Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jens Peter Jacobsen >

Niels Lyhne

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/jacobsen/nilslyh2/nilslyh2.xml
typefiction
authorJens Peter Jacobsen
booktitleJens Peter Jacobsens sämtliche Werke
titleNiels Lyhne
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year
firstpub1880
translatorAnka Mathiesen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
projectidf7d5a4bf
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Sie hatte die schwarzen, strahlenden Augen der Blider mit den feinen, schnurgraden Brauen; sie hatte ihre stark geformte Nase, ihr kräftiges Kinn und ihre schwellenden Lippen. – Den seltsam schmerzlich-sinnlichen Zug um die Mundwinkel und die unruhigen Kopfbewegungen, das hatte sie auch geerbt; aber ihre Wange war bleich, ihr Haar war weich wie Seide und schloß sich lind und glatt den Formen des Kopfes an.

So waren die Bliders nicht; ihre Farben waren Rosen und Bronze. Das Haar war widerspenstig und kraus – dick wie eine Mähne; und dann hatten sie die vollen, tiefen, biegsamen Stimmen, die deutlich die Familientraditionen von den lärmenden Jagdzügen der Väter, von feierlichen Morgenandachten und tausenderlei Liebesabenteuern unterstrichen.

Ihre Stimme aber war matt und klanglos.

Ich erzähle von ihr, so wie sie im Alter von siebzehn Jahren war; einige Jahre später, als sie verheiratet war, hatte ihre Stimme mehr Fülle, die Farbe der Wangen war frischer, und das Auge war matter geworden, zugleich aber erschien es größer und dunkler.

Mit siebzehn Jahren war sie sehr verschieden von ihren Geschwistern, und es bestand eigentlich auch kein nahes Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Die Bliders waren nämlich ein praktisches Geschlecht, die das Leben nahmen, so wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf, und es fiel ihnen niemals ein, mehr oder andere Vergnügungen als das Erntefest und drei, vier Weihnachtsschmäuse zu fordern. Religiös bewegt waren sie nicht; aber sie hätten ebensogut daraufverfallen können, ihre Steuern nicht zu bezahlen, als Gott nicht zu geben, was Gottes war, und darum sprachen sie ihr Abendgebet, fuhren an den hohen Festen zur Kirche, sangen Heiligabend ihre Gesänge und gingen zweimal im Jahre zum Abendmahl. Sie waren auch nicht wißbegierig, und was ihren Schönheitssinn betraf, so waren sie keineswegs gefühllos kleinen, sentimentalen Liedern gegenüber; und wenn der Sommer kam und das Gras dicht und üppig auf den Wiesen wuchs und das Korn in Ähren auf den breiten Ackern stand, dann sagten sie oft zueinander, daß dies eine schöne Zeit sei, um über Land zu gehen; aber sie waren keine sonderlich poetischen Naturen, die Schönheit berauschte sie nicht, sie hatten keine unbestimmte Sehnsucht, so wenig wie sie wache Träume kannten.

Aber mit Bartholine war das anders; sie hatte gar kein Interesse für die Ereignisse im Stall und auf den Feldern, kein Interesse für Meierei und Haushalt – gar keins.

Sie liebte Gedichte.

In Gedichten lebte sie, in ihnen träumte sie, und an sie glaubte sie, wie fast an alles andre.

Eltern und Geschwister, Nachbarn und Bekannte, sie sagten fast nie ein Wort, dem zu lauschen es sich der Mühe verlohnte; denn ihre Gedanken erhoben sich keinerzeit von der Erde oder der Arbeit, die sie unter Händen hatten, ebensowenig wie ihr Blick jemals von den Verhältnissen und den Begebenheiten abschweifte, die sie gerade vor ihren Augen hatten.

Aber die Gedichte dahingegen! die waren für sie voll neuer Gedanken und tiefsinniger Weisheit von dem Leben da draußen in der Welt, wo die Sorge schwarz und die Freude rot ist, und sie funkelten von Bildern, schäumten und perlten in Rhythmen und Reimen; es handelte alles von jungen Mädchen, und die jungen Mädchen waren edel und schön, sie wußten selber nicht wie sehr; ihre Herzen und ihre Liebe waren mehr als alle Reichtümer der Welt, und die Männer trugen sie auf Händen, hielten sie hoch oben, oben im Sonnenglanz des Glückes, ehrten sie und beteten sie an, waren glücklich, ihre Gedanken und Pläne, ihre Siege und ihren Ruhm mit ihnen zu teilen, und sagten dann obendrein, daß diese glücklichen Mädchen den Keim zu allen Plänen gelegt und alle Siege gewonnen hätten.

Und warum sollte man selbst denn nicht ein solches Mädchen sein? sie sind so – und sie sind so – und sie wissen es selber nicht; was weiß ich, wie ich bin? und die Dichter sagten ausdrücklich, daß dies das Leben sei und daß das Leben nicht darin bestände, zu nähen, zu säumen, den Haushalt zu führen und dumme Visiten zu machen.

Alles zusammengenommen, verbarg sich hinter diesem ja eigentlich nichts weiter als der etwas krankhafte Drang, sich selbst zu fühlen, das Streben danach, sich selbst zu finden, das so oft bei einem etwas mehr als gewöhnlich begabten jungen Mädchen erwacht; aber das Schlimmste war, daß sich in ihrem Umgangskreis keine einzige überlegene Natur fand, die ihrer Begabung eine Art von Ziel hätte setzen können; es gab ja nicht einmal eine verwandte Natur, und darum betrachtete sie sich schließlich als etwas Eigenartiges, Einzigdastehendes, als eine Art tropische Pflanze, die unter einem unmilden Himmelsstrich emporgeschossen war und die jetzt nur kümmerlich ihre Blätter zu entfalten vermochte, während sie in einer wärmeren Luft, unter einer mächtigeren Sonne ranke Stiele mit einem wunderbar reichen, strahlenden Blumenflor hätte schießen können. Das, meinte sie, sei ihr eigentliches Wesen, das, wozu die richtige Umgebung sie machen würde, und sie träumte tausenderlei Träume von jenen sonnenhellen Gegenden und wurde von Sehnsucht nach ihrem wirklichen, reichen Ich verzehrt und vergaß, was zu vergessen so nahe liegt, daß selbst die holdesten Träume, selbst das tiefste Sehnen dem Wuchs des Menschengeistes auch nicht einen einzigen Zoll hinzusetzt.

 

Dann kommt eines schönen Tages ein Freier zu ihr.

Der junge Lyhne auf Lönborghof war es; er war das letzte männliche Glied eines Geschlechts, das während ganzer drei Generationen zu den intelligentesten der Provinz gehört hatte. Als Bürgermeister, Amtsverwalter oder königliche Kommissarien, häufig begnadigt mit dem Justizrattitel, dienten sie in ihrem vorgerückten Alter wirksam und lobenswert König und Vaterland. In ihren jungen Jahren hatten sie auf vernünftig geordneten und gründlich ausgeführten Studienreisen in Frankreich und Deutschland ihren leicht empfänglichen Geist mit den Kenntnissen, Schönheitsgenüssen und Lebenseindrücken bereichert, die die fremden Länder in so reichem Maße darboten; und wenn sie dann heimkehrten, so wurden jene Auslandsjahre nicht zu den alten Erinnerungen beiseite geschoben, wie man die Erinnerung an ein Fest beiseite schiebt, dessen letzte Kerze und letzter Ton eine nach der andern ausgelöscht und einer nach dem andern dahingestorben ist; nein, das Leben daheim wurde auf diesen Jahren aufgebaut, und die Interessen, die damals geweckt worden waren, erhielten keineswegs Erlaubnis, der Vergessenheit anheimzufallen, sondern sie wurden genährt und mit allen Mitteln, die zu ihrer Verfügung standen, entwickelt; und auserwählte Kupferstiche, kostbare Bronzen, deutsche Dichterwerke, französische Gerichtsverhandlungen und französische Philosophie waren alltägliche Dinge und alltägliche Gesprächsstoffe in den Häusern der Lyhnes.

Was ihr Wesen betraf, so bewegten sie sich mit einer altmodischen Leichtigkeit und stilvollen Liebenswürdigkeit, die oft seltsam von der plumpen Majestät und der unbeholfenen Stattlichkeit ihrer Standesgenossen abstach. Ihre Rede war breit abgerundet, zierlich pointiert, aber etwas affektiert rhetorisch, das ließ sich nicht leugnen; doch paßte sie gut zu diesen großen, breiten Gestalten mit den hohen, gewölbten Stirnen, mit dem dichten, gelockten Haar, den hellen, lächelnden Augen und den feingeformten, etwas gebogenen Nasen; aber das Untergesicht war zu schwer, der Mund zu breit, und die Lippen waren auch gar zu voll.

Wie nun diese äußeren Züge schwächer bei dem jungen Lyhne hervortraten, so war auch die Intelligenz gleichsam in ihm müde geworden, und die geistigen Aufgaben oder die ernsten Kunstgenüsse, denen er auf seinem Wege begegnet war, hatten keineswegs irgendwelchen Eifer oder ein Sehnen in ihm erweckt; aber er hatte sich mit einer pflichtgetreuen Angestrengtheit an sie herangemacht, die nicht gemildert wurde durch irgendwelche Freude, die Kräfte in Schwung kommen zu fühlen, oder die mit stolzem Selbstgefühl belohnt wurde, wenn es sich zeigte, daß sie ausreichten. Die Zufriedenheit damit, daß der Griff getan war, das war all der Lohn, den er erhielt.

Sein Gut Lönborghof war ihm als Erbteil von einem kürzlich verstorbenen Bruder seines Vaters zugefallen, und er war deshalb von der traditionellen Auslandsreise zurückgekehrt und wollte selbst der Bewirtschaftung des Gutes vorstehen; und da nun die Bliders seine nächsten Gutsnachbarn waren und der Oheim auf einem vertrauten Fuße mit der Familie gestanden hatte, so machte er seinen Besuch dort, sah Bartholine und verliebte sich in sie. Daß sie sich in ihn verliebte, war fast selbstverständlich.

Das war doch endlich einmal einer von da draußen aus der Welt; einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, wo Wälder von Zinnen und Türmen sich von dem sonnenklaren Himmel abhoben, wo die Luft erzitterte von dem Klang der Glocken, von dem Brausen der Orgel und den geschwinden Tönen der Mandoline, während strahlende Aufzüge in Gold und Farben sich festlich durch die breiten Straßen wanden; wo Marmorhäuser leuchteten und die bunten Wappenschilder stolzer Geschlechter paarweise über den weiten Toren saßen, während die Fächer blitzten und die Schleier dort oben auf den gewölbten, steinbelaubten Altanen wallten. Das war einer, der jene Gegenden durchwandert hatte, wo siegreiche Heere über die Landstraßen dahingezogen waren, wo gewaltige Schlachten die Namen der Dörfer und Felder mit unsterblichem Glanz umgaben, wo der Rauch von dem Holzstoß der Zigeuner weit über die Kronen der Wälder aufstieg, während rote Ruinen oben von den weinumkränzten Hügeln in das lächelnde Tal hinabsahen, wo das Mühlrad brauste und läutende Herden über breitgewölbte Brücken heimkehrten. Von allen diesen Dingen erzählte er, aber nicht wie die Dichter, weit mehr wirklich und dann so vertraulich, ganz wie die daheim von den Städten und Nachbargemeinden des Stifts sprachen. Er sprach auch von den Malern und Dichtern, und da waren Namen, die er in die Wolken erhob, die sie niemals hatte nennen hören. Er zeigte ihr ihre Bilder und las ihre Gedichte mit ihr unten im Garten, oben auf der Anhöhe, von wo aus sie über das blanke Wasser des Fjords und die braunen Wellen der Heide sehen konnten; – die Liebe machte ihn poetisch, und die Gegend wurde schön, die Wolken wurden zu den Wolken, die durch die Gedichte zogen, und die Bäume des Gartens bekamen das Laubgehänge, das so wehmütig in den Balladen sauste.

Bartholine war glücklich, denn ihre Liebe verursachte, daß der ganze Tag sich in eine Reihe poetischer Situationen auflöste. So war es Poesie, wenn sie den Weg hinabschritt, um ihm zu begegnen; die Begegnung war Poesie, der Abschied war es; es war Poesie, wenn sie oben auf der Anhöhe im Schein der Abendsonne stand und ihm ein allerletztes Lebewohl zuwinkte und dann, wehmütig froh zumut, auf ihre einsame Kammer ging, um ungestört an ihn zu denken; und wenn sie in ihrem Abendgebet für ihn betete, dann war auch das Poesie.

Sie hatte jetzt nicht mehr diese unbestimmten Wünsche und sehnsüchtigen Gefühle; das neue Leben mit seinen wechselnden Stimmungen war ihr genug, und ihre Gedanken und Anschauungen waren klarer geworden dadurch, daß sie einen hatte, an den sie sich ungezwungen wenden konnte, ohne Furcht davor, mißverstanden zu werden. Auch in anderer Hinsicht hatte sie sich verändert: das Glück hatte sie Eltern und Geschwistern gegenüber liebenswürdiger gemacht, und sie fand, daß sie eigentlich verständiger waren und mehr Gefühl besaßen, als sie angenommen hatte.

Dann heirateten sie.

Das erste Jahr glich der Verlobungszeit sehr; aber als dann das Zusammenleben etwas älter geworden war, konnte Lyhne es sich selbst nicht länger verbergen, daß er es müde wurde, beständig seiner Liebe neuen Ausdruck zu verleihen, beständig, gehüllt in das Federkleid der Poesie, die Flügel ausgebreitet zu halten, bereit zum Fluge durch die Himmel aller Stimmungen und die Tiefen aller Gedanken; er sehnte sich danach, in beschaulicher Ruhe still auf seinem Zweig zu sitzen und schlummernd sein müdes Haupt unter die wärmende Federschicht des Flügels zu verbergen. Er stellte sich die Liebe nicht vor wie eine ewig wache, lodernde Flamme, die mit ihrem starken, flackernden Schein in alle ruhigen Falten des Daseins hineinleuchtete und phantastisch alles größer und fremder erscheinen ließ, als es war; eher war die Liebe für ihn wie die stille, glimmende Glut, die von ihrem weichen Aschenlager die gleichmäßige Wärme aussendet und die in gedämpfter Dämmerung sänftiglich das Ferne vergißt und das Nahe doppelt nah und doppelt heimatlich erscheinen läßt.

Er war müde, ermattet; er konnte all die Poesie nicht ertragen; er schmachtete danach, sich auf die feste Erde des Alltaglebens zu stützen, wie ein Fisch, der in der heißen Luft erstickt, sich nach der klaren, frischen Kälte der Welle sehnen muß. Es mußte aufhören, es mußte von selber aufhören; Bartholine stand dem Leben und den Büchern nicht länger unerfahren gegenüber, sie war ebenso vertraut damit wie er, er hatte ihr alles gegeben, was er erhalten hatte; und nun sollte er fortfahren zu geben; das war unmöglich, er hatte nichts mehr; – sein einziger Trost war, daß Bartholine guter Hoffnung war.

Schon lange hatte Bartholine mit Kummer bemerkt, daß sich ihre Ansicht über Lyhne nach und nach verändert hatte und daß er nicht mehr auf der schwindelnden Höhe stand, wohin sie ihn in der Verlobungszeit gestellt hatte. Sie zweifelte noch nicht daran, daß er das war, was sie eine poetische Natur nannte; aber sie war aufgescheucht worden, denn die Prosa hatte begonnen, zuweilen den Pferdefuß hervorzustecken. Desto eifriger jagte sie der Poesie nach und versuchte, den alten Zustand zurückzubringen, indem sie ihn mit noch größerem Stimmungsreichtum, mit noch größerer Begeisterung überschüttete; aber sie fand einen so geringen Widerklang, daß sie sich selbst fast für sentimental und affektiert hielt. Noch eine Zeitlang suchte sie den widerstrebenden Lyhne mitzuziehen; sie wollte nicht an das glauben, was sie ahnte; aber da allmählich das Fruchtlose ihrer Anstrengungen anfing, Zweifel darüber in ihr zu erwecken, ob ihr Geist und Herz wirklich einen so großen Reichtum in sich trugen, wie sie geglaubt hatte, da ließ sie ihn plötzlich fallen, wurde kühl, schweigsam und verschlossen und suchte die Einsamkeit, um in Ruhe über ihre verlorenen Illusionen zu trauern. Denn das sah sie jetzt, daß sie bitter getäuscht war und daß Lyhne eigentlich im innersten Innern sich nicht von ihrer alten Umgebung unterschied und daß das, was sie betrogen hatte, das ganz Gewöhnliche war, daß seine Liebe eine kurze Stunde ihn mit einer flüchtigen Glorie von Geist und Hoheit umgeben hatte, was so oft bei niederen Naturen geschah.

Lyhne wurde sowohl betrübt wie auch ängstlich bei dieser Veränderung in ihrem Verhältnis, und er bestrebte sich es gutzumachen durch unglückliche Versuche, wieder den alten, schwärmerischen Flug zu fliegen; aber dies diente nur dazu, Bartholine noch klarer zu beweisen, wie groß ihr Irrtum gewesen war.

So stand es zwischen den Eheleuten, als Bartholine ihr erstes Kind zur Welt brachte. Es war ein Knabe, und sie nannten ihn Niels.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.