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Nikolas Nickleby

Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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13. Kapitel

Nikolas bringt durch ein äußerst tatkräftiges und ungewöhnliches Verfahren einige Abwechslung in die Eintönigkeit von Dotheboys Hall

Das kalte matte Dämmerlicht eines Januarmorgens stahl sich durch die Fenster des gemeinsamen Schlafsaales. Das Herz voll Gram blickte Nikolas, auf den Ellbogen gestützt, auf die schlummernden Gestalten, die ihn ringsum umgaben.

Es bedurfte eines scharfen Auges, um unter der wirren Masse von Schläfern die Umrisse einer bestimmten Gestalt zu entdecken, denn wie sie so dicht aneinandergedrängt, mit Lumpen aller Art zugedeckt, dalagen, konnte man wenig mehr als die scharfen Konturen blasser Gesichter unterscheiden, über die dasselbe Licht dieselben trüben Tinten goß, mit denen es hin und wieder einen hageren Arm färbte, der sich, entblößt, dem Auge in seiner ganzen Abgezehrtheit und Häßlichkeit zeigte. Einige der Zöglinge lagen, die abgehärmten Gesichter aufwärts gekehrt, mit verkrampften Händen auf dem Rücken, und sahen in der dämmrigen Beleuchtung mehr Leichen als lebenden Geschöpfen gleich, während andere, in seltsamen und phantastischen Stellungen zusammengekrümmt, mehr unter Schmerzen und Krämpfen dazuliegen schienen als unter der Einwirkung des Schlafes. Nur die Jüngsten schlummerten friedlich mit lächelnden Zügen und träumten wahrscheinlich von daheim.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein tiefer, schwerer Seufzer die Stille des Gemachs und verkündete, daß ein Schläfer zu des Tages Jammer und Elend erwacht war.

Nikolas war kaum aufgestanden, als er des Schulmeisters Stimme die Treppe heraufbrüllen hörte:

»Also, was ist denn? – Wollt ihr vielleicht den ganzen Tag durchschlafen?«

»Ihr faulen Hunde«, beendete Mrs. Squeers den Satz. »Na, wird's bald?!«

»Wir werden im Augenblick unten sein, Sir«, antwortete Nikolas.

»Im Augenblick unten sein?« höhnte Squeers. »Smike! – Zum Teufel, wo steckt denn der Bursche? Wird er nicht gefälligst herunterkommen?«

Nikolas blickte rasch umher, konnte den Gerufenen aber nicht entdecken.

»Smike!« brüllte Squeers wieder.

»Soll ich dir vielleicht den Schädel an einer neuen Stelle einschlagen, Smike?« gellte die liebenswürdige Schulmeistersgattin.

Immer noch keine Antwort.

»Bodenlose Unverschämtheit!« raste Squeers und schlug ungeduldig mit einem spanischen Rohr auf das Stiegengeländer. – »Heda, Nickleby!«

»Sie wünschen, Sir?«

»So schicken Sie doch den störrischen Schlingel herunter! Hören Sie mich denn nicht rufen?«

»Er ist nicht hier«, antwortete Nikolas.

»Lügen Sie mich nicht an«, schrie Squeers, »er muß hier sein.«

»Nein, er ist nicht hier«, erwiderte Nikolas gekränkt. »Es ist nicht meine Gewohnheit, zu lügen.«

»Na, das werden wir ja sehen«, brummte Squeers und stürmte die Treppe herauf.

»Wetten, daß ich ihn finde?«

Mit erhobenem Stock stürzte er in den Schlafsaal und zu dem Winkel, wo der ausgemergelte Körper des Haussklaven nachts zu liegen pflegte, aber das Bett war – leer.

»Was soll das heißen!?« rief Squeers und verfärbte sich. »Wo haben Sie ihn versteckt?«

»Ich habe ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen«, sagte Nikolas ruhig.

»Lassen Sie diese Narrenpossen!« schrie Squeers, sichtlich beunruhigt, sosehr er es auch zu verbergen suchte. »Sie werden ihm auf diese Weise nicht durchhelfen. – Wo ist er?«

»Wahrscheinlich auf dem Grunde des nächsten Teiches«, entgegnete Nikolas leise und sah den Schulmeister scharf an.

»Zum Henker, was wollen Sie damit sagen?« fuhr Squeers auf und wendete sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an die Jungen, ob denn keiner von ihnen wisse, wo Smike stecke.

Alle murmelten eine ängstliche Verneinung, nur eine helle Kinderstimme ließ laut werden, was sich heimlich alle dachten:

»Ich glaube, Sir, Smike ist weggelaufen.«

»Ha«, rief Squeers und wendete sich schnell um, »wer hat das gesagt?«

»Tomkins, Sir«, rief ein Chor von Stimmen.

Augenblicklich stürzte sich Squeers in den Haufen und erwischte einen winzigen Jungen, der noch im Hemdchen dastand, am Schopf.

»Du meinst also, er sei weggelaufen. Was, Bürschchen?«

»Ja, Sir«, hauchte das Kind.

»Und welchen Grund, Bürschchen«, knirschte Squeers und packte den Jungen fest am Arm, »welchen Grund hast du zu der frechen Annahme, daß ein Knabe aus meiner Anstalt fortlaufen sollte? Nun? Sprich!«

Der arme Junge erhob statt der Antwort ein Jammergeschrei, und Mr. Squeers schlug so lange auf ihn ein, bis er ihm, sich vor Schmerz windend, förmlich aus den Händen kugelte.

»So«, keuchte Mr. Squeers, »ist vielleicht noch einer unter euch der Meinung, daß Smike weggelaufen ist?«

Natürlich meldete sich niemand. Bloß Nikolas legte seinen Abscheu so offen, wie er es durch Blicke nur vermochte, an den Tag.

»Nun, Nickleby? Vielleicht sind Sie der Meinung, daß er weggelaufen ist?«

»Es scheint mir sogar äußerst wahrscheinlich«, versetzte Nikolas ruhig.

»Ah, Sie halten es also für höchst wahrscheinlich?« höhnte Squeers. »Vielleicht wissen Sie es sogar gewiß?«

»Ich weiß nichts der Art.«

»Er hat Ihnen also nicht gesagt, daß er fortlaufen wollte; oder?«

»Er sagte mir nichts. Und ich bin sehr froh darüber, da es sonst meine Pflicht gewesen wäre, Sie beizeiten davon zu verständigen.«

»Was Ihnen ohne Zweifel verteufelt schwer angekommen wäre«, spöttelte Squeers.

»Allerdings«, erwiderte Nikolas, »Sie wissen sich meine Gefühle sehr richtig zu deuten.«

Mrs. Squeers hatte alles unten an der Treppe mit angehört, aber jetzt ging ihr die Geduld aus. Hastig warf sie sich ihre Nachtjacke um und erschien auf dem Schauplatz.

»Also, was gibt's denn hier eigentlich?« schrie sie, während die Zöglinge rechts und links zurückwichen, um ihr die Mühe zu ersparen, sich mit den Ellbogen einen Weg zu bahnen.

»Wir sprechen gerade darüber«, erklärte Squeers, »daß Smike nirgends zu finden ist.«

»Das weiß ich. – Siehst du, das kommt davon, wenn man sich ein Schock von hochnäsigen Gehilfen ins Haus zieht, die einem dann die jungen Hunde rebellisch machen! Nun, junger Herr, werden Sie vielleicht die Güte haben, sich mit den Bengeln in die Schulstube hinunterzuscheren? Und rühren Sie sich dort gefälligst nicht von der Stelle, bis Sie die Erlaubnis dazu haben, oder wir könnten in einer Weise aneinandergeraten, bei der Ihre Schönheit ein wenig Not leiden dürfte, soviel Sie sich auch darauf einbilden mögen, das versichere ich Ihnen.«

»Wirklich?« sagte Nikolas lächelnd.

»Ja, wirklich. Und noch einmal wirklich, Mosjö Gelbschnabel«, schrie die aufgeregte Dame, »und wenn es auf mich ankäme, so würden Sie keine Stunde länger im Hause sein.«

»Wenn's auf mich ankäme, wahrhaftig auch nicht«, sagte Nikolas. »Kommt, Kinder.«

»Ja, kommt Kinder«, äffte Mrs. Squeers nach. »Und nehmt euch Smike zum Vorbild, wenn ihr die Courage dazu habt. Ihr werdet schon sehen, wie's ihm ergeht, wenn er wieder hier ist.«

»Wenn ich ihn erwischen sollte, so will ich ihm das Fell gerben, bis es ihm in Fetzen herunterhängt«, knirschte der Schulmeister.

»Wenn du ihn erwischen solltest?« erwiderte Mrs. Squeers verächtlich. »Als ob daran auch nur der geringste Zweifel wäre! – Aber jetzt marsch fort mit euch!«

Im Nu war der Schlafsaal leer und das würdige Ehepaar allein.

»Fort ist er, darüber ist kein Zweifel«, brummte Mrs. Squeers.

»Das Mädchen hat alles durchsucht. – Er muß nach York zu gegangen sein, und zwar auf einer der Landstraßen.«

»Woher weißt du denn das?«

»Dummkopf«, entgegnete Mrs. Squeers verdrießlich, »er hat doch kein Geld bei sich.«

»Er hat meines Wissens in seinem ganzen Leben noch nie einen Penny gesehen«, bestätigte der Pädagog.

»Nun, und etwas zum Essen hat er auch nicht mitgenommen, dafür kann ich stehen. Ha, ha, ha.«

»Ha, ha, ha«, stimmte Squeers mit ein.

»Er muß sich also durch Betteln forthelfen, und das kann er nirgends als auf den Landstraßen.«

»Das ist wahr«, rief Mr. Squeers und klatschte freudig erregt in die Hände.

»Selbstverständlich ist's so. Aber dir wäre das natürlich im Leben nicht eingefallen, wenn ich's nicht gesagt hätte. – Also hörst du, du nimmst jetzt den Einspänner und fährst den einen Weg ab, während ich Swalows Wagen ausborge und den anderen absuche. Wir brauchen dann nur die Augen offenzuhalten und bei den Leuten nachzufragen, so muß er notgedrungen dir oder mir in die Hände fallen.«

Der Plan war augenscheinlich vorzüglich.

In aller Eile nahm das würdige Paar noch ein kräftiges Frühstück ein, und dann brach Mr. Squeers racheschnaubend mit seinem Einspänner auf. Bald darauf schlug auch Mrs. Squeers, in einen weißen Kapuzenmantel und ein halbes Dutzend warme Tücher gehüllt, in einem anderen Gefährt die zweite Richtung ein. Fürsorglich, wie immer, nahm sie einen tüchtigen Knüttel, einige feste Stricke und einen stämmigen Arbeiter mit, um ja mit Smike fertig zu werden, wenn sie ihn finden sollte.

Nikolas blieb in einem Sturm von Gefühlen zurück. Er wußte recht gut, daß die Flucht des armen Burschen nur die schmerzlichsten und bedauerlichsten Folgen haben könne, mochte sie nun gelingen oder nicht. Tod aus Mangel an Nahrung und Obdach war doch das Beste, was dem hilflosen Geschöpf, das da allein und ohne Beistand durch eine ihm vollkommen fremde Gegend wanderte, bevorstand. Und zwischen diesem Schicksal und einer glücklichen Rückkehr zu den Fleischtrögen der Yorkshirer Schule war wirklich eine schwere Wahl. Nikolas blutete das Herz, wenn er an die Leiden dachte, die dem armen Smike bevorstehen mußten.

»Nichts Neues von dem Ausreißer« fragte der Schulmeister, als er am Abend des nächsten Tages unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte. Seinem ganzen Ansehen nach hatte er, alter Gewohnheit gemäß, auf der Fahrt des öfteren »seine Beine ausgestreckt«. »Na, ich werde mich dafür schon an irgend jemand anders schadlos zu halten wissen, Nickleby, wenn meine Frau ihn aufstöbert, verlassen Sie sich darauf.«

»Es ist nicht meine Sache, Sie zu trösten, Sir«, versetzte Nikolas unwirsch. »Die Sache geht mich ganz und gar nichts an.«

»So?« fuhr Mr. Squeers in drohendem Tone auf, »das wollen wir erst einmal sehen.«

»Ja, das werden wir sehen«, erwiderte Nikolas.

»Das Pferd hat sich aufgerieben, und ich habe mir für die Heimfahrt einen Mietgaul nehmen müssen – kostet fünfzehn Schillinge, abgesehen von den übrigen Ausgaben. Wer wird mir die vergüten? Was?«

Nikolas zuckte die Achseln.

»Ich sage Ihnen: Einer soll mir's tun«, brüllte Squeers herausfordernd. »Da gibt's nichts zu grinsen, Sie Esel. Packen Sie sich in Ihren Stall. Sie sollten schon längst dort sein. – Marsch hinaus!«

Nikolas biß sich auf die Lippen und ballte unwillkürlich die Fäuste. Es prickelte ihm bis in die Fingerspitzen, diese Beleidigung zu rächen, aber er hielt sich vor, daß der Mann betrunken war und die Sache nur noch zu einem größeren Verdruß führen mußte, wenn er sich nicht bezwang. Er begnügte sich daher, ihm einen Blick der Verachtung zuzuwerfen, und ging stolz die Stiegen hinauf. Nicht wenig wurmte ihn dabei, daß Miss Squeers und ihr vielversprechender Bruder aus einer Ecke heraus sich laut über den Auftritt lustig machten und hämische Bemerkungen über einen gewissen hungrigen armen Schlucker, in die die armseligste aller Kreaturen, das Dienstmädchen, mit schallendem Gelächter einstimmte, hinwarfen. Bis aufs Innerste verletzt zog er sich zurück, legte sich nieder und nahm sich fest vor, mit Mr. Squeers wesentlich bälder abzurechnen, als er vorgehabt.

Er war am nächsten Morgen kaum erwacht, als man einen Wagen vorfahren hörte. Schon der frohlockende Ton, mit dem Mrs. Squeers ein Glas Branntwein verlangte, verriet, daß ihr Plan gelungen sein mußte. Nikolas getraute sich anfangs kaum, zum Fenster hinauszublicken, aber endlich tat er es doch, und das erste, was er erblickte, war der unglückliche Smike – so durchnäßt, mit Kot bespritzt, elend und verwildert, daß man seine Identität hätte bezweifeln können, wenn nicht seine Kleider, die eine Vogelscheuche verschmäht haben würde, jeden Zweifel beseitigt hätten.

»Heraus mit ihm!« schrie Squeers, nachdem er sich eine Weile an dem Anblick Smikes geweidet. »Bringt ihn herein, bringt ihn herein!«

»Vorgesehen«, warnte Mrs. Squeers. »Wir haben ihm die Beine zusammengebunden, damit er uns nicht wieder entkommt.«

Mit vor Entzücken zitternden Händen löste Squeers die Knoten, und Smike, mehr tot als lebendig, wurde, nachdem man ihn ins Haus getragen, vorläufig in ein Kellerloch gesperrt. Die Nachricht, daß der Ausreißer wieder aufgegriffen und im Triumphzuge zurückgebracht worden sei, verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer, und die Schule harrte beklommen den ganzen Morgen der Dinge, die da kommen sollten. Jedoch erst am Nachmittag erschien Squeers, gekräftigt durch ein besonders opulentes Mittagessen, in Begleitung seiner liebenswürdigen Ehehälfte und mit höchst bedeutsamer Miene und mit schrecklichen Marterinstrumenten, die wahrscheinlich diesen Morgen erst und speziell für den vorliegenden Fall gekauft worden, ausgerüstet.

»Sind alle Knaben hier?« brüllte er.

Es waren alle versammelt, aber keiner hatte den Mut zu antworten. Langsam ließ Squeers seinen Blick die Reihen entlanggleiten, und wo er hinfiel, senkten sich die Augen oder duckten sich die Köpfe.

»Jeder bleibt an seinem Platze! Nickleby, an Ihr Pult!«

Mehr als einem der kleinen Zuschauer war aufgefallen, daß auf dem Gesichte des Hilfslehrers ein seltsamer und ungewöhnlicher Ausdruck lag, obgleich er jetzt ohne Widerrede gehorsam seinen Sitz einnahm. Squeers warf einen Blick des Triumphes auf seinen Untergebenen, sah mit der Miene unbeschränktesten Despotismus wieder auf die Knaben und verließ dann das Zimmer, um gleich darauf mit Smike zurückzukehren, den er am Rockkragen oder vielmehr an seinem Jackenüberrest hereinzerrte.

An jedem andern Orte würde die Erscheinung des abgehetzten, elenden und gänzlich verzweifelten Delinquenten ein Gemurmel des Mitleids und der Einsprache veranlaßt haben. Hier übte sie nur die Wirkung aus, daß die Zuschauer unruhig auf ihren Sitzen hin und her rutschten. Einige der Kühnsten unter den Zöglingen wagten es sogar, einander verstohlene Blicke des Mitleids zuzuwerfen.

»Hast du etwas zu deiner Entschuldigung vorzubringen? – Natürlich nichts; – oder?« begann Squeers mit teuflischem Grinsen.

Smike blickte verstört umher, und sein Auge ruhte eine Sekunde lang auf Nikolas, als erwarte er von ihm eine Fürsprache, aber dieser sah unverwandt vor sich hin.

»Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Squeers wiederum und schwang dabei seinen rechten Arm zwei- oder dreimal durch die Luft, als wolle er ihn möglichst gelenkig machen. »Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe. Ich werde ziemlich viel Platz brauchen.«

»Ach, haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Sir«, flehte Smike.

»So, ist das alles?« höhnte Squeers. »Sei unbesorgt, ich werde schon Barmherzigkeit mit dir haben und dich peitschen, bis dir das Herz stillsteht und ich den Arm nicht mehr rühren kann.«

»Ha, ha, ha«, frohlockte Mrs. Squeers, »sehr gut, sehr gut!«

»Ich hab's nicht mehr ausgehalten«, jammerte Smike mit schwacher Stimme und warf abermals einen flehenden Blick um sich.

»So. Du hast es nicht mehr ausgehalten?« knirschte Squeers.

»Es ist also nicht deine Schuld, sondern vermutlich die meinige?«

»Du niederträchtiger, undankbarer, schweinsköpfiger, viehischer, störrischer, kriecherischer Hund«, keifte Mrs. Squeers, nahm Smikes Kopf unter den Arm und versetzte ihm bei jedem Beiwort einen Rippenstoß. »Was willst du damit sagen?«

»Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe«, mahnte Squeers, »wir wollen sehen, ob wir's herauskriegen.«

Die Dame, durch ihre Anstrengung bereits atemlos geworden, gehorchte stillschweigend, und Mr. Squeers packte den Delinquenten. Ein furchtbarer Hieb fiel auf den Ärmsten nieder, der sich sofort unter dem Streich zusammenkrümmte und vor Schmerz winselte. Wieder holte Squeers aus, aber ehe er zuschlagen konnte, sprang Nikolas Nickleby plötzlich auf und rief mit einer Stimme, daß der Saal dröhnte, Halt.

»Wer hat da ›Halt‹ gerufen«, keuchte Squeers und stierte mit blutunterlaufenen Augen wild um sich.

»Ich«, sagte Nikolas und trat vor. »Das geht so nicht weiter.«

»Geht so nicht weiter?« kreischte Squeers außer sich.

»Nein!« donnerte Nikolas.

Sprachlos ob dieser Verwegenheit ließ der Schulmeister Smike los, wich ein paar Schritte zurück und starrte Nikolas mit wutverzerrter Miene an.

»Ich sage, das geht so nicht weiter«, wiederholte Nikolas, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ich dulde es einfach nicht.«

Die Augen quollen Squeers fast aus den Höhlen, und ein paar Sekunden schnappte er buchstäblich nach Luft.

»Sie haben meine ruhige Fürsprache für den Jungen nicht beachtet«, sagte Nikolas, »und auch meinen Brief keiner Antwort gewürdigt, in dem ich Sie für ihn um Nachsicht bat und Ihnen meine Bürgschaft anbot, daß er von jetzt an ruhig hier bleiben würde. Sie können mir daher dieses öffentliche Einschreiten nicht zum Vorwurf machen und haben es nur sich selbst zuzuschreiben.«

»Scher dich an deinen Platz, du Bettler!« raste Squeers, außer sich vor Wut, und packte Smike von neuem.

»Sie Schurke!« rief Nikolas drohend. »Wenn Sie ihn anrühren, geschieht es auf Ihre eigene Gefahr. Nehmen Sie sich in acht! Mir kocht das Blut, und ich werde, wenn es darauf ankommt, noch mit zehn solchen Kerlen wie Sie fertig. Hüten Sie sich! Bei Gott, ich stehe für nichts, wenn Sie mich aufs Äußerste treiben.«

»Zurück!« schrie Squeers und holte mit seinem Stock aus.

»Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen«, erwiderte Nikolas zornrot, »und meine Erbitterung ist aufs höchste gesteigert durch den beständigen Anblick feiger Grausamkeiten, die man in dieser scheußlichen Höhle an hilflosen Kindern verübt. Sehen Sie sich vor! Wecken Sie den Teufel nicht in mir, oder ich weiß nicht, was geschieht!«

Mit einem schrecklichen Wutausbruch und einem Schrei, ähnlich dem Aufheulen eines wilden Tieres, sprang Squeers vor, spie Nikolas an und versetzte ihm mit dem Stock einen Hieb quer über das Gesicht, daß sofort eine rote Wulst hervorquoll. Eine Sekunde lang war Mr. Nickleby wie betäubt, dann drängten sich alle Gefühle von Wut, Haß und Verachtung in seinem Herzen zusammen; mit einem Satz war er bei dem Schurken, packte ihn an der Kehle, entriß ihm den Stock und zerbleute ihn, bis er blutüberströmt um Gnade winselte.

Die Zöglinge, mit Ausnahme des jungen Squeers, der seinem Vater zu Hilfe eilte und den Feind von hinten angriff, rührten weder Hand noch Fuß. Mrs. Squeers ihrerseits hängte sich unter gellendem Hilfegeschrei an den Rockschoß ihres Gatten und bemühte sich vergeblich, ihn den Händen seines wütenden Gegners zu entreißen, während Miss Fanny, die in Erwartung einer ganz andern Szene durch das Schlüsselloch gespäht hatte und gerade im Augenblick der beginnenden Schlacht hereingestürzt kam, um mit Tintenfässern nach dem Kopf des Hilfslehrers zu werfen, nach Kräften auf Nikolas loshämmerte.

Dieser achtete in der Hitze des Gefechtes natürlich kaum darauf – nahm, als ihm der Arm endlich erlahmte, seine letzten Kräfte zu einem halben Dutzend Schlußhieben zusammen und schleuderte den Schulmeister, der seine Gattin im Fallen mitriß, mit solcher Wucht von sich, daß er an eine Bank flog und regungslos liegen blieb.

Einen Augenblick fürchtete Nikolas, Squeers sei tot, überzeugte sich aber bald, daß er nur bewußtlos war, und entfernte sich kaltblütig, es der jammernden Familie überlassend, den Ohnmächtigen wieder ins Leben zurückzurufen, und überlegte, was er jetzt am besten tun sollte. Er sah sich, als er das Zimmer verließ, besorgt nach Smike um, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Kurz entschlossen packte er seine wenigen Habseligkeiten in sein kleines ledernes Felleisen, ging, da ihm niemand in den Weg zu treten wagte, kühn durch die vordere Tür hinaus und schlug die Straße ein, die nach Greta Bridge führte.

Als er sich hinreichend beruhigt hatte, um über seine Lage nachzudenken, erschien sie ihm freilich in einem nicht sehr ermutigenden Lichte, denn er hatte nur vier Schillinge und einige Pence in der Tasche und war mehr als zweihundertundfünfzig Meilen von London entfernt, wohin er zuvörderst seine Schritte zu lenken gedachte, um sich unter anderem auch danach zu erkundigen, wie Mr. Squeers wohl die Vorgänge des Tages seinem liebevollen Onkel vortragen würde.

Diese Betrachtungen führten leider zu dem sehr traurigen Schlusse, daß es bei der dermaligen unglücklichen Sachlage keine Hilfsquelle für ihn gebe, und als er zufällig aufblickte, sah er einen Mann auf sich zureiten, in dem er beim Näherkommen zu seinem großen Verdruß niemand anders als Mr. John Browdie erkannte, der in lederbesetzten Reithosen herantrabte und sein Pferd mit einem Stecken antrieb.

»Nochmals Streit und Zank? – Dazu habe ich wirklich keine Lust«, murmelte Nikolas. »Und doch hat es den Anschein, als ob mir noch, gelinde gesagt, ein Wortwechsel mit dem Tölpel, vielleicht sogar eine Prügelei, blühen sollte.«

Wirklich schien auch einigermaßen Grund zu einer solchen Annahme vorhanden zu sein, denn kaum hatte ihn John Browdie erkannt, als er sein Pferd auf den Fußweg trieb und dort herausfordernd wartete, wobei er unablässig zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch Nikolas fixierte.

»'schamster Diener, junger Herr«, grüßte er höhnisch, als Nikolas herangekommen war.

»Gleichfalls«, entgegnete Mr. Nickleby.

»No, da hätten mir uns ja endlich 'troffen«, bemerkte John Browdie und schlug sich mit seinem Eschenstock an den Steigbügel.

»Ja. – Hm«, brummte Nikolas. »Ich glaube«, fuhr er nach einer kurzen Pause freimütig fort, »wir sind, als wir uns das letztemal sahen, nicht sehr freundlich voneinander geschieden. Es war, denke ich, meine Schuld, aber ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, und ließ mir's auch nicht träumen, daß Sie sich beleidigt fühlen könnten. Es hat mir nachher sehr leid getan. Wollen wir die Sache vergessen und uns die Hand zur Versöhnung reichen?«

»D'Hand geb'n?« rief der gutmütige Yorkshirer. »Ah, bei so was bin i immer dabei.« Mit einem breiten Lachen beugte er sich sogleich aus dem Sattel und drückte Nikolas kräftig die Hand.

»Aber was hast denn da im G'sicht, Mensch? Schaust ja aus, als obs d' Wichs kriegt hättst.«

»Es war ein Schlag«, erklärte Nikolas vor Zorn errötend. »Aber ein Schlag, den ich mit reichlichen Zinsen zurückgegeben habe.«

»So? Ah!« rief John Browdie. »Recht so, dös g'fallt mir.«

»Ich wurde nämlich mißhandelt«, flüsterte Nikolas, der nicht recht wußte, wie er eine nähere Erklärung einleiten sollte.

»Aber geh!« unterbrach ihn Browdie, der, ein Riese an Kraft und Gestalt, in ihm wohl nur einen Zwerg sehen mochte, mitleidig. »Sagen S' dös nöt.«

»Es ist leider so«, gestand Nikolas, »und zwar von diesem schuftigen Squeers; aber ich habe ihn gründlich durchgebleut und dann sein Haus verlassen.«

»Wos?« schrie John Browdie in solcher Ekstase, daß sein Pferd darüber scheute. »Den Schulmeister verdroschen? – A, do legst di nieder. Gib mir noch a mal d'Hand, Kamerad. Den Schulmeister verdroschen! Teufel noch amol, küssen möcht i di deswegen.«

Und wieder lachte John Browdie so laut, daß ringsum das Echo weit und breit erwachte und seine Heiterkeit teilte. Als sich seine Begeisterung ein wenig gelegt hatte, fragte er Nikolas, was er denn jetzt zu tun gedenke, schüttelte aber auf die Mitteilung, daß er schnurstracks nach London zurück wolle, nur bedenklich den Kopf und meinte, Nikolas wisse wohl nicht, was ein Wagen für eine so weite Fahrt koste.

»Ich weiß es allerdings nicht«, gab Nikolas zu; »es kommt aber auch weiter nicht in Betracht, da ich vorhabe, meine Reise zu Fuß zu machen.«

»Nach London zu Fuß?« fragte der Kornhändler verwundert.

»Jeden Schritt Weges. Ich hätte übrigens, statt hierzustehen, schon eine schöne Strecke hinter mich bringen können. Also Gott befohlen.«

»Na, dös gibts nöt«, protestierte der biedere Yorkshirer, sein ungeduldiges Pferd zügelnd. »Wart a bißl, sag i. Wieviel Geld hast d' in der Taschen?«

»Nicht viel«, gestand Nikolas errötend; »aber ich muß eben trachten, damit durchzukommen. Fester Wille vermag viel.«

John Browdie machte nicht viel Worte, zog einen alten, schmutzigen, ledernen Geldbeutel hervor und bestand darauf, daß Nikolas soviel von ihm annehmen müsse, als er augenblicklich brauche.

»Brauchst di nöt schämen, Mensch«, sagte er. »Nimm soviel, als d' zum Heimkommen nötig hast. Ich habe ka Sorg; du wirst mir's schon wieder z'ruckzahlen.«

Nikolas ließ sich trotzdem durchaus nicht bewegen, mehr als eine Guinee anzunehmen, womit sich Mr. Browdie nach vielem Drängen, doch tiefer in den Beutel zu greifen, zufriedengeben mußte, wenn auch nur widerstrebend, trotzdem er mit echt Yorkshirer Vorsicht hinzufügte, Nikolas könne ja, was er nicht ausgebe, gelegentlich portofrei zurückschicken.

»Da, nimm noch den Stecken zum Andenken mit, Kamerad«, sagte er zum Abschied und drückte Nikolas abermals die Hand.

»Bewahr dir an frischen Mut, und Gott mit dir. – Den Schulmeister verdroschen! Teifel, dös is das Beste, wo i in zwanz'g Jahren g'hört hab'«

Und mit mehr Zartgefühl, als man von ihm erwartet hätte, brach er aufs neue in ein lautes Gelächter aus, um nicht auf Nikolas' Dankesbezeugungen achten zu müssen, gab dann seinem Pferd die Sporen und ritt in scharfem Trab davon. Nikolas sah ihm noch lange nach. Erst, als Roß und Reiter hinter dem Kamme eines fernen Hügels verschwunden waren, setzte er seinen Weg fort.

Er kam an diesem Abende nicht mehr weit, da es rasch finster wurde. Es hatte stark geschneit, und der Weg war nicht nur sehr mühsam, sondern auch in der Dunkelheit für jemand, der in der Gegend fremd war, unsicher und schwer aufzufinden. Er übernachtete daher in einer leeren Scheune, die ein paar hundert Ellen neben der Straße stand.

Als er frühmorgens erwachte und sich schlaftrunken die Augen rieb, sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen – Smike vor sich stehen.

»Ja, Smike, wie kommst du denn hierher?« – rief er überrascht.

»Lassen Sie mich mit Ihnen gehen!« flehte der arme Bursche, warf sich nieder und umschlang Nikolas' Knie. »Sie sind doch mein Freund. Nehmen Sie mich mit. Bitte, bitte.«

»Aber dieser Freund kann wenig für dich tun«, sagte Nikolas und hob Smike sanft auf. »Wie kommst du eigentlich hierher?«

Der arme Junge war ihm, wie sich herausstellte, nachgegangen und hatte ihn auf dem ganzen Weg nicht aus dem Gesicht verloren, sich aber stets gescheut, vor ihm zu erscheinen, um nicht wieder zurückgeschickt zu werden. Er wäre auch jetzt nicht hervorgetreten, aber Nikolas war früher erwacht, als er vermutete, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu verbergen.

»Armer Junge«, seufzte Nikolas, »dein hartes Geschick hat dir nur einen einzigen Freund beschieden, und dieser ist beinahe so arm und hilflos wie du selbst.«

»Darf ich – darf ich mit Ihnen gehen?« fragte Smike schüchtern. »Ich will ja gerne alles tun, was Sie verlangen, und Ihnen dienen. – Ich brauche keine Kleider«, beteuerte das arme Geschöpf freudig und raffte seine Lumpen zusammen, »ich komme ganz gut mit diesen durch. Nur in Ihrer Nähe möchte ich sein.«

»Und das sollst du«, rief Nikolas. »Wir wollen unser Geschick gemeinsam tragen, bis einer von uns diese Welt mit einer besseren vertauscht. Also komm.«

Mit diesen Worten warf er sein Felleisen auf den Rücken, nahm seinen Stock in die Hand, reichte die andere dem vor Entzücken sprachlosen Smike und verließ mit ihm die Scheune.

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