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Nietzsches Briefe

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Nietzsches Briefe - Kapitel 144
Quellenangabe
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typeletter
authorFriedrich Wilhelm Nietzsche
titleNietzsches Briefe
publisherInsel-Verlag
editorRichard Oehler
year1911
correctorJosef Muehlgassner
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142. An die Schwester.

Nizza, 26. Dezember 1887.

Mein liebes altes Lama,

wirklich kam Dein Weihnachtsgruß ganz zur rechten Zeit in meine Hände – bei dieser Entfernung ein wahres Wunder –, aber er fand mich nicht in der von Dir so sehr gewünschten »Heiterkeit«. Ich könnte fast sagen: im Gegenteil! Trotzdem mache ich mir immer klar, daß meine jetzt etwas vereinsamte Existenz, selbst wenn sie ein Übel sein sollte, doch das geringere von zwei Übeln ist – und daß ich mich sehr viel schlimmer befinden würde, wenn ich jetzt Versuche machte, wieder mitten unter alten Bekannten und Freunden zu leben. Meine Aufgabe ist jetzt, mich so tief wie möglich zu sammeln und allen Störungen aus dem Wege zu gehen, die das Gleichgewicht meines Geistes zu schädigen imstande wären, damit die Frucht meines Lebens langsam reif und süß wird und nichts Saures und Verbittertes in sie kommt. Niemand kennt mich genügend; und meine Geschichte dieser letzten 15 Jahre ist jedermann ein Rätsel. Keiner meiner »Freunde« weiß, womit man mir wohl und womit wehe tut; und nachdem ich Malheurs aller Art durch die wohlwollende Voraussetzung erlebt habe, daß man ungefähr wisse, worum es sich bei mir handle, bin ich endlich klug genug geworden, mich von dieser Voraussetzung loszumachen. Mögen sie's treiben, wie sie Lust haben: ich treibe es nunmehr auf eigne Faust und will von denen nichts mehr, welche mir nichts zu geben haben. Später wird sich das Urteil über mich schon wieder berichtigen. – Eine der größten Dummheiten hast Du, mein armes Lama, gemacht – für Dich und für mich! Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus, die mich immer von neuem mit Groll oder Melancholie erfüllt. Du sagst zwar, Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet, und dies ist auch richtig; aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben. Also um des Himmels willen kein »Friedrichsland« oder »Friedrichshof«! Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen »Lamaland« gebeten.

Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für mich, nach seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich in den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das schadet und geschadet hat, kannst Du Dir kaum vorstellen. Die gesamte deutsche Presse schweigt meine Schriften tot – seitdem! sagt Overbeck! Es erweckt vor allem Mißtrauen gegen meinen Charakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, was ich im Geheimen begünstige, – und daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name »Zarathustra« gebraucht wird, hat mich schon mehrere Male beinahe krank gemacht. – Verzeihung! es ist unrecht, Dir das zu sagen, und unbillig, das arme Lama für die Gesinnungen dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer »billig« gesinnt. Malwida schrieb mir einmal, daß ich gegen zwei ungerecht wäre: gegen Wagner und gegen Dich, meine Schwester. Warum wohl? Vielleicht weil ich Euch beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, daß Ihr mich verlassen habt? – Deshalb lies aus all meinen schlimmen Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, daß ich Dich verloren habe und daß Dein Name mit einer Partei in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein einziger gemeinschaftlicher Gedanke verbindet, mit welcher Du nichts zu tun hast.

Ich weiß es wohl, daß sich seit Jahren verschiedene Leute bemüht haben, Dir und mir begreiflich zu machen, daß Du nicht zu mir und zu meiner Philosophie paßtest. Wir armen impressionablen Menschen sind zuweilen schwach und fremden Einflüssen zugänglich, aber glaube mir: ich habe mich nie durch Deine »kindliche Außenseite« täuschen lassen! Das ist »Dein Vordergrund«, hinter dem sich ein Charakter verbirgt, der der besten und tapfersten Handlungen fähig ist. Ich hätte Dir das öfter sagen sollen, aber ein alter Einsiedler und Philosoph verlernt es ganz, Liebe und Wertschätzung zu zeigen. Erst seit Du so weit davongelaufen, fühle ich, wieviel Du mir gewesen bist. Du warst meine Erholung, die Brücke zu den »andern«! Jetzt sitze ich einsam auf ödem Gestein, dunkle Fluten trennen mich von den andern Ufern, – kein Laut, kein Wort der Liebe erreicht mich mehr.

Dein F. N.

Nachschrift. Wenn Euer Buchhändler Euch meine Komposition »meine Komposition«, der »Hymnus an das Leben«. schicken sollte, so wirst Du die Melodie erkennen. Sie stammt aus meiner glücklichsten Zeit, als ich »Schopenhauer als Erzieher« schrieb und noch an Freunde und Freundschaft glaubte. Bei manchen Stellen höre ich weit in der Ferne den Rheinfall rauschen. Weißt Du noch? – Aber Verse und Orchestrierung sind nicht von mir, »Verse und Orchestrierung sind nicht von mir«, die Verse sind von Frl. Lou Salomé, jetzt Frau Prof. Andreas-Salomé, die Orchestrierung ist von Peter Gast. das weißt Du auch. Es ist bei dieser Veröffentlichung ein wenig Mystifikation, die gelegentlich am rechten Ort aufgeklärt werden soll.

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