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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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3. Kapitel

Mr. Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der junge Nikolas gefällt seinem Onkel ausnehmend, und dieser faßt den edelmütigen Entschluß, für dessen Zukunft zu sorgen

Mr. Ralph Nickleby trat nach dem Mahle in ungewöhnlich guter Laune den Heimweg an. Als er bei der St.-Pauls-Kirche anlangte, trat er in einen Torweg, um seine Uhr zu richten, und wie er so den Schlüssel in der Hand und die Augen auf den Zeiger der Kirchturmuhr gerichtet dastand, trat plötzlich Newman Noggs an seine Seite.

»Ah, Newman«, sagte Mr. Nickleby aufblickend. »Das Schreiben wegen der Hypothek angelangt, was?«

»Falsch«, brummte Noggs.

»Was? Und es war auch niemand deshalb im Bureau?«

Noggs schüttelte den Kopf.

»Aber was ist denn also gekommen?«

»Ich«, entgegnete Newman.

»Und was sonst noch?«

»Dies da«, erwiderte Noggs und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche. »Poststempel Strand, schwarzes Siegel, schwarzer Rand, Frauenzimmerhand, C. N. in der Ecke.«

»Schwarzes Siegel?« fragte Mr. Nickleby mit einem Blick auf den Brief. »Die Schrift kommt mir bekannt vor. Es sollte mich nicht wundernehmen, Newman, wenn mein Bruder tot wäre.«

»Glaub's wohl«, versetzte Noggs ruhig.

»Wieso?«

»Na, weil Sie sich überhaupt über nichts wundern«, antwortete Newman.

Mr. Nickleby öffnete den Brief, las ihn mit steinerner Miene, steckte ihn dann in die Tasche und begann, wieder seine Uhr aufzuziehen.

»Es ist, wie ich erwartet habe, Newman«, sagte er dabei. »Er ist tot. Hm, kommt mir recht ungelegen. Ich hätt's nicht gedacht.«

»Kinder hinterlassen?« forschte Noggs.

»Zwei. Das ist's doch eben«, brummte Mr. Nickleby und ging schnell weiter.

»Zwei«, wiederholte Noggs mit leiser Stimme.

»Und auch eine Witwe. Alle drei sind jetzt in London. Hol sie der Henker. Alle drei hier, Newman!«

Noggs blieb ein wenig hinter seinem Gebieter zurück und schnitt merkwürdige Grimassen. Ob infolge von Krämpfen, eines Schmerzgefühls oder eines innerlichen Lachens, konnte niemand als er selbst sagen. Der Ausdruck des menschlichen Gesichtes ist sonst ein Spiegel der Seele, aber Newman Noggs' Züge blieben in allen Gemütsstimmungen ein unlösliches Rätsel.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte Mr. Nickleby nach einer Weile und warf dabei seinem Schreiber einen Blick zu wie einem Hund. Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Newman bereits über die Straße glitt und sich im Augenblick in dem Gedränge verlor.

»Hübsch ausgedacht«, brummte Mr. Nickleby im Weitergehen vor sich hin, »hübsch ausgedacht. Mein Bruder hat nie etwas für mich getan, und ich habe es auch nicht erwartet; aber kaum ist ihm der Atem ausgegangen, hält man sich an mich. Ich soll jetzt für ein stämmiges Weib, einen erwachsenen Jungen und ein dito Mädchen sorgen. Was gehen sie mich an? Ich kenne sie doch gar nicht.«

Unter solchen und ähnlichen Betrachtungen schlug Mr. Nickleby den Weg nach dem Strand ein, zog den Brief zu Rat, um hinsichtlich der Adresse nicht fehlzugehen, und machte schließlich vor der Türe eines Hauses ungefähr in der Mitte der sehr belebten Straße halt.

Es mußte hier ein Miniaturmaler wohnen, denn neben dem Tor war ein großer vergoldeter Rahmen festgeschraubt, auf dem sich auf schwarzem Samtgrunde zwei Porträts in Marineuniform nebst den dazugehörigen Teleskopen – das eines jungen Herrn in Scharlach, der einen Säbel schwang, und das eines Gelehrten mit hoher Stirne, einer Feder, einem Tintenfaß, sechs Büchern und einem Vorhang – befanden. Daneben sah man noch das ungemein ansprechende Bild einer jungen Dame, die in einem riesigen Wuste von Manuskripten las, und die liebenswürdige ganze Figur eines großköpfigen, kleinen Knaben mit Beinen, die perspektivisch zu der Größe von Salzlöffelchen verkürzt waren. Außer diesen Kunstwerken prangten noch viele Köpfe von alten Damen und Herren auf blauem und braunem Hintergrunde, die sich gegenseitig zulächelten – und eine zierlich geschriebene Preisliste mit gepreßtem Rand.

Mr. Nickleby warf einen verächtlichen Blick auf diese Armseligkeiten und klopfte mit Doppelschlägen an die Türe, bis ihm ein Dienstmädchen mit ungemein schmutzigem Gesicht öffnete.

»Ist Madam Nickleby zu Hause?« fragte Mr. Ralph ungeduldig.

»Sie heißt net Nickleby; Sie meinen vielleicht La Creevy?« antwortete das Mädchen und wollte sich eben näher auslassen, als eine weibliche Stimme von einer fast senkrechten Treppe herunter die Frage vernehmen ließ, zu wem der Herr wolle.

»Zu Mrs. Nickleby«, erwiderte Ralph.

»Das ist doch im zweiten Stock, Hanna«, fuhr dieselbe Stimme fort. »Was du doch für ein dummes Ding bist. Ist die Herrschaft im zweiten Stock zu Hause?«

»Es is eben jemand hinausgegangen, aber ich glaube, es war von der Dachstube, aus der man den Kehricht heruntergetragen hat«, versetzte das Mädchen.

»So sieh nach«, erwiderte das unsichtbare Frauenzimmer. »Zeig dem Herrn, wo die Klingel ist, und sage ihm, er dürfe nicht mit einem Doppelschlag klopfen, wenn sein Besuch im zweiten Stock gilt. Ich kann überhaupt das Klopfen nicht gestatten, wenn nicht die Klingel gebrochen ist, und dann muß es durch zwei einfache Schläge geschehen.«

»Schon gut«, sagte Mr. Ralph und trat ohne weiteres in das Haus. »Pardon, sind Sie Madame La – wie ist Ihr Name?«

»Creevy – La Creevy«, versetzte die Stimme, und zugleich tauchte ein gelber Kopfputz über dem Geländer auf.

»Ich möchte, wenn Sie erlauben, einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Madam.«

Die Stimme ersuchte Mr. Nickleby heraufzukommen, doch dies war bereits geschehen, ehe sie noch ausgesprochen hatte, und als Mr. Ralph im ersten Stock anlangte, wurde er von der Besitzerin des gelben Kopfputzes empfangen, deren Kleid und Gesicht so ziemlich von derselben Farbe waren. Miss La Creevy war eine geziert aussehende jugendliche Dame von fünfzig Jahren, und ihr Zimmer bildete ein passendes Seitenstück zu dem vergoldeten Rahmen an der Türe. Nur daß hier die Kunstproduktion üppiger wucherte und der Raum selbst um ein beträchtliches schmutziger war.

»Ehüm«, begann Miss La Creevy, zimperlich hinter ihren seidenen Halbhandschuhen hüstelnd, »Sie wünschen wohl ein Miniaturporträt? Ihr Gesicht ist sehr markant, Sir. Sind Sie früher schon gesessen?«

»Sie sind, wie ich sehe, hinsichtlich meines Hierseins im Irrtum, Madam«, versetzte Mr. Nickleby in seiner gewohnten plumpen Weise. »Ich habe kein Geld übrig, um es für Miniaturbilder wegzuwerfen, Madame, und Gott sei Dank auch niemand, dem ich eines schenken könnte, im Fall ich welches besäße. Da ich Sie gerade auf der Treppe sah, so wollte ich Ihnen nur einige Fragen über die hier wohnenden Mieter vorlegen.«

Miss La Creevy hüstelte abermals, diesmal um ihre Enttäuschung zu verbergen, und sagte: »Ach so.«

»Ich vermute aus den an Ihre Magd gerichteten Worten«, fuhr Mr. Nickleby fort, »daß der zweite Stock Ihnen gehört, Madam?«

Miss La Creevy erwiderte, daß dem allerdings so sei, aber da sie die Zimmer des zweiten Stockes zur Zeit nicht brauche, so pflege sie sie zu vermieten. Und gegenwärtig seien sie an eine Dame vom Lande mit ihren beiden Kindern vergeben.

»An eine Witwe, Madam?«

»Ja, an eine Witwe.«

»Eine arme Witwe, Madam?« forschte Ralph mit starker Betonung des kleinen Beiworts, das so viel in sich begreift.

»Hm, allerdings, ich fürchte, sie ist arm«, versetzte Miss La Creevy.

»Ich kenne zufällig die näheren Umstände, Madam«, fuhr Ralph fort. »Mit einem Wort, ich bin ein Verwandter und möchte Ihnen raten, die Familie nicht länger zu behalten.«

»Wäre nicht zu hoffen«, entgegnete Miss La Creevy mit einem weiteren Husten, »daß, im Falle die Dame nicht imstande sein sollte, ihre Zahlungsverbindlichkeiten einzuhalten, ihre Familie ...«

»Nein, nein, Madam«, unterbrach Ralph hastig, »daran ist nicht im entferntesten zu denken.«

»Dann allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, »erhält die Sache freilich ein ganz anderes Gesicht.«

»Richten Sie sich jedenfalls darnach, Madam«, sagte Ralph, »und treffen Sie demgemäß Ihre Vorkehrungen. Ich bin der einzige Verwandte, den die Familie hat, und halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich ihre verschwenderische Lebensweise nicht unterstützen kann. Auf wie lange hat sie sich bei Ihnen eingemietet?«

»Es ist nur wochenweise gemietet worden, und Mrs. Nickleby hat für die ersten acht Tage vorausbezahlt.«

»Dann werden Sie gut tun, ihr sofort zu kündigen. Das beste ist, wenn sie wieder aufs Land zurückgeht. Hier ist sie nur jedermann im Wege.«

»Allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, sich die Hände reibend, »wäre es sehr unpassend für eine Dame wie Mrs. Nickleby, wenn sie Zimmer mieten würde, ohne die Mittel zu besitzen, sie auch zu bezahlen.«

»Natürlich, natürlich, Madam«, bekräftigte Ralph.

»Und da ich vorderhand, hm, nur eine einzeln lebende schutzlose Dame bin«, fuhr Miss La Creevy fort, »so könnte ich einen Verlust an Mietzins nicht verschmerzen.«

»Selbstverständlich nicht, Madam«, stimmte Ralph bei.

»Immerhin«, fuhr Miss La Creevy, augenscheinlich zwischen Gutmütigkeit und ihrem Vorteile schwankend, fort, »kann ich durchaus nichts gegen die Dame sagen. Wenn sie auch ungemein niedergedrückt zu sein scheint, so ist sie doch sehr gefällig und freundlich, und auch die jungen Leute sind so artig und wohlerzogen, daß man nicht leicht ihresgleichen heutzutage findet.«

»Ganz gut, Madam«, knurrte Ralph und wandte sich zum Gehen, da ihm dies der Armut gespendete Lob nicht behagte, »ich habe meine Schuldigkeit getan und vielleicht noch mehr, als ich hätte tun sollen. Ich bin es natürlich gewohnt, daß mir die Menschen dafür keinen Dank wissen.«

»Ich für meine Person bin Ihnen jedenfalls sehr verbunden, Sir«, versicherte Miss La Creevy mit einem zierlichen Knicks. »Übrigens, würden Sie mir nicht vielleicht die Gunst erweisen, einige Proben meiner Porträtmalerei anzusehen?«

»Sehr gütig, Madam«, lehnte Mr. Nickleby ab und machte sich in großer Eile davon, »aber da ich noch einen Besuch eine Treppe höher abzustatten habe und meine Zeit knapp bemessen ist, so bin ich in der Tat außerstande ...«

»Ich werde mich jederzeit glücklich schätzen, wenn Sie etwa im Vorübergehen wieder einmal bei mir vorsprechen wollen«, fing Miss La Creevy wieder an. »Vielleicht haben Sie die Gewogenheit, hier meine Karte anzunehmen, Sir. Ich danke Ihnen. Guten Morgen ...«

»Guten Morgen, Madam«, brach Ralph kurz ab und schloß rasch die Türe hinter sich, um jede Fortsetzung des Gespräches zu verhindern. »Also jetzt zu meiner Schwägerin. Na.«

Dann klomm er eine zweite steile Treppenflucht empor, die mit großem architektonischen Scharfsinn nur aus Eckstufen zusammengesetzt war, und hielt eben an dem Geländer inne, um ein wenig zu verschnaufen, als er von Miss La Creevys Dienstmagd überholt wurde, die seit ihrer letzten Begegnung mit ihm augenscheinlich nicht sehr gelungene Versuche gemacht hatte, ihr schmutziges Gesicht mit einer noch viel schmutzigeren Schürze zu reinigen, und von ihrer höflichen Gebieterin abgeschickt worden war, den Herrn anzumelden.

»Wie ist Ihr Name?« fragte das Mädchen.

»Ralph Nickleby.«

»Mrs. Nickleby, Mrs. Nickleby«, rief das Mädchen und riß die Türe auf. »Mr. Nickleby ist hier.«

Eine tief in Trauer gekleidete Dame erhob sich, als Ralph ins Zimmer trat, war jedoch augenscheinlich nicht imstande, ihm entgegenzugehen, denn sie stützte sich auf den Arm eines zarten, aber ungemein schönen Mädchens von ungefähr siebzehn Jahren, das neben ihr gesessen hatte. Ein junger Mann, anscheinend ein oder zwei Jahre älter, sprang sofort auf und begrüßte Mr. Nickleby als seinen Onkel.

»Hm«, brummte Ralph mit einem ungnädigen Stirnrunzeln, »du bist vermutlich Nikolas?«

»Das ist mein Name, Sir«, erwiderte der junge Mann.

»Nimm mir den Hut ab«, versetzte Ralph herrisch. »Nun, wie geht's Ihnen, Madam? Sie müssen Ihren Kummer niederkämpfen, Madam; ich mache es auch nie anders.«

»Der Verlust traf mich so plötzlich und unerwartet«, seufzte Mrs. Nickleby und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen.

»Gar nichts Unerwartetes«, murrte Ralph und knöpfte kaltblütig seinen Rock auf. »Familienväter sterben alle Tage und, Madam, Mütter nicht minder.«

»Und auch Brüder, Sir«, fügte Nikolas unwillig hinzu.

»Jawohl, Musjö, und auch naseweise Zierbengel und Muttersöhnchen«, bemerkte der Onkel und nahm einen Stuhl. »Sie sprechen sich in Ihrem Brief nicht darüber aus, woran mein Bruder litt, Madam.«

»Die Ärzte konnten keine besondere Todesursache finden«, sagte Mrs. Nickleby, in Tränen ausbrechend. »Ach, wir haben nur allzuviel Grund zu glauben, daß er an gebrochenem Herzen starb.«

»Pah«, sagte Ralph, »so etwas gibt es doch gar nicht. Ich kann mir vorstellen, daß sich ein Mensch den Hals bricht oder die Nase, oder den Arm, den Fuß oder den Schädel, aber ein gebrochenes Herz? Dummheiten! Wenn einer seine Schulden nicht bezahlen kann, so stirbt er an gebrochenem Herzen, und seine Witwe gilt als Märtyrerin.«

»Ich will gern glauben, daß es Leute gibt, denen das Herz nicht brechen kann, weil sie keins haben«, bemerkte Nikolas ruhig.

»Wie alt, um Gottes willen, ist denn dieser Bursche?« fragte Ralph wütend, drehte sich auf seinem Stuhl um und musterte mit unaussprechlicher Geringschätzung seinen Neffen von Kopf bis zu Fuß.

»Nikolas geht ins neunzehnte.«

»Was, neunzehn?«, fuhr Ralph auf. »Und was gedenkst du anzufangen, um dir deinen Lebensunterhalt zu erwerben, Musjö?«

»Meiner Mutter will ich unter keinen Umständen zur Last fallen«, rief Nikolas lebhaft.

»Würdest auch wenig genug zu beißen haben, wenn du das vorhättest«, brummte Mr. Nickleby verächtlich.

»Wie wenig es auch sein mag«, erwiderte Nikolas zornig, »in keinem Falle werden Sie es wohl vermehren.«

»Nikolas, Liebling, vergiß dich nicht«, verwies Mrs. Nickleby.

»Bitte, bitte, lieber Nikolas«, flehte die Schwester.

»Halt deinen Mund, Musjö«, schimpfte Ralph. »Das ist ja ein recht netter Anfang, Madam. Ein netter Anfang.«

Mrs. Nickleby entgegnete weiter nichts und bat nur Nikolas durch Gebärden, ruhig zu bleiben. – Onkel und Neffe maßen sich gegenseitig einige Sekunden, ohne ein Wort zu sprechen. Die Züge des Alten waren streng, hart und abstoßend, die des jungen Mannes offen, schön und freimütig. In Ralphs stechenden Augen lag Geiz und Hinterlist, während aus Nikolas' leuchtendem Blick Verstand und Mut sprach. Die Gestalt des jungen Mannes war eher schmächtig, aber männlich und wohlgebaut, und abgesehen von der Frische der Jugend lag in seiner ganzen Haltung etwas, was den Alten in Schranken hielt.

Wie schreiend auch ein derartiger Gegensatz für den Zuschauer sein mag, so wird er doch nur in seiner ganzen Schärfe und Bitterkeit von dem empfunden, der dabei die Rolle des Tieferstehenden übernehmen muß, und Ralph Nickleby haßte Nikolas von dieser Stunde an.

Der gegenseitigen Besichtigung wurde endlich durch Ralph ein Ende gemacht, der mit der Miene höchster Geringschätzung seine Augen abwandte und Nikolas einen Knaben nannte. Dieser Ausdruck wird von älteren Personen mit Vorliebe gegenüber jüngeren im Tone des Tadels gebraucht, wahrscheinlich in der Absicht, den Leuten glauben zu machen, daß sie um keinen Preis wieder jung werden möchten, selbst wenn sie es könnten.

»Nun, Madam«, begann Ralph ungeduldig, »die Gläubiger haben sich das Ihrige geholt, wie Sie mir schrieben, und es ist nichts für Sie übriggeblieben?«

»Nichts«, antwortete Mrs. Nickleby.

»Und Sie haben das bißchen Geld, das sie noch besaßen, auf die weite Reise nach London verwendet, um zu sehen, was ich für Sie tun werde?«

»Ich hoffte«, stotterte Mrs. Nickleby, »daß Sie imstande sein würden, den Kindern Ihres Bruders in ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Es war der Wunsch des Sterbenden, daß ich mich an Sie wenden sollte.«

»Ich weiß nicht, wie es kommt«, brummte Ralph und ging im Zimmer auf und ab, »aber immer, wenn jemand stirbt, ohne selbst etwas zu hinterlassen, so scheint er zu glauben, er hätte ein Recht, über das Vermögen anderer Leute zu verfügen. – Was hat Ihre Tochter gelernt, Madam?«

»Kate ist gut erzogen«, schluchzte Mrs. Nickleby. »Sag deinem Onkel, mein Kind, wie weit du im Französischen und den anderen Lehrgegenständen gekommen bist.«

Das arme Mädchen schickte sich an, einige Worte hervorzustottern, aber ihr Onkel fiel ihr unhöflich in die Rede.

»Wir müssen versuchen, dich als Hilfslehrerin in einer Klosterschule unterzubringen. Du bist doch hoffentlich nicht zu vornehm dafür?«

»Nein, nein, gewiß nicht, Onkel«, schluchzte das Mädchen, »ich will ja alles tun, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Nun, nun«, lenkte Ralph ein, vielleicht durch die Schönheit, vielleicht auch durch den Jammer seiner Nichte ein wenig besänftigt, »du mußt es eben versuchen, und wenn es dir zu hart ankommt, so geht's vielleicht mit der Kleidernäherei oder mit dem Stickrahmen. Und hast du je etwas gearbeitet, Musjö?« fuhr er seinen Neffen an.

»Nein«, erwiderte Nikolas unbefangen.

»Das hätte ich mir denken können. Das ist also die Art, wie mein Bruder seine Kinder erzogen hat, Madam?«

»Mein armer Mann hat Nikolas so weit herangebildet, als er es selbst vermochte«, versetzte die Witwe, »und er dachte eben ...«

»In Zukunft etwas aus ihm zu machen«, fiel Ralph ein. »Die alte Geschichte. Immer denken und nie handeln. Wäre mein Bruder ein tätiger und kluger Mann gewesen, so würde er Ihnen ein schönes Vermögen hinterlassen haben, Madam, und hätte seinen Sohn in die Welt hinausgeschickt, wie es mein Vater mit mir machte, als ich noch anderthalb Jahre jünger als dieser Bursche war. Dann würde er jetzt in der Lage sein, Sie zu unterstützen, statt Ihnen zur Last zu fallen und Ihre traurige Lage noch zu verschlimmern. Mein Bruder war eben ein unüberlegter, gedankenloser Mensch, Madam, und gewiß kann das niemand mehr fühlen als Sie selbst.«

Diese Bemerkung erweckte in der sonst guten, aber äußerst schwachen Frau den Gedanken, daß sie vielleicht mit ihren tausend Pfund doch am Ende eine bessere Partie hätte machen können. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und begann im Übermaß ihres Schmerzes, ihr hartes Los zu beklagen. Unter vielem Schluchzen erzählte sie, daß sie von ihrem armen Gatten in wahrhaft sklavischer Abhängigkeit erhalten worden sei und ihm oft gesagt habe, wie viele bessere Partien sie hätte machen können. Auch habe sie die ganze Zeit über nie gewußt, wo das Geld hinkäme, und es wäre wohl alles weit besser gegangen, wenn er mehr Vertrauen in sie gesetzt hätte, und was dergleichen bittere Erinnerungen mehr sind, die man gewöhnlich bei verheirateten Frauen während ihres Ehestandes oder nachher zu hören bekommt. Sie schloß mit der Klage, daß der teuere Verblichene sich von ihr nie habe raten lassen, ein einziges Mal ausgenommen – was auch in der Tat vollkommen der Wahrheit entsprach, denn das war damals gewesen, als der Grundstein zu seinem finanziellen Zusammenbruch gelegt wurde.

Mr. Nickleby hörte all das mit einem halben Lächeln an, und als die Witwe mit ihren Wehklagen endlich fertig war, nahm er das unterbrochene Thema genau da wieder auf, wo er durch den Herzenserguß seiner Schwägerin unterbrochen worden war.

»Hast du Lust zu arbeiten, Musjö?« wendete er sich an seinen Neffen.

»Das versteht sich von selbst«, sagte Nikolas stolz.

»Dann sieh her. Diese Notiz fiel mir heute morgen ins Auge, und du kannst Gott dafür danken.«

Nach dieser Einleitung zog Mr. Ralph ein Zeitungsblatt aus der Tasche, suchte eine Weile unter den Anzeigen herum und las dann laut vor:

»Erziehungsanstalt. – In Mr. Wackford Squeers' Erziehungsheim, Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys gelegen, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, werden Knaben beköstigt, gekleidet, mit Büchern, Taschengeld und allem Erforderlichen versehen und erhalten Unterricht in allen Sprachen lebenden wie toten –, in Mathematik, Orthographie, Geometrie, Astronomie, Trigonometrie, Geographie, Algebra, ferner im Fechten (wenn es verlangt wird), Schreiben, Rechnen, in der Fortifikationslehre sowie jedem Zweige der klassischen Literatur. Pensionsgeld zwanzig Guineen jährlich, keine Extraanforderungen, keine Vakanzen und unvergleichlich gute Kost. Mr. Squeers hält sich gegenwärtig in London auf und ist täglich von ein bis vier Uhr im ›Mohrenkopf‹ in Snow Hill zu sprechen. – N.B. Es wird ein fähiger Hilfslehrer gesucht. Jährliches Gehalt fünf Pfund. Ein Magister der freien Künste erhält den Vorzug.«

»So«, schloß Mr. Ralph Nickleby und steckte die Zeitung wieder ein. »Erhältst du diese Stelle, so ist dein Glück gemacht.«

»Aber er ist nicht Magister der freien Künste«, wendete Mrs. Nickleby ein.

»Das wird sich, glaube ich, machen lassen«, entgegnete Ralph.

»Aber das Gehalt ist so gering und die Entfernung gar so groß, Onkel«, jammerte Kate.

»Still, mein Kind«, verwies die Mutter, »dein Onkel muß das am besten verstehen.«

»Ich sage es noch einmal«, bemerkte Ralph mit Schärfe, »bekommt er die Stelle, so ist sein Glück gemacht. Behagt sie ihm nicht, so mag er selbst für eine andere sorgen. Wenn er aber ohne Freunde, ohne Geld, ohne Empfehlung und ohne jede Geschäftskenntnis eine ehrliche Beschäftigung in London finden kann, mit der er sich auch nur die Schuhsohlen verdient, so will ich ihm tausend Pfund geben. Das heißt«, unterbrach er sich, »ich würde sie ihm geben, wenn ich sie hätte.«

»Armer, armer Bruder«, seufzte Kate. »Ach Onkel, müssen wir uns denn schon so bald trennen?«

»Belästige deinen Onkel nicht mit Fragen, wo er doch nur für unser Wohl bedacht ist, mein liebes Kind«, tadelte Mrs. Nickleby. »Lieber Nikolas, weißt du denn gar nichts darauf zu sagen?«

»Doch, doch, Mutter«, raffte sich Nikolas auf, der bisher schweigend und in Gedanken versunken dagesessen hatte. »Wenn ich so glücklich bin, die Stelle zu erhalten, für die ich mich so wenig geeignet fühle, was wird aber aus denen werden, die ich hier zurücklasse?«

»In diesem Fall, aber auch nur in diesem Fall, will ich für deine Mutter und deine Schwester sorgen«, versetzte Ralph, »und ihnen eine Position schaffen, in der sie unabhängig leben können. Es wird dann meine Sorge sein, daß sie keine Woche nach deiner Abreise in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben.«

»Dann«, rief Nikolas, sprang freudig auf und ergriff die Hand seines Onkels, »dann bin ich bereit, alles zu tun, was Sie von mir wünschen. Wir wollen unverzüglich unser Glück bei Mr. Squeers versuchen. Höchstens kann er mir eine abschlägige Antwort geben.«

»Das wird er nicht«, brummte Ralph Nickleby. »Er wird dich mit Freuden annehmen, wenn ich dich ihm empfehle. Suche ihm nach Kräften nützlich zu sein, und du wirst dich binnen kurzem zum Teilhaber an seinem Institut emporschwingen. Du mein Himmel, wenn er dann gar mit Tod abginge, dein Glück wäre auf immer gemacht.«

»Ja, ja, ich sehe schon alles vor mir«, rief der arme Nikolas, ganz hingerissen von jugendlicher Begeisterung. »Oder vielleicht gewinnt mich irgendein junger Aristokrat lieb, der in der Anstalt erzogen wird, bittet mich von seinem Vater, wenn er die Schule verläßt und auf Reisen geht, als Hofmeister aus und verschafft mir nach unserer Zurückkunft vom Festland irgendeine hübsche Anstellung. Was halten Sie davon, Onkel?«

»Hm, höchst wahrscheinlich«, höhnte Ralph.

»Und wer weiß, wenn er kommt, um mich zu Hause zu besuchen, was er natürlich tun würde, so verliebt er sich in Kate, die mir die Wirtschaft führt, und, und – heiratet sie. Wer weiß, nicht wahr, Onkel?«

»Ja, wer weiß«, brummte Ralph.

»Und wie glücklich würden wir sein!« rief Nikolas begeistert. »Was ist der Schmerz der Trennung gegen die Freude des Wiedersehens. Ich werde stolz darauf sein, Kate eine schöne Frau nennen zu hören, und wie glücklich wird dann erst die Mutter sein, wenn wir wieder alle beisammen sind und diese traurigen Zeiten vergessen sein werden, und dann ...«

Die Farben dieses Zukunftsbildes waren zu strahlend, um nicht zu blenden, und Nikolas, der ganz überwältigt war, lächelte leise und brach dann in Tränen aus.

Die einfache Familie, die in ihrer Zurückgezogenheit nichts von dem kennengelernt hatte, was man konventionell »Welt« nennt und was eigentlich soviel bedeutet wie Schurkerei, ließ ihren Tränen bei dem Gedanken an die Trennung freien Lauf. Als der erste Gefühlsausbruch vorüber war, fuhren sie mit der Schwungkraft noch nie enttäuschter Hoffnung fort, sich die Zukunft aufs glänzendste auszumalen, bis Mr. Ralph Nickleby einwendete, daß leicht ein glücklicher Bewerber Nikolas des Glückes berauben könne, das die Zeitung in Aussicht stellte, was soviel hieße, wie alle Luftschlösser mit einem Schlage zerstören, wenn man länger warte. Dies steckte der Unterhaltung ein Ziel, und nachdem Nikolas die Adresse Mr. Squeers' sorgfältig notiert hatte, schickte er sich mit seinem Onkel an, den Herrn aufzusuchen. Er hatte jetzt die feste Überzeugung, Ralph sehr unrecht getan zu haben, als er bei der ersten Begegnung einen solchen Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, und Mrs. Nickleby gab sich nicht wenig Mühe, ihre Tochter zu belehren, welch wohlwollender menschenfreundlicher Herr der Onkel wäre.

Den Appell ihres Schwagers an ihre Einsicht und das darin fein eingewickelte Kompliment für ihre hohen Verdienste hatte nicht wenig zur Bildung dieser Ansicht beigetragen, und wenn auch die gute Frau ihren Mann zärtlich geliebt hatte und in ihre Kinder sozusagen vernarrt war, so hatte doch Ralph Nickleby, mit den Schwächen des menschlichen Herzens aufs innigste vertraut, wenn ihm auch die schöneren Seiten desselben fremd geblieben, eine jener kleinen mißtönenden Saiten mit so günstigem Erfolge berührt, daß sie sich allen Ernstes für das beklagenswerte, duldende Opfer der Unklugheit ihres verblichenen Gatten zu betrachten begann.

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