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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25. Kapitel

Eine junge Dame aus London schließt sich der Truppe an und führt einen ältlichen Verehrer von sich im Schlepptau

Da das neue Stück entschieden einen Schlager bedeutete, sollte es bis auf weiteres ununterbrochen gegeben werden. Auch wurden die Abende, an denen das Theater geschlossen blieb, von drei auf zwei in der Woche herabgesetzt. Und dies waren noch nicht die einzigen Beweise des außerordentlichen Erfolges, den das Stück gehabt, denn am nächsten Samstag beglückte die unermüdliche Mrs. Grudden Nikolas mit nicht weniger als dreißig Schillingen. Außer dieser substantiellen Belohnung erfreute er sich auch sonst noch hoher Ehren und Auszeichnungen, indem ihm z.B. Mr. Curdle ein Exemplar seiner Broschüre mit eigenhändiger Dedikation auf der ersten Seite – an sich schon ein unbezahlbarer Schatz – nebst einem Billett zuschickte, das große Lobeserhebungen und die schmeichelhafte Versicherung enthielt, der Autor würde sich glücklich schätzen, Mr. Johnson während seines Aufenthaltes in der Stadt jeden Vormittag vor dem Frühstück drei Stunden lang den Shakespeare vorzulesen.

»Ich habe wieder was Neues, Johnson«, jubelte Mr. Crummles eines Morgens mit vor Freude leuchtenden Augen.

»Und das wäre?« fragte Nikolas. »Vielleicht das Pony?«

»Nein, nein, das nehmen wir erst vor, wenn sonst nichts mehr zieht. Ich glaube übrigens, daß wir es in dieser Saison gar nicht brauchen werden. Nein, nein, das Pony ist's nicht.«

»Haben Sie vielleicht ein Wunderkind in Knabengestalt aufgetrieben?« rief Nikolas.

»Es gibt nur ein Wunderkind, Sir, und das ist ein Mädchen«, entgegnete der Direktor verweisend.

»Sehr wahr«, gab Nikolas zu; »ich bitte um Verzeihung. Ich gestehe übrigens, daß es jetzt mit meiner Weisheit zu Ende ist.«

»Nun, und was sagen Sie zu einer jungen Dame aus London? Einer Miss Soundso vom königlichen Drury Lane Theater?«

»Das würde sich allerdings auf den Theaterzetteln recht gut machen«, meinte Nikolas.

»Sehr richtig. Und wenn Sie gesagt hätten, sie würde sich auch auf der Bühne gut machen, wäre es auch nicht weit fehlgeschossen gewesen. Sehen Sie mal her! Was halten Sie davon?«

Bei dieser Frage rollte Mr. Crummles einen blauen, einen roten und einen gelben Anschlagzettel auf, deren jeder oben in ungeheuren Buchstaben die Aufschrift trug: »Erste Gastrolle der unvergleichlichen dramatischen Darstellerin Miss Petowker vom königlichen Drury Lane Theater.«

»Mein Gott!« rief Nikolas. »Diese Dame kenne ich doch.«

»Dann kennen Sie so viel Talent, wie nur je im Leibe einer jungen Künstlerin gesteckt hat«, rief Mr. Crummles und rollte seine Zettel wieder zusammen; »das heißt: Talent in einer gewissen Richtung. ›Der Vampir‹«, fügte er mit einem prophetischen Seufzer hinzu, »der ›Vampir‹ wird mit diesem Mädchen sterben. Auch ist sie von allen, die ich je zu Gesichte bekam, die einzige, die als Sylphide wirklich wie eine echte Sylphide auf einem Bein stehen und auf dem andern Knie das Tambourin schlagen kann.«

»Wann kommt sie?« fragte Nikolas.

»Wir erwarten sie heute. Sie ist eine alte Freundin meiner Frau. Meine Gattin erkannte ihr Talent auf den ersten Blick und sah voraus, wie alles kommen mußte. Was sie kann, hat sie fast alles von meiner Frau gelernt. Mrs. Crummles war der Original-Vampir.«

»Was Sie nicht sagen!«

»Ja, aber sie mußte es aufgeben.«

»Schlug es ihr nicht gut an?« fragte Nikolas lächelnd.

»Nicht so sehr ihr wie dem Publikum. Es konnte es niemand dabei aushalten; es war zu schrecklich. Sie wissen noch nicht, was Mrs. Crummles zu leisten imstande ist.«

»Ich dächte doch«, wagte Nikolas zu bemerken.

»Nein, nein, ausgeschlossen. Ich selbst kenne sie noch nicht ganz genau, wie auch die Welt sie erst zu schätzen wissen wird, wenn sie tot ist. Mit jedem Jahre ihres Lebens entfaltet diese außerordentliche Frau neue Talente. Sehen Sie sie an: Mutter von sechs Kindern – drei von ihnen noch am Leben und alle auf den Brettern.«

»Außerordentlich!« bestätigte Nikolas.

»Ja, in der Tat außerordentlich!« wiederholte Mr. Crummles mit ernstem Kopfschütteln und nahm selbstgefällig eine Prise.

»Ich gebe Ihnen mein Künstlerehrenwort, daß ich bis zu ihrem letzten Benefiz nicht einmal wußte, daß sie tanzen konnte. Sie spielte damals die Julia und die Helene Macgregor und tanzte zwischen beiden Stücken den Springseilhornpipe. Als ich die wundervolle Frau zum erstenmal sah, Johnson«, fuhr Mr. Crummles fort, trat etwas näher und nahm den Ton vertraulicher Freundschaft an, »als ich sie zum erstenmal sah, stand sie, umgeben von prasselndem Feuerwerk, mit dem Kopf auf einem Speerschaft.«

»Sie machen mich staunen«, sagte Nikolas.

»Sie machte mich staunen!« verbesserte Mr. Crummles mit feierlicher Miene. »Eine solche Anmut mit so viel Würde gepaart. Ich lag ihr zu Füßen von diesem Augenblick an.«

Die Ankunft der hochbegabten Dame, der diese Bemerkungen galten, machte den Lobeserhebungen des Schauspieldirektors ein plötzliches Ende, und fast gleichzeitig trat Master Percy Crummles mit einem an seine gnädige Frau Mama adressierten Schreiben ein, das der Briefträger soeben abgegeben hatte. Beim ersten Blick auf die Überschrift rief Mrs. Crummles: »Ha, von Henriette Petowker!« und war augenblicklich in den Inhalt des Schreibens vertieft.

»Ist es –«, forschte der Theaterdirektor zögernd.

»Ja, ja, es ist perfekt«, griff Mrs. Crummles der Frage vor.

»Das hat sie fein eingefädelt.«

»Famoses Mädel«, jubelte Mr. Crummles.

Und dann brachen er, seine Gattin und Master Percy gemeinsam in ein gewaltiges Gelächter aus.

Nikolas überließ sie ihrer Fröhlichkeit und ging nach seiner Wohnung, nicht wenig verwundert, welches mit dem Namen Petowker verknüpfte Geheimnis wohl die Ursache dieser unbändigen Heiterkeit sein möchte. Zugleich malte er sich auch die große Überraschung aus, die die junge Dame an den Tag legen würde, wenn sie ihn plötzlich einer Kunst ergeben finden würde, die sie selbst mit so viel Erfolg und Glanz ausübte.

In letzterer Hinsicht hatte er sich jedoch geirrt, denn – sei es, daß Mr. Vincent Crummles den Weg gebahnt, oder daß Miss Petowker besondere Gründe hatte, ihn sogar mit mehr als gewöhnlicher Zuvorkommenheit zu behandeln – ihre Begegnung auf der Probe am nächsten Tag glich mehr der zweier Freunde, die sich von Jugend auf lieben, als einem Wiedersehen zwischen einer Dame und einem Herrn, die sich nur ein halbdutzendmal, und auch da nur flüchtig, gesehen hatten. Ja, Miss Petowker flüsterte ihm sogar zu, daß sie in ihren Gesprächen mit der Familie des Direktors kein Wörtchen von den Kenwigs' habe fallenlassen und im Gegenteil versichert hätte, Mr. Johnson stets in den ersten und fashionabelsten Kreisen begegnet zu sein. Und als Nikolas bei dieser Eröffnung sein Staunen nicht verbergen konnte, fügte sie mit einem koketten Blick hinzu, daß sie nunmehr Anspruch auf seine Freundschaft habe und ihn vielleicht binnen kurzem schon auf die Probe stellen werde.

Nikolas hatte noch am selben Abend die Ehre, mit ihr in einem kleinen Einakter aufzutreten, und es konnte ihm nicht entgehen, daß der Applaus, der ihr zuteil wurde, hauptsächlich einem ungemein beharrlichen Regenschirm in den oberen Ranglogen zuzuschreiben war. Er bemerkte auch, daß die bezaubernde Künstlerin manchen Glutblick nach der Richtung, woher diese Geräusche kamen, schoß und daß dann jedesmal der Regenschirm aufs neue losbrach. Einmal kam es ihm sogar vor, als ob ein eigentümlich geformter Hut, eine Art Schabbesdeckel, in derselben Ecke ihm nicht ganz unbekannt wäre. Da er jedoch von seiner Rolle zu sehr in Anspruch genommen war, schenkte er diesem Umstande keine große Aufmerksamkeit und hatte ihn, zu Hause angelangt, bereits vollkommen wieder vergessen.

Er saß gerade mit Smike beim Abendessen, als jemand von den Hausleuten an die Türe klopfte und einen Herrn anmeldete, der unten wäre und »Mr. Johnson zu sprechen wünsche«.

»Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß er heraufkommen soll«, versetzte Nikolas. »Wahrscheinlich ein hungriger Kollege, Smike.«

Smike betrachtete den kalten Braten, berechnete schweigend, wieviel wohl für das Mittagessen des nächsten Tages übrigbleiben dürfte, und legte ein Stückchen, das er bereits für sich selbst abgeschnitten hatte, wieder zurück, damit die Eingriffe des Gastes weniger verheerend wirken möchten.

»Es muß ein Fremder sein«, sagte Nikolas horchend, »er stolpert auf jeder Stufe. Herein, herein! – Wa-was, Sie, Mr. Lillyvik!« Es war in der Tat der Wassersteuereinnehmer, der jetzt Nikolas mit festem Blick und steinernem Gesicht ansah, ihm mit feierlicher Wichtigkeit die Hand reichte und sich neben dem Kamin niederließ.

»Wann sind Sie angekommen?« fragte Nikolas verwirrt.

»Diesen Morgen, Sir.«

»Ah, mir geht ein Licht auf; dann waren Sie vergangenen Abend im Theater und es war Ihr Regen –«

»Dieser Regenschirm«, ergänzte Mr. Lillyvik und zeigte auf einen bauchigen, grünbaumwollenen Schirm mit verbeulter Zwinge. »Wie gefiel Ihnen Miss Petowkers Spiel?«

»Soweit ich es von der Bühne aus beurteilen konnte, recht gut.«

»Recht gut? Ich sage Ihnen, Sir, es war entzückend.«

Und Mr. Lillyvik beugte sich vor, um dem Wort »entzückend« noch größeren Nachdruck zu geben, richtete sich dann wieder auf und gab ein erregtes Stirnrunzeln zum besten.

»Ich sage entzückend«, wiederholte er. »Hinreißend, feenhaft, gewaltig.«

»Ja, ja«, gab Nikolas, ein wenig überrascht von diesen Symptomen einer ekstatischen Bewunderung, zu. »Ja – sie ist gewiß eine routinierte Schauspielerin.«

»Eine Göttin«, verbesserte Mr. Lillyvik und produzierte eine Art Steuereinnehmer-Doppelschlag mit dem bauchigen Regenschirm auf den Boden. »Ich habe zu keiner Zeit hervorragendere Schauspielerinnen gekannt, Sir. Ich hatte die Wassersteuer einzusammeln – besser gesagt, ich mußte sie eintreiben –, und zwar sehr oft in dem Hause einer gottbegnadeten Schauspielerin, die vier Jahre lang in meinem Viertel wohnte; aber nie – nein, nie, Sir – habe ich unter allen göttlichen Wesen, Schauspielerinnen oder nicht Schauspielerinnen, ein göttlicheres gesehen als Henriette Petowker.«

Nikolas hatte Mühe, ein Lachen zu verbeißen, und nickte daher bloß stumm.

»Ich möchte gern ein Wörtchen unter vier Augen mit Ihnen sprechen«, sagte Mr. Lillyvik nach einer beklemmenden Pause.

Nikolas warf Smike einen Blick zu, der den Wink sogleich verstand und sich entfernte.

»Es ist etwas Erbärmliches um das Leben eines Hagestolzen, Sir«, begann der Wassersteuereinnehmer.

»So, meinen Sie?«

»Ja, zweifellos. Ich habe jetzt fast sechzig Jahre in der Welt gelebt und muß mich daher wohl darauf verstehen.«

»Das solltest du freilich«, dachte Nikolas, »aber ob du's tust, ist eine andere Frage.«

»Wenn sich ein alter Junggeselle zufällig ein bißchen Geld erspart hat«, fuhr Mr. Lillyvik fort, »so sehen Schwestern und Brüder, Neffen und Nichten auf das Geld und nicht auf ihn. Ja, sie wünschen ihm, selbst wenn er ein öffentliches Amt bekleidet und somit das Haupt der Familie oder gewissermaßen der Stamm ist, an den alle anderen kleinen Zweige sich anschmiegen, ohne Unterlaß den Tod und sind schlecht gelaunt, sooft sie ihn bei guter Gesundheit sehen. Natürlich weil es ihnen um nichts anderes zu tun ist, als in den Besitz seines kleinen Vermögens zu kommen. Verstanden?«

»O ja«, versetzte Nikolas. »Sie haben ohne Zweifel vollkommen recht.«

»Wer – sie?«

»Nein, Sie.«

»Ja so. Also, der Hauptbeweggrund, warum man ledig bleibt, ist der Kostenpunkt. Das ist's, was mich immer abgehalten hat; sonst – ach, du mein Himmel!« sagte Mr. Lillyvik, verächtlich mit den Fingern schnippend, »sonst hätte ich wohl fünfzig Frauen haben können.«

»Schöne Frauen?« fragte Nikolas.

»Schöne Frauen. Natürlich nicht so schön wie Henriette Petowker, die nicht ihresgleichen hat, aber ich versichere Ihnen, immerhin Frauen, wie sie einem nicht alle Tage über den Weg laufen. Setzen wir nun den Fall, der Mann kann in seiner Frau statt mit seiner Frau Vermögen bekommen – was dann?«

»Nun, dann ist er ein glücklicher Mann«, versetzte Nikolas.

»Das ist's doch, was ich sage«, entgegnete der Steuereinnehmer und klopfte Nikolas wohlwollend mit dem Regenschirm auf die Schulter, »genau das, was ich sage. Henriette Petowker ist sozusagen selbst ihre Mitgift. Ich bin daher im Begriffe –«

»Sie zu Mrs. Lillyvik zu machen?«

»Nein, Sir, sie soll nicht Mrs. Lillyvik werden«, erwiderte der Steuereinnehmer. »Schauspielerinnen, Sir, behalten stets ihre Familiennamen bei; das ist so üblich. – Aber ich bin im Begriffe, sie zu heiraten; ja, und zwar schon übermorgen.«

»Ich gratuliere, ich gratuliere!« rief Nikolas.

»Ich danke, Sir«, versetzte der Steuereinnehmer und knöpfte seine Weste zu. »Ich führe dann natürlich die Kassa und hoffe, daß es schließlich nicht teurer kommen wird, zwei Personen zu erhalten, als eine – das ist auch wieder ein Trost.«

»Sie werden doch in einem solchen Augenblick keines Trostes bedürfen?« bemerkte Nikolas.

»Nein«, versicherte Mr. Lillyvik mit nervösem Kopfschütteln; »natürlich nicht.«

»Aber warum kommen Sie beide hierher, wenn es Ihre Absicht ist, so bald zu heiraten, Mr. Lillyvik?« fragte Nikolas.

»Das ist's doch, weshalb ich zu Ihnen komme. Die Sache verhält sich nämlich so: Wir haben es für das beste gehalten, unsere Verbindung vor der Familie geheimzuhalten.«

»Familie?« rief Nikolas. »Vor was für einer Familie?«

»Na – vor den Kenwigs'. Wenn meine Nichte und die Kinder nur ein Wort davon vor meiner Abreise erfahren hätten, so würden sie vor meinen Augen Krämpfe gekriegt und nicht mehr von mir abgelassen haben, bis ich ihnen eidlich versichert hätte, nie zu heiraten – oder sie hätten mich für mondsüchtig erklären lassen oder sonst etwas Verzweifeltes getan«, erklärte der Steuereinnehmer, vor Aufregung am ganzen Leibe zitternd.

»Ich zweifle allerdings nicht, daß sie eifersüchtig gewesen sein würden, aber –«, gab Nikolas zu.

»Und um alldem vorzubeugen, sind wir übereingekommen, daß sich Henriette unter dem Vorwande eines Gastspieles zu ihren Freunden, den Crummles', begeben sollte. Ich selber reiste tags zuvor nach Guildford, um sie dort zu erwarten, und so sind wir gestern miteinander hier angekommen. Nun fürchten wir aber, Sie könnten Mr. Noggs schreiben und ihm etwas von unseren Angelegenheiten mitteilen, und daher hielten wir es für das beste, Sie in unser Geheimnis einzuweihen. Wir gehen von Crummles' Wohnung aus direkt zur Kirche und werden uns freuen, wenn Sie uns entweder vor der Trauung oder zum Frühstück die Ehre Ihres Besuches schenken wollen. – Es wird nicht hoch hergehen«, schloß der Steuereinnehmer, ängstlich bemüht, jedes Mißverständnis hinsichtlich dieses Punktes zu vermeiden, »Zwieback, Kaffee, vielleicht eine Seegarnele und sonstige kleine Erfrischungen der Art.«

»Ja, ja, ich verstehe. – Seien Sie unbesorgt«, beruhigte ihn Nikolas. »Ich nehme Ihre Einladung mit dem größten Vergnügen an. Wo wohnt Miss Petowker – bei Mrs. Crummles?«

»Nein. Sie hatten keinen Platz. Sie wohnt jetzt bei einer Bekannten und noch einer anderen jungen Dame, die beide zum Theater gehören.«

»Miss Snevellicci wahrscheinlich?«

»Ja, so ähnlich ist der Name.«

»Vermutlich werden dies die Brautjungfern sein?«

»Ach«, seufzte der Steuereinnehmer mit einer Jammermiene, »sie wollen mit aller Gewalt vier Brautjungfern haben. Ich fürchte, sie werden es schrecklich theatralisch machen.«

»O gewiß nicht, ich glaube nicht«, tröstete Nikolas mit einem verunglückten Versuch, ein Lachen in einen Husten umzuwandeln.

»Wer sollen denn die vier sein? Aber natürlich, Miss Snevellicci – Miss Ledrock –«

»Das – das Wunderkind«, stöhnte der Steuereinnehmer.

»Ha! ha! ha!« brach Nikolas los, fügte aber schnell hinzu: »Ich bitte um Verzeihung, ich habe so eine alberne Art, immer zu lachen. – Ja, das wird ganz reizend werden. Das Wunderkind – wer sonst noch?«

»Irgendein anderes junges Frauenzimmer«, brummte der Steuereinnehmer und stand auf; »eine Freundin von Henriette. Sie werden aber doch das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, für sich behalten. Nicht wahr?«

»Sie können sich getrost auf mich verlassen«, versicherte Nikolas. »Darf ich Ihnen nichts anbieten?«

»Nein. Ich habe keinen Appetit. Meinen Sie nicht auch, daß das Leben im Ehestand etwas sehr Angenehmes ist, was?«

»Ich bezweifle es nicht im geringsten.«

»Hm. – Ja. Gewiß. Natürlich. Ja, ja, kein Zweifel. Gute Nacht!«

Mit diesen Worten wandte sich Mr. Lillyvik, der die ganze Zeit über das seltsamste Gemisch von Hast und Bedenklichkeit, Vertrauen und Zweifel, Verliebtheit und Argwohn, Schofelkeit und Arroganz an den Tag gelegt hatte, zur Türe und überließ es Nikolas, sich seiner Lachlust hinzugeben, solange es ihm behagte.

»Ich kann's nicht glauben«, zierte sich Miss Petowker, als sie am darauffolgenden Morgen mit ihrer Freundin beim Frühstück saß, »ich kann und kann es nicht glauben. Was nützt all das Zureden, ich glaube, ich werde nicht imstande sein, mich zu einem solchen Schritt zu entschließen.«

Miss Snevellicci und Miss Ledrock wußten recht gut, daß der Entschluß, einen solch verzweifelten Schritt zu tun, bei der Freundin schon seit drei oder vier Jahren feststand, wenn sie nur irgendeinen annehmbaren Herrn, der den gleichen Versuch machen wollte, ausfindig machen konnte, begannen aber natürlich trotzdem, ihr Festigkeit zu predigen und begreiflich zu machen, wie stolz sie sich fühlen dürfe, daß es in ihrer Macht liege, einem verdienstvollen Manne zum dauernden Segen zu werden, und wie notwendig es für das Wohl der Menschheit im allgemeinen sei, daß das zarte Geschlecht bei solchen Anlässen Seelenstärke und Ergebung an den Tag lege. Zwar sei nach ihrer Überzeugung das wahre Glück nur im ehelosen Leben zu finden, das sie nie gerne und in keinem Falle aus irgendeiner weltlichen Rücksicht aufgeben würden, dem ungeachtet aber hofften sie, wenn je die Zeit käme, ihre Pflicht – Gott sei Dank – zu gut zu kennen, um sich allzusehr zu grämen. – Bestimmt würden sie sich dann mit Demut und unterwürfigem Sinn in ihr Schicksal fügen, das ihnen die Vorsehung offenbar nur in der Absicht zuweisen würde, das Glück und das Wohl eines Mitmenschen zu begründen.

»Ich könnte es natürlich auch nicht anders als schmerzlich empfinden«, sagte Miss Snevellicci, »alte Verbindungen abzubrechen, aber ich würde mich fügen, meine Liebe – ja, ich würde mich fügen.«

»Ich gleichfalls«, erklärte Miss Ledrock, »ja, ich würde das Joch sogar eher suchen als meiden. Ich habe vordem schon manches Herz gebrochen, aber ich beklage es jetzt schmerzlich. Es ist ein ewig nagender Wurm, sich das vorwerfen zu müssen.«

»Ja, so ist es«, bekräftigte Miss Snevellicci. »Aber jetzt, liebe Led, müssen wir sie herrichten, sonst kommen wir zu spät.«

Diese Trostessprüche – und vielleicht auch die Furcht, zu spät zu kommen, hielten die Braut während des Zeremoniells des Ankleidens aufrecht; dann aber mußten starker Tee und Brandy abwechselnd angewendet werden, um ihre schwachen Nerven so weit zu kräftigen, daß sie sichern Schrittes einhergehen konnte.

»Wie fühlst du dich jetzt, meine Liebe?« fragte Miss Snevellicci besorgt.

»Ach, mein Lillyvik«, rief die Braut, »wenn er wüßte, was ich um seinetwillen leide!«

»Natürlich weiß er es und wird es nie vergessen«, tröstete Miss Ledrock.

»Glaubt ihr?« rief Miss Petowker mit plötzlicher Entfaltung ihres Bühnentalents. »O sagt, glaubt ihr wirklich, daß Lillyvik es nie – nie vergessen wird?«

Wer weiß, wie die Szene noch geendet haben würde, wenn nicht Miss Snevellicci in diesem Augenblick die Ankunft der Droschke verkündigt hätte, was die Braut derart ablenkte, daß sie sofort verschiedene beunruhigende Ohnmachtssymptome abschüttelte, an den Spiegel eilte, ihren Schleier zurechtzupfte und dann gefaßt erklärte, sie sei jetzt zu dem großen Opfergang bereit.

Sie wurde demgemäß in die Droschke gehoben und durch fortwährendes Riechenlassen an Salmiakgeist und wiederholte kleine Schlucke von Brandy und andere kräftige Mittel vor Ohnmachten geschützt, bis man das Haus des Theaterdirektors erreichte. Die zwei Masters Crummles standen bereits mit weißen Kokarden und Prunkwesten aus der Theatergarderobe angetan an der Türe, um sie zu empfangen. Durch die vereinten Bemühungen der jungen Herren, der Brautjungfern und des Kutschers wurde Miss Petowker endlich in einem Zustand völliger Erschöpfung nach dem ersten Stocke gebracht, wo sie, kaum ihres jugendlichen Bräutigams ansichtig geworden, mit vielem Anstand in Ohnmacht sank.

»Henriette«, rief Mr. Lillyvik, »ermanne dich, Geliebte!«

Miss Petowker ergriff des Steuereinnehmers Hand, aber innere Bewegung erstickte ihre Worte.

»Ist dir mein Anblick so schrecklich, Henriette?« säuselte der Steuereinnehmer.

»Aber nein, nein, nein!« lispelte die Braut. »Aber alle meine Freunde – die geliebten Gespielinnen meiner Jugendjahre – verlassen zu müssen, ist so – so unendlich traurig!«

Nur langsam konnte sie sich erholen, dann aber erinnerte sie sich plötzlich, Mrs. Crummles sei ihr mehr als eine Mutter, Mr. Crummles mehr als ein Vater, und die jungen Masters Crummles nebst Miss Ninetta Crummles mehr als Brüder und Schwestern gewesen. Das hatte jedesmal eine Reihe von Umarmungen zur Folge und kostete eine geraume Zeit, so daß man sich schließlich genötigt sah, dem Kutscher die allergrößte Eile anzuempfehlen, um nicht zu spät in die Kirche zu kommen.

Der Zug bestand aus zwei Wagen; in dem ersten saßen Miss Bravassa, die vierte Brautjungfer, Mrs. Crummles, der Steuereinnehmer und Mr. Folair, der zum Bräutigamsführer erwählt worden war; in dem andern befanden sich die Braut, Mr. Crummles, Miss Snevellicci, Miss Ledrock und das Wunderkind. Die Kostüme konnten prunkvoller nicht gedacht werden. Die Damen waren über und über mit künstlichen Girlanden bedeckt, und das Wunderkind verschwand beinahe ganz in einer tragbaren Blumenlaube, in die man es gesteckt hatte. Die romantische Ledrock trug an ihrer Brust das Miniaturbild irgendeines unbekannten Offiziers, das sie nicht lange vorher billig bei einer Versteigerung erstanden hatte, die übrigen Damen glänzten in prachtvollen Garnituren aus nachgemachten Juwelen, die sich von echten kaum unterscheiden ließen, und Mrs. Crummles trug eine ernste und düstere Majestät zur Schau, die die Bewunderung aller Zuschauer erregte. Am auffallendsten und eindrucksvollsten machte sich jedoch die Erscheinung Mr. Crummles', der als Brautvater funktionierte und infolge eines originellen und glücklichen Einfalles sich für diese Rolle durch eine Theaterperücke, wie man sie auf alten Denkmünzen sieht, einen schnupftabakfarbigen Anzug nach dem Schnitte des vorigen Jahrhunderts, grauseidene Strümpfe und Schnallenschuhe aufgeputzt hatte. Um seiner angenommenen Charakterrolle als zärtlicher Vater noch mehr Ehre zu machen, hatte er sich entschlossen, den Tiefgerührten zu spielen, und schluchzte so laut und herzzerbrechend, daß ihm der Küster den Rat erteilte, er möge sich in die Sakristei zurückziehen und vor Beginn der Zeremonie durch ein Glas Wasser stärken.

Der Gang durch die Kirche war ein wundervoller Anblick. Die Braut und die vier Brautjungfern bildeten eine vorher sorgfältig einstudierte Gruppe, der Steuereinnehmer schritt vor seinem Brautführer einher, der ihn zur unbeschreiblichen Belustigung einiger Theaterfreunde auf den Galerien in Gang und Haltung genau kopierte, dann folgte wankend und schmerzgebeugt Mr. Crummles. – Mrs. Crummles beobachtete ihren gewohnten langsamen feierlichen Giraffenschritt. Mit einem Wort, die Prozession war das Vollkommenste, was je ein Menschenauge erblickt.

Die Trauung ging rasch und anstandslos vonstatten, und als sich alle Anwesenden in das Kirchenregister eingeschrieben hatten (zu welchem Zwecke Mr. Crummles, als die Reihe an ihn kam, sorgfältig eine ungeheuere Brille abwischte und auf die Nase setzte), kehrten sie in ungemein heiterer Stimmung zum Frühstück heim. Nikolas harrte bereits ihrer Ankunft.

»Wohlan jetzt, frischauf, Kameraden«, trällerte Mr. Crummles, Mrs. Grudden in den Vorbereitungen, die übrigens viel großartiger, als der Steuereinnehmer gutheißen mochte, ausgefallen waren, hilfreiche Hand leistend, »zum Frühstück! zum Frühstück!«

Einer zweiten Einladung bedurfte es nicht. Die Gesellschaft drückte sich an dem Tische, so gut es gehen wollte, zusammen und griff ohne weitere Umstände zu. Miss Petowker wurde jedesmal bis über die Ohren rot, wenn sie jemand ansah, und aß sehr viel, wenn sie niemand ansah; und Mr. Lillyvik ging mit dem festen Entschluß ans Werk – da alle diese guten Bissen doch aus seiner Tasche bezahlt werden mußten –, den Crummlessen so wenig wie möglich übrigzulassen.

»Das war ja schnell und schmerzlos – wie?« scherzte Mr. Folair und wendete sich verbindlich über den Tisch an den Steuereinnehmer.

»Was war schmerzlos?« fuhr Mr. Lillyvik auf.

»Das Knüpfen des Ehebandes – das Anlegen der Rosenkette«, versetzte Mr. Folair. »Es hat nicht lange gebraucht – oder?«

»Nein, Sir«, erwiderte Mr. Lillyvik erbleichend, »es dauerte nicht lange. Und was weiter, Sir?«

»Ach, nichts sonst«, sagte der Schauspieler leichthin. »Man braucht nicht lange, um sich hängen zu lassen – so oder so. Hab ich nicht recht? Ha! ha! ha!«

Mr. Lillyvik legte Messer und Gabel nieder und sah sich mit Entrüstung am Tische um.

»Sich hängen zu lassen?« wiederholte er.

Ein tiefes Schweigen herrschte, denn des Steuereinnehmers würdevolle Miene überstieg alle Beschreibung.

»Sich hängen zu lassen?« rief Mr. Lillyvik abermals. »Zieht man in dieser Gesellschaft einen Vergleich zwischen Heiraten und Sich-hängen-Lassen?«

»In beiden Fällen wird bekanntlich vorher eine Schlinge gemacht«, trachtete Mr. Folair etwas kleinlaut die Situation zu retten.

»Eine Schlinge, Sir?« zürnte Mr. Lillyvik. »Wagt es jemand in meiner Gegenwart, eine Schlinge und Henriette Pe-«

»Lillyvik«, verbesserte Mr. Crummles.

»– und Henriette Lillyvik in einem Atem zu nennen? Hier in diesem Hause und in Gegenwart von Mr. und Mrs. Crummles, die eine talentvolle und tugendhafte Familie zu Segnungen des Himmels, zu Wunderkindern und zu – Gott weiß was erzogen haben, muß man von ›Sich-hängen-Lassen‹ sprechen hören?«

»Folair«, tadelte Mr. Crummles, der infolge dieser schmeichelhaften Anspielung auf ihn und seine Gattin die Angelegenheit als Ehrensache nehmen zu müssen glaubte, »Folair, Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Wüßte nicht, inwiefern?« brummte der unglückliche Witzbold. »Was hab' ich denn verbrochen?«

»Verbrochen, Sir?« rief Mr. Lillyvik. »Sie haben einen Ausfall gemacht auf die ganze menschliche Gesellschaft.«

»Und auf die edelsten und zartesten Gefühle«, ergänzte Crummles, die Rolle des Brautvaters wieder aufnehmend.

»Und das heiligste und achtenswerteste Band zwischen Mann und Weib«, erklärte der Steuereinnehmer. »Schleife! Als ob man gefangen und an Händen und Füßen gebunden in den Stand der heiligen Ehe träte und nicht aus freiem Willen und hohem Selbstbewußtsein heraus die feierliche Handlung beginge.«

»Eine derartige Deutung kam mir nicht im entferntesten in den Sinn«, entschuldigte sich der Schauspieler; »aber wenn Sie so empfindlich sind, erkläre ich gern, daß ich meine Bemerkung bedaure. Mehr kann man nicht tun.«

»Sie müssen Sie auch bedauern«, rief Mr. Lillyvik; »übrigens freut es mich, zu hören, daß Sie wenigstens noch Ehrgefühl im Leibe haben.«

Da der Streit durch diese Erklärung beigelegt zu sein schien, hielt es die junge Mrs. Lillyvik, zumal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft rege gemacht war, für angezeigt, in Tränen auszubrechen und den Beistand sämtlicher vier Brautjungfern in Anspruch zu nehmen. Das verursachte immerhin einige Verwirrung, denn da das Zimmer klein und das Tafeltuch lang war, wurde durch das Aufspringen der Damen ein ganzes Service über den Tisch hinuntergefegt. Ungeachtet dieses Unfalles wies jedoch Mrs. Lillyvik jeden Trost zurück, bis die kriegführenden Parteien ihr Wort gegeben hatten, den Streit nicht weiterzuführen, wozu sie sich endlich, wenn auch widerstrebend, bewegen ließen. Aber von diesem Augenblick an saß Mr. Folair in verdrießlichem Schweigen da und beschränkte sich darauf, wenn etwas gesprochen wurde, Nikolas ins Bein zu kneifen, um dadurch seine Verachtung dem jeweiligen Sprecher gegenüber sowie den an den Tag gelegten Gefühlen kundzugeben. Sodann wurde eine Reihe von Reden gehalten, eine von Nikolas, eine von Crummles und eine von dem Steuereinnehmer; zwei von den jungen Masters Crummles und eine von dem Wunderkind im Namen der Brautjungfern, wobei natürlich Mrs. Crummles heiße Tränen vergoß. Dann ging es an Gesangsproduktionen; Miss Ledrock und Miss Bravassa ließen ihre Stimmen erschallen, und wahrscheinlich wäre die Reihe auch noch an andere gekommen, wenn nicht der Droschkenkutscher, der das glückliche Paar nach Ryde zum Dampfschiff bringen sollte, mit der Erklärung hereingekommen wäre, falls seine Passagiere nicht auf der Stelle aufbrechen, achtzehn Pence über die bedungene Taxe fordern zu müssen.

Diese gefährliche Drohung sprengte die Gesellschaft auseinander. Nach einem höchst ergreifenden Abschied reiste Mr. Lillyvik mit seiner jungen Gattin nach Ryde ab, wo sie die nächsten zwei Tage in tiefster Zurückgezogenheit zubringen wollten. Das Wunderkind begleitete sie, denn Mr. Lillyvik hatte Miss Crummles ausdrücklich deshalb zur Reisebrautjungfer erkoren, weil er hoffte, in Anbetracht ihres zwerghaften Wuchses für sie auf dem Dampfer nur ein Kinderbillett lösen zu müssen.

Da an diesem Abend keine Theatervorstellung stattfand, erklärte Mr. Crummles, daß man, bis der letzte Tropfen geleert sei, beisammenbleiben sollte, aber Nikolas, der tags darauf zum erstenmal den Romeo spielen sollte, benützte eine gelegentliche Verwirrung, die durch ein unerwartetes Ausbrechen deutlicher Symptome von Trunkenheit bei Mrs. Grudden veranlaßt wurde, und schlich sich fort.

Er wurde zu dieser Desertion noch außerdem durch seine Besorgnisse um Smike veranlaßt, der in der Rolle des Apothekers auftreten sollte und von ihr bis jetzt noch nicht viel mehr, als daß er sehr hungrig aussehen müsse, begriffen hatte.

»Ich weiß nicht, was da zu tun ist, Smike«, sagte Nikolas und legte die Rolle nieder. »Ich fürchte, du wirst es dir nicht merken können, armer Bursche.«

»Oh – doch«, meinte Smike stockend. »Ich glaube, wenn Sie, – aber das würde Ihnen zu viele Mühe machen.«

»Was glaubst du? Meinetwegen darfst du unbesorgt sein.«

»Ich glaube, wenn Sie mir's einigemal in kurzen Sätzen vorsagen wollten, würde ich gewiß imstande sein, mir alles zu merken.«

»Meinst du?« erwiderte Nikolas. »Gut, dann wollen wir sehen, wer zuerst müde wird. Ich gewiß nicht, Smike. – Also beginnen wir. – ›Wer ruft so laut?‹«

»Wer ruft so laut?« sprach Smike nach.

»Wer ruft so laut?« wiederholte Nikolas.

»Wer ruft so laut?« schrie Smike.

So fuhren sie fort, sich gegenseitig zu fragen, wer so laut rufe; und als sich Smike den Satz gemerkt hatte, ging Nikolas zum nächsten über, und so weiter, bis endlich gegen Mitternacht der arme Smike zu seinem unaussprechlichen Entzücken fand, daß er wirklich schon ein wenig von seiner Rolle wußte.

Früh am Morgen ging das Examen aufs neue an, und Smike, durch die bereits gemachten Fortschritte zuversichtlicher, lernte schneller und besser. Als er den Wortlaut endlich beherrschte, zeigte ihm Nikolas, wie er sich mit beiden Händen den Magen reiben müsse, um durch dramatische Gesten das Hungergefühl entsprechend zu verraten. Nach der Morgenprobe gingen sie wieder ans Werk und hörten erst auf, als es Zeit war, abends im Theater zu erscheinen. Kaum daß sie ihre Studien durch ein eilig eingenommenes Mittagessen unterbrachen.

Nie hatte wohl ein Lehrer einen aufmerksameren, demütigeren und lernbegierigeren Schüler, aber gewiß auch nie ein Schüler einen geduldigeren, unermüdlicheren, umsichtigeren und wohlwollenderen Lehrer.

Sogar, als sie bereits angekleidet waren, setzte Nikolas, sooft der Romeo nicht auf der Szene zu erscheinen hatte, seinen Unterricht fort. Und wirklich, es führte zu einem günstigen Resultat. Der Romeo gefiel selbstverständlich, aber auch Smike wurde einstimmig, sowohl vom Publikum wie von den Schauspielern, für den König aller Apotheker erklärt.

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