletzt worden!«

»Um Gottes willen, was schwatzt er nur für Unsinn!« rief Mrs. Lillyvick auf Nikolas' fragenden Blick. »Kein Mensch hat ein Wort zu mir gesagt.«

»Gesagt, Henriette?« rief der Steuereinnehmer. »Habe ich nicht selbst mit angesehen, wie er dir –«

Er konnte es nicht über sich bringen, es auszusprechen, sondern ahmte nur das anzügliche Blinzeln des schamlosen Don Juan pantomimisch nach.

»Wirklich zu dumm!« entgegnete Mrs. Lillyvick heftig. »Glaubst du vielleicht, man dürfe mich nicht einmal mehr ansehen? – Das könnte dir passen! – Da möchte ich doch lieber überhaupt nicht verheiratet sein!«

»Du fühlst dich also nicht verletzt?« rief der Steuereinnehmer.

»Verletzt?!« wiederholte Mrs. Lillyvick verächtlich. »Du solltest lieber die ganze Gesellschaft auf den Knien um Verzeihung bitten!«

»Um Verzeihung bitten, meine Liebe?« stotterte der Steuereinnehmer verblüfft.

»Ja, und mich zuerst. Glaubst du etwa, ich wisse nicht selber am besten, was sich schickt und was sich nicht schickt?«

»Natürlich, natürlich!« fielen sämtliche Damen ein. »Meinen Sie, wir würden nicht die ersten sein, die protestierten, wenn etwas Unrechtes vorfiele?«

»Wie kommen Sie überhaupt dazu, den Damen in ihre Angelegenheiten dreinzureden, Sir?« knurrte Miss Snevelliccis Papa, zog sich seinen Kragen zurecht und murmelte etwas von »Schädel einschlagen, wenn ihn nicht die Rücksicht für das Alter seines Gegners zurückhielte«. Dann faßte er Mr. Lillyvick ein paar Sekunden lang fest und drohend ins Auge, stand ganz bedächtig von seinem Stuhle auf und küßte die Damen der Reihe nach ab, mit Mrs. Lillyvick unverschämterweise noch obendrein den Anfang machend.

Der unglückliche Steuereinnehmer warf, aus allen Himmeln gerissen, seiner Gattin einen kläglichen Blick zu, bat die ganze Gesellschaft demütiglich um Verzeihung und setzte sich zerknirscht, entmutigt und gänzlich geknickt – ein schreiender Gegensatz zu seiner früheren Selbstherrlichkeit – nieder.

Mr. Snevellicci schwelgte in seinem Triumphe und seinem so offenkundigen Glück bei den Damen, ließ seiner Fröhlichkeit nur noch mehr die Zügel schießen, so daß man es fast Ausgelassenheit hätte nennen können, gab dann unaufgefordert einige nicht endenwollende Couplets zum besten und füllte die Zwischenpausen mit Reminiszenzen an verschiedene vornehme und schöne Frauen, die alle in ihn verliebt gewesen sein sollten, aus. Diese Erinnerungen schienen merkwürdigerweise in Mrs. Snevelliccis Brust durchaus keine besonders schmerzlichen Gefühle zu erwecken, wenigstens ließ sie sich nicht stören, Nikolas die mannigfachen Vorzüge und Tugenden ihrer Tochter in den lebhaftesten Farben zu schildern. Auch die junge Dame selbst verfehlte nicht, alle ihre kleinen Zauberkünste spielen zu lassen. So sehr diese aber auch durch Miss Ledrock unterstützt wurden, so vermochten sie dennoch Nikolas nicht in Banden zu schlagen, der durch seine Erlebnisse mit Miss Squeers viel zu sehr gewitzigt war, um diesmal nicht sorgsam auf seiner Hut zu sein, so sehr, daß ihn, als er sich entfernt hatte, die Damen einstimmig für ein wahres Ungeheuer von Gefühllosigkeit erklärten.

Am nächsten Tage wurden die Anschlagszettel, wie vereinbart, ausgehängt und verkündeten dem Publikum in allen Farben des Regenbogens und in jeder nur denkbaren Schriftart, Mr. Johnson »werde abends die Ehre haben, zum letztenmal aufzutreten«, und man bitte deshalb, die Plätze rechtzeitig zu bestellen, da ein ungeheurer Zulauf zu erwarten stehe.

Als Nikolas am Abend die Szene betrat, wußte er sich anfangs die ungewöhnliche Verstörtheit und Aufregung in den Gesichtern aller Mitglieder der Truppe nicht recht zu erklären, aber er sollte nicht lange über die Ursache im Zweifel bleiben, denn ehe er noch Zeit hatte, sich darüber zu erkundigen, trat Mr. Crummles auf ihn zu und teilte ihm schweißtriefend vor Erregung mit, ein Londoner Theaterdirektor befände sich in eigener Person in einer der Logen.

»Sicher nur wegen des Wunderkindes, Sir«, sagte er und zog Nikolas zu dem Guckloch im Vorhang, um ihm den Mann zu zeigen. »Ich zweifle nicht im geringsten, daß ihn der Ruf des Wunderkindes hergelockt hat. Dort sitzt er – der Herr in Überzieher und ohne Hemdkragen. Er muß ihr zehn Pfund wöchentlich zahlen, Johnson! Ich lasse sie um keinen Penny weniger nach London. Selbstverständlich muß er auch meine Frau mit engagieren – zwanzig Pfund wöchentlich für beide. Oder besser noch: ich gebe mich und die zwei Jungen mit dazu, wenn er für die ganze Familie dreißig Pfund zahlt. Billiger kann man wahrhaftig schon nicht mehr sein. Er muß uns alle nehmen, wenn keines von uns ohne das andere geht. Viele Londoner Schauspieler machen's ebenso und erreichen damit immer ihren Zweck. – Dreißig Pfund wöchentlich, Johnson – was ist das? Ein Spottgeld, Johnson, ein Spottgeld.«

Nikolas pflichtete bei, und Mr. Vincent Crummles eilte, nachdem er sich durch ein paar tüchtige Prisen gestärkt hatte, von dannen, um seiner Gattin anzukündigen, daß er sich hinsichtlich der einzig annehmbaren Bedingungen einig geworden sei und den festen Entschluß gefaßt habe, keinen Penny nachzulassen. Als der Vorhang aufging, steigerte sich die durch die Anwesenheit des fremden Theaterdirektors verursachte Aufregung ins Grenzenlose, denn jedes Mitglied der Truppe war natürlich fest überzeugt, daß der Londoner nur seinetwegen nach Portsmouth gekommen sei. Die in der ersten Szene unbeschäftigten Schauspieler eilten auf den Schnürboden hinauf und renkten sich die Hälse aus, um das »große Tier« zu erspähen, und andere stahlen sich in die kleine Direktionsloge über dem Eingang, um von dort aus zu rekognoszieren.

Einmal bemerkte man, daß der Londoner Direktor lächelte; er lächelte über den »komischen Bauern«, der tat, als ob er Fliegen finge, während Mrs. Crummles gerade den kritischen Punkt ihrer Glanzrolle absolvierte. »Schon gut, Bursche«, knirschte Mr. Crummles und schüttelte dem »komischen Bauern«, als er abtrat, die Faust nach, »künftigen Sonntag kannst du dich um ein anderes Engagement umsehen.«

Aber auch die Schauspieler auf der Szene starrten nur noch auf eine Person – den Londoner Theaterdirektor, für den sie einzig und allein ihre Rollen spielten. So z. B. Mr. Lenville, der in einem plötzlichen Wutausbruch »den Kaiser« einen Elenden nannte, dann in seinen Handschuh biß und sprach: »Ich muß mich verstellen«, dabei jedoch, statt wie sonst in solchen Fällen üblich, finster zur Erde zu blicken und auf sein Stichwort zu warten, sein Auge unverwandt auf den Londoner Direktor heftete. Und als Miss Bravassa in ihrem Couplet ihren Bräutigam ansang, der, wie in der Rolle vorgeschrieben, bereitstand, um ihr nach jedem Refrain die Hände zu schütteln, sah sich das Liebespärchen dabei nicht gegenseitig an, sondern blickte wie gebannt auf den Londoner Direktor. Sogar Mr. Crummles selbst richtete noch »im Sterben« sein Gesicht ihm zu, und als die Leibwache kam, um ihn nach furchtbarem Todeskampf hinauszutragen, konnte man deutlich sehen, wie er aufs neue die Augen öffnete und nach ihm schielte. Endlich entdeckte man, daß der Londoner Direktor eingeschlafen war; und als er bald nachher wieder aufwachte und das Theater verließ, fiel das ganze Ensemble über den unglücklichen »komischen Bauern« her und erklärte, daß er durch seine Bouffonerie einzig und allein die Schuld daran trage.

Mr. Crummles raste und schrie, seine Geduld sei am Ende und der Mime möge sich gefälligst nach einem andern Engagement umsehen.

Alles das machte Nikolas großen Spaß, und er freute sich aufrichtig, daß der große Mann das Auditorium verlassen hatte, noch ehe er selbst auftreten mußte. Er spielte seine Rolle in den letzten zwei Stücken so rasch wie möglich herunter, nahm, nachdem er unter unerhörtem Beifall seinen Abgang gefeiert – so besagten wenigstens die Theaterzettel für den nächsten Tag, die bereits ein paar Stunden vorher gedruckt worden waren – Smikes Arm und eilte nach Hause, um sich schlafen zu legen.

Die Post am Morgen brachte ihm einen sehr verklecksten, sehr kurzen, sehr schmutzigen, sehr kleinen und höchst geheimnisvoll klingenden Brief von Newman Noggs, der ihn zu unverzüglichem Kommen aufforderte, und zwar ohne Zeit zu verlieren, wie es darin hieß, damit er womöglich noch am selben Abend in London eintreffen könne.

»Soll geschehen«, brummte Nikolas. »Der Himmel weiß, daß ich in der besten Absicht und sehr gegen meinen Willen hiergeblieben bin, aber vielleicht habe ich dennoch zu lange gezögert. Was mag wohl vorgefallen sein? – Smike, lieber Freund, hier nimm das Geld, packe die Sachen ein und bezahle unsere kleinen Schulden. Aber beeile dich, damit wir noch zur Morgenpost zurechtkommen. Ich will inzwischen nur Crummles meine bevorstehende Abreise melden und werde im Augenblick wieder hier sein.«

Damit nahm er seinen Hut und eilte nach Mr. Crummles' Wohnung.

Ungestüm eilte er die Treppe hinauf und trat ohne weitere Förmlichkeiten in das Wohnzimmer des ersten Stocks, wo die beiden jungen Herren Crummles, durch sein wütendes Klopfen am Haustore erschreckt, aus ihren Sofabetten gesprungen waren und nun in aller Eile ihre Kleider anzogen, wähnend, es sei noch Nacht und das Nachbarhaus stehe in Flammen.

Ehe ihnen Nikolas noch aufklären konnte, worum es sich handle, kam der Theaterdirektor selbst in Flanellschlafrock und Nachtmütze herunter und hörte sprachlos vor Staunen mit an, daß die Umstände »Mr. Johnson« zwängen, augenblicklich nach London zu reisen.

»Und somit Gott befohlen!« rief Nikolas. »Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Mr. Crummles.«

Er war schon wieder zur Hälfte die Treppe hinunter, ehe sich der Theaterdirektor von seiner Überraschung so weit erholt hatte, um etwas hinsichtlich der geplanten Ankündigungen an den Straßenecken hervorstottern zu können.

»Ich kann's leider nicht ändern«, rief Nikolas hinauf. »Behalten Sie als Entschädigung, was ich für diese Woche noch zu bekommen habe, oder wenn das nicht ausreichen sollte, so sagen Sie rundheraus, was Sie verlangen. Aber geschwind. Ich habe die größte Eile.«

»Wir wollen vielleicht gegenseitig unsere Rechnungen streichen«, meinte Crummles. »Aber könnten wir nicht wenigstens noch ein einziges ›Letztes Auftreten‹ haben?«

»Jede Stunde – jede Minute ist mir kostbar«, rief Nikolas ungeduldig.

»Wollen Sie nicht noch wenigstens meiner Gattin Lebewohl sagen?« fragte Mr. Crummles, ihm bis zur Haustüre folgend.

»Ich darf nicht eine Minute länger verweilen, und wenn ich dadurch mein Leben um zwei Jahrzehnte verlängern könnte«, antwortete Nikolas. »Hier, meine Hand und zugleich meinen herzlichsten Dank. O Gott, wie die Zeit verrinnt!«

Dann entriß er sich gewaltsam den Armen des Theaterdirektors, stürzte in größter Eile auf die Straße hinunter und war im Nu verschwunden.

Smike hatte sich indessen nach Kräften gesputet, und bald stand alles zur Abreise bereit. Im Posthof angelangt, kaufte Nikolas in einem Laden daneben noch in fliegender Eile einen Überzieher für Smike, der – wie der Verkäufer sagte – geradezu »außergewöhnlich« paßte, das heißt, mindestens ums Doppelte zu weit war, und kehrte wieder zu der Postkutsche zurück, die jetzt bereits auf der Straße und zur Abfahrt bereit stand, als er sich plötzlich von rückwärts so ungestüm umarmt fühlte, daß es ihn fast in die Luft hob. Gleichzeitig hörte er Mr. Crummles ausrufen:

»Er ist's – mein Freund! mein Freund!«

»Um Gottes willen«, schrie Nikolas und sträubte sich aus Leibeskräften, »was wandelt Sie an?«

Mr. Crummles nahm nicht die geringste Rücksicht auf diese Frage, sondern drückte ihn abermals an seine Brust und rief: »Lebe wohl, mein edler, mein löwenherziger Junge!«

Er war nämlich, da er keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen ließ, sein mimisches Talent zu entfalten, ausdrücklich in der Absicht hergekommen, sich von »Mr. Johnson« öffentlich zu verabschieden, und erging sich jetzt, um die Szene möglichst imposant zu gestalten, zu dessen größtem Verdruß in einer Reihe von Bühnenumarmungen, die bekanntlich darin bestehen, daß der oder die Umarmende das Kinn auf die Schulter des Opfers legt und darüber hinweg ins Publikum blickt. Mr. Crummles vollführte dies im höchsten melodramatischen Stile und gab dabei die ergreifendsten Abschiedsphrasen aus allen möglichen Stücken zum besten. Aber das war noch nicht alles, denn der ältere Master Crummles vollzog eine ähnliche Zeremonie an Smike, während Master Percy Crummles, einen bei einem Trödler gekauften spanischen Hidalgomantel theatralisch über die linke Schulter geworfen, in der Attitüde eines Schergen, der bereit ist, sein Opfer auf das Schafott zu führen, daneben stand.

Die Zuschauer hielten sich den Bauch vor Lachen, und da es noch das geratenste schien, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, lachte auch Nikolas mit, sobald er sich aus Mr. Crummles' Umklammerung befreit, kam dann dem vor Staunen sprachlosen Smike zu Hilfe, erkletterte mit ihm das Kutschendach, warf der herbeieilenden Mrs. Crummles eine Kußhand zu und rasselte von dannen.

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