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Nikolai Ljesskow: Erz

Nikolai Semjonowitsch Ljesskow: Nikolai Ljesskow: Erz - Der unsterbliche Golowan
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Ljesskow
booktitleDer unsterbliche Golowan und andere Geschichten
titleDer unsterbliche Golowan
publisher Musarion Verlag München
translatorAlexander Eliasberg
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide4c29799
created20061209
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Nikolai Ljesskow

Der unsterbliche Golowan

Die vollkommene Liebe kennt keine Furcht.

Johannes

Erstes Kapitel

Er selbst ist fast ein Mythos, seine Geschichte aber eine – Legende. Man müßte Franzose sein, um von ihm zu erzählen, da es nur den Angehörigen dieser Nation gelingt, anderen das zu erklären, was sie selbst nicht verstehen. Ich sage dies alles, um bei meinen Lesern im voraus Nachsicht für die allseitige Unvollkommenheit meiner Erzählung zu erbitten, die der Mühe eines weit größeren Meisters als ich wert gewesen wäre. Aber Golowan wäre vielleicht bald ganz vergessen worden, und das wäre schade. Golowan ist der Beachtung wert, und obwohl ich ihn nicht genau genug kenne, um ein vollständiges Bild von ihm zu entwerfen, will ich doch einige Züge dieses sterblichen Menschen schildern, der ohne hohen Rang es verstanden hat, als unsterblich zu gelten.

Der Beiname des »Unsterblichen«, den Golowan erhalten hatte, war durchaus kein Spott und auch keine leere, sinnlose Redensart, sondern man nannte ihn unsterblich in der festen Überzeugung, daß Golowan wirklich ein besonderer Mensch sei, ein Mensch, der den Tod nicht fürchte. Wie konnte sich aber eine solche Meinung bei den Menschen bilden, die unter Gottes Himmel leben und sich stets ihrer Sterblichkeit bewußt sind? Gab es hiezu einen genügenden, in logischer Folgerichtigkeit entwickelten Grund, oder hat ihm eine der Dummheit verwandte Einfalt den Beinamen gegeben?

Mir schien das letztere wahrscheinlicher, wie aber die anderen darüber urteilten, weiß ich nicht: als Kind dachte ich darüber nicht nach, und als ich herangewachsen war und mancherlei Dinge begriff, war der »unsterbliche Golowan« nicht mehr am Leben. Er ist gestorben, und zwar auf eine nicht sehr appetitliche Weise: als er bei der sogenannten »großen Feuersbrunst« in Orjol fremdes Leben und Gut rettete, stürzte er in eine siedend heiße Mistgrube und ertrank. Indes »ein großer Teil von ihm war der Verwesung entronnen, und lebte in der dankbaren Erinnerung weiter«, und ich will versuchen, das zu Papier zu bringen, was ich über ihn weiß oder gehört habe, damit sein jede Beachtung verdienendes wertes Andenken der Welt erhalten bleibe.

Zweites Kapitel

Der unsterbliche Golowan war ein einfacher Mensch. Sein Gesicht mit den außerordentlich derben Zügen hatte sich meinem Gedächtnis seit meinen frühesten Tagen eingeprägt und war in ihm für immer haften geblieben. Ich lernte ihn in einem Alter kennen, in dem Kinder, wie man behauptet, noch keine genügend festen Eindrücke erhalten, um aus ihnen Erinnerungen für das ganze Leben zu schöpfen. Mir ging es jedoch anders. Meine Großmutter hat den Vorfall folgendermaßen aufgezeichnet:

»Gestern (den 26. Mai 1835) kam ich aus Gorochowo zu Maschenjka (meiner Mutter). Ssemjon Dimitritsch (meinen Vater) traf ich nicht zu Hause an, er war nach Jelez zur Untersuchung einer schrecklichen Mordtat abkommandiert worden. Im ganzen Hause waren nur wir Frauen und die weibliche Dienerschaft. Der Kutscher war mit ihm (meinem Vater) fortgefahren, nur der Hausknecht Kondrat war dageblieben, und nachts schlief ein Wächter aus der Verwaltung (der Gouvernements-Verwaltung, an der mein Vater Rat war) im Vorzimmer.

Heutigen Datums ging Maschenjka um die Mittagsstunde in den Garten, um nach den Blumen zu schauen und die Frauenminze zu begießen, und nahm Nikoluschka (mich) mit, den Anna (ein jetzt noch lebendes altes Frauchen) auf den Armen trug. Als sie zurückkamen und Anna gerade die Gartentüre geöffnet hatte, riß sich der Kettenhund Rjabka los und stürzte sich gerade auf Annas Brust. Aber in dem Augenblick, als Rjabka die Pfoten gegen Annas Brust stemmte, erfaßte ihn Golowan am Kragen und warf ihn ins Kellerloch. Dort erschoß man ihn mit dem Gewehr, aber das Kind war gerettet.«

Das Kind war ich, und wie stichhaltig auch die Beweise dafür sein mögen, daß ein anderthalbjähriges Kind sich nicht erinnern könne, was mit ihm vorging, entsinne ich mich doch des ganzen Vorgangs.

Ich weiß natürlich nicht mehr, woher die wütende Rjabka gekommen war und was Golowan mit ihr gemacht, nachdem sie in seiner hocherhobenen eisernen Faust, sich mit dem ganzen Körper windend und mit den Pfoten zappelnd, geröchelt hatte; aber ich erinnere mich an einen Moment, nur an einen Moment... Es war wie beim Aufleuchten des Blitzes in dunkler Nacht, wo man plötzlich ungewöhnlich viele Gegenstände mit einem Male sieht: die Bettvorhänge, den Bettschirm, das Fenster, den auf seiner Stange erzitternden Kanarienvogel und das Glas mit dem silbernen Löffelchen, an dessen Griff sich das Magnesium in Flecken angesetzt hat. Das ist wahrscheinlich eine Eigenschaft der Angst, die große Augen hat. In solch einem Augenblick sehe ich, als ob es gegenwärtig wäre, die riesige gefleckte Hundeschnauze vor mir, das trockene Fell, die feuerroten Augen und den offenen Rachen voll trüben Schaumes in der bläulichen, gleichsam pomadisierten Tiefe. Das Gebiß wollte schon zusammenklappen, als sich die Oberlippe über ihm schloß, die Lefzen sich zu den Ohren zogen, und die vorgestreckte Gurgel, die einem bloßen menschlichen Ellenbogen glich, krampfhaft zuckte. Über all dem stand eine riesige Menschengestalt mit einem riesigen Schädel, die den wütenden Hund packte und forttrug. Während der ganzen Zeit hatte das Gesicht dieses Menschen gelächelt.

Die beschriebene Gestalt war Golowan. Ich fürchte, daß ich sein Porträt, gerade weil es so klar und deutlich vor mir steht, nicht zu zeichnen vermag.

Er war wie Peter der Große zwei Arschin und fünfzehn Werschok groß; er war breit gebaut, hager und muskulös; sein rundes Gesicht war braun, er hatte blaue Augen, eine sehr große Nase und dicke Lippen. Seine Kopfhaare und der gestutzte Bart waren dicht und pfeffer- und salzfarben. Sein Kopf war stets kurz geschoren, ebenso wie der Kinn- und Schnurrbart. Ein ruhiges und glückliches Lächeln wich für keinen Augenblick von Golowans Gesicht: es leuchtete in jedem seiner Züge und spielte vorwiegend um seinen Mund und in den guten und klugen, fast etwas spöttischen Augen. Einen anderen Gesichtsausdruck hatte Golowan nicht, ich entsinne mich wenigstens keines anderen. Zur Vervollständigung dieses wenig kunstfertigen Porträts muß ich noch eine Sonderlichkeit oder Eigenart Golowans erwähnen, die in seinem Gang bestand. Golowan ging sehr schnell, er hatte es immer eilig, aber er ging nicht gleichmäßig dahin, sondern hüpfend. Er hinkte nicht, sondern er »stolperte«, wie man es dort nannte, d. h., er trat mit dem rechten Fuße fest auf und hüpfte mit dem linken nach. Es schien, als biege sich dieser Fuß nicht, sondern federe in einem Muskel oder Gelenk. So gehen Leute mit einem künstlichen Bein, Golowan hatte aber keinen Stelzfuß; übrigens hatte er diese Eigenart nicht von Natur, er hatte sie sich vielmehr angeeignet, aber hierin lag ein Geheimnis, das nicht mit einem Male zu erklären ist.

Gekleidet war Golowan wie ein Bauer – er trug Sommer wie Winter, bei glühender Hitze und bei vierzig Grad Frost, einen langen nackten Schafspelz, der ganz verfettet und schwarz war. Ich habe ihn nie in einer anderen Kleidung gesehen, und ich entsinne mich, wie mein Vater oft über diesen Schafspelz scherzte und ihn den »ewigen« nannte.

Seinen Pelz umgürtete er mit einem eigenartigen Riemen, der wie Pferdegeschirr mit weißen Beschlägen verziert war; diese waren an vielen Stellen gelb geworden, an anderen ganz abgefallen und hatten nur Pechdraht und Löcher zurückgelassen. Aber er hielt seinen Pelz von allen kleinen Bewohnern frei –, das wußte ich besser als die anderen, da ich oft an seiner Brust gesessen, seinen Erzählungen zugehört und mich dabei immer sehr gemütlich gefühlt hatte.

Der breite Kragen des Pelzes wurde nie zugeknöpft und ließ die Brust bis zum Gürtel weit offen. Im Innern des Pelzes befand sich das »Verließ«, eine sehr geräumige Tasche für die Rahmflaschen, die Golowan für die Küche des Orjolschen Adelsklubs lieferte. Dies war sein Beruf seit der Zeit, wo er von der Leibeigenschaft befreit worden war und zu seinem Unterhalt die »Jermolowsche Kuh« erhalten hatte.

Die mächtige Brust des »Unsterblichen« bedeckte ein leinenes Hemd von kleinrussischem Schnitt, d.h. mit einem in der Mitte schließenden Kragen. Es war stets weiß wie Schaum und wurde vorn von einem langen farbigen Halstuch zusammengehalten. Dieses Halstuch war manchmal ein Band, manchmal auch einfach ein Stück Wolltuch oder gar Kattun, aber es verlieh der äußeren Erscheinung Golowans etwas frisches und ›gentlemanhaftes‹, was ihm sehr gut stand, da er in der Tat ein Gentleman war.

Drittes Kapitel

Wir waren Golowans Nachbarn. Unser Haus in Orjol stand in der Dritten Adelsstraße und war vom Uferabhang des Flüßchens Orlik aus das dritte in der Reihe. Der Platz war recht hübsch gelegen. Um jene Zeit, vor den Feuersbrünsten, war hier das Ende der eigentlichen Stadt. Rechts vom Orlik standen die kleinen Häuschen der Vorstadt, die sich an das Stadtzentrum mit der Kirche Wassilij des Großen anschloß. Die eine Seite hatte einen sehr steilen und unbequemen Abstieg am Abhang, und hinter den Gärten befand sich eine tiefe Schlucht; jenseits von ihr breitete sich die Steppenweide aus, auf der sich irgendein Schuppen erhob. In den Morgenstunden wurden hier die Soldaten gedrillt und geprügelt: dies waren die frühesten Bilder, die ich sah und die ich am häufigsten beobachten konnte. Auf derselben Weide, oder besser, auf demselben schmalen Strich, der unsere Gärten mit Zäunen vom Abhang trennte, weideten die sechs oder sieben Kühe Golowans und auch der ihm gehörige schöne Jermolowsche Rassestier. Diesen Stier hielt sich Golowan für seine kleine, prächtige Herde, aber er führte ihn auch »zum Ausleihen« in die Häuser, wo ein wirtschaftliches Bedürfnis darnach bestand. Dies brachte ihm einiges ein.

Die Existenzmittel Golowans bestanden eben in seinen milchenden Kühen und ihrem kräftigen Gemahl. Golowan lieferte, wie ich schon oben bemerkt habe, Milch und Rahm, die durch ihre Qualität berühmt waren, in den Adelsklub. Natürlich machte dies das gute Rassevieh und die gute Pflege. Die von Golowan gelieferte Butter war gelb wie Eidotter, frisch und aromatisch, und sein Rahm »floß nicht«, d. h. wenn man die Flasche mit dem Hals nach unten kehrte, so ergoß der Rahm sich nicht in einem Strahl, sondern fiel wie eine dicke, schwere Masse heraus. Produkte minderer Qualität lieferte er nicht, und so hatte er auch keinen Konkurrenten; die Adligen aber verstanden damals nicht nur gut zu essen, sondern hatten auch die Mittel, zu bezahlen. Außerdem lieferte Golowan in den Klub auch ausgesucht große Eier von den besonders großen holländischen Hühnern, die er in Menge hielt; schließlich »bereitete er Kälber vor«, die er musterhaft mit Milch mästete und immer zur Zeit bereit hielt, z.B. zu der großen Adelsversammlung oder zu anderen besonderen Vorfällen in Adelskreisen.

Auf diese Weise bestritt Golowan seinen Lebensunterhalt, und es war für ihn sehr günstig, sich an die adligen Straßen zu halten, wo er die interessanten Persönlichkeiten versorgte, die die Orjoler seinerzeit in Panschin, Lawrezkij und anderen Helden und Heldinnen von Turgenjews »Adelsnest« wiedererkannten.

Übrigens wohnte Golowan nicht an der Straße selbst, sondern etwas abseits. Der Bau, der Golowans Haus hieß, stand nicht in der Häuserreihe, sondern auf einer kleinen Terrasse hinter der linken Straßenfront. Die Terrasse war sechs Klafter lang und ebenso breit. Es war ein Erdklumpen, der einmal abgerutscht, auf halbem Wege aber stehen geblieben war und sich wieder festgesetzt hatte; er erschien niemand fest genug und gehörte wohl auch niemand: damals war dies noch möglich.

Das Gebäude Golowans konnte man im eigentlichen Sinne weder als Haus, noch als Hof bezeichnen. Es war ein großer, niedriger Schuppen, der die ganze Fläche des abgerutschten Erdklumpens einnahm. Der formlose Bau war vielleicht schon viel früher, als der Klumpen erst daran dachte, abzurutschen, errichtet worden und hatte damals einen Teil des nächsten Hofes ausgemacht, dessen Besitzer ihm jedoch nicht nachjagte und ihn Golowan zu so billigem Preis überließ, wie ihn unser Ritter eben zahlen konnte. Ich erinnere mich sogar, daß man behauptete, die Scheune sei ihm für eine der Gefälligkeiten geschenkt worden, die Golowan zu erweisen meisterhaft verstand und die er auch sehr gerne erwies.

Die Scheune war zweiteilig: die eine Hälfte, die mit Lehm verputzt und geweißt war und drei Fenster auf den Orlik hinaus hatte, war der Wohnraum Golowans und der bei ihm befindlichen fünf Frauen, in der anderen aber waren Stände für die Kühe und den Stier eingerichtet. In dem niedrigen Bodenraum hausten die holländischen Hühner und der »Spanische Hahn«, der sehr lange lebte und als »Hexenvogel« galt. In ihm zog Golowan den Hahnenstein, der für eine Menge von Fällen nützlich ist: um Glück zu bringen, um das verlorene Reich von den Feinden zurückzuerobern und alte Menschen in junge zu verwandeln. Dieser Stein reift sieben Jahre und wird erst dann reif, wenn der Hahn zu trinken aufgehört hat.

Die Scheune war so groß, daß die beiden Abteilungen, der Wohnraum und der Stall, sehr geräumig waren, aber sie hielten, trotz aller aufgewandten Mühe, nur schlecht die Wärme. Übrigens war die Wärme nur den Frauen notwendig, Golowan selbst war gegen atmosphärische Umschläge unempfindlich und schlief Sommer wie Winter im Stall auf einem Weidengeflecht neben seinem Liebling Wassjka, dem stattlichen Tiroler Stier. Die Kälte machte ihm nichts, und das war eine der Sonderheiten dieser mythischen Persönlichkeit, dank welcher er seinen fabelhaften Ruf erhalten hatte.

Von den fünf Frauen, die mit Golowan lebten, waren drei seine Schwestern, die eine seine Mutter, die fünfte nannte man Pawla, oder hin und wieder Pawlagejuschka. Häufiger nannte man sie aber »Golowans Sünde«. So war ich es von Kindheit auf zu hören gewöhnt, als ich die Bedeutung dieser Anspielung noch nicht verstand. Für mich war diese Pawla einfach eine freundliche Frau, und ich erinnere mich wie heute an ihren hohen Wuchs, an ihr bleiches Gesicht mit den hellroten Flecken auf den Wangen und an ihre wunderbar regelmäßigen schwarzen Brauen. So schwarze Brauen in so regelmäßigen Halbkreisen sah man sonst nur auf Bildern, wo eine Perserin auf den Knien eines alten Türken ruht. Unsere Mädchen kannten übrigens das Geheimnis dieser Brauen und teilten es mir sehr frühzeitig mit; – die Sache war die, daß Golowan ein Hexenmeister war und Pawla, während sie schlief, die Brauen mit Bärenfett eingerieben hatte, damit sie niemand erkennen solle. Danach war natürlich nichts verwunderliches mehr an Pawlas Brauen, und sie hatte sich auch Golowan nicht aus eigener Kraft angeschlossen.

Unsere Mädchen wußten dies alles.

Pawla selbst war eine außerordentlich sanfte Frau und »schwieg immer«. Sie war so schweigsam, daß ich von ihr niemals mehr als die unumgänglich notwendigen Worte »guten Tag«, »setz dich«, »leb wohl« zu hören bekam. Aber in jedem dieser kurzen Worte lag ein Abgrund von Freundlichkeit, Wohlwollen und Liebe. Dasselbe drückte auch der Tonfall ihrer ruhigen Stimme, der Blick ihrer grauen Augen und jede ihrer Bewegungen aus. Ich entsinne mich auch, daß sie wunderbar schöne Hände hatte, was bei der arbeitenden Klasse eine große Seltenheit ist, und sie war doch gerade eine Arbeiterin, die sich durch ihre Rührigkeit in der arbeitsamen Familie Golowans auszeichnete.

Sie hatten alle sehr viel zu tun: der »Unsterbliche« selbst kochte vom Morgen bis in die späte Nacht vor Arbeit. Er war Hirte, Lieferant und Meier. Schon mit der Morgenröte trieb er seine Herde auf die tauigen Weiden hinter unseren Zäunen und führte sie von Hang zu Hang, wo er für seine stattlichen Kühe das saftigste Gras auswählte. In der Stunde, da man bei uns im Hause aufstand, kehrte Golowan schon mit seinen leeren Rahmflaschen anstelle der vollen, die er in den Adelsklub gebracht hatte, zurück. Er hackte eigenhändig in das Eis unseres Kellers Höhlungen für die Krüge mit der frischen Milch, unterhielt sich über irgendetwas mit meinem Vater, und wenn ich dann mit dem Lernen fertig war und im Garten spazieren ging, saß er schon wieder an unserem Zaun und hütete seine Kühe.

Hier war ein kleines Pförtchen im Zaun, durch das ich zu Golowan hinaustrat, um mich mit ihm zu unterhalten. Er konnte die einhundertundvier heiligen Geschichten so gut erzählen, daß ich sie alle von ihm wußte und sie niemals aus dem Buche lernte. Hierher kamen zu ihm auch einfache Leute, die ihn immer um Rat fragten. Es passierte hin und wieder, daß jemand kam und so begann:

»Ich habe dich gesucht, Golowanytsch, brauche einen Rat von dir.«

»Was ist es?«

Jener erzählte dann von diesem und jenem, daß die Wirtschaft in Unordnung gerate, oder daß in der Familie Zwistigkeiten herrschen.

Am häufigsten kam man zu ihm mit Fragen dieser zweiten Kategorie. Golowanytsch hörte zu, arbeitete an seinem Weidengeflecht weiter, schrie seine Kühe an und lächelte dabei stets, als höre er ohne Aufmerksamkeit zu; dann schlug er aber seine blauen Augen zu dem Fragenden auf und antwortete:

»Ich bin dir, Bruder, ein schlechter Berater. Rufe Gott um Rat an!«

»Wie soll man ihn anrufen?«

»Oh, Bruder, sehr einfach: bete und stelle dir vor, daß du sogleich sterben müßtest. Jetzt sage mir, wie du in diesem Falle handeln würdest?«

Jener dachte nach und antwortete dann.

Golowan war entweder einverstanden oder entgegnete:

»Ich würde, Bruder, wenn ich sterben müßte, es am besten so machen.«

Und dann sagte er es seiner Gewohnheit gemäß heiter und mit seinem ständigen Lächeln.

Seine Ratschläge müssen gut gewesen sein, da man sie immer anhörte und sich für sie sehr bedankte.

Konnte nun ein solcher Mensch eine »Sünde« haben, in der Person der sanften Pawlagejuschka, die um jene Zeit an die dreißig Jahre alt war, deren Grenze sie auch nicht weiter überschritt? Ich begriff diese »Sünde« nicht und blieb davor bewahrt, sie und Golowan durch die allgemeinen Verdächtigungen zu beleidigen. Aber Anlaß zur Verdächtigung war wohl vorhanden, ein sehr starker, ein sogar unwiderlegbarer, wenn man dem Anschein nach urteilte. Was war sie dem Golowan? – Eine Fremde. Das war aber noch wenig: er hatte sie früher gekannt, sie gehörten beide dem gleichen Herrn, und er hatte sie heiraten wollen. Das kam aber nicht zustande. Man gab Golowan in den Dienst des Kaukasushelden Alexej Petrowitsch Jermolow und verheiratete währenddem Pawla mit dem Bereiter Chrapon. Golowan war ein nützlicher und unentbehrlicher Diener, da er alles verstand: er war nicht nur ein guter Koch und Konditor, sondern auch ein findiger und flinker Feldzugsdiener. Alexej Petrowitsch zahlte dem Besitzer Golowans, was jener für ihn verlangte, und streckte, wie man sich erzählt, ihm selbst das Geld zu seinem Loskauf vor. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber in der Tat hatte sich Golowan bald nach seiner Rückkehr von Jermolow freigekauft und nannte Alexej Petrowitsch stets seinen Wohltäter. Ebenso hatte Alexej Petrowitsch dem Golowan nach dessen Befreiung eine gute Kuh mit einem Kalb für seine Wirtschaft geschenkt, und von diesen stammte seine »Jermolower Zucht« ab.

Viertes Kapitel

Wann Golowan in die Scheune an dem Abhang übergesiedelt ist, weiß ich nicht, aber es fiel in die ersten Tage seines »freien Menschentums«, als vor ihm noch die große Sorge um seine Verwandten stand, die in der Leibeigenschaft zurückgeblieben waren. Golowan war losgekauft, aber seine Mutter, seine drei Schwestern und seine Tante, die in der Folge meine Amme wurde, verblieben noch in der Knechtschaft. In derselben Lage befand sich auch die von ihm zärtlich geliebte Pawla oder Pawlagejuschka. Golowans erste Sorge war, sie alle loszukaufen, dazu aber war Geld notwendig. Seiner Fertigkeit nach konnte er als Koch oder Konditor arbeiten, aber er hatte etwas anderes vorgezogen: die Milchwirtschaft, die er auch mit Hilfe seiner »Jermolower Kuh begann. Es bestand die Meinung, daß er dieses Geschäft gewählt habe, weil er selbst Molokane war. Vielleicht bedeutete es einfach, daß er mit Milch zu tun hatte, vielleicht wies diese Bezeichnung aber auch auf seinen Glauben hin, der seltsam schien wie viele seiner Handlungen. Es war gut möglich, daß er im Kaukasus Molokanen kennen gelernt und von ihnen manches angenommen hatte. Aber dies gehört zu seinen Sonderbarkeiten, auf welche ich später zu sprechen komme.

Seine Milchwirtschaft ging prächtig: nach drei Jahren hatte Golowan schon zwei Kühe und einen Stier, dann drei und vier, und damit verdiente er so viel Geld, daß er zuerst seine Mutter und dann in jedem folgenden Jahre eine seiner Schwestern freigekauft hatte, die er alle in seiner geräumigen, aber kühlen Behausung unterbrachte. So hatte er im Laufe von sechs bis sieben Jahren seine ganze Familie losgekauft, aber die schöne Pawla war ihm entflogen. Als er sie hätte auslösen können, war sie schon weit fort. Ihr Mann, der Bereiter Chrapon, war ein schlechter Mensch; er hatte seinem Herrn etwas nicht recht gemacht und war dafür von diesem zur Warnung für die anderen außer der Reihe unter die Rekruten gegeben worden.

Beim Militär kam Chrapon unter die »Reiter«, d. h. unter die Berittenen des Feuerwehrkommandos in Moskau, wohin er seine Frau nachkommen ließ. Bald hatte er auch hier etwas Schlimmes angestellt und war geflohen. Seine verlassene Frau, die stillen und schüchternen Sinnes war, fürchtete den Strudel des großstädtischen Lebens und kehrte nach Orjol zurück. Hier fand sie an ihrem alten Platze keinerlei Unterstützung und kam, von der Not getrieben, zu Golowan. Dieser nahm sie selbstverständlich gleich auf und brachte sie in demselben geräumigen Zimmer, in dem seine Mutter und seine Schwestern wohnten, unter. Was die Mutter und die Schwestern Golowans zum Einzug Pawlas sagten, weiß ich nicht authentisch, aber es führte jedenfalls zu keinerlei Zwistigkeiten. Alle Frauen lebten sehr freundschaftlich miteinander und liebten die arme Pawlagejuschka sehr. Golowan erwies allen die gleiche Aufmerksamkeit, doch mit besonderer Achtung begegnete er nur seiner Mutter, die schon so alt war, daß er sie im Sommer auf den Händen hinaustrug und wie ein krankes Kind in die Sonne setzte. Ich entsinne mich ihrer schrecklichen Hustenanfälle, und wie sie stets betete, der Herr möge sie »zu sich nehmen«.

Die Schwestern Golowans waren alle schon ältere Mädchen, die ihrem Bruder in der Wirtschaft halfen. Sie versorgten und molken die Kühe, gingen den Hühnern nach und spannen ein ganz ungewöhnliches Garn, aus welchem sie dann ebenso ungewöhnliche Gewebe herstellten, wie ich sie später nirgends mehr gesehen habe. Das Garn nannte man recht unschön »Spucke«. Golowan brachte das Material dazu von irgend woher in Säcken. Ich habe dieses Material gesehen, und ich erinnere mich noch daran: es bestand aus kleinen knotigen Stücken verschiedenfarbiger Baumwollfäden. Jedes dieser Enden war ein Werschok bis dreiviertel Arschin lang und hatte einen mehr oder weniger dicken Knoten. Woher Golowan diese Enden nahm, weiß ich nicht, augenscheinlich waren es Fabrikabfälle. So erzählten mir auch seine Schwestern.

»Siehst du, Liebling,« erzählten sie mir: »wo die Baumwolle gesponnen und gewoben wird, reißen sie, wenn sie zu solch einem Knoten kommen, das Ende ab, werfen es auf den Boden und spucken aus, weil er nicht durch den Webstuhl geht. Unser Bruder sammelt sie, und wir machen aus ihnen diese warmen Decken.«

Ich sah zu, wie sie alle die Fadenstücke geduldig ordneten, Stück mit Stück zusammenknüpften und den auf diese Weise entstandenen bunten Faden auf lange Spulen wickelten. Darauf wurden sie doppelt genommen, noch stärker verknotet und vermittelst Stäben an der Wand langgezogen; dann sortierten sie sie, um die einfarbigen für die Kanten zu verwenden, und woben schließlich aus dieser »Spucke« auf einem besonderen Webstuhl die »Spuckendecken«. Diese Decken ähnelten den jetzigen Friesdecken, jede hatte zwei Säume, aber die Decke selbst war stets marmoriert. Die Knötchen, die natürlich noch bemerkbar waren, wurden geglättet und beeinträchtigten die Decken nicht, die warm, leicht und manchmal sogar recht hübsch waren. Außerdem wurden sie sehr billig verkauft, für weniger als einen Rubel das Stück.

Diese Hausindustrie ging in der Familie Golowans ohne Stocken vor sich, und er vertrieb seine Spuckendecken wahrscheinlich ohne Schwierigkeit.

Pawlagejuschka spann und knotete ebenfalls die Spucken und wob auch Decken. Außerdem verrichtete sie aus Eifer für die sie beherbergende Familie die allerschwersten Arbeiten im Hause: sie stieg das steile Orlikufer hinunter, um Wasser zu holen, sammelte Brennmaterial usw.

Das Brennholz war in Orjol schon damals sehr teuer, und die armen Leute heizten mit Buchweizenstoppeln oder auch mit Mist, aber letzteres erforderte große Zubereitungen.

Alles dies verrichtete Pawla mit ihren feinen Händen in ewigem Schweigen und betrachtete dabei die Welt Gottes unter ihren persischen Brauen. Ob sie wußte, daß man sie »Sünde« nannte, – darüber kann ich keine Auskunft geben, so hieß sie aber unter dem Volke, das an dem von ihm erdachten Spitznamen hartnäckig festhält. Ja, wie sollte dies auch anders sein: wo eine liebende Frau im Hause eines Mannes lebt, der sie geliebt hat und sie heiraten wollte – dort ist gewiß Sünde. Und in der Tat: in der Zeit, als ich als Kind Pawla sah, wurde sie einstimmig als »Golowans Sünde« angesehen, Golowan selbst aber büßte dadurch nicht im geringsten die allgemeine Achtung ein und behielt die Bezeichnung des »Unsterblichen«.

Fünftes Kapitel

Den »Unsterblichen« begann man Golowan gleich im ersten Jahre zu nennen, als er sich mit seiner »Jermolower« Kuh und dem Kälbchen allein jenseits des Orliks ansiedelte. Als Anlaß hiezu diente folgender völlig glaubwürdiger Umstand, auf den sich während der noch nicht lange zurückliegenden »Prokofjewer Pest« niemand mehr besann. In Orjol war ein schweres Notjahr gewesen, und im Februar am Tage der heiligen Agafja der Kuhmagd lief die »Kuhpest« durch die Dörfer. Das kam, wie es immer zu kommen pflegt und wie es im Universal-Handbuch »Der kühle Garten« folgendermaßen beschrieben ist: »Wenn der Sommer zu Ende ist und der Herbst beginnt, fängt bald die Pestluft an zu wehen. Und zu dieser Zeit muß dann jeder sein Vertrauen auf den Allmächtigen Gott und seine Allerreinste Mutter setzen und sich durch die Kraft des heiligen Kreuzeszeichens schützen, muß sein Herz von Trauer, Schrecken und schweren Gedanken frei halten, weil sonst das menschliche Herz zusammenschrumpft und die Pest und die Seuche rasch anhaftet, Hirn und Herz ergreift, den Menschen überwältigt und ihn schnell sterben läßt.« Das alles ereignete sich auch bei unserer gewöhnlichen Witterung, »wenn im Herbst die dichten und dunklen Nebel schweben, der Wind vom Süden her weht, worauf Regen folgt und in der Sonne ein Dunst von der Erde aufsteigt. Dann ist es nicht ratsam, in den Wind zu gehen, man soll vielmehr in der geheizten Stube sitzen und die Fenster nicht öffnen, es wäre auch gut, nicht in einer solchen Stadt zu leben, sondern aus der Stadt fortzugehen in reine Ortschaften.« Wann, d.h. in welchem Jahre die Seuche auftrat, durch die der Golowan den Ruhm des »Unsterblichen« erhielt, weiß ich nicht. Mit solchen Kleinigkeiten beschäftigte man sich damals wenig und machte auch wenig Aufhebens davon. Das Unglück beschränkte sich auf den einen Ort und endete auch dort, einzig und allein besänftigt durch das Vertrauen auf Gott und seine Allerreinste Mutter; nur wenn im Orte ein müßiger »Intelligent« die Oberhand hatte, wurden eigenartige sanitäre Maßnahmen ergriffen: »in den Höfen wird ein helles Feuer aus Eichenholz entzündet, damit sich der Rauch verbreite, und in den Hütten wird mit Wermut geräuchert, mit Wacholderholz und Rautelaub«. Dies alles konnte sich aber nur der »Intelligent« leisten, und auch das nur, wenn er über genügende Mittel verfügte; der Tod raffte aber nicht den »Intelligenten« dahin, sondern den, der keine Zeit hatte, in der geheizten Stube zu sitzen, und auch keine Mittel, um den offenen Hof mit Eichenholz zu heizen. Der Tod ging Hand in Hand mit dem Hunger, und die beiden unterstützten einander. Die Kranken starben »flink«, d.h. rasch, was für den Bauern auch angenehmer ist. Es gab keine langen Qualen, und auch von Genesenden hörte man nichts. Wer da erkrankte, der starb auch bald, außer einem. Was es für eine Krankheit war, ist wissenschaftlich nicht festgestellt; im Volke nannte man sie »die Kleienbeulen« oder sogar einfach »Beulen«. Die Krankheit brach in den getreideärmsten Kreisen aus, wo man aus Mangel an Brot Hanfkleie aß. Im Karatschewer und Brjansker Kreis, wo die Bauern eine Handvoll ungesiebten Mehls mit gestoßener Rinde mischten, war die Krankheit eine andere, zwar auch todbringend, aber nicht »die Beulen«. Die Beulen traten zuerst beim Vieh auf und übertrugen sich dann auf die Menschen. »Beim Menschen setzt sich unter der Brust oder am Halse eine rote Beule fest; der Kranke fühlt Stiche im Körper und im Inneren eine unstillbare Hitze, oder Kälte in den Schläfen, er atmet schwer und kann nicht mehr ausatmen, dann überkommt ihn so der Schlaf, daß er nicht mehr aufhören kann zu schlafen; er hat einen bittern und sauren Geschmack im Munde und muß erbrechen. Der Mensch verändert sich im Gesicht, wird lehmfarben und stirbt schnell dahin.« Vielleicht war es die sibirische Pest, vielleicht eine andere, jedenfalls war sie verderblich und schonungslos, am verbreitetsten war aber für sie die Bezeichnung »die Beulen«, wie ich schon vorher bemerkt habe. Am Körper entsteht ein Pickelchen, das ein gelbes Köpfchen erhält und ringsherum rot wird. Innerhalb eines Tages beginnt das Fleisch zu faulen, und bald darauf tritt der Tod ein. Der schnelle Tod stellte sich übrigens »gutartig« ein. Das Ende war still und ohne Qual, ein echt bäuerliches Ende, nur wollten alle Sterbenden bis zum letzten Augenblick trinken. Darin bestand auch die ganze, zwar nicht lange, aber ermüdende Pflege, die die Kranken verlangten, oder besser gesagt, um welche sie flehten. Aber auch diese Form der Pflege war nicht nur gefahrvoll, sondern fast unmöglich, denn der Mensch, der heute den erkrankten Verwandten pflegte, erkrankte morgen selbst an den Beulen, und es kam nicht selten vor, daß in einem Hause zwei oder drei Verstorbene nebeneinander lagen. Die übrigen Mitglieder der verwaisten Familie starben ohne Hilfe, ohne die einzige Hilfe, um die sich unser Bauer sorgte, daß jemand da sei, der ihm den Durst stillen könne. Zu Anfang stellte sich solch ein Verwaister einen Eimer mit Wasser an das Kopfende des Bettes und schöpfte mit einem Kruge, solange er den Arm noch heben konnte, dann drehte er sich aus einem Ärmel oder Hemdsaum einen Sauger, tauchte ihn ins Wasser, steckte ihn sich in den Mund und erstarrte so.

Die große eigene Not ist ein schlechter Lehrer der Barmherzigkeit. Jedenfalls wirkt sie schlecht auf Menschen von gewöhnlicher, durchschnittlicher Moral, die sich nicht über das Maß des einfachen Mitleides erhebt. Sie stumpft die Empfindung des Herzens ab, das selbst schwer leidet und voll des Gefühles eigener Qual ist. Dafür erstehen in Zeiten solch allgemeiner, schwerer Heimsuchungen mitten aus dem Volke Helden an Großmut, furchtlose und selbstverleugnende Menschen. In gewöhnlichen Zeiten sieht man sie nicht, und sie heben sich auch durch nichts von der Menge ab. Kommt aber eine Seuche, so tritt der Auserwählte aus dem Volke hervor und vollbringt Wunder, die ihn als eine mythische, fabelhafte Person, als einen »Unsterblichen« erscheinen lassen. Golowan war einer von solchen, und gleich bei der ersten Seuche stellte er den anderen bemerkenswerten Menschen an diesem Orte, den Kaufmann Iwan Iwanowitsch Androssow in der Vorstellung des Volkes in Schatten. Androssow war ein edler Greis, den man wegen seiner Güte und Gerechtigkeit liebte und verehrte, da er sich in allen Nöten des Volkes stets hilfsbereit zeigte. Er half auch während der Pest, da er sich »die Behandlung der Krankheit« abgeschrieben hatte und sie immer wieder vervielfältigte und verbreitete. Man ließ sich von ihm diese Abschriften geben, las sie auch vielerorts, konnte sie aber nicht verstehen, und wußte nicht, »wie die Sache anzupacken«.

Es stand nämlich in der Anleitung folgendes: »Wenn sich die Beule am Kopfe oder an einer anderen Stelle oberhalb des Gürtels zeigt, so lasse man viel Blut aus der Mediane; wenn sie sich auf der Stirne zeigt, so lasse man unter der Zunge zur Ader, zeigt sie sich hinter den Ohren oder unter dem Barte, so öffne man die Kopfader; wenn sie sich dagegen in der Achselhöhle zeigt, so bedeutet das, daß das Herz krank ist, und dann öffne man an der betreffenden Seite die Mediane.« Für jede Stelle, »wo du Beschwerden spürst«, war angegeben, welche Ader zu öffnen sei, entweder »die Sathenische«, oder die am Daumen, die Spatica, die Polumatica oder die Basica, mit der Vorschrift, »das Blut so lange laufen zu lassen, bis es grün wird und sich verändert«. Zu behandeln ist die Krankheit außerdem »mit Leukar und Antel, mit Siegelerde und Armenischer Erde; mit Malvasier-Wein und Buglos-Schnaps, Venezianischem Baldrian, Mitridat und Monus-Christi-Zucker«; der die Kranken Besuchende muß »im Munde Erzengelwurz und in den Händen Wermut halten, die Nasenlöcher mit Sworbonin-Essig befeuchten und einen mit Essig getränkten Schwamm bei sich haben«. Niemand konnte etwas davon verstehen, ähnlich wie in einem Regierungsukas, dessen Sinn schwankend ist und in dem ein »darum« dem andern folgt. Man fand weder solche Adern, noch den Malvasier-Wein, noch die Armenische Erde, noch den Buglos-Schnaps, und so lasen die guten Leute die Abschriften des wackeren Alten Androssow wohl mehr, um ihr Leid darüber zu vergessen. Nur die Schlußworte wußte man anzuwenden: »Die Orte, an denen die Pest herrscht, soll man meiden und von ihnen fortgehen.« Das wurde auch in der Mehrzahl der Fälle beobachtet, und auch Iwan Iwanowitsch selbst hielt sich an diese Regel; er saß in seiner geheizten Stube und gab seine Abschriften zum Türspalt hinaus, hielt dabei den Atem an und hatte im Munde den Erzengelwurz. Ohne Gefahr konnten nur die zu den Kranken gehen, die im Besitze von Hirschtränen, oder des Bezoarsteines waren, Iwan Iwanowitsch besaß aber weder das eine, noch das andere. Die Apotheken auf der Bolchowskaja-Straße hatten vielleicht diesen Stein, aber die Apotheker, von denen der eine ein Pole, der andere ein Deutscher war, hatten nicht das gehörige Mitleid mit den russischen Menschen und behielten den Bezoarstein für sich. Das schien durchaus glaubwürdig: als der eine der beiden Apotheker von Orjol unterwegs seinen Bezoarstein verlor, wurden seine Ohren gelb, das eine Auge wurde kleiner als das andere, und er begann am ganzen Leibe zu zittern. Obgleich er sich zu Hause, um in Schweiß zu geraten, glühende Ziegel an die Fußsohlen legen ließ, geriet er doch nicht in Schweiß und starb in trockenem Hemd. Viele suchten den von dem Apotheker verlorenen Bezoarstein, und jemand wird ihn auch gefunden haben, nur war es nicht Iwan Iwanowitsch gewesen, da auch er starb.

Und in dieser schrecklichen Zeit, in der sich die Gebildeten mit Essig wuschen und es nicht einmal wagten, ihre Nasen in die armen Vorstadthäuschen zu stecken, breiteten sich die »Beulen« noch grausamer aus. Die Menschen begannen »haufenweise und ohne jegliche Hilfe« zu sterben, als plötzlich Golowan mit bewunderungswürdiger Furchtlosigkeit auf dem Acker des Todes erschien. Wahrscheinlich glaubte er ein Heilmittel zu kennen, da er auf die Beulen der Kranken ein eigens von ihm zubereitetes »kaukasisches Pflaster« legte. Freilich half sein kaukasisches oder Jermolowsches Pflaster schlecht. Die Beulen heilte Golowan ebensowenig wie Androssow, aber sein großes Verdienst Gesunden wie Kranken gegenüber bestand darin, daß er furchtlos in die verpesteten Hütten trat und die Angesteckten nicht nur mit frischem Wasser tränkte, sondern auch mit abgerahmter Milch, die ihm von seinem »Klubrahm« übrig blieb. In aller Frühe, noch vor der Morgenröte setzte er auf einem aus den Angeln gehobenen Scheunentor über den Orlik, auf dem es keine Boote gab, und eilte mit seinen unversiegbaren Flaschen aus der einen Hütte in die andere, um die trockenen Lippen der Sterbenden zu netzen, oder um mit Kreide das Kreuzeszeichen auf die Türe zu malen, wo das Drama des Lebens zu Ende war und der Vorhang sich über den letzten der Akteure gesenkt hatte.

Seit der Zeit begann man den bisher noch wenig bekannt gewesenen Golowan in allen anliegenden Dörfern zu kennen, und er wurde im Volke ungemein populär. Seinen Namen, den früher nur die Dienerschaft in den adeligen Häusern gekannt hatte, sprach man jetzt im Volke mit Achtung aus; man sah in ihm einen Menschen, der »nicht nur den verstorbenen Iwan Iwanowitsch Androssow zu ersetzen vermochte, sondern der sogar bei Gott und bei den Menschen noch mehr bedeuten könne«. Man versäumte auch nicht, der Furchtlosigkeit Golowans eine übernatürliche Erklärung zu geben. Golowan hatte offensichtlich irgendein Wissen, und kraft seiner Zauberkunst war er eben » unsterblich«...

Später stellte es sich heraus, daß es sich buchstäblich auch so verhielt. Der Hirte Fanjka konnte das allen erklären, da er bei Golowan unglaubliche Dinge gesehen hatte; es wurde auch durch andere Umstände bestätigt.

Die Pest berührte Golowan nicht. Während der ganzen Zeit, als sie in den Vorstädten wütete, erkrankte er weder selbst, noch seine Jermolowsche Kuh, noch der Stier. Aber das hatte noch wenig zu sagen: das Wichtigste jedoch war, daß er die Pest selbst betrog und nasführte, oder, wie man sich dort ausdrückte, »sie vernichtete«, ohne für das Volk sein Blut zu schonen.

Golowan besaß den Bezoarstein, den der Apotheker verloren hatte. Wie er ihn erhalten hatte, wußte man nicht. Man nahm an, daß Golowan, als er dem Apotheker Rahm für die »gewöhnliche Salbe« brachte, den Stein erblickt und sich angeeignet hatte. Ob es ehrlich oder unehrlich gewesen war, sich den Stein anzueignen, darüber gab es keine strenge Kritik und durfte auch keine geben. Wenn es keine Sünde ist, etwas Eßbares zu nehmen, weil Gott es allen gegeben hat, dann ist doch noch weniger zu verurteilen, wenn jemand ein Heilmittel nimmt, das zur allgemeinen Rettung gegeben ist. So urteilte man bei uns, und so gebe ich es auch wieder. Golowan ging mit dem Stein des Apothekers, den er an sich genommen hatte, großmütig um, indem er ihn zum allgemeinen Nutzen der ganzen Christenheit im Umkreise gebrauchte.

Dies alles hatte, wie schon oben gesagt, Panjka entdeckt, und der Volksmund hatte es aufgeklärt.

Sechstes Kapitel

Panjka, ein Bursch mit verschiedenfarbigen Augen und ausgeblichenen Haaren war Unterhirte bei einem Hirten und hatte außer seiner allgemeinen Hirtentätigkeit die Pflicht, die Perekreschtschiwaner Kühe des Morgens auf die Tauwiese zu treiben. Bei seiner Früharbeit hat er einmal die ganze Sache, die den Golowan zur Volksgröße erhoben hatte, erblickt.

Es war im Frühling, wohl bald nachdem der herrlich kühne, junge Jegorij, die Arme bis zu den Ellenbogen in rotem Golde, die Füße bis zu den Knien in weißem Silber, auf der Stirne die Sonne, auf dem Rücken den Mond und rechts und links die ziehenden Sterne, über die smaragdenen russischen Felder gezogen war und das rechtschaffene Gottesvolk ihm das kleine und große Vieh entgegengetrieben hatte. Das Gras war noch so nieder, daß Schaf und Ziege sich kaum sattfressen konnten, und die Kuh mit ihren dicken Lippen noch kaum etwas zu fassen bekam. Aber im Schatten der Flechtzäune und den Gräben entlang grünten schon Wermut und Nesseln, die im Tau zur Not genießbar waren.

Panjka hatte die Perekreschtschiwaner Kühe ganz frühe, noch in der Dunkelheit, herausgelassen und am Ufer des Orlik entlang hinter die Vorstadt auf die Wiese getrieben, die dem Ausgang der Dritten Adelsstraße gegenüber lag, wo sich auf der einen Seite der Böschung der sogenannte »städtische Garten« hinzog, während auf der linken Seite das Nest Golowans am Abhange klebte.

Es war kalt, besonders morgens vor der Dämmerung, und einem, der schlafen wollte, erschien es noch kälter. Panjka war, wie sich versteht, nur schlecht bekleidet und hatte so ein zerrissenes Waisenzeug, das aus lauter Löchern bestand, an. Der Junge dreht und wendet sich von der einen Seite auf die andere und betet, daß der heilige Fjedul ihn mit Wärme anhauchen möge, aber es blieb doch immer kalt. Kaum schließt er die Augen, als das Windchen um ihn herumtanzt, ihm durch die Löcher fährt und ihn wieder aufweckt. Schließlich aber erweist sich seine junge Kraft als stärker: Panjka zieht das Mäntelchen wie ein Zelt über den Kopf und duselt ein. Er hat auch keine Stunde schlagen hören, da der grüne Bogojawlensker Glockenturm weit entfernt ist. Und um ihn herum ist nirgends eine Menschenseele, man hört nur, wie die dicken Kühe des Kaufmanns schnaufen, oder wie im Orlik ein mutwilliger Barsch aufspringt. Der Hirt duselt in seinem durchlöcherten Mäntelchen, als ihn mit einem Male etwas in die Seite stößt, wahrscheinlich hatte Zephir irgendwo ein neues Loch entdeckt. Panjka fährt auf, reibt sich im Halbschlaf die Augen und will eben rufen: »Wohin denn, du Hornlose?«, als er plötzlich innehält. Es scheint ihm, daß jemand den jenseitigen Uferabhang heruntersteigt. Vielleicht ist es ein Dieb, der dort im Lehm etwas Gestohlenes vergraben will. Panjka beginnt sich dafür zu interessieren: vielleicht wird es ihm gelingen, dem Dieb aufzulauern, oder er wird ihm zurufen: »Wir machens zusammen«, oder, was noch besser wäre, er wird versuchen, sich den Ort, wo der Dieb das Gestohlene einscharrt, zu merken und dann am Tag hinüberschwimmen und sich alles holen, ohne mit jemandem zu teilen.

Panjka beobachtet jetzt scharf den Abhang jenseits des Orliks. Eben beginnt es zu tagen.

Da steigt jemand drüben den Abhang herunter, kommt unten an, tritt auf das Wasser und geht darauf. Geht auf dem Wasser ganz einfach wie auf festem Boden, plätschert nicht, sondern stützt sich nur auf einen Krückstock. Panjka bekommt es mit der Angst zutun. Man erwartete damals in Orjol einen Wundertäter aus dem Männerkloster, und manche gaben vor, daß sie ihn schon nahen hörten. Es hatte dies gleich nach »Nikodims Beerdigung« begonnen. Der Erzbischof Nikodim war ein böser Mensch gewesen, der sich am Ende seiner irdischen Laufbahn dadurch auszeichnete, daß er, um noch einen hohen Orden mehr zu bekommen und sich bei der Obrigkeit einzuschmeicheln, zahlreiche Söhne aus dem Popenstande unter die Soldaten gab, darunter einzige Söhne ihrer Väter, ja sogar verheiratete Küster und Diakone. Weinend zogen sie in ganzen Partien aus der Stadt. Die ihnen das Geleit gaben, weinten ebenfalls, und selbst das Volk weinte, trotz seiner Abneigung gegen die vollgemästeten Popenbäuche, und spendete ihnen Almosen. Selbst dem Offizier, der die Partie führte, taten sie so leid, daß er, um den Tränen ein Ende zu machen, die neuen Rekruten ein Lied singen ließ, und als sie laut und harmonisch das von ihnen selbst gereimte Lied:

»Ein erzgrausames Krokodil
Ist Erzbischof Nikodim...

anstimmten, begann angeblich auch er zu weinen. Alles versank in einem Meer von Tränen, und den gefühlvollen Seelen erschien es als eine himmelschreiende Übeltat. Und ihre Klagen erreichten wirklich den Himmel, denn bald darauf begann man in Orjol »Stimmen« zu vernehmen. Anfangs waren die »Stimmen« unverständlich, man wußte auch nicht, woher sie kamen, als aber kurz darauf der Erzbischof Nikodim starb und unter der Kirche beigesetzt wurde, vernahm man deutlich die Stimme des vor ihm dort begrabenen Erzbischofes, ich glaube, er hieß Apollos. Der vor ihm dahingegangene Erzbischof war mit seiner neuen Nachbarschaft unzufrieden und sagte ungeniert: »Schafft dieses Aas von hier fort, es ist mir schwül, neben ihm zu liegen!« Er drohte sogar, daß, wenn man dieses »Aas« nicht wegbringe, er selbst »fortgehen und in einer anderen Stadt erscheinen« werde. Viele hatten das gehört. Sie waren wie gewöhnlich zur Abendmesse gegangen, und als sie nach Schluß des Gottesdienstes die Kirche verließen, hörten sie den alten Erzbischof stöhnen: »Nehmt das Aas fort!« Allen erschien es sehr wünschenswert, daß die Forderung des guten Dahingeschiedenen erfüllt werde, aber da die Obrigkeit, die den Nöten des Volkes nicht immer ihr Ohr leiht, Nikodim nicht hinauswarf, konnte nun der offensichtlich als Wundertäter erwiesene fromme Erzbischof jeden Augenblick »das Lokal verlassen«.

Und das war es, was sich jetzt ereignete: der Wundertäter geht fort, und nur das arme Hirtlein sieht es, das davon so in Verwirrung gerät, daß es ihn nicht aufhält, ja nicht einmal bemerkt, daß der Heilige schon seinen Augen entschwunden ist. Nun beginnt es auch hell zu werden. Mit dem Lichte hebt sich der Mut des Menschen, und mit dem Mute verstärkt sich die Neugier. Fanjka wollte zum Wasser hinunter, über das erst eben das geheimnisvolle Wesen gezogen war. Er war kaum an die Stelle herangekommen, als er auch schon den nassen Torflügel und die Stange am Ufer befestigt erblickte. Die Sache klärte sich auf: es war also nicht der Wundertäter fortgezogen, sondern der unsterbliche Golowan über den Fluß gefahren. Er war gewiß zu irgendwelchen verwaisten Kindern gegangen, um sie mit seiner Milch zu versorgen. Fanjka war sehr verwundert: wann schlief denn dieser Golowan eigentlich?... Ja, und wie konnte er, dieser schwere Bauer, auf solch einem Gerät schwimmen, auf so einem halben Tor? Der Orlik ist zwar kein großer Strom, und sein Gewässer ist unten eingedämmt, so daß er ruhig wie eine Pfütze ist, aber immerhin, wie war es möglich, auf so einem Tor zu schwimmen?

Fanjka wollte es selbst versuchen: er stellte sich auf den Torflügel, nahm die Stange und setzte zum Scherz auf die andere Seite hinüber. Dort ging er ans Ufer, um sich Golowans Haus zu besehen, da es inzwischen schon ganz hell geworden war. Aber im selben Augenblick kam Golowan drüben an das Ufer und rief: »Wer hat mein Tor fortgenommen? Fahr es zurück!« Fanjka war keiner von den Mutigsten, und da er auch nicht gelernt hatte, mit jemandes Großmut zu rechnen, erschrak er und beging eine Dummheit: statt Golowan das Floß zurückzugeben, versteckte er sich in einer der vielen Lehmgruben. Panjka legte sich in die Grube und zeigte sich nicht, so viel Golowan auch vom anderen Ufer herrufen mochte. Golowan sah ein, daß er auf diese Weise sein Floß nie bekommen werde, warf seinen Pelz ab, zog sich nackt aus, band seine ganze Garderobe mit einem Riemen zusammen, nahm das Bündel auf den Kopf und schwamm über den Orlik. Das Wasser war aber noch sehr kalt.

Panjka hatte nur die eine Sorge, daß ihn Golowan nicht erblicke und verprügele. Bald aber wurde seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Golowan war über den Fluß geschwommen und begann sich anzuziehen, plötzlich aber setzte er sich hin, schaute unter sein linkes Knie und verharrte so.

Dies geschah so nahe an der Grube, in der Panjka versteckt lag, daß er alles unter den Erdschollen, unter denen er sich verborgen hatte, sehen konnte. Nun war es auch schon ganz hell geworden, und im Osten stand die Morgenröte. Die Bürger schliefen meist noch, aber unten am Stadtgarten war ein junger Bursche aufgetaucht, der mit einer Sense die Nessel mähte und in ein Körbchen legte. Golowan bemerkte den Mäher, richtete sich, nur mit dem Hemd bekleidet, auf und schrie ihm laut zu: »Junge, bring mir schnell die Sense her!«

Jener brachte sie ihm, und Golowan sagte: »Geh und reiß' mir ein großes Klettenblatt ab!« Als der Junge ihm den Rücken gewandt hatte, nahm er die Sense vom Stiel, hockte sich wieder hin, spannte mit der einen Hand seine Wade und hieb sie mit einem Schwung ganz ab. Den abgeschnittenen Fleischfetzen, der so groß wie ein Bauernfladen war, warf er in den Orlik; dann hielt er mit beiden Händen die Wunde fest und fiel um.

Als Panjka das sah, vergaß er alles, sprang aus seinem Verstecke heraus und rief den Mäher herbei.

Die Jungen faßten Golowan und schleppten ihn zu seiner Hütte. Dort kam er wieder zu sich und befahl den beiden Jungen, aus einem Körbchen zwei Handtücher zu nehmen und die Wunde so fest wie möglich abzubinden. Sie zogen sie mit aller Kraft zusammen, bis sie zu bluten aufhörte.

Darauf befahl Golowan den Jungen, neben sich einen Eimer Wasser und einen Krug hinzustellen, an ihre Arbeit zu gehen und niemand etwas über das Vorgefallene zu sagen. Die Jungen zogen zitternd vor Angst ab und erzählten es allen. Die davon vernahmen, errieten sogleich, daß Golowan das nicht ohne Grund getan, sondern auf diese Weise für die Menschen gelitten habe, indem er der Pest ein Stück seines eigenen Körpers hingeworfen, damit es als Opfer durch alle russischen Flüsse ziehe, aus dem kleinen Orlik in die Oka, aus der Oka in die Wolga, und dann durch das ganze große Rußland, bis zum weiten Kaspischen Meer. Damit habe Gojowan für alle gebüßt, er selbst aber würde nicht daran sterben, weil sich in seinen Händen der lebenspendende Stein des Apothekers befinde und er ein unsterblicher Mensch sei.

Dieses Gerede sagte allen zu, und die Prophezeiung erfüllte sich auch: Golowan starb nicht an seiner schrecklichen Wunde. Die arge Krankheit aber hörte in der Tat nach diesem Opfer auf, und es folgten Tage der Ruhe: Felder und Wiesen bedeckten sich mit dichtem Grün, der strahlend kühne und junge Jegorij konnte in Ruhe übers Land ziehen, die Arme bis zu den Ellenbogen in rotem Golde, die Füße bis zu den Knien in weißem Silber, auf der Stirne die Sonne, auf dem Rücken den Mond und rechts und links die ziehenden Sterne. Das Leinen bleichte im frischen Tau, und an Stelle des Helden Jegorij zog der Prophet Jeremias mit einem schweren Joch übers Feld, hinter sich Pflüge und Eggen schleifend. Am Boristage sangen die Nachtigallen dem Märtyrer zum Tröste; dank den Bemühungen der heiligen Mawra ergrünten die kräftigen Kohlsetzlinge; dann kam der heilige Sossima mit dem langen Stabe, in dessen Knaufe er die Bienenkönigin trug; der Tag Iwans des Theologen, des Vaters des heiligen Nikola, ging vorüber, auch der Tag des Nikola selbst war gefeiert, und es kam Simon Silot, an dessen Tage die Erde ihren Namenstag feiert. An diesem Tage setzte sich Golowan zum erstenmal ins Freie und begann dann allmählich wieder zu gehen und sich an die Arbeit zu machen. Seine Gesundheit hatte anscheinend gar nicht gelitten, nur begann er mit dem linken Fuß zu stolpern.

Über das Ergreifende und Kühne seiner blutigen Handlung hatten die Leute wohl eine hohe Meinung, aber sie urteilten darüber, wie ich schon sagte, ohne den natürlichen Ursachen auf den Grund zu kommen; sie umwoben vielmehr alles mit ihrer Phantasie und machten aus dem natürlichen Vorgang eine fabelnde Legende und aus dem einfachen, großmütigen Golowan eine mythische Person, in der Art eines Hexenmeisters oder Zauberers, der im Besitze eines unüberwindlichen Talismans alles wagen könne, ohne dabei umzukommen.

Ob Golowan es wußte, was ihm der Volksmund angedichtet hatte, ist mir nicht bekannt. Ich nehme jedoch an, daß er es wußte, da man oft mit Bitten und Fragen zu ihm kam, mit denen man sich nur an einen guten Zauberer wenden konnte. Auf viele solcher Fragen gab er nützliche Ratschläge und war nie über irgend eine Bitte erbost. In den Vorstädten galt er als Kuh- und Menschenarzt, als Ingenieur, Sterndeuter und Apotheker. Er verstand, die Räude und die Krätze mit einer »Jermolower Salbe« zu vertreiben, die einen Kupfergroschen kostete und für drei Menschen reichte. Mit einer Salzgurke nahm er das Fieber aus dem Kopfe, er wußte, daß man die Kräuter vom Johannistage bis zum »halben Peter« sammeln müsse, und verstand es ausgezeichnet, »Wasser, zu zeigen«, d. h. den Ort anzugeben, an dem man einen Brunnen graben konnte. Das konnte er übrigens nicht jederzeit, sondern nur von Anfang Juni bis zum Tage des heiligen Fjodor des Brunnenmanns, »wo man das Wasser in den Erdadern fließen hört«. Golowan konnte auch alles übrige, was dem Menschen von Nöten ist, aber darauf hatte er vor Gott verzichtet, damit die Beulenpest einhalte. Damals hatte er es mit seinem Blute bekräftigt und hielt seitdem auch fest daran. Dafür liebte ihn Gott und war ihm gnädig, und auch das in seinen Gefühlen immer taktvolle Volk ging Golowan niemals um etwas an, was nicht unbedingt not tat. So will es unsere Volksetikette.

Golowan empfand übrigens die mystische Wolke, in die ihn die Volksphantasie gehüllt hatte, so wenig als Last, daß er sich keinerlei Mühe gab, zu widerlegen, was über ihn berichtet wurde. Er wußte, daß es vergeblich sein würde.

Als ich damals mit Gier Viktor Hugos Roman »Travailleurs de la mer« verschlang und dort der Gestalt Gilliats mit seiner genial gezeichneten Strenge gegen sich selbst und seiner Nachsicht gegen die anderen, die bis zur völligen Selbstlosigkeit ging, begegnete, staunte ich nicht nur über die Majestät seiner Erscheinung und die Kraft der Darstellung, sondern gerade auch über die Identität des Romanhelden mit jener lebendigen Persönlichkeit, die ich unter dem Namen Golowan kannte. In ihnen lebte ein und derselbe Geist, pochten in selbstaufopferndem Schlage gleiche Herzen. Und auch ihre Schicksale gingen nur wenig auseinander: während ihres ganzen Lebens umschwebte sie ein Geheimnis, gerade weil sie allzu rein und klar waren und wie dem einen, so auch dem anderen kein Tropfen persönlichen Glückes zufiel.

Siebentes Kapitel

Golowan war wie Gilliat »zweifelhaft im Glauben«. Man nahm an, daß er irgendeiner Sekte angehöre, aber das hatte nicht viel auf sich, da es damals in Orjol zahlreiche Andersgläubige gab. Es gab um jene Zeit (und gibt wahrscheinlich auch jetzt noch) einfache Altgläubige, besondere Altgläubige: Fedossejewzen, Piliponen, Wiedertäufer, ja sogar Flagellanten und »Skopzen«, die das weltliche Gericht in ferne Gegenden verbannte. Alle diese Menschen hielten fest zu ihrer Herde und mißbilligten streng jeden anderen Glauben; sie unterschieden sich voneinander im Gebet und in den Speisen und glaubten sich allein auf dem »rechten Weg«. Golowan benahm sich so, als wisse er nichts von einem wirklichen »rechten Wege«: er brach sein Brot ohne Wahl mit jedem, der darum bat, und setzte sich an jeden beliebigen Tisch, an den er gebeten wurde. Sogar dem Garnisonsjuden Juschko gab er Milch für dessen Kinder. Aber auch diese unchristliche Handlungsweise Golowans wurde vom Volke, das ihn so sehr liebte, entschuldigt: die Leute hatten ergründet, daß Golowan den Juden unterstütze, um von ihm die von den Juden sorgfältig bewahrten »Judaslippen« zu bekommen, vermittels welcher man sich vor Gericht durchschlagen kann, oder auch das »haarige Gemüse«, das den Juden den Durst stillt, ohne daß sie Wein zu trinken brauchen. Was aber an Golowan ganz unbegreiflich schien, war, daß er auch mit dem Kupferschmied Anton verkehrte, der den schlechtesten Ruf genoß. Dieser Mensch war selbst in den heiligsten Fragen anderer Meinung als alle, er verfertigte geheimnisvolle Zodiakalkreise und hatte sogar etwas verfaßt. Anton lebte in der Vorstadt in einem leeren Dachzimmerchen, für das er einen halben Rubel im Monat zahlte, und hielt sich darin so schreckliche Dinge, daß ihn niemand außer Golowan aufsuchte. Es war bekannt, daß er hier einen Zodiakalkreis hatte und ein Glas, »mit dem er aus der Sonne Feuer gewann«. Außerdem hatte er dort ein Loch zum Dache hinaus, durch das er nachts hinauskroch, sich wie ein Kater auf den Schornstein setzte, sein »Pläsierrohr« richtete und zur Schlafenszeit nach dem Himmel schaute. Antons Anhänglichkeit an dieses Instrument hatte keine Grenze, besonders in Sternennächten, wenn der ganze Tierkreis zu sehen war. Kaum kehrte er von seinem Meister, bei dem er als Kupferschmied arbeitete, heim, als er auch gleich in seinem Zimmerchen verschwand und durch das Klappfenster auf das Dach hinauskroch; wenn die Sterne am Himmel zu sehen waren, saß er die ganze Nacht dort oben und schaute. Man hätte es ihm verzeihen können, wenn er ein Gelehrter oder ein Deutscher gewesen wäre, weil er aber ein einfacher russischer Mensch war, versuchte man lange, ihn davon abzubringen: man stieß ihn mehr als einmal mit einer Stange, bewarf ihn mit Mist und toten Katzen, aber er schenkte dem keine Aufmerksamkeit und merkte nicht einmal, wenn man ihn stieß. Alle nannten ihn zum Spaß den »Astronomen«, und er war auch in der Tat einer.

Er war ein stiller, sehr ehrlicher Mensch, aber ein Freidenker: er versicherte, daß die Erde sich drehe und daß wir mit den Köpfen nach unten stünden. Für diesen letzten offensichtlichen Unsinn wurde er oft geschlagen und zum Narren erklärt, aber er begann als Narr Gedankenfreiheit zu genießen, die bei uns ein Privilegium dieses vorteilhaften Standes ist, und verstieg sich zu den unglaublichsten Behauptungen. Er wollte die »Jüngste Woche«, die Daniel für das russische Zarenreich prophezeit hat, nicht anerkennen, behauptete, daß »das Tier mit den zehn Hörnern nur eine Allegorie sei und der große Bär eine astronomische Figur wäre, die auf seinen Plänen stehe. Ebenso ketzerisch faßte er »den Adlerflügel«, die sieben Schalen und das Siegel des Antichristen auf. Als Schwachsinnigem wurde ihm aber das alles verziehen. Er war Junggeselle, weil er keine Zeit zum Heiraten hatte und auch nichts besaß, womit er eine Frau hätte ernähren können, und schließlich, welche Närrin hätte sich auch entschließen können, den Astronomen zu nehmen? Golowan aber war bei vollem Verstande und verkehrte nicht nur mit dem Astronomen, sondern spottete nicht einmal über ihn. Man sah sie sogar nachts zusammen auf dem Astronomendache sitzen und abwechselnd durch das Pläsierrohr nach dem Sternenkreis schauen. Man kann sich vorstellen, welche Gedanken diese beiden nachts auf dem Schornstein stehenden Gestalten einflößen mochten, um die schwärmerischer Aberglaube, medizinische Phantasie, religiöser Wahn und Zweifel webten... Schließlich versetzten diese Umstände Golowan selbst in eine etwas sonderbare Stellung: man wußte nicht, welcher Kirchengemeinde er zugehörte... Seine kalte Hütte lag auf dem Erdrutsch, den kein geistlicher Stratege seinem Ressort hätte zusprechen können, und Golowan selbst machte sich darüber keine Sorgen. Wurde ihm jemand mit Fragen über seine Gemeinde lästig, so antwortete er:

»Ich gehöre zur Gemeinde des Schöpfers und Allerhalters.« Aber eine solche Kirche gab es in ganz Orjol nicht.

Gilliat hatte auf die Frage, wo seine Kirche sei, nur mit dem Finger nach dem Himmel gewiesen und gesagt »Dort!« Der Sinn dieser beiden Antworten war der gleiche.

Golowan hörte gern über jeden Glauben erzählen, aber er hatte anscheinend in dieser Hinsicht überhaupt keine eigene Meinung, und wenn man ihn zudringlich fragte, woran er glaube, so gab er zur Antwort:

»Ich glaube an den einigen Gottvater, den allmächtigen Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.«

Aber das war natürlich eine Ausflucht.

Im übrigen wäre es falsch anzunehmen, Golowan sei ein Sektierer oder fliehe die orthodoxe Kirche. Nein, er ging sogar zum Geistlichen P. Pjotr in die Boris- und Gljeb-Kathedrale, um ihm »sein Gewissen anzuvertrauen«. Er kam hin und sprach:

»Beschämen Sie mich doch, Väterchen, ich gefalle mir schlecht.«

Ich erinnere mich noch an diesen P. Pjotr, der uns oft besuchte. Einmal hatte mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit gesagt, daß Golowan anscheinend ein Mensch mit einem prächtigen Gewissen sei, worauf P. Pjotr antwortete:

»Zweifeln Sie nicht daran; sein Gewissen ist weißer als Schnee.«

Golowan liebte die erhabenen Gedanken. Er kannte den englischen Dichter Pope, aber nicht wie man gewöhnlich einen Schriftsteller kennt, wenn man seine Werke gelesen hat. Nein, Golowan, der den »Versuch über den Menschen«, den ihm ebenfalls Alexej Petrowitsch Jermolow geschenkt hatte, schätzte, kannte das ganze Poem auswendig. Ich erinnere mich, wie er manchmal am Türpfosten stehend, die Erzählung über ein neues trauriges Ereignis anhörte und plötzlich seufzend zitierte:

»Liebwerter Bolinbrocke, der Hochmut ist allein
Der Quell der Irrungen und unsrer ganzen Pein.«

Der Leser wird sich wohl wundern, daß ein Mensch wie Golowan mit Popes Gedichten um sich warf. Es war damals zwar eine harte Zeit, die Poesie jedoch war Mode, und ihr mächtiges Wort war sogar den Männern vom blutigen Handwerk teuer. Von den Herrschaften ging das bis zu den Plebejern hinunter.

Ich trete jetzt an den größten Kasus in der Geschichte Golowans heran, einen Kasus, der zweifelsohne ein doppeldeutiges Licht auf ihn wirft, selbst in den Augen derer, die nicht geneigt sind, jeden Unsinn zu glauben. Es stellte sich nämlich heraus, daß in der weit zurückliegenden Vergangenheit Golowans ein dunkler Punkt war. Das erwies sich mit einem Male, und zwar in der allerkrassesten Form. In den Straßen Orjols tauchte eine Person auf, die in niemands Augen irgendeine Bedeutung zu haben schien, die aber gewaltige Rechte in bezug auf Golowan bekundete und mit ihm geradezu unglaublich frech umging.

Diese Person und die Geschichte ihres Auftauchens ist eine reichlich charakteristische Episode aus der Chronik der damaligen Zeit und ein Sittenbild, dem man ein grelles Kolorit nicht absprechen kann. Deshalb bitte ich die Leser, mir mit ihrer Aufmerksamkeit in einige Entfernung von Orjol zu folgen, in wärmere Gegenden, an einen ruhig dahinströmenden Fluß, mit Ufern wie Teppiche, zu einem volkstümlichen »Gastmahl des Glaubens«, wo das alltägliche Leben keinen Platz hat, wo alles von einer eigenartigen Religiosität durchwoben ist, die auch allem besondere Plastik und Lebendigkeit verleiht. Wir müssen der Hebung der Gebeine eines neuen Wundertäters beiwohnen, was für die verschiedensten Vertreter der damaligen Gesellschaft ein Ereignis von allergrößter Bedeutung darstellte. Für das Volk war es eine Epopöe, oder wie sich ein damaliger Redner ausdrückte, »es wurde ein heiliges Gastmahl des Glaubens abgehalten«.

Achtes Kapitel

Keine der damals gedruckten Schilderungen kann die Bewegung zu Beginn der Feierlichkeit wiedergeben. Die lebensvolle, wenn auch niedere Seite der Erscheinung tritt in ihnen ganz zurück. Man reiste damals nicht so bequem wie jetzt in Postkutschen oder in der Eisenbahn, mit Stationen und guteingerichteten Gasthäusern, in denen alles Nötige zu mäßigen Preisen zu erhalten ist. Damals war eine Reise ein großes Unternehmen, und zwar in diesem Falle eine fromme und gottgefällige Tat, aber die zu erwartende kirchliche Feierlichkeit lohnte alle Mühe. Es lag darin viel Poesie, und zwar die eigenartige Poesie des bunten, mannigfaltig abgetönten kirchlichen Volkslebens, das von der Naivität des Volkes und der unendlichen Sehnsucht des lebendigen Geistes begrenzt wird.

Auch aus Orjol war eine Menge Volk zu dieser Feier gekommen. Den größten Eifer zeigte natürlich die Kaufmannschaft, auch die mittleren Gutsbesitzer gaben ihnen nichts nach, vor allem aber strömte das einfache Volk herbei. Das zog zu Fuß einher. Nur die, welche Kranke »zur Heilung« mitführten, fuhren mit irgendeinem Klepperchen. Übrigens wurden die Kranken manchmal auch getragen, was keine besondere Beschwerde für die Angehörigen bedeutete, da man für die Kranken in den Gasthöfen viel weniger, hin und wieder sogar nichts zu zahlen brauchte. Es gab auch viele, »die sich absichtlich krank stellten: sie rollten die Augen hinauf, und zwei schoben den dritten abwechselnd auf einem Karren, um Opfer für Wachs, Öl und andere Zeremonien einzusammeln«.

So las ich es in einer ungedruckten, aber wahrhaften Schilderung, die nach keiner Schablone abgeschrieben war, sondern von einem Menschen stammte, der die Wahrheit der tendenziösen Lügenhaftigkeit jener Zeit vorzog.

Es waren solche Menschenmassen in Bewegung geraten, daß in den Städten Liwny und Jelez, über die der Weg führte, weder in den Gasthöfen noch in den Wirtshäusern ein Platz zu finden war. Es kam vor, daß vornehme Personen und Leute mit Namen in ihren Kaleschen übernachteten. Hafer, Heu, Grütze, alles war auf den Landstraßen so sehr im Preise gestiegen, daß nach der Bemerkung meiner Großmutter, deren Erinnerungen ich hier folge, man in den Herbergen für ein Essen, bestehend aus Suppe, Hammelbraten und Grütze, zweiundfünfzig Kopeken verlangte, während es bisher fünfundzwanzig gekostet harte. Gewiß ist dies für die jetzige Zeit ein ganz unglaublicher Preis, es war indes so, und die Hebung der Gebeine des neuen Heiligen hatte in bezug auf die Preissteigerung der Lebensmittel in den umliegenden Ortschaften dieselbe Bedeutung, wie sie für Petersburg vor einigen Jahren der Brand der Mstinschen Brücke gehabt hatte. »Die Preise sprangen hinauf und blieben in der Höhe.«

Aus Orjol war unter den übrigen Pilgern auch die Familie der Kaufleute S-w zur Feier gekommen. Sie waren um jene Zeit große »Schütter« oder, um sich einfacher auszudrücken, große Wucherer, die das Getreide von den Bauern aufkauften, es in ihre Speicher schütteten und dann an die Großhändler in Moskau oder Riga verkauften. Dies war ein gewinnbringendes Geschäft, das später, nach der Bauernbefreiung, auch die Adeligen ohne Scheu betrieben. Aber diese schliefen gern lange und überzeugten sich durch bittere Erfahrung, daß sie selbst für das dumme Wuchergeschäft nicht taugten. Die Kaufleute S. zählten ihrer Bedeutung nach zu den ersten »Schüttern«, und ihr Ansehen war so groß, daß man ihnen anstelle ihres Familiennamens einen erhabenen Spitznamen beigegeben hatte. Ihr Haus war, wie es sich versteht, ein streng gottesfürchtiges, wo man des Morgens betete, den ganzen Tag die Leute bedrückte und ausplünderte, worauf abends wieder gebetet wurde. Nachts rasselten die Hofhunde an ihren Ketten, in allen Fenstern leuchteten die Heiligenlämpchen, man vernahm Schnarchen und irgendjemands bitteres Weinen.

Das Haus leitete, wie man jetzt sagen würde, »der Gründer der Firma«, aber damals sagte man einfach »er«. Er war ein hinfälliger Greis, den aber alle wie das Feuer fürchteten. Man sagte von ihm, er verstünde es, einen weich zu betten, aber man schliefe darauf hart; er begegnete einem jeden mit freundlichem Wort, gab ihn aber dann dem Teufel zum Fraße. Er war der bekannte und berüchtigte Typus des Handelspatriarchen.

Nun fuhr dieser Patriarch »in großer Aufmachung« zur Hebung der Gebeine: nämlich er selbst, seine Frau und seine Tochter, die an Melancholie litt und geheilt werden sollte. An ihr waren schon alle Heilmittel der Volkspoesie versucht worden: man hatte ihr kräftigenden Alant zu trinken gegeben, hatte sie mit Päonien bestreut, die gegen Darrsucht helfen, hatte ihr Majoran zu riechen gegeben, der im Kopfe das Gehirn erfrischt, aber nichts hatte geholfen. Nun fuhr man sie zu dem Heiligen und beeilte sich, als die ersten anzukommen, bevor die »erste Kraft« des Wundertäters nachgelassen hatte. Der Glaube an den Vorzug der »ersten Kraft« war sehr stark, und der Grund hierzu war die Erzählung vom Teich Bethesda, wo ebenfalls der erste geheilt wurde, der nach dem Wallen des Wassers hineinstieg.

Die Orjoler Kaufleute fuhren über Livny und Jelez, hatten große Schwierigkeiten zu überwinden und waren schon ganz erschöpft, als sie beim Heiligen ankamen. Aber es stellte sich heraus, daß es unmöglich war, in der »ersten Reihe« beim Heiligen zu sein. Es hatte sich so viel Volk angesammelt, daß gar nicht daran zu denken war, sich zur Nachtmesse am Eröffnungstage in die Kirche durchzudrängen, wo von den neuen Gebeinen die größte Kraft ausgeht.

Der Kaufmann und seine Frau waren in Verzweiflung, am gleichgültigsten war die Tochter, die gar nicht wußte, was ihr entging. Es gab auch gar keine Hoffnung, dem Kummer abzuhelfen, denn es waren so viele vornehme Leute mit so großen Namen da, daß sie als einfache Kaufleute, die wohl an ihrem Orte etwas zu bedeuten hatten, hier bei dieser Versammlung christlicher Größe ganz verloren gingen.

Einmal sitzt der Patriarch vor seinem Fuhrwerke auf dem Gasthofe beim Tee und klagt seiner Frau, daß er schon jede Hoffnung aufgegeben habe, unter den ersten oder auch nur unter den zweiten zum Grabe des Heiligen zu kommen; es würde ihnen höchstens gelingen, mit den allerletzten, d. h. mit den Ackersleuten und Fischern, also dem einfachen Volke durchzudringen. Aber das wäre keine Freude mehr: die Polizei wird dann schon wütend und die Geistlichkeit müde geworden sein, sie wird einen nicht zur Genüge beten lassen und herumstoßen. Und überhaupt ist das alles nicht mehr das Richtige, wenn schon so und so viel tausend Lippen jeglichen Volkes die Gebeine geküßt haben. Unter solchen Umständen hätte man auch später fahren können, sie aber hätten doch nicht das erreichen wollen: sie waren gefahren, hatten sich bemüht, das Geschäft zu Hause den Angestellten überlassen, hatten auf dem Wege alles dreifach überbezahlt, und jetzt hatten sie für alles einen solchen Trost.

Der Kaufmann hatte ein-, zweimal versucht, zu den Diakonen zu gelangen, er war bereit, sich ihnen »erkenntlich zu zeigen«, aber daran war gar nicht zu denken: von der einen Seite wurde man von den weißbehandschuhten Gendarmen oder den peitschenbewehrten Kosaken, von denen man eine große Menge zur Hebung der Gebeine herangezogen hatte, gedrängt, und von der anderen Seite konnte einen, was noch gefahrvoller war, das rechtgläubige Volk selbst, das wie ein Ozean wogte, erdrücken. Solche Fälle waren schon vorgekommen, sogar mehrere gestern und heute. Die guten Christen prallten vor einer Kosakenpeitsche als eine Mauer von fünf und sechshundert Menschen zurück und drückten und preßten sich so fest zusammen, daß aus der Mitte sich ein Stöhnen und Gestank erhob; nachher sah man aber zahlreiche Frauenohren, von denen die Ohrringe gerissen waren, und Finger, von denen die Ringe abgedreht waren, und zwei oder drei Seelen hatten ganz die Körper verlassen.

Der Kaufmann berichtete beim Tee alle diese Schwierigkeiten seiner Frau und Tochter, für welch letztere es ganz besonders notwendig war, die »erste Kraft« zu erlangen. Während dessen ging aber irgendein »hergelaufener Mensch«, dem man nicht ansah, ob er ländlichen oder städtischen Standes war, in einem fort vor dem Schuppen zwischen den Fuhrwerken umher, als beobachte er mit irgendeiner Absicht die Orjoler Kaufleute.

Solche »hergelaufene Menschen« waren hier ebenfalls in großer Zahl zusammengeströmt. Sie fanden beim »Gastmahl des Glaubens« nicht nur ihren Platz, sondern sogar lohnende Beschäftigung. Und deshalb strömten sie hier im Überfluß zusammen; sie kamen aus verschiedenen Orten, aber vor allem aus den Städten, die durch ihre Diebe bekannt sind, d. h. aus Orjol, Kromy, Jelez und Livny, wo es große Meister gab, die wahre Wunder verrichteten. Das ganze zusammengelaufene Gesindel suchte sich hier zu betätigen. Die verwegensten unter ihnen arbeiteten gemeinsam, in kleinen Gruppen unter der Menge verteilt, wo es unter der Mitwirkung der Kosaken leicht war, Gedränge und Verwirrung hervorzurufen, um während des Tumultes fremde Taschen zu durchsuchen, Uhren und Gürtelschnallen abzureißen und Ohrgehänge aus den Ohren zu ziehen. Gewiegtere gingen einzeln durch die Höfe, klagten ihre Not, deuteten Träume und Zeichen, boten Zaubermittel an und »Geheimmittel für alte Leute, aus Walfischsamen, Krähenfett, Elefantensperma« und anderen Ingredienzen, die »eine dauernde Kraft erzeugen«. Diese Mittel standen auch hier hoch im Preise, weil (zur Ehre des Menschentums sei es gesagt!) das Gewissen es nicht erlaubte, alle Heilungen beim Wundertäter zu suchen. Ebenso gern beschäftigte sich das hergelaufene Volk, das friedlich geartet war, mit gewöhnlichem Diebstahl und plünderte die Gäste, die infolge des Raummangels in und unter ihren Fuhrwerken hausten, bei günstiger Gelegenheit bis aufs Hemd aus. Überall war der Platz knapp, und die Fuhrwerke waren in den Scheunen der Gasthöfe untergebracht; andere standen hinter der Stadt auf offenem Felde in einem Wagenzuge. Dort war das Leben am buntesten und interessantesten und noch mehr erfüllt von allen Abarten religiöser und medizinischer Phantasie und von amüsantem Schwindel. Obskure Gewerbetreibende trieben sich hier überall herum, ihr Asyl war aber das zwischen Schluchten und elenden Hütten draußen vor der Stadt gelegene »Armenlager«, in dem ein wüster Schnapsausschank vor sich ging und zwei oder drei Fuhrwerke mit geschminkten Soldatenweibern standen, die auf gemeinsame Kosten hergefahren waren. Hier wurden Sargspäne hergestellt, »Siegelerde« aus dem Heiligen Lande, Stückchen von vermoderten Meßgewändern und sogar »Reliquien-Partikel«. Unter den Künstlern, die sich mit diesem Gewerbe befaßten, lieferten einzelne findige Köpfe manchmal Stückchen, die durch ihre Einfachheit und Kühnheit bemerkenswert und interessant waren. Einer von diesen war es auch, der die gottesfürchtige Familie aus Orjol bemerkt hatte. Der Schwindler hatte ihre Klagen gehört, daß es unmöglich sei, zum Heiligen zu gelangen, bevor die ersten Heilstrahlen von den Gebeinen ausgegangen wären. Nun ging er auf sie zu und sagte ganz unbefangen:

»Ich habe Ihr Leid gehört und kann helfen, und Sie haben keinen Grund, mir auszuweichen. Ohne mich werden Sie bei einer so großen und vornehmen Versammlung die Freude, die Sie sich wünschten, nicht bekommen; ich aber war schon öfter bei derartigen Begebenheiten und kenne die Mittel. Wenn es Ihnen beliebt, zur allerersten Kraft des Wundertäters zu gelangen, so lassen Sie es sich zu Ihrem eigenen Wohlergehen hundert Rubel kosten, und ich bringe Sie hin.«

Der Kaufmann betrachtete das Subjekt und antwortete:

»Hör auf zu lügen!«

Jener aber fuhr in seiner Rede fort: »Sie denken wahrscheinlich so, weil Sie nach meiner Unansehnlichkeit urteilen. Aber diese Unansehnlichkeit in menschlichen Augen kann vor Gott in ganz anderem Lichte stehen, und was ich übernehme, das führe ich auch bestimmt aus. Die irdische Macht, die hier zusammengekommen ist, bringt Sie vielleicht in Verwirrung, aber für mich ist sie Staub, und selbst wenn hier eine Menge von Prinzen und Königen versammelt wäre, so könnten sie uns nicht im mindesten daran verhindern, sie würden uns sogar den Weg frei machen. Wenn Sie also auf einem reinen und glatten Wege durch alles gehen, die allerhöchsten Persönlichkeiten sehen und dem Freunde Gottes die allerersten Küsse geben wollen, so lassen Sie sich das, was ich gesagt habe, nicht reuen. Wenn Ihnen aber die hundert Rubel zu viel sind, und Sie Gesellschaft nicht verschmähen, so werde ich schnell noch zwei Menschen ausfindig machen, auf die ich schon mein Augenmerk gerichtet habe; dann kommt es Ihnen billiger zu stehen.«

Was blieb den gottesfürchtigen Wallfahrern übrig? Es war gewiß riskant, diesem hergelaufenen Menschen zu glauben, aber man wollte auch die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, und zudem forderte er nicht viel Geld, besonders, wenn man es in Gesellschaft machte.

Der Patriarch entschied sich, die Sache zu riskieren, und sagte:

»Bring' die Gesellschaft zusammen!«

Der Hergelaufene nahm die Anzahlung, trug der Familie auf, recht früh zu Mittag zu essen und ihn eine Stunde vor dem Läuten zur Abendmesse, ein jeder mit einem Handtuch in der Hand, vor der Stadt an einer bestimmten Stelle bei dem »Armenlager« zu erwarten; damit eilte er fort. Von dieser Stelle aus sollte dann unverzüglich der Feldzug beginnen, den, nach Versicherung des Unternehmers, weder Prinzen noch Könige aufhalten konnten.

Derartige »Armenlager« gab es in größerem oder kleinerem Umfange bei allen ähnlichen Ansammlungen. Ich selbst habe solche gesehen, wie ich mich erinnere auch auf dem großen Jahrmarkte bei Kursk; über das Lager, auf das ich nun zu sprechen komme, habe ich von Augenzeugen das im folgenden Beschriebene gehört.

Neuntes Kapitel

Der Platz, auf dem das Armenlager entstanden war, befand sich hinter der Stadt auf einer weiten Wiese zwischen dem Fluß und der Poststraße und grenzte an die große windungreiche Schlucht, die von einem Bächlein durchflossen und von dichtem Gestrüpp bewachsen war; hinten begann ein mächtiger Fichtenwald, über dem Adler schrien.

Auf der Wiese lagerte eine Menge elender Fuhrwerke und Karren, die in ihrer ganzen Armut die bunte Vielgestaltigkeit des nationalen Genies und der Erfindungsgabe darstellten. Es gab hier Wagen mit Dächern aus Bastmatten, solche mit Leinenzelten, mit »Lauben« aus wolligem Pfriemgras und ganz ungestalteten Bogen aus Baumrinde. Eine ganze breite Rinde von einer hundertjährigen Linde war gebogen und an das Wagengestell genagelt, und unter ihr lagen die Leute: sie lagen Sohle an Sohle im Innern des Fahrzeugs, die Köpfe vorne und hinten in der freien Luft. Über die Liegenden zog das Windchen und ventilierte, damit sie nicht in ihrer eigenen Luft erstickten. Neben den an der Deichselstange angebundenen Heusäcken standen die größtenteils mageren Pferde, alle im Kummet, und bei einzelnen vorsorglichen Leuten unter Mattendächern. Bei einigen Fuhrwerken waren auch Hunde, obwohl es eigentlich nicht angebracht war, solche auf die Wallfahrt mitzunehmen; aber es waren eben »eifrige« Hunde, die ihre Herren auf der zweiten oder dritten Futterstation eingeholt hatten und durch keine Prügel zu bewegen waren, umzukehren. Sie hatten hier bei der Wallfahrt eigentlich keinen Platz, aber sie wurden geduldet und benahmen sich, da sie ihre Lage als Konterbande wohl fühlten, sehr friedlich; sie drückten sich bei den Wagenrädern, unter den Eimern mit Wagenschmiere und bewahrten ernstes Schweigen; diese Bescheidenheit rettete sie vor dem Scherbengericht und dem für sie gefährlichen getauften Zigeuner, der ihnen im Nu »den Pelz auszog«. Hier in diesem Armenlager unter dem freien Himmel lebte es sich lustig und gut wie auf einem Jahrmarkt. Hier gab es mehr Abwechslung als in den Hotelzimmern, die nur besonders Auserwählte bekommen hatten, oder auch in den Schuppen der Gasthöfe, wo im ewigen Halbdunkel die Leute zweiten Ranges Unterkunft gefunden hatten. Allerdings wurde das Armenlager weder von Mönchen noch von Hypodiakonen besucht, auch ließen sich hier keine echten, erfahrenen Pilger sehen; dafür gab es hier Meister in allen Handfertigkeiten und eine ausgedehnte Hausindustrie von allerhand Heiligtümern. Als ich in den Chroniken den bekannten Kiewer Prozeß über die Fälschung heiliger Gebeine aus Hammelknochen las, staunte ich über die Kindlichkeit der Manier dieser Fabrikanten im Vergleich zu der Kühnheit jener Meister, von denen ich früher gehört hatte, die damit ein offenes, verwegenes Handwerk betrieben. Schon der Weg zur Wiese durch die Vorstadtstraße zeichnete sich durch unbeschränkte Freiheit und durch weitestgehende Unternehmungslust aus. Die Menschen wußten, daß solche Gelegenheiten nicht häufig sind, und verloren keine Zeit. Vor vielen Türen standen Tischchen, auf denen kleine Ikonen lagen, Kreuzchen, Papiertüten mit faulem Holzstaube, angeblich von dem alten Sarge und daneben solche mit Spänen von dem neuen. Dieses ganze Material war nach den Beteuerungen der Verkäufer von einer viel besseren Sorte, als an den heiligen Orten selbst, weil es durch die Tischler, Erdarbeiter und Zimmerleute, die die wichtigsten Arbeiten ausgeführt hatten, hergebracht worden war. Beim Eingang zum Lager drängten sich »sitzende und tragende Händler« mit Bildern des neuen Heiligen, die vorläufig mit einem weißen Papier mit einem Kreuz darauf verklebt waren. Diese Bilder wurden zu den billigsten Preisen verkauft, man konnte sie jeden Augenblick kaufen, durfte sie aber erst nach der Abhaltung des ersten Gottesdienstes öffnen. Bei vielen Unwürdigen, die die Heiligenbilder gekauft und vor der Zeit geöffnet hatten, erwiesen sie sich als leere Brettchen. In der Schlucht hinter dem Lager hauste am Flüßchen unter einem mit den Kufen nach oben gekehrten Schlitten ein Zigeuner mit seiner Zigeunerin und den Zigeunerjungen. Hier betrieben sie eine große medizinische Praxis. An einer der Schlittenkufen war ein großer stimmloser Hahn angebunden, der am Morgen die Steine von sich gab, die »die Bettstärke erhöhen«, und der Zigeuner hatte Katzengras, das damals als wichtiges Mittel gegen »Gesäßwunden« galt. Dieser Zigeuner war in seiner Art eine Berühmtheit. Man erzählte, daß, als man im Lande der Ungläubigen die Gebeine der sieben schlafenden Jungfrauen entdeckt hatte, er auch dort eine wichtige Person gewesen war: er verwandelte alte Leute in junge, heilte die Rutennarben der Leibeigenen und trieb den Militärs durch Wasserlaß die Rückenwunden von innen heraus. Seine Zigeunerin wußte anscheinend noch größere Naturgeheimnisse. Sie gab den Ehemännern zweierlei Wasser: das eine, um die Frauen zu überführen, die durch Unzucht sündigten, denn wenn man dieses Wasser solchen Frauen gibt, bleibt es nicht in ihnen, sondern kommt gleich wieder heraus; das andere Wasser aber war das Magnetwasser, welches bewirkt, daß die gleichgültige Frau ihren Mann im Schlafe leidenschaftlich umarmt; drängt sie jedoch danach, einen anderen zu lieben, so fällt sie aus dem Bett.

Mit einem Wort, das Geschäft kochte hier nur so, und die mannigfachen Nöte der Menschheit fanden nutzbringende Helfer.

Als der »hergelaufene Mensch« seine Kaufleute hier erblickte, sprach er gar nicht mit ihnen, sondern winkte ihnen, sie möchten in die Schlucht hinuntersteigen, und lief selbst voraus.

Das schien wieder besorgniserregend: man konnte darauf gefaßt sein, daß hier im Hinterhalte geschickte Leute saßen, die wohl geeignet sein mochten, die Wallfahrer bis aufs Hemd auszuziehen. Die Gottesfurcht aber überwand die Furcht, und nach einigem Überlegen entschloß sich der Kaufmann, nachdem er zu Gott gebetet und des Wundertäters gedacht hatte, drei Schritte abwärts zu machen.

Er stieg vorsichtig hinunter, hielt sich an den Sträuchern fest und befahl seiner Frau und Tochter, nötigenfalls aus allen Kräften zu schreien.

Es war hier tatsächlich ein Hinterhalt, wenn auch kein gefährlicher: der Kaufmann traf in der Schlucht zwei ebenso gottesfürchtige Menschen in Kaufmannstracht an, mit denen man »sich einigen« mußte. Sie alle mußten hier dem Hergelaufenen die vereinbarte Summe für das Geleit zum Heiligen bezahlen, dann wollte er ihnen seinen Plan eröffnen und sie sogleich hinführen. Es war nichts zu überlegen, und Starrsinn führte auch zu nichts; so legten denn die Kaufleute die Summe zusammen, gaben sie her, und der Kerl teilte ihnen seinen Plan mit, der ganz einfach, aber in seiner Einfachheit wirklich genial war. Er bestand darin: im Armenlager befand sich ein ihm bekannter gelähmter Kranker, den man nur zu dem Heiligen zu tragen brauchte, damit niemand sie aufhalte und ihnen den Weg versperre. Man müsse nur für den Kranken eine Tragbahre und eine Decke kaufen, ihn auf die Bahre legen und diese mittels der Handtücher zu sechst zum Heiligen tragen.

Der Gedanke schien in seinem ersten Teil vortrefflich; natürlich würde man die Träger mit dem Kranken durchlassen, aber welche Folgen konnten daraus entstehen? Daß es nur später keine Ungelegenheiten gäbe! Indes wurden sie auch in dieser Beziehung beruhigt, und der Führer sagte, daß diese Bedenken keine Beachtung verdienten.

»Wir haben solche Fälle schon öfter gesehen: Sie werden zu Ihrer Freude die Gnade haben, alles zu sehen und den Wundertäter während der Abendmesse küssen zu können. In bezug auf den Kranken geschehe der Wille des Heiligen: wenn er ihn heilen will, so heilt er ihn, und will er es nicht, so ist es wiederum sein Wille. Sie werden hier ein wenig auf mich warten, und dann machen wir uns auf den Weg.«

Nachdem sie miteinander gehandelt hatten, nahm er von jedem noch zwei Rubel für das Traggerät und lief davon. Nach zehn Minuten kehrte er zurück und sagte:

»Gehen wir, Brüder, aber nicht so flink und lustig, sondern schlagt die Augen andächtig nieder!«

Die Kaufleute senkten die Augen, gingen andächtig einher und traten im Armenlager an ein Fuhrwerk heran, vor dem ein fast krepierter Klepper stand; auf dem Bock saß ein kleiner skrophulöser Knabe, der sich damit beschäftigte, abgezupfte Fruchtknoten gelber Kamillen aus der einen Hand in die andere zu werfen. Auf diesem Fuhrwerk lag unter dem Lindenbast ein Mensch mittleren Alters, dessen Gesicht noch gelber war als jene Kamillen; ebenso gelb waren auch seine Hände, ganz ausgestreckt und kraftlos wie Peitschenschnüre.

Als die Frauen die entsetzliche Krankheit sahen, bekreuzigten sie sich; der Führer aber wendete sich an den Kranken und sagte:

»Onkel Fotej, hier sind gute Menschen gekommen, um mir zu helfen, dich zur Heilung zu tragen. Die Stunde Gottes ist dir nahe.«

Der gelbe Mensch wandte sich den Unbekannten zu, sah sie dankbar an und zeigte mit dem Finger auf seine Zunge. Sie errieten, daß er stumm war.

»Macht nichts,« sagten sie, »macht nichts, danke nicht uns, Knecht Gottes, danke Gott.« Dann hoben sie ihn aus dem Wagen, die Männer hielten ihn an den Schultern und den Beinen, die Frauen stützten nur seine schwachen Hände und erschraken noch mehr vor dem entsetzlichen Zustande des Kranken, da seine Arme sich an den Gelenken kaum noch hielten und notdürftig mit härenen Stricken festgebunden waren.

Die Bahre stand daneben. Es war ein kleines, altes Bettgestell, an den Ecken dicht mit Wanzeneiern besät. Auf ihm lag ein Bündel Stroh und ein Stück dünnen Baumwollzeugs, auf dem mit rohen Farben Kreuz, Lanze und Rohr dargestellt waren. Der Führer breitete mit geschickter Hand das Stroh aus, daß es von allen Seiten herunterhing, dann legte man den gelben Kranken darauf, bedeckte ihn mit dem Baumwollzeug und trug ihn fort.

Der Führer ging voraus und räucherte in kreuzförmigen Bewegungen mit einem tönernen Feuerbecken.

Kaum waren sie aus dem Lager herausgekommen, als sich auch schon das Volk vor ihnen zu bekreuzigen begann, und als sie die Straße entlang zogen, wurde die Aufmerksamkeit immer größer. Alle, die sie sahen, begriffen, daß man einen Kranken zum Wundertäter brachte, und schlossen sich an. Die Kaufleute beschleunigten ihren Schritt, da man schon das Läuten zur Abendmesse vernahm, und sie kamen gerade an, als man den Gesang: »Lobet den Namen des Herrn, ihr Diener Gottes« anstimmte. Die Kirche faßte selbstverständlich kaum den hundertsten Teil des vor dem Platze versammelten Volkes: unübersehbare Menschenmengen standen auf dem Platze vor der Kirche herum. Kaum aber hatte man die Bahre und die Träger erblickt, als sich das Gemurmel verbreitete: »Man trägt einen Gelähmten, es wird ein Wunder geben,« und die ganze Menge ihnen Platz machte.

Bis zur Kirchentür hatte sich eine lebende Gasse gebildet, und auch weiterhin geschah alles so, wie es der Führer versprochen hatte. Selbst seine feste Glaubenszuversicht erlitt keine Enttäuschung: der Gelähmte genas. Er stand auf und ging auf seinen eigenen Füßen, Gott lobend und preisend, hinaus. Jemand schrieb dies alles auf ein Zettelchen auf, wobei der geheilte Gelähmte auf Grund der Aussage des Führers ein »Verwandter« des Orjoler Kaufmanns genannt wurde, weshalb ihn viele beneideten; der Geheilte ging auch der späten Stunde wegen nicht in sein Armenlager zurück, sondern übernachtete in der Scheune bei seinen neuen Verwandten.

Dies alles war angenehm. Der Geheilte wurde zu einer interessanten Person, zu der viele kamen, um sie anzuschauen und auch ein »Opfer« zu spenden. Aber er sprach noch wenig und undeutlich, schmatzte infolge der langen Entwöhnung und wies meistens mit der geheilten Hand auf die Kaufleute: »Fragt sie, sie sind meine Verwandten, sie wissen alles.« Und diese bestätigten, wenn auch widerwillig, daß er ihr Verwandter sei. Aber plötzlich kam eine unerwartete Unannehmlichkeit dazwischen: in der Nacht, die der Heilung des gelben Kranken folgte, wurde bemerkt, daß von der Samtdecke über dem Sarge des Wundertäters eine goldene Schnur mit einer ebenfalls goldenen Quaste abhanden gekommen war.

Man stellte unter der Hand Ermittlungen an und fragte den Orjoler Kaufmann, ob er nichts bemerkt habe, als er am Sarge stand, und was für Leute ihm geholfen hätten, seinen kranken Verwandten zu tragen? Er sagte auf sein Gewissen aus, daß es unbekannte Leute aus dem Armenlager gewesen seien, die aus Eifer mitgetragen hätten. Man führte ihn hin, um den Platz, die Leute, den Klepper und den Wagen mit dem skrophulösen Knaben, der mit den Kamillen gespielt hatte, wiederzuerkennen, aber hier war nur noch der Platz auf seinem Platze, von den Leuten jedoch, dem Fuhrwerke und dem Knaben mit den Kamillen war keine Spur mehr zu entdecken.

Man stellte die Ermittlungen ein, »damit kein Gerede unter den Leuten entstehe«, und hängte eine neue Quaste hin; die Kaufleute aber machten sich nach dieser Unannehmlichkeit bald auf den Heimweg. Da beglückte sie der geheilte Verwandte mit einer neuen Freude: er verpflichtete sie, ihn mitzunehmen, widrigenfalls drohte er mit einer Klage und erinnerte an die Quaste.

Und so fügte es sich, als die Stunde der Abreise der Kaufleute gekommen war, daß Fotej neben dem Kutscher auf dem Bocke saß, und es war keine Möglichkeit, ihn vor dem am Wege liegenden Dorfe Krutoje los zu werden. Bei Krutoje befand sich damals ein sehr gefährlicher Abstieg von einem Hügel und ein sehr schwerer Aufstieg auf einen andern Hügel, und deshalb begaben sich hier allerlei Vorkommnisse mit Reisenden: Pferde stürzten, Kaleschen schlugen um und dergleichen. Man mußte das Dorf Krutoje unbedingt bei Tage passieren, oder im Dorfe übernachten, denn in der Dämmerung wagte niemand, den Abhang hinunterzufahren.

Auch unsere Kaufleute hatten hier übernachtet und am Morgen beim Aufstieg »in der Verwirrung« ihren geheilten Verwandten Fotej vergessen. Man sagte, daß sie ihn abends »tüchtig aus der Flasche bewirtet« und am Morgen nicht geweckt hätten und ohne ihn fortgefahren wären; es fanden sich aber andere gute Menschen, die diese Vergeßlichkeit wieder gutmachten und Fotej nach Orjol mitbrachten.

Hier suchte er seine undankbaren Verwandten, die ihn in Krutoje verlassen hatten, auf, ohne jedoch bei ihnen verwandtschaftliche Aufnahme zu finden. Er begann in der Stadt zu betteln und zu erzählen, der Kaufmann sei gar nicht der Tochter wegen zum Heiligen gefahren, sondern um zu beten, daß das Brot teurer werde. Niemand wußte es besser als Fotej.

Zehntes Kapitel

Kurze Zeit nach dem Auftauchen des verlassenen Fotej in Orjol fand im Kirchsprengel des Erzengels Michael beim Kaufmann Akulow eine »Armenspeisung« statt. Auf langen Tischen dampften im Hofe große Schüsseln aus Lindenholz mit Nudeln und Kessel mit Grütze, und auf der Freitreppe wurden Zwiebelfladen und Pirogen verteilt. Es hatten sich eine Menge Gäste eingefunden, ein jeder mit seinem Löffel im Stiefel oder im Gürtel. Die Pirogen teilte Golowan aus. Er wurde häufig zu solchen »Speisungen« als Speisemeister und Brotverteiler berufen, da er gerecht war, sich selbst nichts einheimste und genau wußte, was für eine Piroge einem jeden zukam – eine mit Bohnen, mit Mohrrüben oder mit Leber.

So stand er auch jetzt da und reichte jedem Herantretenden eine große Piroge, und wo er zu Hause Kranke wußte, gab er zwei und mehr »als Krankenportion«. Unter den Herantretenden war auch Fotej; er war hier fremd, auch Golowan schien über sein Auftauchen erstaunt. Als Golowan ihn erblickte, besann er sich gleichsam auf etwas und fragte:

»Wer bist du und wo wohnst du?«

Fotej runzelte die Stirn und sprach vor sich hin:

»Ich bin Gottes Knecht, frisch und munter wie ein Hecht, wohne unter Bastgeflecht.«

Die anderen aber sagten zu Golowan: »Kaufleute haben ihn vom Heiligen hergebracht ... es ist der geheilte Fotej.«

Golowan lächelte und sagte:

»Weshalb soll das der Fotej sein?« Aber in demselben Augenblick entriß ihm Fotej die Piroge, gab ihm mit der anderen Hand eine schallende Ohrfeige und schrie:

»Schwatz nicht zu viel!« Und mit diesen Worten setzte er sich an den Tisch. Golowan aber duldete es und sagte kein Wort zu ihm. Alle begriffen, daß dies wohl so sein müsse: anscheinend ist der Geheilte nicht ganz bei Trost, und Golowan weiß, daß er es dulden muß. Aber »aus welchem Grunde verdient Golowan eine solche Behandlung«? – das war ein Rätsel, das viele Jahre ungelöst blieb und die Ansicht bewirkte, daß Golowan etwas sehr Heikles auf dem Gewissen habe, da er den Fotej fürchtete.

Es war hier wirklich etwas Rätselhaftes. Fotej, der in der allgemeinen Meinung bald so weit gesunken war, daß man ihm nachrief: »Du hast beim Wundertäter die Quaste gestohlen und in der Schenke versoffen«, benahm sich gegen Golowan äußerst frech.

Wenn er Golowan irgendwo begegnete, vertrat er ihm den Weg und schrie ihm zu: »Zahl' deine Schuld!« Golowan erwiderte dann nichts und entnahm seiner Tasche einen kupfernen Groschen. Hatte er keinen Groschen bei sich, sondern nur weniger, so warf ihm Fotej, den man wegen der Buntheit seiner Lumpen »den Hermelin« nannte, die ungenügende Summe vor die Füße, spie ihn an, schlug ihn sogar und bewarf ihn mit Steinen, Kot oder Schnee.

Ich selbst erinnere mich, wie mein Vater einmal mit dem Popen P. Pjotr in der Dämmerung am Fenster seines Arbeitszimmers saß, während Golowan draußen vor dem Fenster stand, und die drei sich miteinander unterhielten, als der abgerissene Hermelin durch das offene Tor hereinstürzte und Golowan mit dem Schrei: »Hast es vergessen, Schuft?« vor aller Augen ins Gesicht schlug. Aber jener schob ihn nur still zur Seite, reichte ihm aus seiner Tasche Kupfergeld und führte ihn vors Tor.

Solche Vorfälle waren keine Seltenheit, und die Erklärung, daß der Hermelin etwas über Golowan wisse, war sicher ganz logisch. Es ist erklärlich, daß dies bei Vielen eine Neugierde wachrief, die, wie wir bald sehen werden, wohl begründet war.

Elftes Kapitel

Ich war etwa sieben Jahre alt, als wir Orjol verließen, und für ständig aufs Land zogen. Seit damals habe ich Golowan nicht mehr gesehen. Dann kam die Schulzeit, und der originelle Mann mit dem großen Kopfe entschwand aus meinem Gesichtskreis. Ich habe dann später nur noch einmal zur Zeit der »großen Feuersbrunst« wieder von ihm gehört. Damals verbrannten zahlreiche Häuser und viel bewegliches Gut, aber auch viele Menschen kamen um, und unter ihnen – Golowan. Man erzählte, daß er in eine Grube gefallen, die unter der Asche nicht zu sehen gewesen war, und dort »verbrüht« sei. Nach seinen Angehörigen, die ihn überlebten, fragte ich nicht. Bald darauf zog ich nach Kiew und besuchte meinen Heimatort erst zehn Jahre später wieder. Es war unter der neuen Regierung, zu Beginn des neuen Regimes. Es wehte damals eine erfreuliche Frische durch das ganze Land, – man erwartete die Bauernbefreiung und sprach sogar schon von der Einführung der Schwurgerichte. Alles war neu, und die Herzen brannten. Unversöhnliche gab es noch nicht, wohl aber ließen sich schon Ungeduldige und Abwartende ahnen.

Auf der Reise zu meiner Großmutter hielt ich mich einige Tage in Orjol auf, wo mein Onkel, der das Andenken eines ehrlichen Menschen hinterließ, als Richter amtierte. Er besaß viele prächtige Eigenschaften, die selbst denen Achtung einflößten, die seine Ansichten und Neigungen nicht teilten. In seiner Jugend war er ein eleganter Husar gewesen, dann Pflanzenzüchter und Künstler, ein Dilettant, aber mit bemerkenswerten Fähigkeiten. Er war edel gesinnt, gerade und ein Adliger »au bout des ongles«. Er verstand die Pflichten dieses Standes auf seine Art und unterwarf sich natürlich den Neuerungen, wollte aber der Bauernbefreiung nicht kritiklos gegenüberstehen. Er wünschte sich eine solche Bauernbefreiung, wie sie in den Ostseeprovinzen durchgeführt worden war. Jungen Leuten gegenüber verhielt er sich freundlich und liebenswürdig, ihren Glauben jedoch, daß die Rettung nur in einer geregelten fortschrittlichen und nicht rückschrittlichen Bewegung liege, hielt er für einen Irrtum. Der Onkel liebte mich und wußte, daß auch ich ihn liebte und verehrte; in unseren Ansichten über die Bauernbefreiung und die übrigen Tagesfragen stimmten wir jedoch nicht überein. In Orjol machte er aus mir ein »Reinigungsopfer«, und so sehr ich mich auch bemühte, solchen Gesprächen aus dem Wege zu gehen, lenkte er sie gerade auf diese Gegenstände und liebte es ungemein, mich zu »schlagen«.

Am liebsten führte mir der Onkel Fälle aus seiner richterlichen Praxis vor, in denen sich »die Volksdummheit« offenbarte.

Ich erinnere mich an einen schönen warmen Abend, den ich mit dem Onkel im Orjoler Gouvernements-Garten verbrachte, wo wir uns mit dem mich, offen gestanden, schon etwas ermüdenden Streite über die Eigenschaften und Qualitäten des russischen Volkes unterhielten. Ich behauptete unbilligerweise, daß das Volk sehr klug sei, während der Onkel vielleicht noch unbilliger darauf bestand, daß es sehr dumm sei, daß es nicht den mindesten Begriff von Recht und Eigentum habe, daß es überhaupt ein asiatisches Volk sei, das jeden durch seine Wildheit in Erstaunen setzen müsse.

»Hier hast du, verehrter Herr,« sagte er, »die Bestätigung: wenn du den Situationsplan der Stadt noch im Gedächtnis hast, mußt du dich daran erinnern, was wir für ein Winkelwerk an Vorstädten und kleinen Siedelungen hatten, die der Teufel weiß wer hat vermessen und bauen lassen. Mit diesem ganzen Plunder hat das Feuer in einigen Portionen aufgeräumt, und anstelle der alten, elenden Bauernhütten sind ebensolche neue entstanden. Nun weiß jetzt niemand mehr, mit welchem Recht einer da wohnt.«

Als die Stadt sich vom Brande zu erholen begann und sich neu einrichtete und einzelne Leute Grundstücke in den Vierteln hinter der Kirche Wassilij des Großen kauften, stellte es sich nämlich heraus, daß die Verkäufer nicht nur keinerlei Dokumente über ihr Besitzrecht besaßen, sondern auch, ebenso wie ihre Vorväter, alle Dokumente für gänzlich überflüssig hielten. Die Häuschen waren bisher samt den Grundstücken von einer Hand in die andere übergegangen, ohne irgend welche Anmeldung bei den Behörden und ebenso ohne Abgaben und Zinsen an den Fiskus. Dies alles wurde bei ihnen, wie sie erzählten, in irgendein »Heft« eingetragen; dieses Heft war nun bei einem der zahllosen Brände mitverbrannt, und der, der es führte – war gestorben, und damit war auch jede Spur der Besitzrechte verwischt. Allerdings gab es keinerlei Streitigkeiten über das Besitzrecht, aber der ganze Zustand hatte nicht die geringste Rechtskraft und beruhte nur darauf, daß, wenn Protassow behauptete, sein Vater habe das Häuschen vom verstorbenen Großvater der Tarassows gekauft, die Erben Tarassows die Besitzrechte Protassows nicht bestritten. Da aber nun Rechte verlangt wurden, wo es kein Recht gab, mußte der gewissenhafte Richter tatsächlich die Frage entscheiden, ob das Verbrechen das Gesetz, oder ob das Gesetz das Verbrechen erzeugt hatte.

»Und weshalb haben sie es so getrieben?« sagte der Onkel. »Weil es nicht ein gewöhnliches Volk ist, für das die das Recht schützenden staatlichen Institutionen nützlich und notwendig sind, sondern eine Nomadenhorde, die zwar seßhaft geworden, aber noch nicht zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen ist.«

Damit waren wir eingeschlafen und hatten uns ausgeschlafen; am frühen Morgen war ich zum Orlik hinuntergegangen, hatte gebadet, die alten Plätze wieder gesehen und mich dabei wieder an Golowans Haus erinnert. Zurückgekehrt, traf ich den Onkel im Gespräch mit drei mir unbekannten »verehrten Herren«. Alle drei gehörten dem Kaufmannsstande an, zwei von ihnen waren grauhaarig und trugen lange zugehakte Röcke, der dritte war schon ganz weiß und trug ein Kattunhemd, das über die Hose hing, und eine flache Bauernmütze.

Der Onkel wies mit der Hand auf sie und sagte:

»Hier ist eine Illustration zu unserem gestrigen Thema. Diese Herren erzählen mir eben ihre Angelegenheit. Hör uns zu.«

Damit wandte er sich wieder an die Kaufleute mit dem wohl für mich, aber nicht für sie verständlichen Scherze:

»Dieser hier ist ein Verwandter von mir, ein junger Staatsanwalt aus Kiew, er fährt zum Minister nach Petersburg und kann ihm eure Angelegenheit vortragen.«

Jene verneigten sich.

Der Onkel fuhr fort: »Siehst du, dieser Herr Protassow will von diesem Herrn Tarassow ein Haus samt Grundstück kaufen; Herr Tarassow aber hat keinerlei Papiere, verstehst du, gar keine! Er erinnert sich nur, daß sein Vater das Häuschen von Wlassow gekauft hat, und dieser dritte hier ist ein Sohn des Herrn Wlassow und, wie du siehst, auch nicht mehr ganz jung.«

»Siebzig,« bemerkte der Greis bescheiden.

»Ja, siebzig; und er hat ebenfalls keine Papiere, und hat auch nie welche besessen?«

»Niemals,« versetzte der Greis wieder.

»Er ist hergekommen, um zu beglaubigen, daß sich alles so verhält und daß er auf keinerlei Rechte Anspruch erhebt.«

»Erheben keinen Anspruch, die Väter haben es verkauft.«

»Ja, aber die, die es seinen Vätern verkauft haben, – leben nicht mehr.«

»Nein, die sind wegen ihres Glaubens nach dem Kaukasus verschickt worden.«

»Die kann man ausfindig machen,« sagte ich.

»Da ist nichts zu suchen, das Wasser dort hat ihnen nicht gut getan, sie haben das Wasser nicht vertragen, – sind alle gestorben.«

»Aber warum habt ihr so sonderbar gehandelt?«

»Wir haben gehandelt, wie es bei uns Brauch war. Der Beamte war streng, und wir hatten kein Geld, um von den kleinen Höfen Zins zu zahlen. Iwan Iwanowitsch aber hatte ein Heft, und in das wurde es dann eingetragen. Vor ihm war es meiner Erinnerung nach der Kaufmann Gapejew, der das Heft hatte, nach diesem gab man das Heft dem Golowan, aber Golowan ist in einer Unratgrube verbrüht, und die Hefte sind verbrannt.«

»Dieser Golowan war bei euch, scheint's, so etwas wie ein Notar?« fragte der Onkel (der kein eingesessener Orjoler war).

Der Greis lächelte und sagte leise:

»Weshalb denn ein Motar? – Golowan war ein rechtschaffener Mensch.«

»Und habt ihr ihm so ohne weiteres geglaubt?«

»Wie sollte man so einem Menschen nicht glauben: er hat für die Menschen sein Fleisch vom lebendigen Knochen geschnitten.«

»Eine fertige Legende!« sagte der Onkel leise, der Greis aber hörte es und erwiderte:

»Nein, Herr, Golowan ist keine Lügende, sondern Wahrheit, und sein Andenken soll gerühmt werden.«

Der Onkel hatte bei seinem Scherze nicht gewußt, daß er damit in mir eine Menge von Erinnerungen weckte, für die meine damalige Wißbegierde leidenschaftlich den Schlüssel suchte.

Der Schlüssel erwartete mich, und zwar bei meiner Großmutter.

Zwölftes Kapitel

Einige Worte über meine Großmutter: sie stammte aus der Moskauer Kaufmannsfamilie Kolobow und war »nicht des Reichtums, sondern ihrer Schönheit wegen« von einem Adligen geheiratet worden. Ihre beste Eigenschaft aber war – die Schönheit ihrer Seele und ihr heller Verstand, der immer die Denkart des einfachen Volkes bewahrte. Als sie in den adligen Kreis eintrat, fügte sie sich vielen seiner Forderungen und ließ es sogar zu, daß man sie Alexandra Wassiljewna nannte, während ihr wirklicher Name Akilina war; aber ihr Leben lang dachte sie volkstümlich und hatte sogar, natürlich ohne Absicht, eine gewisse volkstümliche Redeweise beibehalten. So sagte sie stets »dießer« statt dieser, hielt das Wort »Moral« für beleidigend und konnte niemals das Wort »Buchhalter« aussprechen. Dagegen ließ sie sich durch keinerlei Moden ihren Glauben an den gesunden Verstand des Volkes erschüttern und hielt sich stets selbst an ihn. Sie war eine gute Frau und eine echt russische Hausfrau, die die Wirtschaft vorzüglich leitete und einen jeden zu empfangen verstand, vom Kaiser Alexander I. bis zu Iwan Iwanowitsch Androssow. Sie las nichts außer den Briefen ihrer Kinder, liebte es aber, den Verstand in Unterhaltungen zu schärfen und »befahl sich Leute zu Gesprächen«. Solche Gesellschafter waren der Verwalter Michailo Lebedew, der Küchenbeschließer Wassilij, der Oberkoch Klim oder die Haushälterin Malanja. Diese Unterhaltungen waren nie leeres Geschwätz, sondern behandelten Tatsachen und nützliche Dinge, wie z. B. weshalb das Mädchen Fjokluschka »die Moral habe fahren lassen«, oder weshalb der Junge Grischka mit seiner Stiefmutter unzufrieden sei. Zufolge dieser Unterhaltungen wurden Maßnahmen getroffen, wie man Fjokluschka helfen könnte, unter die Haube zu kommen, und was man tun solle, damit der Junge Grischka mit seiner Stiefmutter nicht mehr unzufrieden wäre.

Für sie war dies alles voll lebendigem Interesse, das ihren Enkeln vielleicht unverständlich war.

Wenn die Großmutter zu uns nach Orjol kam, genossen der Dompfarrer P. Pjotr, der Kaufmann Androssow und Golowan ihre Freundschaft, und man lud diese zum Gespräch mit ihr ein.

Es ist anzunehmen, daß auch diese Gespräche kein leerer Zeitvertreib waren, sondern sich wohl ebenfalls mit wichtigen Dingen beschäftigten, wie mit irgendjemands zu Verlust gegangener Moral, oder der Unzufriedenheit eines Jungen mit seiner Stiefmutter.

Und deshalb mochte sie wohl auch den Schlüssel zu manchen Geheimnissen besitzen, die für uns vielleicht klein, für ihren Kreis dagegen sehr bedeutend waren.

Bei meinem letzten Wiedersehen mit der Großmutter war sie schon sehr alt, ihr Verstand, ihr Gedächtnis und ihre Augen aber hatten ihre volle Frische bewahrt. Sie nähte sogar noch.

Auch diesmal traf ich sie an ihrem Arbeitstischchen an, dessen eingelegte Oberfläche eine Harfe darstellte, die von zwei Amoretten gehalten wurde.

Die Großmutter fragte mich, ob ich Vaters Grab besucht hätte, wem von den Verwandten ich in Orjol begegnet wäre und wie es dem Onkel dort gehe. Ich beantwortete alle ihre Fragen und erzählte ihr, wie der Onkel mit den alten »Lügenden« fertig werde. Großmutter hielt in der Arbeit inne und schob sich die Brille auf die Stirne. Das Wort »Lügende« gefiel ihr ausnehmend gut: sie erkannte darin die naive Verdrehung im volkstümlichen Stile und lachte.

»Das von der Lügende hat der Alte wundervoll gesagt, meinte sie.

Aber ich sagte: »Ich möchte zu gerne wissen, wie es in der Tat und nicht nach der Lügende gewesen ist.«

»Was willst du denn besonderes wissen?«

»Ja alles: wie war dieser Golowan? Ich kann mich an ihn kaum mehr erinnern, und dann nur immer mit irgendwelchen Lügenden, wie der Alte gesagt hat, die Sache ist aber doch sicher ganz einfach gewesen ...«

»Nun selbstverständlich ist sie einfach gewesen, aber weshalb wundert ihr euch, daß unsere Leute damals Kaufverträge mieden und die Verkäufe einfach in ein Heftchen eintrugen? Derartige Fälle werden noch in Menge ans Licht kommen. Sie fürchteten die Beamten und vertrauten lieber ihren eigenen Leuten, das ist alles.«

»Wodurch aber hat sich Golowan ein derartiges Vertrauen verdient?« fragte ich. »Mir schien er, um die Wahrheit zu sagen, hin und wieder etwas wie ein ... Charlatan.«

»Weshalb denn?«

»Nun zum Beispiel, ich erinnere mich noch, wie man sich erzählte, daß er einen Zauberstein besessen und mit seinem Blut oder Fleisch, das er in den Fluß warf, die Pest aufgehalten habe. Und warum nannte man ihn ›den Unsterblichen‹?«

»Das mit dem Zauberstein ist Unsinn, das haben die Leute ihm angedichtet, und Golowan hat keine Schuld daran. Den ›Unsterblichen‹ aber nannte man ihn, weil er, als die tödlichen Miasmen über die Erde kamen, in diesem Schrecken als einziger furchtlos blieb, während alle anderen verzagten und weil der Tod ihm nichts anhaben konnte.«

»Aber warum hat er sich denn den Fuß abgeschnitten ?«

»Die Wade hat er sich abgeschnitten.«

»Warum?«

»Darum, weil sich auch an ihm eine Pestbeule angesetzt hatte. Er wußte, daß es keine Rettung gab, nahm daher schnell die Sense und schnitt die ganze Wade herunter.«

»Ja, kann denn das sein?« fragte ich.

»Gewiß, so war es.«

»Und was soll man von dieser Pawla denken?« fragte ich.

Die Großmutter sah mich an und entgegnete:

»Nun, was denn? Die Pawla war Fraposchkas Frau. Sie war sehr unglücklich, und Golowan gewährte ihr ein Obdach.«

»Man nannte sie doch ›Golowans Sünde‹?«

»Jeder urteilt nach sich und nennt es danach. Er hatte keine solche Sünde.«

»Aber, Großmutter, Beste, glauben Sie denn daran?«

»Ich glaube nicht nur, ich weiß es.«

»Wie kann man das wissen?«

»Sehr einfach.«

Die Großmutter wandte sich an das mit ihr arbeitende Mädchen und schickte es in den Garten nach Himbeeren. Nachdem es hinausgegangen war, sah sie mir bedeutsam in die Augen und sagte:

»Golowan hat nie eine Frau berührt!«

»Von wem wissen Sie das?«

»Vom P. Pjotr.«

Und die Großmutter erzählte mir, wie ihr P. Pjotr kurz vor seinem Hinscheiden gesagt habe, was es für ungewöhnliche Menschen in Rußland gebe und daß der verstorbene Golowan vollkommen keusch gewesen sei.

Beim Erzählen dieser Geschichte kam die Großmutter auf kleine Einzelheiten und entsann sich des Gesprächs mit P. Pjotr.

»P. Pjotr,« sagte sie, »zweifelte anfangs selbst und begann ihn genau auszufragen und erwähnte Pawla. ›Es ist nicht gut‹, sagte er, ›daß du es nicht gestehst und ein Ärgernis gibst. Es geziemt sich dir nicht, diese Pawla im Hause zu haben. Laß sie mit Gott ziehen!‹ Golowan antwortete: ›Sprechen Sie nicht so, Väterchen, soll sie lieber bei mir leben, es ist unmöglich, daß ich sie ziehen lasse.‹ – ›Aber warum denn?‹ – ›Weil sie nirgends ihr Haupt hinlegen kann.‹ – ›Nun‹, sagte der Pope, ›so heirate sie doch.‹ – ›Auch das‹, erwiderte jener, ›ist unmöglich‹. – Weshalb es aber unmöglich sei, das sagte er nicht, und P. Pjotr war lange darüber im Zweifel. Aber Pawla war schwindsüchtig und lebte nicht lange, und als P. Pjotr vor ihrem Tode zu ihr kam, eröffnete sie ihm die Ursache.«

»Was war es denn für eine Ursache, Großmutter?«

»Sie lebten in der vollkommenen Liebe.«

»Das heißt wie?«

»Wie die Engel.«

»Aber erlauben Sie, warum denn? Pawlas Mann war verschollen, und das Gesetz gestattet die Wiederverheiratung nach fünf Jahren. Hatten sie es denn nicht gewußt?«

»Nein, ich glaube, sie wußten es, sie wußten aber noch mehr.«

»Zum Beispiel was?«

»Zum Beispiel, daß Pawlas Mann sie alle überlebte und nie verschollen war.«

»Ja, wo war er denn?«

»In Orjol.«

»Liebe Großmutter, Sie scherzen?«

»Nicht im mindesten.«

»Und wem war es bekannt?«

»Den dreien: Golowan, Pawla und dem Taugenichts selber. Erinnerst du dich noch an den Fotej?«

»Den Geheilten?«

»Ja, nenne ihn, wie du willst, aber jetzt, nachdem alle gestorben sind, kann ich dir sagen, daß er gar nicht Potej hieß, sondern der entlaufene Soldat Fraposchka war.«

»Wie, Pawlas Mann?«

»Ja.«

»Warum hat...« begann ich, schämte mich aber meines Gedankenganges und schwieg. Doch die Großmutter hatte mich verstanden und setzte hinzu:

»Du willst gewiß fragen: warum ihn niemand erkannt hat und Fawla und Golowan ihn nicht angezeigt haben? Das ist sehr einfach: die anderen hatten ihn nicht erkannt, weil er nicht aus der Stadt war, dazu war er gealtert und trug einen Bart. Pawla hat ihn aus Mitleid nicht ausgeliefert, und Golowan aus Liebe zu Pawla.«

»Ja, aber juridisch, nach dem Gesetze existierte Fraposchka nicht mehr, und sie hätten gut heiraten können.«

»Nach dem juridischen Gesetze hätten sie es gekonnt, nach dem Gesetze ihres Gewissens nicht.«

»Warum verfolgte Fraposchka den Golowan?«

»Der Verstorbene war ein Taugenichts, – er dachte von ihnen wie die anderen.«

»Und sie haben sich seinetwegen ihr ganzes Glück entgehen lassen?«

»Ja, was man unter Glück versteht: es gibt ein frommes und ein sündiges Glück. Das fromme Glück schreitet über niemand hinweg, das sündige über alle. Sie liebten das erstere mehr als das andere.«

»Großmutter, das waren ja wundervolle Menschen!« rief ich aus.

»Gerechte, mein Freund«, erwiderte die Greisin.

Ich will aber trotzdem hinzufügen, – wunderbare, ja sogar unwahrscheinliche Menschen. Sie sind unwahrscheinlich, solange sie das legendäre Beiwerk umgibt, und werden noch unwahrscheinlicher, wenn es gelingt, diesen Anflug von ihnen zu nehmen und sie dann in ihrer ganzen heiligen Einfachheit zu sehen. Die vollkommene Liebe, die sie beseelte, hob sie über alle Furcht hinaus und unterwarf ihnen sogar die Natur, ohne sie zu zwingen, sich in die Erde zu vergraben, noch mit Erscheinungen zu kämpfen, wie sie den heiligen Antonius peinigten.

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