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Neun Novellen und Erzählungen

Theodor Storm: Neun Novellen und Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorTheodor Storm
titleNeun Novellen und Erzählungen
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correctorJosef Muehlgassner
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Einleitung

Am 14. September 1917 hätte Theodor Storm seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Er ist verhältnismäßig spät zur Geltung gekommen. Die ersten eingehenderen Würdigungen seiner lyrischen Stimmungskunst rühren von Alfred Biese her, der 1884 und 1887 im Hamburgischen Korrespondenten und in den Preußischen Jahrbüchern eine Reihe trefflicher Essays über ihn veröffentlichte (denen kürzlich ein umfangreicheres Werk gefolgt ist). Dann gab, das war 1886, Erich Schmidt in seinen Charakteristiken eine kühlere, immerhin ausgezeichnete Analyse der Stormschen Dichtung, und ein Jahr später erschien das inzwischen zu öfterem aufgelegte Buch von Paul Schütze: Theodor Storm, sein Leben und seine Dichtung, das mit feinster Sorgfalt und aus genauester Kenntnis den Entwicklungsgang des Poeten nach seinen äußeren und inneren Bedingungen verfolgt. Von da ab mehrten sich die Einzelschriften über ihn. In einer Anzahl Dissertationen versuchten jüngere germanistische Kräfte den Elementen seiner Erzählungskunst nachzuspüren, sein Briefwechsel wurde herausgegeben, seine Tochter Gertrud veröffentlichte ein umfassendes Bild seines Lebens, und an seinem hundertjährigen Wiegenfeste gab es wohl nicht eine einzige Zeitschrift und Zeitung in Deutschland, die seiner nicht in Liebe und Verehrung gedacht hätte.

Im Schloßpark zu Husum hat man ihm ein Denkmal gesetzt, und es ist bezeichnend, daß die Biographen Storms sich eingehend mit dieser Geburtsstadt des Dichters beschäftigen, die heute freilich nicht mehr die »graue Stadt am Meer« ist, die aber zweifellos die ganze Produktion Storms mit ihren Heimatseindrücken beseelt und beherrscht. Nicht unrichtig sagt Richard M. Meyer: Storm gehört zu jenen Dichtern, deren Leben fast nur ein eigentliches Erlebnis aufweist – ihre Jugendzeit. Es sind jene zarten lyrischen Naturen, die sich gewissermaßen vollsaugen mit Empfindungen für die Stimmung, die sie umgibt, und die um so lieber in die Tage der Jugend zurückkehren, als deren künstlerische Wiedererweckung sie stets zu neuen glücklichen Ausdrucksmöglichkeiten drängt. Die Sehnsucht nach dieser Lieblingsstimmung klingt auch aus den Worten Storms hervor, die er gelegentlich an Mörike schrieb: »Sobald ich recht bewegt werde, bedarf ich der gebundenen Form. In der Prosa ruhte ich mich aus von den Erregungen des Tages; dort suchte ich grüne stille Sommereinsamkeit.«

Das Haus in Husum, in dem er geboren wurde, steht nicht mehr. Es wurde umgebaut, aber eine Inschrift bezeichnet die Stätte, da er »am grauen Strand, am grauen Meer« das Licht der Welt erblickte: unter dem Donner und Blitz eines Herbstgewitters, wie seine Mutter zu erzählen wußte, Frau Lucie, geborene Woldsen, nach der er in der Taufe die Namen Hans Theodor Woldsen Storm erhielt. Die Woldsen, so berichtet Biese, waren ein altes Patriziergeschlecht, das Kaufherren, Syndici und Senatoren hervorbrachte; ein Simon Woldsen, 1765 gestorben, war Bürgermeister, die Großmutter, eine geborene Feddersen, des jungen Knaben höchste Verehrung, der liebevolle Schutzgeist seiner Kinderjahre, auch seine Märchenerzählerin. Der Vater, Johann Casimir, war Advokat; die Familie stammte aus Niedersachsen, und die Kette der Erinnerungen in dem alten Bürgerhause reicht weit zurück durch die Geschlechterfolgen. Am Vater beklagte mehr als rühmte der Sohn den »grübelnden Sinn«, der ihm die Fähigkeit verschloß, ein wirkliches Glück anzunehmen, zu pflegen und auszugenießen. Der »ole Storm« war sichtlich eine jener nordischen Naturen, deren innerster Kern die Herzensgüte, deren äußere Schale eine gern zur Schau getragene Rauheit ist. Aber auch er war ein guter Erzähler und sicher ein poetisches Gemüt, und seine Liebe für Blumen und Vögel und die Kleinwelt der nächsten Umgebung übertrug er auf den Sohn.

Diese eng umrissene Heimatswelt bildet gewissermaßen die Requisitenromantik der Stormschen Novellistik. Er nennt die »Garteneinsamkeit die Mutter seiner Produktion«, und da schauen wir denn in das verwilderte Parkgrün hinein, wie er es liebte und oft geschildert hat, in die verfallenen Patriziergärten der alten Handelsstadt mit ihren efeuumbuschten Sandsteinfiguren und ihrem zarten Blütenduft, der wie ein letzter Gruß ist aus längstvergangenen Tagen. An Eggers schreibt er gelegentlich, daß er als Knabe den Sommer über fast ganz im Garten gelebt habe, um »jeden lieben Gedanken dort auszuspinnen, für jede Schwierigkeit der Arbeit mir dort die Lösung zu suchen«. Und als er heranwuchs, trat neben diese Garteneinsamkeit der Heidezauber und der Hochsommertraum auf blühendem Felde und die sehnsuchtsvolle Meeresstille:

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohne Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Das malerische Stadtgewirr bot andere haftenbleibende Anregungen: die Reste der gothischen Giebelhäuser mit ihren winkligen Treppen und geheimnisvollen Bodenräumen, mit den kleinen Stuben, vollgestopft mit allerhand Hausrat aus Großvaters Zeiten, mit dämmrigen Ecken und tiefeingebauten Fenstern. Lübeck, wohin Storm im Herbst 1835 zur Vervollständigung seiner Schulbildung übersiedelte, um dort das Katharineum zu besuchen, war mit seinem ähnlichen, wenn auch reicheren Zuständlichen eine Fortsetzung dieser Eindrücke. In Husum hatte er seine Lehrzeit auf der sogenannten Gelehrtenschule begonnen, trotz ihres stolzen Namens eine ziemlich dürftige Bildungsanstalt, von der der junge Storm sich mit einer Dichtung verabschiedete, die »Matathias, der Befreier der Juden« hieß. Aber dem Rektor Friedrichsen gefiel sie nicht; er reichte sie dem Verfasser unkorrigiert mit der Bemerkung zurück, er sei durchaus kein Dichter. Der sollte er erst werden.

1837 bezog Storm die Universität zu Kiel, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen, dem Studium, das man sogar »ohne besondere Neigung« pflegen könne. Das Studentenleben enttäuschte ihn freilich, und auch in Berlin, wo er zwei Semester verlebte, fühlte er sich so vereinsamt, daß er schleunigst wieder die heimatliche Hochschule aufsuchte. Hier traten ihm freundschaftlich die Brüder Mommsen näher, Theodor, der spätere berühmte Historiker, und Tycho, in den siebziger Jahren Gymnasialdirektor in Frankfurt am Main. Auf dem Boden dieser Freundschaft entstand das heute vielgesuchte, auf dem Antiquariatsmarkt hochbezahlte »Liederbuch dreier Freunde« (1843), in dem Storm mit einundvierzig Gedichten vertreten ist. Schon vorher hatten die drei Freunde eifrig Märchen und Sagen aus dem meerumschlungenen Lande gesammelt, auch einige Proben in dem Biernatzkischen Volkskalender für Schleswig-Holstein und Lüneburg veröffentlicht, überließen die Herausgabe des Ganzen indes Karl Müllenhoff, dem später vielgenannten Germanisten, für seine eigenen, schon begonnenen Arbeiten. Im »Liederbuch« war die programmatische Tendenz die Abwehr von Gutzkows Nüchternheit und dem Lehrton Rückerts und eine ausgesprochene Vorliebe für den noch im Dunkel des Unbekanntseins stehenden Mörike. Diese wehrende Richtung gegen eine klügelnde Reflexionspoesie hat Storm dann auch beibehalten, die Stimmung galt ihm als Hauptfaktor seiner Lyrik. Anfänglich stand er wohl noch unter dem Einfluß von Mörike, Eichendorff, auch Heine, aber Allereigenstes klingt doch schon aus diesem und jenem Verse hervor, vielleicht geweckt durch ein seltsam zartes Liebesidyll, von dem seine Tochter zu erzählen weiß.

1842 hatte er sich als Advokat in seinem alten Husum niedergelassen, und hier verlobte er sich mit seiner schönen Base Constanze Esmarch, eine Kindheitsfreundin, mit der er im großmütterlichen Hause getollt und die er in Segeberg, wo ihr Vater als Bürgermeister regierte, zu öfterem besucht hatte. Das Gedicht »Nun gib ein Morgenküßchen« stammt aus der Brautzeit, die junge Ehe begeisterte ihn zu feurigeren Strophen, so zu den hübschen Versen:

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die sel'ge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

In die Poesie des Liebeslebens flog aber bald aufstörend die Politik hinein. 1848 kam und der Deutschsturm der Schleswig-Holsteiner gegen die Ablösungsbestrebungen des dänischen Königs. Storm hatte seine Lieder »Für Schleswig-Holstein« erscheinen lassen und in ihnen als erstes das stimmungskräftige und klangvolle »Ostern«. Die Schlacht bei Idstedt brachte Husum unter dänische Gewalt, und in neuen Liedern schmetterte Storm seine Klagerufe in die Welt. Als die Dänen am Neujahrstage 1851 ihren bei Idstedt Gefallenen ein angeblich »von Husums Einwohnern« geweihtes Denkmal errichten ließen, schrieb er:

Sie halten Siegesfest, sie ziehn die Stadt entlang;
Sie meinen, Schleswig-Holstein zu begraben.
Brich nicht, mein Herz! Noch sollst du Freude haben;
Wir haben Kinder noch, wir haben Knaben,
Und auch wir selber leben, Gott sei Dank!

Das war auch sein Abschiedsgruß an Husum. Beim Thronwechsel wurde ihm die Bestätigung zur Fortführung seiner Advokatur versagt; nun trat er in preußischen Dienst und fand am Potsdamer Kammergericht als Assessor Stellung. Sein erstes selbständiges Büchlein hatte er schon im Jahr vorher veröffentlicht: die »Sommergeschichten und Lieder«, um deren Herausgabe sich Paul Heyse ein Verdienst erworben hat. Hier erschien auch »Immensee« in reifster Gestalt, jene feine kleine Novellenskizze, die in anderer Form bereits Biernatzkis Kalenderbuch gebracht hatte und die nun erst die große Welt auf den neuen Dichter aufmerksam machte.

Die preußische Luft behagte Storm nicht sonderlich, obwohl der Poetenkreis des »Rütli« und des »Tunnel« zu Berlin, Fontane, Merkel, Lepel, Kugler, Eggers, Heyse, Gaudy, Roquette u. a., ihn mit offenen Armen als einen der Ihren begrüßte. Doch selbst in Potsdam rostete seine Feder nicht; er schrieb manches schöne Gedicht für das Jahrbuch »Argo« und das anmutige Doppelidyll »Im Sonnenschein«, von dem Mörike sagte, Einzelheiten daraus möchte er »auf Porzellan gemalt« haben. Aus jenen Potsdamer Tagen stammen auch die Verse, die in dieser Ausgabe seinem Bildnis beigefügt sind. Die Landschrift ist einem Briefe Storms vom dritten Pfingsttag 1854 an die Eltern entnommen, in dem es heißt; »Du wunderst Dich, daß ich Heimweh haben könne – ich will es Dir sagen«, und nun läßt er das kleine Gedicht »Am Deich« folgen und den Nachsatz vom »Geheimnis der Heimat«.

1856 schlug für Storm die Stunde der Erlösung aus der Potsdamer Nüchternheit. Er wurde zum Kreisrichter in Heiligenstadt ernannt, einem entlegenen Städtchen im Eichsfeld, in dem er sich besser gefiel, vielleicht schon deshalb, weil das Mittelalterliche und Erinnerungumsponnene des kleinen Nestes ihn an die Vaterstadt mahnte und weil er hier Menschen fand, die stärker an Herz und Seele rührten als die Poeten an der Spree, mit denen er nie so recht warm werden konnte. So entstanden denn auch hier mancherlei reife dichterische Garben: die Ichnovelle »Auf dem Staatshof« und mit ähnlichen Erinnerungen gefüllte Geschichten wie »Im Schloß« und die ganz aus Heiligenstädter Luft gewobene »Veronika«, auch einige seiner Märchen und eine Reihe von Gedichten.

Im November 1863 starb Friedrich VII. von Dänemark, und Schleswig-Holstein wurde wieder deutsch. Da rief auch die Vaterstadt den verbannten Sohn zurück und betraute ihn mit dem Amte eines Landvogts. Aber der Verlust seiner Constanze, die einem Kindbettfieber erlag, trübte das Glück der Heimkehr; Reisen, die er mit Ludwig Pietsch unternahm und die ihn u. a. in Baden-Baden mit Turgenjew zusammenführten, sollten ihm Zerstreuung bringen, doch die seelische Ruhe fand er erst wieder, als er eine Geliebte seiner Jugend als zweite Frau in sein Haus und an sein Herz nahm. In der Erzählung » Viola tricolor« hat er das Problem der zweiten Ehe in harmonischer Verklärung gelöst, aber auch sonst war die Zeit bis zum Ausgang der siebziger Jahre blütenreich in seiner dichterischen Entwicklung. 1867 hatten die Erzählungen »In St. Jürgen«, ein feingestimmtes Charakterbild, und »Eine Malerarbeit«, rein technisch ein kleines Meisterstück, gebracht. Dann ruhte die Phantasie einige Jahre, und diese Pause nutzte er aus zu der Vervollständigung einer schon früher begonnenen Anthologie, des »Hausbuchs aus deutschen Dichtern seit Claudius«, das 1870 bei Mauke in Hamburg, vier Jahre später auch illustriert (von Hans Speckter) erschien. Dies Werk, an dem er mit besonderer Liebe hing, ist bezeichnend für seinen ästhetischen Standpunkt. Die Einleitung lehnt vor allem die Phrase in der Lyrik scharf ab und verwirft die patriotische Rhetorik. Die Auslese selbst kümmert sich nicht um klangvolle Namen, sondern sucht Ursprünglichkeit und Stimmung. Man kann Richard M. Meyer ohne weiteres recht geben, wenn er sagt, daß man zu einer Übersicht unseres großen Schatzes an echter reiner Lyrik von Claudius bis zu Storm keinen besseren Führer finden kann als dieses Hausbuch.

Von 1870 ab entstanden dann alljährlich außer kleinen Skizzen neue Novellen. Zuerst »Eine Halligfahrt« und die Erzählung »Draußen im Heidedorf«, in die sein Berufsdasein hineinspielt, dann das reizende Kleinstadtidyll »Beim Vetter Christian«, das Genrebild vom »Stillen Musikanten«, weiter »Pole Poppenspäler«, die »aus Kindererinnerungen zusammengewobene Geschichte von fahrenden Leuten«, wie Ferdinand Tönnies sie nennt, zu der der seltsame »Waldwinkel« mit der herben Gestalt der Franziska in eigentümlichem Kontrast steht. 1875 und das folgende Jahr brachten sodann, außer der in die Tragik des Lebens hineingreifenden kleinen Erzählung »Im Nachbarhause links«, zwei Meisterwerke: die Novelle »Psyche«, die Schütze als Storms hohes Lied der Liebe rühmt, und das Vollendetste, was er geschrieben hat, die erste seiner chronikalischen Erzählungen » Aquis submersus«.

Inzwischen war Storm von der preußischen Regierung zum Amtsrichter für den Bezirk Husum ernannt worden. Aber er war antipreußisch geblieben; die Schulmeisterei und der »Korporalstil« behagten ihm nicht. Er sehnte sich nach Freiheit und Ruhe und glaubte beides in einem kleinen alten, anmutig unweit Rendsburg gelegenen Kirchdorf zu finden: in Hademarschen. Hier baute er sich ein »festes rotes, an der Sturmseite mit Schiefer von oben bis unten bedecktes Kastell«, seine Altersvilla. »Wie köstlich ist es, zu leben«, schrieb er an Erich Schmidt, »bloß zu leben. Wie schmerzlich, daß die Kräfte rückwärts gehen und ans baldige Ende mahnen ...« Die Gruppe der Chroniknovellen hatte in »Renate« und »Eekenhof« ein vorläufiges Ende gefunden. In Hademarschen setzte er sie fort; von hier aus ging die »Chronik von Grieshuus« in die Welt, die viele –nach meiner Ansicht irrig – als Storms bedeutendste epische Schöpfung bezeichnen und die schon eine Spannungslinie zur Romantechnik aufweist, und »Ein Fest auf Haderslevhuus«; dazu eine Girlande anderer Geschichten wie der düstere »Doppelgänger«, das frische Bild aus dem nordischen Patrizierhause »Die Söhne des Senators« – bis zur Krönung seines Gesamtwerks, dem »Schimmelreiter«, in dem er am stärksten der Konzentration des Romans zustrebt. Gerade diese Erzählung hat sehr verschiedene Beurteilung gefunden; ihre Einkleidung ist wenig glücklich, aber alles in allem kann man doch Adolf Bartels zustimmen, der sie als ein Werk reichster und edelster Heimatskunst bezeichnet.

Storm stand nun auf der Höhe seiner Erfolge und auch auf der seiner Tage. Er hatte es bei der Eigenart seiner Erzählungskunst nicht leicht gehabt, sich durchzuringen, aber unsere angesehensten Zeitschriften, vor allem Rodenbergs »Deutsche Rundschau« und »Westermanns Monatshefte« hatten ihm doch schon frühzeitig ihre Spalten geöffnet. 1868 erschien dann auch die erste sechsbändige Gesamtausgabe seiner Schriften, die seine »silberne Filigranarbeit«, wie Keller sich ausdrückt, dem großen Publikum näherbrachte. In der letzten Zeit seines Lebens trug er sich noch mit dem Plane einer neuen Erzählung, der »Armensünderglocke«, und beschäftigte sich mit autobiographischen Aufzeichnungen, doch es kam nicht mehr über die Anfänge hinaus. Krankheit zehrte an ihm, der Tod seines Sohnes Hans erschütterte ihn tief. Schatten lagen auch über jenem Septembertage, da man seinen siebzigsten Geburtstag feierte; der Winter darauf war ein schwerer – am 4. Juli 1888 erlöste ihn endlich der Tod von seinen Leiden. Sein Wesen und seine Persönlichkeit zeichnet am besten Isolde Kurz in folgenden Zeilen:

Still und versonnen,
Sippe versponnen.
In innigem Gedenken
Bei Großmutterschränken,
Doch nimmer scheuend vorm Lebensbronnen.
Kein feuriger Renner,
Des Zarten und Leisen Bekenner:
So steht er blühend, im Marke gesund.
Auf schmalem, doch eigenem erdeduftendem Grund.

In den großen Literaturgeschichten kommt ihm am verständnisvollsten Bartels als Landsmann entgegen. Gewiß rügt auch er das, was ihm fehlt: Größe. Nicht die Probleme der Menschheit liegen ihm nahe, nur die des Lebens, aber diese als Spezialist, vom Herzen aus und in reinster künstlerischer Form. Der Reiz seiner Poesie wird nie erlöschen, und er wird seine Leser behalten, so lange es noch eine träumerische Jugend und feine Frauennaturen gibt. Auch Biese spürt ihm herzenswärmer nach als Richard M. Meyer und Erich Schmidt, zumal in seiner lyrischen Arbeit. Storm findet die eigentliche Aufgabe des lyrischen Dichters darin, eine Seelenstimmung derart im Gedicht festzuhalten, daß sie durch dieses bei dem empfänglichen Leser geweckt, ja nachgeschaffen wird. Das ist zweifellos richtig; es ist die Höhe seiner Kunst, daß in ihr das Erlebnis die Grundlage bildet.

Das Lyrische gibt auch seiner Novellendichtung Glanz und Reiz. Beeinflussung durch die Romantiker ist unleugbar da, vor allem durch Tieck, Hoffmann, Novalis, Eichendorff, und oft nachgewiesen worden. Aber was ihn von jenen trennt, darf auch nicht vergessen werden: die aufsteigenden Linien seiner Entwicklung, während die alten Romantiker im wesentlichen Jahrzehnte hindurch im Bannkreis ihres Schaffens sich gleichbleiben. Schütze hat trefflich dargestellt, wie die Novelle bei Storm aus der Lyrik hervorgegangen ist. Er führt ein Wort Wilhelm Jensens an: »Seine Novellen sind empfunden wie Gedichte, in künstlerischer Form gehalten wie solche, und wirken auch gleich Gedichten.« Heyse nennt ihn den Lyriker unter den Novellisten. Das alles paßt auf seine Produktion der ersten beiden Perioden und ist gewiß auch seine Stärke. Später ändert sich die künstlerische Technik und nimmt epischeren Zug an, nicht immer zum Vorteil des Ganzen. Meister bleibt er nur in der reinen Stimmungsnovelle.

Biese und Meyer sind einig darin, daß Storms Muse die Erinnerung ist. Die Erinnerung bestimmt seine Kunst, der Kultus der Vergangenheit liegt ihm am Herzen. Alte Truhen und vergilbte Handschriften sind dabei seine Requisiten. Aber solche Äußerlichkeiten werden im Laufe der Geschichten zu stärkster Verinnerlichung, und wenn er an Keller schrieb: »Die heutige Novelle in ihrer besten Vollendung ist die epische Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung«, so ist dies ein Bekenntnis, das auf tiefster Kunsterkenntnis fußt. Eine gewisse Eintönigkeit läßt sich im Schaffen der ersten Periode nicht fortleugnen. Das Elegisch-Stimmungsvolle, der musikalische Ton überwiegt. Später mischen sich herbere Züge in das weich Resignierende, und tragische Konflikte drängen zu dramatischerer Ausgestaltung. »In der Kurve der Entwicklung nimmt die Novelle Storms mehr und mehr einen männlichen Charakter und Ton an«, sagt Tönnies. Unbedingt profiliert sie sich vom Ende der siebziger Jahre an schärfer und eindringlicher, aber ihre Stimmungsmacht behält sie bis zuletzt: diesen unvergänglichen Zauber, der uns seine ganz deutsche und auch ganz nordische Kunst so lieb macht.

Fedor von Zobeltitz

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