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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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29. Kapitel

Von Nikolas' weiteren Schicksalen und gewissen Zerwürfnissen in Mr. Vincent Crummles' Ensemble

Mr. Vincent Crummles fühlte sich durch den unerwarteten Erfolg und den Beifall, den sein Gastspiel in Portsmouth gefunden, veranlaßt, seinen Aufenthalt in dieser Stadt um vierzehn Tage über die ursprünglich beabsichtigte Zeit zu verlängern. Nikolas trat bei dieser Gelegenheit in den verschiedensten Rollen, aber stets unter gleichem Beifall auf und zog damit so viel Publikum an, daß das Haus jeden Abend ausverkauft war. Den Vorschlag eines Benefizes seitens Mr. Crummles' nahm er mit Vergnügen an und gewann dadurch an einer Vorstellung die für ihn höchst beträchtliche Summe von zwanzig Pfund.

Sein erstes, als er sich unerwartet so reich sah, war, daß er John Browdie seine Schuld abzahlte und die Rücksendung mit vielen Dankes- und Achtungsversicherungen sowie herzlichen Wünschen für sein künftiges eheliches Glück begleitete. Dann schickte er Newman Noggs die Hälfte seiner Einnahme mit der Bitte, sie gelegentlich Kate heimlich einzuhändigen und sie seiner wärmsten und innigsten brüderlichen Liebe zu versichern. Er erwähnte seine theatralische Laufbahn nicht weiter, sondern schrieb bloß, daß Briefe unter der Adresse seines angenommenen Namens, Poste restante Portsmouth, ihn unfehlbar treffen würden. Dabei bat er Newman, ihm alle Einzelheiten über die Lage seiner Mutter und Schwester zukommen zu lassen und ihm über alle die fabelhaften Wohltaten, die ihnen Ralph Nickleby seit seiner Abreise von London erwiesen, zu berichten.

»Sie sind so niedergeschlagen!« klagte Smike an dem Abend, an dem Nikolas seinen Brief abgesandt hatte.

»O durchaus nicht«, entgegnete Nikolas und zwang sich, ein heiteres Gesicht zu machen, denn eine Bejahung würde dem armen Burschen für die ganze Nacht den Schlaf geraubt haben; »ich mußte nur viel an meine Schwester denken, Smike.«

»An Ihre Schwester?«

»Jawohl.«

»Ist sie Ihnen ähnlich?« fragte Smike nach einer längeren Pause.

»Die Leute sagen es wenigstens«, versetzte Nikolas lächelnd. »Jedenfalls ist sie ein gut Teil schöner als ich.«

»Dann muß sie wunder-wunderschön sein«, sagte Smike, nachdem er eine Weile nachgedacht, die Hände gefaltet und die Augen unverwandt auf seinen Freund und Beschützer geheftet hatte.

»Einer, der dich nicht so gut kennt wie ich, mein lieber Junge, würde sagen, du wärest ein vollendeter Höfling«, lachte Nikolas.

»Ich weiß nicht, was das ist«, meinte Smike kopfschüttelnd, »aber glauben Sie, werde ich Ihre Schwester einmal sehen dürfen?«

»Gewiß«, rief Nikolas. »Wir werden eines Tages alle beisammen sein – wenn wir reich sind, Smike!«

»Wie kommt es nur, daß Sie, der Sie doch so freundlich und gütig gegen mich sind, niemand haben, der auch Ihnen beistünde und hülfe? Ich kann mir das nicht erklären.«

»Ach, das hat so mancherlei Ursachen; das ist eine lange Geschichte«, wich Nikolas der Antwort aus, »die du, wie ich fürchte, nicht leicht begreifen würdest. – Ich habe einen Feind – du weißt doch, was das ist?«

»Ja, ja, das weiß ich wohl«, rief Smike.

»Nun, und diesem hab' ich's zu verdanken. Er ist reich und kann nicht so leicht beim Kragen genommen werden wie dein alter Feind, der Schulmeister Squeers. – Er ist mein Onkel, hat aber wie ein Schurke an mir gehandelt.«

»Hat er das?« fuhr Smike auf und beugte sich lebhaft vor. »Wie heißt er? Sagen Sie mir seinen Namen.«

»Ralph – Ralph Nickleby.«

»Ralph – Nickleby«, murmelte Smike vor sich hin. »Ralph. Ich will mir diesen Namen für immer einprägen.«

Er hatte sich das Wort »Ralph« etwa zwanzigmal halblaut vorgesagt, als ihn ein lautes Klopfen an der Türe in seiner Beschäftigung unterbrach. Ehe er noch öffnen konnte, steckte Mr. Folair, der Pantomimist, bereits seinen Kopf herein.

Mr. Folairs Haupt war meistens mit einem runden Hute geziert, der eine ungewöhnliche hohe Wölbung, aber um so schmälere Krempen hatte. Augenblicklich trug der Mime ihn schräg auf dem Ohr, die Rückseite nach vorn, da diese weniger abgegriffen war, und um den Hals einen flammroten wollenen Schal, dessen Zipfel unter seinem von oben bis unten zugeknöpften Newmarketrock hervorguckten. In der Rechten hielt er einen auffallend schmutzigen Handschuh und das Rückgrat eines billigen Kleiderausklopfers mit einem gläsernen Griff daran – kurz, sein ganzes Äußeres war ungewöhnlich vornehm und bekundete eine weit größere Sorgfalt hinsichtlich Garderobe als sonst.

»Guten Abend, Sir«, begann Mr. Folair, nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu überbringen – hm!«

»Von wem und weshalb?« unterbrach ihn Nikolas. »Sie tun ja heute abend schrecklich geheimnisvoll.«

»Ich bin vielleicht etwas kühl«, sagte Mr. Folair, »vielleicht etwas kühl, aber daran ist die Mission schuld, in der ich hier bin, Mr. Johnson. – Hm, – gerade, da ich beiden Parteien freundlich gesinnt bin, Sir.«

Er hielt ernst und mit feierlicher Miene inne, griff in seinen Hut, holte ein kleines, zusammengefaltetes, weißlich-braunes Papier heraus, in das ein Billett eingewickelt war, und händigte es Nikolas mit dem Ersuchen ein, es gefälligst zu lesen.

Mr. Nickleby nahm es verwundert entgegen, erbrach das Siegel mit einem fragenden Blick auf den Mimen, der, die Augen beharrlich auf die Decke gerichtet, dasaß, die Stirne runzelte und den Mund in würdige Falten legte.

Das Billett trug die Adresse: »Johnson, Esquire – Mr. Augustus Folair zur gefälligen Besorgung übergeben«, und Nikolas' Verwunderung wuchs, als er darin die lakonischen Worte las.

»Mr. Lenville vermeldet Mr. Johnson sein höfliches Kompliment und wäre sehr dankbar, wenn Mr. Johnson ihn gefälligst wissen ließe, zu welcher Stunde des nächsten Morgens es ihm bequem wäre, mit Mr. Lenville im Schauspielhause zusammenzutreffen, um sich von letzterem in Gegenwart der ganzen Gesellschaft die Nase einschlagen zu lassen. Mr. Lenville ersucht Mr. Johnson, dieser Aufforderung um so gewisser nachzukommen, als Mr. Lenville ein paar Kollegen eingeladen hat, Zeugen der erwähnten Züchtigung zu sein, und deren Erwartung in keinem Fall getäuscht sehen möchte.

Portsmouth, Dienstag abend –«

So entrüstet auch Nikolas über diese Unverschämtheit war, so erschien ihm doch die läppische Herausforderung so ausgesucht abgeschmackt, daß er sich in die Lippen beißen und den Wisch zwei- oder dreimal überlesen mußte, ehe er genug Würde und Ernst aufbringen konnte, um den Kartellträger anzureden, der die ganze Zeit über weder die Augen von der Decke verwandte noch den Ausdruck seines Gesichtes auch nur im mindesten veränderte.

»Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?« brachte er endlich heraus.

»Jawohl«, versetzte Mr. Folair, blickte Nikolas eine Sekunde lang an, richtete aber dann sofort seine Augen wieder auf die Zimmerdecke.

»Wie können Sie sich unterstehen, sich zum Überbringer dieses Wisches herzugeben, Sir?« fragte Nikolas scharf, zerriß das Papier in kleine Stücke und warf sie dem Komödianten ins Gesicht. »Sie waren vermutlich nicht darauf gefaßt, daß ich Sie die Treppe hinunterwerfen werde?«

Mr. Folair wandte sein jetzt mit Papierschnitzeln reich geschmücktes Haupt Nikolas zu und erwiderte mit hoheitsvoller Würde:

»Nein.«

»Dann«, sagte Nikolas, nahm Mr. Folair seinen hohen Hut aus der Hand und schleuderte ihn gegen die Türe, »dann werden Sie gut tun, Ihrem Deckel, noch ehe zwölf Sekunden vergehen, zu folgen, wenn Sie sich nicht weitere Unannehmlichkeiten zuziehen wollen.«

»Johnson! Wahrhaftig«, rief Mr. Folair und gab alle seine Würde mit einem Schlage auf, »ein solches Benehmen ist nicht am Platze. –Treiben Sie gefälligst keine Possen mit der Garderobe eines Gentlemans.«

»Verlassen Sie mein Zimmer!« herrschte ihn Nikolas an. »Wie können Sie sich unterstehen, mir eine solche Botschaft zu überbringen, Sie Dummkopf?!«

»Oh, oh«, remonstrierte Mr. Folair, löste seinen Schal und wickelte sich mühselig aus ihm heraus. »Genug – genug!«

»Genug?« rief Nikolas und machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich frage Sie zum letzten Mal, Sir, ob Sie sich packen wollen?«

»Pardon, pardon!« rief Mr. Folair und streckte abwehrend die Hand vor. »Ich meinte es doch natürlich nicht im Ernst. Ich brachte Ihnen den Zettel doch bloß des Spaßes halber.«

»Dann würden Sie gut tun, sich bei derartigen Späßen zuvor Ihre Leute genau anzusehen«, entgegnete Nikolas. »Ihr Witz könnte sonst Ihnen selber eine zerschlagene Nase eintragen. Sollte der Wisch vielleicht auch nur ein Spaß sein?«

»Nein, nein! Das ist doch gerade das Famose an der Sache!« beeilte sich Mr. Folair zu versichern. »Das ist natürlich purer, tödlicher Ernst – auf Ehre.«

Nikolas konnte sich beim Anblick der grotesken Gestalt des Mimen eines Lächelns nicht erwehren, die zu allen Zeiten mehr seine Heiterkeit als seinen Unwillen erregt haben würde, jetzt aber geradezu absurd war, da Mr. Folair, mit einem Knie auf dem Boden, seinen Hut um und um drehte, ängstlich besorgt, ob nicht am Ende der alte Filz gelitten hätte.

»Aber jetzt, Sir, werden Sie endlich die Güte haben, mir eine Erklärung zu geben«, platzte Nikolas heraus.

»Nun, ich will Ihnen sagen, wie sich die Sache verhält«, entgegnete Mr. Folair und setzte sich mit großer Kaltblütigkeit in einen Stuhl. »Seit Ihrem Eintritt fielen Lenville nur zweite Rollen zu, und statt wie früher jeden Abend mit Applaus empfangen zu werden, benahm sich das Publikum bei seinen Szenen, als ob er überhaupt nicht existiere. So mußte er Abend für Abend spielen, ohne daß sich eine Hand rührte, während Sie mindestens zwei-, bisweilen auch dreimal ›herausmußten‹. Das ist ihm so zu Kopf gestiegen, daß er schon gestern abend halb und halb im Sinne hatte, in der Rolle des Tybalt ein wirkliches Schwert zu nehmen und Ihnen damit eins zu versetzen – nicht etwa eine Todeswunde, aber doch so, daß Sie für einen Monat oder zwei genug gehabt hätten.«

»Prächtige Idee!« rief Nikolas.

»Ja, das war es den Umständen nach in der Tat! Sein Künstlerruhm stand auf dem Spiele!« fuhr Mr. Folair mit feierlicher Miene fort. »Aber es gebrach ihm an Mut, und so sann er auf ein anderes Mittel, Ihnen beizukommen und sich zugleich populär zu machen – denn das ist die Hauptsache –, Ruhm – Berühmtheit ist das höchste Ziel des Schauspielers. – Du mein Himmel, wenn er Ihnen mit scharfer Klinge eins versetzt hätte«, fuhr Mr. Folair fort, nachdem er eine Weile sinnend innegehalten, »es wäre ihm – es wäre ihm acht, oder sagen wir, sogar zehn Schillinge pro Woche wert gewesen. Die ganze Stadt wäre gekommen, um den Schauspieler zu sehen, der im Eifer des Spiels beinahe einen Menschen getötet hätte. Es würde mich gar nicht wundergenommen haben, wenn es ihm ein Engagement in London eingetragen hätte. Sei dem übrigens, wie es wolle, er mußte irgendeine Anstrengung machen, wieder populär zu werden, und da fiel ihm der gegenwärtige Plan ein. Der Gedanke ist wirklich nicht übel. Hätten Sie sich einschüchtern lassen und ihm Ihre Nase offeriert, so wäre die Geschichte in die Zeitungen gekommen; und hätten Sie sich mit ihm verglichen, würde dasselbe geschehen sein. Man hätte dann ebensoviel von ihm wie von Ihnen gesprochen. Begreifen Sie?«

»Allerdings«, versetzte Nikolas. »Aber angenommen, ich kehrte den Stiel um und zerschlüge ihm die Nase – was dann? Kann daraus auch ein Vorteil für ihn erwachsen?«

»Glaube kaum«, meinte Mr. Folair und kratzte sich hinter dem Ohr. »Es wäre wenig Romantik dabei. Er würde dadurch eher lächerlich. Aber, offen gestanden, auf so etwas rechnet er nicht, Sie haben sich immer sehr friedliebend gezeigt und sind so beliebt bei den Damen, daß wir hinter Ihnen nicht viel kriegerischen Sinn vermuteten. Führen Sie jedoch trotzdem etwas Derartiges im Schilde, so hat er, verlassen Sie sich darauf, ein Mittel, sich leicht aus der Affäre zu ziehen.«

»Wirklich? Wieso?« fragte Nikolas. »Wir wollen's doch morgen früh mal versuchen. Inzwischen können Sie ihm von unserer Unterredung mitteilen, was Ihnen beliebt. – Gute Nacht.«

Da Mr. Folair unter seinen Kollegen als ungemein schadenfroh bekannt und stets bei der Hand war, wenn es Unfrieden zu stiften galt, so zweifelte Nikolas keinen Augenblick, daß nur er es gewesen, der Lenville aufgehetzt, und daß er sich als Kartellträger hochtrabend genug benommen haben würde, wenn er nicht durch den höchst unerwarteten Empfang, der ihm zuteil geworden, gleich am Anfang eingeschüchtert worden wäre. Es verlohnte sich jedoch nicht der Mühe, den Komödianten ernst zu nehmen. Nikolas entließ ihn daher mit dem höflichen Bedeuten, sich das nächste Mal dergleichen vorher zu überlegen, wenn er seine Nase nicht riskieren wolle. Mr. Folair nahm die Warnung ungemein gut gelaunt hin und entfernte sich, um mit seinem »Paukanten« Rücksprache zu nehmen und ihm von dem großen Erfolge seiner Bemühungen den Bericht zu erstatten, der ihm zur weiteren Durchführung des Scherzes für am geeignetsten dünkte. Er mußte ohne Zweifel erzählt haben, daß »Mr. Johnson« in die größte Angst und Furcht geraten sei, denn als Nikolas am nächsten Morgen zur gewohnten Stunde ganz ruhig im Schauspielhause erschien, fand er die ganze Truppe – augenscheinlich erwartungsvoll – versammelt, während Mr. Lenville mit Löwenmiene majestätisch auf einem Tische saß und herausfordernd durch die Zähne pfiff.

Die Damen standen auf Nikolas' Seite, während die Herren in ihrem Neid für den ausgestochenen Tragöden Partei nahmen und eine kleine Gruppe um den furchtbaren Mr. Lenville bildeten, während erstere nicht ohne Herzklopfen in einiger Entfernung der kommenden Dinge harrten. Als Nikolas stehenblieb, um sie zu begrüßen, brach Mr. Lenville in eine verächtliche Lache aus und ließ spöttische Bemerkungen hinsichtlich »der Naturgeschichte der Hasenfüße« fallen.

»Oh«, fragte Nikolas, sich ruhig umsehend, »sind Sie auch da?«

»Sklave!« zürnte Mr. Lenville, erhob den rechten Arm in Boxerstellung und ging in Theaterschritt auf Nikolas zu. Er schien jedoch fast im selben Augenblick mit innerm Entsetzen wahrzunehmen, daß Nikolas doch nicht ganz so furchtsam aussah, als er erwartet hatte, und machte daher mit einem Ruck so eingeschüchtert Halt, daß die versammelten Damen in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Das stachelte ihn abermals auf.

»Gegenstand meines Abscheues und Hasses«, rief er mit geschwellter Heldenbrust, »ich verachte dich, Knabe!«

Nikolas setzte dieser Bühnenphrase ein höchst unpassendes Gelächter entgegen, und auch die Damen lachten, um ihn zu ermutigen, noch lauter als vorher. Mr. Lenville verzog den Mund zu seinem bittersten Lächeln und grollte, sie seien alberne »Zierpuppen«.

»Aber sie sollen dich nicht schützen«, wendete er sich wieder an Nikolas und maß ihn verächtlich vom Scheitel bis zur Zehe und wieder zurück, ein Blick, der bekanntlich auf der Bühne Herausforderung bedeutet. »Sie sollen dich nicht schützen, Knabe!«

Dabei verschränkte Mr. Lenville die Arme und produzierte eines jener Gesichter, mit denen er im Melodrama die tyrannischen Könige anzusehen pflegte, wenn sie sagten: ›Hinweg mit ihm ins tiefste Gefängnis unter dem Schloßgraben!‹ und die, wenn sie von ein wenig Kettengeklirr begleitet wurden, im Publikum stets die kolossalsten Wirkungen hervorbrachten.

Lag es nun am Fehlen der Requisiten, nämlich an den »Ketten«, oder an etwas anderem, jedenfalls war der Eindruck auf Nikolas kein sehr tiefer. Die heitere Laune, die sich in seinen Mienen ausdrückte, schien sich dadurch sogar noch zu erhöhen. Die versammelten Herren dagegen, die ausdrücklich hergekommen waren, um mit anzusehen, wie Nikolas eins auf die Nase bekäme, wurden ungeduldig und murrten, daß, wenn die Sache überhaupt vor sich gehen solle, sie rasch abgewickelt werden müsse und daß Mr. Lenville, wenn er keine Courage dazu habe, besser täte, es gleich zu sagen, damit sie nicht vergeblich zu warten brauchten. So zum Äußersten gedrängt, krempelte der Tragöde seine Rockärmel zurück, um die Operation vorzunehmen, und ging mit Heldenschritten auf Nikolas zu, der ihn entsprechend nahe herankommen ließ und dann in größter Ruhe mit einem Schlag zu Boden streckte.

Ehe sich noch der besiegte Mime erheben konnte, stürzte seine Gattin (die sich, wie bereits früher angedeutet, in interessanten Umständen befand) aus der Reihe der Damen hervor und warf sich mit gellendem Jammerschrei über ihren Gatten.

»Siehst du das, du Ungeheuer? Siehst du das?« rief Mr. Lenville, setzte sich auf und deutete auf seine neben ihm hingestreckte Gattin, die ihre Arme um seinen Leib geschlungen hatte.

Nikolas nickte nur gelassen und sagte: »Leisten Sie Abbitte wegen des unverschämten Briefes, den Sie mir gestern abend geschrieben haben, und hören Sie gefälligst mit Ihren albernen Phrasen auf.«

»Niemals!« rief Mr. Lenville.

»Ja-ja-ja«, kreischte seine Gattin. »Tue es um meinetwillen! – Um meinetwillen, Lenville! – Unterwerfe dich allen diesen nichtigen Formalitäten, wenn du mich nicht als entseelte Leiche zu deinen Füßen sehen willst.«

»Das gibt den Ausschlag«, rief Mr. Lenville und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Die Bande der Natur sind zu stark. Der schwache Gatte und Vater – der zukünftige Vater – in mir gebietet meinem Stolz. – Ich leiste Abbitte.«

»De- und wehmütig?« fragte Nikolas.

»De- und wehmütig«, wiederholte der Tragöde mit finsterem Blick. »Aber nur um ihrer zu schonen, denn es wird eine Zeit kommen –«

»Ja ja, schon gut«, unterbrach ihn Nikolas. »Ich hoffe, für Mrs. Lenville wird alles gut ablaufen, und wenn Sie dann glücklicher Vater sind, können Sie ja die Erklärung zurücknehmen falls Sie den Mut dazu haben. Wir sind jetzt fertig, Sir, aber überlegen Sie sich ein andermal gefälligst, wohin Sie Ihre Eifersucht führen kann, und vergessen Sie nicht, ehe Sie einen Fehdehandschuh hinwerfen, sich hinsichtlich des Temperaments Ihres Nebenbuhlers Gewißheit zu verschaffen.«

Dann hob er Mr. Lenvilles Eschenstock auf, brach ihn entzwei, warf dem Komödianten die Stücke vor die Füße und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung gegen die Zeugen des Auftrittes.

Noch am selben Abend zollte man Nikolas die tiefste Ehrerbietung, und gerade diejenigen, die am meisten darauf gebrannt, mit anzusehen, wie er eins auf die Nase bekäme, benutzten jede Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen, um ihm voll inniger Freundschaft zu beteuern, wie sehr sie sich gefreut hätten, daß er diesem Lenville – diesem »ekelhaften Kerl« – so gründlich heimgeleuchtet habe. Sie alle – gewiß ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen – hätten ihm bereits des öftern eine solche Züchtigung zugedacht, seien aber nur aus Mitleid davon abgestanden. – Mit einem Wort, es mußte sich einem die Überzeugung aufdrängen, daß es auf der ganzen Erde keine humaneren und mitleidigeren Menschen gäbe als die männlichen Mitglieder von Mr. Crummles' Schauspielensemble.

Nikolas hingegen bewies nicht nur bei diesem Triumphe, sondern überhaupt bei allen seinen Erfolgen in der kleinen Theaterwelt, die größte Mäßigung und Ruhe. Der arg blamierte Mr. Lenville machte zwar noch einen letzten fruchtlosen Racheversuch, indem er heimlich einen Jungen auf die Galerie schickte, um dort zu pfeifen, als »Mr. Johnson« auftrat, aber der Ärmste fiel mit einem Haar der allgemeinen Entrüstung zum Opfer, wurde ohne weiteres hinausgeworfen und erhielt nicht einmal das Eintrittsgeld an der Kasse zurück.

»Nun, Smike«, sagte Nikolas, als er sich nach dem ersten Stück zum Nachhausegehen fertig angekleidet hatte; »ist noch immer kein Brief da?«

»O doch«, versetzte Smike, »hier. Ich habe ihn soeben von der Post geholt.«

»Von Newman Noggs?« murmelte Nikolas mit einem Blick auf die Schwefelhölzerschrift auf der Adresse. »Es ist nicht so einfach, diese Hieroglyphen zu entziffern. – Aber schließlich werden wir schon damit zurechtkommen.«

Nach halbstündigem Studium gelang es ihm denn auch, den Inhalt des Briefes zu entwirren, der übrigens keineswegs danach angetan war, ihn zu beruhigen. Newman schickte ihm die zehn Pfund zurück und bemerkte dazu, er wisse bestimmt, daß weder Mrs. Nickleby noch Kate für den Augenblick das Geld benötigten, andererseits jedoch könne in vielleicht kurzer Zeit der Fall eintreten, daß Nikolas es selber besser brauchen werde. Er ersuchte ihn, sich durch das, was er ihm zu melden hätte, nicht beunruhigen zu lassen; es wäre durchaus nichts Schlimmes vorgefallen und alle erfreuten sich bester Gesundheit, aber trotzdem schwane ihm, als könne sich so mancherlei ereignen oder sei vielleicht schon im Entstehen, was für Miss Nickleby einen männlichen Schutz unbedingt nötig machen werde. Wenn dies einträfe, meinte Newman, wolle er Nikolas unverzüglich Genaues wissen lassen.

Nikolas las diese Stelle wiederholt durch, und je mehr er darüber nachgrübelte, desto mehr quälte ihn die Sorge, es müsse seiner Schwester infolge einer neuen Schurkerei von Seite Ralph Nicklebys Gefahr drohen. Ein- oder zweimal fühlte er sich schon versucht, auf der Stelle sich aufzusetzen und nach London zu fahren; aber ein wenig Nachdenken machte ihm klar, daß sich Newman, wenn ein solcher Schritt nötig gewesen wäre, ohne Rückhalt darüber ausgesprochen haben würde.

»Jedenfalls muß ich die Leute hier auf die Möglichkeit eines plötzlichen Austrittes meinerseits vorbereiten«, sagte er sich. »Ich darf keine Zeit verlieren, es zu tun.«

Kaum war ihm dieser Gedanke aufgetaucht, so nahm er auch schon seinen Hut und eilte in das Garderobenzimmer.

»Also, Mr. Johnson«, rief ihm Mrs. Crummles in vollem Ornat einer Königin und das Wunderkind im mütterlichen Arm entgegen, »die nächste Woche geht's nach Ryde, dann nach Winchester dann nach –«

»Ich habe leider Grund, zu fürchten«, fiel ihr Nikolas in die Rede, »daß meine Laufbahn bei Ihnen beendet sein wird, noch ehe Sie Portsmouth verlassen.«

»Beendet?!« rief Mrs. Crummles und schlug erstaunt die Hände über dem Kopf zusammen.

»Beendet?!« rief Miss Snevellicci, so heftig in ihren Pagenhöschen zitternd, daß sie die Hand auf die Schulter der Direktrice legen mußte, um sich zu stützen.

»Er will damit doch nicht sagen, daß er uns zu verlassen gedenkt?« mischte sich auch Mrs. Grudden ein und drängte sich an Mrs. Crummles heran. »Himmel, das wäre doch offenkundiger Unsinn!«

Das Wunderkind, das äußerst zart besaitet und sehr erregbaren Temperamentes war, erhob ein lautes Geschrei, und Miss Belvawney sowie auch Miss Bravassa vergossen echte Tränen. Selbst die männlichen Mitglieder der Truppe unterbrachen ihre Unterhaltung und beteten die Worte »Uns verlassen!« nach, wenn auch einige von ihnen – namentlich jene, die noch kurz vorher Nikolas zu seinem Triumph am lautesten beglückwünscht hatten – einander heimlich zunickten, als täte es ihnen durchaus nicht leid, einen so vom Erfolg begünstigten Nebenbuhler zu verlieren, eine Ansicht, der sich Mr. Folair, bereits als Wilder angekleidet, unverhohlen einem Teufel gegenüber, mit dem er sich soeben in einen Krug Porter teilte, anschloß.

Nikolas erklärte mit kurzen Worten, er fürchte, daß sein Austritt wahrscheinlich nicht werde zu vermeiden sein, wenn er auch vorderhand mit Bestimmtheit selbst noch nichts Näheres darüber wisse. Er entfernte sich dann, sobald sich die Gelegenheit bot, und eilte nach Hause, um Newmans Brief noch einmal durchzubuchstabieren und abermals nachzugrübeln.

Wie geringfügig erschien ihm in der darauffolgenden schlaflosen Nacht alles, was seit so vielen Wochen seine Zeit und seine Gedanken in Anspruch genommen hatte! Beharrlich und unablässig vergegenwärtigte er sich im Geiste, Kate schwebe in Gefahr und Unglück und spähe vergeblich nach ihm und nach Hilfe aus.

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