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Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
titleNiels Lyhne
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
translatorPaul Volk
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida5535954
created20070412
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Vorwort

Jens Peter Jacobsen wurde am 7. April 1847 in Thisted, einem Städtchen unweit des Lim Fjords, als Sohn eines wohlhabenden kleinen Kaufmanns geboren. Kaum 40 Jahre alt starb er am 30. April 1885 in Kopenhagen. Das Leben, das zwischen diesen beiden Daten spielt, war ohne große Ereignisse. Mit 16 Jahren verläßt Jacobsen seine Heimatstadt, um in Kopenhagen ein Privatgymnasium zu besuchen. Weder Fleiß noch besondere Leistungen zeichnen ihn aus. Er gilt als Sonderling, der stundenlang draußen im Stadtgraben liegt und Algen fischt. So besteht er die Reifeprüfung nicht und kommt erst 1867 zur Universität, um Naturwissenschaften zu studieren. Vorher aber macht er schon seinen ersten literarischen Versuch, der – herzlich unbedeutend – als Kuriosum nicht unerwähnt bleiben soll. Er gibt im Jahre 1864 die Wochenschrift »Kvas« heraus, die über einen Abonnenten nie herauskam.

In den Jahren 1871–1873 veröffentlicht Jacobsen in naturwissenschaftlichen Zeitschriften bemerkenswerte Arbeiten über die Lehren Darwins, für die er sich als einer der ersten in Dänemark einsetzte. Er übersetzt Darwins »Über die Entstehung der Arten« und »Die Abstammung des Menschen«. In diese Zeit fällt auch die von der Universität preisgekrönte Abhandlung: »Aperçu systematique et critique sur les desmidiacees du Danemark«, von der er selbst sagt, daß sie »außerordentlich gründlich ist; ob irgendein Mensch sie gelesen haben sollte, ist dagegen zweifelhaft«.

Jacobsen hatte inzwischen Anschluß an die junge Dichtergeneration Dänemarks gefunden, die sich um Georg Brandes scharte. Er schreibt jetzt Gedichte, zwar ohne besondere Originalität – die durch Mahlers [Hier irrt der Herausgeber. Die Gurre-Lieder wurden von Arnold Schönberg vertont. Re.] Vertonung später so berühmten Gurrelieder befinden sich darunter –, aber sie zeigen doch schon, daß Jacobsen ein festes Ziel hat, um das er kämpft. Endlich erreicht er, was er will: den eigenen Stil, das Originelle seines Schaffens, die Realität seines Erlebens. Und so gelingt ihm 1872 der große Wurf: er veröffentlicht die Novelle »Mogens«.

Mit dieser Novelle stellte sich Jacobsen mit einem Schlag an die Spitze der jungen dänischen Literatur, deren erwählter Führer er wurde. Der Erfolg nimmt ihm die letzten Zweifel an seinem dichterischen Beruf, und er ist glücklich und voller Pläne. Es beginnen die Vorarbeiten zu seinem ersten großen Roman, zu »Frau Marie Grubbe, Interieurs aus dem 17. Jahrhundert«. Tag um Tag sitzt er jetzt in der Bibliothek und sammelt aus alten Chroniken und Pergamenten Material und Stimmungen zu seinem Werk, das möglichst schnell fertig werden soll. Doch mitten in der Arbeit macht sich das furchtbare Leiden bemerkbar, das bestimmend wurde für das weitere Leben und Schaffen des Dichters und für seinen frühen Tod. Eine Erkältung zunächst, eine Folge des stundenlangen Umherwatens im Sumpf beim Fischen von Algen; dann auf einer Italienreise in Florenz 1873 der erste Blutsturz.

Eiligst reist der Dichter zurück nach Thisted, »um zu arbeiten, und um gesund zu werden«. Er selbst will nicht an seine Krankheit glauben. »Ich werde schon eine Anstrengung machen,« schreibt er, »vorläufig ist nur etwas mit der Brust.« Aber bald darauf heißt es schon: »– Gesundheitszustand nicht gut, Schmerzen keine, aber Arbeitskraft ebensowenig.« Und wenn er auch später (1874) wieder schreibt: »Es ist indessen nicht die Brust, es ist nur die Verdauung, und das wird schon besser werden«, so versucht er damit sich und seine Umgebung über seinen Zustand zu täuschen. Elf Jahre Lebens- und Arbeitszeit läßt ihm die Krankheit noch, und in diesen elf Jahren entstehen die wenigen Werke, die das dichterische Schaffen Jacobsens darstellen. Langsam und mühevoll sind sie dem kranken, arbeitsunfähigen Körper von einem zähen Geist abgerungen. So wird »Frau Marie Grubbe« erst 1876 vollendet. Schon vor dem Abschluß dieses ersten Romans war der Plan zum zweiten, zu »Niels Lyhne«, entstanden, aber erst 1877 beginnt der Dichter mit der eigentlichen Arbeit, die er auf Reisen nach der Schweiz (1877/78) und Italien (1879) in Montreux und Rom fortsetzt.

Zwischendurch war er eine Zeitlang wieder in der Heimat, und nach der endgültigen Rückkehr wird der Roman hier in Thisted im Dezember 1880 fertig und noch im gleichen Monat veröffentlicht. »Niels Lyhne, die Geschichte einer Jugend«, wurde kein lauter Erfolg. Das Publikum hatte wieder eine Kulturschilderung wie in »Marie Grubbe« erwartet; mit diesem neuen Werk konnte es nicht fertig werden. Alles daran war ihm fremd, und selbst die Freunde des Dichters mußten erst lernen, es zu verstehen, bevor sie es bewundern konnten. Jetzt sollte nach Jacobsens Plänen ein historischer Roman folgen, »etwas Helles, Leichtes – voll Lebensfreude und Laune«, eine Geschichte, die aus der pietistischen Zeit Christians VI. hinüberreichte in die lustigen Tage Friedrichs V. Aber daraus wurde nichts mehr. Mogens, die beiden Romane und die Novellen: »Der Schuß im Nebel«, »Zwei Welten«, »Die Pest im Bergamo«, »Dort müßten Rosen blühen« und »Frau Fönß«, stellen das ganze Ergebnis seines dichterischen Schaffens dar. Im Winter 1884 finden wir den Dichter in Kopenhagen, immer kränker, einsamer und von stolzer Verschlossenheit. »Er war stolz auf die Art, wie man sich ehedem Königssöhne stolz dachte, wenn das Unglück über ihnen war.« Im Sommer 1884 hatte er zum letzten Male die neunzehnstündige Reise nach Thisted gemacht, die ihm fast den Tod brachte. Aber er erholt sich noch einmal. Noch einmal kann er nach Kopenhagen zurückkehren, erlebt noch einmal den Frühling und die herrliche Zeit der ersten Kirschenblüte. Dann stirbt er am 30. April 1885 in den Armen seiner Mutter. Ihr galt sein letztes Gefühl, sein letztes Lebewohl.

Als man Jacobsen einst um eine Schilderung seines Lebens bat, schrieb er: »... was Begebenheiten anlangt, so weiß ich mich wirklich an keine zu erinnern, die Interesse haben könnten und zu erwähnen wären; die hingegen, die nicht erwähnt werden können, sind natürlich interessant genug.« Wir haben den äußeren Lebenslauf des Dichters geschildert, und wir müssen ihm in seiner Behauptung recht geben: Große Begebenheiten, die sein Leben bestimmen, die es in schicksalhaftes Auf und Ab verflechten, die sein Schaffen bestimmend beeinflussen, ihm Richtung und Ziel geben, sind nicht vorhanden. Es bleibt, »was nicht erwähnt werden kann«: Das innere Leben, das dieser scheue, vornehme Mensch tief und leidenschaftlich lebt, die zarte, empfindliche Seele, deren Regungen der Umwelt in ständiger Abwehr verborgen gehalten werden hinter der Maske der Ironie. Wir wissen nichts vom Werden der Welt in ihm, wissen nicht, wie dieser Dichter wurde, wie das Werk entsteht und wächst. Keine Tagebuchblätter, kaum Briefe gestatten Einblick in sein Schaffen. Nur das Werk bleibt uns, um den Menschen daraus kennenzulernen.

Dieses Werk zeigt uns einen Menschen, der zugleich Phantast ist und Realist; der fest auf der Erde steht und die Dinge so sieht, wie sie sind – und der alle Wahrnehmungen und alle Ergebnisse seines Forschens nur benutzt, um den Gestalten seiner Träume Inhalt zu geben. Er ist Forscher und Dichter zugleich. Er sieht deutlich jede Einzelheit einer Erscheinung und weiß ihren Charakter scharf zu umschreiben; aber niemals verliert er sich in Einzelheiten. Punkt für Punkt setzt er hin, und alles vereinigt er zu einem Gemälde, das lebendig ist, und das die Stimmung trägt, die der Dichter, der Künstler ihm aus eigenem gibt.

In seinem Erstlingswerk läßt Jacobsen einmal Thora den Mogens fragen, ob er die Natur liebe, »die Natur am Werkeltage?«

»Gradeso,« antwortet Mogens, »gradeso; jedes Blatt, jeder Zweig, jeder Lichtstrahl, jeder Schatten kann mich erfreuen. Kein Hügel ist so kahl, keine Torfgrube so viereckig, keine Landstraße so langweilig, daß ich mich nicht einen Augenblick darin verlieben könnte.«

»Welche Freude können Sie dann aber an einem Baum, an einem Busch haben, wenn Sie sich nicht vorstellen, daß ein lebendes Wesen darin wohnt, das die Blumen öffnet und schließt und die Blätter glättet? Wenn Sie einen See sehen, einen tiefen, klaren See, lieben Sie ihn dann nicht deshalb, weil Sie sich vorstellen, daß tief, tief unten Wesen wohnen, die ihre Freuden und ihre Sorgen haben, ihr eigenes seltsames Leben mit seltsamem Sehnen; und was ist zum Beispiel am Bredbjerg Grünhügel Schönes, wenn Sie sich nicht denken, daß ganz, ganz kleine Gestalten darin wimmeln und summen; die seufzen, wenn die Sonne aufgeht, jedoch zu tanzen und zu spielen beginnen, wenn der Abend kommt.«

»Wie wundersam schön das ist! Und dies sehen Sie?« »Und Sie?«

»Ich kam es nicht erklären, aber es liegt in der Farbe, in der Bewegung und in der Form, und dann in dem Leben, das darin ist; der Saft, der in Bäume und Blumen steigt, der Regen und die Sonne, die ihnen Wachstum bringen, der Sand, der in Haufen zusammenweht, und die Regenschauer, die die Abhänge furchen und zerklüften! Ach! Das läßt sich gar nicht begreifen, wenn ich es erklären soll.«

»Und ist das genug für Sie?«

»Es ist oft zuviel! – allzuviel! Und wenn nun Form und Farbe und Bewegungen so reizend sind und so leicht, und hinter all dem eine seltsame Welt liegt, die lebt und jubelt und seufzt und verlangt und das alles sagen und singen kann, dann fühlt man sich so verlassen, wenn man jener Welt nicht nahekommen kann, und das Leben wird so matt und so schwer.«

Das ist die Art, in der Jacobsen die Natur sieht, genau so, wie er es durch Mogens sagen läßt. Er ist kein Romantiker, der die Dinge lebendig werden läßt, indem er sie zu Geistern und Elfen macht. – Er sucht das Leben in der Natur selbst, und jede Blume, jeder Strauch, jeder Berg und jeder Stein hat seine eigene Seele, sein eigenes Leben, das man erkennen muß. Und wo die Sinne zum Erkennen nicht ausreichen, da muß die Traumkunst helfen; da erkennt der Dichter, der Künstler kraft seiner Intuition das Wesen der Dinge. So wie ein Maler die Natur und das Leben und die Menschen malt – so schreibt Jacobsen, und das war das Neue an seiner Kunst. Dieses Neue, dieses Malen mit Worten brachte ihm den großen Erfolg, als er »Frau Marie Grubbe« veröffentlichte. Hier sind wirkliche »Interieurs des 17. Jahrhunderts« entstanden, Bilder von einer Treue des Zeitkolorits, die sich bis in den Stil und die Aufstellung ganz neuer Worte ausprägt. Episodenhaft steht Gemälde neben Gemälde. Alle sind unendlich fein gemalt, jedes in sich einheitlich geschlossen; aber die Komposition des Ganzen, der einheitliche künstlerische Aufbau fehlt. Das ist der Fehler in allen Werken des Dichters, dem alle Technik unwichtig und nebensächlich erschien.

»Niels Lyhne«, der Roman, dem diese Einleitung vorangeht, ist Jacobsens größtes Werk. Es sollte die Geschichte einer »Jugend« werden, »eine psychologische Schilderung jener Gruppe freidenkend angelegter Romantiker«, »jener Jugend, die jetzt alt ist«. Aber es wurde schließlich doch nur das, was der Dichter nicht wollte, »eine Jugendgeschichte«, die Geschichte des einzelnen Menschen »Niels Lyhne«. Niels Lyhne ist die Gestalt des großen Träumers, der, hin und her geworfen zwischen Traum und Leben, das Leben nicht zwingen kann, weil er, ewig ein Träumer, nie sich selbst ganz fand, und der den Traum, die Illusion nicht entbehren kann, weil nur im Traum Glück ist, weil er weiß, daß Sehnen mehr ist als Erfüllung.

Und das ist schließlich das Wesen und der Kern aller Gestalten, die der Dichter schuf. Und das ist schließlich der Mensch Jacobsen selbst. Ein Realist, der aus des Lebens Wirklichkeit sich seine Träume schuf, der mit beiden Füßen fest auf der Erde stand und ewig den Traum von Schönheit und Glück träumte.

In Sehnsucht,
in Sehnsucht ich lebe.

Dieser Ausklang eines seiner Gedichte waren die Musik und das Leitmotiv seines Lebens.


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