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Neues Organon

Francis Bacon: Neues Organon - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Bacon
titleNeues Organon
publisherVerlag von L. Heimann
editorJ. H. v. Kirchmann
year1870
translatorJ. H. v. Kirchmann
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Buch.Dem ersten Theile des Werkes, welchen Baco selbst den zerstörenden nennt, folgt der zweite als der wieder aufbauende. Im ersten Theile hat Baco die Wissenschaften und Methoden seiner Zeit bekämpft und ihre Nichtigkeit dargelegt; hier im zweiten Theile giebt Baco seine eigene Methode der Induktion, die er an deren Stelle setzen will. Man kann deshalb den ersten Theil den verneinenden und den zweiten den bejahenden Theil des ganzen Werkes nennen.

1.

Es ist das Werk und Ziel der menschlichen Macht, in einem gegebenen Körper eine oder mehrere neue Eigenschaften zu erzeugen und einzuführen; aber es ist das Werk und Ziel der menschlichen Wissenschaft, die Form einer gegebenen Eigenschaft, oder ihr eigentliches Wesen, oder ihre wirkende Natur, oder die Quelle ihres Entstehens zu entdecken, mit welchen Worten die Sache noch am besten bezeichnet werden kann.

Diesen zwei obersten Werken ordnen sich zwei andere von zweitem und niederem Range unter; dem erstern die Umwandlung der einzelnen Körper aus einem in den andern, soweit dies überhaupt möglich ist; dem andern die Entdeckung des geheimen stetigen Vorganges bei aller Zeugung und Bewegung von der offenbaren Ursache und dem offenbaren Stoffe aus zur innern Form und die Entdeckung der verborgenen innern Gestaltung der ruhenden, nicht in Bewegung befindlichen Körper.Nach Baco sind die elementaren Eigenschaften (naturae) das Ursprüngliche in der Natur; die einzelnen Gegenstände der organischen und unorganischen Welt sind nur Verbindungen solcher elementaren Eigenschaften. Auch hier stimmt Baco genau mit den B. I. 48 entwickelten Ansichten. Auch Baco kennt keine besondere Substanz neben den Eigenschaften, welche ihre Modi oder Accidenzen bildeten; nur diese Modi, oder besser, diese wahrgenommenen Eigenschaften und ihre Formen sind für Baco das Wirkliche und deshalb ist ihm auch die Natur vollkommen erkennbar; es steckt für ihn keine nicht wahrnehmbare Substanz hinter den Eigenschaften. Es kommt also auf die volle Erkenntniss dieser Eigenschaften an; dies ist das Ziel der Wissenschaft. Dieses Wesen der elementaren Eigenschaften nennt Baco die Form (forma) derselben, welcher Ausdruck in diesem Buche häufig wiederkehrt. Baco nennt sie hier auch »ihre wirkende Natur« und »die Quelle ihres Entstehens«; allein diese Worte führen wenig weiter; es liegt vielmehr bei Baco der Gedanke unter, dass diese Eigenschaften ihrem sinnlich wahrgenommenen Inhalt nach nicht das letzte Wirkliche oder Seiende sind, sondern dass ihnen noch ein Anderes, wegen seiner Feinheit nicht Wahrnehmbares zu Grunde liegt, in dem das eigentliche Wesen der wahrgenommenen Eigenschaften enthalten ist, und was, wenn es auch wegen seiner Feinheit sich den Sinnen nicht unmittelbar offenbart, doch mit Hülfe der Induktion entdeckt werden kann. Dieses eigentliche Wesen scheint Baco sich hauptsächlich als eine Bewegung oder Gestaltung des Stoffes zu denken, und deshalb gebraucht er das Wort Form zu dessen Bezeichnung. So ist ihm die Form der Wärme eine Bewegung der kleinsten Theile des Stoffes, wie später näher ausgeführt wird. Für andere Eigenschaften hat Baco die Form nicht so bestimmt entwickelt und dargelegt, aber überall leuchtet schon bei ihm die Ansicht der modernen Naturwissenschaft hindurch, dass zuletzt die materialen Eigenschaften ihre Quelle in Formen, d. h. in Gestalten und Bewegungen der Stofftheilchen haben. Baco behandelt indess noch zu viel scholastische Begriffe und Beziehungen (Begehren, Flucht, Freundschaft, Verwandtschaft der Körper) als reale Eigenschaften und wird dadurch an der folgerechten und klaren Entwickelung des seiner »Form« unterliegenden Gedankens gehindert. Dagegen findet sich diese Entwickelung schon vollständig bei Descartes, seinem jüngeren Zeitgenossen in dessen »Prinzipien der Philosophie« ausgeführt.
Kennt man nun (so geht der Gedankengang Baco's weiter) die Formen der Eigenschaften, so kann man auch diese selbst erzeugen und mithin auch den einzelnen Körpern mittheilen. Dadurch ist es möglich, den einen Körper in den andern umzuwandeln; denn jeder ist nur eine Summe gewisser elementarer Eigenschaften. Deshalb kann man auch Gold aus Silber oder andern Stoffen machen, und Baco giebt selbst in seiner Naturgeschichte ein Rezept zum Goldmachen. Damit ist nach Baco in der Wissenschaft das Höchste erreicht, nämlich die Erkenntniss der Erzeugung der Dinge und der dabei waltenden Gesetze. (Göthe's Faust, I. Scene.)
Unter der »verborgenen innern Gestaltung« der Körper (Schematismus latens) versteht Baco die aus der Verbindung dieser Formen der in einem Gegenstande enthaltenen Eigenschaften hervorgehende Gestaltung seiner kleinsten Theile, sowohl an sich, als in ihrer Stellung zu einander; wobei man jedoch an keine Moleküle mit einem leeren Zwischenraum denken darf, da nach Baco das Leere nicht besteht. Diesem verborgenen Schematismus steht der »processus latens« gegenüber, welcher die Bewegung und den Uebergang dieser Formen bezeichnet; jener stellt die Körper in Ruhe, dieser in ihrer Veränderung und Umwandlung (nicht in ihrer Ortsbewegung) dar. Beide Begriffe werden in den folgenden Artikeln näher erläutert.

2.

Wie schlimm es mit der jetzt geltenden menschlichen Wissenschaft steht, ergiebt sich aus den Aussprüchen, die Jedermann gelten lässt. So sagt man mit Recht: »Die wahre Erkenntniss ist die Erkenntniss durch die Ursachen.«Dieser Satz sowohl, wie die gleich folgende Eintheilung der Ursachen rührt von Aristoteles her. Es sind anderwärts (Ph. d. W. 230) bereits die Mängel dieser Auffassung dargelegt worden, worauf hier verwiesen wird. Baco beseitigt hier den Zweckbegriff aus der Natur; dies ist ein grosser Gedanke, der indess erst in der neuesten Zeit in der Naturwissenschaft zur vollen Geltung gekommen ist. Bis dahin hat die teleologische Auffassung der Dinge und Vorgänge nicht blos in populären Schriften, namentlich zur Verherrlichung Gottes, sondern auch innerhalb der Philosophie vorgeherrscht. Auch Kant ist noch darin befangen. Selbst Baco kann im Einzelnen sich nicht davon frei halten; denn das Begehren, das Streben, was er den Körpern zutheilt, die Geister, welche sie erfüllen und durch ihre Bewegungen die Eigenschaften mit bestimmen, haben sämmtlich eine Art von Wollen in ihrem Begriff und deshalb eine Verwandtschaft mit dem Handeln nach Zwecken. Noch deutlicher kehrt die Teleologie bei Baco in seinen Augmentis scientiarum wieder, wo er, nachdem er die Zwecke aus der Physik entfernt hat, sie in der Metaphysik wieder zulässt und das Dasein Gottes in der Weise des physiko-theologischen Beweises darauf stützt. Dadurch wird es Baco auch möglich, eine natürliche Religion, ziemlich in dem Sinne Kant's, neben der geoffenbarten einzuführen und als einen Theil in die Philosophie aufzunehmen.
  Wenn Baco in Art. 2 weiter sagt: An einer Entdeckung der Form habe man verzweifelt, so verwandelt er den Aristotelischen Sinn dieses Wortes in den seinigen, oben angegebenen Sinn. Aristoteles giebt als Beispiel, dass bei einer Bildsäule der rohe Marmor der Stoff, und ihre Gestalt, nachdem sie fertig geworden, die Form sei.
  Der Schluss des Art. 2 sagt, dass wenn auch das Einzelne das allein Wirkliche sei, die Wissenschaft es doch nur mit dem Allgemeinen zu thun habe. Dies ist richtig; Baco hätte nur um die anscheinende Folge, dass die Wissenschaft es daher mit keinem Wirklichen zu thun habe, zu beseitigen, hinzufügen müssen, dass dieses Allgemeine selbst einen Theil des Einzelnen bilde und durch das begriffliche Trennen aus demselben nur ausgesondert werde.
Auch ist die Eintheilung der Ursachen nicht übel, wonach vier Arten unterschieden werden; der Stoff, die Form, das Wirkende und das Ziel. Davon ist das Ziel für die Wissenschaften ohne Nutzen, ja schädlich; es gilt nur für das menschliche Handeln. An der Entdeckung der Form hat man verzweifelt. Das Wirkende und der Stoff sind in der Weise, wie man sie in voller Absonderung aufsucht und aufstellt, ohne Rücksicht auf den verborgenen Uebergang zur Form, nur oberflächliche und äusserliche Annahmen, welche zur wahren thätigen Wissenschaft nichts beitragen. Ich habe indess nicht vergessen, dass ich oben es als einen Irrthum des menschlichen Geistes bezeichnet und mich dagegen erklärt habe, wenn er das Wesen des Seins in die Form verlegt. Denn allerdings ist in der Natur nichts wahrhaft wirklich als nur die einzelnen Körper mit ihren reinen und gesetzmässigen Wirksamkeiten; aber in der Wissenschaft ist dies Gesetz, seine Erforschung, Entdeckung und Erklärung die Grundlage des Wissens wie des Wirkens. Dieses Gesetz und seine einzelnen Bestimmungen verstehe ich unter dem Worte »Form«; zumal dies Wort Geltung erlangt hat und gebräuchlich geworden ist.

3.

Wer die Ursache einer Eigenschaft, z. B. der weissen Farbe oder der Wärme nur an einzelnen Gegenständen kennt, dessen Wissen ist noch unvollkommen, und wer die Wirkung nur bei einzelnen Gegenständen und nicht bei allen, die überhaupt dafür geeignet sind, hervorbringen kann, dessen Macht ist gleichfalls noch unvollkommen. Wer aber nur die wirksame und stoffliche Ursache kennt, welche Ursachen fliessend sind und nur die Vermittler und Ursachen für die Form bei einzelnen Dingen sind, der kann wohl zu neuen Entdeckungen bei ähnlichem und zubereitetem Stoffe gelangen; aber die höher liegenden Schranken der Dinge durchbricht er nicht.Unter »wirksamen und stofflichen Ursachen« sind die beiden Aristotelischen Arten der Ursache, der Stoff und die wirkende Ursache (causa efficiens) zu verstehen. Baco ist mit der blossen Kenntniss dieser Ursachen nicht zufrieden; sie dringt ihm nicht tief genug in das Wesen der Dinge; deshalb kann man diese Kenntniss auch nur bei ähnlichen Stoffen, also nur in einem beschränkten Kreise benutzen. Baco verlangt deshalb als Höchstes die Erkenntniss der Form in dem dargelegten Sinne. Diese führt in die geheime Werkstätte der Natur und gewährt eine weit ausgedehntere Macht, weil alles Besondere und Einzelne in der Natur aus den Formen dieser elementaren Eigenschaften hervorgeht. Deshalb führt diese Kenntniss der Formen zugleich zur Einheit der Natur, die hier auf der Gleichheit beruht (B. I. 53) und zu der bewussten Macht über dieselbe, welche nicht von dem Zufall abhängt. Wer dagegen die Formen kennt, der erfasst die Einheit der Natur in den verschiedensten Stoffen; er vermag das aufzudecken und hervorzubringen, was bis jetzt noch nicht erreicht worden, und was weder der Wechsel in der Natur noch mühsamen Versuche, noch selbst der Zufall verwirklicht haben würden, und auf das das Denken der Menschen überhaupt nicht gekommen sein würde. Deshalb folgt aus der Entdeckung der Formen die wahre Auffassung und die unbeschränkte Macht.

4.

Da die Wege zur menschlichen Macht und zur Wissenschaft eng verbunden und ziemlich dieselben sind, so ist es in Folge der verderblichen, eingewurzelten Gewohnheit, sich in dem Abstrakten zu bewegen, sicherer, die Wissenschaften von den Grundlagen aus zu beginnen, welche sich auf den thätigen Theil beziehen; dieser hat dann den betrachtenden Theil zu bezeichnen und zu bestimmen. Wir wollen deshalb sehen, welche Anweisung, Anleitung und Ableitung man am liebsten haben möchte, um in einem gegebenen Körper eine bestimmte Eigenschaft zu erzeugen und herzustellen, und dies soll in den einfachsten und verständlichsten Ausdrücken geschehen.Baco will mit diesen Sätzen die Wissenschaft nicht der Praxis unterordnen, sondern er will mit der Wissenschaft an einzelnen Vorgängen und Versuchen beginnen, um die abstrakten, d. h. inhaltslosen oder blosse Beziehungsformen enthaltenden Begriffe zu vermeiden.

Wenn z. B. Jemand dem Silber die gelbe Farbe des Goldes oder eine Vermehrung seines Eigengewichts mitzutheilen wünscht, ohne die Gesetze seines Stoffes zu verletzen; oder wenn man einen undurchsichtigen Stein durchsichtig, oder dem Glase die Zähigkeit, oder einem unorganischen Körper das Wachsen beibringen möchte, wäre zu fragen, welche Vorschrift oder Anweisung man am liebsten dafür zu erhalten wünschte.

Zuerst wird man sicher wünschen, dass etwas gezeigt werde, was keine vergebliche Arbeit macht und den Versuch nicht fehlschlagen lässt. Zweitens wird man wünschen, nicht an bestimmte Mittel und besondere Verfahrungsweisen gebunden und gefesselt zu werden. Denn dann kann leicht aus dem Versuch nichts werden, weil man nicht das Vermögen und die Gelegenheit hat, diese Mittel zu kaufen und sich zu verschaffen. Giebt es noch andere Mittel und andere Arten ausser jenen vorgeschriebenen, um eine solche Eigenschaft hervorzubringen, so hätte man sie sich vielleicht verschaffen können, aber die beschränkte Vorschrift schliesst sie aus und hindert so den Erfolg. Drittens wird man wünschen, dass ein Weg gezeigt werde, der nicht ebenso schwer wie die Aufgabe selbst ist, vielmehr der Ausführbarkeit näher steht. Deshalb gilt von einer wahrhaften und vollständigen Anweisung zu einer Praxis die Regel, dass sie sicher und nicht zu beschränkt, sondern anleitend sei, oder der Art, dass man die Thätigkeit damit beginnen kann.

Dies trifft dann mit der Entdeckung der wahren Form zusammen. Denn die Form einer Eigenschaft ist der Art, dass mit ihrer Setzung auch die Eigenschaft unfehlbar darauf folgt. Deshalb ist die Form immer vorhanden, wenn die Eigenschaft vorhanden ist; sie bejahet diese Eigenschaft allgemein und ist immer in ihr enthalten. Diese Form ist auch der Art, dass mit ihrer Entfernung die betreffende Eigenschaft ausnahmslos verschwindet. Sie ist deshalb überall da nicht vorhanden, wo diese Eigenschaft fehlt; sie beseitigt sie immer mit sich zugleich und ist in ihr allein enthalten. Endlich ist die wahre Form so beschaffen, dass sie die betreffende Eigenschaft aus einer Quelle des Wesens ableitet, die Mehreren innewohnt und die, wie man sagt, der Natur bekannter ist als selbst die Form. Deshalb gilt von einem wahren und vollständigen Grundsatz des Wissens die Regel und der Ausspruch, dass eine Eigenschaft angegeben werde, welche sich in die gegebene Eigenschaft umwandeln kann, und die doch die Besonderung einer der Natur bekannten Eigenschaft ist, welche somit die wahre Gattung darstellt. Beide Aussprüche, sowohl der für das Handeln wie der für das Wissen, sind dasselbe und das, was in der Wirksamkeit das Nützlichste ist, ist im Wissen auch das am meisten Wahre.Diese Stelle hat den Auslegern viele Schwierigkeit gemacht. Unter »beiden Aussprüchen« sind die kursiv gesetzten Sätze zu verstehen; der erste bezieht sich auf die Praxis, auf die Herstellung der Werke; der letzte auf das Ziel und die höchste Aufgabe der Wissenschaft. Jene ist verständlich; diese wird blos dadurch dunkel, dass Baco hier seine »Form der Eigenschaften« noch auf ein Höheres zurückführt, so dass die Form nur eine Besonderung (limitatio) dieses Höheren und letzteres die wahre Gattung (verum genus) ist. Was sich Baco darunter denkt, ist schwer zu sagen; er giebt hier nur die eine Bestimmung davon, dass es »der Natur bekannter« (naturae notior) sei. Dieser Ausdruck selbst ist höchst dunkel und bildet anderwärts den Gegensatz zu »homini notior« (im Urtext von S. 56) und erinnert da an Aristoteles' Unterschied von »dem Ersten der Natur nach« und »dem Ersten der Erkenntniss nach, oder für den Menschen.« Baco war hiernach noch nicht mit der Entdeckung der Formen befriedigt; es waren ihm deren noch zu viel; deshalb setzt er in dem Bestreben nach Vereinfachung der Wissenschaft (Kant, B. IX. 19) noch höhere Realitäten, von denen diese Formen schon die Arten oder Besonderungen sind. Diese Realitäten oder diese Urwirklichkeiten sind zwar dem Menschen nicht bekannt, aber dafür desto bekannter oder wahrer der Natur, da sie ihr innerstes und allgemeines Wesen bilden. In diesem Sinne dürfte die Stelle zu verstehen sein.

5.

Der Lehr- oder Grundsatz über die Umwandlung der Körper ist von doppelter Art. Zuerst kann man den Körper wie einen Haufen oder eine Verbindung einfacher Eigenschaften auffassen. So verbinden sich bei dem Golde die Eigenschaften, dass es gelb ist, ein bestimmtes Eigengewicht hat, dass es gehämmert und zu bestimmten Gestalten ausgedehnt werden kann, dass es nicht flüchtig wird und im Feuer von seiner Menge nichts verliert, dass es einen besondern Fluss hat, und dass es in besonderer Weise aufgelöst und getrennt werden kann. Aehnliches gilt von den übrigen Eigenschaften, die im Golde angetroffen werden. Dieser Lehrsatz leitet also die Sache aus den Formen der einfachen Eigenschaften ab. Denn wenn man die Formen und Wege kennt, wie das Gelbe, das Gewicht, die Dehnbarkeit, die Festigkeit, der Fluss, die Auflösung und alles Uebrige, in den richtigen Graden und Weisen beigebracht werden kann, so wird man diese Eigenschaften auch in einem Körper zu verbinden verstehen und vermögen, und daraus folgt dann die Umwandlung in Gold.

Diese Art des Verfahrens gehört zur ursprünglichen Thätigkeit. Denn die Weise des Erzeugens ist bei einer einfachen Eigenschaft dieselbe, wie bei mehreren zusammen; man wird höchstens in der Ausführung mehr beschränkt, wenn man Mehreres verlangt, weil es schwer ist, viele Eigenschaften zu verbinden, die nur auf den betretenen und gewöhnlichen Wegen sich leicht vereinigen. Dennoch schreitet diese Art der Thätigkeit, welche sich auf die einfachen Eigenschaften selbst bei einem konkreten Körper richtet, nach dem vor, was in der Natur beständig, ewig und allgemein ist, und sie bahnt der Macht der Menschen eine so breite Strasse, wie man sie bei der gegenwärtigen Lage der Dinge kaum fassen oder sich vorstellen kann.Dies zeigt, dass Baco von der Umwandlung der Körper überhaupt überzeugt war; selbst Gold und überhaupt alle einfachen Körper können nach Baco aus andern hergestellt werden, ja man kann sogar einzelne Eigenschaften umwandeln, wenn man nur die Formen derselben kennt. Die moderne Chemie kennt solche Umwandlung der Elemente nicht; allein wenn nach der Theorie des modernen Materialismus, mit welcher auch Descartes übereinstimmt, der Stoff in allen, selbst in allen elementaren Körpern derselbe ist, und diese sich nur durch die Grösse, die Gestalt und die Bewegung der Moleküle unterscheiden, so ist diese von Baco behauptete Möglichkeit der Umwandlung und des Goldmachens keine Lächerlichkeit mehr, sondern eine Konsequenz des Prinzips, zu deren Verwirklichung es nur nöthig ist, diese Formen genau zu kennen und eine Leitung der kleinsten Theilchen zu gewinnen.

Die zweite Art der Lehrsätze hängt von der Entdeckung der verborgenen Vorgänge ab; sie schreitet nicht mittelst einfacher Eigenschaften vorwärts, sondern mittelst vollständiger Körper, wie man sie in dem gewöhnlichen Lauf der Natur antrifft. So kann es sich z. B. um die Untersuchung handeln, aus welchen Anfängen, in welcher Art und durch welchen Vorgang das Gold, oder ein anderes Metall, oder ein Stein erzeugt werde, und zwar von dem ersten Ursprung und der rohen Anlage ab bis zu seiner vollständigen mineralischen Natur; oder um die Untersuchung des Vorganges, wie die Pflanzen entstehen, von den ersten Verbindungen der Säfte in der Erde ab, oder von dem Samen ab bis zur ausgebildeten Pflanze einschliesslich der ganzen Reihe ihrer Veränderungen und des verschiedenen und stetigen Wirkens der Natur; oder es handelt sich um die ordentliche Erklärung der Erzeugung der Thiere vom Anfange ab bis zur Geburt, oder um Aehnliches bei andern Körpern. Denn diese Untersuchung beschränkt sich nicht blos auf die Erzeugung der Körper, sondern auch auf andere Bewegungen und Wirksamkeiten der Natur. So kann es sich z. B. um den ganzen Prozess der Ernährung mit seinen einzelnen stetigen Vorgängen handeln, von der ersten Aufnahme des Nährmittels bis zur vollständigen Umwandlung; oder um die willkürliche Bewegung der Thiere von dem ersten Eindruck in dem Vorstellen und dem fortgehenden Streben der Geister ab bis zur Biegung und Bewegung der Glieder; oder um die beginnende Bewegung der Zunge und der Lippen und übrigen Organe bis zur Aussprache der artikulirten Worte. Denn auch dies betrifft konkrete oder verbundene und in Thätigkeit befindliche Eigenschaften, die gleichsam als besondere und eigenthümliche Gewohnheiten der Natur, aber nicht als fundamentale und allgemeine Gesetze, welche die Formen begründen, gelten können. Dennoch muss man anerkennen, dass diese Art ausführbarer ist und uns näher steht und mehr Hoffnung gewährt als jene erste.Diese zweite Art der Lehrsätze bezieht sich auf den latenten Prozessus, während die erste sich auf den latenten Schematismus bezieht; jene fassen die Körper in ihrer Bewegung, diese in ihrer Ruhe. Indess ist die Grenze beider mehr scheinbar; denn auch die Form der einzelnen Eigenschaften kann ohne Bewegung, d. h. ohne Prozess nicht vor sich gehen.

Der praktische TheilEs ist damit die Verwendung der Wissenschaft zu Werken gemeint; die beiden vorgehenden Arten von Lehrsätzen gehören zu dem theoretischen Theil. beginnt in Uebereinstimmung mit dem theoretischen Theil seine Wirksamkeit von dem aus, was in der Natur gewöhnlich angetroffen wird, und geht von da aus zu dem Nächsten und zu dem davon nicht sehr Entfernten weiter; dagegen ist die tiefere, bis auf die Wurzel dringende Wirksamkeit gegen die Natur ebenfalls von den obersten Grundsätzen abhängig. Selbst da, wo der Mensch nicht handeln, sondern nur erkennen kann, wie bei den Vorgängen am Himmel, wo es dem Menschen nicht möglich ist, auf die Himmelskörper einzuwirken, sie zu verändern und umzugestalten, wird doch die Erforschung der Thatsachen und der Wahrheit der Vorgänge, ebenso wie die Erkenntniss der Ursachen und der Zusammenwirkung auf jene obersten und allgemeinsten Grundsätze über die einfachen Eigenschaften zurückgeführt, wie dies bei der freiwilligen Umdrehung, bei der magnetischen Anziehung oder Kraft, und Anderem geschieht, die noch weiter als auf die Himmelskörper sich erstreckten. Denn Niemand kann hoffen, die Frage, ob bei der täglichen Bewegung die Erde oder der Himmel sich umdreht, zur Entscheidung zu bringen, bevor er nicht die Natur der freiwilligen Bewegung begriffen hat.

6.

Der verborgene Prozess, den ich erwähnt, ist etwas ganz Anderes, als was die Menschen bei der jetzigen Verfinsterung ihres Geistes sich leicht vorstellen können. Denn ich verstehe darunter nicht gewisse Maasse, oder Zeichen, oder sichtbare Stufen des Fortschritts in den Körpern, sondern jenen stätigen Prozess, welcher zum grossen Theil nicht sinnlich wahrnehmbar ist. So muss man z. B. bei allen Zeugungen und Umwandlungen der Körper untersuchen, was verloren geht und entfliegt, was bleibt, was hinzukommt, was sich ausdehnt, was sich zusammenzieht, was sich verlängert, was abgetrennt wird, was stösst und was anhält, was herrscht, was unterliegt und Anderes mehr. Auch ist dies nicht blos bei der Erzeugung und Umwandlung der Körper zu ermitteln, sondern bei jeder andern Veränderung und Bewegung muss in ähnlicher Weise ermittelt werden, was vorhergeht, was nachfolgt, was anreizt und was nachlässt, was die Bewegung veranlasst, was regiert und Aehnliches. Dies Alles ist in den Wissenschaften, wie sie jetzt von der feisten und durchaus unfähigen Minerva gewebt werden, unbekannt und unermittelt. Da aber alle Wirksamkeit in der Natur durch die kleinsten Theile sich vollzieht, oder wenigstens durch Theile, die so klein sind, dass sie den Sinnen entgehen, so darf Niemand hoffen, die Natur beherrschen und umwandeln zu können, bevor er nicht jenen Prozess, so weit als nöthig, begriffen und sich eingeprägt hat.Was Baco in diesem Artikel verlangt, ist die umfassende Betrachtung aller bei einem Versuch oder einem Vorgang mitwirkender oder nachfolgenden Umstände. Ebenso bedeutend ist seine hier ausgesprochene Ansicht, dass alle Wirksamkeit der Natur in den kleinsten Theilen sich vollziehe, welche zu einem Fundamentalsatz der modernen Naturwissenschaft geworden ist. Dies sind die Lichtblicke, welche Baco als grossen Geist darstellen, wenn er auch im Einzelnen noch in vielen Irrthümern stecken geblieben ist, wie Liebig nachgewiesen hat. Dergleichen grosse und tief in die Wahrheit eindringende Blicke enthält in noch reicherem Maasse und für alle Gebiete sein Werk: De augmentis scientiarum.

7.

Auch die Erforschung und Entdeckung der verborgenen innern Gestaltung der Körper ist etwas ebenso Neues, wie die Entdeckung des verborgenen Prozesses und der Form. Denn zur Zeit befinden wir uns durchaus noch in dem Vorhof der Natur und bereiten uns keinen Zugang zu dem Innern. Niemand wird aber einen bestimmten Körper mit einer neuen Eigenschaft versehen, oder in einen neuen Körper mit Glück passend verwandeln können, bevor er nicht eine richtige Kenntniss des Körpers erlangt hat, der verändert oder umgewandelt werden soll. Ohnedem wird er in nutzlose Versuche und in schwierige und verkehrte Versuchungsweisen gerathen, welche der Natur des zu bearbeitenden Körpers nicht entsprechen. Deshalb muss auch dieser Weg vollständig geöffnet und gebahnt werden.

Auf die Zerlegung der organischen Körper wie des menschlichen und thierischen wird mit Recht und mit Nutzen Mühe verwendet; es ist dies ein feines Geschäft und eine gute Erforschung der Natur. Indess bleibt diese Art der Zerlegung noch sichtbar und sinnlich wahrnehmbar und findet nur in den organischen Körpern statt; sie ist noch etwas, was sich gleich darbietet und auf der Hand liegt im Vergleich zu der Zerlegung der verborgenen Gestaltung der als gleichartig geltenden Körper, namentlich der bestimmt gestalteten Körper und ihrer Theile, wie z. B. das Eisen, die Steine und die gleichartigen Theile der Pflanzen, Thiere, wie die Wurzeln, die Blätter, Blüthen, das Fleisch, das Blut, die Knochen u. s. w.Die innere Gestaltung hängt nach Baco nicht mit den in die Sinne fallenden Unterschieden der einzelnen Bestandtheile eines Körpers zusammen, sondern bestimmt schon die einfachen oder gleichartigen Körper; deshalb kann die Anatomie, welche nur diese sichtbaren Unterschiede bloslegt, dafür nichts helfen. Doch hat die menschliche Thätigkeit sich auch auf diese Dinge gerichtet. Denn dahin zielt die Trennung der gleichartigen Körper durch Destillation und andere Arten der Auflösung, welche die Ungleichheit der Verbindung durch die Sammlung der gleichartigen Theile darlegen will. Auch dies ist von Nutzen und hilft zu dem, was ich suche; doch trügt es auch oft, weil man Vieles auf Rechnung der Trennung stellt und so auffasst, als hätte es schon vorher in dem ganzen Körper bestanden, obgleich doch in Wahrheit das Feuer, die Wärme und andere auflösende Mittel es erst neu hinzu bringen und anfügen.

Indess ist auch dies nur erst ein geringer Theil der Arbeit für die Auffindung der innern Gestaltung in den zusammengesetzten Körpern; denn diese Gestaltung ist viel zu fein und genau, als dass sie durch die Wirkungen des Feuers nicht vielmehr gestört als ermittelt und klar gelegt werden sollte. Deshalb darf die Trennung und Auflösung der Körper nicht durch das Feuer, sondern muss durch den Verstand und durch die wahre Induktion mit Hülfe von Versuchen geschehen; andere Körper müssen in Vergleich genommen, und die einfachen Eigenschaften und deren Formen müssen ausgesondert werden, welche in dem verbundenen Körper beisammen sind und in einander stecken. Man muss von dem Vulkan zur Minerva übergehen, wenn man das wahre Gewebe und die innere Gestaltung der Körper an's Licht bringen will, von denen alle verborgenen sogenannten Eigentümlichkeiten und Kräfte der Dinge abhängen, und nach welchen sich alle Regeln über die wirksame Veränderung und Umgestaltung derselben bestimmen.Diese Stelle zeigt, dass in Baco's Sinn die innere Gestaltung der Körper mit den Formen der elementaren Eigenschaften ziemlich zusammenfällt; jene umfasst höchstens noch die Verbindung mehrerer solcher Formen, da alle Körper aus mehreren Eigenschaften bestehen.

So muss man z. B. ermitteln, welches in einem Körper die Geister, und welches sein greifbares Wesen ist, und ob jene Geister in Menge und Ueberfluss oder nur in nüchternem und geringem Maasse vorhanden sind; ob sie dünn oder dick sind, ob luftig oder feurig, ob scharf oder unthätig, ob schwach oder stark, ob im Zunehmen oder Abnehmen, ob getrennt oder stetig zusammenhängend, ob übereinstimmend mit der äussern Umgebung, oder in Widerstreit u. s. w. In ähnlicher Weise ist mit den fühlbaren Theilen zu verfahren, die ebenso viel Unterschiede annehmen wie die Geister; es sind ihre Haare, ihre Fibern und ihr ganzes Gewebe zu untersuchen. Auch die Stelle der Geister innerhalb der körperlichen Masse, deren Poren, Gänge, Adern und Zellen und die rohen Anfänge oder Versuche zu einem organischen Körper gehören zu dieser Ermittelung. Allein auch hier wie bei jeder Entdeckung der innern Gestaltung kommt das wahre und deutliche Licht, was alle Dunkelheit und Spitzfindigkeit vertreibt, nur von den obersten Grundsätzen.

8.

Indess wird deshalb der Gegenstand nicht auf Atome zurückgeführt, wobei das Leere und ein nicht fertiger Stoff vorausgesetzt werden müsste, was Beides unrichtig wäre, sondern nur auf seine wahren kleinsten Theile, wie sie der Versuch ergiebt. Auch braucht Niemand diese Aufgabe als unlöslich anzusehen, vielmehr wird, je mehr die Untersuchung auf die einzelnen Eigenschaften sich richtet, Alles desto klarer und durchsichtiger werden. Die Arbeit wendet sich damit von dem Verwickelten zu dem Einfachen, von dem Unmessbaren zu dem Messbaren, von dem Unfassbaren zu dem Berechenbaren, von dem Grenzenlosen und Unbestimmten zu dem Bestimmten und Festen, ähnlich wie es mit den Buchstaben der Worte und mit den Tönen der Akkorde sich verhält. Am besten schreitet aber die Naturforschung vor, wenn das Physische in dem Mathematischen endet.Hier kehrt der schon früher besprochene Gedanke wieder, ohne dass er deutlicher würde. Vielleicht meint Baco damit, dass die materialen Eigenschaften (Farbe, Ton, Härte etc.) sich zuletzt in mathematische auflösen müssen, d. h. in Grösse, Gestalt und Bewegung. Dies wäre denn derselbe Gedanke, den Descartes in seinen Prinzipien ausgeführt hat.

Auch die Menge und die Brüche braucht Niemand zu fürchten; denn in den durch Zahlen zu erledigenden Dingen kann man ebenso leicht das Tausend wie die Eins setzen und vorstellen, und den tausendsten Theil von Etwas ebenso leicht wie das ungetheilte Eine.

9.

Aus jenen beiden Arten der Grundsätze, die oben angegeben worden, ergiebt sich die wahre Eintheilung der Philosophie und der Wissenschaften, indem ich dabei die gebräuchlichen Worte, welche die Sache noch am besten bezeichnen, in meinem Sinn nehme. Demnach bildet die Erforschung der in ihrer Weise und nach ihren Gesetzen ewigen und unveränderlichen Formen die Metaphysik; dagegen bildet die Erforschung der wirkenden Ursachen und des Stoffes und des verborgenen Prozesses und der verborgenen innern Gestaltung die Physik, da dies Alles den gewöhnlichen und gemeinen Lauf der Natur und nicht die fundamentalen und ewigen Gesetze der Natur betrifft. An diese schliessen sich zwei praktische Wissenschaften; nämlich die Mechanik an die Physik und die Magie in ihrer reinen Bedeutung an die Metaphysik, da die Wege der Magie weiter gehen und ihre Herrschaft über die Natur grösser ist.Nach dem Frühern in Art. 7 würde der verborgene Prozess und die geheime innere Gestaltung der Dinge mehr zur Metaphysik als zur Physik gehören, da insbesondere die Formen der Eigenschaften und die innere Gestaltung beinahe zusammenfallen. Die Stelle wird erst durch die Definitionen verständlich, welche Baco in seiner Augmentis scientiarum über Physik und Metaphysik aufstellt, und auf welche hier nur verwiesen werden kann.

10.

Nachdem so das Ziel für die Darstellung gesetzt worden, gehe ich zu den Regeln über und zwar nach einer so wenig als möglich verkehrten oder gestörten Ordnung. Die Mittel für die Naturerklärung umfassen im Allgemeinen zwei Theile; der erste zieht und entwickelt die Lehrsätze aus der Erfahrung; der zweite zieht und entwickelt neue Versuche aus den Lehrsätzen. Der erste Theil sondert sich in drei Abschnitte, von denen einer die Sinne, der zweite das Gedächtniss und der dritte die Seele oder den Verstand unterstützt. Zuerst muss aber eine genügende und gute Naturgeschichte und eine Sammlung der Versuche beschafft werden, um die Grundlage der Arbeit zu bilden. Denn man soll nicht erdichten, nicht ausdenken, sondern auffinden, was die Natur thut und erträgt. Der Inhalt der Naturgeschichte und Versuche ist aber so mannichfach und durcheinander geworfen, dass er den Verstand verwirrt und zerstreut, wenn er nicht in einer passenden Ordnung aufgestellt und vorgelegt wird. Deshalb muss man zweitens Tafeln und Zusammenstellungen der einzelnen Fälle machen und diese so einrichten, dass der Verstand sie übersehen kann. Aber wenn dies geschieht, bleibt doch der Verstand, wenn er sich selbst und seinen eigenen Bewegungen überlassen wird, ungeeignet und ungeschickt zur Gewinnung der Grundsätze; er bedarf vielmehr einer Leitung und eines Schutzes. Deshalb ist drittens die richtige und wahre Induktion anzuwenden, welche als der wahre Schlüssel zur Naturerklärung anzusehen ist. Dabei ist mit dem Ende zu beginnen und von da rückwärts zu dem Anderen überzugehen.D. h. die Induktion muss von dem Einzelnen (oder Letzten) beginnen und darf nur allmählich sich zu den höhern und höchsten (ersten) Sätzen (rückwärts) erheben.

11.

Die Entwickelung der Formen geschieht in folgender Art: Für eine bestimmte Eigenschaft muss zunächst eine Uebersicht aller bekannten Fälle für den Verstand aufgestellt werden, so weit sie bei den verschiedensten Gegenständen doch in dieser Eigenschaft übereinstimmen. Diese Zusammenstellung ist rein historisch zu machen und jede voreilige Betrachtung oder feinere Unterscheidung davon abzuhalten. So ist z. B. die Untersuchung der Form des Warmen folgendergestalt umzustellen:

Fälle,Baco gebraucht das Wort instantiae nicht in seinem wahren lateinischen Sinn, sondern im Sinn des englischen instance (Beweismittel). Man hat es durch »Beispiel« übersetzt; allein es sind darunter nicht sowohl bestimmte Einzel-Vorgänge oder Einzel-Dinge zu verstehen, sondern besondere Arten von Dingen, wo mehrere Einzelne unter einem gemeinsamen Namen zusammengefasst werden, und nur in Bezug auf die betreffende Eigenschaft eine Besonderung darstellen. Es ist deshalb hier das Wort mit »Fälle« übersetzt worden. die in der Eigenschaft des Warmen übereinstimmen.Baco benutzt als Beispiel zur Erläuterung seiner neuen induktiven Methode hauptsächlich die Eigenschaft des Warmen und Kalten; ein grosser Theil dieses zweiten Theiles ist damit ausgefüllt, und der Zusammenhang der wissenschaftlichen Gedanken ist dadurch erheblich gestört. In Art. 5 spricht er von zwei Arten von Lehrsätzen, wonach sich die Naturwissenschaft in Metaphysik und Physik sondert. Seine Methode soll beide umfassen; also mussten auch beide im Organon behandelt werden; allein Baco bleibt nur bei den erstern stehen, die sich mit der Ermittelung der Formen der Eigenschaften beschäftigen. Hierfür giebt er in den folgenden Artikeln seine Methode näher an; sie zerfällt in die Induktion aus den bejahenden Fällen und in die Berichtigung derselben durch die ausschliessenden oder verneinenden Fälle und durch die Fälle verschiedenen Grades. Allen drei Arten liegen Tafeln der Uebersichten der Fälle zu Grunde, um nichts Erhebliches zu übergehen. Nachdem die Induktion so weit vorbereitet worden, hält Baco die erste Weinlese, d. h. er versucht Lehrsätze über die Form der untersuchten Eigenschaft aufzustellen. Dies geschieht aber nur erst versuchsweise und mit Vorbehalt, um dem Geiste frischen Muth zu machen. Dann geht Baco in Art. 21 zu den weitern Hülfsmitteln der Induktion über. Er zählt da neun verschiedene auf; allein er kommt in diesem Theile nicht über das erste hinaus, was die vornehmsten Fälle (instantias praerogativas) behandelt, welche sehr ausführlich erörtert; eingetheilt und durch Beispiele erläutert werden. Dagegen fehlt die Behandlung der übrigen acht Hülfsmittel. Das Werk erscheint so äusserlich als ein Bruchstück, dessen grösster Theil noch fehlt. Allein näher betrachtet, wird sich ergeben, dass Baco in seinen »Instanzen« und bei Gelegenheit derselben so ziemlich Alles erschöpft hat, was sich über seine neue Methode sagen lässt, und dies wird der wahre Grund sein, weshalb Baco an die Bearbeitung der übrigen in Art. 21 aufgeführten Hülfsmittel nicht gegangen ist. Die Eintheilung in Art. 21 war vorweg gemacht; aber bei der Ausführung musste alles Erhebliche schon bei den »Instanzen« mit aufgenommen werden. Das Werk kann deshalb innerlich als vollendet gelten, obgleich es äusserlich sich als Bruchstück darstellt.

  1. Die Sonnenstrahlen, vorzüglich im Sommer und des Mittags.
  2. Die zurückgeworfenen und zusammengedrängten Sonnenstrahlen, wie es zwischen Bergen oder durch Wände und vorzüglich durch Brennspiegel geschieht.
  3. Die feurigen Lufterscheinungen.
  4. Die zündenden Blitze.
  5. Die Flammenausbrüche aus den Höhlen der Berge.
  6. Jedwede Flamme.
  7. Alles Feurige in fester Form.Feuriges in fester Form sind z. B. das glühende Eisen und die glühenden Kohlen.
  8. Die heissen natürlichen Wasser.
  9. Die erhitzenden oder erwärmten Flüssigkeiten.
  10. Der heisse Dunst und Rauch und die Luft selbst, die eine sehr starke und wüthende Hitze annimmt, wenn sie in Schmelzöfen eingeschlossen ist.
  11. Die aus dem natürlichen Zustand der Luft hervorgehenden heissen Winde, ohne Unterschied der Jahreszeiten.
  12. Die unterirdische, in gewissen Höhlen eingeschlossene Luft, namentlich während des Winters.Baco ist noch in der irrigen Meinung befangen, dass die Luft in den Kellern im Winter wärmer ist wie im Sommer, während dies nur so scheint, weil die äussere Luft im Winter kälter und im Sommer wärmer als die Kellerluft ist.
  13. Alle feurigen Stoffe, wie die Wolle, die Pelze der Thiere und das Gefieder der Vögel, haben einige Wärme.Auch dies ist ein Irrthum; diese Gegenstände dienen nur als schlechte Wärmeleiter; die Luft ist ein schlechter Wärmeleiter, und der Wechsel der Luft wird durch die Pelze und das Gefieder gehindert.
  14. Die dem Feuer eine Zeit lang nahe gewesenen Körper und zwar jeder Art, die festen wie die flüssigen, die dichten wie die luftigen und die Luft selbst.
  15. Die Funken, welche durch Schlagen des Stahls aus dem Kiesel herausspringen.
  16. Jeder stark geriebene Körper, sei es Stein oder Holz oder Tuch. Deshalb fangen die Axen und Naben der Räder manchmal Feuer, und deshalb pflegen die Westindier sich mittelst Reibens Feuer zu machen.
  17. Grünes und feuchtes Gras, was eingeschlossen und zusammengepresst ist, wie die in Körbe gepackten Rosen oder Erbsen. Deshalb schlägt das feucht eingebrachte Heu manchmal in Flammen aus.
  18. Der gebrannte Kalk, wenn er mit Wasser besprengt wird.
  19. Das Eisen, wenn es durch ätzende Wasser in einem Glase aufgelöst wird, ohne dass Feuer dazu benutzt wird; ebenso das Zinn, obgleich nicht so kräftig.
  20. Die Thiere, hauptsächlich und dauernd in ihren innern Theilen, wenn man auch bei den Insekten die Wärme wegen der Kleinheit ihrer Körper nicht fühlen kann.
  21. Der Pferdemist und alle frischen Exkremente der Thiere.
  22. Das Vitriol-Oel wirkt wie die Wärme in Verbrennung der Leinwand.
  23. Das Origan-Oel und ähnliche Oele wirken wie die Wärme bei Verbrennung der Zähne.
  24. Der starke und rektifizirte Weingeist wirkt wie die Wärme; deshalb gerinnt das hineingeworfene Eiweiss und wird weiss, als wenn es gekocht wäre; das darin eingetauchte Brod vertrocknet und verhärtet wie geröstetes Brod.Das Letztere ist falsch, wie schon Liebig rügt; überhaupt vermischt Baco in den Fällen 22-24 die Ursachen der Wärme mit den Wirkungen der Wärme.
  25. Die aromatischen und erhitzenden Kräuter, wie der Drachant, die alte Brunnenkresse u. s. w., die zwar weder ganz, noch pulverisirt, sich warm anfühlen, aber doch auf der Zunge und beim Kauen eine heisse und brennende Empfindung verursachen.
  26. Der Essig und alles Saure auf einem Gliede, wo die Oberhaut fehlt, wie auf dem Auge, der Zunge, auf Wunden und offenem Fleische. Sie erregen da einen Schmerz, der sich wenig von dem durch Hitze veranlassten unterscheidet.
  27. Auch starke und heftige Kälte bringt ein Gefühl wie von Brennen hervor; denn es heisst ja: »Es brennt die durchdringende Kälte des Nordwindes.«Auch die Fälle 25-27 passen nicht hierher, da sie nur scheinbare Wärme und Empfindungen in Organen veranlassen, die an sich die Wärme, als Gegenständliches, gar nicht wahrnehmen. Der Vers ist aus Virgil's Georgica I. 93 entnommen.
  28. Noch manches Andere.

Ich pflege solche Aufstellung »die Tafel des Wesens und der Gegenwart« zu nennen.Schon diese erste Tafel zeigt die Schwäche Baco's in Anwendung seiner Methode auf das Besondere. Im Eifer, Nichts zu übersehen, stellt er Dinge zusammen, die selbst für die fragliche Eigenschaft entweder gar nicht hierher gehören, oder nur Sinnestäuschungen, oder gar unrichtige Behauptungen enthalten. Dies ist einer der Punkte, an welche Liebig seinen harten Tadel gegen Baco angeknüpft hat. Baco hatte sich seine Aufgabe zu umfassend und gross gestellt; dabei wurde er durch seinen Ehrgeiz von den Wissenschaften immer weg in das Leben und die Politik gerissen; so blieb ihm für die scharfe und durchdringende Erwägung der einzelnen Fälle nicht Zeit und Musse genug; das Meiste ist aus oberflächlicher Auffassung oder aus Büchern, namentlich aus Paracelsus und Gilbert's Schriften zusammengetragen und Wahres mit Unwahrem vielfach gemischt. Baco lag es weniger an eigner Erforschung der Natur im Einzelnen als an Entwickelung und Darlegung seiner Methode und Prinzipien. Die hier aufgestellten Tafeln sollen deshalb mehr der Erläuterung und der Veranschaulichung dieser Prinzipien und Methode dienen, und die wirkliche Erforschung der Natur ist nicht ihr Hauptzweck. Deshalb war Baco in Zusammenstellung dieser Tafeln weniger ängstlich; er überliess hier Vieles seinem Sekretair Rawley; sein Zweck, den er allein im Auge hatte, seine Methode zu erläutern, wurde durch solche Fehler nicht gestört. Dies ist es, was sich zu seiner Entschuldigung sagen lässt.

12.

Dann ist zweitens eine Uebersicht der Fälle zu machen, wo die betreffende Eigenschaft fehlt. Denn die Form muss, wie erwähnt, da fehlen, wo die Eigenschaft fehlt, und da sein, wo diese da ist. Alles hier anzuführen, würde kein Ende nehmen; deshalb sind hier nur solche verneinende Fälle den bejahenden gegenüberzustellen, und der Mangel ist nur bei solchen Gegenständen zu beachten, welche denen, wo die Eigenschaft da ist und sich zeigt, sehr verwandt sind. Diese Aufstellung pflege ich die »Tafel der Abweichung oder der Abwesenheit im Nächsten« zu nennen.

Tafel der nächsten Fälle, wo die Eigenschaft des Warmen fehlt.

  1. Dem ersten bejahenden Fall entspricht als erster verneinender Fall: Die Strahlen des Mondes, der Sterne, der Kometen werden nicht als warm empfunden; ja die strengste Kälte pflegt bei Vollmond einzutreten. Doch meint man, dass die grössern Fixsterne, wenn die Sonne in ihre Nähe kommt oder an ihnen vorbeigeht, die Wärme der Sonne steigern und sie kräftiger machen, wie dies geschieht, wenn die Sonne in den Hundstagen im Sternbild des Löwen steht.Auch dieser Fall ist unrichtig. Abgesehen von den darin enthaltenen falschen Wetterregeln, ist es mit den feinern Instrumenten der Neuzeit gelungen, auch eine erwärmende Wirkung an den Mondesstrahlen nachzuweisen.
  2. Zweitens in Bezug auf den zweiten bejahenden Fall. Die Strahlen der Sonne erwärmen in der sogenannten mittlern Region der Luft nicht, was man gewöhnlich und wohl richtig daraus erklärt, dass diese Gegend weder der Sonne, von der die Strahlen ausgehen, noch der Erde, von der sie zurückgeworfen worden, nahe genug ist. Dies bestätigt sich an den Gipfeln der Berge, wo der Schnee, wenn sie nicht zu steil sind, niemals schmilzt. Dem entgegen hat man bemerkt, dass auf der Spitze des Pic's von Teneriffa und in den Anden von Peru die Gipfel der Berge schneefrei sind, und der Schnee hier nur in den niedern Regionen sich findet; auch ist die Luft auf jenen Spitzen nicht kalt, sondern nur dünn und scharf, so dass sie auf den Anden durch ihre zu grosse Schärfe die Augen reizt und bluten macht und ebenso den Magenmund erregt und Brechen veranlasst. Auch die Alten haben bemerkt, dass auf dem Gipfel des Olymp die Luft so dünn war, dass man bei seiner Besteigung in Essig und Wasser getauchte Schwämme mit sich führen musste, die man in Mund und Nase steckte, weil die dünne Luft für das Athmen nicht hinreichte. Auch erzählt man von dem Gipfel des Olymp, es habe dort eine solche Heiterkeit und Ruhe geherrscht, und es habe sich weder Schnee, noch Regen, noch Wind da gezeigt, so dass die Buchstaben, welche von den Opfernden mit den Fingern in die Asche der Opfer auf dem Altar des Jupiter eingeschrieben worden, sich bis zu dem nächsten Jahre unversehrt erhalten hätten. – Auch heutzutage unternimmt man die Besteigung des Pic's von Teneriffa des Nachts und nicht am Tage; nach Sonnenaufgang treiben und erinnern die Führer, schnell herabzusteigen, weil die dünne Luft gefährlich sei und die Geister auflöse und ersticke.Unter »Geistern« sind wie immer die bereits früher beschriebenen feinsten Theile des Körperlichen zu verstehen, die nach Baco auch die Bewegung im menschlichen Körper vermitteln. Uebrigens enthält auch dieser Fall Nr. 2 viel thatsächliche Irrthümer; es würde zu weit führen, wenn sie hier alle gerügt werden sollten. Um diese Mängel von Baco's Werk zu übersehen, muss der Leser in einem der neuern Handbücher der Physik das Kapitel über die Wärme nachlesen. Insbesondere wird dazu das berühmte Werk des Engländers Tyndall über die Wärme empfohlen, von dem eine deutsche Uebersetzung von Helmholz bei Vieweg in Braunschweig 1867 erschienen ist. Hier nur so viel: Je diathermaner ein Körper ist, d. h. je mehr er die Wärmestrahlen ungehindert durch sich hindurchgehen lässt, desto weniger werden seine Moleküle zu den Wärmeschwingungen bestimmt, und desto weniger wird er daher selbst warm werden; deshalb sind die obern Luftregionen weniger warm als die untern, wo die Erwärmung derselben zugleich durch Berührung mit der erwärmten Erde geschieht.
  3. Drittens in Bezug auf den zweiten bejahenden Fall. Das Zurückwerfen der Sonnenstrahlen in den Polargegenden bewirkt nur eine schwache oder gar keine Wärme. So wurden die Niederländer, welche in Nova Zembla überwintert hatten und mit dem Anfange des Monats Juli ihr Schiff von den Eismassen, die es umlagerten, befreit und gelöst zu sehen hofften, in dieser Hoffnung getäuscht und genöthigt, sich dem Boote anzuvertrauen. Deshalb scheinen die direkten Sonnenstrahlen wenig zu vermögen, selbst über eine Ebene, und auch die zurückgeworfenen nur wenig, wenn sie nicht vervielfacht und verbunden werden, wie dann geschieht, wenn die Sonne sich mehr der senkrechten Stelle nähert. Die einfallenden Strahlen machen dann spitzere Winkel und die einzelnen Strahlen sind einander näher; steht aber die Sonne schief, so sind die Winkel stumpf, und deshalb stehen die einzelnen Strahlen weiter von einander ab. Doch muss man sich gegenwärtig halten, dass es viele Wirkungen der Sonnenstrahlen auch in Bezug auf die Wärme geben kann, welche für unsern Gesichtssinn nicht erheblich genug sind und daher für uns zu keiner Erwärmung führen, die aber in Bezug auf andere Körper doch die Wirksamkeit des Warmem haben.Darunter versteht Baco nur sehr schwache Grade der an sich fühlbaren Wärme und nicht die sogenannte latente Wärme, welche nur zur Erhaltung des Aggregatzustandes des Körpers dient und selbst auf die feinsten Instrumente keine wärmende Wirkung äussert.
  4. Viertens in Bezug auf den zweiten Fall. Man mache folgenden Versuch. Man nehme einen künstlichen Spiegel, der umgekehrt wie ein Brennspiegel gearbeitet ist und stelle ihn zwischen die Hand und die Sonnenstrahlen und beobachte, ob dieser Spiegel die Wärme der Sonne so vermindert, wie der Brennspiegel sie vermehrt und verstärkt. Denn es ist bekannt, dass die Lichtstrahlen, je nachdem der Spiegel eine ungleiche Dicke in der Mitte gegen seine Seiten hat, die Bilder bald mehr auseinander, bald mehr zusammenziehen. Dasselbe wird sich auch in Bezug auf die Wärme beobachten lassen.Dieser Fall ist sinnreich ausgedacht, aber die menschliche Hand ist ein viel zu grobes Instrument, um diese feinen Unterschiede zu empfinden.
  5. Fünftens in Bezug auf den zweiten Fall. Man versuche sorgfältig, ob nicht durch die stärksten und besten Brennspiegel die aufgefangenen und gesammelten Mondstrahlen irgend ein Grad von Wärme herbeiführen. Wäre dieser Wärmegrad vielleicht für das Gefühl zu fein und zart, so nehme man jene Gläser zu Hülfe, welche die kalte oder warme Beschaffenheit der Luft anzeigen und lasse die durch den Brennspiegel gesammelten Mondesstrahlen auf den obern Theil eines solchen Glases fallen und beobachte, ob eine Herabdrückung des Wassers durch die Wärme eintritt.Es ist das von Drebbel erfundene, damals übliche Thermoskop gemeint, was Baco später (Art. 13 No. 38) näher beschreibt und was in damaliger Zeit das einzige Instrument war, um die Wärmegrade an der Ausdehnung eines Körpers zu messen. Das Quecksilber-Thermometer wurde erst später erfunden.
  6. Sechstens in Bezug auf den zweiten Fall. Man halte ein Brennglas über einen heissen Körper, der nicht leuchtet und strahlt, wie heisses Eisen oder Erz, sondern wie heisses Wasser und Aehnliches nicht feurig ist, und beobachte, ob die Wärme hier ebenso, wie bei den Sonnenstrahlen dadurch vermehrt und verstärkt wird.Dieser höchst scharfsinnige Gedanke ist später durch die Entdeckung der neben dem Spektrum noch vorhandenen dunkeln Wärmestrahlen vollständig bestätigt worden.
  7. Siebentes in Bezug auf den zweiten Fall. Man benutze auch den Brennspiegel für die gewöhnliche Flamme.
  8. Achtens in Bezug auf den dritten Fall. Die Kometen, wenn man diese zu den Lufterscheinungen rechnen darf, zeigen keinen regelmässigen und offenbaren Einfluss auf die Vermehrung der Jahreswärme, obgleich man bemerkt hat, dass sie oft Dürre zur Folge haben. Selbst glänzende Balken und Säulen und Spalten des HimmelsDamit sind die Erscheinungen des Nordlichts gemeint. und Aehnliches zeigen sich mehr im Winter als im Sommer und hauptsächlich bei harter und trockener Kälte. Blitze, Wetterleuchten und Donnern kommen wieder im Winter selten vor, sind dagegen zur Zeit der grossen Hitze häufig. Die Sternschnuppen hält man gewöhnlich für eine klebrige Masse, welche glänzt und entzündet ist, aber keine stärkere feurige Natur hat. Hierüber wird anderwärts die Untersuchung erfolgen.
  9. Neuntens in Bezug auf den vierten Fall. Es giebt mitunter ein Wetterleuchten, was zwar leuchtet, aber nicht brennt; es erfolgt immer ohne Donner.Es sind die bekannten elektrischen Entladungen, die nicht in Form von scharf begrenzten Blitzen geschehen und deshalb von keinem Donner begleitet sind.
  10. Zehntens in Bezug auf den fünften Fall. Die Vulkane und Flammenausbrüche kommen ebenso in den kalten Ländern wie in den heissen vor; so in Island und Grönland. Auch die Bäume sind in kalten Ländern brennbarer, öliger und harziger als in heissen Ländern, wie die Tannen, Fichten und andere ergeben. Dagegen ist noch nicht genügend erforscht, in welcher Lage und Bodenbeschaffenheit diese Flammenausbrüche erfolgen; es kann deshalb hier noch kein verneinender Fall dem bejahenden entgegengestellt werden.Das Verneinende dieses Falles soll darin liegen, dass diese Vulkane in kalten Ländern sich befinden, und dass das harzige Holz dieser kalten Länder besser brennt. An solchen falschen Zusammenstellungen zeigt sich, dass die wahre Naturforschung auf diese Weise und mit solchen Tafeln nicht weiter kommen kann. Der allgemeine Gedanke Baco's ist auch hier richtig; aber die Ausführung ist flüchtig und voller Irrthümer, die selbst für seine Zeit zu stark sind. Es ist verkehrt, aus dem blossen Fehlen einer Eigenschaft im Sinne Baco's zu folgern, dass auch ihre Form (die wirkende Bewegung und der Druck der Moleküle) fehle; diese Form kann da sein, ist aber durch andere Kraft an ihrer Aeusserung gehemmt. Deshalb haben solche negativen Instanzen durchaus nicht die Beweiskraft, welche Baco ihnen beilegt. In seinem Sinn ist jeder Apfel, der an seinem Baume hängt, eine negative Instanz gegen die allgemeine Schwere, während doch auch hier die Schwere vollständig vorhanden ist und nur durch eine zweite Kraft an ihrer Wirkung eine Zeit lang gehemmt ist. Deshalb fällt der Apfel, wenn er reif ist, ab. Daher kann ohne genaue Untersuchung der einzelnen Fälle hier kein Naturforscher weiter kommen, und es ist durchaus verkehrt, die negativen Instanzen lediglich nach der letzten äusserlichen Erscheinung zu sammeln und zu benutzen, wie Baco thut. Dies ist ein Hauptgrund, weshalb Baco keine positiven Resultate gewinnen konnte und auf Abwege gerieth.
  11. Elftens in Bezug auf den sechsten Fall. Jede Flamme ist stets mehr oder weniger heiss, so dass hier kein verneinender Fall vorhanden ist. Doch sollen die sogenannten Irrlichter, die auch manchmal aus den Wänden heraustreten, wenig Hitze haben, gleich der Flamme des Weingeistes, die sanft und gelinde ist. Noch gelinder erscheint die Flamme, welche nach den glaubwürdigen Berichten ernster Geschichtschreiber mitunter das Haupt und die Haare von Knaben und Mädchen umgeben hat, und die so mässig war, dass sie das Haar umfloss, ohne es zu verbrennen. Sicher ist auch, dass bei Pferden, die auf dem Wege schwitzen, des Nachts bei heiterm Wetter ein Leuchten ohne merkliche Hitze stattfindet. Auch ist bekannt, dass vor wenig Jahren das Schoosstuch eines Mädchens, nachdem es etwas bewegt und gerieben worden, geleuchtet hat. Man hat dies für ein Wunder gehalten, obgleich es vielleicht von dem Alaun und den Salzen gekommen ist, mit denen das Schoosstuch gefärbt war, und die etwas dicker und wie eine Kruste dem Tuche anhafteten und daher bei dem Reiben zerbrachen. Aber ganz sicher ist es, dass aller Zucker, sowohl der künstliche wie natürliche, wenn er nur hart ist, im Dunkeln bei dem Zerbrechen oder Zerschlagen leuchtet. Aehnlich leuchtet auch das salzige und das Meerwasser, wenn es des Nachts mit dem Ruder heftig geschlagen wird. Auch bei Stürmen leuchtet der heftig bewegte Schaum des Meeres; die Spanier nennen dies Leuchten die Lunge des Meeres. Dagegen ist nicht ermittelt, ob die Flamme, welche die alten Schiffer Kastor und Pollux und die neuern St. Elms Feuer nennen, auch Hitze hat.Die meisten hier erwähnten Lichterscheinungen hängen mit elektrischen Zuständen der Körper zusammen, insbesondere das an den Spitzen der Masten sich zeigende St. Elms-Feuer. Da hier keine chemische Verbindung der Körper mit Sauerstoff Statt hat, so ist die Wärme so gering, dass sie nicht fühlbar wird.
  12. Zwölftens in Bezug auf den siebenten Fall. Alles Feurige, was rothglühend wird, ist auch ohne Flamme ausnahmslos heiss, und diesem bejahenden Fall steht kein verneinender gegenüber. Am Nächsten steht noch das faulende Holz, was des Nachts glänzt, ohne warm zu sein. Auch die Schuppen faulender Fische glänzen des Nachts, ohne dass man Wärme bei ihnen bemerkt.Diese Fälle gehören zu den gelinden Graden der Oxydation, bei denen deshalb die Wärme für das Gefühl zu schwach bleibt. Auch die Körper der Johanniswürmchen oder der Käfer, die man Leuchtkäfer nennt, fühlen sich nicht warm an.
  13. Dreizehntens in Bezug auf den achten Fall. Von den heissen Quellen ist es noch nicht genügend erforscht, in welcher Lage und Beschaffenheit des Bodens sie zu entspringen pflegen. Deshalb giebt es hier keinen verneinenden Fall.
  14. Vierzehntens in Bezug auf den neunten Fall. Den ätzenden Flüssigkeiten steht als verneinender Fall das Flüssige in seiner natürlichen Beschaffenheit gegenüber. Denn jedes fühlbare Flüssige wird zuletzt kühl; die Wärme erfüllt es nur zeitweise, wie eine von aussen gekommene Eigenschaft; deshalb sind sogar die Flüssigkeiten von der stärksten verbrennenden Kraft, wie Weingeist, aromatische Oele, auch Vitriolöl und Aehnliche, die sehr bald brennen, doch bei dem ersten Anfühlen kühl.Hier wird die Temperatur mit der Ursache der Wärme verwechselt. Dass dem Flüssigen das Kühle innewohnen soll, ist ein Irrthum, der daher kommt, dass bei dem Eintauchen der Hand in Flüssigkeiten die schützende dünne Luftschicht, welche sich über der Haut sonst stetig erhält und die Wärmeableitung hindert, von der Flüssigkeit verdrängt wird. Deshalb wird das kühle Wasser nun kälter gefühlt als Luft oder Holz von gleicher Temperatur. Auch das aus heissen Quellen in einem Gefäss geschöpfte und von seiner Quelle getrennte Wasser wird allmählich ebenso kühl wie das am Feuer erhitzte Wasser. Doch ist es richtig, dass die öligen Körper bei dem Anfühlen weniger kühl sind als die wässrigen; deshalb ist Oel weniger kühl als Wasser und Seide weniger als Leinwand. Doch gehört dies in die Tafel der Kältegrade.
  15. Funfzehntens in Bezug auf den zehnten Fall. Ebenso steht dem heissen Dampfe als verneinender Fall die Eigenschaft des Dampfes überhaupt gegenüber, wie er bei uns besteht. Denn die Ausdünstungen von Oelen sind zwar leicht entzündlich, aber doch nicht warm, wenn sie nicht aus einem heissen Körper vor Kurzem aufgestiegen sind.Dieser und der vorgehende Fall zeigt, dass sowohl die positiven wie die verneinenden Fälle schlecht gefasst sind und gar nicht hierher gehören. Jedes Ding beinahe ohne Ausnahme kann warm und kann kalt sein; deshalb stehen sich diese Dinge je nach der Temperatur nicht als bejahende und verneinende Fälle gegenüber, sondern zeigen nur im Allgemeinen, dass sie mit der Wärme in keiner solchen Verbindung stehen, um sie zur Erkenntniss der letztern mittelst der Induktion benutzen zu können. Auch hier zeigt sich die Flüchtigkeit, mit der Baco das Einzelne zusammenraffte. Dasselbe gilt von dem Fall zu 16 und 17.
  16. Sechzehntens in Bezug auf den zehnten Fall. Ebenso steht der heissen Luft als verneinender Fall die Luft an sich gegenüber. Denn bei uns trifft man keine heisse Luft, wenn sie nicht eingeschlossen ist, oder gerieben wird, oder offenbar von der Sonne, dem Feuer, oder einem andern heissen Körper erwärmt ist.
  17. Siebzehntens in Bezug auf den elften Fall. Hier stehen als verneinender Fall die kalten Stürme gegenüber, die je nach den Jahreszeiten eintreten; bei uns, wenn der Wind von Westen oder Norden kommt, während umgekehrt die warmen Winde von Süden und Südost kommen. Die warme Luft neigt namentlich im Winter zu dem Regen, die kalte umgekehrt zu Schnee.
  18. Achtzehntens in Bezug auf den zwölften Fall. Hier bildet den verneinenden Fall die Luft in den Kellern während des Sommers. Doch muss die eingeschlossene Luft überhaupt noch genauer untersucht werden. Denn erstlich ist es ungewiss, wie sich die Luft an sich und ihrer Natur nach zum Warmen und Kalten verhält. Die Wärme empfängt die Luft offenbar von der Einwirkung der Himmelskörper und die Kälte vielleicht von der Ausdünstung der Erde; die mittlern Regionen der Luft empfangen sie von den kalten Dünsten und dem Schnee. Man kann deshalb über die Natur der Luft nach der Luft, die unter freiem Himmel sich befindet, nicht urtheilen, sondern sicherer nach der eingeschlossenen Luft. Dabei muss aber die Luft in ein Gefäss von einem Stoff eingeschlossen werden, welcher nicht mit seiner eigenen Wärme oder Kälte die Luft erfüllt, und welcher den Einfluss der äussern Luft gut abhält. Man muss deshalb einen irdenen Topf dazu benutzen, der zum Schutz gegen die äussere Luft stark mit Leder umwickelt ist, und dies Gefäss muss drei bis vier Tage wohl verschlossen stehen bleiben. Nach der Oeffnung mache man dann die Probe mit der Hand, oder mit der in Grade eingetheilten Flasche.Bei Baco besteht noch die Meinung, dass jeder Körper von Natur seine bestimmte Temperatur hat, auf die er stets zurückkehrt, wenn fremde Einwirkungen nicht entgegentreten. Nach der modernen Theorie hat jeder unorganische Körper nur eine spezifische Wärmekapazität, Wärmeleitung und Diathermanie, welche Eigenschaften indess wahrscheinlich aus ein und demselben Fundamente hervorgehen.
  19. Neunzehntens in Bezug auf den dreizehnten Fall. In ähnlicher Weise ist es zweifelhaft, ob die Wärme der Wolle, der Felle, der Federn und ähnlicher Dinge von einer äussern Wärme kommt, die ihnen nur anhängt, insoweit sie von den Thieren ausgesondert werden, oder auch von einer gewissen Fettigkeit oder öligen Beschaffenheit, die dem Warmen verwandt ist, oder von dem Verschluss und der Reibung der Luft, wie in dem vorgehenden Artikel erwähnt worden; denn alle, von der äussern getrennte Luft scheint etwas Wärme in sich zu haben. Man muss den Versuch an fasrigen, aus Flachs bereiteten Stoffen machen und nicht mit Wolle oder Federn oder Seide, die von Thieren ausgesondert werden. Es ist auch bemerkenswerth, dass alle Pulver, die offenbar Luft enthalten, weniger kalt sind als die festen Körper, aus dem sie gemacht sind; deshalb wird auch jeder Schaum, weil er Luft enthält, weniger kalt sein als die Flüssigkeit selbst.Auch diese Behauptungen sind falsch und beruhen zum Theil auf Sinnestäuschungen in Folge der oben angegebenen Umstände.
  20. Zwanzigstens in Bezug auf den vierzehnten Fall. Hier giebt es keinen verneinenden Fall. Denn es giebt bei uns nichts Fühlbares oder Luftiges, was nicht in der Nähe des Feuers warm würde. Der Unterschied ist nur, dass Einzelnes, wie die Luft, das Oel, das Wasser, die Wärme schneller annimmt, Anderes, wie die Metalle und Steine später. Dies gehört indess in die Tafel der Grade.Das Umgekehrte ist die Wahrheit; die Wärmekapazität des Wassers ist die grösste von allen Körpern und übertrifft die des Eisens 30 Mal; d. h. das gleiche Quantum Wasser braucht eine 30 Mal grössere Wärmemenge als das Eisen, um die gleiche Temperatur mit diesem zu erlangen. Die Wärmekapazität aller flüssigen und luftigen Körper ist grösser als die der festen.
  21. Einundzwanzigstens in Bezug auf den funfzehnten Fall. Diesem Falle steht nur der eine verneinende gegenüber, dass Funken aus dem Kiesel und Stahl oder einem andern harten Stoff nur dann entstehen, wenn kleine Stückchen des Steines oder Metalles dabei abgeschlagen werden; die gepresste Luft allein erzeugt keine Funken, wie man gewöhnlich meint. Deshalb neigen diese Funken wegen des Gewichtes des feurigen Körpers mehr nach Unten wie nach Oben, und wenn sie erlöschen, so verwandeln sie sich in eine Art körperlichen Russ.
  22. Zweiundzwanzigstens in Bezug auf den sechzehnten Fall. Ich glaube, dass hier kein verneinender Fall gegenüber steht. Denn es giebt bei uns keinen fühlbaren Körper, der nicht durch Reiben unzweifelhaft warm wird. Die Alten meinten deshalb, dass die wärmende Kraft der Himmelskörper nur von der Reibung der Luft komme, welche bei der schnellen und heftigen Umdrehung Statt habe.Dies ist die Meinung des Aristoteles. Man sehe seine Meteorologie I. c. 2 und seine Schrift »Ueber den Himmel« II. c. 7. Doch muss hier noch näher ermittelt werden, ob nicht die aus Maschinen geschleuderten Körper, z. B. die Wurfspiesse aus Wurfgeschossen durch den blossen Wurf eine gewisse Wärme erlangen, so, dass sie bei dem Niederfallen etwas warm sind. Dagegen kühlt die bewegte Luft mehr, als dass sie wärmt, wie die Winde, die Blasebälge und die aus dem Mund geblasene Luft ergeben. Die Bewegung dabei ist nicht so stark, um die Wärme zu erzeugen; sie erfolgt auch nur im Ganzen und nicht in den einzelnen Theilen; deshalb kann es nicht auffallen, dass keine Wärme sich dabei erzeugt.Auch diese Behauptung beruht auf einem Irrthum. Kalte Luft in Ruhe wird weniger kalt empfunden, weil eine dünne schützende Luftschicht über der Haut davon nicht vertrieben wird, und weil die kalte Luft da, wo sie den Körper berührt, sich bald erwärmt und sie, als schlechter Leiter, diese Wärme nicht weiter führt. Bewegte Luft hebt diese Umstände auf; deshalb wird hier dieselbe kühle Temperatur weit stärker, d. h. kälter empfunden. Handelt es sich um heisse Luft, die über die Blutwärme erhitzt wäre, so würde aus gleichem Grunde solche heisse Luft, gerade als bewegte, viel heisser empfunden werden.
  23. Dreiundzwanzigstens in Bezug auf den siebzehnten Fall. Ueber diesen Fall ist noch eine genaue Untersuchung nothwendig; denn die grünen und feuchten Gräser und Gewächse schienen etwas von verborgener Wärme in sich zu haben; nur ist sie so gering, dass das Gefühl sie nicht bemerkt. Werden sie aber aufgehäuft und eingeschlossen, so dass ihr Dunst nicht in der Luft austreten kann, sondern sich gegenseitig erwärmt, so entsteht dann eine fühlbare Wärme und manchmal selbst bei passendem Stoff eine Flamme.Der Grund der Erwärmung feuchter, auf einander liegender Gräser liegt in der langsamen Oxydation, welche durch die Feuchtigkeit befördert wird, wo der Luftzutritt gehindert ist.
  24. Vierundzwanzigstens in Bezug auf den achtzehnten Fall. Auch bei diesem Fall müssen noch sorgfältigere Untersuchungen angestellt werden; denn der gebrannte Kalk scheint bei Benetzung mit Wasser heiss zu werden, entweder durch die Verbindung von Wärme, die vorher zerstreut war, wie vorstehend bei den Gräsern der Fall, oder durch den Reiz und die Anregung, welche der Feuergeist durch das Wasser erhält, wobei eine Art Konflikt und Gegendruck entsteht. Welches von beiden die Ursache ist, wird sich ergeben, wenn man Oel statt Wasser anwendet; denn Oel dient ebenso wie das Wasser zur Verbindung der eingeschlossenen Geister, aber es reizt sie nicht. Auch muss der Versuch auf die Asche und den Kalk verschiedener Körper und auf andere Flüssigkeiten, mit denen man sie benetzt, ausgedehnt werden.Auch hier ist Baco noch ganz im Unklaren. Beim Löschen des Kalkes erfolgt eine chemische Verbindung des Kalkes mit dem Wasser (3 Loth Kalk verbinden sich mit 1 Loth Wasser), wobei das Wasser zu einem festen Körper (Kalkpulver) wird, und deshalb die in seinem flüssigen Zustand in ihm enthaltene latente Wärme frei und fühlbar wird.
  25. Fünfundzwanzigstens in Bezug auf den neunzehnten Fall. Diesem Falle wird der verneinende gegenübergestellt, dass es andere Metalle giebt, die weicher und flüssiger sind; denn Goldblättchen, die in Königswasser aufgelöst werden, geben dabei keine fühlbare Wärme und ebensowenig das Blei im Scheidewasser. Dies gilt auch von dem wirklichen Silber, nicht blos von dem Quecksilber und von dem Kupfer; dagegen erregen das Zinn und am meisten das Eisen und der Stahl bei ihrer Auflösung eine starke Hitze und sogar ein heftiges Aufbrausen. Die Wärme scheint daher von dem Kampf herzukommen, dass die starken Wasser eindringen und sich eingraben und die Körpertheile auseinander drängen, wobei diese Widerstand leisten. Dagegen entsteht kaum eine Wärme, wo die Körper leicht nachgeben.
  26. Sechsundzwanzigstens in Bezug auf den zwanzigsten Fall. Der Wärme der Thiere steht kein verneinender Fall gegenüber, ausgenommen der erwähnte mit den Insekten in Folge der Kleinheit ihres Körpers. Denn bei den Fischen findet man in Vergleich zu den Landthieren nur einen schwächern Grad von Wärme, aber nicht, dass sie fehlte. Dagegen kann man bei den Pflanzen und Kräutern durch Fühlen keine Wärme bemerken, auch nicht in ihren Säften oder frisch geöffnetem Mark. Bei den Thieren besteht ein grosser Unterschied in der Wärme; theils nach den einzelnen Theilen; so ist die Hitze im Herzen von der im Gehirn und in den Gliedern verschieden; theils nach den Zuständen; so bei starker Bewegung oder im Fieber.Auch dies ist falsch. Die thierische Wärme erhält sich konstant und vermöge des Blutumlaufs in allen Theilen des Körpers gleich, mit Ausnahme der äussern, der Luft ausgesetzten Haut. Die durch Laufen oder sonst gesteigerte Wärme wird sofort durch Schweiss beseitigt. Die Fieberhitze ist eine Sinnestäuschung.
  27. Siebenundzwanzigstens in Bezug auf den einundzwanzigsten Fall. Für diesen bejahenden Fall giebt es kaum einen verneinenden. Selbst ältere Exkremente der Thiere haben offenbar eine mögliche Wärme, wie sich bei der Düngung des Feldes zeigt.Die mögliche Wärme ist ein Begriff, der dem Aristotelischen Unterschied von ἐνεργεία und δύναμις nachgebildet ist. Baco will damit sagen, dass sich später aus diesen Stoffen wieder Wärme entwickeln kann. Dieser Begriff gleicht dem der Kraft ohne Aeusserung. In Art. 13 folgt noch eine Erläuterung darüber.
  28. Achtundzwanzigstens in Bezug auf den zweiundzwanzigsten Fall. Die Flüssigkeiten, mögen sie Wasser oder Oele genannt werden, welche von bedeutender und grosser Schärfe sind, wirken wie die Wärme bei der Auflösung der Körper und bei ihrer Verbrennung im Fall von längerer Dauer; doch sind sie anfänglich für das Gefühl ohne Wärme. Sie wirken aber nach der Verwandtschaft und nach den Poren des Körpers, mit dem sie in Verbindung kommen; denn das Königswasser löst Gold auf, aber kein Silber; umgekehrt löst das Scheidewasser Silber auf, aber kein Gold, und das Glas wird von beiden nicht angegriffen. Aehnliches gilt von den andern Flüssigkeiten.
  29. Neunundzwanzigstens in Bezug auf den vierundzwanzigsten Fall. Man muss mit dem Weingeist an Holz und auch an der Butter oder an Wachs oder Pech den Versuch machen, ob seine Hitze sie vielleicht etwas flüssig macht. Denn der vierundzwanzigste Fall zeigt seine der Wärme ähnliche Wirkung bei den äusserlichen Verhärtungen. Man muss deshalb einen ähnlichen Versuch mit Erweichungen anstellen. Auch muss man die graduirte Flasche benutzen, die oben von Aussen eine Vertiefung hat. In diese muss man gut rektifizirten Weingeist schütten und einen Deckel darauf legen, um die Wärme besser zusammenzuhalten. Dann beobachte man, ob die Wärme das Wasser sinken macht.Alle diese Versuche, die Baco hier erwähnt, sind sehr leicht auszuführen. Wenn Baco sie dennoch nicht selbst gemacht hat, sondern nur dazu auffordert, so zeigt dies deutlich seine Eilfertigkeit und seine Abneigung gegen ausdauernde Verfolgung einer einzelnen Aufgabe. Seine Richtung ging mehr auf das Allgemeine; deshalb mag er sich bei Spezialitäten nicht aufhalten und fordert nur Andere dazu auf. Aber ohne solche genaue Verfolgung des Einzelnen können auch die wahren Elemente und Eigenschaften nicht gefunden werden, wie Baco's Beispiel beweist.
  30. Dreissigstens in Bezug auf den fünfundzwanzigsten Fall. Die aromatischen und auf der Zunge beizenden Kräuter werden, wenn man sie einnimmt, innerlich noch wärmer gefühlt. Man muss deshalb beobachten, welche andere Stoffe die gleiche erwärmende Wirkung haben. Die Schiffer erzählen, dass wenn Haufen und Massen von stark riechenden Pflanzenstoffen, die lange verschlossen waren, plötzlich geöffnet werden, alsdann die Personen, welche sie zuerst bearbeiten und destilliren, den Fiebern und Entzündungen ausgesetzt sind. In ähnlicher Weise könnte man probiren, ob die Pulver von solchen aromatischen Stoffen und Kräutern nicht, gleich dem Rauche, die darüber gehangenen Speck- und Fleisch-Stücke austrocknen.Dieser Fall zeigt, wie Baco noch weit von der Wahrheit entfernt war, und wie selbst diese Induktionstafeln nicht dazu angethan sind, die Natur der Wärme zu erforschen.
  31. Einunddreissigstens in Bezug auf den sechsundzwanzigsten Fall. Das Beizende und Scharfe haben sowohl die kalten Flüssigkeiten, z. B. Essig und Vitriolöl, wie die warmen, z. B. Origanöl und ähnliche. Ebenso erregen beide in gleicher Weise den lebenden Geschöpfen Schmerz und bei dem Leblosen eine Trennung ihrer Theile und eine Auflösung. Diesem Falle steht kein verneinender gegenüber, und bei den lebenden Geschöpfen giebt es keinen Schmerz ohne eine gewisse Wärmeempfindung.
  32. Zweiunddreissigstens in Bezug auf den siebenundzwanzigsten Fall. Manche Wirkungen sind dem Warmen und Kalten gemeinschaftlich, obgleich in sehr verschiedener Weise. So scheint auch der Schnee die Hände der Knaben nach einiger Zeit zu brennen, und die Kälte schützt ebenso wie das Feuer das Fleisch vor dem Faulen; ebenso zieht die Wärme die Körper wie die Kälte zusammen. Doch ist dies besser bei der Untersuchung des Kalten zu behandeln.Auch hier ist das Verschiedenste zusammengestellt. Das Brennen der Hände nach dem Schneeballen ist eine Sinnestäuschung. Die Wärme zieht den Körper nicht zusammen, sondern macht ihn nur verdunsten, so dass er trockener wird und dadurch weniger Raum einnimmt.

13.

Drittens ist eine Uebersicht der Fälle aufzustellen, wo die Eigenschaft, um die es sich handelt, in verschiedenen Graden auftritt; sei es, dass sie in demselben Gegenstande zu- und abnimmt, oder durch eine Vergleichung bei verschiedenen Gegenständen. Denn da die Form eines Gegenstandes recht eigentlich dieser Gegenstand selbst ist, und der Gegenstand von der Form sich nur wie die Erscheinung von der Wirklichkeit unterscheidet, oder wie das Aeussere von dem Innern, oder wie die Beziehung auf den Menschen zur Beziehung auf das Weltall, so folgt, dass Nichts für die wahre Form gelten kann, wenn es nicht abnimmt, sobald die Eigenschaft selbst abnimmt, und wenn es nicht ohne Ausnahme zunimmt, sobald die Eigenschaft zunimmt.

Diese Tafel habe ich gewöhnlich die Tafel der Grade oder der Vergleichung genannt.

Tafel der Grade oder der Vergleichung für die Wärme.

Zuerst will ich von den Gegenständen handeln, die für das Gefühl gar keine Wärme haben, sondern die nur eine mögliche Wärme, oder eine Empfänglichkeit, oder Vorbereitung zur Wärme zu haben scheinen. Dann werde ich zu denen übergehen, die wirklich oder für das Gefühl warm sind und auf die Stärke oder Grade derselben.

  1. Erstens. In den festen greifbaren Körpern zeigt sich Nichts, was seiner Natur nach etwas ursprünglich Warmes wäre. Denn weder der Stein, noch das Metall, noch der Schwefel, noch ein Erz, noch Holz oder Wasser, noch Leichname von lebenden Wesen zeigen Wärme. Die heissen Quellen scheinen durch einen äusserlichen Umstand die Wärme zu erhalten, entweder von einer unterirdischen Flamme oder Feuer, wie es aus dem Aetna und mehreren andern Bergen hervorbricht, oder durch einen Kampf der Körper, durch welchen bei der Auflösung des Eisens und Zinnes die Wärme entsteht. Deshalb besteht in allem Leblosen für den menschlichen Gefühlssinn kein Wärmegrad; aber in dem Grade der Kälte hat es Unterschiede, denn Holz und Metall sind nicht gleich kalt.Auch dies ist falsch; das Metall ist nur ein besserer Wärmeleiter als das Holz, deshalb entzieht es, wenn man es erfasst, der Hand mehr Wärme, die in das Metall übertritt, als das Holz, wo die schlechte Fortleitung der von der Hand empfangenen Wärme ihr nicht so viel Wärme entzieht und deshalb das Holz nicht so kalt als das Metall erscheinen lässt. Bei Hitzgraden über die Blutwärme müsste Baco deshalb seinen Satz umkehren. Doch gehört dies in die Tafel der Kältegrade.
  2. Zweitens. Doch zeigen sich manche leblose Stoffe in Bezug auf die mögliche Wärme und die Vorbereitung zur Flamme sehr dazu neigend; z. B. der Schwefel, die Naphtha, das Steinöl.
  3. Drittens. Gegenstände, die vorher warm gewesen sind, wie frischer Pferdemist oder gebrannter Kalk, vielleicht auch die Asche und der Russ vom Feuer behalten einige Ueberbleibsel der frühern Wärme. Manche Destillationen und Auflösungen von Körpern erfolgen deshalb, wenn man sie in Pferdemist einhüllt, und bei dem Kalken entsteht, wie erwähnt, Hitze durch Besprengung mit Wasser.
  4. Viertens. Unter den Pflanzen findet sich keine und kein Theil derselben, selbst nicht ihr Saft und Mark, der sich warm anfühlte. Dennoch erhitzt sich, wie erwähnt, frisches eingeschlossenes Gras, und manche Pflanzenstoffe werden bald dem innern Gefühl nach, im Schlunde und Magen, oder an der äussern Haut nach einiger Zeit, wie bei den Pflastern und Einreibungen, entweder warm oder kalt empfunden.
  5. Fünftens. Bei den Körpern der lebenden Wesen zeigt sich nach dem Tode, oder bei einzelnen Theilen nach ihrer Trennung vom Körper keine fühlbare Wärme; selbst der Pferdemist behält seine Wärme nur, wenn er zusammengepresst und eingegraben ist. Indess hat aller Mist eine mögliche Wärme, wie dies die Düngung der Felder zeigt. Auch die Leichname der Thiere haben eine solche versteckte oder mögliche Wärme. Deshalb nimmt die Erde in Kirchhöfen, wo täglich Begräbnisse stattfinden, eine gewisse verborgene Wärme an, und ein frisch begrabener Leichnam wird hier viel schneller aufgelöst als in reiner Erde. Auch sollen die Orientalen ein feines und weiches Gewebe haben, was aus Vogelfedern gemacht wird und durch seine innewohnende Kraft die in dasselbe eingewickelte Butter auflöst und flüssig macht.Alle diese unter 2-5 aufgeführten Fälle sind thatsächlich unwahr.
  6. Sechstens. Alles, was das Feld düngt, wie Mist jeder Art, Kreide, Meersand, Salz und Aehnliches hat eine Neigung zum Warmen.Diese Wärme kommt nicht von einer Neigung, sondern von einer chemischen Verbindung des Düngers mit dem Sauerstoff der Luft.
  7. Siebentens. Jede Fäulniss hat in sich einen Anfang von schwacher Wärme, wenn sie auch durch das Gefühl noch nicht wahrgenommen werden kann. Denn selbst Stoffe, die sich durch diese Fäulniss in kleine Thiere auflösen, wie Fleisch, Käse, fühlen sich nicht warm an, und auch das faule Holz, was des Nachts leuchtet, fühlt sich nicht warm an. Die Wärme in faulenden Gegenständen verräth sich mitunter durch widrige und starke Gerüche.Der Geruch hat mit der Wärme nichts zu thun; die Fäulniss ist meist mit einer Oxydation oder andern chemischen Vorgängen verbunden und zeigt dann einen geringen Grad von Wärme.
  8. Achtens. Der erste Wärmegrad, der durch Fühlen wahrnehmbar ist, scheint die Wärme der Thiere zu sein; sie zeigt sehr verschiedene Wärme-Grade. Der niedrigste Grad bei den Insekten wird kaum gefühlt. Der höchste Grad erreicht aber kaum die Wärme der Sonnenstrahlen in den heissen Ländern bei heisser Jahreszeit und ist nie so stark, dass man ihn nicht bei dem Anfühlen ertragen könnte. Indess erzählt man von Constantius und einigen Andern, deren Körper von sehr trockener Beschaffenheit war, sie wären bei hitzigen Fiebern so heiss geworden, dass man sich bei ihrer Berührung die Hand etwas verbrannt habe.Trotz früherer Warnungen scheint Baco selbst an diese Fabel zu glauben.
  9. Neuntens. Die lebenden Wesen nehmen an Wärme zu durch Bewegung und Anstrengung, durch Genuss von Wein, von Mahlzeiten, von geschlechtlicher Lust; ferner durch hitzige Fieber und durch Schmerzen.
  10. Zehntens. Die lebenden Wesen werden bei dem Wechselfieber zuerst von der Kälte und dem Schauer erfasst; aber später werden sie um so heisser. Auch bei den hitzigen und bei den Pest-Fiebern geschieht dies im Anfange einer Krankheit.Die Fälle zu 9 und 10 sind falsch und beruhen nur auf Sinnestäuschungen.
  11. Elftens. Die Vergleichung der Wärmegrade bei den verschiedenen Thieren muss noch fortgesetzt werden; insbesondere bei den Fischen, Vierfüsslern, Schlangen, Vögeln und deren einzelnen Arten, wie den Löwen, den Geiern, den Menschen. Nach der gewöhnlichen Meinung sind die Fische im Innern weniger warm, die Vögel aber am wärmsten, namentlich die Tauben, die Falken und die Strausse.Nach einer Bemerkung des Herausgebers Spedding soll Baco hier unter dem Wort Struthio nicht den Strauss, sondern den Sperling gemeint haben. Uebrigens ist es richtig, dass die Vögel eine höhere Blutwärme als die Vierfüssler und Menschen haben.
  12. Zwölftens. Man muss ferner bei ein und demselben Thiere die Wärme seiner einzelnen Theile und Glieder vergleichen. Denn die Milch, das Blut, der Samen, die Eier zeigen sich nur mässig warm und geringer als selbst das äussere Fleisch, wenn ein Thier sich bewegt oder angestrengt hat. Der Grad der Wärme in dem Gehirn, in dem Magen, dem Herzen u. s. w. ist bis jetzt noch nicht erforscht.
  13. Dreizehntens. Alle Thiere sind während des Winters und der kalten Jahreszeit äusserlich kalt; aber innerlich nimmt man eine grössere Wärme bei ihnen an.
  14. Vierzehntens. Die Wärme von den Himmelskörpern steigt selbst in den heissesten Ländern und in den heissesten Jahres- und Tages-Zeiten nicht auf den Grad, dass sie Holz oder Stroh, selbst wenn es ganz trocken ist, oder Zunder anzündete und verbrennte. Sie muss erst durch Brennspiegel zu diesem Behufe verstärkt werden; indess genügt sie, um feuchte Sachen verdunsten zu machen.
  15. Funfzehntens. Nach der hergebrachten Lehre der Astronomen werden manche Sterne für wärmer als andere gehalten. Unter den Planeten gilt nach der Sonne der Mars als der wärmste; dann kommt Jupiter, dann die Venus. Als kalt gelten der Mond und dann am meisten von allen Saturn. Unter den Fixsternen gilt Sirius als der wärmste; dann kommt das Herz des Löwen, oder Regulus, dann das Hundsgestirn u. s. w.Es scheint, als wenn Baco selbst diese Annahme für wahr hielte. Allein die grossen Astronomen seiner Zeit, namentlich Kepler und Galilei hatten diese Fabeln der Astrologen längst verlassen, und es ist ein harter Vorwurf für Baco, dass er sich mit den Arbeiten dieser grossen Männer nur wenig bekannt gemacht hat, dagegen aus den Werken der Scholastiker, Astrologen und Magier sich die Fälle für Aufstellung seiner Tafeln herbeigeholt hat. Auch hier mag Vieles durch seinen Sekretair Rawley verschuldet sein.
  16. Sechzehntens. Die Sonne erwärmt umsomehr, je mehr sie senkrecht oder im Zenith steht. Dies muss man auch von den andern Planeten nach Verhältniss ihrer Wärme annehmen; so wird z. B. der Jupiter mehr wärmen, wenn er unter dem Steinbock oder Wassermann steht.
  17. Siebzehntens. Man muss annehmen, dass die Sonne und die Planeten in ihrer Erdnähe wegen der grössern Nähe mehr wärmen als in ihrer Erdferne. Trifft es sich für ein Land, dass die Sonne zugleich sich in der Erdnähe befindet und ziemlich senkrecht steht, so muss sie stärker erwärmen als in einem Lande, wo sie zwar auch in der Erdnähe sich befindet, aber schiefer steht. Es muss deshalb die Höhe der Planeten mit beachtet werden, die je nach den Ländern bald senkrechter, bald schiefer stehen.
  18. Achtzehntens. Man glaubt auch, dass die Sonne und die Planeten stärker wärmen, wenn sie in der Nähe der grössern Fixsterne stehen. Wenn z. B. die Sonne in dem Zeichen des Löwen steht, ist sie dem Herz des Löwen, dem Schwanz des Löwen, der Aehre in der Jungfrau, dem Sirius und dem Hundsgestirn näher, als wenn sie im Zeichen des Krebses steht, wo sie indess mehr senkrecht steht.Auch diese Annahme ist ohne alle Wahrheit, da die Fixsterne wegen ihrer ungeheuren Entfernung selbst in den feinsten Instrumenten für Wärmemessung keine Veränderung hervorbringen. Auch ist anzunehmen, dass die Theile des Himmels, welche mit mehr und grössern Sternen geschmückt sind, eine grössere Wärme verbreiten, wenn sie auch durch das Gefühl nicht wahrgenommen werden kann.
  19. Neunzehntens. Die Erwärmung durch die Himmelskörper wird durch drei Umstände vermehrt; durch die senkrechte Stellung, durch die Erdnähe und durch die Verbindung oder Vereinigung von Sternen.
  20. Zwanzigstens. Es besteht ein grosser Unterschied in dem Grade der Wärme der Thiere, der zu uns gelangenden Strahlen von Himmelskörpern, der Flamme, selbst wenn sie ganz gelinde ist, und alles Feurigen; ebenso zwischen den Flüssigkeiten und der Luft, wenn sie vom Feuer stärker erwärmt ist. Denn die Weingeistflamme vermag, auch wenn sie dünn und nicht zusammengedrängt ist, doch Stroh oder Leinwand oder Papier anzuzünden, während die thierische Wärme und die Sonne ohne Brennspiegel dies nie vermag.
  21. Einundzwanzigstens. Bei der Flamme und den feurigen Körpern giebt es verschiedene Grade in der Stärke oder Schwäche der Hitze; doch ist dies nie genau untersucht worden und lässt sich daher nicht gründlich beurtheilen. Von den Flammen scheint die des Weingeistes die gelindeste zu sein; wenn nicht das Irrlicht und die Flamme oder das Leuchten des thierischen Schweisses noch gelinder ist. Nach dieser kommt, meines Erachtens, die Flamme von leichten und porösen Pflanzenstoffen, wie Stroh, Binsen, trockenem Laube; dieser stehen die Flamme aus Haaren und Federn nahe. Dann folgt vielleicht die Flamme von Holz, namentlich solchem, was nicht harzig oder ölig ist; doch ist die Flamme aus kleinem Holz, was man in Bündel bindet, gelinder als die aus dem Stamm und den Wurzeln der Bäume, wie sich bei den Schmelzöfen zeigt, wo das Feuer von Reisig und Zweigen wenig nützt. Dann kommt nach meiner Meinung die Flamme von Oel, Talg, Wachs und ähnlichen öligen und fetten Stoffen, die von grosser Stärke ist. Die stärkste Hitze ist aber bei dem Pech und Harz und noch mehr bei dem Schwefel, dem Kampher, dem Erdöl, dem Steinöl und den Salzen, nachdem der rohe Stoff davon gegangen ist; ferner in den Mischungen dieser Stoffe, wie bei dem Schiesspulver, dem griechischen Feuer, was das wilde Feuer heisst, und andern Arten. Hier ist die Hitze so zähe, dass die Flamme selbst von Wasser nicht leicht ausgelöscht wird.Baco verwechselt in diesem Artikel die Fähigkeit der Stoffe, mehr oder weniger starke Hitze zu erzeugen, mit der Hitze der Flamme selbst. Letztere ist in den meisten der angeführten Fälle sich ziemlich gleich und bei dem Weingeist, wo der Wasserstoff oxydirt, gerade am stärksten. Baco's Annahmen beruhen auf der gewöhnlichen Volksmeinung, die sich aus Täuschungen und Verwechselungen gebildet hat, und auch hier zeigt sich bei ihm nicht die Sorgfalt in Prüfung der Thatsachen, die er selbst im I. Theil zur Pflicht gemacht hat.
  22. Zweiundzwanzigstens. Ich glaube, dass auch die Flamme von einigen unvollkommenen Metallen sehr stark und eindringend ist. Dies wird indess später zur Untersuchung kommen.
  23. Dreiundzwanzigstens. Die Flamme starker Blitze scheint stärker als alle bisher genannten zu sein; selbst vollkommenes Eisen wird dadurch manchmal in Tropfen geschmolzen, was jene Flammen nicht vermögen.
  24. Vierundzwanzigstens. In den Zündstoffen giebt es ebenfalls verschiedene Hitzgrade, die indess noch nicht genau untersucht sind. Die schwächste Hitze nehme ich bei dem Zunder an, dessen man sich zum Feueranmachen bedient; ähnlich verhält es sich mit der Flamme aus schwammigem Holze oder aus trockenen Seilen (Lunte), die man zur Entzündung der Schusswaffen gebraucht. Nach diesen kommt die Flamme von Holz und Steinkohlen, von glühenden Ziegeln und Aehnlichem. Von allen diesen halte ich die glühenden Metalle für die heftigsten, wie das Eisen, Kupfer u. s. w. Auch hierüber muss indess noch die Untersuchung fortgesetzt werden.
  25. Fünfundzwanzigstens. Von den glühenden Körpern sind manche viel heisser als die Flamme. Denn glühendes Eisen ist viel heisser und versengender als die Flamme des Weingeistes.
  26. Sechsundzwanzigstens. Auch unter den nicht glühenden, aber von dem Feuer erhitzten Körpern giebt es manche, wie die heissen Wasser und die in den Oefen eingeschlossene Luft, welche die Hitze der Flammen und der glühenden Körper übersteigen.Für das Wasser ist dies falsch, weil Wasser bei einer Erhitzung über 80 Grad Reaumur sich in Dampf verwandelt.
  27. Siebenundzwanzigstens. Die Bewegung vermehrt die Wärme, wie man an dem durch Blasebälge oder Anblasen gesteigerten Feuer bemerken kann. Deshalb schmelzen die harten Metalle zur Flüssigkeit nicht durch ruhiges und todtes Feuer, sondern nur, wenn es durch Blasen angeregt wird.Nicht die Bewegung der Luft bewirkt dies, sondern die dadurch herbeigeführte grössere Menge von Sauerstoff, vermöge dessen die Oxydation, d. h. das Verbrennen, schneller und kräftiger vor sich gehen kann.
  28. Achtundzwanzigstens. Man mache den Versuch mit einem Brennspiegel, wobei es, wie ich mich entsinne, vorkommt, dass, wenn z. B. der Brennspiegel eine Spanne weit von dem zu verbrennenden Gegenstande aufgestellt wird, er nicht so entzündet und versengt, als wenn er vielleicht nur halb so weit aufgestellt wird, aber allmählich und langsam bis auf eine Spanne entfernt wird. Der Kegel und die Verbindung der Strahlen bleibt dabei sich gleich, aber die Bewegung selbst vermehrt die Hitze.Auch dieser Fall ist durchaus falsch; er zeigt, dass Baco selbst gar keine Versuche mit Brenngläsern angestellt haben kann und vielleicht gar keines besessen hat. Auch eine Stelle in Baco's Schrift »De Calore et Frigore« bestätigt diese Vermuthung.
  29. Neunundzwanzigstens. Die Feuersbrünste sollen bei starkem Wind mehr gegen als mit dem Wind sich ausdehnen; denn wenn der Wind zeitweise nachlässt, springt die Flamme in verderblicherer Weise zurück, als sie bei dem Stosse des Windes vorwärts geht.
  30. Dreissigstens. Die Flamme erzeugt sich und kommt nur dann hervor, wenn sie einen hohlen Raum hat, wo sie sich bewegen und spielen kann, ausgenommen die Dampf-Flamme bei dem Pulver und Aehnlichem, wo die Zusammendrückung und Einschliessung die Gewalt derselben steigert.
  31. Einunddreissigstens. Der Amboss wird durch das Hämmern sehr warm; ist deshalb der Amboss von dünnem Blech, so glaube ich, dass starke und fortwährende Hammerschläge ihn so glühend wie rothglühendes Eisen machen können. Doch ist der Versuch hierüber noch anzustellen.
  32. Zweiunddreissigstens. Bei porösen brennenden Stoffen, wo das Feuer Platz zur Bewegung hat, erlischt es sofort, wenn diese Bewegung durch einen starken Druck gehindert wird. Wird z. B. Zunder oder der brennende Docht einer Lampe oder Kerze oder eine glühende Kohle durch einen pressenden Gegenstand oder durch einen Fusstritt oder Aehnliches stark gedrückt, so hört die Wirksamkeit des Feuers sofort auf.Dies ist nicht Folge des Drucks, sondern des gehemmten Zutritts von Sauerstoff der Luft, ohne welchen die Verbrennung nicht fortgehen kann; deshalb erlischt das Feuer, wenn man ein Tuch auch nur leicht darüber deckt.
  33. Dreiunddreissigstens. Die Annäherung an einen warmen Körper steigert die Wärme nach dem Grade der Annäherung. Dies gilt auch für das Licht; je näher man einen Gegenstand dem Lichte bringt, desto mehr wird er sichtbar.Die Mittheilung der Wärme geschieht entweder durch Berührung oder durch Strahlung. Beides ist bei Baco noch nicht gesondert.
  34. Vierunddreissigstens. Die Verbindung von mehreren Wärmegraden steigert die Hitze, wenn die Körper sich dabei nicht vermischen. Denn ein grosses und ein kleines Feuer an demselben Orte steigern gegenseitig ihre Wärme etwas; dagegen kühlt sich warmes Wasser, wenn es in kochendes gegossen wird, etwas ab.Auch dies ist geradezu falsch; die ganze Wassermasse bleibt dann nicht kochend, aber das zugegossene ist wärmer geworden.
  35. Fünfunddreissigstens. Wenn ein warmer Körper länger gegenwärtig bleibt, so vermehrt er die Wärme. Denn die fortwährend ausströmende und übergehende Wärme mischt sich mit der schon vorhandenen Wärme und vermehrt so dieselbe. Das Feuer im Kamin erwärmt ein Schlafzimmer in einer halben Stunde nicht so stark als in einer ganzen. Diese Wirkung geht nicht von dem Lichte aus; denn eine Lampe oder eine Kerze erleuchtet den Ort durch ihre Dauer nicht stärker, als es gleich im Anfang geschieht.
  36. Sechsunddreissigstens. Der Reiz der Kälte ringsum steigert die Wärme, wie man an dem Kamin bei strenger Kälte bemerken kann. Dies geschieht nach meiner Ansicht nicht durch ein Zusammenziehen und Winden der Wärme, was eine Art der Verbindung wäre, sondern durch das Uebermaass; ähnlich wie die Luft oder ein Stab, der stark gedrückt oder gebogen wird, nicht blos zu seiner früheren Lage zurückkehrt, sondern auch nach der entgegengesetzten Seite ausschlägt.Auch diese Auffassungen sind falsch und gerathen ins Phantastische und in scholastische Begriffe, die Baco doch so sehr bekämpfen will. Sie sind um so auffallender, als Baco später selbst das Wesen der Wärme auf eine Bewegung der kleinsten Theile der Körper zurückführt, womit er der Auffassung der neuesten Naturforschung ganz nahe kommt. Man muss deshalb durch sorgfältige Versuche ermitteln, ob ein Stab oder ein anderer in die Flamme gehaltener Gegenstand am Rande der Flamme schneller als in der Mitte derselben verbrennt.
  37. Siebenunddreissigstens. Es giebt verschiedene Grade der Empfänglichkeit für Wärme. Denn eine sehr geringe und schwache Wärme verändert und erwärmt selbst Körper ein wenig, die am wenigsten für Wärme empfänglich sind. Schon die blosse Wärme der Hand erwärmt eine Bleikugel oder anderes Metallstück etwas. So wird also die Wärme auf alle Körper leicht übertragen und darin erweckt, ohne dass eine wahrnehmbare Veränderung mit ihnen vorgeht.
  38. Achtunddreissigstens. Am lebhaftesten von allen Körpern bei uns nimmt die Luft die Wärme an und theilt sie ebenso am lebhaftesten mit,Auch dies ist falsch; Quecksilber ist z. B. viel empfindlicher. Diese Meinung ist nur die Folge, dass man bei dem hier beschriebenen Instrumente geringe Veränderungen der Temperatur an der Ausdehnung der Luft erkennen konnte. Indess liegt das nicht an der Wärmekapazität der Luft, sondern an der Einrichtung des Instrumentes. Baco lässt es unbestimmt, ob die Erfindung von ihm herrührt; allein Fludde hatte sie 1605 aus Italien mitgebracht, und durch diesen hat sie Baco wahrscheinlich kennen gelernt; sie wird auch das Drebbelsche Thermoskop genannt. wie dies sich am besten an den graduirten Flaschen zeigt, die folgendermassen angefertigt werden. Eine Flasche mit hohlem Bauch und engem, langen Halse wird umgedreht und mit dem unten befindlichen Halse in ein anderes mit Wasser gefülltes Glasgefäss getaucht, so dass die Mündung jener Flasche den Boden dieses Gelasses berührt und die Flasche auf diesem Boden in dieser verkehrten Stellung aufrecht stehen kann, indem der Hals der Flasche sich an die Oeffnung des Glasgefässes etwas anlehnt. Um dies zu erleichtern, kann man diese Oeffnung mit etwas Wachs bekleben; doch darf die Oeffnung dadurch nicht ganz verstopft werden, damit nicht die Luft am Eintritt gehindert und die Bewegung gehemmt werde, die, wie sich ergeben wird, sehr fein und empfindlich ist. Die Flasche muss vor ihrem Eintauchen in das Gefäss in ihrem oberen Theile, d. h. am Bauche, mittelst Feuer erwärmt worden sein. Ist nun die Flasche beschriebenermassen gestellt, so wird die Luft darin, welche durch die Hitze sich ausgedehnt hat, sich wieder zusammenziehen, sobald jene fremde Hitze nach einiger Zeit vergangen ist, und zwar bis zu dem Grade der Ausdehnung oder Spannung, wie die umgebende Luft zu dieser Zeit sie hat. So weit wird dann das Wasser als Maass dessen in die Höhe steigen. Dabei muss ein Papierstreifen mit beliebigen Gradzeichen an die Flasche geklebt werden. Dann wird man sehen, dass nach der Temperatur und Tageszeit die Luft bei Kälte sich zusammenzieht und bei Wärme sich ausdehnt. Das aufsteigende Wasser zeigt die Zusammenziehung der Luft an, und das sinkende Wasser die Ausdehnung derselben. Die Empfindlichkeit der Luft für Wärme und Kälte ist so fein und auffallend, dass sie den Gefühlssinn des Menschen weit übersteigt. Schon ein Sonnenstrahl oder ein warmer Hauch und noch mehr die Wärme der Hand, die auf die Flasche gelegt wird, drückt selbst das Wasser deutlich nieder. Doch hat meiner Ansicht nach das thierische Leben noch eine feinere Empfindung für Wärme und Kälte; nur die Masse des Körpers hemmt und stumpft diese Empfindung ab.Dieser letzte Satz ist falsch. Thierische Körper sind schlechte Wärmeleiter, deshalb kann ihre Masse der Empfindung nicht hinderlich sein; auch geht die Empfindung so schnell durch die Nerven zu dem Gehirn, dass selbst die Abgabe der Wärme an die Nachbarschaft kaum vor der Empfindung geschehen und sie stören könnte.
  39. Neununddreisssigstens. Nächst der Luft halte ich die Körper für am meisten empfindlich für die Wärme, welche die Kälte kürzlich verändert und zusammengepresst hat, wie Schnee und Eis; denn schon eine gelinde Wärme macht sie schmelzen und flüssig. Diesen am nächsten steht vielleicht das Quecksilber; dann kommen die fetten Körper, wie Oel, Butter und Aehnliches. Dann das Holz; dann das Wasser; zuletzt die Steine und Metalle, die sich nicht leicht erwärmen, namentlich innerlich. Dagegen behalten sie die einmal aufgenommene Wärme am längsten, so dass ein Ziegel- oder andrer Stein oder ein glühendes Eisen, wenn es in eine Schüssel kalten Wassers gesteckt und eingetaucht wird, noch an vier Stunden lang so warm bleibt, dass man es nicht angreifen kann.Auch diese Angaben sind beinah durchgehends falsch.
  40. Vierzigstens. Je geringer die Masse eines Körpers ist, desto schneller wird er bei Annäherung eines warmen Körpers erwärmt. Dies zeigt, dass bei uns alle Wärme etwas den greifbaren Körpern gleichsam Entgegengesetztes ist.
  41. Einundvierzigstens. Die Wärme ist für den menschlichen Gefühlssinn eine schwankende Sache und eine blosse Beziehung. Deshalb fühlt sich lauwarmes Wasser mit der kalten Hand heiss an und später, wenn die Hand warm geworden, kalt.

14.

Wie sehr es uns noch an der Naturgeschichte mangelt, zeigen diese Tafeln; denn statt sicherer Auskunft und bestimmter Fälle hat oft müssen das, was die Ueberlieferung und Erzählung bietet, aufgenommen werden (wobei indess immer die Zweifelhaftigkeit des Berichts oder der Mittheilung bemerkt worden ist), und oft war ich genöthigt, zu weiteren Untersuchungen und Versuchen aufzufordern.Hier erkennt Baco selbst die Unzuverlässigkeit seiner Tafeln an; sie ist nach den vorgehenden Anmerkungen so gross, dass sie für die Induktion allen Werth verlieren. Sie zeigen auch, dass Baco selbst sich nie ernstlich mit dergleichen Versuchen beschäftigt hat; denn viele sind so einfach, dass ein emsiger Naturforscher sie selbst gemacht und nicht Anderen zugeschoben haben würde, zumal jeder Naturforscher weiss, wie nur die eigne Erprobung zur Erkenntniss führt.

15.

Das Werk und die Absicht dieser drei Tafeln nenne ich die für den Verstand eingerichtete Uebersicht der Fälle. Ist diese Uebersicht gemacht, so ist die Induktion selbst ins Werk zu setzen. Es muss nämlich nach dieser Uebersicht aller einzelnen Fälle eine solche Bestimmung gefunden werden, die mit der in Frage stehenden Eigenschaft immer zugleich da ist und fehlt, mit ihr zu- und abnimmt, und die, wie oben gesagt worden, die Besonderung einer allgemeineren Eigenschaft ist.Man sieht an sich keinen Grund, weshalb Baco sich nicht bei der sinnlich wahrgenommenen Eigenschaft, z. B. dem Warmen, als Letztem, beruhigen will. Offenbar hatte Baco schon die dunkle Vorstellung, dass dieses sinnlich Wahrgenommene nur Erscheinung ist, oder nur ein subjektiver Zustand des Wahrnehmenden. Sonst würde er nicht noch hinter demselben ein Anderes als ihr Wesen oder als ihre Form gesucht haben. Dennoch erklärt Baco die entstandene Wärme auch nirgends als einen blos subjektiven Zustand; sie ist ihm mehr und auch ein Gegenständliches; denn sonst fiele seine Form mit dem Begriff der Ursache zusammen, wie es in späteren Systemen geschieht. Die sinnlichen Wahrnehmungen ständen dann für Baco auf derselben Stufe mit den Gefühlen, wo man auch nur nach den Ursachen, nicht nach der Form fragt. Indem Baco somit an der Gegenständlichkeit der sinnlich wahrgenommenen Eigenschaften festhält, unterscheidet er sich von Locke, welcher die materialen, die secondary qualities, für blos subjektive Zustände erklärt. Diese Ansicht herrscht auch schon bei Descartes und ist auf Kant und in die moderne Naturwissenschaft als Axiom übergegangen. Wenn der Verstand dies gleich im Beginn bejahend versucht, und dies geschieht immer, wenn er sich selbst überlassen ist, so entspringen daraus Meinungen, die phantastisch und eitel sind; Begriffe, die schlecht begrenzt sind, und Regeln, die alltäglich verbessert werden müssen, wenn man nicht nach Art der Schulen für das Falsche zu kämpfen liebt. Solche Annahmen werden nach der Fähigkeit und Kraft des forschenden Verstandes besser oder schlechter ausfallen.

Aber im Allgemeinen vermögen nur Gott, welcher die Formen geschaffen und den Dingen eingegeben hat, und vielleicht die Engel und höheren Geister diese Formen durch bejahende Fälle unmittelbar gleich bei dem Beginn der Betrachtung zu erkennen; aber die menschliche Kraft übersteigt es. Der Mensch kann zunächst nur durch die verneinenden Fälle vorwärts kommen und erst zuletzt mit den bejahenden schliessen, nachdem alles Ungehörige ausgeschlossen worden ist.In Wahrheit ist die Erkenntniss ohne beide Arten von Fällen unmöglich; die bejahenden geben den Inhalt, die verneinenden beseitigen nur das mit aufgenommene Falsche. Deshalb beginnt auch Baco in Art. 20 mit den bejahenden Fällen einen vorläufigen Versuch, den er »die erste Weinlese« nennt.

16.

Deshalb muss durchaus eine Auflösung und Trennung der Eigenschaft stattfinden; nicht mittelst des Feuers, sondern mittelst des Verstandes, als eines göttlichen Feuers. Das erste Werk der wahren Induktion zur Entdeckung der Formen besteht demnach in der Abweisung oder Ausschliessung aller Bestimmungen, die in Fällen fehlen, wo die betreffende Eigenschaft vorhanden ist. Dahin gehören auch die Fälle, wo jene ohne diese vorhanden ist, oder wo jene zunimmt, während diese abnimmt oder umgekehrt.

Ist diese Abweisung oder Ausschliessung richtigermassen geschehen, so wird an zweiter Stelle, gleichsam am Boden, die bejahende, feste, wahre und scharf bestimmte Form zurückbleiben, während die flüchtigen Meinungen in Rauch aufgegangen sind. Dies kann man leicht aussprechen, aber nur durch viele Umwege kann man es erreichen. Indess will ich Nichts, was hierbei helfen kann, übergehen.

17.

Ich muss aber fortwährend erinnern und warnen, die von mir gemeinten Formen, denen ich eine so grosse Rolle zutheile, nicht mit den Formen zu verwechseln, an die man sich bisher im Denken und Betrachten gewöhnt hatte. Denn erstens spreche ich nicht von den »verbundenen Formen«, welche wie gesagt die Vereinigung einfacher Eigenschaften nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur darstellen, wie den Löwen, den Adler, die Rose, das Gold und ähnliche Dinge.Diese Stelle zeigt deutlich, dass Baco die einzelnen organischen und unorganischen Dinge der Natur nur als Verbindungen einfacher Eigenschaften ansieht und keine besondere Substanz neben diesen in ihnen anerkennt. Ihre Erörterung ist erst an der Zeit, wenn wir an die verborgenen Prozesse und inneren Gestaltungen und deren Entdeckung kommen, wie sie in den sogenannten Substanzen oder konkreten Gegenständen angetroffen werden. – Ebenso meine ich damit selbst in Bezug auf die einfachen Eigenschaften nicht jene abstrakten Formen und Vorstellungen, die in ihrem Inhalte unbestimmt oder schlecht begrenzt sind. Wenn ich von den Formen spreche, so meine ich damit vielmehr nur jene Gesetze und Bestimmungen des reinen Vorganges, welcher die einfache Eigenschaft zu Wege und hervorbringt, z. B. die Wärme, das Licht, die Schwere, so wie sie in jedem dafür empfänglichen Stoffe besteht. Deshalb ist die Form des Warmen oder die Form des Lichts und das Gesetz des Warmen und das Gesetz des Lichts ein und dasselbe, und ich entferne und trenne mich niemals von den Dingen selbst und von den erzeugenden Vorgängen. Wenn ich deshalb bei Ermittelung der Form der Wärme z. B. sage: »Man lasse das Dünne bei Seite«, oder: »Das Dünne gehört nicht zu der Form des Warmen«, so ist das ebenso viel, als wenn ich sagte: »Man kann die Wärme auch dem Dichten beibringen«, oder umgekehrt: »Man kann die Wärme auch von einem dünnen Körper trennen oder abhalten.« Meine Formen kommen vielleicht Manchem noch etwas abstrakt vor, weil sie sehr verschiedenartige Dinge mischen und zusammenstellen; wie denn die Wärme der Himmelskörper und das Feuer sehr verschieden scheinen; ebenso das bleibende Roth in einer Rose oder ähnlichem Gegenstande und das erscheinende Roth im Regenbogen und in den Strahlen des Opals und Diamants; ebenso der Tod durch Ertrinken und der durch Verbrennen, durch Erstechen, durch Schlagfluss, durch Schwäche; allein trotz dem stimmen diese sämmtlich in den Eigenschaften des Warmen oder des Rothen oder des Todes überein. Wo deshalb ein solches Bedenken hervortritt, da ist der Geist noch durch Gewohnheit und durch die konkrete Natur der Dinge gefesselt und in Meinungen befangen. Denn es ist ganz gewiss, dass diese Dinge trotz ihrer Verschiedenheit und Fremdartigkeit doch in der Form oder in dem Gesetze zusammentreffen, welches die Wärme, das Roth oder den Tod bedingt; denn die Macht des Menschen kann sich nur durch Aufdeckung und Entdeckung dieser Formen befreien und über den gemeinen Lauf der Natur erheben, sich ausbreiten und aufschwingen, um Neues und neue Weisen des Wirkens zu schaffen. Nächst dieser Einheit der Eigenschaft, welche die Hauptsache ist, werden demnächst auch die Theilungen derselben und ihre Arten, sowohl die gewöhnlichen wie die inneren und wichtigeren, an ihrem Orte behandelt werden.Unter »Theilungen« versteht Baco die Besonderung oder die Trennung in verschiedene Arten und Unterarten. Dieser Artikel ist wichtig für den Baconischen Begriff der Form. Baco nennt sie hier: »die Gesetze des reinen Vorganges, welcher die einfache Eigenschaft hervorbringt.« Auch hier nennt sie Baco also nicht die Ursachen der Eigenschaft, obgleich dies sehr nahe gelegen hätte. Baco fasst sie vielmehr als bestimmte, nach einer Regel geschehende Vorgänge. Er denkt dabei wohl hauptsächlich an die Bewegung, wie er denn die Form der Wärme später als eine solche bestimmte Bewegung der kleinsten Theile in dem warmen Körper darlegt. Baco steht so an der Grenze der Ansicht von Locke; er neigt dazu, mit Descartes nur Stoff, Grösse, Gestalt und Bewegung als das allein Wirkliche in der Natur zuzulassen; allein er macht sich dies nicht völlig klar, und er hält deshalb an der Gegenständlichkeit aller Eigenschaften neben ihrer Form fest, wobei denn freilich die Frage immer von Neuem sich erhebt, was denn nun die Eigenschaften eigentlich sind, wenn sie neben ihren Formen noch selbst ein Gegenständliches sein sollen.

18.

Ich habe nun ein Beispiel solcher Ausschliessung oder Verwerfung von Bestimmungen zu geben, die mit Hülfe der Uebersichtstafeln sich als solche ergeben, welche nicht zur Form des Warmen gehören. Ich erinnere dabei nur, dass nicht blos die einzelne Tafel genügt, um eine Bestimmung auszuschliessen, sondern jeder einzelne in ihnen enthaltene Fall ist dazu hinreichend. Denn nach dem Früheren genügt offenbar jeder einzelne Fall zur Widerlegung einer über die Form aufgestellten Meinung, wenn er ihr widerspricht. Indess werde ich der Deutlichkeit wegen und um den Nutzen dieser Tafeln mehr darzulegen, den ausschliessenden Fall verdoppeln oder wiederholen.

Ein Beispiel der Ausschliessung oder Beseitigung der nicht zur Form des Warmen gehörenden Bestimmungen.

  1. Erstens. Der Sonnenstrahlen wegen ist die Bestimmung des Elementaren auszuschliessen.Nach der Naturphilosophie der Peripatetiker steht das Himmlische mit dem Elementaren in einem fundamentalen Gegensatz; deshalb können die von einem Himmelskörper kommenden Strahlen nichts Elementares sein.
  2. Zweitens. Durch das gewöhnliche und besonders durch das unterirdische Feuer, was von den Strahlen der Himmelskörper am fernsten und am meisten abgeschlossen ist, wird die Bestimmung, dass die Wärme von den Himmelskörpern komme, ausgeschlossen.Damit will Baco nicht bestreiten, dass die Wärme von den Himmelskörpern kommen könne, sondern nur sagen, dass die Form der Wärme nicht in die Himmelskörper verlegt werden dürfe. In dem gleichen Sinne sind die folgenden Sätze zu verstehen; das Ausschliessen oder Verwerfen von Eigenschaften will immer sagen: In diesen Bestimmungen kann die Form des Warmen nicht gesucht werden. Es sind negative Instanzen.
  3. Drittens. Wegen der Erwärmung der Körper aller Art, d. h. der Mineralien, der Pflanzenstoffe, der äusseren Theile der Thiere, des Wassers, des Oels, der Luft u. s. w., welche durch die blosse Annäherung derselben an das Feuer oder einen warmen Körper erfolgt, ist jeder Unterschied in den Körpern oder in der Feinheit ihrer Gewebe auszuschliessen.
  4. Viertens. Wegen des glühenden Eisens und anderer glühenden Metalle, die andere Körper erwärmen, ohne doch an Gewicht oder Substanz abzunehmen, ist jede Mittheilung oder Mischung der warmen Substanz mit der andern zu verwerfen.
  5. Fünftens. Wegen des heissen Wassers und der heissen Luft und wegen der heissen Metalle und anderer festen Körper, welche heiss sind, ohne zu brennen und zu glühen, ist das Licht und das Leuchten zu verwerfen.
  6. Sechstens. Auch wegen der Strahlen des Mondes und anderer Sterne, mit Ausnahme der Sonne, ist das Licht und das Leuchten zu verwerfen.
  7. Siebentens. In Folge Vergleichung des glühenden Eisens mit der Flamme des Weingeistes, von denen ersteres mehr Hitze und weniger Leuchten, letztere mehr Leuchten und weniger Hitze hat, ist ebenfalls das Licht und das Leuchten zu verwerfen.Die Thatsache ist falsch; vielmehr bringt die Weingeistflamme das Eisen zum Glühen, kann also nicht kälter als dieses sein.
  8. Achtens. Wegen des glühenden Goldes und anderer Metalle, welche ihrem ganzen Stoffe nach zu den dichtesten Körpern gehören, ist auch das Lockere zu verwerfen.
  9. Neuntens. Wegen der Luft, die oft kalt ist und doch dünn bleibt, ist das Dünne ebenfalls zu verwerfen.
  10. Zehntens. Wegen des heissen Eisens, welches an Masse nicht zunimmt, sondern die gleiche wahrnehmbare Ausdehnung behält, ist die örtliche Bewegung und die Ausdehnung des Körpers, als eines Ganzen, zu verwerfen.Auch diese Thatsache ist falsch, und Baco wird dadurch gerade von der fundamentalen Eigenschaft der Wärme, nämlich die Körper auszudehnen, abgeführt. Descartes hat dagegen diese Bestimmung wohl erkannt und aus einer zunehmenden Kreisbewegung der Moleküle abzuleiten gesucht.
  11. Elftens. Wegen der Ausdehnung der Luft in graduirten Flaschen und Aehnlichem, wobei die Luft offenbar sich örtlich bewegt und ausdehnt, ohne doch bemerkbar an Wärme zuzunehmen, ist ebenfalls die örtliche Bewegung und Ausdehnung des Körpers als eines Ganzen zu verwerfen.Es ist kaum begreiflich, wie Baco zu diesem Satze kommen konnte, da diese Flasche gerade zur Messung der Wärme durch die Ausdehnung der Luft konstruirt ist.
  12. Zwölftens. Wegen der leichten Erwärmung aller Körper, ohne dass sie dadurch zerstört oder merkbar verändert werden, ist auch jede zerstörende Eigenschaft oder die gewaltsame Einführung einer neuen Eigenschaft zu verwerfen.
  13. Dreizehntens. Wegen der Uebereinstimmung und Gleichförmigkeit der Wirkungen, die sowohl die Wärme wie die Kälte in gleicher Weise haben, muss jede ausdehnende oder zusammenziehende Bewegung des Körpers im Ganzen verworfen werden.
  14. Vierzehntens. Wegen der Erweckung von Wärme durch Reibung von Körpern ist jeder selbstständige Stoff zu verwerfen. Unter selbstständigem Stoff verstehe ich das Bejahende in der Natur, was von keiner vorhergehenden Eigenschaft bewirkt wird.Dies ist ein grosser Gedanke, der erst von der modernen Naturwissenschaft wieder aufgenommen worden ist. Man hat nach Baco bis in die neueste Zeit an dem Caloricum, d. h. an einem sogenannten Wärmestoffe, festgehalten und aus dessen körperlicher Mittheilung die Erscheinungen desselben abzuleiten versucht. Erst seit Davy und Joule gilt die Wärme als eine blosse Bewegung der Moleküle. Descartes ist derselben Ansicht und scheint sie unabhängig von Baco gefasst zu haben.

Es bleiben noch andere Bestimmungen ausgeschlossen; ich will aber hier keine vollständige Tafel aufstellen, sondern nur Beispiele geben. Alle diese hier genannten Bestimmungen gehören also nicht zur Form des Warmen, und der Mensch hat es mit ihnen allen nicht zu thun, wenn er die Wärme hervorbringen will.

19.

In diesen Ausschliessungen liegt die Grundlage der wahren Induktion, die aber nicht eher vollendet ist, als bis sie zu dem Bejahenden gekommen ist. Denn mit der Ausschliessung ist es in keiner Weise abgethan und kann es in dem Beginn nicht sein, denn die Ausschliessung ist, wie erhellt, nur eine Beseitigung einfacher Bestimmungen.

Wenn man aber noch keine guten und richtigen Begriffe von den einfachen Bestimmungen oder Eigenschaften hat, wie kann da die Ausschliessung richtig erfolgen? Denn einige von den oben genannten, wie der Begriff des Elementaren, des Himmlischen, des Dünnen sind schwankende und mangelhaft bestimmte Begriffe. Deshalb kann ich, eingedenk der Grösse meines Unternehmens, was darauf ausgeht, den menschlichen Verstand den Dingen und der Natur gleichzustellen, mich bei den bisherigen Anweisungen nicht beruhigen, sondern ich muss die Sache aus einem höheren Gesichtspunkte auffassen und stärkere Hülfsmittel für den Verstand bereiten und beschaffen, die nun folgen sollen. Ueberhaupt muss bei der Erklärung der Natur der Verstand so vorbereitet und angeleitet werden, dass er sich innerhalb des erforderlichen Zieles der Gewissheit hält und doch, namentlich im Anfange, bedenkt, dass das Gegenwärtige vielfach von dem bedingt ist, was noch zu erforschen ist.

20.

Indess geht die Wahrheit eher aus dem Irrthum als aus der Verwirrung hervor; deshalb ist es zweckmässig, dem Verstande zu gestatten, dass er nach der Aufstellung und Erwägung der drei Tafeln der ersten Uebersicht, wie sie hier geschehen ist, sich an die Erklärung der Natur in bejahender Weise begebe und sich daran versuche, wobei sowohl die Fälle in den Tafeln, als sonst vorkommende benutzt werden können. Diese Art des Versuchs nenne ich die Erlaubniss für den Verstand, oder die beginnende oder die erste Lese.

 

Erste Lese über die Form des Warmen.

Es ist festzuhalten, dass die Form der Sache innewohnt, und aus den beigebrachten Fällen in der Gesammtheit und im Einzelnen klar erhellt, welchen die Sache selbst innewohnt; ohnedem könnte sie nicht die Form sein. Deshalb kann es keinen widersprechenden Fall geben.

Dennoch ist in dem einen Falle die Form oft ersichtlicher und auffallender als in dem andern; Letzteres nämlich da, wo das Wesen der Form durch andere Eigenschaften weniger bedrängt und gehemmt und geregelt ist. Dergleichen Fälle nenne ich erleuchtende oder offenbarende. Es ist also jetzt zur ersten Lese in Betreff der Form des Warmen überzugehen.

Nach den Fällen im Ganzen und im Einzelnen scheint die Eigenschaft, deren Besonderung die Wärme bildet, die Bewegung zu sein. Dies zeigt sich am meisten bei der Flamme, die fortwährend sich bewegt, und bei den heissen und kochenden Flüssigkeiten, die sich auch fortwährend bewegen. Es erhellt auch aus der Erregung oder Steigung der Wärme, die vom Blasebalge und dem Winde durch die Bewegung entsteht, wie die Fälle zu No. 29 Tafel III. ergeben. Aehnliches ergiebt sich aus den anderen Bewegungen in den Fällen 28 und 31 der Tafel III. Es erhellt ferner aus dem Erlöschen des Feuers und der Wärme durch jedes starke Zusammendrücken, welches die Bewegung zügelt und aufhören macht; man sehe die Fälle 30 u. 32 in Tafel III.Diese hier als Unterlagen der Induktion benutzten Fälle sind sämmtlich falsch und würden auch nicht zu der inneren Bewegung der kleinsten, nicht wahrnehmbaren Elemente des Körpers führen, welche nach Baco die Form der Wärme ist. Es erhellt auch daraus, dass jeder Körper von jedem Feuer und jeder starken und heftigen Wärme zerstört oder erheblich verändert wird. Hieraus erhellt klar, dass die Wärme einen Aufruhr und eine Störung und starke Bewegung in den inneren Theilen des Körpers veranlasst, welche allmählich zur Auflösung führt.

Man verstehe hierbei recht, was ich von der Bewegung sage, nämlich dass sie die Gattungseigenschaft der Wärme ist. Ich meine nicht, dass die Wärme die Bewegung erzeugt oder dass die Bewegung die Wärme erzeugt, wenn auch in einzelnen Fällen dies vorkommen mag, sondern dass die Wärme selbst oder das Wesen der Wärme eine Bewegung und nichts weiter ist; aber eine Bewegung besonderer Natur durch die Bestimmungen, die ich anführen werde, nachdem ich mich noch gegen einige Missdeutungen verwahrt haben werde.Diese Stelle ist eine gute Erläuterung der früheren Forderung Baco's: dass die Form die Besonderung (Beschränkung) einer höheren Gattung sein müsse. (Art. 219. 222.) Die gefühlte Wärme ist eine blosse Beziehung, die von dem Menschen, nicht von dem Weltall bedingt ist; sie ist in Wahrheit nur eine Wirkung des Warmen auf das thierische Empfinden. Auch ist sie in sich selbst wechselnd, da derselbe Körper je nach dem Zustand des Sinnes die Empfindung des Warmen wie des Kalten erregt, wie aus dem Falle 41 Tafel III. erhellt.Hier steht Baco der Auffassung Locke's schon ganz nahe, welcher alle materialen Eigenschaften nur für subjektive Zustände des Wahrnehmenden erklärt.

Auch die Mittheilung der Wärme oder ihre übergehende Natur, in Folge deren ein dem warmen Körper genäherter Körper warm wird, darf mit der Form des Warmen nicht vermengt werden. Denn die Wärme ist von der Erwärmung verschieden; denn jede reibende Bewegung bewirkt Wärme, ohne dass vorher ein Warmes da gewesen ist. Deshalb gehört das Erwärmende nicht zur Form des Warmen. Selbst da, wo die Wärme durch Annäherung an etwas Warmes erfolgt, geschieht dies nicht durch die Form des Warmen, sondern ist von einer höheren und allgemeineren Bestimmung abhängig, nämlich von der der Gleichmachung oder Vervielfachung, worüber die Untersuchung besonders anzustellen ist.Dies ist eine von den Verirrungen Baco's durch scholastische Begriffe. Die »assimilatio« und »multiplicatio« sind nur Beziehungsformen; Baco nimmt sie als seiende Eigenschaften, die z. B. hier entstehen, wenn ein kalter Körper von einem warmen erwärmt wird. Indem Baco hier seine Bewegungstheorie wieder verlässt, giebt er gerade ihren wesentlichen Vorzug auf, der darin besteht, dass die Mittheilung der Wärme auf die mathematische Lehre von dem Stoss und der Oscillation zurückgeführt werden kann. Der Begriff des Feuers ist nur eine gemeine Vorstellung ohne Werth; sie ist aus der Verbindung des Warmen und des Hellen zu einem Körper gebildet, wie sie bei der gewöhnlichen Flamme und bei den bis zum Glühen erhitzten Körpern stattfindet. Nachdem so alle Zweideutigkeiten beseitigt worden, kann ich zu den eigentümlichen und wahren Bestimmungen übergehen, welche die Bewegung zu der besonderen Art gestalten, welche die Wärme ausmacht.

  1. Die erste dieser Bestimmungen ist, dass die Wärme eine ausdehnende Bewegung ist, wodurch der Körper sich auszudehnen und einen grösseren Umfang und Raum zu erlangen strebt, als er vorher hatte. Diese Bestimmung zeigt sich vorzüglich bei der Flamme, wo der fette Rauch oder Dampf offenbar sich ausdehnt und zu einer Flamme sich öffnet. Dies zeigt sich auch bei jeder kochenden Flüssigkeit, welche sichtlich aufquillt, aufsteigt und Blasen wirft und dies so lange fortsetzt, bis sie sich in einen viel ausgedehnteren und dünneren Körper als die Flüssigkeit, nämlich in Dunst oder Rauch oder Luft umgewandelt hat. Es zeigt sich auch bei dem Holze und allem Brennmaterial, wo manchmal ein Ausschwitzen und immer ein Verdampfen stattfindet.Auch hier wird die Form des Warmen aus falschen Unterlagen abgeleitet; alle diese Fälle gehören nicht zu denen, wo die Ausdehnung durch Wärme erfolgt. Ebenso bei dem Flüssigwerden der Metalle, die zu den dichtesten Körpern gehören und deshalb nicht leicht aufschwellen und sich ausdehnen; dennoch stösst und treibt ihr Geist, wenn er in sich erweitert ist und nach einer noch grösseren Ausdehnung strebt, die dickeren Theile zur Flüssigkeit. Wird die Hitze noch verstärkt, so löst sich ein grosser Theil von ihnen auf und verwandelt sich in einen flüchtigen Zustand. Es ergiebt sich ferner aus dem Eisen und den Steinen, die zwar nicht flüssig werden und schmelzen, aber doch weich werden. Es zeigt sich auch bei Holzstäben, die in heisser Asche etwas erwärmt worden sind; sie werden dadurch biegsam.Wie oberflächlich hier Baco verfährt, erhellt daraus, dass er die Eigenschaften des Weichen und Biegsamen oder Elastischen mit der Vergrösserung des Volumens verwechselt. Am besten zeigt es sich aber an der Luft, die schon bei geringer Wärme sich fortwährend und deutlich wahrnehmbar ausdehnt, wie der Fall 38 Tafel III. ergiebt. Es erhellt auch aus der entgegengesetzten Eigenschaft des Kalten; denn die Kälte zieht jeden Körper zusammen und macht ihn kleiner. Deshalb fallen bei starker Kälte die Nägel aus den Wänden, das Erz springt ab, und eine heisse Flasche, die plötzlich in das Kalte gestellt wird, springt und zerbricht. Ebenso zieht sich die Luft schon bei einer geringen Kälte zusammen, wie der Fall 38 Tafel III. ergiebt. Hierüber wird ausführlicher bei der Kälte verhandelt werden.Die Behauptungen in Art. 18, No. 11 und 13 scheinen das gerade Gegentheil der hier ausgesprochenen Ansicht zu enthalten. Baco drückt sich allerdings dort nachlässig aus; dort will er indess nur sagen, dass die Ausdehnung nicht zur Form des Warmen gehört, wenngleich sie in vielen Fällen damit verbunden sei. Baco ist dort durch einige verneinende Fälle, die aber falsch sind, irre geführt worden. Auch scheint Baco zwischen einer Ausdehnung des Körpers im Ganzen und der ausdehnenden Bewegung seiner kleinsten Theile einen Unterschied zu machen, der an sich schwer zu verstehen ist, weil letztere jedenfalls erstere zur Folge haben muss. In No. 3 dieses Artikels wird indess die Erläuterung hierzu gegeben.

    Es kann deshalb nicht auffallen, dass die Kälte und die Wärme manche Wirkungen mit einander gemein haben, worüber der Fall 32 Tafel II. nachzusehen ist, da zwei von den nachfolgenden Bestimmungen beiden Eigenschaften zukommen, obgleich bei der jetzt behandelten Bestimmung ihre Wirkungen gerade entgegengesetzt sind, da die Wärme eine ausdehnende und erweiternde Bewegung veranlasst, die Kälte aber eine zusammenziehende und verengernde.

  2. Die zweite Bestimmung ist eine Maassgabe der ersten in der Weise, dass die Wärme eine ausdehnende Bewegung nach der Oberfläche hin ist, aber mit dem Gesetze, dass der Körper sich zugleich in die Höhe hebt. Denn unzweifelhaft giebt es viele zusammengesetzte Bewegungen, z. B. den Pfeil oder Wurfspiess, welche in dem Vorwärtsfliegen sich zugleich drehen und im Drehen zugleich vorwärts fliegen. Aehnlich verhält es sich mit der Bewegung der Wärme; sie ist zugleich ausdehnend und in die Höhe treibend. Diese Bestimmung zeigt sich bei einer Zange oder einem eisernen Stabe, der in das Feuer gehalten wird; hält man ihn senkrecht mit der Hand an dem oberen Ende, so verbrennt er schnell die Hand; aber seitwärts und niedrig geschieht es viel später. Sie zeigt sich auch bei den Destillationen von feineren Blumen, deren Geruch leicht erlischt; denn die Arbeiter bringen dabei das Feuer nicht unten, sondern oberhalb derselben an, damit es weniger versenge. Nicht blos die Flamme, sondern alles Warme steigt nach oben.

    Man muss indess einen Versuch hierüber an der entgegengesetzten Eigenschaft, an dem Kalten anstellen; ob nämlich die Kälte die Körper mehr nach abwärts zusammenzieht, wie die Wärme nach oben zu sie ausdehnt. Man muss deshalb zwei eiserne Stäbe oder zwei Glasröhren nehmen, die einander gleich sind, und sie ein wenig erwärmen; dann lege man einen in kaltes Wasser oder in Schnee getauchten Schwamm bei dem einen unter, bei dem andern über ihn. Ich glaube, dass die Abkühlung in dem Stabe schneller vorschreiten wird, wo der Schnee oben liegt, als da, wo er unten ist; das Umgekehrte findet bei der Wärme statt.Diese zweite Bestimmung ist geradezu falsch; die Wärme treibt nicht in die Höhe. Der Fall mit dem senkrecht in das Feuer gehaltenen Eisenstab beruht darauf, dass die heissen Luft- und Gas-Arten des Feuers dabei zugleich mit der Wärme des Eisens die Hand treffen, was bei der seitlichen Haltung der Hand nicht Statt hat. Schon an jeder Lampe kann man diese Erfahrung machen. Das Aufsteigen warmer Körper ist nur die Folge ihrer durch die erfolgte Ausdehnung eingetretenen grösseren Leichtigkeit. Auch hier zeigt sich, wie Baco über seine induktive Methode die Zerlegung der Vorgänge in die verschiedenen dabei wirkenden Ursachen und Kräfte verabsäumt. Diese Zerlegung ist viel wichtiger für die Naturforschung als die Sammlung konkreter und komplizirter Vorgänge als solcher, um auf Grund äusserlicher Aehnlichkeiten zur Induktion benutzt zu werden. Dies ist es, was Liebig instinktiv zu einem so heftigen Gegner von Baco's Methode gemacht hat.

  3. Die dritte Bestimmung ist, dass die Wärme eine Bewegung ist, die den Körper nicht als Ganzes gleichmassig ausdehnt, sondern die sich nur auf die kleinen Theilchen des Körpers bezieht, welche bei ihrer Ausdehnung zugleich gehemmt, zurückgestossen und geschlagen werden. Deshalb nimmt der Körper eine wechselnde und fortwährend zitternde Bewegung an, die drängt und treibt und durch den Rückschlag gereizt wird. Daher kommt die Heftigkeit des Feuers und der Wärme. Diese Bestimmung zeigt sich am deutlichsten an der Flamme und den siedenden Flüssigkeiten, die fortwährend zittern, in kleinen Theilchen anschwellen und wieder nachlassen. Sie zeigt sich auch bei den Körpern von so harter Beschaffenheit, dass sie trotz der Erwärmung nicht aufschwellen oder der Masse nach sich vergrössern, wie das glühende Eisen, was die stärkste Hitze enthält. Sie erhellt auch daraus, dass in kalter Jahreszeit das Feuer im Ofen am besten brennt. Sie zeigt sich ferner darin, dass die Luft in der graduirten Flasche, wenn sie sich darin ohne Hinderniss und Zurückstossen gleichmässig ausdehnen kann, nicht warm wird. Auch bei der zusammengepressten Luft bemerkt man, selbst wenn sie mit grosser Gewalt hervorbricht, keine erhebliche Wärme; denn die Bewegung erfolgt hier im Ganzen, ohne eine besondere Bewegung der kleinsten Theile. Hier ist der Versuch zu machen, ob die Flamme an ihren Seiten nicht stärker als in der Mitte brennt. Es erhellt auch daraus, weshalb jedes Brennen durch die kleinen Poren des Körpers, welcher verbrennt, geschieht, so dass die Verbrennung umstürzt, durchdringt, sich eingräbt und sticht, als wenn es unendlich viele Nadelspitzen wären. Daher kommt es auch, dass alle scharfen Wässer, wenn sie für den Körper, auf den sie wirken sollen, passen, die Wirkung des Feuers durch ihre stossende und stechende Natur hervorbringen. Diese hier besprochene Bestimmung ist auch bei dem Kalten vorhanden, in welchem die zusammenziehende Bewegung durch die widerstrebende ausdehnende Kraft gehemmt wird, wie bei dem Warmen die ausdehnende Bewegung durch die widerstrebende Zusammenziehung gehemmt wird. Es ist deshalb dasselbe Verhältniss, ob die Theilchen des Körpers nach Innen oder ob sie nach Auswärts dringen; aber die Stärke ist verschieden, weil es hier auf der Oberfläche der Erde nichts sehr Kaltes giebt. Man sehe den Fall 27 Tafel I.Auch diese dritte Bestimmung ist falsch. Aus ihr versteht man erst die Unterscheidung Baco's zwischen Ausdehnung im Ganzen und in den kleinsten Theilen. Die Wärme soll nur eine Bewegung der letzteren sein, die aber weniger einen Erfolg hat, als in einem Stossen, Stechen und Schlagen besteht, was gleichzeitig wieder gehemmt und zurückgeschlagen wird. Deshalb kommt nach Baco trotz dieses Tumultes, welcher die Wärme ist, keine Ausdehnung des ganzen Körpers zu Stande, und ebenso bei der Kälte keine Zusammenziehung. Wenn das Ofenfeuer im Winter besser brennt, so liegt es nicht an einem solchen Kampfe zwischen Kälte und Wärme, sondern folgt aus dem stärkeren Luftzuge durch den Ofen und die Esse, in Folge des grössern Gegensatzes in der Temperatur der äussern und innern Luft.
  4. Die vierte Bestimmung ist eine Maassgabe der vorgehenden in der Weise, dass jene stechende und durchdringende Bewegung zwar etwas heftig und schnell Statt hat, aber nur an solchen Theilchen erfolgt, die zwar klein sind, doch nicht bis auf das Aeusserste, sondern die noch einige Grösse haben. Diese Bestimmung ergiebt sich aus der Vergleichung der Wirkungen des Feuers mit denen der Zeit und des Alters. Das Alter oder die Zeit trocknet, verzehrt, untergräbt und verwandelt zu Asche nicht weniger wie das Feuer, aber in viel feinerer Weise, und da die Bewegung dabei langsam und nur an den feinsten Theilchen geschieht, so wird die Wärme dabei nicht bemerkt. Es zeigt sich auch, wenn man die Auflösung des Eisens mit der des Goldes vergleicht. Das Gold löst sich, ohne dass Wärme entsteht, aber das Eisen mit starker Wärme, obgleich Beides in ziemlich derselben Zeit geschieht. Bei dem Golde ist das Eindringen des lösenden Wassers mild und fein, und die Theilchen des Goldes geben leicht nach; bei dem Eisen geschieht aber das Eindringen mit Heftigkeit und Kampf, und die Eisentheilchen leisten einen hartnäckigen Widerstand. Einigermassen zeigt es sich auch bei dem Brand und Absterben des Fleisches, welche wegen der Feinheit der Fäulniss keine grosse Hitze und keinen grossen Schmerz verursachen.Diese vierte Bestimmung ist womöglich noch falscher als die zweite und dritte. Das Verschiedenartigste ist hier zusammengestellt und Unwahres mit Wahrem bunt gemengt. Dies Alles zeigt, dass es sehr bedenklich ist, Baco als Den anzusehen, der bereits die wahre Theorie der Wärme erkannt habe. Sein Begriff der Bewegung ist hier so entstellt und mit phantastischen Zusätzen beladen, dass man sich nicht wundern kann, wenn die spätere Zeit statt dessen lieber an dem Wärmestoff festgehalten hat.

Dies mag die erste Lese oder der Anfang der Erklärung über die Form des Warmen sein, welche dem Verstand gestattet worden ist. Nach der ersten Lese ist die Form oder wahre Definition der Wärme, und zwar der Wärme in Bezug auf das Weltall und nicht blos in Bezug auf das Gefühl, in kurzen Worten die folgende: Die Wärme ist eine ausdehnende Bewegung, die gehemmt wird und in den kleineren Theilen erfolgt. Die Ausdehnung des Körpers wird dabei ein wenig verändert, indem der Umfang sich vergrössert und die Bewegung etwas nach der Höhe strebt. Das Drängen in den Theilen bestimmt sich näher dahin, dass es nicht ganz träge bleibt, sondern dass es gereizt ist und eine gewisse Gewalt hat. Was aber die Wirksamkeit anlangt, so ist sie derselbe Gegenstand; denn die nähere Bestimmung derselben ist: Wenn man in einem Naturkörper eine Bewegung auf Erweiterung und Ausdehnung seiner erwecken könnte, und wenn man diese Bewegung so zurückdrängen und auf sich selbst richten könnte, dass jene Ausdehnung nicht gleichmässig vor sich ginge, sondern theils geschähe, theils zurückgestosssen würde, so würde man unzweifelhaft Wärme erzeugen,Das Schlimme hierbei ist nur das »Wenn man könnte« u. s. w. Da es sich hier um die Bewegung sehr kleiner, sinnlich nicht wahrnehmbarer Theile handelt, so bedürfte es für die praktische Ausbeutung des Wärmebegriffs einer Angabe, wie diese kleinen Elemente in solche Bewegung zu bringen sind, und diese bleibt Baco schuldig. Dies zeigt, dass Wissen und Können nicht immer, wie es in Art. 3, Buch I. heisst, dasselbe sind. ohne Rücksicht, ob der Körper ein sogenannter elementarer oder von den Himmelskörpern ausgestattet worden ist; ob er hell oder dunkel ist, ob locker oder dicht; ob örtlich ausgedehnt oder ob er innerhalb der Schranke der ursprünglichen Ausdehnung sich hält; ob er zur Auflösung neigt oder in seinem Zustande beharrt; ob er ein Thier oder eine Pflanze oder ein Stein ist; ob Wasser oder Oel oder Luft oder irgend eine andere Substanz, wenn sie nur der erwähnten Bewegung empfänglich ist. Die gefühlte Wärme ist nichts Besonderes, sondern dieselbe Sache, nur in Beziehung auf den Sinn aufgefasst.

Jetzt ist nun zu weiteren Hülfsmitteln vorzuschreiten.

21.

Nachdem die Tafeln der ersten Uebersicht und die der Beseitigung und Ausschliessung aufgestellt worden und nach denselben die erste Lese geschehen ist, will ich nun zu den weiteren Hülfsmitteln für den Verstand in Bezug auf Erklärung der Natur und die wahre und vollkommene Induktion übergehen. Wo es hierbei auf Tafeln ankommt, werde ich bei dem Warmen und Kalten bleiben; wo es aber nicht so vieler Beispiele bedarf, werde ich die Untersuchung weiter ausdehnen, damit sie weder sich verwirre, noch die Lehre in zu engen Grenzen sich bewege. Ich werde deshalb handeln: 1) über die vornehmsten Fälle; 2) über die Hülfsmittel der Induktion; 3) über die Berichtigung der Induktion; 4) über die Abänderungen bei der Untersuchung je nach der Natur des Gegenstandes; 5) über die vornehmsten Eigenschaften in Bezug auf die Untersuchung oder über das, was bei der Untersuchung zuerst und was später geschehen muss; 6) über die Grenzen der Untersuchung oder über die Zusammenfassung aller Eigenschaften im Weltall; 7) über die Ergebnisse für die Praxis oder über das auf den Menschen sich Beziehende; 8) über die Zurüstungen zur Untersuchung; 9) endlich über die aufsteigende oder absteigende Leiter der Grundsätze.Von diesen neun Punkten wird in dem zweiten Theile des Werkes nur der erste behandelt; wegen der übrigen bringt Baco nicht einmal eine Entschuldigung am Schluss des Werkes. Es ist deshalb möglich, dass er sie später hat nachholen wollen; allein wahrscheinlicher ist, dass Baco diese Eintheilung nicht mehr passte, da das Meiste von den hier berührten Punkten schon bei dem ersten durch dessen ausführliche Behandlung mit erledigt worden war.

22.

Die vornehmsten Fälle.Die Lehre von diesen Fällen füllt den ganzen Rest des Werkes aus, wobei jedoch Abhandlungen über andere Punkte hier und da eingeschoben werden, wie z. B. über die Bewegung. Unter »vornehmste Fälle« (instantiae praerogativae) sind die von dem Alltäglichen abweichenden Vorgänge und Zustände der Naturgegenstände zu verstehen, die vorzugsweise (praerogative) zur Einhaltung des richtigen Weges bei der induktiven Auffassung der Naturgesetze geeignet sind, und die Erkenntniss der Form besonders befördern. Deshalb sagt Baco später, dass ein solcher vornehmster Fall für viele gewöhnliche gelte.

Unter den vornehmsten Fällen werde ich zunächst die isolirten Fälle behandeln. Isolirt sind die, welche die Eigenschaft, über welche die Untersuchung Statt hat, an solchen Gegenständen zeigen, die ausser dieser Eigenschaft nichts mit einander gemein haben, und umgekehrt solche Gegenstände, welche diese Eigenschaft nicht haben, obgleich sie sonst in allen übrigen Eigenschaften mit einander übereinstimmen. Offenbar heben solche Fälle die Zweifel und beschleunigen und stärken die Ausschliessung falscher Annahmen so erheblich, dass wenige von ihnen für viele gelten können. Wenn z. B. die Natur der Farbe untersucht wird, so sind solche isolirte Fälle die Prisma's und die kristallinischen Edelsteine, welche die Farben nicht blos in sich wiedergeben, sondern auch nach aussen auf die Wand. Ebenso der Thau u. s. w. Diese haben mit den festen Farben der Blumen, der farbigen Edelsteine, der Metalle, der Hölzer u. s. w. ausser der Farbe nichts gemein. Man kann deshalb leicht daraus abnehmen, dass die Farbe nur eine Besonderung des eingedrungenen und aufgenommenen Lichtbildes ist, und zwar bei den ersten Fällen nach dem Unterschied des Einfallens, bei den letzteren nach der Verschiedenheit des Gewebes und der inneren Gestaltung der Körper. Dies sind isolirte Fälle für die Aehnlichkeit.

Ferner sind bei dieser Untersuchung die weissen und dunkeln Adern im Marmor und die Mannichfaltigkeit der Farben bei Blumen gleicher Art isolirte Fälle. Denn die Weisse und Schwärze des Marmors und die weissen und purpurnen Flecke bei den Nelken stimmen beinah in nichts ausser der Farbe überein. Es erhellt daraus, dass die Farbe nicht viel mit den inneren Eigenschaften eines Körpers zu thun hat, sondern mehr auf einer gröberen und gleichsam mechanischen Lage der Theile beruht. Dies sind isolirte Fälle in Bezug auf den Unterschied. Beide Arten von Fällen nenne ich isolirte oder wilde, mit einem von den Astronomen entlehnten Ausdruck.Nach dem »Lexikon mathematicum« von Vitalis (1668) hiess bei den Astronomen ein Planet »verwildert« (feralis), wenn er an einem solchen Orte sich befindet, wo er mit den übrigen in gar keiner Gemeinschaft steht.

23.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich zweitens die wandernden Fälle. Es sind die, wo die zu erforschende Eigenschaft zu entstehen beginnt, während sie vorher noch nicht bestand, oder umgekehrt, wo sie zu vergehen beginnt, nachdem sie vorher bestanden hatte. Die Fälle für beide Richtungen gehören immer zusammen oder sie bilden vielmehr nur einen Fall in seiner Bewegung oder seinen Uebergang zu dem entgegengesetzten Zustand. Dergleichen Fälle beschleunigen und stärken nicht nur die Ausschliessung ungehöriger Annahmen, sondern ziehen auch das Feld der Untersuchung für den bejahenden Theil oder die Form selbst enger zusammen; da die Form der Eigenschaft nothwendig etwas sein muss, was durch solche Wanderung hinzukommt oder umgekehrt durch solche Wanderung aufgehoben oder zerstört wird. Wenn nun auch jede Ausschliessung die bejahende Ermittelung befördert, so geschieht dies doch mehr geradezu, wenn der Gegenstand derselbe bleibt und es sich nicht um verschiedene handelt. Die Form aber, die sich in einem Falle verräth, führt, wie aus dem Bisherigen erhellt, zu allem Andern. Je einfacher dabei die Wanderung erfolgt, desto werthvoller ist der Fall.

Die wandernden Fälle sind auch für die praktische Thätigkeit von grossem Nutzen, denn sie zeigen die Form in der Verbindung mit einem Wirkenden oder mit einem Zerstörenden und deuten so der Praxis in den einzelnen Fällen den Weg an. Auch kann dann leicht weiter zu benachbarten übergegangen werden. Indess sind sie nicht ohne Gefahr und verlangen deshalb Vorsicht; man darf nämlich die Formen nicht zu sehr auf das Wirkende zurückführen, sonst verwirren sie die Einsicht oder führen wenigstens durch die überwiegende Betrachtung des Wirkenden einen falschen Begriff der Form ein. Das Wirkende darf nur als der Wagen oder Vermittler der Form aufgefasst werden. In der richtigen Ausschliessung ist indess ein leichtes Mittel gegen solche unrichtige Auffassungen gegeben.

Ich habe nun ein Beispiel von einem wandernden Fall zu geben; die zu erforschende Eigenschaft soll das Reine oder Weisse sein. Der Wanderfall für die Entstehung ist das ganze und das gepulverte Glas oder das ruhige Wasser und das zu Schaum geschlagene Wasser. Denn das ganze Glas und das ruhige Wasser sind durchsichtig, nicht weiss; dagegen sind das gestossene Glas und der Schaum des Wassers weiss und nicht durchsichtig. Es fragt sich also, was bei dieser Wanderung sich mit dem Glase oder Wasser zugetragen hat? Denn es ist klar, dass die Form des Weissen durch diese Zerstossung des Glases und Schäumung des Wassers hervorgebracht oder eingeführt wird. Nun ist aber nichts geschehen als eine Verkleinerung der Theilchen des Glases oder Wassers und eine Einschiebung der Luft. Für die Auffindung der Form des Weissen hilft es indess noch wenig, dass zwei an sich durchsichtige, aber in verschiedenem Grade durchsichtige Körper, wie Luft und Wasser, oder Luft und Glas bei ihrer Zusammenstellung in den kleinen Theilen die Weisse durch die ungleiche Zurückwerfung der Lichtstrahlen zeigen.

Es kann hier auch ein Beispiel von der erwähnten Gefahr und nöthigen Vorsicht gegeben werden. Denn ein durch solche wirkende Umstände bereits verdorbener Verstand kommt hier leicht auf den Gedanken, dass zu der Form des Weissen immer Luft nöthig sei, oder dass das Weisse nur aus durchsichtigen Körpern entstehe. Allein diese Annahmen sind falsch und werden durch viele gegentheilige Fälle widerlegt. Vielmehr erhellt, wenn wir die Luft ganz bei Seite lassen, dass durchaus gleichartige Körper in optischer Hinsicht das Durchsichtige enthalten; dagegen geben die in ihrem letzten Gewebe ungleichartigen Körper das Weisse. Körper, die in ihrem Gewebe vermischt und ungleichartig, aber doch dabei regelmässig sind, geben die übrigen Farben mit Ausnahme des Schwarzen, und letzteres zeigt sich bei Körpern, die von ungleichem und dabei unregelmässigem Gewebe sind. Dies ist ein Beispiel von einem zum Entstehen wandernden Fall in Bezug auf die Eigenschaft des Weissen.

Ein zu dem Vergehen wandernder Fall bei derselben Eigenschaft ist der aufgelöste Schaum und der geschmolzene Schnee. Denn das Wasser zieht das Weisse wieder aus und das Durchsichtige an, nachdem es nach Entfernung der Luft wieder ein zusammenhängender Körper geworden ist. Auch darf man nicht übersehen, dass zu diesen Wanderfällen nicht blos die zu dem Entstehen oder Vergehen führenden gehören, sondern auch die, welche zur Vermehrung oder Verminderung wandern; denn auch diese leiten zur Entdeckung der Form, wie aus der oben gegebenen Definition derselben und aus der Tafel der Grade erhellt. So ist das trockene Papier weiss, aber mit Wasser benetzt, wo die Luft entfernt und das Wasser aufgenommen wird, ist es weniger weiss und neigt sich zu dem Durchsichtigen. Der Grund ist derselbe wie bei den obigen Fällen.Es bedarf keiner Erwähnung, dass diese Theorie der Farben weder mit Newton's Emanationstheorie noch mit Huygen's Oscillationstheorie übereinstimmt, von welchen die letztere jetzt allgemeine Geltung gewonnen hat. Baco bleibt hier noch sehr in dem Unbestimmten und lässt die Form des Weissen in seinem Sinne noch sehr ungewiss.

24.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich drittens die deutlichen Fälle, die in der ersten Lese über das Warme erwähnt worden sind; ich nenne sie auch klarmachende oder befreite und entscheidende Fälle. Sie zeigen die untersuchte Eigenschaft nackt und substantiell und auch in ihrer Steigerung oder im höchsten Grade ihrer Kraft, befreit und losgelassen von den Hindernissen oder über diese durch die Stärke ihrer Kraft herrschend und sie unterdrückend und niederhaltend. Denn da jeder Körper die Formen vieler Eigenschaften verbunden und in einander verwachsen annimmt, so kommt es, dass die eine Eigenschaft die andere zurückstösst, niederdrückt, bricht oder bindet, wodurch die Formen der einzelnen verdunkelt werden. Allein man findet auch Gegenstände, wo die untersuchte Eigenschaft die anderen in Kraft überwiegt, weil entweder kein Hemmniss da ist, oder ihre Kraft sehr gross ist. Diese Fälle sind die deutlichsten für die Form. Aber selbst bei solchen Fällen ist Vorsicht nöthig und jedes voreilige Schliessen zu vermeiden. Denn Alles, was die Form zwingt und sie stösst, dass sie dem Verstande gleichsam begegnen soll, ist verdächtig, und es wird hier eine strenge und sorgfältige Ausschliessung nöthig.

Es sei z. B. das Warme die untersuchte Eigenschaft. Den deutlichsten Fall der ausdehnenden Bewegung, welche nach dem Obigen der erheblichste Theil der Form ist, giebt die graduirte und mit Luft gefüllte Flasche. Denn wenn auch die Flamme die Ausdehnung deutlich zeigt, so zeigt sie doch wegen des plötzlichen Verlöschens nicht die Zunahme der Ausdehnung. Ebenso zeigt das kochende Wasser wegen seines leichten Ueberganges in Dampf und Luft nicht so gut die Ausdehnung des Wassers als solchen. Ebenso zeigen glühendes Eisen und Aehnliches die Zunahme nur wenig, vielmehr wird sie wegen der von dem Eisengeist ausgehenden Zurückstossung und Brechung der dickeren und festeren Theile, welche die Ausdehnung zähmen und zügeln, nicht wahrnehmbar. Dagegen zeigt die graduirte Flasche deutlich die Ausdehnung der Luft, und man kann deutlich sehen, wie sie allmählich zunimmt und anhält, ohne zu vergehen.

So sei ferner die Schwere die zu untersuchende Eigenschaft. Der deutliche Fall für die Schwere ist hier das Quecksilber. Denn es übertrifft alles Andere bedeutend an Gewicht, mit Ausnahme des Goldes, was etwas schwerer ist. Aber das Quecksilber ist zur Andeutung der Form des Gewichts besser geeignet als das Gold, weil dies fest und zusammenhängend ist und zu dem Dichten gehört; dagegen ist das Quecksilber flüssig, in seinem Geiste schwellend und übertrifft dabei doch den Diamant und andere Körper, die als die festesten gelten, bedeutend an Schwere. Dies zeigt, dass die Form des Schweren oder des Gewichts lediglich nach der Menge des Stoffes, aber nicht nach dem festen Zusammenhange sich bestimmt.Dieser Schluss deutet auf die Wahrheit; aber im Uebrigen behandelt Baco die Schwere gleich anderen, den Körpern innewohnenden Eigenschaften (Farbe, Temperatur), während die Schwere doch nur die Folge der gegenseitigen Anziehung der ponderablen Körper ist und auf der Erde vielmehr eine Eigenschaft dieser Anziehung als der sogenannten schweren Körper selbst ist. Auch zeigt das Quecksilber die Natur der Schwere um nichts deutlicher als jeder andere Körper; seine höhere spezifische Schwere ist dafür ganz gleichgültig. Das Beispiel passt daher selbst in Baco's Sinne nicht.

25.

Zu den vornehmsten Fällen zähle ich viertens die verborgenen Fälle, die ich auch die Fälle der Dämmerung nenne. Sie sind gleichsam der Gegensatz der deutlichen Fälle. Sie zeigen die untersuchte Eigenschaft in ihrer schwächsten Wirksamkeit, gleichsam in ihrer Wiege und in ihrem rohesten Anfange, wie sie strebt und gleichsam zuerst sich versucht, aber von entgegengesetzten Eigenschaften noch verhüllt und unterjocht ist. Dergleichen Fälle sind für die Auffindung der Form von grosser Bedeutung; denn während die deutlichen zu dem Eigenthümlichen führen, leiten die verborgenen am besten zu den Gattungen, d. h. zu jenen gemeinsamen Eigenschaften, von denen die untersuchte Eigenschaft nur eine Besonderung ist.

Man nehme als zu untersuchende Eigenschaft z. B. das Feste oder sich Begrenzende, dessen Gegentheil das Flüssige und Fliessende ist. Die verborgenen Fälle sind hier die, welche einen noch schwachen und unsicheren Grad von Festem im Flüssigen darstellen, wie die Wasserblase, die gleichsam eine feste und begrenzte feine Haut aus dem Stoffe des Wassers ist. Ebenso die Wassertropfen, die, wenn Wasser genug vorhanden ist, sich zu einem dünnen Faden gestalten, damit das Wasser nicht getrennt werde. Wo es an Wasser für diese Nachfolge fehlt, da fällt das Wasser in runden Tropfen, welche Gestalt das Wasser am besten gegen die Trennung schützt. Selbst in dem Momente, wo der Wasserfaden aufhört und das Fallen in Tropfen beginnt, springt das Wasser aufwärts,Ist nur eine Sinnestäuschung, weil der untere Theil des Wasserfadens, nach dem der Ort bestimmt wird, schnell fällt. um seinen stetigen Zusammenhang nicht zu zerreissen. Selbst bei Metallen, die bei dem Schmelzen flüssig werden, aber zäher sind, heben sich oft flüssige Tropfen und bleiben so hängen.Ist Folge der eingeschlossenen und in die Höhe dringenden Gase. Aehnlich ist der Fall mit den Spiegeln, die sich die Kinder mittelst Binsenröhren aus dem Speichel machen, – wo sich auch eine dichte Haut des Wassers zeigt. Viel besser zeigt sich dies aber bei dem andern Spiele der Kinder, wo sie Wasser, was durch Seife etwas zäher gemacht worden ist, durch ein Rohr aufblasen und damit das Wasser gleichsam zu einem Kasten voll Blasen machen, welches Wasser durch das Hinzutreten von Luft den Zusammenhang so weit annimmt, dass es sich in die Höhe ziehen lässt, ohne zu zerreissen. Am besten zeigt es sich aber am Schaum und Schnee, die einen solchen Zusammenhang annehmen, dass man sie beinah zerschneiden kann, obgleich sie aus Luft und Wasser, also zwei flüssigen Körpern, bestehen.Baco übersieht den veränderten Aggregatzustand des Wassers im Schnee, der nur aus kleinen festen Eiskrystallen besteht.

Dies Alles deutet darauf hin, dass das Flüssige und Feste nur sinnliche Begriffe des gewöhnlichen Lebens sind, und dass in allen Körpern eine Scheu, sich zu trennen, besteht. Bei gleichartigen Körpern, wie die Flüssigkeiten, ist diese Scheu schwach und hinfällig, aber in ungleichartigen Körpern lebhaft und stark, weil die Annäherung eines Ungleichartigen die Körper zusammendrängt und das Eindringen von Ungleichartigem sie auflöst und erweicht.Solche Ansichten zeigen, wie weit Baco noch von der wahren Auffassung der in der Natur wirkenden Elemente und Kräfte entfernt ist, und wie tief er noch in den scholastischen Begriffen und Beziehungsformen steckt. Gleichartig und ungleichartig sind blosse Beziehungen im Denken und keine seienden Eigenschaften der Dinge (B. I. 37). Derselbe Fall kehrt in dem folgenden Beispiel mit dem armirten Magneten wieder. Auch hier stehen Descartes und Galilei schon viel höher, welche die stärkere Wirkung des armirten Magneten aus der engeren Berührung ableiten, welche zwischen dem Eisen der Armatur und dem angezogenen Eisen Statt hat. In Wahrheit rührt die stärkere Kraft von der durch die Armatur vermittelten verstärkten Vertheilung des magnetischen Fluidums her, wodurch in der Armatur entgegengesetzte Pole hervorgerufen werden, welche als solche doppelt so fest den Polen des Magneten anhängen, da der Magnet nicht blos die Armatur, sondern diese auch den Magneten anzieht.

Man nehme ferner als ein anderes Beispiel die Anziehung oder die Annäherung der Körper als zu untersuchende Eigenschaft. Als deutlichster Fall in Bezug auf die Form tritt hier vorzüglich der Magnet hervor. Die der Anziehung entgegengesetzte Eigenschaft ist aber das Nicht-Anziehen von Solchen, deren Substanz gleich ist; so das Eisen, was kein Eisen, das Blei, was kein Blei, das Holz, was kein Holz, das Wasser, was kein Wasser anzieht. Der verborgene Fall dazu ist der armirte Magnet oder vielmehr das Eisen an einem armirten Magnet. Denn die Eigenschaft ist der Art, dass ein armirter Magnet aus einiger Entfernung das Eisen nicht stärker anzieht als ein nicht armirter Magnet. Wird das Eisen aber so genähert, dass es das Eisen des armirten Magneten berührt, dann kann der armirte Magnet ein viel schwereres Gewicht tragen als ein einfacher, nicht armirter Magnet. Dies kommt von der Gleichheit des Stoffes bei beiden Eisenstücken, eine Wirksamkeit, die in dem Eisen verborgen und verhüllt besteht, ehe der Magnet hinzukommt. Die Form der Anziehung ist daher offenbar etwas, was in dem Magnet lebendig und stark, in dem Eisen schwach und verborgen ist. So hat man auch bemerkt, dass Holzpfeile ohne eiserne Spitze, die von starken Bogen abgeschossen werden, in das Holz von Schiffen oder Aehnliches tiefer eindringen, als wenn diese Pfeile eiserne Spitzen haben; es kommt dies von der Gleichheit des Stoffes bei beiderlei Holze, die allerdings vorher verborgen war.Diese Thatsache ist falsch und deshalb auch ihre Erklärung aus der Gleichartigkeit. Ebenso zieht die Luft die Luft und das Wasser das Wasser als ganzen Körper nicht an; dagegen löst eine zweite angenäherte Blase die erste schneller auf, als wenn sie nicht genähert worden, und zwar wegen des Strebens nach Verbindung des Wassers mit dem Wasser und der Luft mit der Luft.Die Blasen platzen erst bei der Berührung, in Folge des Stosses. Solche verborgene Fälle, die, wie gesagt, von erheblichem Nutzen sind, sind vorzüglich an den kleinen und feinen Theilchen der Körper ersichtlich; denn grosse Körpermassen folgen mehr den gemeinsamen und allgemeinen Formen, wie später dargelegt werden wird.

26.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich fünftens die begründenden Fälle, die ich auch die Fälle in Bündeln nenne. Sie bilden eine besondere Art der untersuchten Eigenschaft, gleichsam eine untergeordnete Form. Denn da die richtigen Formen, die immer in die untersuchten Eigenschaften sich umwandeln, tief verborgen und nicht leicht zu entdecken sind, so erfordert es die Sache und die Schwäche des menschlichen Verstandes, dass besondere Arten der Form, welche eine Anzahl von Fällen, aber nicht alle, in einen gemeinsamen Begriff zusammenfassen, nicht vernachlässigt, sondern sorgfältig beachtet werden. Denn Alles, was die Natur wenn auch in unvollkommener Weise verbindet, bereitet den Weg zur Entdeckung der Form. Deshalb sind die in dieser Beziehung nützlichen Fälle in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen und gehören mit zu den vornehmeren. Doch hat man sich dabei sorgfältig umzusehen, und wenn die Auffindung mehrerer solcher Formen gelungen und danach Abtheilungen oder Eintheilungen der untersuchten Eigenschaft gemacht worden sind, darf der Verstand sich dabei nicht beruhigen und die rechte Auffindung der grossen Form nicht bei Seite lassen, und nicht voraussetzen, dass die Eigenschaft schon von der Wurzel aus eine vielfache und getheilte sei, und somit die weitere Zurückführung der Eigenschaft auf eine als ein Geschäft ablehnen und wegschieben, was nur zu unnützen Spitzfindigkeiten und blossen Abstraktionen führe.

Wenn z. B. die untersuchte Eigenschaft das Gedächtniss ist oder das, was das Gedächtniss erregt und unterstützt, so sind hier die begründenden Fälle die Ordnung und die Eintheilung, welche das Gedächtniss offenbar unterstützen; ebenso die Orte bei dem absichtlichen Memoriren; entweder sind es Orte nach dem natürlichen Sinn, wie Thüre, Ecke, Fenster und Aehnliches, oder es sind bekannte Personen oder Merkmale oder jedes Beliebige, wenn es nur in eine gewisse Ordnung gebracht wird, wie z. B. die Thiere und die Pflanzen; oder die Worte und die Buchstaben, die Charaktere und die historischen Personen u. s. w., von denen das Eine passender und bequemer ist als das Andere. Dergleichen Orte unterstützen das Gedächtniss erheblich und steigern es weit über seine natürliche Kraft. Ebenso behält man Gedichte leichter und lernt sie schneller auswendig als Prosa.

Aus diesem Bündel dreier Fälle, nämlich der Ordnung, der Orte des künstlichen Memorirens und der Verse, bildet sich die eine Art der Hülfsmittel für das Gedächtniss. Man könnte diese Art wohl die Abschneidung des Endlosen nennen; denn wenn Jemand sich anstrengt, um sich auf etwas zu besinnen und es in das Gedächtniss zurückzurufen, so wird er, wenn er gar keinen ungefähren Begriff und keine Vorstellung von dem Gesuchten hat, zwar suchen und sich anstrengen, aber von Einem zu dem Andern ohne Ende umherlaufen. Hat er aber einen bestimmten Vorbegriff, so wird sofort dieses Schrankenlose abgeschnitten, und die Bewegung des Erinnerns geschieht in einem beschränkteren Kreise. In den oben genannten drei Fällen ist dieser Vorbegriff klar und bestimmt; denn in dem ersten muss das Gesuchte etwas sein, was mit der Ordnung stimmt; in dem zweiten ein Bild, welches eine Beziehung oder Uebereinstimmung mit jenen bestimmten Orten hat; im dritten Fall müssen es Worte sein, welche in den Vers passen. So ist die Schrankenlosigkeit abgeschnitten.

Andere Fälle bilden eine zweite Art, wonach Alles, was das Geistige sinnlich wahrnehmbar macht, das Gedächtniss unterstützt, eine Regel, die vorzüglich bei dem absichtlichen Memoriren sich wirksam zeigt. Andere Fälle führen zu der dritten Art, wonach Alles, was starke Gefühle, wie Furcht, Bewunderung, Scham, Entzücken, erweckt, das Gedächtniss unterstützt. Andere Fälle führen zu ferneren Arten, wonach das, was zuerst der noch freien und weder vorher noch nachher eingenommenen Seele geboten wird, am festesten in der Seele haftet, wie z. B. das, was man in der Kindheit lernt, oder was man vor dem Schlafengehen sich überdenkt, oder auch die ersten Reihen bei den Dingen. Andere Fälle bilden die Art, wo die Menge der Nebenumstände oder Veranlassungen das Gedächtniss unterstützt, z. B. eine Schrift in Absätzen und das laute Lesen und Hersagen. Andere Fälle führen zu der Art, wonach das, was man erwartet, und was die Aufmerksamkeit erregt, besser haftet, als was nur vorüberfliegt. Wenn man daher eine Schrift auch einige zwanzig Mal durchlesen hat, so wird man sie doch nicht so leicht im Gedächtniss behalten, als wenn man nach folgender Regel verfährt: Lies zehnmal und versuche dazwischen, es herzusagen, und sieh in das Buch, wo das Gedächtniss stockt.

So giebt es also sechs Unterarten bei der Hülfe für das Gedächtniss, nämlich: 1) die Abschneidung des Unbegrenzten, 2) die Zurückführung des Begrifflichen auf das Sinnliche, 3) der Eindruck starker Affekte, 4) der Eindruck auf eine noch unbeladene Seele, 5) die Menge der Nebenumstände und 6) die vorgehende Erwartung.Baco behandelt auch das Gedächtniss als eine Eigenschaft (natura), die mit anderen durch Verbindung die Seele bildet; letztere ist daher nur ein Kompositum von Eigenschaften. In seiner Schrift »De Augmentis« unterscheidet er indess Seele und Geist und erklärt letzteren für unerkennbar. Die einzelnen hier abgeleiteten Gesetze des Gedächtnisses sind richtig; aber es fehlt ihre Zurückführung auf ein sie alle umfassendes Gesetz, was hier sehr nahe lag, da es sich um innere Seelenzustände handelt, zu deren Erkenntniss keine Experimente nöthig sind; dieses eine Gesetz lautet: dass von Vorstellungen, welche zugleich oder unmittelbar nach einander in der Seele einmal gewesen sind, später der Eintritt der einen auch den Eintritt der andern zur Folge hat. (B. I. 12; B. XX.  41, 45.)

Man nehme ferner als Beispiel den Geschmack oder das Schmecken zur Eigenschaft, die untersucht werden soll. Dann sind die hier folgenden Fälle begründend. Wer nicht riecht, sondern diesen Sinn von Natur entbehrt, der wird auch eine ranzige oder faulige oder eine mit Knoblauch vermengte oder mit Rosenöl gemischte Speise nicht schmecken und im Geschmack nicht unterscheiden. Ferner unterscheiden und bemerken Die, deren Nase zufällig durch den Schleim beim Schnupfen verstopft ist, nicht, ob etwas faulig oder ranzig oder mit Rosenöl bestrichen ist. Ferner haben die mit solchem Schnupfen Behafteten, wenn sie etwas Uebel- oder Wohlriechendes im Munde oder am Gaumen haben und dabei momentan sich stark schneuzen, in diesem Augenblick eine sehr deutliche Wahrnehmung von dem Ranzigen oder Wohlriechenden.

Diese Fälle ergeben und begründen die Art oder vielmehr den Theil des Geschmacks, wonach der Geschmackssinn zum Theil dasselbe wie das innere Riechen ist, was von den höheren Gängen der Nase zum Mund und Gaumen übergeht und herabsteigt. Dagegen wird das Salzige und Süsse und Scharfe und Bittere und Saure und Rohe und alles Andere von Denen, bei welchen der Geruchssinn fehlt oder gestört ist, ebenso wie von jedem Andern wahrgenommen; deshalb ist offenbar der Geschmack aus dem innern Geruch und einem besonderen Gefühl zusammengesetzt, worüber hier zu verhandeln nicht der Ort ist.

Man nehme ferner als zu untersuchende Eigenschaft die Mittheilung einer Beschaffenheit ohne Vermischung der Substanzen.

Der Fall des Lichtes giebt oder bildet die eine Art der Mittheilung, die Wärme und der Magnet die andere. Denn die Mittheilung des Lichts ist gleichsam augenblicklich und geht sofort unter, wenn das ursprüngliche Licht entfernt wird. Aber die Wärme und die magnetische Kraft bleiben, nachdem sie in einen andern Körper übergeführt oder vielmehr erweckt worden sind, und hängen sich so eine längere Zeit an, selbst nach Entfernung der ersten Ursache.Auch diese »Mittheilung der Beschaffenheit« ist ein viel zu unbestimmter, zum Theil aus Beziehungen bestehender Begriff, der deshalb nicht als eine besondere Eigenschaft der Dinge behandelt werden kann, und wenn es wie hier geschieht, die Erkenntniss der Natur nicht fördern kann. Dieser Fehler kehrt sehr oft bei Baco wieder und ist ein Hauptgrund, weshalb er trotz der Richtigkeit seiner Methode keine brauchbaren Resultate erreicht.

So haben die begründenden Fälle einen erheblichen Werth; sie dienen hauptsächlich bei den Definitionen, namentlich bei den Besonderen, und zur Theilung und Eintheilung der Eigenschaften. Plato sagt deshalb nicht übel: Der ist für einen Gott zu halten, der gut zu definiren und einzutheilen versteht.Es ist wahrscheinlich eine Stelle im Phaedros gemeint.

27.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich sechstens die gleichförmigen Fälle oder die verhältnissmässigen; ich nenne sie auch die parallelen oder physischen Aehnlichkeiten. Es sind die Fälle, welche die Aehnlichkeit und Verbindung der Dinge nicht in den niederen Arten, wo es durch die begründenden Fälle geschieht, sondern in dem Einzelnen darlegen. Sie sind deshalb die ersten und niedrigsten Grade der Einheit der Natur. Sie begründen auch nicht gleich im Anfang einen Grundsatz, sondern deuten nur eine gewisse Uebereinstimmung der Körper an und machen darauf aufmerksam. Obgleich sie nicht viel für die Auffindung der Formen helfen, so offenbaren sie doch in sehr nützlicher Weise die gemeinsame Wirksamkeit der Theile des Weltalls und üben an den Gliedern desselben eine gewisse Zerlegung. So gelangt man manchmal von ihrer Hand geleitet zu erhabenen und wichtigen Grundsätzen, namentlich zu solchen, die sich mehr auf die Gestaltung der Welt als auf die einfachen Eigenschaften und Formen beziehen. So sind z. B. übereinstimmende Fälle die folgenden: der Spiegel und das Auge; ferner: der Bau des Ohres und die Orte, welche ein Echo haben.Diese angebliche Aehnlichkeit ist kaum eine solche zu nennen; denn die Unterschiede sind weit überwiegender. Ueberhaupt ist das »Aehnliche« ein blosser Beziehungsbegriff, der von dem »Unähnlichen« untrennbar ist; denn wäre das Aehnliche nicht allemal auch unähnlich, so wäre es identisch und nur Eines. (B. I. 38.) Deshalb hat das Aehnliche auch gar keinen bestimmten Inhalt, und es ist nichts leichter, als Aehnlichkeiten oder Unähnlichkeiten zwischen beliebigen Gegenständen aufzusuchen. Damit kommt die Erkenntniss nicht weiter, wie dies auch die hier von Baco angeführten Beispiele zeigen, wo das Fremdartigste auf Grund entfernter Aehnlichkeiten zusammengestellt, und die Wissenschaft dadurch eher verwirrt als gefördert wird. Aus solcher Uebereinstimmung kann man neben der Aehnlichkeit, die zu Vielem nützlich ist, auch noch leicht den Grundsatz abnehmen und aufstellen, dass die Sinnesorgane und die Körper, welche eine Einwirkung auf den Sinn herbeiführen, von gleicher Natur seien. Dadurch angeregt, erhebt der Geist sich gern zu einem höheren und bedeutenderen Grundsatz, nämlich zu dem: dass die Uebereinstimmung oder das Mitgefühl der mit Sinnen versehenen Körper und der leblosen und empfindungslosen nur darin von einander abweichen, dass zu den an sich dazu geeigneten Körpern bei jenen noch der Lebensgeist hinzukommt, der bei diesen fehlt. So vielfach also die Uebereinstimmung zwischen leblosen Körpern sein kann, so viel Sinne könnte es in den lebendigen geben, wenn letztere passende Oeffnungen hätten, durch welche der Lebensgeist in dem so vorbereiteten Gliede, als dem passenden Organ, sich ausbreiten könnte. Umgekehrt giebt es unzweifelhaft so viel Bewegungen in den leblosen Körpern, wo der Lebensgeist fehlt, als es sinnliche Wahrnehmungen in den lebendigen giebt. Wegen der geringen Zahl der Sinnesorgane müssen aber natürlich viel mehr Bewegungen in den leblosen Körpern bestehen als Wahrnehmungen in den beseelten. Ein deutliches Beispiel dazu liefert der Schmerz. Denn es giebt verschiedene Arten oder gleichsam verschiedene Charaktere des Schmerzes bei den lebendigen Wesen. So ist der Schmerz bei dem Brennen verschieden von dem bei harter Kälte, oder bei einem Stiche, oder bei einem Druck oder einer gewaltsamen Ausdehnung u. s. w., und es ist unzweifelhaft, dass alle diese Schmerzensarten der Bewegung nach auch in den leblosen Körpern enthalten sind, also in dem Holze und in dem Steine, wenn sie gebrannt werden oder von der Kälte zusammengezogen oder gestochen oder gespalten oder gebogen oder auseinandergezogen werden. Nur die Empfindung tritt nicht hinzu, weil die Lebensgeister fehlen.Baco verwechselt hier die körperlichen Ursachen des Schmerzes, welche vielleicht auf Bewegungen zurückgeführt werden können, mit dem Schmerz selbst, welcher nur in der Seele ist und als solcher keine Aehnlichkeit mit Bewegungen enthält. Indem »die Empfindung bei den leblosen Körpern nicht hinzutritt«, wie Baco sagt, fehlt eben der Schmerz bei ihnen völlig. Aehnliches gilt für die vorher erwähnten Sinneswahrnehmungen. Die Bewegungen in den Sinnesorganen mögen mit den Gegenständen vielleicht übereinstimmen, aber die Wahrnehmungsvorstellung ist ein Wissen und als solches von dem Gegenstande völlig verschieden. Ueberdem kommt man durch solches Spiel mit Aehnlichkeiten keinen Schritt weiter.

So sind auch die Wurzeln und die Zweige der Pflanzen ein gleichförmiger Fall, obgleich dies vielleicht sonderbar klingt. Denn jede Pflanze schwillt auf und treibt ihre Theile nach der Umgebung, sowohl nach oben wie nach unten, und die Zweige unterscheiden sich nur dadurch von den Wurzeln, dass diese in der Erde stecken, jene aber der Luft und Sonne ausgesetzt sind. Denn wenn man einen zarten und frischen Zweig eines Baumes nimmt und so biegt, dass er die Erde berührt, so erzeugt er sofort Wurzeln und keine Zweige, obgleich er mit dem Boden nicht zusammenhängt; und wenn umgekehrt Erde oben darauf gelegt wird und diese mit einem Steine oder andern schweren Gegenstande so belastet wird, dass die Pflanze nicht hindurch kann, so wird sie nicht nach oben, sondern nach unten Zweige und Blätter treiben.

Auch die Harze der Bäume und die meisten Edelsteine sind ein gleichförmiger Fall. Denn beide sind nur Ausschwitzungen und Durchseihungen des Saftes, bei jenen von den Bäumen, bei diesen von den Gebirgen. Deshalb haben beide die Klarheit und den Glanz, da die Durchseihung sehr fein und langsam erfolgt. Daher kommt es auch, dass die Haare der Thiere nicht so schön und von so lebhaften Farben sind als die Federn vieler Vögel; denn die Säfte werden von der Haut nicht so fein durchseiht, wie von dem Federkiel.Liebig wendet hiergegen ein, dass es auch schwarze Raben und weisse Schwäne giebt; wenigstens muss Baco beide als negative Instanzen gegen seinen angegebenen Grund gelten lassen.

Ebenso bilden der Hodensack bei den männlichen Thieren und die Gebärmutter bei den weiblichen einen gleichförmigen Fall. Deshalb sind diese bedeutsamen Organe, durch welche sich die Geschlechter bei den Landthieren unterscheiden, nur als äusserliche und innerliche unterschieden. Durch die grössere Kraft der Wärme streckt sich das männliche Zeugungsglied nach aussen, während bei dem weiblichen, weil die Wärme dafür zu gering ist, folgt, dass es innen bleibt.Dieser Gedanke ist beinah wörtlich aus Telesius' »De Rerum Natura« VI. 18 entlehnt, und Telesius hat ihn von Galen »De Usu partium« XIV. 6.

Auch die Flossen der Fische und die Füsse der vierfüssigen Thiere und die Flügel der Vögel sind ein gleichförmiger Fall. Aristoteles fügt noch die vier Windungen in der Bewegung der Schlangen hinzu, so dass die Natur so eingerichtet ist, dass alle Bewegung der lebendigen Wesen sich durch ein Vierfaches der Glieder oder Biegungen vollzieht.

Auch die Zähne bei den Landthieren und die Schnäbel bei den Vögeln sind ein gleichartiger Fall, woraus erhellt, dass bei allen vollkommenen Thieren eine harte Substanz nach dem Munde fliesst.Solche falsche Induktionen zeigen die Gefährlichkeit dieses Spieles mit Aehnlichkeiten.

Auch ist die Aehnlichkeit und Gleichförmigkeit nicht verkehrt, wonach der Mensch nur eine verkehrte Pflanze ist. Denn der Kopf ist die Wurzel der Nerven und thierischen Vermögen; der Samen ist aber zu unterst, wenn man die äusseren Glieder, die Arme und Beine, nicht mitrechnet. Dagegen ist bei der Pflanze die Wurzel, die dem Kopfe gleicht, in der Regel an die unterste Stelle und der Samen an die oberste gestellt.

Ich muss endlich im Allgemeinen verlangen und wiederholt erinnern, dass der menschliche Fleiss in Erforschung und Sammlung der Naturgegenstände sich gänzlich ändere und eine der gegenwärtigen entgegengesetzte Richtung einschlage. Denn aller Fleiss war bis jetzt nur darauf gerichtet, jene Mannichfaltigkeit zu verzeichnen und nur jene Unterschiede bei den Thieren, Pflanzen und Fossilien sorgfältiger zu beobachten, von denen die meisten als blosse Spiele der Natur gelten müssen und ohne wahren Nutzen für die ernste Wissenschaft sind. Dergleichen ist wohl ergötzlich, manchmal auch für die Praxis nützlich, aber es hilft nicht oder nur wenig zur Erkenntniss der Natur. Deshalb ist vielmehr aller Fleiss auf die Ermittelung und Untersuchung der Aehnlichkeit und Gleichförmigkeit in den Dingen zu verwenden, sowohl in den ganzen, als in den Theilen derselben; denn diese bilden die Einheit in der Natur und geben die Unterlage für die Wissenschaften.

Doch ist hier grosse und strenge Vorsicht nöthig. Man darf nur die Fälle für gleichförmig und sich entsprechend nehmen, welche physische Aehnlichkeiten enthalten, wie ich schon früher erinnert habe; d. h. wirkliche und substanzielle, die in der Sache selbst stecken, aber keine zufälligen und blos scheinbaren;Diese Erinnerung ist sehr richtig, aber Baco hat sie leider selbst nicht befolgt, wie seine Eigenschaften der »Vervielfachung«, der »Mittheilung«, der »Aehnlichkeit« zeigen, welche Worte sämmtlich leere Beziehungsformen des Denkens ohne realen Inhalt bezeichnen, wie schon in den frühern Anmerkungen ausgeführt worden ist. noch weniger abergläubische oder merkwürdige, wie sie von den Schriftstellern über natürliche Magie, einen höchst leichtsinnigen und bei den ernsten Dingen, um die es sich hier handelt, kaum erwähnenswerthen Schlag Menschen, überall aufgezeigt werden. Mit grosser Eitelkeit und Verstandesschwäche beschreiben diese leere Aehnlichkeiten und Sympathien der Dinge und dichten auch mitunter solche noch hinzu.

Dies bei Seite gelassen, dürfen die gleichförmigen Fälle auch bei der Gestaltung der Erde und in Grösserem nicht ausser Acht gelassen werden; z. B. Afrika und die Landschaft von Peru mit dem bis nach der Magellanischen Meerenge sich ausstreckenden Erdtheile. Beide Erdtheile haben ähnliche Meerbusen und ähnliche Vorgebirge, was kein Zufall sein kann. Dasselbe gilt für die alte und die neue Welt insoweit, als beide nach Norden breit und ausgedehnt, nach Süden aber schmal und zugespitzt sind.

Zu den bedeutendsten gleichförmigen Fällen gehören ferner die hohe Kälte in der sogenannten mittleren Luftregion und die heftigen Feuer, die oft aus unterirdischen Orten hervorbrechen. Beides sind die letzten Enden oder das Aeusserste der Eigenschaft des Kalten nach dem Himmelsraume hin und der Eigenschaft des Warmen nach dem Innern der Erde hin durch den Gegensatz und die Abstossung der entgegengesetzten Naturen.

Endlich ist die Gleichförmigkeit der Fälle noch bei den Grundsätzen der Wissenschaften zu erwähnen. So ist die Figur, welche in der Rhetorik »Wider Erwarten« heisst, gleichförmig mit der Figur, welche in der Musik Ausweichung oder Kadenz heisst. Ebenso ist der mathematische Satz: Zwei Grössen, die einer dritten gleich sind, sind sich selbst gleich, gleichförmig mit dem Vorgang in dem logischen Syllogismus, welcher Begriffe verbindet, die in einem Mittlern zusammentreffen.Das »Mittlere« ist der Terminus medius; so ist z. B. in dem Schluss: »Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich«; der Begriff Mensch das Mittlere, in dem das Sterbliche und Cajus sich gleich sind. Ueberhaupt ist eine gewisse ausspähende Kraft in Ermittelung und Auffindung der physischen Gleichförmigkeiten und Aehnlichkeiten in vielen Fällen höchst nützlich.

28.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich siebentens die Fälle einziger Art,Baco nennt sie Instantias mon odicas, das richtige Wort lautet aber mon adicas. die ich auch die unregelmässigen oder anders gebeugten mit einem grammatikalischen Worte nenne. Sie zeigen einzelne bestimmte Körper, welche als ausserordentliche oder regellose sich darstellen und mit den Gegenständen gleicher Gattung nicht im Mindesten übereinkommen. Denn die gleichförmigen Fälle stimmen unter einander überein; die Fälle einziger Art sind aber nur sich selbst ähnlich. Ihr Nutzen ist derselbe wie bei den verborgenen Fällen; sie erheben und vereinen die Natur zur Auffindung der Gattungen oder der gemeinsamen Eigenschaften, die dann nach den wahren Unterschieden sich besondern. Denn man darf in der Untersuchung nicht nachlassen, bis die Eigenthümlichkeiten und Beschaffenheiten solcher Dinge, die für Naturwunder gelten, auf eine Form oder ein festes Gesetz zurückgeführt und darunter begriffen worden sind, so dass sich ergiebt, wie alle Unregelmässigkeit oder Einzigkeit nur von einer gemeinsamen Form bedingt ist, und das sogenannte Naturwunder nur in den scharfen Unterschieden und Graden und in dem seltenen Zusammentreffen liegt und nicht in dem Gegenstande selbst; während jetzt die menschliche Betrachtungsweise nicht weiter geht, sondern diese Fälle als Geheimnisse und Wunderdinge hinstellt, die weder eine Ursache haben, noch einer allgemeinen Regel unterliegen.Dieses ist ein vortrefflicher, für Baco's Zeit bedeutender Gedanke. Auch die grösste Abnormität und Missgeburt ist nur das Ergebniss regelmässiger und nach ausnahmslosen Gesetzen wirkender Naturkräfte. Descartes drückt diesen Gedanken so aus: Eine schlecht gehende Uhr geht ebenso regelmässig wie eine gute Uhr; beide befolgen mit derselben Genauigkeit feste Naturgesetze.

Beispiele solcher Fälle einziger Art sind die Sonne und der Mond unter den Gestirnen, der Magnet unter den Steinen, das Quecksilber unter den Metallen, der Elephant unter den Vierfüsslern, das Wollustgefühl unter den Gefühlsarten, der Wildgeruch der Hunde unter den Geruchsarten. Auch der Buchstabe S gilt bei den Grammatikern für einzig in seiner Art, wegen der leichten Verbindung, welche er, mehr wie jeder andere Buchstabe, mit den Mitlauten, selbst den doppelten und dreifachen, eingeht. Solche Fälle sind sehr zu schätzen, denn sie schärfen und beleben die Untersuchung und befreien ein verwöhntes Denken von dem Gewohnten und von dem, was meistentheils geschieht.Auch der Begriff der »einzigen Fälle«, welcher in diesem Artikel behandelt wird, ist viel zu weit und zum Theil nur eine Beziehung des Denkens; deshalb kann die Naturforschung damit nichts anfangen, wie die von Baco angeführten Beispiele deutlich zeigen.

29.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich achtens die abweichenden Fälle, d. h. die Irrthümer der Natur, das Unbestimmte und die Missgeburten, wo die Natur von ihrem regelmässigen Gange abgeht und ausbiegt. Diese Irrthümer der Natur unterscheiden sich von den Fällen einziger Art darin, dass letztere Wunder der Art nach und erstere Wunder dem Individuum nach sind. Ihr Nutzen ist derselbe; denn sie schützen den Verstand gegen die Gewohnheit, und sie decken die gemeinsamen Formen auf. Auch bei diesen darf man in der Untersuchung nicht nachlassen, bis man die Ursache solcher Abweichung gefunden hat. Indess trifft diese Ursache nicht die Form selbst, sondern nur den verborgenen Fortgang zur Form. Wer die Wege der Natur erkannt hat, wird auch die Abwege leicht bemerken, und wer die Abwege erkannt hat, der wird die Wege besser bezeichnen können. Sie unterscheiden sich auch insofern von den Fällen einziger Art, als sie mehr die Belehrung für die Praxis und für die Anwendung bieten. Denn neue Arten hervorzubringen, würde sehr schwierig sein; aber weniger schwer ist es, die Merkmale einzelner Dinge zu verändern und dadurch viel Seltenes und Ungewöhnliches hervorzubringen. Der Uebergang von den Wundern der Natur zu den Wundern der Kunst ist leicht. Ist einmal die Natur in ihrer Abweichung betroffen worden und das Verhältniss erkannt, so wird es nicht schwer sein, die Natur durch Kunst dahin zu bringen, wohin sie durch Zufall sich verirrt gehabt hatte, und nicht blos dahin, sondern auch anderwärts hin, da die Versehen auf einer Seite den Weg für die Versehen und Abweichungen nach allen Seiten zeigen und öffnen. Der Beispiele bedarf es hier nicht, da sie in Ueberfluss vorhanden sind. Es ist deshalb eine Zusammenstellung oder besondere Naturgeschichte von allen Missgeburten und wunderbaren Naturerzeugnissen, so wie von allem Neuen, Seltenen und Ungewöhnlichen in der Natur zu fertigen. Dabei muss aber mit der strengsten Auswahl verfahren werden, damit man sich auf sie verlassen kann. Am verdächtigsten sind dabei die mit der Religion irgend wie zusammenhängenden Vorgänge, wie die seltsamen Erscheinungen, von denen Livius berichtet, und die sich bei den Schriftstellern über natürliche Magie und Alchymie und überhaupt bei allen Denen finden, welche die Verehrer und Liebhaber von Fabeln sind. Es muss deshalb Alles von ernsten und zuverlässigen Schriftstellern und aus sichern Mittheilungen entnommen werden.

30.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich neuntens die Grenzfälle, welche ich auch die antheilhabenden nenne. Es sind solche, wo die einzelnen Arten der Körper sich als aus zwei Arten zusammengesetzt darstellen, oder als den rohen Anfang zwischen der einen und der andern Art. Man kann diese Fälle zu den Fällen einziger oder abweichender Art zählen, da sie im Ganzen nur selten und ausnahmsweise vorkommen; indess verlangen sie bei ihrer Wichtigkeit doch eine besondere Stelle und Erörterung. Sie offenbaren am besten die Zusammensetzung und die Zustandebringung der Dinge; sie deuten die Ursachen der Zahl und Beschaffenheit der regelmässigen Arten in der Welt an und führen den Geist von dem, was ist, zu dem, was sein kann. Beispiele dazu sind das Moos zwischen der Pflanze und der Fäulniss; einige Kometen zwischen den Gestirnen und den feurigen Lufterscheinungen; die fliegenden Fische zwischen den Vögeln und Fischen; die Fledermäuse zwischen den Vögeln und Vierfüsslern; auch der Affe, das hässlichste, aber auch das uns ähnlichste Thier;Ein Ausspruch des Dichters Ennius, den Cicero anführt. die Missgeburten mit doppelten Gliedern und einer Mischung verschiedener Arten u. s. w.Der Begriff der »Grenzfälle« ist ebenfalls viel zu unbestimmt, schwankend und mit Beziehungsformen vermengt, als dass er von der Wissenschaft zur Basis ihrer Forschungen benutzt werden könnte, wie die hier angeführten Beispiele ergeben. Anstatt die Untersuchung auf den fraglichen Gegenstand selbst zu richten und durch genaue Untersuchung seiner Theile, seiner Glieder, seiner Bewegungen, seiner Entwickelung die Abnormität auf die Wirksamkeit regelmässiger Naturkräfte zurückzuführen und so die Erkenntniss zu fördern, führt dieser Begriff der Grenzfälle nur von dem Gegenstande ab zu andern Dingen, die ähnlich, aber auch verschieden sind.

31.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich zehntens die Fälle der Macht, oder die Fälle der Schwerter, indem ich dieses Wort als Zeichen der Herrschaft nehme. Ich nenne sie auch den Geist oder die Hand des Menschen. Es sind dies die besten und vollkommensten Werke, die gleichsam das Höchste in jeder Kunst darstellen. Da unser Bestreben ist, die Natur den menschlichen Bedürfnissen und Wünschen zu unterwerfen, so ist es folgerecht, dass diese Werke, die schon längst von der Macht des Menschen abhängen, gleich Provinzen, die bereits früher erobert und unterworfen worden sind, verzeichnet und festgestellt werden, namentlich solche, die am meisten ausgearbeitet und vollendet sind; denn von ihnen ist der Uebergang zu Neuem und noch Unentdecktem glatter und leichter erreichbar. Eine aufmerksame Betrachtung und ein ernstlicher und beharrlicher Wille wird dann Dergleichen entweder weiter fortführen, oder zu Verwandtem überleiten oder grösseren Nutzen daraus ziehen. Damit ist aber die Sache nicht abgeschlossen. So wie der Geist durch seltene und ungewöhnliche Vorgänge in der Natur zur Erforschung und Auffindung der dazu gehörenden Formen angeregt und erhoben wird, so wird dies auch bei den vortrefflichen und bewunderungswürdigen Werken menschlicher Thätigkeit geschehen, und zwar umsomehr, als das Verfahren und die Herstellung bei solchen menschlichen Werken meistens bekannt ist, während dies bei den Wundern der Natur dunkler bleibt. Doch muss man sich hierbei vorsehen, dass Dergleichen den Geist nicht niederdrücke und gleichsam an den Boden fessele. Denn dergleichen Kunstwerke, die sich als den Gipfel und die Spitzen menschlicher Kraft und Klugheit darstellen, betäuben und fesseln leicht den Geist; er ist ihnen gegenüber wie gekreuzigt, er kann sich dann mit nichts Anderem vertraut machen und meint, dass dergleichen Werke nur auf dem bisherigen Wege, durch Steigerung der Anstrengung und sorgfältigere Vorbereitung hervorgebracht werden können. Allein man muss vielmehr festhalten, dass die bisher entdeckten und bekannten Arten und Weisen, Sachen und Arbeiten herzustellen, grösstentheils geringfügig sind, und dass die Erlangung einer grössern Macht lediglich von den Quellen der Formen bedingt ist und abgeleitet werden kann, von denen noch keine bis jetzt entdeckt ist. So würde, wie ich schon bemerkt habe, Der, welcher mit seinen Gedanken bei den Maschinen und Widdern der Alten stehen geblieben wäre, trotz aller Anstrengung sein ganzes Leben hindurch doch nie auf die Erfindung der Feuerwaffen, die durch Schiesspulver wirken, gekommen sein. Und ebenso würde Der, welcher sein Beobachten und Nachdenken auf die wollenen und baumwollenen Gewebe beschränkt hatte, niemals die Eigenschaften des Seidenwurms und der Seide entdeckt haben. Betrachtet man alle bedeutenden Erfindungen, so wird man bemerken, dass sie nicht durch kleinliche Ausdehnungen und Ausschälungen der bekannten Verfahrungsweisen, sondern durch Zufall erfolgt sind. Nur die Entdeckung der Formen kann diesen Zufall ersetzen und ihm zuvorkommen, da solche Zufälle nur nach Ablauf von Jahrhunderten einzutreten pflegen. Besondere Beispiele für diese Fälle wird es bei der Menge derselben nicht bedürfen. Aber die Aufgabe ist hier, alle mechanischen Künste und selbst die schönen Künste in Bezug auf ihre Werke durchzugehen und genau zu untersuchen und eine Sammlung oder besondere Geschichte von den grossen und hervorragenden Werken zu machen, die in den einzelnen Künsten als die vollkommensten gelten. Diese Darstellung hat auch die Arten des Verfahrens und der Ausführung mit zu umfassen. Ich will aber dabei die Thätigkeit für solche Sammlung nicht auf die sogenannten Meisterstücke und Geheimnisse dieser Künste, die man anzustaunen pflegt, beschränken; denn das Staunen ist das Kind des Seltenen; wenn etwas, selbst aus der Gattung gewöhnlicher Dinge, nur irgend seltsam ist, so erweckt es das Staunen. Dagegen wird das, was wegen der Abweichung seiner Art von andern Arten wirklich das Staunen verdient, meist nur obenhin beachtet.

Nicht blos die Fälle einziger Art aus der Natur, die früher behandelt worden, sondern auch die aus der Kunst müssen gesammelt werden; und so wie ich zu den ersten die Sonne, den Mond, den Magnet und Aehnliches gerechnet habe, da sie, obgleich allgemein bekannt, doch von eigenthümlicher Beschaffenheit sind, so ist es auch mit den Fällen einziger Art bei der Kunst zu halten.

Dazu gehört z. B. das Papier, ein sehr bekannter Gegenstand. Betrachtet man die durch Kunst gefertigten Gewebe, so sind bei ihnen die Fäden entweder quer über einander gezogen, wie bei den seidenen, wollenen, leinenen und anderen Zeugen, oder sie sind mittelst besonderer Säfte zusammengeklebt, wie die Ziegelsteine, die Töpferwaaren, das Glas, die Emaille, das Porzellan und Anderes, welche bei guter Verbindung glänzen und bei geringerer sich nur verhärten, aber nicht glänzen. Alle diese aus besondern flüssigen Stoffen gemachten Gegenstände sind zerbrechlich und nicht zähe und biegsam. Dagegen ist das Papier ein Gegenstand, der zerschnitten und zerrissen werden kann; er kommt darin den Thierfellen und Häuten oder den Pflanzen und Blättern und ähnlichen natürlichen Produkten gleich, ja, er übertrifft sie noch. Das Papier ist weder zerbrechlich, wie das Glas, noch gewebt, wie die Zeuge, und hat nur Fasern, aber keine bestimmten Fäden, wie die Naturgegenstände. Deshalb hat es unter den menschlichen Produkten kaum Seinesgleichen, sondern ist in seiner Art einzig. – Vorzugsweise sind bei den Kunstprodukten die zu beachten, welche den Naturprodukten am nächsten stehen, oder umgekehrt die, welche die Natur mächtig leiten und verkehren. Bei den menschlichen Erfindungen und Geschicklichkeiten darf man auch die Gauklerkünste und Spiele nicht übersehen. Denn wenn sie auch nur dem Spiel und der Unterhaltung dienen, so können sie doch sehr erheblich zur Belehrung beitragen. Endlich darf man auch die Werke des Aberglaubens und der Magie, im gewöhnlichen Sinne dieser Worte, nicht übergehen. Allerdings sind diese Dinge mit einer grossen Masse von Lügen und Fabeln auf das Ungeheuerlichste beladen; allein dennoch muss man prüfen, ob nicht irgend eine natürliche Wirksamkeit ihnen zu Grunde liegt und in ihnen verhüllt ist; z. B. in den Verzauberungen und Verstärkungen der Einbildungskraft, in dem Einfluss der Dinge auf einander aus der Ferne, in den unmittelbaren Einwirkungen der Geister auf einander, gleich denen bei den Körpern u. s. w.Der Tadel, welcher gegen die vorgehenden Kategorien der vornehmsten Fälle ausgesprochen worden, muss auch für diese Fälle der Macht wiederholt werden. Dieser Begriff ist so unbestimmt, so allgemein und so mit Beziehungsformen vermengt, dass er das Verschiedenste umfasst, und sein Umfang nicht erschöpft werden kann. Deshalb vermengt Baco diese Fälle auch mit der frühern Klasse der Fälle einziger Art (Art. 28). Mit so unbestimmten, alles Mögliche zusammenstellenden Begriffen kann keine Naturforschung fortkommen. Das Beispiel Baco's mit dem Papier zeigt dies. Anstatt seine Natur aus ihm selbst abzuleiten, die hier erwähnte Eigenthümlichkeit desselben aus dem dazu benutzten Leimwasser abzuleiten, lässt Baco dies bei Seite und begnügt sich, das fertige Papier nach seinen Eigenschaften mit Dingen zu vergleichen, die irgend eine entfernte Aehnlichkeit mit ihm haben. Damit geschieht auch hier das Gegentheil von einer wahren Naturforschung, welche vor Allem bei dem Gegenstande selbst stehen bleibt und diesen nach allen Richtungen trennt, wägt, misst, chemisch zerlegt u. s. w. Eine Naturgeschichte solcher Fälle der Macht und zwar nicht blos aus der Natur, sondern, wie Baco will, auch aus der Kunst, sogar aus den schönen Künsten, würde zu einer Konfusion des Denkens führen, welche alle Naturerkenntniss aufhöbe.

32.

Aus dem Bisherigen erhellt, dass diese fünf Arten von Fällen, nämlich die gleichförmigen Fälle, die Fälle einziger Art, die auf Abwege führenden Fälle, die beschränkten Fälle und die Fälle der Macht nicht so lange zurückgestellt werden dürfen, bis eine bestimmte Eigenschaft zur Untersuchung kommt, wie das mit den früher behandelten Fällen und den hier noch folgenden geschehen muss; sondern die obigen Fälle sind sofort ohne Aufenthalt zu sammeln und in eine besondere Naturgeschichte aufzunehmen, da sie das, was der Verstand aufnimmt, verarbeiten und die schlechte Beschaffenheit des Verstandes selbst verbessern, der durchaus der Leitung und Behandlung bedarf und von seinen gewohnten täglichen Zerstreuungen abgewendet und abgezogen werden muss. Diese Fälle hat man daher als ein Vorbereitungsmittel zu behandeln, was den Verstand zurechtsetzen und reinigen soll. Alles, was den Geist aus seinen Gewohnheiten herausreisst, das ebnet und glättet seine Tafel zur Aufnahme des trockenen und reinen Lichts der wahren Begriffe. Auch bereiten und ebnen solche Fälle den Weg zur Praxis, wie ich später darlegen werde, wenn die Ueberleitung zur Praxis zur Erörterung kommen wird.

33.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich elftens die Begleitungs- und Feindschafts-Fälle, die ich auch die Fälle fester Sätze nenne.

Es sind die Fälle, welche einen Körper oder besonderen Gegenstand zeigen, dem die untersuchte Eigenschaft immer wie ein einzelner Gefährte begleitet, oder den umgekehrt die untersuchte Eigenschaft immer flieht, so dass sie wie ein Feind und Gegner immer von seiner Begleitung sich ausschliesst. Denn aus solchen Fällen kann man bestimmte und allgemeine entweder bejahende oder verneinende Sätze bilden, in denen das Subjekt jener besondere Körper und die untersuchte Eigenschaft das Prädikat ist. Denn die Sätze über Besonderes haben keine Festigkeit, weil da die untersuchte Eigenschaft bald in dem besonderen Körper fliessend und beweglich ist, bald hinzutretend oder erworben, bald wieder zurückkehrend und abgelegt. Deshalb haben solche Sätze über Besonderes keinen Werth, ausser in den oben erwähnten Wanderfällen; nur wenn sie mit allgemeinen Sätzen zusammengestellt und verglichen werden, haben sie ihren Nutzen, wie später gezeigt werden wird. Uebrigens verlangt man auch bei jenen allgemeinen Sätzen keine scharfe und ausnahmslose Bejahung oder Verneinung; sie erfüllen schon ihren Zweck, selbst wenn sie hier und da eine Ausnahme zulassen müssen. Der Nutzen dieser Begleitungs-Fälle besteht in der engeren Begrenzung des bejahenden Inhalts der Form. So wie schon bei den Wanderungs-Fällen dieses Bejahende dadurch eingeengt wird, dass man nothwendig annehmen muss, die Form der Eigenschaft sei etwas, was durch diese Wanderung hinzugebracht oder zerstört worden, so wird auch durch die Begleitungs-Fälle das Bejahende der Form eingeengt; denn man muss dann annehmen, die Form der Eigenschaft sei etwas, was einem solchen besondern Körper sich einfügt oder ihn verabscheut. Kennt man also die innere Gestaltung und Verfassung dieses Körpers, so ist man auch nahe daran, die Form der untersuchten Eigenschaft ans Licht zu ziehen.

Man nehme z. B. das Warme als die gesuchte Eigenschaft. Der Begleitungs-Fall ist hier die Flamme. Denn bei dem Wasser, der Luft, den Steinen, den Metallen und den meisten andern Körpern ist die Wärme beweglich; sie kann hinzutreten und abtreten; aber die Flamme ist immer heiss, so dass das Heisse der Bildung der Flamme immer folgt. Dagegen besteht bei uns kein Feindschafts-Fall für das Warme. Denn das Innere der Erde ist der Wahrnehmung entzogen, und von den uns bekannten Körpern giebt es keinen, der nicht für die Wärme empfänglich wäre.

Man nehme ferner das Feste als die gesuchte Eigenschaft. Hier ist die Luft der Feindschafts-Fall. Denn die Metalle sind bald flüssig, bald fest, ebenso das Glas; auch das Wasser wird bei dem Gefrieren fest; aber die Luft kann niemals fest werden oder ihre Flüssigkeit ablegen.

Indess ist bei diesen Fällen der festen Grundsätze an Zweierlei zu erinnern, was bei der Untersuchung von Nutzen sein kann. Wenn sich erstens herausstellt, dass eine durchaus allgemeine Bejahung oder Verneinung nicht besteht, so muss dies als ein Nicht-Seiendes sorgfältig verzeichnet werden. So ist es oben bei dem Warmen geschehen, wo eine allgemeine Verneinung in Bezug auf die uns bekannten Dinge nirgends besteht. Ebenso fehlt für unsere Kenntniss die allgemeine Bejahung bei der Eigenschaft des Ewigen und Unvergänglichen. Denn man kann diese Eigenschaft von keinem unter dem Himmel und über dem Innern der Erde befindlichen Körper behaupten. Zweitens hat man den allgemeinen, sowohl bejahenden wie verneinenden Sätzen in Betreff einer bestimmten Eigenschaft die besondern Fälle beizufügen, welche dem Nicht-Seienden am nächsten kommen; z. B. bei der Wärme die zartesten und am wenigsten brennenden Flammen und bei dem Unvergänglichen das ihm am nächsten kommende Gold. Dergleichen zeigt die natürliche Grenze zwischen Sein und Nicht-Sein und lässt die Umschreibung der Formen nicht aus den Bedingungen des Stoffes herausgleiten und herumschweifen.Die Kategorie der »Begleitungs- und Feindschafts-Fälle« leidet genau an denselben eben gerügten Mängeln. Die Unbestimmtheit und Allgemeinheit dieses Begriffes hemmt jede wahre Erkenntniss, weil das Verschiedenste hier zusammengebracht wird. – Dasselbe gilt für die Eigenschaft des Unvergänglichen. Man mag diesen Begriff für die obersten Prinzipien benutzen, wie es in der modernen Naturwissenschaft bei dem Stoffe und der Kraft geschieht, allein für die Beobachtung und den Versuch im Einzelnen ist dieser Begriff ohne Werth und noch mehr gilt dies für den Begriff »des ihm am Nächsten kommenden.« Deshalb sind mit Recht diese Kategorien aus der modernen Naturforschung völlig beseitigt.

34.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich zwölftens jene anzuhängenden Fälle, welche in dem vorstehenden Paragraphen erwähnt worden sind; ich nenne sie auch äusserste oder Grenzfälle. Dergleichen Fälle sind nicht allein als Zugaben zu den festen Sätzen, sondern auch an sich, in ihrer Besonderheit von Nutzen. Sie zeigen deutlich die wahren Abtheilungen in der Natur und die Maasse der Dinge; sie zeigen, wie weit eine Eigenschaft etwas wirkt oder erträgt, und wie darüber hinaus diese Eigenschaft in eine andere übergeht. Dergleichen Fälle sind: das Gold für das Schwere, das Eisen für das Harte, der Walfisch für die Grösse der Thiere, der Hund für den Geruch, die Entzündung des Schiesspulvers für die schnelle Ausdehnung, und Aehnliches dieser Art. Uebrigens sind dabei sowohl Fälle des äussersten Grades nach unten wie nach oben hin aufzunehmen; z. B. der Weingeist für die Schwere, die Seide für die Weichheit, die Würmer in der Haut für die Grösse der Thiere u. s. w.Die Würmer in der Haut galten zu Baco's Zeiten, wo die Infusorien-Thiere noch nicht entdeckt waren, für die kleinsten in der Natur. Auch diese Kategorie leidet an den oben angegebenen Mängeln.

35.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich dreizehntens die Bündniss-Fälle oder die Vereins-Fälle. Sie vermischen und vereinen Eigenschaften, welche als ungleichartig und als solche gelten, welche die gewohnten Eintheilungsweisen bestimmen. Dem entgegen lehren die Bündniss-Fälle, dass die Thätigkeiten und Wirkungen, welche einer dieser ungleichartigen Eigenschaften als eigenthümlich zugetheilt werden, auch den entgegenstehenden Eigenschaften zukommen, und dass jene vermeintliche Ungleichartigkeit keine wahre und wesentliche, sondern nur die Umänderung einer beiden gemeinsamen Eigenschaft ist. Sie dienen deshalb vorzüglich zur Erhebung des Geistes von dem Eigenthümlichen zu dem Gemeinsamen und zur Beseitigung jener Larven und Bilder der Dinge, die in den besondern Substanzen personificirt vorkommen und auftreten.

Man nehme z. B. das Warme als die untersuchte Eigenschaft. Hier gilt nun diejenige Eintheilung allgemein als feierlich anerkannt und beglaubigt, wonach es drei Arten der Wärme giebt: 1) die Wärme der Himmelskörper, 2) die Wärme der lebenden Wesen und 3) die Wärme des Feuers. Jede dieser Wärmearten soll gegenüber den beiden andern nach ihrem Wesen und ihrer Besonderheit und Natur eine eigenthümliche, von den andern durchaus verschiedene sein, weil die Wärme der Himmelskörper und der Thiere erzeuge und nähre, während die Wärme des Feuers verzehre und vernichte. Hier stellt jener bekannte Versuch einen Bündniss-Fall dar, wo man eine Weinrebe in ein fortwährend geheiztes Gebäude zieht, und die Trauben derselben um einen Monat früher als die im Freien reifen. Mithin kann das Reifen einer selbst an einen Baum hängenden Frucht sogar durch das Feuer erfolgen, während man dies als das eigenthümliche Werk der Sonne behauptet. Deshalb weiset durch solche Fälle der Verstand diese sogenannten wesentlichen Unterschiede zurück und erhebt sich von solchen Fällen leicht zur Erforschung der Bestimmungen, welche den wahren Unterschied zwischen der Wärme der Sonne und des Feuers ausmachen, und weshalb ihre Wirksamkeit so ungleich wird, obgleich sie beide aus einer und derselben Eigenschaft abstammen. Als solche Bestimmungen lassen sich vier aufstellen. Erstens ist die Sonnenwärme viel sanfter und milder als die Wärme des Feuers; zweitens ist sie ihrer Beschaffenheit nach, namentlich wie sie durch die Luft zu uns gelangt, viel feuchter; drittens, und dies ist der Hauptpunkt, ist sie höchst ungleich, eintretend und steigend, abtretend und fallend, was vorzüglich zur Erzeugung der Körper beiträgt. Denn schon Aristoteles hat richtig bemerkt, dass die Hauptursache des Entstehens und Vergehens auf der Oberfläche der Erde der schiefe Gang der Sonne durch den Thierkreis sei, wodurch die Sonnenwärme nach dem Wechsel von Tag und Nacht und nach der Folge von Sommer und Winter die grössten Verschiedenheiten annimmt. Allein jener Mann ermangelt nicht, diese richtige Erkenntniss sofort wieder zu verunstalten und zu verderben; denn als wäre er Schiedsrichter über die Natur, macht er schulmeisterlich die Annäherung der Sonne zur Ursache der Erzeugung und ihre Entfernung zur Ursache der Verderbniss, während doch Beides, die Annäherung und die Entfernung der Sonne, an sich dafür gleichgültig ist, vielmehr nur der Wechsel in der Wärme überhaupt das Entstehen und das Vergehen bewirkt, die Gleichheit aber der Erhaltung dient. Auch die vierte Bestimmung ist von grosser Bedeutung, wonach die Sonne ihre Wirksamkeit durch lange Zeiträume vertheilt, während die Wirkungen des Feuers, wo die Ungeduld des Menschen drängt, wegen des kürzern Zeitraumes zu dem Verderbniss führt. Giebt sich daher Jemand Mühe, und mildert und mässigt er die Hitze des Feuers auf einen gelindern Grad, was auf vielerlei Art möglich ist, fügt er ferner etwas Feuchtigkeit hinzu, und ahmt er vor Allem die Sonne in ihrer Ungleichheit der Wärme nach; erträgt er endlich mit Geduld die langsamere Entwickelung, wenn auch nicht in dem Maasse, wie sie der Wirksamkeit der Sonne entspricht, aber doch langsamer, als man gewöhnlich bei Benutzung des Feuers versucht, so wird er leicht jene angebliche Ungleichartigkeit der Sonne und Feuer-Wärme beseitigen, und er wird mittelst der Wärme des letztern der Wirksamkeit der Sonne nahe oder gleich kommen, ja in Einigem sie übertreffen.

Ein ähnlicher Bündniss-Fall ist das Auferwecken der Schmetterlinge, welche die Kälte betäubt und gleichsam hat absterben lassen, mittelst einer gelinden Erwärmung durch Feuer. Daraus erhellt, dass dem Feuer das Beleben der Thiere ebenso wenig versagt ist wie die Zeitigung der Früchte.

Auch jene berühmte Entdeckung von Frascator, wo die Aerzte einen sehr stark erhitzten Tiegel an den Kopf der vom Schlage Getroffenen anlegen, befreit offenbar die Lebensgeister, die von den Dünsten und Verstopfungen des Gehirns gepresst und gleichsam erstickt sind. Indem dieses Mittel die Lebensgeister wieder zur Bewegung bringt, wirkt es nicht anders wie das Feuer bei dem Wasser und der Luft, und doch belebt es auf diese Weise. Auch die Eier werden manchmal durch die Wärme des Feuers ausgebrütet; hier wird die thierische Wärme genau nachgeahmt. Dies und Aehnliches lässt nicht zweifeln, dass die Wärme des Feuers in vielen Fällen nach Art der Wärme der Himmelskörper und der lebenden Geschöpfe umgeändert werden kann.Für Baco's Zeit mag diese Ausführung über die Gleichartigkeit der Wärme des Feuers und der Sonne, welche jetzt selbstverständlich scheint, ihre Bedeutung gehabt haben; denn die scholastische Philosophie hatte hier leichthin die sonderbarsten Unterschiede eingeführt. Indess verschweigt Baco, dass dieser Gedanke nicht von ihm herrührt, sondern schon von Telesius in seinem Werke: De Rerum Natura VI., 20, beinahe wörtlich so wie hier ausgesprochen worden ist.

Aehnlich verhält sich die Eigenschaft der Bewegung und Ruhe. Hier gilt als anerkannte und als aus der tiefsten Philosophie abgeleitete Eintheilung die, dass die Naturkörper sich drehen oder geradeaus gehen oder stehen, d. h. ruhen; denn die Bewegung ist entweder ohne Ende oder ein Anhalten am Ende oder eine Bewegung nach dem Ende. Jene ununterbrochen drehende Bewegung scheint den Himmelskörpern eigenthümlich zu sein; das Stehen oder die Ruhe kommt der Erdkugel zu, und die übrigen Körper, welche schwer oder leicht genannt werden, bewegen sich, wenn sie sich ausserhalb der Stelle ihrer Verwandtschaft befinden, geradezu nach den Massen oder Anhäufungen Ihresgleichen; die leichten nach oben und nach dem umgebenden Himmel, die schweren nach unten gegen die Erde. Und dies ist schön gesagt; aber der Bündniss-Fall dagegen ist irgend ein etwas niedriger Komet, der, obgleich er tief unter dem Himmel sich befindet, doch sich im Kreise bewegt. Die Erdichtung des Aristoteles,In Aristoteles' Meteorologie I., 14. wonach der Komet an einen Stern angebunden sein oder ihm stetig nachfolgen soll, ist längst abgethan, nicht weil solch Verhältniss unwahrscheinlich wäre, sondern weil die Erfahrung zeigt, dass die Kometen die verschiedensten Stellen des Himmels in mancherlei Bewegen durchlaufen. Ein anderer Bündniss-Fall hiergegen ist die Bewegung der Luft, die innerhalb der Wendekreise, wo die Kreise der Bewegung grösser sind, sich selbst von Osten nach Westen im Kreise zu bewegen scheint. Ein anderer Fall ist die Ebbe und Fluth, insofern die Gewässer sich dabei im Kreise, wenn auch langsam und kaum merklich, von Morgen nach Abend in der Art drehen, dass sie zweimal des Tages zurückkehren. Verhält sich dies so, dann schliesst die Kreisbewegung offenbar mit den Himmelskörpern nicht ab, sondern theilt sich auch der Luft und dem Wasser mit. Auch die Eigenschaft des Leichten, dass es nach oben steigt, schwankt etwas; als Bündniss-Fall kann hier die Wasserblase gelten. Ist die Luft unter dem Wasser, so steigt sie schnell nach dessen Oberfläche, und zwar durch jene schlagende Bewegung, wie Demokrit sie nennt, durch welche das niedersteigende Wasser die Luft schlägt und nach oben treibt, aber nicht durch das Bestreben und Drängen der Luft für sich. Sobald sie zur Oberfläche des Wassers gelangt ist, wird die Luft am weitern Aufsteigen durch einen leisen Widerstand des Wassers gehemmt, da dieses sich nicht sofort zerreissen lässt. Deshalb ist das Drängen der Luft nach Oben nur sehr schwach.

Man nahm ferner als untersuchte Eigenschaft die Schwere. Hier gilt die allgemein angenommene Eintheilung, dass das Dichte und Feste nach dem Mittelpunkt der Erde drängt, das Dünne und Feine aber nach dem Himmel, als wenn dies ihre eigenthümlichen Orte wären. Allein in Betreff des Ortes ist jene Annahme, wenn sie gleich in den Schulen gilt, durchaus verkehrt und kindisch, wonach der Ort etwas vermögen soll. Deshalb treiben die Philosophen Possen, wenn sie sagen, dass, wäre die Erde durchbohrt, die schweren Körper aufhören würden, zu fallen, sobald sie zu dem Mittelpunkt gekommen wären. Denn es wäre fürwahr dann etwas Wirkendes und Thätiges in dem Nichts oder in dem mathematischen Punkte enthalten, wenn er Anderes erregte oder Anderes ihn suchte; vielmehr leidet ein Körper nur von Körpern.Dieses ist ein interessantes Beispiel, wie Baco sich trotz seiner neuen Methode mit den Entdeckungen seiner grossen Zeitgenossen Kepler, Gilbert, Galilei nicht befreunden kann. Was er hier als absurd bestreitet, ist die Wahrheit. Der Körper würde in dem Mittelpunkt der Erde zu fallen aufhören, selbst wenn dieser Mittelpunkt leer (ein Nichts) wäre. Dies folgt aus den Gesetzen der Gravitation, die zwar vor Newton im Prinzip noch nicht entdeckt, aber in vielen ihrer Wirkungen schon erkannt war. Dazu gehören z. B. die drei Gesetze Kepler's und die hier erwähnte Behauptung, sowie die von Galilei entdeckten Gesetze des Falles schwerer Körper und der Pendel-Bewegung. Dieses Bestreben, zu steigen oder zu fallen, steckt entweder in der Gestaltung des sich bewegenden Körpers oder in der Mitleidenschaft oder Uebereinstimmung mit einem andern Körper. Sobald sich ein dichter und fester Körper zeigt, der dennoch nicht zur Erde drängt, fällt deshalb diese Eintheilung. Nimmt man die Meinung Gilbert's an, dass die magnetische Kraft der Erde in Anziehung des Schweren sich nicht über einen bestimmten Kreis ihrer Wirksamkeit ausdehne und also nur bis zu einer bestimmten Entfernung, aber nicht darüber hinaus sich zeige, so wäre dies für diese Eigenschaft ein Bündniss-Fall. Doch fehlt es zur Zeit noch an einer festen und überzeugenden Beobachtung hierüber.Gilbert nahm die magnetische Kraft der Erde und ihre Schwer- oder anziehende Kraft für identisch. Diese Ansicht ist auch auf Baco übergegangen, und man muss das zum Verständniss vieler späteren Stellen sich gegenwärtig halten.

Am nächsten stehen die vom Himmel stürzenden Wasserfälle, welche bei den Seereisen durch den Atlantischen Ocean nach den beiden Indien oft beobachtet werden. Die Gewalt und die Masse des dabei herabströmenden Wassers ist so gross, dass wahrscheinlich dieses Wasser sich früher angesammelt hat und nur an diesen Orten hängen geblieben und da durch eine Gewalt herabgestossen und geworfen worden ist, so dass es nicht durch seine natürliche Schwere gefallen ist. Hiernach kann man vermuthen, dass eine dichte und feste Körpermasse in grosser Entfernung von der Erde so schweben wird wie die Erde selbst, und dass sie nur fallen wird, wenn sie herabgestossen wird. Doch lässt sich hierüber nichts Bestimmtes behaupten. Indess zeigt dies und vieles Andere, wie sehr es uns noch an der Naturgeschichte fehlt; denn statt zuverlässiger Fälle muss man Vermuthungen als Beispiele aufstellen.Die hier von Baco gethanen Aussprüche sind freilich ein trübes Gemenge von Wahrheit und Irrthum; jedenfalls helfen diese allgemeinen Kategorien seiner vornehmsten Fälle nicht die Erkenntniss fördern. Während seine grossen Zeitgenossen schon eine Reihe wichtiger Entdeckungen gewonnen hatten, schwankt Baco noch hin und her und kann sich von den scholastischen Begriffen nicht befreien.

Es sei ferner die zu untersuchende Eigenschaft die Bewegung im Denken. Die richtige Eintheilung scheint hier die in die menschliche Vernunft und den Instinkt der Thiere zu sein. Dennoch giebt es manche Handlungen bei den Thieren, die auf ein Schliessen auch bei ihnen deuten. So erzählt man von einem Raben, der bei grosser Trockenheit, vor Durst dem Tode nahe, Wasser in einen hohlen Baum erblickte; wegen der Enge der Höhlung konnte er aber nicht hineinkommen, und deshalb warf er so lange Steine hinein, bis das Wasser so hoch gestiegen war, dass er trinken konnte. Es ist daraus später ein Sprüchwort gemacht worden.Diese Hineinziehung geistiger Vorgänge in die Betrachtung der äusseren Natur entspricht zwar der Universalität des Baconischen Geistes, aber kann bei der völligen Ungleichartigkeit beider Gebiete die Naturforschung nur verwirren.

So kann man als untersuchte Eigenschaft das Sichtbare nehmen. Hier scheint die richtige und sichere Eintheilung die in das Licht zu sein, als das ursprünglich Sichtbare, was das Sehen ermöglicht, und in die Farbe, was das zweite Sichtbare ist, und was ohne Licht nicht wahrgenommen wird, so dass es nur eine Umänderung oder ein Bild des Lichts zu sein scheint. Dennoch bestehen hier auf beiden Seiten Bündniss-Fälle; nämlich der Schnee in grosser Menge und die Flamme des Schwefels; jener hat eine mehr leuchtende Farbe, und diese ein Licht, was nach der Farbe hin spielt.Solche Beispiele zeigen, wie Baco in der Betrachtung des Einzelnen auf der Oberfläche und bei den vulgärsten Vorstellungen stehen blieb und sich nicht die Mühe nahm, dem Gegenstande irgend näher zu treten; es genügte ihm, wenn er nur als Beispiel für seine Tafel der vornehmsten Fälle benutzt werden konnte.

36.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich vierzehntens die Fälle des Kreuzes, indem ich dieses Wort von den Kreuzen hernehme, welche an Scheidewegen aufgerichtet sind, um die sich trennenden Wege zu zeigen. Ich nenne solche Fälle auch entscheidende oder Urtheils-Fälle und manchmal Orakel- oder Gebots-Fälle. Es verhält sich mit ihnen folgendermassen: Oft schwankt der Verstand bei Untersuchung einer Eigenschaft, welche von zweien oder mehreren Eigenschaften er als die Ursache der in Frage befindlichen Eigenschaft ansehen soll, weil gewöhnlich und häufig mehrere Eigenschaften zusammenwirken. Hier zeigen nun diese Kreuzes-Fälle die zuverlässige und unauflösliche Verbindung einer dieser Eigenschaften mit der in Frage stehenden, während die andere trennbar ist und in ihrer Verbindung wechselt. Dadurch entscheidet sich die Sache, und jene erstere Eigenschaft gilt als die Ursache, die andere wird beseitigt. Deshalb sind solche Fälle sehr aufklärend und von grosser Bedeutung; der Lauf der Untersuchung hört mitunter bei ihnen auf, und die Untersuchung ist mit ihnen abgeschlossen. Mitunter finden sich solche Kreuzes-Fälle unter schon Bekanntem; meistentheils sind sie aber neu und werden mittelst absichtlicher Verbindungen erforscht und durch ausdauernden und angestrengten Fleiss ermittelt.

Es sei z. B. die untersuchte Eigenschaft die Ebbe und Fluth des Meeres, die zweimal des Tages kommt und alle sechs Stunden steigt oder fällt, welche Frist etwas wechselt und mit dem Laufe des Mondes zusammentrifft. Der Scheideweg ist hierbei folgender: Diese Bewegung muss entweder von einem Hin- und Hergehen des Wassers kommen, wie bei dem in einer Schüssel geschüttelten Wasser, wo, wenn das Wasser auf der einen Seite aufsteigt, es auf der andern sinkt, oder von einer Erhebung und Senkung der Gewässer aus der Tiefe, nach Art des aufkochenden und dann wieder sich senkenden Wassers.Neben diesen beiden Alternativen kann es noch die dritte geben, dass die Fluth fortgehend sich in 24 Stunden rings um die Erde bewegt, und gerade dieser Fall ist die Wahrheit. Von welcher der beiden Ursachen die Ebbe und Fluth abgeleitet werden soll, ist die Frage. Nimmt man die erste Ansicht an, so muss, wenn an einem Orte Fluth ist, gleichzeitig anderswo Ebbe sein. Hierauf ist also die Untersuchung zu richten. Acosta und einige Andere haben nun aus sorgfältigen Beobachtungen entnommen, dass die Fluth und die Ebbe an den Küsten von Florida und den entgegengesetzten Küsten von Spanien und Afrika zu gleicher Zeit eintreten, und nicht umgekehrt, etwa so, dass wenn bei Florida die Fluth wäre, bei Spanien und Afrika die Ebbe wäre. Indess wird für den Aufmerksamen damit die Wahrheit der aufsteigenden Bewegung und die Unwahrheit der fortschreitenden noch nicht erwiesen. Denn die Bewegung des Wassers kann eine fortschreitende sein und doch gleichzeitig die beiden Ufer des Stromes überschwemmen, wenn die Gewässer von anderswo getrieben und gestossen werden. So geschieht es bei den Flüssen, die zu denselben Stunden für beide Ufer steigen und fallen, obgleich diese Bewegung offenbar hier eine fortschreitende ist, indem das Wasser des Meeres in die Mündungen der Flüsse eintritt. Wenn deshalb die Gewässer in grossen Massen von dem Ostindischen Ocean kommen und in das Strombett des Atlantischen Oceans gepresst und gestossen werden, können in ähnlicher Weise beide Uferseiten gleichzeitig überschwemmt werden.Baco stellt sich hiernach den Atlantischen Ocean viel schmäler vor, als er ist; sonst könnten die aus dem Indischen Ocean um die Spitze von Afrika kommenden Fluthen nicht das ganze Bett dieses Oceans auf beiden Seiten, bei Amerika und Afrika, anschwellen machen. Es muss deshalb erforscht werden, ob es einen andern Strom giebt, welcher die Gewässer gleichzeitig steigen und fallen machen kann. Und dafür ist die Südsee vorhanden, die nicht kleiner, sondern breiter und ausgedehnter, als der Atlantische Ocean ist und deshalb dazu hinreicht. So sind wir endlich zu dem Kreuzes-Fall in Bezug auf diese Frage gekommen, der folgender ist: Bestätigt es sich, dass, wenn an den entgegengesetzten Küsten von Florida und Spanien im Atlantischen Meere Fluth ist, auch gleichzeitig an den Küsten von Peru und an den entgegenstehenden von China in der Südsee Fluth ist, so muss in Folge dieses entscheidenden Falles die Behauptung aufgegeben werden, dass die Ebbe und Fluth des Meeres, welche in Frage steht, aus einer fortschreitenden Bewegung entsteht. Denn es bleibt dann kein anderes Meer oder Ort, wo zu derselben Zeit der Rückgang, oder die Ebbe stattfinden könnte. Dies kann man ohne Schwierigkeit ermitteln, wenn bei den Einwohnern von Panama und Lima, wo der Atlantische Ocean und die Südsee nur durch eine schmale Landenge getrennt sind, Erkundigung eingezogen wird, ob Ebbe und Fluth in beiden entgegengesetzten Meeren gleichzeitig eintritt oder nicht. Diese Entscheidung oder Aburtheilung ist zuverlässig, wenn die Erde sich nicht bewegt. Dreht sich aber die Erde um sich, so wäre es möglich, dass bei der ungleichen Umdrehung der Erde und der Gewässer des Meeres in Bezug auf die Schnelligkeit oder den Antrieb, ein heftiges Zusammenlaufen der Gewässer zu einem höhern Hügel erfolgte, was dann die Fluth darstelle, und ebenso ein Niedersinken derselben nach Unten, wenn die Erhebung nicht länger sich erhalten kann, was die Ebbe wäre. Indess muss die Ermittelung hierüber besonders angestellt werden. Aber wenn man dies auch annimmt, so bleibt doch gewiss, dass dann zu derselben Zeit, wo in einem Theile die Fluth stattfindet, in dem andern Theile Ebbe sein muss.

In ähnlicher Weise soll diese letztere Bewegung von den beiden vorausgesetzten die zu untersuchende Eigenschaft sein, also eine steigende und dann wieder sinkende Bewegung des Meeres, wenn es sich treffen sollte, dass nach genauen Untersuchungen die fortschreitende Bewegung, die bisher besprochen worden, verworfen werden müsste. Dann ist für diese Frage der folgende Scheideweg in drei Richtungen vorhanden: Wenn diese Bewegung bei der Ebbe und Fluth in ein Heben und Sinken der Gewässer besteht, ohne dass andere Gewässer dabei hinzutreten, so sind nur drei Fälle hier möglich; entweder muss diese Wassermenge aus dem Innern der Erde hervorkommen und wieder dahin sich zurückziehen, oder die Wassermasse wird nicht vermehrt, sondern die Gewässer dehnen sich aus und verdünnen sich ohne Vermehrung ihrer Masse, nehmen dann einen grösseren Raum und Ausdehnung an und ziehen sich nachher wieder zusammen, oder endlich, wenn weder mehr Wasser zutritt, noch es sich ausdehnt, sondern die Gewässer sich in Bezug auf ihre Menge und auf ihre Verdichtung und Verdünnung nicht verändern, so muss eine magnetische Kraft sich anziehen und heben und die Gewässer müssen dem entsprechend sich dann wieder senken. So beschränkt sich die Beurtheilung jetzt, nach Beseitigung der beiden ersten Bewegungen, auf die Frage: ob eine solche Erhebung durch Uebereinstimmung oder durch eine magnetische Kraft erfolgt. Allein zuerst erhellt, dass alle Wässer, die man, als in der Senke oder Höhlung des Meeres enthalten, sich vorstellen kann, sich nicht gleichzeitig heben können; da dann auf dem Meeresgrunde nichts deren Stelle ausfüllen könnte. Wenn deshalb auch die Gewässer ein Bestreben hätten, sich zu heben, so würde es doch durch die Verknüpfung der Dinge, oder, wie man sagt, damit kein Leeres entstände, gebrochen und gehemmt werden.Man hatte bereits die Ebbe und Fluth von der magnetischen Kraft des Mondes abgeleitet, indem mit Gilbert die anziehende oder Gravitationskraft nur als eine Art der magnetischen behandelt wurde. Man war also ganz auf dem richtigen Wege. Gegen diese Ansicht ist nun die Argumentation Baco's hier gerichtet. Die Schwäche seiner Gründe wird der Leser leicht bemerken. Baco fehlt vorzüglich darin, dass er die Fluthwelle nicht als eine fortschreitende, um die ganze Erde rollende auffasst, sondern meint, dass die Erhebung immer nur in der Mitte des Meeres erfolge. Es bleibt also nur die Annahme, dass die Wasser an einer Stelle steigen und deshalb an einer andern fallen und abnehmen. Es würde dann wieder nothwendig folgern, dass diese magnetische Kraft nicht auf das ganze Meer wirken kann, vielmehr in der Mitte am stärksten wirkt; dann würde da das Wasser steigen und dafür an den Seiten dahin abfliessen und fallen.

So sind wir endlich zu dem Kreuzes-Fall in Betreff dieser Frage gelangt. Er besteht darin: Wenn ermittelt wird, dass bei der Meeres-Ebbe die Wasserfläche gebogen und rundlich ist, weil sich die Gewässer in der Mitte des Meeres heben und an den Seiten, d. h. an den Küsten, sinken, und wenn bei der Fluth die Meeresoberfläche glatt und eben ist, weil dann das Wasser in seine frühere Lage zurückkehrt, so kann man dann allerdings auf Grund dieses entscheidenden Umstandes sicher annehmen, dass die Hebung durch eine magnetische Kraft erfolgt; ohnedem muss aber diese Annahme aufgegeben werden. Dieser Umstand kann aber in den Meerengen durch das Senkblei leicht festgestellt werden, ob nämlich bei der Ebbe das Meer höher steht, oder vielmehr, ob dasselbe dann tiefer ist, als bei der Fluth.Wenn nach Baco die Fluth nur in der Mitte des Oceans Statt hat, so geben die Küsten das Wasser dazu her, und wenn jene Fluth in der Mitte sinkt und dort Ebbe ist, so ist das Meer überall eben, und deshalb ist es zu diesem Zeitpunkt der Ebbe an den Küsten höher, als zur Zeit der Fluth. Dies ist der Sinn dieser Stelle. Ist dies der Fall, so findet gegen die gewöhnliche Meinung eine Erhebung des Wassers bei der Ebbe und ein Sinken bei der Fluth statt, in Folge dessen die Küsten bedeckt und überschwemmt werden.

In ähnlicher Weise wollen wir die Umdrehung um die Axe als die zu untersuchende Eigenschaft aufstellen, und insbesondere ermitteln, ob die tägliche Bewegung, wodurch die Sonne und Sterne scheinbar auf- und untergehen eine wahre Umdrehung der Himmelskörper ist, oder nur eine scheinbare, während in Wahrheit die Erde sich dreht. Der Kreuzes-Fall könnte hier folgender sein: Wenn sich findet, dass in dem Meere eine gewisse Bewegung von Morgen noch Abend Statt hat, sei sie auch nur schwach und gelinde; wenn dieselbe Bewegung etwas stärker in der Luft Statt hat, namentlich unter den Wendekreisen, wo sie wegen des grössern Umlaufes mehr bemerkbar ist;Diese beiden Bewegungen finden bekanntlich wirklich statt; sie zeigen sich in den Passatwinden und in dem Golfstrome, welcher erst in höhern nördlichen Breiten die entgegengesetzte Richtung annimmt. Dennoch gehören diese Bewegungen vielmehr zu den stärksten Beweisen für die Umdrehung der Erde von Abend nach Morgen. Dies zeigt, wie selbst solche Kreuzes-Fälle ein noch sehr trügerisches Mittel für die Erkenntniss sind. Ueberall ist es der Naturforschung viel nöthiger, die komplizirte Erscheinung in ihre einzelnen wirkenden Kräfte und Gegenkräfte zu zerlegen, als die Erscheinung in ihrer Komplikation und als Ganzes nach äusserlichen Aehnlichkeiten mit andern zu vergleichen. Weil Baco diese verabsäumte, ist seine Induktions-Theorie wenig brauchbar. wenn ferner dieselbe Bewegung sich an den niedern Kometen zeigt, wo sie schon lebendiger und kräftiger auftritt; wenn ferner dieselbe Bewegung bei den Planeten in der Reihe und Abstufung Statt hat, dass bei den nähern Planeten die Bewegung langsamer, bei den entfernteren schneller und für den gestirnten Himmel endlich am schnellsten erfolgt, dann kann die tägliche Bewegung der Himmelskörper als die wahre gelten, und die Bewegung der Erde findet nicht statt. Die Bewegung von Osten nach Westen ist dann offenbar eine allgemeine und eine übereinstimmende des Weltalls, die an dem höchsten Ende des Himmels am schnellsten ist, dann allmählich abnimmt und zuletzt aufhört und an dem Unbewegten, d. h. an der Erde erlischt.

In ähnlicher Weise mag als zu untersuchende Eigenschaft jene andere Umdrehung dienen, die von den Astronomen viel besprochen wird und der täglichen Bewegung widersteht und widerspricht, nämlich die von Abend nach Morgen. Die ältern Astronomen geben diese Bewegung den Planeten und auch dem Sternenhimmel, aber Kopernikus und seine Anhänger auch der Erde. Es ist also zu ermitteln, ob in der Natur eine solche Bewegung besteht, oder ob sie blos ausgedacht und angenommen worden ist, um die Rechnungen abzukürzen und zu erleichtern und im Interesse jener Schönheit, welche in den vollkommenen Kreisen der Himmelsbewegungen enthalten sein soll. Dass diese Bewegung der Himmelskörper eine wahre und wirkliche sei, wird keinesweges dadurch erwiesen, dass bei der täglichen Umdrehung der Planet nicht wieder an derselben Stelle des Sternenhimmels angetroffen wird, und auch nicht durch die schiefe Stellung des Thierkreises mit Rücksicht auf die Pole der Welt; aus diesen beiden Umständen hat sich aber diese Annahme gebildet. Denn die erste Erscheinung erklärt sich am besten aus dem Vorauseilen und Zurückbleiben, und die zweite erklärt sich durch die Spirallinien.Nach Baco kann die Bewegung der einzelnen Planeten von Osten nach Westen ungleichmässig bald schneller, bald langsamer geschehen; daraus will er ihre scheinbare Bewegung nach Osten erklären. Die Spirallinien sind entweder die Epicyklen des Ptolemäus, oder Baco denkt sich die Bewegung der Planeten nicht geradeaus, sondern nach den Seiten gleich Spiralen abweichend, daraus will er ihre verschiedene Entfernung von der Ekliptik (Breite) erklären. Deshalb kann diese Ungleichheit und die Abweichung nach den Wendekreisen auch nur eine Modifikation jener einen täglichen Bewegung sein, und es bedarf keiner entgegengesetzten Bewegung daneben und keiner Umdrehung um verschiedene Pole. Auch ist es unzweifelhaft, dass, wenn man ein Wenig der gewöhnlichen Meinung folgt und die Erfindungen der Astronomen und Schulen bei Seite lässt, die gern den Sinnen in vielen Stücken ohne Noth Gewalt anthun und die Sache verdunkeln, es eine solche, der Wahrnehmung entsprechende Bewegung giebt, die ich früher besprochen habe, und deren Bild ich früher mittelst eiserner Fäden, wie bei einer Maschine, dargestellt habe.Diese Maschine ist nicht näher bekannt, und man weiss nicht, was sich Baco dabei gedacht haben mag. Wahrscheinlich hat er durch diese Maschine die zur letzten Anmerkung besprochene ungleiche Bewegung der Planeten versinnlicht. Die Widerlegung Kepler's und Galilei's, die Baco hier versucht, ist ausserordentlich schwach und zeigt, dass er den Fortschritten seiner grossen Zeitgenossen ganz unzugänglich blieb. Der Kreuzes-Fall könnte hierbei folgender sein: Wenn ein glaubwürdiger Bericht eines Kometen erwähnt, in höherer oder niedriger Lage, der nicht übereinstimmend mit den übrigen sich täglich, wenn auch unregelmässig, gedreht hat, sondern vielmehr in der umgekehrten Himmelsrichtung, so muss man dann allerdings anerkennen, dass eine solche Bewegung in der Natur möglich sei. Findet sich aber kein solcher Bericht, so ist diese Bewegung verdächtig, und man muss sich noch nach andern Kreuzes-Fällen umsehen.

Wenn ferner die Schwere oder das Gewicht die zu untersuchende Eigenschaft ist, so ist der Scheideweg hier folgender: Entweder müssen die schweren und gewichtigen Körper vermöge ihrer Natur und durch ihre innere Gestaltung nach dem Mittelpunkt der Erde streben, oder sie müssen von der körperlichen Masse der Erde selbst wie von einer Anhäufung gleichgearteter Körper angezogen und fortgerissen werden und in Uebereinstimmung damit dahin sich bewegen. Ist das Letztere der Fall, so müssen sie mit der grössern Annäherung zur Erde auch stärker und heftiger sich dahin bewegen; sind sie aber entfernter, so geschieht es schwächer und langsamer, wie bei den Anziehungen durch den Magnet. Auch kann dies nur innerhalb einer gewissen Entfernung Statt haben, so dass darüber hinaus die Kraft der Erde auf die dort befindlichen Körper nicht mehr wirkt, sondern diese, wie die Erde selbst, sich schwebend halten und nicht herabfallen. Deshalb würde der Kreuzes-Fall hier folgender sein: Man nehme eine Uhr, die durch Blei-Gewichte getrieben wird, und eine andere, wo eine Stahlfeder die Bewegung bewirkt, und richte sie genau so ein, dass keine schneller oder langsamer als die andere geht. Dann stelle man die erstere Uhr auf die Spitze eines sehr hohen Gebäudes, während man die andere unten behält und beobachte, ob jene wegen der Verminderung der Schwerkraft langsamer als vorher geht. Ferner stelle man diesen Versuch in einer tiefen Erzgrube an, möglichst tief unter der Erde und sehe, ob nicht die Uhr wegen der verstärkten Schwerkraft schneller geht. Findet sich, dass in der Höhe die Schwerkraft abnimmt und in der Tiefe zunimmt, so muss die Anziehung durch die körperliche Masse der Erde als die Ursache der Schwere angesehen werden.Dieser Kreuzes-Fall ist sehr sinnreich ausgedacht und wäre dazu wohl geeignet, wenn nicht die hier möglichen Unterschiede der Tiefe und Höhe zu gering wären, um einen merklichen Unterschied in dem Gange der Uhren zu zeigen, zumal andere störende Einflüsse hier nicht abzuhalten sind. Deshalb haben auch die von Whewell und Hiry nach dieser Anweisung angestellten Versuche kein Resultat gezeigt. Dagegen sind die Unterschiede der Pendelschwingungen am Aequator und in nördlichen Gegenden genau das, was Baco sich denkt; denn sie sind durch die abgeplattete Gestalt der Erde, d. h. durch die verschiedene Entfernung von ihrem Mittelpunkt verursacht.

Es sei ferner die zu untersuchende Eigenschaft die Richtung der magnetisirten eisernen Nadel. Hier giebt es folgenden Scheideweg: Entweder muss der Magnet bei der Berührung aus sich dem Eisen die Richtung nach Norden und Süden mittheilen, oder es wird dadurch das Eisen nur erregt und befähigt, aber die Bewegung selbst wird durch die Gegenwart der Erde mitgetheilt, wie Gilbert behauptet und mühsam zu beweisen sucht. Hierauf bezieht sich das, was er mit so viel Scharfsinn und Fleiss gesammelt hat, nämlich, dass ein eiserner Schlüssel, der lange in der Richtung von Nord nach Süd gelegen hat, dadurch diese Richtung auch ohne Berührung mit einem Magneten annimmt. Hier soll nach Gilbert's Meinung die Erde selbst durch die Länge der Zeit die magnetische Berührung ersetzen und das Eisen magnetisch machen und es dann übereinstimmend mit sich richten; nur soll diese Wirkung der Erde nach Gilbert's Meinung wegen der Entfernung schwächer sein, weil die Oberfläche derselben oder die äussere Erdkruste ohne magnetische Kraft sein soll. Ferner erwähnt Gilbert den Fall, dass ein weissglühendes Eisen, wenn es bei seiner Abkühlung in der Richtung von Nord nach Süd gehalten wird, das Bestreben, in dieser Richtung sich zu erhalten, auch ohne Magnetisirung annimmt, als wenn die Eisentheilchen, die durch das Glühen in Bewegung gesetzt worden und sich nachher zurückziehen, bei diesem Zustand der Abkühlung für die von der Erde ausgehende Kraft empfänglicher und reizbarer wären wie sonst und dann in dieser Erregung verblieben. Allein wenn auch diese Beobachtungen richtig sind, so beweisen sie jene Behauptung doch nicht vollständig. Der Kreuzes-Fall könnte hier folgender sein: Man nehme eine kleine magnetische Kugel, ermittele ihre Pole und stelle diese Pole nach Abend und Morgen, nicht nach Mittag und Mitternacht, und lasse sie so stehen; dann lege man oben eine eiserne unberührte Nadel darauf und lasse sie sechs bis sieben Tage darauf liegen. Die Nadel wird unzweifelhaft, so lange sie auf dem Magneten liegt, die Weltpole verlassen und sich nach den Polen dieses Magneten richten, also, so lange sie darauf bleibt, nach Abend und Morgen. Zeigt sich nun, dass diese Nadel nach ihrer Abnahme von diesem Magneten und auf eine Spitze gelegt, wo sie sich drehen kann, sofort sich nach Süden und Norden dreht, oder dass dies allmählich geschieht, dann ist die Gegenwart der Erde als die Ursache davon anzuerkennen. Richtet sie sich aber, wie vorher, nach Morgen und Abend, oder hat sie alle eigene Richtung verloren, so ist diese Annahme verdächtig, und man muss die Untersuchung weiter fortsetzen.Dieser Versuch ist so einfach, dass man nicht begreift, weshalb Baco selbst ihn nicht gemacht hat; er würde dann nicht mehr an der magnetischen Kraft der Erde gezweifelt haben. Auch dieser Fall zeigt, dass Baco sich für Experimente keine Zeit nahm.

Es sei ferner die zu untersuchende Eigenschaft die körperliche Substanz des Mondes, ob er locker, flammig oder luftig ist, wie die meisten alten Philosophen meinten, oder ob er dicht und fest, wie Gilbert und viele Neuere mit einigen der Alten behaupten. Die letzte Annahme stützt sich vorzüglich darauf, dass der Mond die Sonnenstrahlen zurückwirft, was nur feste Körper anscheinend vermögen. Deshalb würden hier als Kreuzes-Fälle die gelten können, welche zeigen, dass die Strahlen auch von einem lockern Körper, wie die Flamme, zurückgeworfen werden, wenn sie nur die genügende Dicke hat. Unzweifelhaft ist die Zurückwerfung der Sonnenstrahlen von den höhern Theilen der Luft neben Anderem die Ursache der Dämmerung.Nicht die Zurückwerfung, sondern die Brechung der Sonnenstrahlen bewirkt die Dämmerung. So sieht man auch, dass an heitern Abenden die Sonnenstrahlen von den röthlichen Feuerwolken nicht mit schwachem, sondern mit grossem und mehr leuchtendem Glanze als von dem Monde zurückgeworfen werden, ohne dass man behaupten kann, jene Wolken seien zu einem dichten Wasserkörper zusammengeflossen.Sie bestehen aber nach neuen Forschungen aus feinen Eiskrystallen. Ebenso wirft die finstere Luft hinter den Fenstern des Nachts das Licht der Kerzen ebenso zurück wie ein fester Körper.Nicht die Luft thut dies, sondern die glatte Fläche des Glases; dieses reflektirte Bild tritt in der Dunkelheit nur deutlicher hervor, weil es da nicht, wie am Tage, durch die stärkern Bilder der dahinter befindlichen Gegenstände verdeckt wird. Auch müsste man den Versuch machen und durch ein Loch die Sonnenstrahlen auf eine dunkle bläuliche Flamme fallen lassen. Allerdings scheinen die ungehindert auf dunklere Flammen fallenden Sonnenstrahlen sie gleichsam zu vernichten, so dass sie mehr einem weissen Rauche als einer Flamme gleichen. Dies ist es, was sich jetzt als Kreuzes-Fall für diese Frage darbietet; vielleicht können noch bessere aufgefunden werden.Auch hier zeigt sich die Dürftigkeit der Methode Baco's. Anstatt vor Allem bei dem Monde selbst zu bleiben, ist er immer mit Anderem beschäftigt, dessen Analogien höchst zweifelhaft bleiben. Indess muss man dabei immer festhalten, dass ein Zurückstrahlen nur dann von der Flamme erwartet werden kann, wenn sie die nöthige Dicke hat; denn sonst nähert sie sich der Durchsichtigkeit. Für gewiss muss man aber annehmen, dass das Licht von einem Körper Seinesgleichen entweder aufgenommen und weitergeführt oder zurückgeworfen wird.

Es sei ferner die zu untersuchende Natur die Bewegung der Geschosse durch die Luft, z. B. der Wurfspiesse, der Pfeile, der Kugeln. Die SchuleDarunter sind nur die Meinungen der Scholastiker zu verstehen, da die Revolution in der Auffassung der Natur, wie sie seit Ende des 16. Jahrhunderts begonnen hatte, noch nicht in die Schulen eingedrungen war. erledigt in ihrer Weise diese Bewegung sehr schnell, indem sie sich begnügt, sie unter dem Namen einer gewaltsamen Bewegung von der natürlichen zu unterscheiden. In Bezug auf jenen ersten Stoss oder Antrieb glaubt sie mit dem Satz: dass zwei Körper nicht denselben Raum einnehmen können, weil sonst eine Durchdringung der Ausdehnungen Statt hätte, Alles erledigt zu haben. Allein für diese Eigenschaft ist der Scheidewegs-Fall folgender: Entweder erfolgt diese Bewegung durch die treibende Luft, die sich hinter dem geworfenen Körper sammelt, wie es der Fluss mit dem Nachen oder der Wind mit der Spreu thut, oder sie erfolgt von den Theilen des Körpers selbst, welche den Druck nicht ertragen und, um demselben fortwährend auszuweichen, sich fortbewegen. Das Erste nimmt Frascator und beinahe Alle, die mit dieser Bewegung sich ernster beschäftigt haben, an, auch hat unzweifelhaft die Luft hierbei einigen Antheil; allein unzweifelhaft ist die zweite Annahme die wahre, wie eine Menge Versuche ergeben.Auch hier entzieht sich Baco der Wahrheit und kann sich nicht aus den scholastischen Begriffen von »Begehren«, »Fliehen«, »nicht ertragen können« und anderen der menschlichen Seele entlehnten Zuständen herauswinden, die auch in den leblosen Körpern bestehen sollen. Noch stärker treten diese Begriffe in dem folgenden Falle auf. Unter andern könnte hier der Kreuzes-Fall folgender sein: Feines Eisenblech oder Eisendraht oder ein halb durchschnittenes Rohr oder eine Feder springen hinweg, das Eisen allerdings etwas weniger, wenn sie mit dem Daumen und den andern Fingern gebogen werden. Offenbar kann dies nicht der hinter dem Körper sich ansammelnden Luft zugeschrieben werden, da die Quelle der Bewegung in der Mitte des Blechs oder der Feder ist und nicht an deren Enden.Baco verwechselt hier die Federkraft mit der Kraft des Stosses.

Es sei ferner die zu untersuchende Eigenschaft jene plötzliche und gewaltig ausdehnende Bewegung des angezündeten Schiesspulvers, welche grosse Massen umwirft und schwere Kugeln forttreibt, wie man bei den Kanonen und Haubitzen sieht. Der Scheideweg für diese Eigenschaft ist: Entweder kommt diese Bewegung von einem blossen Begehren des Körpers, sich auszudehnen, wenn er entzündet wird, oder auch von einem damit gemischten Begehren des Geistes des Rohen, welcher plötzlich die Flamme flieht und aus ihr ringsum wie aus einem Gefängniss mit Gewalt ausbricht.

Die Schule und die gewöhnliche Meinung nimmt nur das erstere Begehren an. Denn man meint schön zu philosophiren, indem man sagt, die Flamme sei vermöge ihrer elementaren Form mit der Nothwendigkeit begabt, einen grössern Raum einzunehmen als derselbe Körper in Pulverform, und daraus folge diese Bewegung. Allein wenn dies auch richtig wäre, wenn die Flamme zu Stande kommt, so würde doch dieses Entstehen der Flamme von einer so grossen Masse, welche sie zusammenpressen und ersticken kann, gehindert werden, und es käme dann gar nicht zu dieser angeblichen Nothwendigkeit. Denn es ist richtig, dass, wenn die Flamme entsteht, eine Ausdehnung erfolgen muss, und dass folglich die Fortstossung oder das Fortwerfen des sie hemmenden Körpers eintreten muss; allein es kommt gar nicht zu dieser Notwendigkeit, wenn jene feste Masse die Flamme vor ihrem Entstehen erdrückt. Auch ist die Flamme, insbesondere bei ihrem ersten Entstehen, weich und mild und braucht eine Höhlung, in der sie sich versuchen und flackern kann. Deshalb kann man diese grosse Gewalt davon nicht ableiten. Allein es ist richtig, dass die Entstehung dieser luftigen Flammen oder feurigen Winde aus dem Zusammentreffen zweier Körper hervorgeht, deren Natur einander entgegengesetzt ist. Der eine ist sehr entzündlich und überwiegt in dem Schwefel; der andere verabscheut die Flamme, wie der rohe Geist im Salpeter; so entsteht ein wunderbarer Kampf, indem der Schwefel sich so viel als möglich entzündet. Der dritte Körper, die Kohle, bewirkt nur die leichte und innige Vereinigung jener beiden andern. Indem nun der Geist des Salpeters gleichzeitig herausbricht und sich so viel als möglich ausdehnt, da die Luft und alle rohen Körper und das Wasser durch die Wärme ausgedehnt werden, so wird bei diesem Ausbruch und Entweichen die Flamme des Schwefels wie von einem verborgenen Blasebalg nach allen Richtungen fortgeblasen.

Es können hierbei zweierlei Arten von Kreuzes-Fällen auftreten. Die erste Art betrifft die höchst entzündlichen Körper, wie Schwefel, Kampher, Erdpech und ähnliche mit ihren Mischungen, die sich schneller und leichter als das Schiesspulver entzünden, wenn sie nicht daran gehindert werden. Hieraus erhellt, dass das Bestreben, sich zu entzünden, für sich allein diese erstaunlichen Wirkungen nicht haben kann. Die andere Art betrifft die Körper, welche die Flamme fliehen und scheuen; dahin gehören alle Salze. Denn wenn man sie in das Feuer wirft, so bricht mit vielem Geräusch ein wässeriger Geist aus ihnen heraus, ehe sie sich entzünden. In gelinderer Weise zeigt sich dies bei den noch nicht trockenen Blättern; hier bricht das Wasser hervor, ehe die übrigen Theile sich entzünden, und am meisten zeigt sich dies bei dem Quecksilber, was man das Metall-Wasser nennen kann; denn es kommt an Kraft dem Schiesspulver beinahe gleich, und zwar ohne Entzündung, durch die blosse Ausdehnung und Hervorbrechung. Deshalb soll es auch, wenn es mit dem Schiesspulver gemengt wird, dessen Kraft verstärken.Diese Erörterung über die Ursache der Kraft des Pulvers lässt deutlich sehen, weshalb Baco die Naturwissenschaft durch eigene Entdeckungen nicht weitergebracht hat. Jene Geister (spiritus) und jene mancherlei Begehren und Abneigungen, die er in die Körper nach Belieben verlegt, mussten nothwendig jeden sichern Fortschritt hindern. Es ist ähnlich wie mit der Lebenskraft in der späteren Zeit; überall, wo die Kenntniss stockte, musste die Lebenskraft, wie hier bei Baco die Geister und die Gemüthsstimmungen, in den Körpern aushelfen.

Es sei ferner die zu untersuchende Eigenschaft die vergängliche Natur der Flamme und ihr plötzliches Verlöschen. Es scheint, dass das flammende Wesen bei uns nicht dauernd und aushaltend sein kann, sondern in jedem Augenblick verlöscht und entsteht es von Neuem. Offenbar betrifft, wenn eine Flamme hier anhält und dauert, dies nicht die einzelnen Flammen, sondern es besteht dann eine Reihe hinter einander entstehender neuen Flammen, von denen die einzelne keinen Bestand hat.Dieser Gedanke ist richtig; aber um so merkwürdiger ist der folgende grobe Irrthum in Erklärung dieses Umstandes. Dies ergiebt sich daraus, dass, wenn man der Flamme die Nahrung oder den Zehrstoff nimmt, sie sofort verlöscht.

Der Scheideweg für diese Eigenschaft ist folgender: Diese nur augenblickliche Natur folgt entweder aus dem Nachlassen der Ursache, welche sie zuerst erzeugt hat, wie bei dem Licht, dem Tone und bei den durch Stoss erfolgenden Bewegungen, oder die Flamme könnte wohl in ihrer Natur bei uns beharren, aber sie wird von entgegengesetzten Bestimmungen, die sie umgeben, überwältigt und zerstört. Hiernach würde folgender Kreuzes-Fall für diese Eigenschaft sich ergeben: Man sieht; dass bei grossen Feuern die Flammen hoch in die Höhe steigen; je breiter die Unterlage der Flamme ist, desto höher steigt ihre Spitze, und deshalb scheint der Grund der Erstickung von der Seite zu kommen, wo die Flamme von der Luft zusammengepresst wird und sich schlecht befindet. Aber die mittleren Theile der Flamme, welche die Luft nicht trifft, sondern die von den äussern Theilen der Flamme geschützt sind, erlöschen nicht eher, als bis sie allmählich von der an den Seiten lagernden Luft eingeengt werden. Deshalb ist jede Flamme pyramidenartig mit breiter Grundlage an den nährenden Stoffen und mit spitzerem Gipfel, wo die Luft feindlich ist und die Nahrung nicht hinkann. Dagegen ist der Rauch unten schwächer und nimmt mit der Höhe zu; er gleicht einer umgekehrten Pyramide, weil die Luft den Rauch annimmt, aber die Flamme zusammenpresst. Denn die Meinung, dass die Flamme brennende Luft sei, ist ein Irrthum, da beide Körper ganz verschieden sind.Die Flamme ist in Wahrheit nur leuchtendes Gas (Luft); in der Kerzenflamme brennt unten, am Docht, der Wasserstoff, d. h. er verbindet sich da mit dem Sauerstoff der Luft; in der Mitte der Flamme glühen die festen Theile des Kohlenstoffes, deshalb leuchtet hier die Flamme am stärksten; oben verbindet sich dieser Kohlenstoff mit dem Sauerstoff zu Kohlensäure und steigt als solche mit dem Wasserdampf, dem Ergebniss der Oxydation des Wasserstoffes, in die Höhe. Auch hier ist Baco auf der falschen Fährte.

Der Kreuzes-Fall könnte für diese Frage noch genauer eingerichtet werden, wenn die Frage durch zwei farbige Flammen sich entscheiden liesse. Man nehme deshalb eine Schüssel von Metall und befestige darin eine angebrannte Kerze; dann stelle man die Schüssel in eine Wanne und schütte in dieselbe Weingeist, aber nicht so viel, dass er bis an den Rand der Schüssel reicht; nun brenne man den Weingeist an. Der Weingeist wird eine mehr bläuliche, die Kerze eine mehr gelbliche Flamme geben. Man gebe nur Acht, ob die Kerzenflamme pyramidal bleibt, da man sie an der Farbe leicht von der Flamme des Weingeistes unterscheiden kann und die Flammen sich nicht wie die Flüssigkeiten vermischen; oder ob die Flamme sich mehr kugelartig gestaltet, da hier nichts sie zerstört oder zusammendrückt. Bestätigt sich dies, so kann als gewiss gelten, dass die Flamme unverändert beharrt, so lange sie innerhalb einer andern Flamme eingeschlossen ist und der feindlichen Gewalt der Luft nicht ausgesetzt ist.Auch hier kann man fragen, weshalb Baco diesen leichten Versuch nicht selbst gemacht hat; er würde freilich dann etwas ganz Anderes gefunden haben, nämlich dass die Kerzenflamme erlischt, weil die Weingeistflamme den Zutritt von Sauerstoff zu ihr verhindert. Solche wirklich angestellte Versuche würden Baco der Wahrheit näher gebracht haben als jenes Spiel mit Möglichkeiten, in denen seine Phantasie sich ergeht. Merkwürdig ist, dass Baco in seiner Naturgeschichte (Sylva Sylvarum 31) dieses Versuches, als wirklich von ihm angestellt, erwähnt. Dies zeigt, dass auch im Thatsächlichen Baco nicht zuverlässig ist, oder dass der da beschriebene Versuch mangelhaft angestellt worden ist.

So viel über die Kreuzes-Fälle. Ich bin hier ausführlicher gewesen, damit man allmählich lerne und sich gewöhne, über die Natur nach den Kreuzes-Fällen und Licht bringenden Versuchen, zu urtheilen und nicht blos nach Wahrscheinlichkeiten und Vermuthungen.

37.

Zu den vornehmsten Fällen zähle ich funfzehntens die Scheidungs-Fälle, welche die Trennung solcher Eigenschaften anzeigen, die am häufigsten vorkommen. Sie unterscheiden sich von den Fällen, welche den Begleitungs-Fällen angehängt werden, dadurch, dass diese nur die Trennung der Eigenschaft von einem bestimmten Gegenstand anzeigen, mit dem sie gewöhnlich verbunden sind; dagegen bezeichnen die Scheidungs-Fälle die Trennung einer Eigenschaft von einer andern Eigenschaft. Von den Kreuzes-Fällen sind sie darin unterschieden, dass sie nichts entscheiden, sondern nur die Trennbarkeit einer Eigenschaft von der andern anzeigen. Sie lassen die unwahren Formen erkennen und zerstören jene Urtheile, die aus dem Nächstliegenden vorerst sich bilden; sie geben dem Verstande gleichsam das nöthige Blei und Gewicht. Ein Beispiel hierzu können jene vier Eigenschaften abgeben, die nach Telesius Gesellen oder Schlafkameraden sind, nämlich: das Warme, das Helle, das Feine und das Bewegliche oder zur Bewegung Geneigte. Aber unter diesen giebt es sehr viel Scheidungs-Fälle; so ist die Luft fein und leicht beweglich, aber nicht warm und nicht hell; der Mond ist hell, aber ohne Farbe; kochendes Wasser ist warm, aber ohne Licht; die Magnetnadel ist behend und beweglich, aber dennoch kalt, dicht und dunkel u. s. w.

Man nehme ferner zur Untersuchung die Eigenschaft des Körperlichen und die natürliche Wirksamkeit.Damit meint Baco das, was man jetzt Stoff und Kraft nennt, welche die moderne Naturwissenschaft auch für untrennbar hält. Es scheint nämlich keine Wirksamkeit ohne Körper zu bestehen. Dennoch möchte es hierfür einige Scheidungs-Fälle geben. Dahin gehört die magnetische Wirksamkeit, wodurch das Eisen sich nach dem Magneten und die schweren Körper zur Erde bewegen. Auch einige Wirksamkeiten in die Ferne gehören hierher. Eine solche Wirksamkeit geschieht nicht augenblicklich, sondern in einer Zeitgrösse und räumlich allmählich und durch Abstände. Es giebt deshalb einen Punkt in der Zeit und in dem Raume, in dem diese Kraft oder Wirksamkeit in der Mitte zwischen den beiden Körpern sich befindet, welche sich in Spannung befinden. Sonach stellt sich die Frage dahin: Ob jene Körper, welche die Grenzpunkte der Bewegung sind, die zwischen ihnen befindlichen Körper bestimmen oder verändern, so dass durch wirkliche Berührung von einem zu dem andern die Kraft von dem einen Ende zu dem andern gelangt und bei dem mittelsten inzwischen bestehen bleibt? oder ob von alledem nichts Statt hat und nichts wirklich ist, als Körper, Kraft und Raum?Die Vorstellung der in die Ferne wirkenden anziehenden Kräfte wird hier Baco ebenso schwer wie später Newton und wie selbst in neuester Zeit Faraday. Deshalb neigt Baco mehr zur Erklärung dieser Erscheinungen aus dem fortschreitenden Stoss der dazwischen liegenden Körper oder Medien. – Bei den Lichtstrahlen, den Tönen, der Wärme und einigen andern in die Ferne wirkenden Dingen werden wahrscheinlich die in der Mitte befindlichen Körper bestimmt und verändert, zumal da ein besonderes Medium für die Uebertragung der Wirkung erforderlich ist. Dagegen sind für die magnetische und anziehende Kraft die Medien ohne Bedeutung, und die Wirksamkeit ist von ihnen nicht bedingt. Hat daher diese Kraft oder Wirksamkeit mit den Medien nichts zu thun, so folgt, dass die natürliche Kraft oder Wirksamkeit für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Raum auch ohne Körper besteht, da sie weder in den die Grenzen bildenden, noch in den dazwischen befindlichen Körpern enthalten ist. Deshalb kann die magnetische Kraft als ein Scheidungs-Fall für die körperliche Eigenschaft und die natürliche Wirksamkeit gelten.Diese Stelle ist schwer verständlich; man sieht nicht, weshalb die Kraft in der Mitte zwischen den angezogenen Körpern für sich bestehen und nicht diesen anhaften soll. Baco fällt es schwer, eine in die Ferne wirkende Kraft sich vorzustellen. Auch Descartes nahm keine solche an, sondern führte alle Bewegungen auf den Stoss zurück. Deshalb nimmt Baco hier an, die Kraft trenne sich von dem anziehenden Körper und gehe selbstständig zu dem entferntern Körper über, welcher erst bei ihrer Ankunft nun angezogen werde.

Als Zusatz oder nicht zu übersehender Gewinn kann hier noch bemerkt werden, wie auch im philosophischen Sinne der Beweis gegeben werden kann, dass es besondere unkörperliche Wesen und Substanzen giebt. Denn wenn die Kraft oder natürliche Wirksamkeit, die von einem Körper ausgeht, für eine bestimmte Zeit und einen beschränkten Raum auch ohne Körper sich erhalten kann, so liegt es nahe, dass sie auch ursprünglich von einer unkörperlichen Substanz ausgehen kann. Denn an sich scheint die Körper-Eigenschaft ebenso nöthig zur Unterhaltung und Fortführung der natürlichen Wirksamkeit wie zu ihrer Erweckung und Erzeugung.

38.

Es folgen nun fünf Arten von Fällen, die ich mit einem Worte Fälle der Erleuchtung oder der ersten Belehrung nennen will. Sie dienen den Sinnen zur Unterstützung. Denn alle Erklärung der Natur beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung, von welcher sie auf geraden, festen und geschützten Wegen zu den Vorstellungen führt, welche die wahren Begriffe und Grundsätze bilden. Je zahlreicher und sorgfältiger deshalb die Wahrnehmungen sind, desto leichter und glücklicher geht das Uebrige von Statten.

Von diesen fünf Arten sind die ersten die, welche die unmittelbare Wirksamkeit der Sinne stärken, erweitern und berichtigen; die zweiten die, welche das Unsinnliche auf das Sinnliche zurückführen; die dritten zeigen die fortgehenden Prozesse oder die Reihe jener Dinge und Bewegungen, von denen gewöhnlich nur das Ende oder die Periode bemerkt wird; die vierten bieten dem Sinn bei reinem Mangel einen Ersatz; die fünften veranlassen die Aufmerksamkeit und dass der Sinn sich dahin richtet; sie mässigen zugleich die Feinheit der Dinge. Hiernach sollen sie hier einzeln erörtert werden.

39.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich hiernach sechzehntens die Fälle der Thüre oder des Thores, worunter ich die verstehe, welche die unmittelbare Wirksamkeit der Sinne unterstützen.Die Sinnesorgane bilden gleichsam die Thore, durch welche der Inhalt des Seienden in die wissende Seele eintreten kann; daher der besondere Name dieser Fälle, für welche Sonderbarkeiten Baco grosse Vorliebe hatte. Unter den Sinnen nimmt offenbar das Gesicht für die Belehrung den ersten Platz ein; deshalb ist vorzüglich Hülfe für diesen Sinn zu beschaffen, und diese kann von dreifacher Art sein; entweder soll auch das Nichtgesehene wahrnehmbar gemacht werden, oder das Entferntere, oder der Gegenstand soll genauer und bestimmter wahrgenommen werden. Zur ersten Art gehören die neuerlich erfundenen Mikroskope, wobei ich die Brillen nicht erwähne, da sie nur zur Verbesserung und Minderung der Schwäche des Gesichtssinnes dienen, aber keine neue Kunde geben. Diese Instrumente zeigen die verborgenen und unsichtbaren Theilchen der Körper und deren geheime Gestaltung und Bewegung. Indem sie Alles vergrössern, kann man mit deren Hülfe an dem Floh, der Fliege und den Würmern die genaue Gestalt, die Linien ihres Körpers und die bis dahin unsichtbaren Farben und Bewegungen zu grosser Verwunderung sehen. Selbst eine mit der Feder und dem Lineal gezogene Linie soll durch solches Mikroskop ungleich und krumm erscheinen, weil weder die Bewegung der Hand, selbst mit Hülfe des Lineals, noch der Eindruck der Tinte oder Farbe in Wahrheit gleich bleibt, wenn auch die Ungleichheiten so klein sind, dass sie ohne solche Gläser nicht gesehen werden können. Man hat dazu, wie bei neuen und wunderbaren Dingen ja oft geschieht, die abergläubische Bemerkung gemacht, dass dergleichen Gläser die Werke der Natur erhöhen, aber die der Kunst erniedrigen. Dies hängt aber nur damit zusammen, dass die natürlichen Gewebe viel feiner sind als die künstlichen. Das Mikroskop nützt für diese kleinen Dinge, und hätte Demokrit es gesehen, so würde er entzückt gewesen sein und gemeint haben, dass damit das Mittel, die Atome zu sehen, gefunden wäre, die er für durchaus unsichtbar erklärt hatte. Allein da die Mikroskope nur für ganz kleine Gegenstände anwendbar sind, und selbst für diese nicht, wenn sie an einem grössern Körper sich befinden, so thut dies ihrem Nutzen Eintrag. Könnte man diese Erfindung auf grosse Körper oder auf die kleinen Theile grosser Körper ausdehnen, so dass man das Gewebe der Leinwand wie ein Netz erkennen und so die verborgenen Feinheiten und Ungleichheiten der Edelsteine, der Flüssigkeiten, des Urins, des Bluts, der Wunden und vieler anderer Dinge sehen könnte, so würde allerdings aus dieser Erfindung viel Nutzen gezogen werden können.Aus dieser Darstellung geht hervor, dass Baco selbst kein Mikroskop besessen und davon nie Gebrauch gemacht hat; dies zeigt von Neuem, wie wenig er selbst zur Anstellung von Versuchen und Beobachtungen geneigt war. Baco ist der Meinung, dass man mittelst dieses Instrumentes die feinsten oder letzten Theilchen der Körper (Atome) wahrnehmen könne; dieses ist ein grosser Irrthum. Der Schluss dieses Absatzes will sagen, dass die gleichzeitige Wahrnehmung grösserer Flächen und damit die Vergleichung und die Erkenntniss des Zusammenhanges bei dem Mikroskop fehle und seinen Mangel ausmache.

Von der zweiten Art sind jene Gläser, welche Galilei in merkwürdiger Weise erfunden hat, mit deren Hülfe man, wie mittelst Kähnen und Schiffchen, einen nähern Verkehr mit den Himmelskörpern eröffnen und unterhalten kann. Dadurch ist ermittelt, dass die Milchstrasse nur ein Gewirr oder eine Anhäufung kleiner Sterne ist, die einzeln unterschieden sind, was schon die Alten vermutheten. Auch kann man damit zeigen, dass die Räume der sogenannten PlanetenkreiseDie Orbes planetarum sind noch ein Begriff aus dem Ptolemäischen Systeme, nach welchem jeder Planet seine eigene Himmelssphäre (Hohlkugel, orbis) hat, an der befestigt er sich dreht. Nach dieser Hypothese hatte nur die letzte Sphäre, die des Himmels, alle Fixsterne. nicht ganz leer von andern Sternen sind, also schon vor dem eigentlichen Sternenhimmel die Sterne beginnen, die aber so klein sind, dass sie ohne jene Fernröhre nicht gesehen werden können. Auch kann man dadurch die Kreis-Umgänge jener kleinen Sterne um den Planeten Jupiter erkennen, woraus abzunehmen ist, dass für die Bewegung der Sterne mehrere Mittelpunkte bestehen. Dadurch können auch die hellen und dunklen Stellen auf dem Monde bestimmter gesehen und örtlich festgestellt werden, so dass eine Mondbeschreibung möglich wird. Dadurch können auch die Flecken in der Sonne und anderes Dergleichen gesehen werden. Dieses Alles sind bedeutende Entdeckungen, insofern man diesen Versicherungen vollen Glauben schenken kann. Mir ist dies nur deshalb verdächtig, weil die Versuche sich auf so Weniges beschränken, und man nicht noch vieles andere ebenso Bemerkenswerthe dadurch entdeckt hat.Früher, in seiner »Descriptio Globi intellectualis« cap. 5, hatte Baco die umgekehrte Sorge. Er rühmt da Galilei's Entdeckungen und warnt ihn nur vor voreiligen Hypothesen; auch der geringste Einwand solle zuvor erwogen werden u. s. w.

Zur dritten Art gehören die Maassstäbe für die Ausmessung von Ländereien, die Astrolabien und Aehnliches, welche den Gesichtssinn nicht verstärken, sondern berichtigen und leiten. Wenn es sonst noch Vorrichtungen giebt, welche die übrigen Sinne in ihrer unmittelbaren und vereinzelten Thätigkeit unterstützen, so tragen sie doch für die Belehrung nichts bei und haben auf die hier behandelte Frage keine Beziehung. Ich übergehe sie deshalb.Dieser Artikel zeigt, wie weit Baco den Begriff der Fälle (instantiae) nimmt. Hier rechnet er die Mikroskope, Fernröhre und Maassstäbe dazu, die offenbar nur Instrumente sind, aber keine Vorgänge oder Körper der Natur; sie sind nicht der Gegenstand der Naturwissenschaft, wie man nach jenem Worte erwarten sollte, sondern nur ein Mittel zur Erkenntniss derselben.

40.

Zu den vornehmsten Fällen stelle ich siebzehntens die vorladenden Fälle, indem ich dies Wort von den Gerichten entnehme, welche zum Erscheinen vorladen; ich nenne sie deshalb auch aufrufende Fälle. Sie führen das Nicht-Sinnliche auf das Sinnliche zurück. Den Sinnen entziehen sich die Dinge entweder wegen ihrer Entfernung oder durch die von den Zwischenkörpern ausgehende Hemmung der Sinne oder weil der Gegenstand auf den Sinn keinen Eindruck hervorbringt, oder weil in dem Gegenstand nicht die zu diesem Eindruck nöthige Menge enthalten ist, oder weil die Zeit für die Erregung der Sinne zu kurz ist, oder weil die von dem Gegenstand ausgehende Wirkung von den Sinnen nicht ertragen werden kann, oder weil der Gegenstand schon vorher den Sinn so erfüllt und in Besitz genommen hat, dass für eine neue Erregung kein Platz mehr vorhanden ist. Diese Regeln gelten vorzüglich für das Gesicht, aber auch für das Gefühl. Diese beiden Sinne belehren der Breite nach und gehen auf gemeinsame Dinge, während die drei übrigen nur unmittelbar, und jeder nur von Gegenständen Kunde geben, worüber die andern nichts mittheilen.»Der Breite nach« will sagen: Diese Sinne geben die räumliche Ausdehnung und Gestalt der Körper. »Gemeinsame Dinge« will sagen: Beide Sinne haben die Wahrnehmung derselben Eigenschaften mit einander gemein; diese falsche Stellung der Beiworte kommt sehr oft bei Baco vor und ist ein Mangel seines sonst so kraftvollen Stils.

Bei der ersten Art geschieht die Versinnlichung nur dadurch, dass dem Gegenstande, der wegen seiner Entfernung nicht gesehen werden kann, ein andrer Gegenstand beigesellt oder statt seiner hingestellt wird, der aus der Ferne mehr wie jener sichtbar ist und den Sinn erregen kann; z. B. bei Kundmachung von Vorfällen durch Feuerzeichen, von Thürmen und Aehnliches. Bei der zweiten Art erfolgt die Versinnlichung dadurch, dass das Innere, was durch das ihm Vorstehende verhüllt ist und nicht wohl eröffnet werden kann, durch seine Ausflüsse oder durch Eigenschaften auf der Aussenseite wahrnehmbar gemacht wird; z. B. der Zustand des menschlichen Körpers vermittelst des Pulses, des Urins und Aehnliches. Zur dritten und vierten Art der Versinnlichung gehören die Mittel, welche sich auf sehr Vieles beziehen und bei der Untersuchung von allerwärts herbeigeholt werden müssen; so z. B. ist es offenbar, dass die Luft und die Geister und Aehnliches, die nach ihrer ganzen körperlichen Beschaffenheit fein und dünn sind, deshalb nicht gesehen und gefühlt werden können. Deshalb bedarf es bei dergleichen Untersuchungen durchaus der Versinnlichung. Man nehme z. B. als die zu untersuchende Eigenschaft die Wirksamkeit und Bewegung des Geistes, der in den fühlbaren Körpern eingeschlossen ist. Denn alles Fühlbare enthält bei uns einen unsichtbaren und unfühlbaren Geist, den es umgiebt, und dessen Kleid es gleichsam ist. Diese mächtige Quelle und wunderbare Wirksamkeit des Geistes in den fühlbaren Körpern ist dreifacher Art. Wird der Geist aus dem fühlbaren Gegenstande herausgelassen, so zieht der Körper sich zusammen und wird trocken; wird er darin festgehalten, so macht er die Körper weich und flüssig; geschieht weder das Eine noch das Andere, so giebt er Kunde, erzeugt Glieder, verähnelt, stösst aus, organisirt u. s. w. Dieses Alles wird durch sichtbare Wirkungen versinnlicht.

Denn der in jedem leblosen Körper eingeschlossene Geist vervielfältigt sich zunächst, indem er die sichtbaren Theile, die dazu am geeignetsten und bereitesten sind, verzehrt, verdaut, gestaltet und in Geist verwandelt; dann fliegen sie in Einem auf. Diese Gestaltung und Vervielfältigung des Geistes wird durch die Abnahme des Gewichts erkennbar. Denn bei allem Vertrocknen fliesst etwas Stoff ab, und zwar nicht blos von dem schon vorher bestandenen Geiste, sondern auch von dem Körper, so weit er aus einem Fühlbaren eben umgewandelt worden ist. Denn der Geist ist nicht schwer.

Das Austreten oder die Austreibung des Geistes wird in dem Rost der Metalle und in andern Fäulnissen dieser Art sinnlich wahrnehmbar, welche aufhören, ehe sie zu den ersten Anfängen des Lebens gelangen, die zur dritten Art der Wirksamkeit gehören. Bei dichten Körpern findet nämlich der Geist keine Poren oder Gänge, durch die er hinausfliegen könnte; deshalb muss er die Körpertheilchen selbst fortstossen und vor sich hertreiben; so kommen diese heraus und bilden den Rost und Aehnliches. Die Zusammenziehung der Körpertheilchen, wenn der Geist heraus ist und Trockenheit eintritt, wird theils in der vermehrten Härte wahrnehmbar, theils noch mehr in den Rissen, Verengerungen, Runzeln und dem Schwinden der Körper, welche die Folge sind. Die Holztheile springen ab oder werden enger; die Haut wird runzlig, und ist die Austreibung des Geistes schnell durch die Hitze des Feuers erfolgt, so geschieht die Zusammenziehung so eilig, dass sie sich verwickeln und zusammendrehen. Wo indess der Geist festgehalten und doch durch die Wärme oder Aehnliches ausgedehnt und aufgeregt wird, wie es bei festen und zähen Gegenständen zu geschehen pflegt, da werden die Körper weich, wie z. B. das weissglühende Eisen; oder flüssig, wie die Metalle, oder sie schmelzen, wie das Harz, das Wachs und Aehnliches. So erklären sich die entgegengesetzten Wirkungen der Wärme, welche bald verhärtet, bald flüssig macht, leicht daraus, dass dort der Geist ausgetrieben, hier aber festgehalten und erregt wird. Dieses Letztere ist die eigentliche Wirksamkeit der Wärme und des Geistes, während Ersteres nur die Wirksamkeit der Körpertheilchen in Folge des vertriebenen Geistes ist.

Wo aber der Geist nicht gänzlich festgehalten noch gänzlich ausgetrieben wird, vielmehr innerhalb seines Verschlusses treibt und drängt und fügsame und folgsame Körpertheilchen erfasst, die dem Geist folgen, wohin er sich bewegt, da bilden sich organische Körper, die Gliederung und die übrigen Lebensäusserungen bei den Pflanzen und Thieren. Sie werden sinnlich erkennbar hauptsächlich durch genaue Beobachtung der Anfänge und ersten Anlagen oder Versuche des Lebens bei den aus der Fäulniss entstandenen kleinen Thieren, wie bei den Ameiseneiern, den Würmern, den Fliegen, den Fröschen nach starkem Regen u. s. w. Zur Verlebendigung gehört aber eine milde Wärme und eine Weichheit des Körpers, damit der Geist nicht durch Uebereilung herausbricht, noch durch den Widerstand der Theile gehemmt wird, vielmehr muss er sie wie Wachs bilden und biegen können.

Es kann ferner durch mehrere versinnlichende Fälle jene vornehmste und weit reichende Besonderung des Geistes gleichsam vor Augen gestellt werden, wonach der Geist sich theilt 1) in den Geist des Getrennten, 2) des einfach Geästeten, 3) des sowohl Geästeten wie Zellenartigen; von denen die erste Art der Geist alles Leblosen ist, die zweite der Geist der Pflanzen und die dritte der Geist der Thiere. Auch ist bekannt, dass das feinere Gewebe und die innere Gestaltung der Dinge selbst bei Gegenständen, die als Ganzes sichtbar und fühlbar sind, nicht gesehen und gefühlt werden kann. Deshalb kann auch hier die Erkenntniss nur durch Ueberführung zu einem Sinnlich-Wahrnehmbaren geschehen. Die vornehmste und ursprüngliche Grundlage für die innere Gestaltung liegt in der grösseren oder geringeren Menge des Stoffes, der denselben Raum ausfüllt. Alle anderen inneren Gestaltungen, die auf der Ungleichheit der Bestandtheile eines Körpers, ihre Ordnung und Stellung sich beziehen, sind gegen jene nur untergeordneter Art.Diese Stelle ist wichtig für den Begriff, den Baco über die sogenannten Geister (spiritus) der Körper hatte. Es ist schon früher bemerkt, dass diese Geister körperlicher Natur sind, nur von sehr feiner Beschaffenheit. Diese Geister spielen in der Naturphilosophie der Scholastiker eine grosse Rolle; Alles, was sich nicht anders erklären liess, wurde auf Rechnung dieser Geister gestellt. Es ist klar, dass Baco schon durch sein Festhalten an dem Begriff solcher Geister an der Erkenntniss der Natur sehr gehindert werden musste, und dass deshalb selbst seine induktive Methode ihm über diesen Fehler nicht hinweghelfen konnte. Bei Kepler, Galilei und Anderen seiner grossen Zeitgenossen treten diese Geister schon ganz zurück; auch Descartes benutzt sie nur noch zur Erklärung der Bewegungen der Thiere und des Verkehrs zwischen Leib und Seele bei dem Menschen. Dagegen kennt Descartes sie bei unorganischen Körpern nicht mehr; hier führt er Alles auf geometrische Begriffe und Gesetze zurück. Auch hier steht also Baco tief unter den grossen Naturforschern seiner Zeit.

Man nehme deshalb als zu untersuchende Eigenschaft die Ausdehnung oder Zusammenziehung des Stoffes in den Körpern, wie nämlich die Menge des Stoffes in den einzelnen Körpern die Menge des Raumes ausfüllt. Hier ist nun kein Satz in der Natur mehr wahr als der zwiefache: Aus Nichts wird Nichts, und: Etwas kann nicht zu Nichts werden; die wirkliche Menge des Stoffes oder die ganze Summe desselben bleibt sich daher gleich und vermehrt oder vermindert sich nicht.Diese Sätze sind offenbar nicht durch Induktion zu gewinnen; dennoch setzt Baco keinen Zweifel in sie, ohne doch das Fundament, auf welches ihre Wahrheit sich stützen soll, näher anzugeben. Auch hier zeigt sich seine Flüchtigkeit. Es ist bekannt, dass der Begriff des Werdens, des Entstehens und Vergehens das gerade Gegentheil dieser Sätze enthält, und Baco selbst macht von diesen Begriffen oft Gebrauch. Die moderne Naturwissenschaft hält ebenfalls die Ewigkeit des Stoffes und der Kraft und die Unveränderlichkeit ihrer Quantität im Ganzen als ein Grundprinzip fest; allein sie bahnt sich für dieses Prinzip den Weg dadurch, dass sie alle materialen Eigenschaften zuvor in subjektive Zustände umwandelt, und für die äussere Natur so nur Kraft, Stoff mit den Bestimmungen der Grösse, Gestalt und Bewegung als das allein Seiende übrig behält. Wenn so aufgeräumt worden ist, kann allerdings das Entstehen und Vergehen beseitigt, d. h. in blosse Bewegung umgewandelt werden. Auch ist der weitere Satz ebenso wahr dass derselbe Raum oder dieselbe Ausdehnung bald eine grössere, bald eine geringere Menge von Stoff je nach den verschiedenen Körpern enthält; so hat das Wasser mehr, die Luft weniger. Behauptet daher Jemand, dass das Wasser, was ein bestimmter Raum enthält, sich in Luft verwandeln könne, welche den gleichen Raum ausfülle, so ist dies ebenso, als wenn er behauptete, Etwas könne in Nichts verwandelt werden; und wenn Jemand behauptet, dass die Luft in einem bestimmten Raume in Wasser eines gleichen Raumes verwandelt werden könne, so würde er damit auch behaupten, dass aus Nichts Etwas entstehen könne. Auf diesem Mehr oder Weniger von Stoff beruhen eigentlich die Begriffe von Dicht und Dünn, die man verschiedenartig und mannichfach gebraucht.

Hierher gehört auch noch der dritte, ebenso gewisse Satz, dass dieses Mehr oder Weniger an Stoff in diesem oder jenem Körper der Rechnung unterworfen werden kann, wenn man durch Vergleichung die genauen oder möglichst genauen Verhältnisse ermittelt. Es wird deshalb richtig sein, wenn man sagt, dass in einem bestimmten Stück Gold so viel Stoff gehäuft sei, dass der Weingeist, um derselben Menge von Stoff gleich zu werden, einundzwanzigmal so viel Raum als das Gold brauche.

Diese Anhäufung des Stoffes und sein Verhältniss wird durch das Gewicht sinnlich wahrnehmbar. Denn das Gewicht entspricht der Menge des Stoffes in Bezug auf die fühlbaren Theile eines Körpers. Der Geist und seine Menge bleibt dabei ausser Rechnung, da er das Gewicht eher vermindert als vermehrt. Ich habe ein solches genaues Verzeichniss der spezifischen Gewichte von den einzelnen Metallen, von den wichtigsten Steinen, Hölzern, Flüssigkeiten, Oelen und den meisten anderen Körpern, sowohl natürlichen als künstlichen, gefertigt, was für die Erweiterung der Kenntnisse und für die Ausführung von Arbeiten höchst nützlich ist; es giebt ganz unerwartete Aufschlüsse.Das Weitere hierüber ist in Baco's Schrift: »Historia densi et rari« enthalten. Insbesondere zeigt es, dass alle diese Unterschiede in den uns bekannten fühlbaren Körpern nicht das Einundzwanzigfache übersteigen; wobei ich aber unter Körpern nur die gut verbundenen verstehe, und nicht die schwammigen, hohlen und mit Luft angefüllten. Ueber diese Grenze geht die Natur, wenigstens so weit sie uns bekannt ist und für uns von Bedeutung ist, nicht hinaus.

Es schien mir auch des Versuchs werth, das Verhältniss der nicht fühlbaren oder luftigen Körper zu den fühlbaren wo möglich festzustellen; ich bin dabei so verfahren. Ich nahm eine Glasflasche, die ungefähr zwei Loth fasste; ich wählte eine so kleine, um die spätere Verdunstung mit weniger Wärme bewirken zu können. Diese Flasche füllte ich bis an den Hals mit Weingeist, den ich deshalb wählte, weil ich nach jenem Verzeichniss von den fühlbaren und gut verbundenen nicht hohlen Körpern ihn als den dünnsten und den kannte, der nach seiner Ausdehnung den wenigsten Stoff enthielt. Dann habe ich das Gewicht der Flasche mit der Flüssigkeit genau ermittelt. Dann nahm ich eine Blase, die ungefähr zwei Maass an Inhalt fassen konnte; daraus presste ich alle Luft aus, so dass die Seiten der Blase sich berührten. Auch hatte ich die Blase vorher gelinde mit Oel gerieben, um sie dichter zu machen und alles Poröse an ihr durch das Oel zusammenzuziehen. In diese Blase steckte ich die Mündung der Flasche und band die Blase mit einem gewichsten Faden fest daran, so dass sie fest sass und anschloss. Dann stellte ich die Flasche über glühende Kohlen in einen Ofen. Durch diese Wärme wurde der Weingeist erweitert und verflüchtigt, und der Dunst oder die Luft des Weingeistes füllte bald die Blase und spannte sie wie ein Segel nach allen Seiten aus. Nachdem dies geschehen, nahm ich die Flasche von dem Feuer und stellte sie auf einen Teppich, damit sie nicht durch die Erkältung platze. Dann machte ich sofort oben an der Blase ein Loch, damit der Dunst sich nicht mit Abnahme der Wärme wieder in Flüssigkeit verwandelte und so die Rechnung störte. Dann nahm ich die Blase weg und ermittelte wieder das Gewicht des in der Flasche gebliebenen Weingeistes. Daraus berechnete ich, wieviel davon in Dunst oder Luft aufgegangen war und berechnete durch Vergleichung, wieviel dieser Theil als Spiritus in der Flasche Raum eingenommen hatte und wieviel, nachdem er in der Blase in Dampf umgewandelt worden war. Daraus ergab sich, dass dieser Körper durch diese Umwandlung und Veränderung eine hundertfach grössere Ausdehnung als vorher erlangt hatte.Dieser Versuch hat als erster roher Anfang, die Ausdehnung der Körper bei ihrem Uebergange aus dem flüssigen in den gasartigen Aggregatzustand zu bestimmen, seinen Werth. Das Resultat ist indess viel zu niedrig angesetzt. – Wichtiger ist der in diesem Abschnitt behandelte Begriff des Dichten. Für die moderne Naturwissenschaft hat dieser Begriff keine Schwierigkeit, weil in ihr ein Leeres zugelassen wird und man von der Voraussetzung ausgeht, dass der elementare Stoff in allen Körpern an sich von gleicher Art und gleich schwer sei. Dann ergiebt sich die Dichtigkeit sofort aus dem unterschiedenen Gewicht gleich grosser Körper; der schwerere muss dann weniger Poren (leere Zwischenräume) und mehr Stoff enthalten. Aber da Baco kein Leeres zulässt, so wurde der Begriff des Dichten für ihn viel schwieriger, und Baco bleibt daher hier sehr dunkel. Wenn es kein Leeres giebt, so ist nicht zu verstehen, wie derselbe Raum bald mehr bald weniger Stoff enthalten kann, was Baco behauptet. Nach ihm hat das Wasser mehr Stoff, wie die Luft desselben Raumes, und dennoch haben beide keine leeren Stellen in sich. Nach Baco kann sich mehr Stoff in demselben Raume anhäufen, obgleich er schon von Stoff ganz ausgefüllt ist. Entweder führt dies zu einer Durchdringung der Stoffe oder zu einer verschiedenen Schwere des Stoffes je nach seiner elementaren Qualität. Beides führt aber zu neuen Verwickelungen. Baco lässt dies hier Alles im Dunkeln. Descartes, der auch kein Vacuum anerkennt, hat diese Schwierigkeit in dem Begriff des Dichten auf eine höchst sinnreiche Weise in seinen Prinzipien gelöst, deren Darstellung aber hier zu weit führen würde. Später kommt Baco nochmals auf diese Frage zurück, und er hilft sich da zuletzt mit einer Ausdehnung und Zusammenziehung des Stoffes, ohne dass die Stetigkeit aufhört; also mit Begriffen, die nur in anderen Worten das zu Erklärende wiederholen, aber nicht erklären.

Es mag ferner die Wärme und Kälte in so schwachem Grade, dass das Gefühl sie nicht wahrnimmt, die zu untersuchende Eigenschaft sein. Diese schwachen Wärme- und Kältegrade werden durch die in Grade abgetheilte Flasche sichtbar, welche ich oben beschrieben habe. Denn wenn auch diese Wärme und Kälte nicht gefühlt wird, so dehnt doch erstere die Luft aus und letztere zieht sie zusammen; diese Ausdehnung oder Zusammenziehung ist zwar auch nicht sichtbar, allein die ausgedehnte Luft drückt das Wasser nieder, die zusammengezogene hebt es, und erst damit wird die Sache sichtbar; nicht früher und nicht auf eine andere Art.

So nehme man zur Untersuchung die Mischung der Körper, wobei zu ermitteln, wieviel Wasser, wieviel Oel, wieviel Geistiges, wieviel Asche und Salze u. s. w. sie enthalten; oder auch wieviel im Besonderen die Milch an Butter, an gerinnbarem Stoff, an wässrigem Stoff u. s. w. enthalte. Dieses Verhältniss wird durch kunstvolle und geschickte Trennungen in Bezug auf die fühlbaren Bestandtheile sinnlich wahrnehmbar gemacht; dabei wird allerdings der in ihnen befindliche Geist nicht unmittelbar erkannt, allein er macht sich durch mancherlei Bewegungen und Drängen der fühlbaren Theile während deren wirklicher Trennung bemerklich; desgleichen durch mancherlei Scharfes, Fressendes und durch die verschiedenen Farben, Gerüche und Geschmäcke dieser Körper nach ihrer Auflösung.

In dieser Beziehung hat man mittelst Destillirens und künstlichen Auflösens emsig gearbeitet, aber nicht viel glücklicher als bei den übrigen jetzt üblichen Versuchen. Man wählte verkehrte Verfahrungsweisen und dunkle Wege; man verwandte mehr Mühe darauf als Verstand, und das Schlimmste war, dass man der Eigenschaft nicht folgte, nicht mit ihr wetteiferte, sondern durch zu starke Hitze oder zu starke Mittel alle feinere innere Gestaltung zerstörte, in der doch die geheimen Kräfte und Harmonieen wesentlich sich befinden. Auch bedenkt man, wie ich schon früher bemerkt, bei solchen Auflösungen nicht, dass sehr viele Eigenschaften bei dieser Misshandlung der Körper durch Feuer und andere Mittel ihnen vermittelst dieses Feuers und der zur Auflösung benutzten Mittel erst beigebracht werden, die vorher in den ungelösten Körpern gar nicht waren. Deshalb sind die sonderbarsten Irrthümer daraus hervorgegangen; denn der ganze Dampf, der durch das Feuer aus dem Wasser ausgetrieben wird, war nicht vorher schon in dem Wasser selbst Dampf oder Luft, sondern ist erst zum grössten Theil aus dem durch das Feuer ausgedehnten Wasser Dampf geworden.

In gleicher Weise geschehen überhaupt die vorzüglichsten Proben mit den Körpern, sowohl mit den natürlichen als künstlichen; damit wird das Nachgemachte von dem Aechten und das Bessere von dem Schlechteren unterschieden; alle diese Proben machen das Unsinnliche sinnlich. Man hat sie deshalb sorgfältig zu verzeichnen.

Die fünfte Art der Erweiterung verwandelt die Wirksamkeit der Sinne in Bewegung und die Bewegung in Zeit. Ist die Bewegung eines Körpers so langsam oder so schnell, dass sie den Zeiten nicht entspricht, in denen die Wirksamkeit des Sinnes sich vollzieht, so wird die Sache gar nicht wahrgenommen, wie z. B. die Bewegung des Uhrzeigers, und umgekehrt die des geschlagenen Balles. Die zu langsame Bewegung wird leicht durch ihre Summirung wahrnehmbar gemacht, dagegen hat man die zu schnelle noch nicht zu messen vermocht, obgleich die Untersuchung dieser Eigenschaft es wenigstens bei einigen verlangt.Neuerlich ist dazu der ballistische Pendel erfunden, mit welchem selbst die Schnelligkeit der abgeschossenen Kanonenkugeln in den verschiedenen Stellen ihres Laufes genau gemessen werden kann.

Die sechste Art, wo die Sinneswahrnehmung durch die Macht oder Stärke des Gegenstandes gehemmt wird, erhält ihre Versinnlichung durch Entfernung des Gegenstandes aus der Nähe des Sinnes oder durch Abstumpfung desselben vermittelst eines Medii, was den Gegenstand schwächt, ohne ihn zu vernichten; auch kann der Gegenstand vermittelst der Spiegelung betrachtet werden, wenn die Erregung geradeaus zu stark ist; so die Sonne in dem Spiegel des Wassers.

Bei der siebenten Art der Erweiterung ist der Sinn so von dem Gegenstande schon belastet, dass für neue Aufnahmen kein Raum mehr ist. Dieser Fall kommt nur bei dem Geruch vor und hat für unsere Aufgabe keine grosse Bedeutung.

So viel über die Zurückführung des Nicht-Wahrnehmbaren auf die Wahrnehmbarkeit. Mitunter wird der Gegenstand nicht dem Sinn des Menschen, sondern dem eines Thieres, welches den Menschen hierin übertrifft, genähert; dies geschieht z. B. mit einzelnen Gerüchen für den Hund, mit dem Licht, was in einer äusserlich nicht erleuchteten Luft sich befindet, für die Katze, die Nachteule und andere Thiere, welche in der Dunkelheit sehen. Denn Telesius bemerkt richtig, dass auch in der Luft ein ursprüngliches, wenn auch schwaches und feines Licht enthalten sei, was die Augen der Menschen und meisten Thiere nicht erkennen; aber jene Thiere sähen auch in der Nacht, weil das Licht der Nacht ihren Augen angemessen sei. Denn es ist nicht anzunehmen, dass dieses Sehen ohne Licht oder vermittelst eines inneren Lichtes geschehe.Auch hier bleibt Baco in scholastischen Begriffen stecken. Der gestirnte Himmel giebt auch in der Nacht ein schwaches Licht, was für sehr empfindliche Augen selbst noch bei bedecktem Himmel genügt, ohne dass es nöthig ist, der Luft selbst ein inneres Licht zuzutheilen. Uebrigens wird hier nicht von den Täuschungen des Sinnes und deren Heilmitteln gehandelt; diese bleiben bis zu der besonderen Untersuchung der Sinne und sinnlichen Gegenstände aufgespart, mit Ausnahme jener allgemeineren Täuschung, dass die Sinne die Dinge nach Maassgabe des Menschen, aber nicht nach Maassgabe des Weltalls bieten; eine Täuschung, die nur durch die Vernunft und die Philosophie berichtigt werden kann.Auch diese Stelle lässt es zweifelhaft, wie weit Baco die Sinneswahrnehmungen für objektiv oder nur subjektiv gelten lassen will.

41.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich achtzehntens die Fälle des Weges, die ich auch reisende und gegliederte Fälle nenne. Sie zeigen die allmähliche Veränderung in der Stärke der zu untersuchenden Eigenschaft. Dieser Art Fälle entziehen sich mehr der Beobachtung als der Wahrnehmung; denn es ist auffallend, wie unaufmerksam man sich hierzu verhält. Man betrachtet die Eigenschaft nur periodisch oder zu getrennten Zeiten, wo der Körper schon vollendet und fertig ist, aber nicht in ihrem Werden. Wollte man den Geist und die Thätigkeit eines Künstlers kennen lernen und betrachten, so würde man gewiss nicht die rohen Anfänge und dann wieder nur die vollendeten Werke seiner Kunst sehen wollen, sondern man würde zugegen sein, wenn der Künstler arbeitet und sein Werk weiter führt. Ebenso sollte man auch bei der Natur verfahren.

Will z. B. Jemand das Wachsen der Pflanzen erforschen, so muss er von dem Ausstreuen des Samens ab beobachten, wie und wann der Samen zu schwellen und sich zu blähen und gleichsam mit Geist sich zu erfüllen beginnt, was durch Ausziehung einzelner Samenkörner an jedem folgenden Tage nach ihrer Ausstreuung und durch deren genaue Betrachtung leicht geschehen kann. Dann muss man beobachten, wie die feine Rinde durchbrochen und Fasern ausgestreckt werden, wobei die Pflanze sich ein Wenig hebt, wenn sie nicht zu fest ist; wie sie auch Fasern als Wurzeln nach unten aussendet und andere vom Stengel aus nach oben; wie sie manchmal sie seitwärts kriechen lässt, wenn dort die Erde lockerer und offener ist, und Aehnliches mehr.

Das Gleiche gilt für die Ausbrütung der Eier, wo man die Vorgänge der Belebung und Organisirung, und was und welche Theile sich aus dem Dotter und aus dem Eiweiss bilden, sammt Anderem leicht beobachten kann.

Dasselbe gilt für die aus der Fäulniss sich bildenden Thiere;Dass sich Thiere aus faulenden Substanzen bilden, war eine allgemeine Annahme der scholastischen Philosophie. Der berühmte Cardanus lässt auch Mäuse so entstehen und erklärt daraus die ungeheure Menge derselben zu gewissen Zeiten. Paracelsus beschränkt in seinem Werke »De rerum generatione« diese Erzeugung auf die unvollkommneren Thiere, und diese Meinung scheint auch Baco von ihm angenommen zu haben. denn für die vollkommenen und für die Landthiere würde ein Ausschneiden der Frucht aus dem Mutterleibe Behufs der Untersuchung zu grausam sein; hier können nur vorzeitige Niederkünfte oder die auf der Jagd erlegten Thiere und Aehnliches benutzt werden. Man muss überhaupt auch einen Theil der Nacht für die Natur benutzten; denn sie offenbart sich mehr des Nachts als am Tage, und jene Beobachtungen müssen als nächtliche behandelt werden, da das dabei leuchtende Licht nur schwach ist und immer von Neuem angezündet werden muss.

Auch an leblosen Dingen ist dasselbe zu versuchen; ich habe so die Oeffnungen der Flüssigkeiten durch das Feuer erforscht. Diese Oeffnungen sind bei dem Wasser anders als bei dem Wein, dem Essig, dem Syrup, der Milch, dem Oel u. s. w., wie bei einem gelinden Aufkochen derselben in einer Glasflasche leicht bemerkt werden kann.Der Herausgeber Spedding meint, das Wort: Oeffnung (apertura) bedeute hier dasselbe wie Ausdehnung (expansio). Dies scheint indess bedenklich, da Baco diese Vorgänge den vorher im Organischen behandelten des Wachsens gleichstellt. Baco scheint mehr an das Aufkochen, Blasenwerfen und an das Umwandeln in Dampf zu denken, was, da es nur nach und nach geschieht und von unten kommt, nach Baco Oeffnungen in diesen Flüssigkeiten voraussetzt, durch die es herauskann. Ich berühre dies hier nur kurz, da ich ausführlicher und genauer bei Ermittelung der verborgenen Vorgänge in den Dingen darüber handeln werde. Denn hier ist es nicht meine Absicht, die Dinge selbst umfassend zu behandeln, sondern nur Beispiele zu geben.

42.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich ferner neunzehntens die Ergänzungsfälle, die ich auch die Fälle der Vertretung oder der Flucht nenne. Sie bieten Auskunft, wo die Sinne ganz versagen, und wir wenden uns deshalb zu ihnen, wo eigentliche Fälle nicht gewonnen werden können. Die Stellvertretung kann in zwiefacher Art geschehen, entweder durch Steigerung oder durch Vergleichung. Ein Beispiel ist der Magnet; man kennt keinen Gegenstand, der dessen Wirkung in Anziehung des Eisens durch sein Dazwischentreten hemmte; weder das Gold vermag dies, noch das Silber, noch Steine, noch Glas, Holz, Wasser, Oel, Tuch und andere faserige Stoffe, noch die Luft oder die Flamme u. s. w.; dennoch lässt sich mittelst genauer Versuche, vielleicht durch Vergleichung ein Gegenstand finden, der diese Kraft mehr wie ein anderer dem Grade nach abstumpfte; so könnte man z. B. ermitteln, dass der Magnet das Eisen durch eine dicke Platte Goldes nicht so stark anzieht wie durch eine gleich starke Luftschicht, oder nicht so stark durch eine Platte glühenden Silbers wie durch eine solche kalte u. s. w. Ich habe solche Versuche nicht angestellt, sondern führe sie nur hier als Beispiele an. – Ebenso giebt es bei uns keinen Körper, der nicht, wenn er dem Feuer genähert wird, warm würde. Dennoch erwärmt sich die Luft weit schneller als der Stein.Dieses ist falsch; die Luft hat grössere Wärmekapazität und ist ein schlechterer Wärmeleiter als der Stein. Solcher Art ist die Stellvertretung dem Grade nach.

Die Stellvertretung durch Aehnliches ist zwar brauchbar, aber weniger sicher und verlangt deshalb viel Aufmerksamkeit. Sie geschieht, wenn das Un-Sinnliche nicht durch seine sinnlichen Wirkungen wahrnehmbar gemacht wird, sondern wenn ein sinnlicher Körper verwandter Natur in Betracht genommen wird. Wenn man z. B. die Mischung der Geister ermitteln will, welche unsichtbare Körper sind, so kann dazu die Verwandtschaft der Körper mit ihren Nährmitteln benutzt werden. So ist das Nährmittel der Flamme das Oel und das Fett, das der Luft das Wasser und das Wässrige; denn die Flamme vervielfacht sich über dem Dunst des Oels und die Luft über dem Dunst des Wassers. Man muss also versuchen, Wasser und Oel zu mischen, was wahrnehmbar ist, während die Mischung des Luft- und des Flammenartigen sich den Sinnen entzieht. Oel und Wasser vermischen sich aber durch Zusammenschütten und Schütteln nur unvollkommen; dagegen sind sie in den Pflanzen, im Blute und in den Gliedern der Thiere vollständig und innig gemischt. So könnte man etwas Aehnliches für die Mischung des Flammen- und Luftartigen im Geistigen erreichen; die einfache Mischung vertragen beide nicht; aber sie ist bei dem Geist der Pflanzen und Thiere vorhanden; zumal jeder lebendige Geist sowohl das Wässrige wie das Oelige, als seine Nährmittel, verzehrt.

Aehnlich verhält es sich, wenn man nicht die vollkommene Mischung der Geister, sondern nur ihre Verbindung ermitteln will; ob sie z. B. leicht in die Körper eindringen, oder ob es vielmehr beispielsweise eine Art Wind oder Ausdünstung oder einen andern geistigen Körper giebt, der sich nicht mit der gewöhnlichen Luft vermischt, sondern darin nur als Kügelchen oder Tropfen hängt und schwimmt, und der von der Luft mehr zertheilt und verkleinert, als aufgenommen und verkörpert wird. Dies kann bei der gewöhnlichen Luft und anderen geistigen Körpern wegen ihrer Feinheit nicht wahrgenommen werden; allein ein Bild von dem Vorgange kann man von anderen Flüssigkeiten abnehmen, wie Quecksilber, Oel, Wasser, und selbst von der Luft und ihrer Zertheilung, wenn sie im Wasser sich löst und in kleinen Theilchen in die Höhe steigt; ebenso bei dem dicken Rauch und bei dem aufgeregten, in der Luft schwebenden Staub. Hier zeigt sich nirgends ein Eindringen in den Körper selbst. Eine solche Stellvertretung ist bei dieser Frage zulässig, sofern nur vorher sorgfältig ermittelt ist, ob in dem Geistigen ebenso unterschiedene Arten bestehen wie in dem Flüssigen; erst dann kann Eines das Andere durch Aehnlichkeit einigermassen ersetzen.

Ich habe von diesen Vertretungsfällen gesagt, dass man sie zur Belehrung benutzen solle, wo eigentliche Fälle fehlen, also an Stelle dieser flüchtigen; allein ich will nicht bestreiten, dass sie nicht auch da, wo eigentliche Fälle vorliegen, von Nutzen sind, um die Erkenntniss gleichzeitig dadurch zu steigern. Ich werde hierüber ausführlicher sprechen, wenn die Hülfsmittel der Induktion zur Erörterung kommen werden.Dieser Artikel zeigt wieder deutlich, dass Baco mit solchen Begriffen, wie sie hier aufgestellt werden, unmöglich einen Fortschritt in der Naturerkenntniss gewinnen konnte. Im ersten Theile bekämpft er selbst die abstrakten, voreilig gebildeten Begriffe; trotzdem steckt er selbst noch so tief in solchen, dass sie überall bei ihm sich hervordrängen und die unbefangene Auffassung der Thatsachen hindern.

43.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich zwanzigstens die durchschneidenden Fälle, die ich auch die kneipenden Fälle nenne; Letzteres, weil sie den Verstand beklemmen. Schneidend nenne ich sie, weil sie die Eigenschaft durchschneiden; ich nenne sie deshalb auch Fälle des Demokrit.Auch Demokrit durchschnitt die Natur und gelangte so zu seinen Atomen. Sie belehren den Verstand über die wunderbare und ausserordentliche Feinheit der Natur und nöthigen ihn zur Anwendung der nöthigen Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Beobachtung. So wird z. B. ein kleiner Tropfen Dinte zu einer grossen Zahl von Buchstaben und Linien ausgedehnt; so wird ein silberner, nur äusserlich vergoldeter Faden sehr lang auch in seiner Vergoldung ausgezogen. So hat ein kleines Würmchen, wie man es in der Haut findet, in sich einen Geist und zugleich eine mannichfache Gestaltung seiner Theile; so färbt ein wenig Saffran ein ganzes Fass voll Wasser gelb, und ein wenig Moschus erfüllt die Luft in einem viel grösseren Raume mit seinem Geruch. Mit einem schwachen Blasen erheben sich ganze Wolken von Rauch; so werden die artikulirten Töne bei dem Sprechen mit aller Bestimmtheit durch die Luft nach allen Richtungen verbreitet, ja, sie dringen, wenn auch geschwächt, durch die Oeffnungen und Poren des Holzes und Wassers, ja, sie werden selbst in voller Bestimmtheit und Schnelligkeit zurückgeworfen.Baco ist hiernach der Ansicht, dass der Ton, wie der Geruch, durch materielle Bestandteile sich in der Luft und durch die festen Körper verbreitet, so wie Newton es später für das Licht in seiner Emanationstheorie annahm. Die Verbreitung des Schalles und Lichtes durch Oscillation war damals noch nicht bekannt. Auch das Licht und die Farbe dringt in weitem Umfange und schnell durch die dichten Körper des Glases, des Wassers mit aller Mannichfaltigkeit der Bilder und wird ebenso gebrochen und zurückgeworfen. So wirkt der Magnet durch alle Körper hindurch, selbst die dichtesten. Das Wunderbarste dabei ist, dass in dem für alle gleichgültigen Medium, der Luft, die Wirksamkeit des Einen durch die des Andern nicht gehemmt wird. In derselben Zeit und an derselben Stelle der Luft durchkreuzen sich eine Menge sichtbarer Bilder, Stösse der artikulirten Stimme, besonderer Gerüche, von Rosen, Veilchen, die Wärme und Kälte und die magnetischen Kräfte; keines hemmt dabei das andere, als wenn jedes seine eigenen Wege und Gänge hätte und keines das andere träfe und stiesse.

Man kann mit diesen zerschneidenden Fällen die Fälle zweckmässig verbinden, welche ich die Grenzpfähle der Zertheilung nenne. Hierher gehört, wie ich früher bemerkte, dass die Wirksamkeiten verschiedener Arten einander nicht stören und hindern, während in derselben Art sie einander bezähmen oder verlöschen; z. B. das Sonnenlicht das Kerzenlicht, der Knall einer Kanone die Stimme, der stärkere Geruch den schwächeren; die heftigere Hitze die gelindere, ein zwischen einen Magneten und das Eisen gestelltes Eisenblech die Wirksamkeit des Magneten.Auch diese Begriffe des »Bezähmens« und »Verlöschens« gehören zu jenen falschen, halb scholastischen, welche bei Baco fortwährend neben richtigen sich eindrängen und ihn an der Auffindung der Wahrheit hindern. Das Licht einer Kerze wird von dem Licht der Sonne nicht im Mindesten verändert; nur für die Wahrnehmung des Menschen wird das erstere durch die Sonne geschwächt; Aehnliches gilt für die anderen Beispiele. Indess ist auch hierfür die eigentliche Stelle zur Erörterung die, wo von den Hülfsmitteln der Induktion zu handeln ist.

44.

Von den Fällen, welche die Sinne unterstützen, ist bereits gehandelt worden; sie bereichern vorzüglich die Kenntniss; denn diese beginnt mit den Sinnen, und alle Arbeit zweckt auf ein Werk ab; jene ist der Anfang, dieses das Ende. Deshalb sollen hier die Fälle folgen, die für die thätige Wirksamkeit besonders nützlich sind. Sie zerfallen in zwei Arten und sieben einzelne Fälle, die ich mit dem allgemeinen Namen der praktischen Fälle bezeichne. Bei der thätigen Wirksamkeit giebt es zwei Fehler und daher auch so viele Arten erheblicher Fälle. Entweder gelingt das Werk nicht, oder es macht zu viel Arbeit. Das Werk gelingt selbst nach genauer Erforschung der Natur nicht, wenn die Kräfte und Wirksamkeiten der Körper mangelhaft bestimmt und bemessen worden sind. Diese Bestimmung und Bemessung geschieht entweder räumlich oder zeitlich oder der Menge nach oder den Kräften nach; ist nach diesen vier Richtungen nicht genau und sorgfältig Alles erwogen, so mag die Wissenschaft wohl schön erscheinen, aber sie bleibt unbrauchbar. Die Fälle nach diesen vier Richtungen nenne ich mit einem Worte die mathematischen Fälle oder die Fälle des Maasses.

Mühevoll wird die Arbeit entweder wegen der Einmischung unnützer Dinge oder wegen der Vervielfältigung der Werkzeuge, oder wegen der grossen Masse von Stoff oder von Körpern, die zu dem Werke nöthig sind. Deshalb sind hier alle jene Fälle wichtig, welche die Arbeit auf das hin wenden, auf was es am meisten ankommt, oder was die Werkzeuge mindert, oder was den Stoff und die Zuthaten verringert. Diese hierher gehörigen drei Fälle nenne ich die günstigen oder wohlwollenden Fälle. Hiernach sind diese sieben Fälle einzeln zu besprechen, und ich werde mit ihnen die Abtheilung über die vornehmsten und bedeutendsten Fälle beschliessen.

45.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich demnach einundzwanzigstens die Fälle der Ruthe oder des Strahles; ich nenne sie auch die Fälle der Vollendung oder des Aeussersten. Denn die Kräfte und Bewegungen der Dinge vollziehen sich in räumlichen Entfernungen, die nicht unbestimmt und zufällig, sondern bestimmt und fest sind. Ihre Beobachtung und Verzeichnung ist für die Praxis von grosser Bedeutung; man schützt sich dadurch gegen das Misslingen der Arbeit und macht sie zugleich wirksamer und kräftiger. Man kann mitunter die Kraft ausdehnen und die Entfernungen gleichsam verkürzen, wie bei den Fernröhren. Die meisten Kräfte wirken und erregen nur durch Berührung, wie es bei dem Stoss der Körper geschieht, wo keiner den andern bewegt, bevor er ihn nicht stossend berührt. Auch die äusserlich angewandten Arzneimittel, wie die Salben und Pflaster, wirken nur, wenn sie den Körper berühren.Hier vermengt Baco die mechanischen Kräfte mit den chemischen Molekularkräften und mit den Vorgängen in den Nerven bei Sinneswahrnehmungen. Dies sind gänzlich verschiedene Dinge und Vorgänge; aber die Universalität Baco's liebt dergleichen Entferntes unter einen ihnen äusserlich gemeinsamen Begriff (hier: Berührung) zu bringen; es überrascht und gilt bei dem Schüler als ein Zeichen von Genialität. Auch können Gegenstände nur gefühlt und geschmeckt werden, wenn sie die betreffenden Sinnesorgane berühren. Indess giebt es auch Kräfte, die in die Ferne, wenn auch nur in eine sehr kleine, wirken. Man hat nur wenig solche bis jetzt beobachtet, obgleich es deren mehr giebt, als man denkt; ich erinnere nur an die bekannten Fälle, dass Bernstein und Bergwachs die Spreu anzieht, dass die Blasen auf dem Wasser einander anziehen, dass gewisse abführende Arzneimittel auch den Dunst aus den oberen Theilen des Körpers entfernen u. s. w. Die magnetische Kraft, wonach Eisen von dem Magnet und die Magnete von einander angezogen werden, ist nur innerhalb eines kleinen und bestimmten Umkreises wirksam; sollte dagegen eine magnetische Kraft von der inneren Erde selbst auf die Magnetnadel in Bezug auf die Inklination ausgehen, so würde hier die Wirksamkeit in eine weite Entfernung reichen. Wenn es ferner eine magnetische Kraft giebt, welche durch Uebereinstimmung zwischen der Erdkugel und den schweren Körpern oder zwischen der Mondeskugel und den Gewässern des Meeres wirkt, wie die halbmonatlichen Ebben und Fluthen sehr wahrscheinlich machen, oder wenn eine solche zwischen dem Sternenhimmel und einem Planeten wirkt, wodurch sie aus ihren Erdfernen bald herbeigeführt, bald dahin fortgestossen werden, so würde auch hier diese Wirksamkeit in sehr bedeutende Entfernungen reichen.Die Frage, ob es anziehende Kräfte, die in die Ferne wirken, giebt, oder ob alle Bewegung nur durch Stoss erfolgt, war zu Baco's Zeit sehr bestritten. Alle grossen Naturforscher seiner Zeit, wie Galilei, Descartes neigten dazu, nur letztere zuzulassen. Selbst Leibniz war gleicher Ansicht, und Newton hat lange mit sich gekämpft, ehe er sich für die Annahme der ersteren entschied, und auch da hat er den eigentlichen Hergang unentschieden gelassen. Es giebt auch einige Entzündungen, die auf sehr bedeutende Entfernungen sich vollziehen; zu solchen Stoffen gehört das Naphtha von Babylon.Dies berichtet Strabo XVI. p. 742, und Plinius II. §. 109. Es gehört zu den Fabeln. Auch die Wärme wirkt durch weite Entfernungen; ebenso die Kälte; deshalb leiden die Bewohner von Kanada durch die Eisberge und abgebrochenen Eismassen, welche in dem nördlichen Ozean schwimmen und durch das atlantische Meer nach jenen Küsten geführt werden, von der Kälte, welche diese Massen weithin verbreiten. Auch die Gerüche wirken in erhebliche Entfernungen, obgleich hier immer ein starkes Aussenden von körperlichen Theilchen Statt zu haben scheint. Dies erfahren die Seefahrer in der Nähe von Florida und einzelnen Küsten von Spanien, wo es ganze Wälder von Zitronen, Orangen und anderen wohlriechenden Bäumen giebt, und ausgedehnte Gebüsche von Rosmarin, Majoran und Aehnlichem. Endlich wirken auch die Lichtstrahlen und die Töne in weite Ferne. Mag nun diese Wirksamkeit in die Weite gehen oder nur in der Nähe gelten, so hat sie doch überall ihre bestimmten und festen natürlichen Grenzen, über die es kein Hinaus giebt; und zwar nach Verhältniss der Masse der Körper oder des Grades der Kräfte oder der Hülfe oder Hemmung der Medien. Dies Alles muss beachtet und in Rechnung gezogen werden. Selbst jene sogenannten gewaltsamen Bewegungen der abgeschossenen Kanonenkugeln, der Räder und Aehnliches müssen gemessen und ermittelt werden, da sie offenbar auch ihre bestimmten Grenzen haben. Es giebt auch Kräfte, die im Gegensatz zu jenen nur aus der Ferne und nicht durch Berührung wirken, und ebenso solche, welche in der Nähe schwach und mit steigender Entfernung stärker wirken. So kommt durch Berührung kein Sehen zu Stande; dazu ist eine gewisse Entfernung und ein Medium nöthig. Doch entsinne ich mich der Mittheilung eines glaubwürdigen Mannes, welcher bei einer Operation an seinen Augen den silbernen Draht, der über der Pupille selbst bewegt wurde, gesehen haben wollte. Es wurde nämlich ein feiner silberner Draht zwischen die obere Haut des Auges eingeschoben, um die feine Staarhaut zu entfernen und in die Augenwinkel zu schieben. Wenn dies nun auch richtig sein mag, so können doch offenbar grössere Körper nicht bestimmt und gut gesehen werden, wenn sie sich nicht an der Spitze des Kegels befinden, so dass die Strahlen des Gegenstandes aus einiger Entfernung zusammentreffen. Alte Leute sehen sogar in die Ferne besser als in der Nähe, und auch von den Wurfgeschossen steht es fest, dass ihre Gewalt in geringer Entfernung nicht so stark ist, als in etwas weiterer. Alles dies und Aehnliches muss bei der Messung der in die Ferne gehenden Bewegungen beachtet werden.Auch hier ist der oben ausgesprochene Tadel zu wiederholen. Das Sehen und die Bewegung der Kanonenkugel sind hier vermittelst eines höchst äusserlichen Begriffs zu gleichartigen Vorgängen erhoben.

Auch eine andere örtliche Messung der Bewegung darf nicht übersehen werden, welche nicht fortschreitend, sondern rundlich ist und die Ausdehnung der Körper zu einer grösseren Raumerfüllung oder deren Zusammenziehung herbeiführt. Es ist hierbei zu ermitteln, wie weit die Körper diese Ausdehnung oder Zusammendrückung leicht und gern ertragen, und wo sie zu widerstehen beginnen, so dass es zu einer Grenze kommt, über die nicht hinausgegangen werden kann. Eine aufgeblasene Blase erträgt z. B. einen gewissen Druck ihrer Luft; aber einen grösseren erträgt die Luft nicht, sondern die Blase zerplatzt.Die Luft erträgt allerdings noch einen grösseren Druck; nur die Blase ist dazu nicht fest und zähe genug. Baco verschiebt Beides. Ich selbst habe dies durch einen feineren Versuch genauer dargelegt. Ich nahm eine leichte und dünne Metallglocke, wie man sie für die Aufnahme des Salzes benutzt, und liess sie in eine Schüssel mit Wasser so einsinken, dass die Luft in ihrem Innern blieb und mit auf den Boden der Schüssel hinabgenommen wurde. Vorher hatte ich eine kleine Kugel auf den Boden der Schüssel gelegt, auf den die Glocke sich senkte. Da die Kugel kleiner war, so wurde dadurch die Luft in der Glocke allmählich zusammengepresst und auf einen kleineren Raum beschränkt. Ging dies weiter, als es die Luft ertragen konnte, dann hob die Luft, welche diesen grossen Druck nicht ertragen mochte, an einer Seite die Glocke und stieg in Blasen in die Höhe.

Um die Grösse der möglichen Ausdehnung und Zusammenpressung der Luft zu ermitteln, stellte ich folgenden Versuch an: Ich nahm ein Glas von der Form eines Ei's mit einem kleinen Loch an dem einen Ende und zog die Luft durch starkes Aussaugen heraus, verstopfte dann sofort mit dem Finger die Oeffnung, tauchte das Ei-Glas in das Wasser und zog dann den Finger weg. Die Luft, welche durch die Aussaugung ausgespannt und über ihre Natur ausgedehnt war, strebte deshalb, sich wieder zusammenzuziehen, und würde, wenn das Ei sich nicht im Wasser befunden hätte, die äussere Luft mit Pfeifen an sich gezogen haben; so aber zog sie so viel Wasser in das Ei, als nöthig war, damit sie ihre alte Gestalt oder Umfang wieder annehmen konnte.Zu Baco's Zeit war der Druck der Atmosphäre noch nicht bekannt, welcher in diesem Versuche die wirkende Ursache ist. Deshalb sucht Baco diese in der verdünnten Luft selbst.

Alle feinen Körper, wie die Luft, können unzweifelhaft eine erhebliche Verdichtung ertragen; fühlbare Körper, wie das Wasser, aber lassen sich weit schwerer in einen kleinen Raum zusammenpressen. Wie weit dies möglich ist, habe ich durch den folgenden Versuch ermittelt. Ich liess eine innerlich hohle Kugel aus Blei anfertigen, die ungefähr zwei Maass Wasser fasste, und deren Wände stark genug waren, um einen grösseren Druck auszuhalten. Dann liess ich durch eine Oeffnung Wasser in diese Kugel, und nachdem sie vollgefüllt war, verstopfte ich die Oeffnung mit geschmolzenem Blei, so dass die Kugel durchaus dicht war. Dann wurde die Kugel mit einem starken Hammer breit geschlagen; das Wasser musste dabei sich zusammenziehen, da eine Kugel den grössten Rauminhalt hat. Als die Hammerschläge nicht mehr wirkten, weil das Wasser heftiger widerstand, habe ich eine Presse oder Schraube benutzt, und auf diese Weise kam das Wasser, welches eine weitere Zusammenpressung nicht ertragen konnte, durch das dichte Blei wie ein feiner Thau durchgesickert. Dann habe ich berechnet, um wie viel der Raum durch die Zusammendrückung vermindert worden, und um wie viel das Wasser bei starkem Druck verdichtet werden kann.Gerade dieser höchst lehrreiche Versuch ist zu Baco's Zeit und später nicht weiter beachtet worden; deshalb konnte 50 Jahre später Megalotti in Florenz einen ähnlichen mit einer silbernen Hohlkugel angestellten Versuch als etwas Neues bekannt machen. Der Versuch ist weniger bedeutend für die Frage der Zusammendrückung des Wassers als für die Porosität der Metalle; allein Baco beachtete grade diesen letzten Punkt nicht.

Die festen, trockenen und dichten Körper, wie die Steine, das Holz und die Metalle vertragen die Zusammenpressung noch viel weniger; ihre Verdichtung ist kaum zu bemerken. Sie befreien sich entweder durch Zerbrechen oder durch Fortrücken oder durch andere Anstrengungen, wie bei dem Biegen des Holzes und der Metalle, bei den durch die Zusammenziehung einer Feder getriebenen Uhren, bei den Geschossen, dem Hämmern und vielen anderen Bewegungen sich zeigt. Dies Alles muss bei der Erforschung der Natur nach bestimmten Maassen ermittelt und vermerkt werden, entweder nach genauer Messung, oder nach Abschätzung oder durch Vergleichung, wie es die Gelegenheit gestattet.

46.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich zweiundzwanzigstens die Fälle des Wagens, die ich auch die Wasserfälle nenne, in Benutzung dieses Wortes von den Wasseruhren der Alten, wo das Wasser die Stelle des Sandes vertrat. Diese Fälle messen die Eigenschaft der Zeit nach, wie die Fälle der Ruthe dem Raume nach. Denn jede natürliche Bewegung oder Wirksamkeit geschieht innerhalb einer Zeit, bald schneller, bald langsamer, aber immer in bestimmten, der Eigenschaft zugehörigen Zeiträumen. Selbst jene Wirksamkeit, die plötzlich zu geschehen scheint oder gleichsam in einem Augenblick, bedarf bei näherer Beobachtung einer grösseren oder geringeren Zeit.

So sehen wir zunächst die Himmelskörper in festen Zeiträumen wiederkehren; ebenso die Ebbe und Fluth des Meeres. Ebenso geschieht die Bewegung des Schweren nach der Erde und des Leichten nach dem Himmel in festen Zeiten nach Verhältniss des bewegten Körpers und des Medii. Ebenso geschieht das Segeln der Schiffe, die Bewegung der Thiere, das Fliegen der Geschosse in der Hauptsache nach abgemessenen Zeiträumen. Auch in Bezug auf die Hitze sieht man die Knaben im Winter sich die Hände in der Flamme waschen, ohne sich zu verbrennen,Es ist damit wohl das schnelle Fahren der Hand durch kleine Flammen gemeint; Baco will damit beweisen, dass auch das Verbrennen Zeit braucht. und Taschenspieler drehen Gefässe, die mit Wein oder Wasser angefüllt sind, durch geschickte und gleichmässige Bewegungen nach oben und nach unten, ohne dass etwas ausläuft, und dergleichen mehr. Ebenso geschehen alle Ausdehnungen und Zusammenziehungen der Körper und die Ausbrüche derselben in gewissen Zeiträumen, die nach der Natur des Körpers und der Bewegung bald länger, bald kürzer sind. Selbst wenn mehrere Kanonenschüsse gleichzeitig fallen, die man oft sechs bis sieben Meilen weit hört, wird der Knall von denen eher gehört, die näher sind, als von den entfernteren. Selbst bei dem Sehen, wo die schnellste Wirksamkeit Statt hat, ist ein gewisser Zeitraum dazu nöthig, wie daraus erhellt, dass sehr schnell bewegte Körper, wie die Kugel aus der Flinte, nicht gesehen werden; die Bewegung der Kugel ist so schnell, dass der Eindruck ihres Bildes nicht zu dem Auge gelangen kann.Baco vermengt hier die Schnelligkeit des Lichtes mit der Zeit, welche das Sehen eines Gegenstandes erfordert. Auch dies zeigt die Flüchtigkeit und Unruhe, mit der er arbeitete.

Dies und Aehnliches brachte mich auf den sonderbaren Gedanken, ob der klare Sternenhimmel in demselben Moment gesehen werde, wo er besteht, oder vielmehr etwas später, und ob es für das Sehen der Himmelskörper nicht ebenso eine wahre und scheinbare Zeit giebt, wie die Astronomen bei den Parallaxen einen wahren und scheinbaren Ort beobachten. Es schien mir unmöglich, dass der Glanz oder die Strahlen der Himmelskörper durch die ungeheuren Entfernungen plötzlich sollten zum Auge gelangen können; vielmehr könne dies nur in einer merkbaren Zeit geschehen.

Indess liess ich diesen Gedanken eines grossen Zwischenraums zwischen der wahren und scheinbaren Zeit später wieder fallen, als ich den durch die Entfernung veranlassten ungeheuren Verlust an Masse für die Wahrnehmung zwischen dem wahren Körper des Sternes und seines Gesehenwerdens bedachte. Auch bemerkte ich, in welcher grossen, mindestens zwölf geographische Meilen erreichenden Entfernung weisse Körper plötzlich bei uns gesehen werden, während das Licht der Himmelskörper offenbar nicht blos von grösserer Weisse ist, sondern auch in der Kraft der Strahlung jede andere uns bekannte Flamme vielfach übertrifft. Auch jene ungeheure Schnelligkeit der Körper selbst, die in ihrer täglichen Bewegung sich zeigt und die selbst ernsten Männern so erstaunlich vorkommt, dass sie lieber an die Bewegung der Erde glauben, lässt es eher glauben, dass auch jene Aussendung der Strahlen eine gleiche wunderbare Schnelligkeit hat. Am meisten aber entschied bei mir, dass, wenn zwischen der Wirklichkeit und der Erscheinung ein merkbarer Zeitunterschied bestände, die Entfernungen durch die aufsteigenden Wolken und andere Störungen des Medii oft gehemmt und verwirrt werden würden.Diese Stelle hat den Auslegern viel Mühe gemacht. Baco neigte zu der Annahme, dass das Licht nicht momentan wirke; er konnte sich aber, wie später Newton, dies nur als eine Emanation des leuchtenden Körpers vorstellen, und diese Emanation musste bei der weiten Entfernung der Sterne nach Baco einen solchen Verlust ihrer Masse herbeiführen, dass er diese Annahme wieder fallen liess und zu der momentanen Wirkung des Lichtes zurückkehrte. Da nach Baco die Sterne sich täglich in 24 Stunden um die Erde drehen, so muss ihre desfallsige Geschwindigkeit bei ihrer grossen Entfernung so ungeheuer sein, dass Baco an ihr eine Unterstützung für die momentane Wirkung des Lichts finden konnte. Auch glaubt Baco, dass die Emanation von Lichtkörperchen sich mit den Wolken unserer Atmosphäre schwer vertragen und davon gestört werden würde, indem die Lichtkörperchen dadurch aufgehalten würden. – So wird der Sinn dieser Stelle zu fassen sein. So viel über das einfache Maass der Zeit.

Aber noch wichtiger wie die einfache Messung der zeitlichen Bewegung und Wirksamkeit ist die vergleichende Messung, welche von grossem und ausgedehntem Nutzen ist. So sieht man die Flamme eines Feuergeschosses eher, als man den Knall hört, obgleich die Kugel eher als die dahinter befindliche Flamme in die Luft gelangen musste; dies kann also nur durch eine Bewegung des Lichtes geschehen, die schneller ist als die des Tones. Auch wird der Anblick des Einzelnen schneller aufgenommen als demnächst beseitigt; deshalb erscheinen die gespannten Saiten, wenn man sie mittelst des Fingers erzittern macht, verdoppelt und verdreifacht, weil die neue Gestalt erfasst wird, ehe die frühere beseitigt ist; deshalb scheinen auch schnell gedrehte Ringe wie Kugeln, und eine in der Nacht schnell bewegte Fackel scheint einen Schweif zu haben. Auf dieser Grundlage der ungleich schnellen Bewegung suchte Galilei nach der Ursache der Ebbe und Fluth. Weil nämlich die Erde sich schneller als das Wasser dreht, so müsse letzteres sich anhäufen und in die Höhe steigen und dann wechselweise wieder sinken, wie man an einem Gefässe sehen könne, was schnell bewegt wird, während das darin befindliche Wasser langsamer folge. Indess ruht diese Annahme auf der unzulässigen Voraussetzung, dass sich die Erde bewegt; auch beachtete Galilei nicht, dass die Ebbe und Fluth alle sechs Stunden wechselt.Die Erklärung Galilei's ist hier nur mangelhaft wiedergegeben. Galilei leitete die Ebbe und Fluth von den beiden Bewegungen der Erde, um ihre Axe und um die Sonne, ab.

Der Nutzen der hier behandelten Vergleichung der Bewegungen erhellt vorzüglich auch aus den unterirdischen Minen, die mit Schiesspulver gefüllt werden. Dadurch werden ungeheure Massen von Erde, Baulichkeiten und anderen Dingen von einer kleinen Menge Pulver umgeworfen und in die Luft gesprengt, was nur davon kommt, dass die Ausdehnung des Pulvers viel schneller erfolgt, als die durch die Schwere bewirkte Bewegung, die hier Widerstand leisten könnte. Deshalb ist jene Bewegung schon vollendet, ehe die entgegengesetzte begonnen hat, so dass in dem Beginn dieser Widerstand gleich Null angenommen werden kann.Diese Erklärung ist falsch, weil die Schwere auch im Druck ebenso wie in der Bewegung wirkt und also ohne Unterlass wirksam ist. Dagegen hat allerdings die Schnelligkeit der Geschosse mitunter eigenthümliche Wirkungen; so macht eine durch ein Fenster geschossene Kugel nur ein rundes Loch, während die mit der Hand geworfene Kugel das Fenster zersplittert. Die Bewegung der geschossenen Kugel ist so schnell, dass die über den Umfang der Kugel hinaus liegenden Moleküle der Glasscheibe nicht so schnell dieser Bewegung folgen können. Deshalb zerreisst das Glas nicht weiter; die benachbarten Glasmoleküle kommen deshalb nicht aus ihrer Ruhe. Daher kommt es auch, dass bei allen Wurfgeschossen nicht sowohl der starke als der scharfe und schnelle Schlag das Meiste zur Forttreibung beiträgt. So wäre es auch unmöglich, dass eine so kleine Menge von thierischem Geist bei den Thieren, namentlich bei denen mit sehr grossem Körper, wie die Walfische und Elephanten, eine solche Körpermasse biegen und regieren könnte, wenn nicht der Geist viel schneller sich bewegte, und die körperliche Masse in ihrer Stumpfheit ihren Widerstand zu spät entwickelte. Zu den wichtigsten Grundlagen gehört auch das bald zu besprechende Kunststück der Zauberer, wo eine geringe Menge Stoff eine viel grössere überwindet und in Ordnung hält; ich meine, wenn durch die Schnelligkeit der einen Bewegung eine Umkehrung geschieht, ehe die andre Bewegung sich zu regen beginnt.

Endlich muss auch das »Früher« und »Später« bei jeder natürlichen Bewegung beachtet werden. So wird durch die Rhabarbertinktur die purgirende Kraft früher und die zusammenziehende Kraft später entwickelt. Etwas Aehnliches habe ich bei dem Aufguss von Essig auf Veilchen bemerkt; zuerst beginnt ein sehr zarter und feiner Blumengeruch; dann zerstören die mehr erdigen Bestandteile der Blume den Geruch.Auch hier kehrt der Fehler wieder, dass Baco durchaus verschiedene Vorgänge nach dem ganz äusserlichen Umstände des Zeitverlaufs zusammenstellt, was der Forschung nur schaden kann. Wenn man deshalb den Aufguss auf die Veilchen einen ganzen Tag stehen lässt, so wird ein viel schwächerer Geruch erlangt, als wenn der Aufguss nur eine Viertelstunde bleibt und auszieht. Deshalb ist es, da in der einzelnen Blume nur wenig Riechgeist enthalten ist, besser, mit jeder Viertelstunde den Aufguss auf neue Veilchen aufzugiessen und dies sechsmal zu wiederholen. Erst dann wird der Aufguss kräftig, so dass, wenn die neuen Blumen auch nur zehn Minuten darin geblieben sind, doch ein höchst angenehmer Geruch ein ganzes Jahr vorhält, der nicht schwächer ist als der der Blume selbst. Doch erlangt der Geruch seine volle Stärke erst ungefähr einen Monat nach dem Aufguss. Bei der Destillation wohlriechender und zerschnittener Gegenstände in Weingeist steigt zuerst die wässrige und nutzlose Masse in die Höhe, dann Wasser, was mehr Weingeist ist, zuletzt Wasser, was mehr von dem wohlriechenden Gegenstande an sich hat. Vieles Merkwürdige der Art kann bei den Destillationen bemerkt werden; doch mag es bei diesen Beispielen bewenden.

47.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich dreiundzwanzigstens die Fälle der Menge, die ich auch Gaben der Natur nenne, nach einem von den Medizinern entlehnten Worte.Baco hat hier den Ausdruck: Dosis naturae; von δίδομι (ich gebe). Sie messen die Kräfte nach der Menge des Stoffes und zeigen, was diese Menge auf die Kraft vermag. Zunächst giebt es Kräfte, die nur an einer kosmischen Masse haften, d. h. an einer solchen Masse, die mit der Gestaltung und Wirksamkeit des Weltalls in Uebereinstimmung steht. Denn die Erde steht; ihre Theile aber fallen; die Gewässer des Meeres fliessen heran und wieder zurück; aber die der Flüsse nicht, als erst mit ihrem Eintritt in das Meer. Beinah alle besonderen Kräfte wirken nach der grösseren oder geringeren Masse des Körpers; so verderben grosse Gewässer nicht leicht, wohl aber kleine; dagegen gährt der Most und das Bier in kleinen Gefässen schneller und wird eher trinkbar als in grossen Fässern. Wird ein Kraut in viel Flüssigkeit getaucht, so vertheilt es sich mehr darin, die Flüssigkeit saugt weniger davon ein; ist aber die Flüssigkeit nur gering, so ist die Einsaugung stärker als die Vertheilung. Ein Bad wirkt anders auf den menschlichen Körper als das blosse leichte Besprengen des Körpers. Auch die kleinen Tropfen in der Luft fallen nicht, sondern zerstreuen sich und werden zu Luft. Auch wenn man Edelsteine anhaucht, kann man diese geringe Feuchtigkeit bemerken, die sich, wie eine von dem Winde getriebene kleine Wolke, allmählich auflöst. So zieht auch ein Stück von dem Magneten nicht so viel Eisen wie der ganze Magnet.

Es giebt auch Kräfte, wo kleine Körper mehr vermögen. So dringt bei dem Bohren ein spitzer Bohr schneller ein als ein stumpfer; ein gespitzter Diamant ritzt das Glas und Aehnliches.Auch hier kehrt der oben gerügte Fehler wieder. Es liegen hier keine Gegensätze vor, sondern der kleine Körper wirkt hier nur deshalb stärker, weil die gegen einen Punkt wirkende Kraft dadurch verstärkt wird. Man darf aber hier nicht bei dem Unbestimmten stehen bleiben, sondern man muss das Verhältniss der Körpermasse zur Kraft ermitteln. Denn es wäre vorschnell, wenn man annähme, dass die Kraft im Verhältniss zur Masse zunehme, so dass, wenn eine Bleikugel von 1 Loth in so viel Zeit falle, eine Bleikugel von 2 Loth in halb so viel Zeit, d. h. noch einmal so schnell falle, was ganz falsch wäre.Galilei hatte nämlich schon 1592 aus seinen Versuchen bewiesen, dass, abgesehen von dem Widerstande der Luft, alle Körper gleich schnell zur Erde fallen. Die Verhältnisse zwischen Masse und Kraft sind vielmehr sehr verschieden, und man muss sie aus der Beobachtung der einzelnen Gegenstände und nicht aus Wahrscheinlichkeiten und Vermuthungen ableiten. Endlich ist bei jeder Untersuchung der Natur zu ermitteln, welche Menge von Stoff zur Hervorbringung einer Wirkung nöthig ist; diese ist als die Gabe festzuhalten und das Zuviel und Zuwenig sorgfältig zu vermeiden.

48.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich vierundzwanzigstens die Fälle des Kampfes, die ich auch die Fälle des Uebergewichts nenne. Sie zeigen das Uebergewicht oder das Erlöschen der gegenseitigen Kräfte an, und welche Kraft als die stärkere siegt, und welche als die schwächere unterliegt. Denn die Bewegungen und das Streben der Körper sind ebenso verwickelt, zusammengesetzt und wieder getrennt wie die Körper selbst. Ich werde deshalb zunächst die vornehmsten Arten der Bewegungen oder thätigen Kräfte aufführen, damit sie nach ihrer Stärke leichter verglichen werden können und der Beweis und die Bezeichnung der Fälle des Kampfes und des Uebergewichts leichter daraus erhellen.Die hier folgende Eintheilung der Bewegung ist der heutigen Bildung schwer verständlich, da man jetzt unter Bewegung nur die örtliche von einer Stelle des Raumes zu einer andern versteht. Baco folgt hier noch scholastischen Begriffen und Eintheilungen, wonach insbesondere unter Bewegung auch das blosse Streben, was sich aber noch nicht in Bewegung äussert, zu verstehen ist; ein Begriff, der dem Drucke und den seelischen Zuständen des Begehrens nachgebildet ist.

Die erste Bewegung ist die des Widerstandes des Stoffes,Antitypia, was hier mit Widerstand übersetzt worden, heisst wörtlich: das Wiederschlagen, Sichwehren. Aristoteles hat dieses Wort zuerst in dem hier genommenen Sinne gebraucht. welche seinen einzelnen Theilen innewohnt, weshalb sie sich nicht vernichten lässt, so dass kein Feuer, kein Gewicht und Druck, keine Gewalt, kein Alter und kein Zeitablauf selbst den kleinsten Theil des Stoffes in Nichts verwandeln kann; vielmehr ist jeder Theil Etwas, nimmt einen Raum ein und befreit sich aus jedem Druck entweder durch Veränderung der Gestalt oder des Orts, und ist dies nicht möglich, so bleibt er, wie er ist, und es kommt nie dahin, dass er zu Nichts werde oder nirgends sei. Diese Bewegung bezeichnet die Schule, welche die meisten Dinge nach den Wirkungen und Nachtheilen benennt und bestimmt, durch den Grundsatz: Zwei Körper können nicht in demselben Orte sein, und sie nennt diese Bewegung die Undurchdringlichkeit der Ausdehnung nach. Es bedarf hierfür keiner Beispiele, da diese Bewegung jedem Körper innewohnt.Diese Bewegung ist nicht mit der Beharrlichkeit zu verwechseln, welche später in der Wissenschaft das Gesetz der Trägheit oder die Trägheitskraft genannt worden ist, und vermöge welcher jeder Körper in dem Zustande der Ruhe oder der Bewegung, in dem er sich befindet, so lange beharrt, bis eine äussere Ursache diesen Zustand verändert. Gerade diese Bewegung, welche die wichtigste ist und das Grundgesetz der Mechanik und Dynamik bildet, hat Baco in seiner Aufzählung nicht, und er kennt sie in dieser Strenge des Begriffes gar nicht. Dagegen giebt Descartes in seinen, 23 Jahre nach dem Organon erschienenen »Prinzipien der Philosophie« diese Bewegung oder vielmehr dieses Fundamentalgesetz der Natur in voller Schärfe und Bestimmtheit.

Als zweite Bewegung ist die der Verknüpfung anzusehen, wonach kein Körper von der Berührung anderer Körper an irgend einer Stelle getrennt werden kann, vielmehr alle Theile sich gegenseitig verknüpfen und berühren. Diese Bewegung bezeichnet die Schule durch den Satz: Es giebt kein Leeres. So wird z. B. das Wasser durch Aufsaugen oder durch Röhren in die Höhe gezogen; ebenso das Fleisch durch die Schröpfköpfe, und das Wasser läuft aus Wassergefässen mit Löchern nicht aus, bevor nicht die Mündung zum Einlass der Luft geöffnet worden ist, und viele andere Fälle mehr.Den Horror vacui hat auch noch Descartes. Jetzt gilt an dessen Stelle der gegenseitige Druck der Flüssigkeiten und der Gase; insbesondere ist es der Druck der Atmosphäre, der das Wasser in der Pumpe steigen macht. Deshalb steigt es auch nur 16 Fuss; wäre der Horror vacui die Ursache, so müsste dieses Steigen ohne Ende fortgehn.

Die dritte Bewegung ist die Bewegung der Freiheit, wie ich sie nenne. Dadurch sucht der Körper sich von jedem unnatürlichen Druck oder Ausdehnung zu befreien und in seinem ihm entsprechenden Umfang wiederherzustellen. Auch dafür giebt es zahllose Beispiele. Ein solches für die Befreiung von dem Druck bietet das Wasser bei dem Schwimmen, die Luft bei dem Fliegen; das Wasser bei dem Rudern, die Luft bei den Wellenbewegungen der Winde, die Feder in der Uhr.Baco bezeichnet mit dieser dritten Art die Elastizität; deshalb gehören seine Beispiele mit dem Wasser nicht hierher, welches sich nicht durch Elastizität wieder zu einer ebenen Oberfläche gestaltet, sondern durch die Schwere und den gegenseitigen Druck seiner einzelnen Theile. Baco's Vorstellung ist überhaupt noch unklar; er meint, jeder Körper habe einen natürlichen Umfang und Gestalt; deshalb kehre er in diese zurück. Allein Wasser und Luft haben keine solche natürliche Gestalt, deshalb hat die Erscheinung eine andre Ursache. Auch zeigt sich ein schöner solcher Fall bei der Bewegung der zusammengedrückten Luft in den Knallbüchsen, einem Spielzeug der Knaben, wo ein Stück Hollunder ausgehöhlt und mit einem Stück von einer Rübe an beiden Seiten verstopft wird; dann wird mittelst eines Stössers der Pfropfen des einen Endes gegen das andere gebracht und dadurch der andere Pfropfen knallend aus der Oeffnung getrieben, ehe er noch von dem andern oder dem Stösser erreicht ist. Dagegen zeigt sich der andere Fall, die Befreiung von der Spannung bei der Luft, die in eiförmigen Glasgefässen nach der Aussaugung übrig bleibt; ferner an den Saiten, an dem Leder und Tuch, die alle nach der Spannung sich wieder zusammenziehen, wenn die Spannung nicht zu lange gewährt hat. Diese Bewegung bezeichnet die Schule mit dem Namen: Bewegung aus der Gestalt des Elements, was wenig Kenntniss zeigt, da diese Bewegung nicht blos der Luft, dem Wasser und dem Feuer zukommt, sondern auch den festen Körpern jeder Art, dem Holz, dem Eisen, dem Blei, dem Tuche, den Fellen u. s. w. Alle diese Körper haben ihr Maass der Ausdehnung und lassen sich nur schwer zu einem erheblich abweichenden Maasse bestimmen. Diese Bewegung der Freiheit ist von allen die auffälligste; sie bezieht sich auf Unzähliges und ist deshalb scharf und richtig aufzufassen. Denn mitunter wird diese Bewegung nachlässigerweise mit der Bewegung des Beharrens und der Verknüpfung vermengt; man verwechselt die Befreiung vom Druck mit der Bewegung des Beharrens und die Befreiung von der Spannung mit der Bewegung der Verknüpfung, als wenn die gedrückten Körper sich nur deshalb ausdehnten, damit nicht ein Durchdringen derselben eintrete, und als wenn gespannte Körper nur deshalb zurücksprängen und sich zusammenzögen, damit nicht ein Leeres entstehe. Allein wenn die gedrückte Luft sich zur Dichtigkeit des Wassers oder das Holz sich zur Dichtigkeit des Steins zusammenziehen wollte, so wäre dazu keine Durchdringung des Stoffes nothwendig, und es könnte somit die Zusammendrückung des Stoffes viel weiter gehen, als diese Körper es ertragen. Ebenso bedürfte es, wenn das Wasser sich so dünn wie die Luft ausdehnen wollte, oder ein Stein so dünn wie das Holz, dazu keines leeren Raumes, und es könnte mithin die Ausdehnung dieser Körper viel weiter gehen, als sie es jetzt irgend vertragen.Hier kehrt die bereits besprochene Schwierigkeit wieder, wie ein Körper sich verdichten oder verdünnen könne, wenn nach Baco gar keine leeren Zwischenräume zugelassen werden. Die Luft erfüllt nach Baco einen bestimmten Raum ebenso stetig mit ihrem Stoff wie das Wasser; dessenungeachtet ist nach Baco die Luft dünner. Was heisst dies? Baco lässt diese Frage hier unbeantwortet. Später folgt noch einmal eine Antwort, die aber nur tautologisch ist. Deshalb tritt die Frage nach der Durchdringung des Stoffes oder der Leere des Raumes erst an den äussersten Grenzen der Verdichtung und Verdünnung hervor, während diese Art der Bewegung schon weit diesseits dieser Grenzen aufhört und nur das Streben der Körper darstellt, sich in ihrer Dichtheit, oder wenn man lieber will, in ihren Formen zu erhalten und davon nur bei Anwendung gelinder Mittel und mittelst Uebereinstimmung abzuweichen.

Viel nöthiger ist es indess, weil Vieles davon abhängt, festzuhalten, dass die gewaltsame Bewegung,Darunter versteht Baco die durch äusseren Stoss veranlasste Bewegung. die ich die mechanische nenne, und die Demokrit, der in der Behandlung dieser ursprünglichen Bewegungen noch unter den mittelmässigen Philosophen steht, die Schlag-Bewegung nennt, nur diese Bewegung der Freiheit ist, und zwar die von der Zusammendrückung zur Ausdehnung. Denn bei jedem einfachen Stoss oder Flug durch die Luft entsteht die Bewegung oder Entfernung aus dem Orte nur, nachdem die Theile des Körpers von dem Stossenden eine unnatürliche Zusammendrückung erhalten haben. Indem dann dieser Stoss sich von dem einen Theile zu dem andern fortpflanzt, entsteht die Bewegung des Ganzen, und zwar nicht blos vorwärts, sondern auch drehend, damit auch auf diese Weise die Theile sich frei machen oder das Leiden mehr gleichmässig unter sich vertheilen können. So viel hier über diese Bewegung.Auch hier ist Baco sich unklar; seine Erklärung des Stosses würde nur zu der oscillirenden Bewegung der kleinsten Theile führen, wie sie auch wirklich vielfach eintritt und die Ursache des Tönens und der Wärme bildet. Allein die Fortbewegung des ganzen gestossenen Körpers würde daraus nicht folgen.

Die vierte Art der Bewegung nenne ich die Stoff-Bewegung, welche gewissermassen der Gegensatz zur Freiheit ist. Denn bei der Freiheits-Bewegung scheuen die Körper die neue Raumerfüllung oder die neue Gestalt oder die neue Ausdehnung oder Zusammenziehung, welche Worte sämmtlich dasselbe bezeichnen; sie weisen sie ab, fliehen sie und streben mit aller Kraft, ihre alte Dichtigkeit wiederzuerlangen. Dagegen begehren bei der Stoffbewegung die Körper die neue Gestalt oder Raumerfüllung und streben freiwillig und schleunigst danach, manchmal sogar mit grosser Anstrengung, wie bei dem Schiesspulver.Diese der menschlichen Seele und ihrem Begehren entlehnten Begriffe, welche Baco von den Scholastikern übernahm und beibehielt, sind es hauptsächlich, welche jede wahre Naturforschung bei ihm hindern. Die stärksten und häufigsten, wenn auch nicht die alleinigen Mittel für diese Bewegung sind die Kälte und die Wärme. So strebt z. B. die durch Aussaugen aus einem Eiglase gespannte und ausgedehnte Luft sehr, in den alten Stand zu gelangen; wird aber Wärme dazu gebracht, so begehrt sie umgekehrt, sich auszudehnen; sie verlangt nach einem grösseren Raum und wandert freiwillig hinein, gleichsam, wie man sagt, in eine neue Form. Auch verlangt sie trotz dieser Ausdehnung nicht in den alten Stand zurück, wenn nicht die Annäherung der Kälte sie dazu einladet; dies ist dann aber keine Rückkehr, sondern eine abermalige Formveränderung. Ebenso widerstrebt das Wasser, wenn es durch Druck zusammengepresst wird, diesem Druck und will wieder so ausgedehnt werden wie vorher. Kommt aber eine starke und dauernde Kälte hinzu, so verwandelt es sich von selbst und freiwillig in das dichte Eis,Eis ist weniger dicht wie das Wasser von einer Temperatur unter 4 Grad; indess kannte Baco diese wichtige Eigenschaft des Wassers noch nicht, welche bekanntlich dem sonst allgemeinen Grundsatz der Ausdehnung durch Wärme widerspricht. Auf dieser Eigenschaft beruht es, dass das Meer und die Teiche nicht bis auf den Grund im Winter zu Eis frieren, was alles Leben im Wasser vernichten würde. und wenn diese Kälte ohne Unterbrechung durch Wärme anhält, wie es in den tiefen Höhlen und Löchern der Fall ist, so verwandelt es sich in Krystall oder in ähnliche Stoffe und wird niemals wieder Wasser.

Die fünfte Art der Bewegung ist die Stetigkeits-Bewegung. Unter Stetigkeit verstehe ich hier nicht die einfache und ursprüngliche mit anderen Körpern, welche nur die Bewegung der Verknüpfung ist, sondern die eigne Stetigkeit innerhalb eines bestimmten Körpers. Denn unzweifelhaft verabscheuen alle Körper, bald mehr, bald weniger, aber alle ohne Ausnahme, die Auflösung ihrer Stetigkeit.Die neue Naturwissenschaft leitet dies aus den anziehenden Molekularkräften der Körper ab, welche auch in der Chemie eine grosse Rolle spielen. In den harten Körpern, wie dem Stahl, dem Glase, ist dieses Widerstreben am stärksten und kräftigsten. Aber selbst in den Flüssigkeiten, wo diese Bewegung aufzuhören oder zu erlöschen scheint, fehlt sie nicht gänzlich, sondern ist nur in einem schwachen Grade vorhanden, wie aus einzelnen Erscheinungen hervorgeht. Dahin gehören die Wasserblasen, die runde Gestalt der Tropfen, die feinen Fäden des rinnenden Wassers, die Zähigkeit klebriger Körper u. s. w. Am meisten zeigt sich dieses Bestreben, wenn man die Trennung und Verkleinerung sehr weit treibt. Denn in den Mörsern wirkt das Stossen nichts mehr, wenn die Pulverisirung bis zu einem gewissen Grade gelangt ist; das Wasser dringt nicht in die feinen Ritzen; selbst die Luft dringt trotz ihrer Feinheit nicht sofort durch die Poren des etwas dichteren Gefässes, sondern erst allmählich nach Ablauf von Tagen.

Die sechste Art der Bewegung ist die Bewegung zu dem Gewinn oder die Bewegung aus Mangel. Sie zeigt sich bei Körpern, die unter ganz fremdartigen und gleichsam feindlichen sich befinden, wenn die Gelegenheit, ihnen zu entgehen, sich bietet und sie zu verwandteren Körpern sich wenden können, sollte auch diese Verwandtschaft noch keine genaue Uebereinstimmung beider sein. In solchem Falle erfassen sie diese verwandten und ziehen sie als das Bessere vor, wegen des Gewinnes; woher der Name; es geschieht, als wären sie solcher Körper bedürftig.Man sollte erwarten, dass Baco hier die Anziehung und Abstossung der Elemente behandeln würde, auf welche die chemischen Vorgänge zurückgeführt werden. Allein die Chemie war damals noch zu wenig entwickelt, und so kommt Baco nicht über die Fälle mechanischer Bewegungen hinaus und geräth auch hier wieder in die den Körpern beigelegten Zustände des Begehrens, der Vorliebe, der Unverträglichkeit, der Freundschaft u. s. w., welche alle eine ernste Naturforschung unmöglich machen. Einen augenfälligen Beleg dazu giebt die hier folgende Erklärung der elektrischen Anziehung, wo Baco die Ansicht Gilbert's bekämpft, welche der Wahrheit ganz nahe stand, und statt deren den plumpen scholastischen Begriff eines Begehrens nach festen Körpern annimmt. Baco bemerkt nicht, dass solche Begriffe nichts erklären, sondern nur den zu erklärenden Vorgang in anderen Worten wiederholen. So erfreut sich z. B. das zu Blättern geschlagene Gold oder sonstige Metall nicht an der es umgebenden Luft; kann es deshalb einen fühlbaren und dickeren Körper erlangen, z. B. einen Finger oder Papier oder sonst etwas der Art, so hängt es sich daran und lässt sich nicht leicht ablösen. Auch das Papier und Tuch vertragen sich nicht gut mit der Luft, die in ihren Poren eingemengt ist. Deshalb ziehen sie gern Wasser oder andere Flüssigkeit ein und stossen die Luft aus. Auch Zucker und Schwämme, die halb in Wasser getaucht sind, ziehen, selbst wenn sie zum Theil noch über den Wein oder das Wasser herausragen, doch allmählich das Wasser und den Wein in die Höhe.

Davon wird das beste Mittel für die Oeffnung und Auflösung der Körper entlehnt. Man lässt dann die starken und fressenden Wasser bei Seite, welche sich einen Weg bahnen, und sucht nach einem Körper, der mehr passt und übereinstimmt und dem festen Körper mehr befreundet ist als jener, mit dem er sich nur gezwungen vermischt; findet man einen solchen, so öffnet und erweicht sich jener sofort und nimmt ihn mit Ausschluss und Entfernung des andern in sich auf.

Diese Bewegung auf Gewinn ist nicht blos für das Fühlbare wirksam; vielmehr ist auch die elektrische Wirksamkeit, über welche Gilbert und nach ihm Andere so viele Fabeln verbreitet haben, nur das durch leichtes Streben erweckte Begehren des Körpers, der die Luft nicht gut verträgt, sondern ein anderes Fühlbare, sofern es in der Nähe ist, vorzieht.

Die siebente Art der Bewegung nenne ich die der grösseren Ansammlung. Dadurch bewegen sich Körper zu der Masse verwandter Körper; die schweren zur Erde, die leichten gen Himmel.Dass das Aufsteigen der leichten Körper nur ein Fallen der schwereren Luft ist, war Baco noch unbekannt. Descartes hat schon die richtige Ansicht. Die Schule bezeichnet diese Bewegung mit dem Namen der natürlichen; denn man bemerkte bald, dass nichts Sichtbares von Aussen diese Bewegung veranlasste; man nahm sie daher als eine an, die den Körpern angeboren und innewohnend ist. Vielleicht nannte man sie deshalb die natürliche, weil diese Bewegung nicht aufhört. Allein dies kann nicht auffallen, da der Himmel und die Erde immer gegenwärtig sind, während dagegen die Ursache und der Ursprung der meisten anderen Bewegungen bald vorhanden ist, bald nicht. Da somit diese Bewegung nicht nachlässt, sondern sofort sich zeigt, wenn die anderen nachlassen, so hat man sie für eine dauernde und eigenthümliche erklärt, die andern aber für äusserlich hinzukommende. Diese Bewegung ist in Wahrheit sehr schwach und stumpf; ist die Masse des Körpers nicht sehr bedeutend, so weicht diese Bewegung den andern, so lange sie wirksam sind. Diese Bewegung erfüllt das Denken der Menschen so, dass man die andern Bewegungen kaum bemerkt hat, und doch weiss man nur wenig von ihr und steckt in Bezug auf sie in vielen Irrthümern.Baco behandelt diese Bewegung hier ziemlich verächtlich; dennoch zeigte Newton 60 Jahre später, dass der Bau des Weltalls und alle Bewegung der Himmelskörper lediglich auf ihr beruht.

Als achte Bewegungsart kann die Bewegung zu kleinerer Ansammlung gelten. Dadurch trennen sich bei einem Körper die gleichartigen Theile von den ungleichartigen und verbinden sich für sich; selbst ganze Körper erfassen und erhalten sich so durch die Gleichheit ihrer Substanz, und so wie man sie einander nähert, so ziehen sie sich an und kommen zusammen. So schwimmt auf der Milch nach einiger Zeit der Rahm; im Wein sinkt die Hefe auf den Boden. Dieses geschieht nicht mittelst der Bewegung der Schwere oder Leichtigkeit, wonach manche Theile in die Höhe steigen, andere in die Tiefe sinken, sondern vielmehr durch das Verlangen, mit dem Gleichartigen zusammenzukommen und sich zu verbinden.Dieses ist ein abermaliges Beispiel, wie die scholastischen Begriffe des Begehrens und der Freundschaft Baco an der Erkenntniss der Natur hindern. In Wahrheit steigt der Rahm nur, und sinkt die Hefe nur nach dem Gesetz der Schwere. Von der Bewegung aus Mangel unterscheidet sich diese in zwei Punkten; einmal ist in jener der Trieb der bösen und widerspenstigen Eigenschaft stärker, während hier, wenn kein Hinderniss und keine Bande stören, die Theile sich durch ihre Freundschaft verbinden, so lange keine fremde, Streit erregende Eigenschaft sich einmengt. Sodann ist die Verbindung enger und geschieht gleichsam mit grösserer Auswahl. Denn dort wird nur dem feindlichen Körper ausgewichen, und es kommen selbst Körper, die einander wenig verwandt sind, zusammen; hier aber verbinden sich die Substanzen, gleichsam in Folge von Blutsverwandtschaft zu einem Körper. Diese Bewegung wohnt allen zusammengesetzten Körpern ein, und man würde sie leicht bemerken, wenn sie nicht durch andere Begehren und andern Zwang der Körper gebunden und gezügelt und dadurch diese Verbindung gehemmt würde.

Diese Bewegung wird in der Regel auf dreierlei Art gehemmt: durch die Starrheit der Körper, durch den Zügel eines vorherrschenden Körpers und durch eine Bewegung von Aussen. Was die Starrheit anlangt, so steckt in den fühlbaren Körpern sicherlich mehr oder weniger eine gewisse Trägheit und Scheu vor örtlicher Bewegung; sie bleiben deshalb, wenn sie nicht getrieben werden, lieber in ihrem einmal vorhandenen Zustand und begnügen sich damit, anstatt sich ins Bessere zu wenden. Diese Starrheit kann in dreifacher Weise vertrieben werden; entweder durch Wärme oder durch die überwiegende Kraft eines verwandten Körpers oder durch eine lebendige und kraftvolle Bewegung.

Von dem ersten Hülfsmittel, der Wärme, sagt man deshalb, dass sie das Fremdartige trennt und das Gleichartige verbindet. Mit Recht spottete Gilbert über diese Definition der Peripatetiker und sagte, es wäre ebenso, als wenn Jemand den Menschen definirte als einen solchen, der Weizen säe und Weinstöcke pflanze, da es nur eine Definition nach besondern Wirkungen sei. Indess ist diese Definition noch tadelnswerther, weil diese Wirkungen ihrer Beschaffenheit nach nicht aus der Eigenthümlichkeit der Wärme hervorgehen, sondern ihr zufällig sind; denn auch die Kälte hat, wie ich später darlegen werde, dieselbe Wirkung. Dieselbe geht nämlich aus dem Verlangen der gleichartigen Theile hervor, und die Wärme hilft nur die Erstarrung vertreiben, welche dieses Verlangen bis dahin gefesselt hielt.Dieses Alles sind noch unklare Versuche, die chemischen Veränderungen zu erklären. Aus ihnen kann man entnehmen, welche Geisteskraft und Arbeit nöthig war, um die Wissenschaft der Chemie auf ihren gegenwärtigen Zustand zu erheben. Offenbar hat Baco hierfür gar keine Hülfe gewährt; seine Grundbegriffe mussten gänzlich verlassen werden.

Das zweite Hülfsmittel, die von einem verwandten Körper mitgetheilte Kraft, hat ihr merkwürdigstes Beispiel an dem armirten Magneten, welcher vermittelst der Verwandtschaft der Substanzen in dem Eisen die Kraft, Eisen festzuhalten, erweckt, nachdem durch die Kraft des Magneten die Starrheit des Eisens beseitigt worden ist. Denn das Verhältniss ist hier so, dass der armirte Magnet aus einiger Entfernung das Eisen nicht stärker als der nicht armirte Magnet anzieht. Wird aber das Eisen der eisernen Armirung so genähert, dass er diese berührt, dann kann der armirte Magnet ein viel schwereres Eisen als der einfache nicht armirte Magnet heben. Dies kommt von der Gleichheit der Substanz zwischen Eisen und Eisen, nachdem die Kraft des Magneten die Erstarrung des Eisens beseitigt hat.Diese falsche Erklärung hat auch noch Descartes. Die stärkere Wirkung des armirten Magneten kann sich nur im Tragen von Lasten zeigen, welche an die Armatur mittelst Haken eingehängt werden, und nicht in der Anziehung aus der Ferne, weil die wirkende Kraft des Magneten und der Armatur nur in ihren Berührungsstellen allein enthalten ist, und alles Tragen von Lasten Seitens der Armatur auf dieser Anziehung beruht.

Das dritte Hülfsmittel aus der äussern Bewegung zeigt sich bei den hölzernen Pfeilen mit hölzerner Spitze, welche in Holz tiefer eindringen, als wenn die Spitze von Eisen ist. Auch hier wirkt die Gleichheit der Substanz, nachdem durch die schnelle Bewegung die Erstarrung beseitigt worden ist. Beide Fälle habe ich auch in dem Artikel über die verborgenen Fälle besprochen.

Die Hemmung der Bewegung zur Ansammlung im Kleinen durch den Zügel eines vorherrschenden Körpers zeigt sich bei der Auflösung des Blutes und Urins durch Kälte. So lange hier diese Stoffe von dem beweglichen Geist erfüllt sind, welcher die einzelnen Theile jeder Gattung, wie der Herr des Ganzen, ordnet und festhält, so lange kommen die gleichartigen dieses Zügels wegen nicht zusammen; ist aber dieser Geist verdunstet oder durch die Kälte erstickt, dann verbinden sich die des Zügels ledigen Theile nach ihrem natürlichen Verlangen. Daher kommt es, dass alle Körper mit einem scharfen Geist, wie Salze und Aehnliches, dauerhaft sind und sich nicht zersetzen; denn der herrschende und befehlshaberische Geist führt hier fest und dauernd den Zügel.Auch dieser Begriff eines »Zügels« gehört zu den scholastischen, die Naturerkenntniss hemmenden Begriffen.

Die Hemmung der Bewegung zur kleineren Ansammlung durch eine äussere Bewegung ist vorzüglich an den Zuständen solcher Körper ersichtlich, welche vor Fäulniss schützen; denn alle Fäulniss beruht auf der Verbindung von Gleichartigem; daraus geht allmählich das Verderben der früheren sogenannten Form und die neue Erzeugung hervor. Jeder Fäulniss, welche den Weg zur Erzeugung und neuen Form bahnt, geht die Auflösung der alten voraus, welche selbst eine Verbindung von Gleichartigem ist. Wird sie nicht gehemmt, so geschieht einfach die Auflösung; treten aber Hemmnisse dabei ein, so tritt die Fäulniss ein, welche der Anfang zu neuen Erzeugungen ist.Baco zeigt hier im Allgemeinen eine richtige Erkenntniss des Fäulnissprozesses, dessen grosse Bedeutung für die organischen Prozesse erst von Liebig wissenschaftlich dargelegt worden ist. Wenn jedoch eine wiederholte Erregung durch äussere Bewegung, wie in dem hier vorliegenden Fall, eintritt, so wird diese Zusammenziehung, die zarter und weicher Natur ist und keine Störung von Aussen verträgt, unterbrochen und gehemmt, wie viele Beispiele ergeben. So hindert die tägliche Bewegung und der Zufluss bei dem Wasser die Fäulniss; die Winde hindern die Pestilenz der Luft; das Korn auf dem Boden bleibt durch Umwenden und Schütteln in gutem Zustande, und überhaupt fault nicht leicht Etwas, was äusserlich bewegt wird.

Endlich ist diejenige Verbindung der Körpertheile nicht zu übergehen, die bei der Verhärtung und Vertrocknung Statt hat. Wenn der Geist oder das in Geist verwandelte Feuchte aus einem porösen Körper entflogen ist, wie bei dem Holz, den Knochen, den Häuten u. s. w., dann ziehen sich die gröberen Theile mit grosser Kraft zusammen, und es entsteht daraus die Verhärtung oder Trockenheit. Sie geschieht nicht in Folge der Bewegung zur Stetigkeit, damit kein Leeres entstehe, sondern in Folge dieser Bewegung aus Freundschaft und Vereinung.

Diese Verbindung erfolgt aus der Ferne selten und kommt wenig vor; sie ist aber doch in mehr Fällen, als man beachtet, vorhanden. Erscheinungen davon sind: eine Wasserblase löst die andere auf; die Arzneien entziehen vermöge der Gleichheit der Substanzen die Feuchtigkeit; eine Saite bewegt andere gleichgestimmte Saiten zum Mitklingen u. s. w. Auch bei den thierischen Geistern mag nach meiner Meinung diese Bewegung vorkommen; aber bis jetzt ist sie hier noch völlig unbekannt; deutlich zeigt sie sich dagegen bei dem Magneten und dem erregten Eisen. Da hier diese Bewegungen des Magneten einmal zur Sprache kommen, so unterscheide man hier deren vier, welche in ihrer Kraft und Wirksamkeit nicht vermengt werden dürfen, obgleich man in der Verwunderung und dem Staunen sie durcheinander wirft. Die eine ist die Verbindung des Magneten mit dem Magneten, oder des Eisens mit dem Magneten, oder des erregten Eisens mit Eisen. Die zweite Bewegung ist seine Richtung nach Norden und Süden und zugleich seine Inklination. Die dritte ist seine Gold, Glas, Steine und Alles durchdringende Wirksamkeit, Die vierte ist die Mittheilung der magnetischen Kraft von dem Stein an das Eisen und von dem Eisen an das Eisen, ohne dass eine Mittheilung der Substanz selbst dabei geschieht. Hier bespreche ich nur die erste Art, die Anziehung.Die Fülle der magnetischen Erscheinungen war mit diesen vier Fällen selbst für Baco's Zeit lange nicht erschöpft. Eine viel treffendere und vollständigere Aufstellung giebt Descartes in seinen Prinzipien der Philosophie, obgleich Beide nur aus einer Quelle schöpften, nämlich aus Gilbert's Werk über den Magneten.

Es giebt auch eine auffallende Bewegung zur Verbindung bei dem Quecksilber und Gold. Das Gold lockt das Quecksilber selbst dann an, wenn es zu Salben verwendet ist und Die, welche in Quecksilberdünsten arbeiten müssen, pflegen in dem Munde ein Stück Gold zu halten, um die Ausdünstungen des Quecksilbers zu sammeln, die sonst ihr Gehirn und die Knochen durchdringen würden. Deshalb wird auch dieses Stück Gold bald weiss. So viel über die Bewegungen zur Ansammlung im Kleinen.

Die neunte Art der Bewegung ist die magnetische.Baco versteht darunter auch die Gravitation. Sie gehört zwar zur Bewegung der Ansammlung im Kleinen; allein da sie auf grosse Entfernungen und grosse Massen wirkt, so erfordert sie eine besondere Untersuchung, namentlich, wenn sie nicht mit der Berührung beginnt, wie die meisten Sammel-Bewegungen, noch zur Berührung führt, wie alle diese Sammel-Bewegungen, sondern wenn sie Körper nur erhebt oder anschwellen macht, ohne etwas Weiteres. Denn wenn der Mond die Gewässer erhebt oder das Feuchte anschwellen und steigen macht, oder wenn der Sternen-Himmel die Planeten zu ihren Erdfernen zieht;Baco nimmt den Sternen-Himmel noch als eine besondere und zwar als die äusserste Sphäre, die als solche eine anziehende Kraft hat und dadurch die Planeten weiter von der Erde abzieht. Die von dem Kreise abweichende elliptische Bewegung der Planeten hatte Kepler schon entdeckt, und Baco sucht sie in dieser Weise zu erklären. oder wenn die Sonne die Sterne Venus und Merkur so an sich bindet, dass sie nur bis zu einer bestimmten Weite sich von ihr entfernen können, so kann man diese Bewegungen nicht wohl zu den grösseren oder kleineren Ansammlungen rechnen, sondern es sind gleichsam unvollkommene und halbe Ansammlungen, und sie bilden deshalb eine besondere Art.

Als zehnte Art der Bewegung ist die Bewegung der Flucht anzusehen, welche der Bewegung zur Ansammlung im Kleinen entgegengesetzt ist. Dadurch fliehen sich die Körper aus Abneigung und als feindliche; sie trennen sich deshalb von einander und wollen sich mit einander nicht mischen. Allerdings könnte diese Bewegung in einzelnen Fällen als eine zufällige oder solche gelten, die nur die Folge der Ansammlung im Kleinen ist, da das Gleichartige sich nur verbinden kann, wenn das Ungleichartige ausgeschlossen und entfernt wird; allein dennoch ist diese Bewegung als eine besondere Art zu nehmen, weil in vielen Fällen das Verlangen nach der Flucht mehr vereinigt als das Bestreben zur Verbindung. Diese Bewegung ist vorzüglich bei den Exkrementen der Thiere ersichtlich; ebenso bei den für einzelne Sinne widerwärtigen Gegenständen, namentlich für Dinge von schlechtem Geschmack oder Geruch. Der schlechte Geruch wird so von dem Geruchssinn zurückgestossen, dass er selbst in der Magenmündung eine ausstossende Bewegung durch Uebereinstimmung erweckt. Auch das Bittere und widerlich Schmeckende wird von Gaumen und Schlund so zurückgestossen, dass es durch Uebereinstimmung selbst ein Schütteln und Schaudern des Kopfes veranlasst. Auch sonst zeigt sich diese Bewegung, insbesondere an gewissen Orten, mit Gegensätzen; so in den mittleren Regionen der Luft, deren Kälte davon zu kommen scheint, dass die Eigenschaft des Kalten aus der Nachbarschaft der Himmelskörper zurückgestossen wird. Ebenso scheinen jene grossen Hitzgrade und Entzündungen in unterirdischen Höhlen nur Zurückstossungen der Wärme aus dem Innern der Erde zu sein. Denn bei kleinen Körpern heben sich Wärme und Kälte gegenseitig auf; dagegen führen sie in grossen Massen wirkliche Kämpfe und stossen dabei sich gegenseitig hinweg und heraus. Man sagt auch, dass der Zimmt und andere Gewürze in der Nähe von Abtritten und andern schmutzigen Orten ihren Geruch länger behalten, weil das Wohlriechende sich scheut, herauszutreten und sich mit dem Widerlichen zu verbinden. Wenigstens wird das Quecksilber an seinem Zusammenfluss zu einem Körper durch den menschlichen Speichel, durch Wagenschmiere aus Schweinefett oder Terpentin und durch Aehnliches gehindert, da das Quecksilber nur wenig Uebereinstimmung mit diesen Körpern hat. Indem es von diesem ganz umgeben ist, zieht es sich überall zurück, und deshalb ist die Flucht vor diesem stärker als das Verlangen, sich mit den übrigen Quecksilbertheilen zu vereinen. Man nennt dies die Ertödtung des Quecksilbers. So ist auch die Ursache, weshalb sich Wasser nicht mit Oel vermischt, nicht blos die unterschiedene Schwere, sondern ihr schlechtes Zusammenstimmen. Dies beweist der Weingeist, der leichter als Oel ist und sich doch leicht mit dem Wasser vermischt. Am auffallendsten ist die Fluchtbewegung bei dem Salpeter und bei den rohen Körpern, welche die Flamme scheuen, z. B. bei dem Schiesspulver, dem Quecksilber und auch bei dem Golde. Dagegen bemerkt Gilbert über die Flucht des Eisens von dem andern Pol des Magneten richtig, dass dies eigentlich keine Flucht ist, sondern eine Uebereinstimmung und ein Zusammentreten zu einer passendem Stellung.Flucht und Uebereinstimmung (Konsensus) sind wie Wärme und Kälte Beziehungs-Vorstellungen, wo die eine nur das Nicht oder das Weniger der andern ist; es braucht deshalb nur eines von beiden wirklich zu sein; denn das Andere ist nur die Verminderung des Ersten. Baco geräth öfters und auch hier in dieses neckende Spiel der Beziehungsformen, woraus ihm dann mancherlei Schwierigkeiten erwachsen. Uebrigens ist auch in diesem Abschnitt das Verschiedenste zusammengestellt, blos mittelst eines äusserlichen und noch dazu unwahren Begriffes.

Als elfte Art der Bewegung ist die auf Verähnlichung anzusehen, oder die auf Vervielfachung seiner, oder auf einfache Erzeugung. Einfache Erzeugung nenne ich nicht die von ganzen Körpern, wie von Pflanzen und Thieren, sondern nur die von ähnlichen Körpern. Durch diese Bewegung verwandeln Körper andere ihnen verwandte oder wenigstens dazu vorbereitete und geneigte in ihre Substanz und Natur; so vervielfacht sich die Flamme über dem öligen Dunst und erzeugt eine neue Flamme; so vervielfacht sich die Luft über dem Wasser und dem Wässrigen und erzeugt neue Luft; so vervielfacht sich der Pflanzen- und Thier-Geist aus den feinern wässrigen und öligen Theilen und Nahrungsmitteln und erzeugt neuen Geist; so auch die festen Theile der Pflanzen und Thiere, wie die Blätter, die Blumen, das Fleisch, die Knochen u. s. w.; denn sie machen dem Saft der Nahrungsmittel sich ähnlich und erzeugen so die stetig an sie tretende neue Substanz. Denn es hilft nichts, wenn man mit Paracelsus, der durch seine Destillationen verblendet war, thörichter Weise behauptet, dass die Ernährung nur durch Trennung geschehe, und dass in dem Brote und den Speisen die Augen, die Nase, das Gehirn, die Leber eingehüllt stecken und ebenso in dem Saft der Erde die Wurzeln, die Blätter und Blüthen. Paracelsus behauptet, dass, so wie der Bildhauer aus der rohen Stein- oder Holzmasse durch Trennung und Beseitigung des Ueberflüssigen Blätter, Blumen, Augen, Nasen, Hände, Füsse u. s. w. bilde, so ziehe auch Archäus, der innere Werkmeister, aus der Nahrung durch Trennung und Absonderung die einzelnen Glieder und Theile heraus.Baco bürdet hier dem Paracelsus eine Meinung auf, die die Kenner seiner Werke vergeblich darin gesucht haben. Paracelsus sagt nur: »Wir wissen nur, dass die Nährmittel für jeden Theil des Körpers in dem Brote, Fleisch und Aehnlichem enthalten sind. (De modo pharmocandi, p. 233, ed v. 1603) ein Satz, der noch heute wahr ist. Lässt man diese Possen bei Seite, so steht fest, dass die entsprechenden organischen Bestandteile der Pflanzen und Thiere die ihnen gleichen oder wenig verschiedenen Säfte aus ihren Nährmitteln zunächst mit gewisser Auswahl anziehen, dann sich ähnlich machen und in ihre Natur verwandeln.

Diese Verähnlichung oder einfache Erzeugung geschieht nicht blos in belebten, sondern auch in leblosen Körpern, wie bei der Flamme und der Luft dargelegt worden ist. Selbst der abgestorbene Geist,Diesen »spiritus emortuus« nennt Baco in seiner Schrift über Leben und Tod »spiritus mortualis«. Er sagt da: »In allem Lebendigen sind zwei Arten von Geistern: spiritus mortuales, wie sie in den leblosen Dingen bestehen, und ausserdem der spiritus vitalis«. Zu den ersten rechnet Baco die spiritus in dem Fleisch, den Knochen, der Haut und in allen vom lebendigen Körper abgetrennten Gliedern. der in allem fühlbaren Belebten enthalten ist, ist fortwährend thätig, die gröbern Theile zu verdauen und in Geist zu verwandeln, der alsdann heraustritt; daher kommt die früher besprochene Verminderung des Geistes und das Austrocknen. Auch besteht bei dieser Verähnlichung noch jenes Zunehmen, das man gewöhnlich von der Ernährung unterscheidet; so wird der Schmutz zwischen kleinen Steinen hart und versteinert; die Schuppen zwischen den Zähnen verwandeln sich in eine Substanz, die so hart, wie die Zähne selbst, wird u. s. w.

Ich meine, dass alle Körper ebenso das Bestreben haben, andere sich ähnlich zu machen, wie sich mit Gleichartigem zu verbinden; allein beide Wirksamkeiten sind oft gehemmt, wenn auch in verschiedener Weise. Diese Unterschiede muss man, wie die Trennung derselben, mit allem Fleiss erforschen, weil sie auf die Verjüngung des Alters Bezug haben. Ich will endlich bemerken, dass bei den besprochenen neun Bewegungen die Körper nur auf die Erhaltung ihrer Natur bedacht sind; bei dieser zehnten hier richten sie sich aber auf die Fortpflanzung.Wenn diese Zahlen um eins zu gering gegen die Reihenfolge sind, so kommt es daher, dass Baco die erste Art der Bewegung, die Undurchdringlichkeit, nicht zu den Bewegungen der Körper (konkreten Gegenständen) rechnet, sondern nur dem Stoff überhaupt zutheilt.

Die zwölfte Art der Bewegung ist die Bewegung der Anregung; sie scheint zur Bewegung der Verähnlichung zu gehören, und ich nenne sie auch mitunter so. Denn es giebt eine zerstreuende, eine mittheilende, eine übergehende und eine vervielfachende Bewegung, die in der Wirkung, wie bei jener, oft übereinstimmen und sich nur in der Wirkungsart und in dem Gegenstande unterscheiden. Die verähnlichende Bewegung erfolgt mit einer Art Befehl und Macht; sie befiehlt und zwingt das Eine, sich in das Andere zu verwandeln. Dagegen verführt die erregende Bewegung künstlich und auf Umwegen und insgeheim; sie ladet nur ein und bestimmt das Erregte zur Natur des Erregenden. Die verähnlichende Bewegung vervielfacht und verwandelt die Körper und Substanzen; so vermehrt sich die Flamme, die Luft, der Geist, das Fleisch; dagegen gehen bei der erregenden Bewegung nur Kräfte über und vermehren sich; es vermehrt sich das Warme, das Magnetische, das Faulende.

Am deutlichsten ist diese Bewegung an der Wärme und Kälte. Denn die Wärme vertheilt sich bei ihrer Verbreitung nicht durch Mittheilung der ersten Wärme, sondern dadurch, dass sie den Körper zu der Bewegung erregt, welche die Form der Wärme ist, und welche in der ersten Lese über die Eigenschaft des Warmen besprochen worden ist. Deshalb erfolgt die Erwärmung bei dem Stein und bei dem Metall viel langsamer und schwerer als bei der Luft; denn jene sind zu diesen Bewegungen weniger geschickt und bereit.Dieser Schluss ist falsch, obgleich die Prämisse mit den neuesten Annahmen über Wärme übereinstimmt. Die Wärmekapazität ist viel geringer und die Wärmeleitung viel schneller bei Metall und Steinen wie bei der Luft und dem Wasser. Darauf allein beruht es, dass Pelze wärmen, dass Metall sich kälter anfühlt als Holz von gleicher Temperatur, dass kalter Wind viel kälter scheint als ruhige Luft von gleicher Kälte. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass in dem Innern der Erde sich Stoffe befinden, welche jede Erwärmung verweigern; wegen des stärkern Druckes fehlt ihnen der Geist gänzlich, von dem diese anregende Bewegung meist beginnt. So zieht auch der Magnet das Eisen nur durch eine neue Vertheilung und entsprechende Bewegung der Eisentheile an, ohne dabei etwas von seiner Kraft einzubüssen. Aehnlich verhält es sich mit dem Säuren des Brotes, mit dem Schäumen des Bieres, mit dem Gerinnen der Milch und mit einzelnen Giften; sie erregen durch Einladung eine Bewegung in der Masse des Mehles, des Bieres, des Käses oder des menschlichen Körpers, die stetig fortschreitet, nicht durch die Kraft des Erregenden, sondern durch die Bereitwilligkeit und das Nachgeben des Erregten.Auch hier hat Baco einen richtigen Grundgedanken, aber in seiner Leidenschaft, zu verallgemeinern und das Verschiedenste heranzuziehen, wird der Gedanke, wie viele andere, wieder verunstaltet und seine Wahrheit zerstört.

Die dreizehnte Art der Bewegung ist die Bewegung des Eindrucks; sie gehört zur Bewegung der Verähnlichung und ist die feinste von den sich ausbreitenden Bewegungen. Ich habe sie als besondere Art hingestellt, weil sie einen wesentlichen Unterschied gegen die beiden vorigen zeigt. Denn die einfache Verähnlichung verwandelt die Körper selbst, so dass die Wegnahme des ersten für die nachfolgenden gleichgültig ist. So hat die erste sich entzündende Flamme oder die erste Umwandlung in Luft keine Bedeutung für die durch Erzeugung nachfolgende Flamme oder Luft. So erhält sich auch die Bewegung der Erregung auf lange Zeit, wenn auch das erste Erregende beseitigt ist, z. B. bei dem erwärmten Körper nach Entfernung des erwärmenden; bei dem erregten Eisen nach Entfernung des Magneten; in dem Mehlteig nach Entfernung des Sauerteigs. Dagegen scheint die Bewegung des Eindrucks, wenn sie auch sich verbreitet und übergeht, doch immer von dem ersten Bewegenden bedingt zu bleiben; sie endigt und hört sofort auf, wenn jenes entfernt wird; deshalb geschieht hier auch die Wirkung augenblicklich oder wenigstens in sehr kurzer Zeit. Ich pflege deshalb die Bewegung der Verähnlichung und Erregung die Erzeugung des Jupiter zu nennen, weil da die Erzeugung bleibt; dagegen nenne ich diese Bewegung die des Saturn, weil das Geborne sofort verzehrt und verbraucht wird. Diese Bewegung offenbart sich in dreifacher Art: durch die Strahlen des Lichts, durch Erschütterung der Töne und durch magnetische Mittheilung. So verschwinden mit Entfernung des Lichts sofort die Farben und sonstigen Bilder desselben. Wird die erste Erschütterung und das daraus folgende Zittern des Körpers beseitigt, so erlöscht sehr bald der Ton; denn wenn auch der Ton in dem Medium durch den Wind gleich Wellen getrieben wird, so ist doch festzuhalten, dass der Ton nicht so lange dauert als das Fortklingen. Allerdings scheint bei einer angeschlagenen Glocke der Ton lange Zeit fortzugehn, und man kann deshalb leicht irrthümlich meinen, dass der Ton während dieser ganzen Zeit gleichsam in der Luft schwimmt und hängt; allein dies ist durchaus falsch. Denn dieses Forttönen ist nicht derselbe erste Ton, sondern ein neuer, wie aus der Hemmung oder Beruhigung des geschlagenen Körpers erhellt. Setzt man die Glocke auf oder hält sie fest, dass sie nicht erzittern kann, so erlischt der Ton sofort, und sie tönt nicht nach; ebenso die Saiten, wenn man sie nach dem ersten Anschlag mit dem Finger berührt; überall hört bei der Leier oder der Rohrpfeife oder bei dem Klavier das Nachklingen sofort auf. Wird der Magnet entfernt, so fällt das Eisen sofort ab; dagegen kann der Mond nicht von dem Meere und die Erde nicht von dem fallenden schweren Gegenstande entfernt werden; man kann deshalb hier zwar keinen Versuch anstellen; allein das Verhältniss ist dasselbe.Auch hier sind die Begriffe der Verähnlichung, der Anregung und des Eindruckes, nach welchen Baco die elfte, zwölfte und dreizehnte Art der Bewegung ordnet, so unbestimmt, schwankend und mit Beziehungsformen vermischt, dass sie jede wahre Naturerkenntniss hemmen müssen. Deshalb hat Baco selbst Mühe, das Einzelne dieser drei Arten auseinander zu halten, und deshalb wird auch das Verschiedenste zusammengestellt, nur weil es unter jene schwankenden Begriffe gebracht werden kann. Es erhellt, dass solche Unterlagen für die Induktion zu keinem wahren Ergebniss führen können, und es zeigt sich, dass die induktive Methode Baco's ebenso sehr von gereinigten Begriffen bedingt ist, welche das Unpassende fern halten, wie umgekehrt diese Methode wieder zu richtigern Begriffen und Gesetzen führt. Indem die Methode sich so gleichsam im Kreise dreht, erklärt es sich, weshalb der Fortschritt in der Naturwissenschaft nur so langsam geht, und wie er weniger von einer bestimmten Methode als von den Konzeptionen genialer Männer bedingt ist, welche einzelne wahre Grundbegriffe aus dem Wirrwarr des Einzelnen und dem Wust falscher Auffassungen herausheben und damit erst die Induktion selbst auf den rechten Weg bringen. Ohne Anhalt solcher Grundbegriffe kann das Verkehrteste und Verschiedenste zusammengestellt werden, wie Baco's Beispiele zeigen, die mehr schaden als fördern.

Die vierzehnte Art der Bewegung ist die der Gestaltung oder der Lage; durch dieselbe streben die Körper nicht nach einer Verbindung oder Trennung, sondern nach einer Lage, Stellung und Gestaltung gegen einander. Die Erkenntniss dieser Bewegung ist noch sehr verworren, und sie ist wenig beobachtet; manchmal scheint sie gar keine Ursache zu haben, obgleich dies in Wahrheit sich nicht so verhält. Wenn man z. B. fragt, weshalb der Himmel sich von Morgen nach Abend, statt von Abend nach Morgen drehe, oder weshalb die Pole sich mehr nach dem Bären und nicht nach dem Orion oder einer andern Stelle des Himmels richten, so scheint solche Frage unvernünftig, weil man meint, der Fall könne nur durch die Erfahrung bestimmt und müsse als ein positiver aufgefasst werden. Wenn uns auch in der Natur Manches als ein Letztes ohne Ursache ist, so scheint dieser Fall hier doch nicht dazu zu gehören; vielmehr glaube ich, dass hier eine gewisse Harmonie und Uebereinstimmung der Welt wirksam ist, die nur noch nicht beobachtet worden ist.Bekanntlich haben Kant und Laplace diese Frage durch ihre Nebelhypothese, aus der das Sonnensystem sich gebildet, zu lösen gesucht; indess müssen auch diese von gewissen ersten Voraussetzungen ausgehen, wozu gehört, dass die Rotation dieser Nebelmasse von Anfang ab von Abend nach Morgen geschehen sei. Baco setzt hier als Ursache die »Harmonie« und eine gewisse Uebereinstimmung (Konsensus). Dies sind reine Beziehungsformen des Denkens, ohne Gegenständlichkeit; sie gehören den Scholastikern an. Dieser Konsensus spielt bei Baco eine grosse Rolle in der Natur, wie das Folgende ergeben wird. – Die Stellung der Pole der Erde nimmt Baco irrthümlich als unveränderlich an; zu seiner Zeit war ihre Bewegung, welche einen Kreis am Himmel beschreibt, noch nicht entdeckt. Uebrigens bleiben diese Fragen unverändert, selbst wenn man eine Bewegung der Erde von Abend nach Morgen annimmt. Denn auch dabei dreht die Erde sich um Pole, und man kann bei diesen ebenso fragen, weshalb sie hierher und nicht anderwärtshin gerichtet sind.

Auch die Inklination und Deklination und Richtung des Magneten gehört hierher. So findet man auch in natürlichen und künstlichen Gegenständen, insbesondere in festen und nicht flüssigen eine Stellung und Lage der Theile gleich Zotten und Fasern, die man sorgfältig untersuchen sollte, da ohne ihre Auffindung diese Körper nur schwer behandelt und geleitet werden können. Dagegen rechne ich die Bewegung in den Flüssigkeiten, durch welche sie bei einem Druck, wenn sie nicht ausweichen können, sich gegenseitig heben, um den Druck gleichmässig zu vertheilen, vielmehr zur Bewegung aus Freiheit.

Die funfzehnte Art der Bewegung ist die des Durchganges oder die Bewegung durch Gänge. Dadurch werden die Kräfte der Körper mehr oder weniger gehemmt, oder die Körper werden von ihren Medien fortgeführt, je nach der Beschaffenheit der Körper und wirkenden Kräfte und des Medii selbst. Denn dem Licht entspricht ein anderes Medium als dem Tone, und ein anderes entspricht der Wärme und Kälte, ein anderes der magnetischen Kraft; und für andere Kräfte gilt dasselbe.

Die sechzehnte Art der Bewegung ist die königliche oder die politische, wie ich sie nenne. Dadurch zähmen gewisse in dem Körper vorherrschende und befehlende Theile die übrigen; sie bezähmen, unterwerfen, ordnen und zwingen sie, sich zu verbinden, zu trennen, zu ruhen, sich zu bewegen und sich zu stellen, nicht wie sie selbst wollen, sondern wie es die Ordnung fordert und zum Besten des befehlenden Theiles gereicht. Es besteht daher gleichsam eine Herrschaft und eine Art Verfassung, wonach der herrschende Theil die untergebenen regiert. Diese Bewegung tritt vorzüglich bei den Geistern der Thiere hervor, welcher, so lange er in Kraft ist, alle Bewegungen der andern Theile regelt. In niederem Grade findet er sich auch in andern Körpern; so ist schon von dem Blute und Urin gesagt worden, dass sie sich nicht auflösen, bevor nicht der Geist, welcher ihre Theile mischte und zusammenhielt, ausgetreten oder erstickt ist. Diese Bewegung ist übrigens nicht den Geistern allein eigenthümlich, obgleich in den meisten Körpern der Geist wegen seiner schnellen und eindringenden Bewegung vorherrscht; in den dichten Körpern, die nicht, wie das Quecksilber und Vitriolöl, mit einem lebhaften und kräftigen Geist angefüllt sind, herrschen vielmehr die gröbern Theile. Wenn daher nicht durch Kunst dieser Zügel und dieses Joch beseitigt werden, so kann man auf keine neue Umgestaltung dieser Körper rechnen.Es bedarf kaum der Bemerkung, dass auch dieser Begriff des »Herrschens« ein so zweideutiger und vager ist, dass damit in der Erkenntniss der Natur nicht weiter zu kommen ist.

Indess glaube man nicht, dass ich vergesse, worum es sich handelt, indem diese Reihe und Aufzählung der Bewegungen doch nur darauf abziele, die vornehmsten durch die Fälle des Kampfes besser zu ermitteln, während ich gleichwohl schon unter diesen Bewegungen selbst die vornehmsten erwähne. Ich spreche indess bei der Beschreibung dieser königlichen Bewegung nicht von dem Vorherrschen der Bewegungen und Kräfte, sondern von dem Vorherrschen einzelner Theile eines Körpers, und dieses bildet die hier betrachtete besondere Art der Bewegung.

Die siebzehnte Art der Bewegung ist die der freiwilligen Drehung. In ihr geniessen die der Bewegung sich erfreuenden und richtig gestellten Körper ihre Natur, folgen sich selbst und erfassen sich nur in eigner Umarmung. Denn die Körper bewegen sich entweder ohne Ende, oder sie ruhen völlig, oder sie treiben nach einem Ziel, wo sie, ihrer Natur gemäss, entweder sich drehen oder ruhen. Sind sie gut gestellt und erfreuen sie sich an der Bewegung, so drehen sie sich im Kreise, ohne Ende und ohne Anfang. Sind sie gut gestellt oder scheuen sie die Bewegung, so ruhen sie völlig. Sind sie nicht gut gestellt, so bewegen sie sich gerade aus, als den kürzesten Weg zur Gemeinschaft mit ihren natürlichen Genossen.Dieser Begriff und diese Eintheilung der Bewegungen sind der Philosophie des Aristoteles in dem 12. Buche seiner Metaphysik entlehnt.

Diese drehende Bewegung nimmt neue Unterschiede an; der erste betrifft den Mittelpunkt, um den sich die Körper drehen; der zweite die Pole, um die sie sich drehen; der dritte den Umfang oder Umlauf nach der Entfernung vom Mittelpunkte; der vierte die Bewegung, je nachdem sie schneller und langsamer geschieht; der fünfte die Richtung der Bewegung, z. B. von Morgen nach Abend oder umgekehrt; der sechste die Abweichungen von dem vollkommenen Kreise durch Windungen, die dem Mittelpunkt näher oder ferner sind; der siebente die Abweichung von dem vollkommenen Kreise durch Drehungen, die mehr oder weniger von ihren Polen abstehen; der achte die gegenseitige grössere oder geringere Entfernung der Bahnen voneinander; der neunte und letzte die Veränderung in den Richtungen der Pole, wenn diese sich bewegen; sie gehört nicht zur Drehung, wenn sie nicht selbst in einem Kreise geschieht.

Man hält diese drehende Bewegung nach einer allgemeinen und alten Ansicht für die eigenthümliche der Himmelskörper. Allein es besteht hier ein wichtiger Streit mit Einigen unter den Alten und Neuern, welche behaupten, dass die Erde sich drehe. Der Streitpunkt hierbei ist aber wohl, sofern die Sache nicht als ausgemacht gelten kann, besser dahin zu fassen, ob, wenn man zugiebt, dass die Erde ruht, jene Bewegung sich auf den Himmel beschränkt, oder ob sie auch tiefer herabsteigt und sich auch der Luft und den Gewässern mittheilt. Dagegen rechne ich die drehende Bewegung der Wurfspiesse, der Pfeile und der Kugeln aus den Gewehren u. s. w. zu den Bewegungen der Freiheit.

Die achtzehnte Art der Bewegung ist die des Zitterns. In dem Sinne, wie die Astronomen sie behaupten, glaube ich nicht recht daran;Astronomen des Mittelalters hatten ein Zittern des Sternenhimmels angenommen, um die Schwankungen in der Länge des tropischen Jahres zu erklären; man hatte zu dem Ende selbst noch eine zehnte Himmelssphäre über der Sternensphäre sich erdacht. wenn ich aber die Begehren der natürlichen Körper überall genau untersuche, so treffe ich auf diese Bewegung und muss sie als eine besondere Art behandeln. Es ist gleichsam die Bewegung einer ewigen Gefangenschaft, wo die Körper überhaupt nicht richtig und ihrer Natur entsprechend gestellt sind, aber sich auch nicht ganz schlecht befinden und deshalb fortwährend zittern und unruhig sich hin und her bewegen, weil sie weder mit ihrem Stand zufrieden sind, noch es wagen, weiter vorzuschreiten. Eine solche Bewegung besteht bei dem Schlag des Herzens und der Arterien bei den Thieren, und sie muss überall vorkommen, wo ein Körper zwischen Vortheilen und Nachtheilen schwankt und bald versucht, sich zu befreien, bald einen Rückschlag erleidet.Hier sind die schon ausgesprochenen Rügen gegen Baco's Begriffsbildungen in noch stärkerem Maasse zu wiederholen. Die Körper werden hier vollständig lebendige Wesen, und es werden ihnen Empfindungen angedichtet, nur um mechanische Vorgänge zu erklären.

Die neunzehnte und letzte Art der Bewegung ist die, welcher kaum der Name einer Bewegung gebührt, und doch ist sie wirklich eine Bewegung, welche man die Bewegung des Lagers oder die Bewegung, welche die Bewegung scheut, nennen kann. Durch diese Bewegung ruht die Erde vermöge ihrer Masse, indem ihre äussersten Theile sich nach der Mitte bewegen, nicht nach einem eingebildeten Mittelpunkte, sondern behufs Vereinigung. Durch diesen Trieb scheut alles in höherem Grade Verdichtete die Bewegung und hat statt allen Begehrens nur das, nicht bewegt zu werden. Selbst wenn sie auf die mannichfachste Weise zur Bewegung gereizt und angeregt werden, erhalten sie sich dennoch nach Möglichkeit in ihrer Natur, und selbst wenn sie zur Bewegung gebracht sind, geht ihr Bestreben immer nur auf Ruhe und Wiedergewinnung des Standes, wo sie sich nicht mehr bewegen.Hier verstösst Baco in grober Weise gegen das Gesetz der Beharrlichkeit, was schon zu seiner Zeit von Descartes mit voller Klarheit erkannt war. Für dieses Ziel zeigen sie sich sehr beweglich und erstreben es in Hast und Ungeduld gegen alle Verzögerung sehr schnell und heftig. Diese Bewegung kann hier nicht vollständig wahrgenommen werden, weil bei uns vermöge der Unterjochung durch die Himmelskörper und deren Zusammenwirken alles Fühlbare den äussersten Grad der Dichtheit nicht erreicht und auch mit etwas Geist gemengt ist.

So sind hiermit die Arten oder einfachen Elemente der Bewegungen, Beziehungen und thätigen Wirksamkeiten dargelegt worden, welche in der Natur am allgemeinsten auftreten. Die Naturwissenschaft erhält dadurch viel Aufklärung; es ist auch möglich, dass man noch neue Arten hinzufügen und diese Eintheilung nach den wahren Wurzeln der Dinge verändern und auf eine kleinere Zahl herabbringen kann.Hier scheint Baco selbst die wiederholt gerügten Mängel seiner Begriffe, nach denen er die Eintheilung gemacht hat, zu fühlen. Ich denke aber damit nicht an jene abstrakten Eintheilungen, wo man z. B. sagt: Die Körper begehren entweder die Erhaltung oder die Steigerung oder die Fortpflanzung oder den Genuss ihrer Natur; oder wo man sagt: Die Bewegung der Dinge geht entweder auf die Erhaltung und das Beste des Weltalls, wie die Bewegung der Beharrlichkeit und der Stetigkeit; oder auf das Beste grosser Gemeinschaften, wie die Bewegung auf Ansammlung im Grossen, die der Drehung und der Scheu vor Bewegung; oder auf das Beste einzelner Formen, wohin alle übrigen gehören würden. Dergleichen Eintheilungen mögen richtig sein, allein wenn sie nicht sich auf die wahren Unterschiede des Stoffes und der Gestaltung gründen, bleiben sie spekulativ und nutzlos; doch genügen sie und können von Nutzen sein, wenn es auf Ermittelung der vorherrschenden Kräfte und der Fälle des Kampfes ankommt, wovon jetzt gehandelt werden soll.Diese Stelle ist interessant; sie zeigt, dass Baco im Prinzip das Richtige erfasst hat; er verlangt nach realen Begriffen, d. h. nach Begriffen des Seienden, die sich aus seienden Bestimmungen zusammensetzen, im Gegensatz zu den blossen Beziehungsformen des Denkens und Vergleichens, die Baco spekulativ und nutzlos nennt. Allein trotzdem ist Baco selbst nicht im Stande gewesen, diese ganz richtige Forderung zu erfüllen, wie das Vorgehende ergeben hat. Dies zeigt, wie schwer der Fortschritt in der Gewinnung richtiger Begriffe ist.

Denn von den besprochenen Bewegungen sind einige ganz unbesieglich; andere sind nur von grosser Stärke und binden, zügeln und leiten die schwächeren; andere ragen in Zeit und Schnelligkeit hervor; andere dienen zur Erhaltung, Stärkung, Ausdehnung und Beschleunigung der übrigen. So ist die Bewegung zum Beharren überhaupt die diamantene und unbesiegbare; dagegen schwanke ich noch, ob die Bewegung der Stetigkeit unbesieglich ist; denn ich möchte nicht bestimmt behaupten, dass es ein Leeres giebt; sei es ein zusammengehäuftes oder ein vermischtes.Diese Unterscheidung kommt von Aristoteles, Phys. IV. 7. Κενόν ἀχώριστον (vacuum permistum bezeichnet die feinen leeren Zwischenräume innerhalb des Stoffes der einzelnen Körper; κενόν κεχωριόμενον (vacuum coacervatum) bezeichnet einen leeren Raum, der frei von jeder Vermischung mit Stoff ist. Man bemerkt leicht, dass dieser Unterschied nur auf den der Grösse des Leeren hinausläuft. Der Grund, weshalb ersteres von Leucipp und Demokrit angenommen worden, nämlich weil ohnedem derselbe Körper nicht einen grossen und kleinen Raum einnehmen könne, ist falsch, da der Stoff eine gewisse Biegsamkeit hat, wodurch er sich innerhalb gewisser Grenzen ohne Hülfe des Leeren im Raum ausdehnen und zusammenziehen kann. Selbst in der Luft ist kein Leeres, was ja zweitausendmal grösser als in dem Golde sein müsste. Das erhellt deutlich aus den starken Kräften, welche den luftigen Körpern innewohnen; sie müssten sonst wie feines Pulver in dem Leeren schwimmen, und auch sonst kann man noch Beweise dagegen beibringen.Hier äussert sich Baco über seinen Begriff des Dichten am deutlichsten. Die Biegsamkeit des Stoffes soll es ermöglichen, dass er verschieden grosse Räume einnehmen kann und dabei immer ohne leere Zwischenräume bleibt. Dieser Begriff der »Biegsamkeit« ist aber völlig verfehlt, unklar und aus der rohesten sinnlichen Wahrnehmung entlehnt, welche eine Ausdehnung des Stoffes annimmt, weil sie die dabei eintretenden Lücken nicht sieht. In Wahrheit ist diese Biegsamkeit nur ein anderes Wort für den Unterschied der Dichtigkeit der Körper. Die übrigen Bewegungen leiten und werden geleitet nach Verhältniss der Kraft, der Menge, des Reizes, des Wurfes und nach Verhältniss der eintretenden Hülfen oder Hemmungen. So trägt z. B. ein armirter Magnet ein Eisenstück bis zu dem Sechzigfachen seines eignen Gewichts; so weit herrscht die Bewegung zur Ansammlung im Kleinen über die Bewegung zur Ansammlung im Grossen. Ist das Eisenstück schwerer, so fällt es ab. So hebt ein Hebel mit einer bestimmten Kraft ein Gewicht von bestimmter Schwere. So weit herrscht die Bewegung der Freiheit über die Bewegung zur Ansammlung im Grossen. Ist das Gewicht schwerer, so versagt der Hebel. Ein dichtes Leder zerreisst bis zu einer bestimmten Spannung nicht. So weit herrscht die Bewegung der Stetigkeit über die Bewegung der Spannung. Steigt die Spannung noch mehr, so reisst das Leder, und es unterliegt die Bewegung der Stetigkeit. So fliesst das Wasser durch eine Ritze von bestimmter Grösse aus; so weit herrscht die Bewegung zur Ansammlung im Grossen über die Bewegung zur Stetigkeit; wird die Ritze kleiner, so unterliegt jene, und es siegt die Bewegung zur Stetigkeit. Wird Schwefel, der nur pulverisirt ist, mit einer Kugel in eine Flinte eingelassen und Feuer dazu gebracht, so wird die Kugel nicht herausgetrieben. Hier siegt die Bewegung der Ansammlung im Grossen über die Bewegung des Stoffes. Wird aber Schiesspulver hinein gethan, so siegt die Bewegung des Stoffes im Schwefel durch die Unterstützung der Bewegung des Stoffes und der Flucht in dem Salpeter u. s. w. Solche Fälle des Kampfes, welche die Oberherrschaft einer Kraft anzeigen, und nach welchen Verhältnissen und Berechnungen das Vorherrschen oder Unterliegen dieser Herrschaft Statt hat, müssen mit Eifer und genauer Sorgfalt überall aufgesucht werden.

Man muss dabei auch die Art und das Verhältniss des Unterliegens einzelner Bewegungen genau untersuchen; bald hören sie ganz auf, bald bleibt ihr Bestreben und ist nur gefesselt. Denn in den Körpern hier bei uns besteht keine wirkliche Ruhe, weder im Ganzen noch in den Theilen; alle Ruhe ist hier nur scheinbar und wird entweder durch Gleichgewicht oder durch ein unbedingtes Uebergewicht einer der Bewegungen bewirkt. Durch Gleichgewicht geschieht es z. B. bei der Wage, wenn die Gewichte in beiden Schalen gleich sind. Durch Uebergewicht geschieht es bei den Glasgefässen mit einer Oeffnung, wo das Wasser darin bleibt und von dem Fallen durch die Uebermacht der Bewegung zum Stetigen abgehalten wird.

Indess muss beachtet werden, wie weit diese unterliegenden Bewegungen hierbei entgegenwirken. Wird z. B. Jemand beim Ringen ausgestreckt auf der Erde gehalten, mit festgehaltenen oder festgestemmten Armen und Beinen, und strebt er dabei doch mit allen Kräften in die Höhe zu kommen, so bleibt dieses Bestreben dasselbe, auch wenn es keine Wirkung hervorbringt. Dieser Unterschied, ob durch die Uebermacht die unterliegende Bewegung vernichtet wird, oder ob ihr Bestreben bleibt, wenn es auch nichts erreicht, ist bei dem Kampfe nicht zu erkennen, aber kann aus Nebenumständen abgenommen werden. So mache man z. B. einen Versuch, ob ein Schiessgewehr, welches eine Kugel geradeaus oder, wie man sagt, in den weissen Punkt bis zu einer bestimmten Entfernung forttreibt, einen schwächeren Stoss bei dem Schuss nach oben giebt, wo die Bewegung des Stosses allein wirkt, als nach unten, wo die Bewegung der Schwere hinzutritt.

Auch die Regeln über die Oberherrschaft müssen gesammelt werden. Eine solche ist z. B., dass, je allgemeiner das Gut ist, was erstrebt wird, desto stärker ist die Bewegung. Deshalb ist die Bewegung der Stetigkeit, welche auf die Gemeinsamkeit des Weltalls geht, stärker als die Bewegung der Schwere, welche nur auf den Vortheil der dichten Körper geht. Ebenso überwiegen die Begehren auf ein bestimmtes Gut, was nur dem Einzelnen nützt, selten die nach einem mehr gemeinsamen Gut, ausgenommen bei der blossen Grösse. Es wäre zu wünschen, dass diese Regeln auch in der bürgerlichen Gesellschaft gälten.Diese Regeln sind vielmehr aus der bürgerlichen Gesellschaft, d. h. aus der Ethik erst durch die Scholastiker und durch Baco auf die Natur übertragen worden, und es ist zu wünschen, dass diese, alle Naturforschung hemmenden Begriffe ganz aus ihr verschwinden, was seit Baco's Zeit nur sehr allmählich und erst in der neuesten Naturwissenschaft so ziemlich erreicht worden ist; doch bleiben auch hier noch offene Fragen die Menge.

49.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich fünfundzwanzigstens die andeutenden Fälle, welche gewisse Vortheile dem Menschen andeuten und anzeigen. Denn das blosse Können und das blosse Wissen erweitern zwar die menschliche Natur, aber beglücken sie nicht. Deshalb muss man aus der Gesammtheit der Dinge das für das Leben Nützlichste aussuchen, worüber ausführlicher bei der Anleitung zur Praxis zu sprechen sein wird. Selbst bei dem Geschäft der Naturerklärung in Bezug auf einzelne Gegenstände räume ich dem Rechte der Menschen oder ihren Wünschen eine Stelle ein; denn das vernünftige Suchen und Wünschen ist ein Theil der Wissenschaft.

50.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich sechsundzwanzigstens die gemeinnützigen Fälle. Sie beziehen sich auf Vielerlei, ereignen sich oft und ersparen deshalb viel an Mühe und an neuen Versuchen. Ueber die Werkzeuge und sinnreichen Methoden wird allerdings der passende Ort zur Besprechung da sein, wo ich die Anleitung zur Praxis und zur Anstellung der Versuche behandeln werde; überdem wird das, was davon bekannt und in Uebung gekommen ist, bei der Beschreibung der einzelnen Künste abgehandelt werden; ich will deshalb hier statt der Beispiele nur einige allgemeine Bemerkungen über solche gemeinnützige Fälle beifügen.

Der Mensch wirkt auf die Körper, abgesehen von der blossen Annäherung und Entfernung derselben, hauptsächlich auf siebenerlei Art; entweder 1) durch Ausschluss derer, welche hemmen und stören; oder 2) durch Druck, Ausdehnung, Erregung u. s. w.; oder 3) durch die Wärme und Kälte; oder 4) durch Stellung an einen passenden Ort; oder 5) durch Zügelung und Leitung der Bewegung; oder 6) durch besondere Uebereinstimmungen in den Körpern; oder 7) durch einen angemessenen und nöthigen Wechsel und durch die Reihenfolge dieser verschiedenen Arten im Ganzen oder Einzelnen.

Zur ersten Art gehört die gemeine Luft, die überall gegenwärtig ist und eindringt; ebenso die Strahlen der Himmelskörper; beide stören viel. Was daher zu deren Ausschliessung beiträgt, kann mit Recht als gemeinnützlich gelten. Dahin gehört der Stoff und die Dicke der Gefässe, in welche die zur Operation vorbereiteten Körper gelegt werden; ebenso die Mittel zum genauen Verschluss der Gefässe durch Verdichtung und durch den Speichel der Weisheit, wie die Chemiker sagen. Auch der Verschluss durch Flüssigkeiten an den Enden ist sehr nützlich; so giesst man Oel über Wein oder über Pflanzensäfte, was sich über die Oberfläche wie ein Deckel legt und sie vor allem Schaden durch die Luft bewahrt. Auch die Pulver sind dazu brauchbar; sie haben zwar Luft zwischen sich, aber sie halten doch den Einfluss der massenhaften äusseren Luft ab; deshalb bewahrt man Weintrauben und Früchte, wenn man sie in Sand oder Mehl steckt. Auch das Wachs, der Honig, das Pech und andere zähe Stoffe können zu einem vollkommenen Verschluss benutzt werden, um die Luft oder Sonnenstrahlen abzuhalten. Ich habe in dieser Beziehung den Versuch gemacht und das Gefäss oder andere Körper in Quecksilber gestellt, was von allen Umschliessungsmitteln das dichteste ist. Auch die Keller und unterirdischen Höhlen kann man zur Abhaltung der Strahlen und der verzehrenden äusseren Luft benutzen, wie dies in dem nördlichen Deutschland bei den Getreidevorräthen geschieht. Auch der Fall, wo man die Körper unter Wasser bringt, gehört hierher; so erzählte mir Jemand von Weinschläuchen, die er in einen tiefen Brunnen gesteckt gehabt, um sie abzukühlen. Aus Zufall oder Nachlässigkeit oder Vergesslichkeit seien sie viele Jahre dort geblieben, und als man sie endlich herausgezogen, so sei der Wein nicht blos nicht matt und abgestorben, sondern von weit feinerem Geschmack wie früher gewesen, wonach es scheint, dass seine Bestandtheile eine feinere Mischung eingegangen sind. Will man Körper auf den Grund der Gewässer niedersenken, etwa in Flüsse oder in das Meer, ohne dass sie das Wasser berühren, und die doch dabei nicht in Gefässen verschlossen werden können, sondern mit Luft umgeben bleiben sollen, so sind jene Gefässe von Nutzen, die mitunter für die Untersuchung untergegangener Schiffe benutzt worden sind, wobei die Arbeiter länger unter dem Wasser bleiben und doch von Zeit zu Zeit Luft schöpfen können.Schon 1538 hatten einige Griechen vor Kaiser Karl V. in Toledo Proben mit einer Taucherglocke gemacht; doch scheint sie noch zu Baco's Zeiten wenig gekannt gewesen zu sein, sonst würde er sie hier nicht so ausführlich beschreiben. Dieses Gefäss war folgendermassen beschaffen: Ein Fass aus hohlem Metall wurde wagerecht auf die Oberfläche des Wassers gelassen, und nahm es so die in ihm befindliche Luft mit auf den Grund des Meeres. Es stand, wie ein Dreifuss, auf drei Füssen, die nicht ganz so hoch wie ein Mensch waren; so konnte der Arbeiter, wenn ihm der Athem ausging, den Kopf in das Fass stecken, Athem holen und dann die Arbeit fortsetzen. Wie ich gehört, soll schon eine Maschine nach Art eines Kahnes oder kleinen Schiffes erfunden sein, in welchem man unter dem Wasser auf weitere Entfernungen fahren kann. In einem solchen eben beschriebenen Gefässe können leicht Körper aufgehangen werden, und deshalb habe ich dieses Versuches hier erwähnt.

Ein sorgfältiger und vollkommener Verschluss der Körper hat noch den Nutzen, dass nicht blos der Zutritt der Luft von aussen, wie erwähnt, gehindert ist, sondern auch der Austritt des Geistes aus dem Körper, mit dem der Versuch angestellt wird. Denn Der, welcher natürliche Körper untersucht und bearbeitet, muss vor Allem sicher sein, dass nichts herausfliessen oder entweichen kann. Denn es vollziehen sich tiefgehende Veränderungen mit den Körpern, wenn, da schon die Natur ihre Vernichtung hindert, auch die Kunst noch den Verlust oder das Fortfliegen der Theile verhindert. Es hat sich hierüber die falsche Meinung gebildet, die, wenn sie wahr wäre, alle Bewahrung einer bestimmten Menge ohne Verlust unmöglich machen würde, nämlich dass der Geist der Körper und die durch einen starken Hitzegrad verdünnte Luft durch keinen Verschluss der Gefässe festgehalten werden könne, weil sie durch die feinen Poren der Gefässe herausflögen. Allein man ist zu dieser Meinung nur durch jene bekannten Versuche gekommen, wo ein Becher, mit einem brennenden Licht oder Papier innerhalb seiner, über dem Wasser umgekehrt wird, wobei das Wasser in die Höhe steigt; desgleichen auch die Schröpfköpfe, die, wenn sie einmal über der Flamme erwärmt worden sind, die Haut aufziehen. Man meint, dass in beiden Fällen die verdünnte Luft austrete und an deren Stelle ebenso viel Wasser oder Fleischtheile vermöge der Stetigkeit sich höben; allein dies ist durchaus falsch. Denn die Luft wird dabei in ihrer Menge nicht vermindert, sondern nur dem Raume nach zusammengezogen; auch beginnt das Wasser nicht eher zu steigen, als bis die Flamme ausgelöscht oder die Luft abgekühlt ist; deshalb legen die Aerzte kalte und nass gemachte Schwämme auf die Schröpfköpfe, damit sie stärker anziehen. Man braucht sich deshalb wegen des leichten Austritts der Luft und des Geistes nicht zu sorgen. Wenn auch die dichtesten Körper Poren haben, so verträgt doch die Luft und der Geist eine solche feine Zertheilung nur schwer, deshalb fliesst auch kein Wasser aus sehr feinen Spalten.

Ueber die zweite von jenen sieben genannten Arten ist zu sagen, dass allerdings Pressungen und ähnliche Gewalt für die Ortsbewegung und Aehnliches viel vermögen, wie die Maschinen und Geschosse zeigen; dies gilt auch für die Zerstörung organischer Körper und deren Kräfte, die lediglich in Bewegungen bestehen. Denn alles Leben, ja alle Flamme und Entzündung erlischt durch Zusammenpressen; ja, jede Maschine wird dadurch verdorben und zerstört. Ebenso wirken diese Pressungen auf Zerstörung der Eigenschaften, welche auf der Stellung und gröberen Ungleichheit der Theile beruhen, wie die Farben; deshalb hat die ganze Blume eine andre Farbe als die zerstossene, und der ganze Bernstein eine andre als der gepulverte. Dies gilt selbst für den Geschmack; er ist bei einer unreifen harten Birne verschieden von dem, wenn diese Birne zusammengepresst und erweicht wird, und ist in letzterer von grösserer Süsse.Dieses ist ein Irrthum, der höchstens auf Sinnestäuschungen beruht, denen Baco überhaupt leicht nachgiebt. An sich würde der hinzutretende Sauerstoff der Luft das von der Schale nicht mehr geschützte Fleisch der Birne eher saurer als süsser machen.

Dagegen nützt eine solche gewaltsame Behandlung wenig für die Umgestaltung und erhebliche Veränderung verwandter Körper; denn die Körper erhalten dadurch keine dauernde Festigkeit; sie beharrt nicht, sondern geht vorüber und drängt immer auf ihre Befreiung und Rückkehr in den vorigen Stand. Doch würde es gut sein, einige sorgfältigere Versuche hierüber anzustellen, um zu ermitteln, ob die gewaltsame Pressung verwandter Körper, wie der Luft, des Wassers, des Oels u. s. w., oder ihre gewaltsame Verdünnung dauernd und fest gemacht werden kann, so dass sie zur andern Natur würde. Man mag dies zunächst durch einfache Bewegung versuchen und dann mittelst Hülfsmittel und Uebereinstimmung. Ich hätte, wenn ich daran gedacht, dies leicht ermitteln können, als ich, wie oben bemerkt, Wasser durch Schläge und Druck zusammenpresste, ehe es hervorkam. Ich hätte dann die platt geschlagene Kugel einige Tage sich selbst überlassen und dann das Wasser herausholen sollen, um zu probiren, ob es sofort wieder denselben Raum wie vor der Verdichtung einnähme. Wäre dies nicht sofort oder bald geschehen, so hätte diese Verdichtung als eine dauernde gelten müssen; wo nicht, so hätte sich ergeben, dass der alte Zustand wieder eingetreten und die Zusammendrückung nur vorübergehend gewesen war. Etwas Aehnliches lässt sich auch in Bezug auf die in den Eigläsern ausgedehnte Luft versuchen. Es hätte dann das Eiglas nach einer starken Aussaugung sofort verschlossen werden und so einige Tage liegen bleiben müssen; hätte man es dann später geöffnet, so hätte man beobachten können, ob die Luft mit Pfeifen eindringe, und ob ebenso viel Wasser bei der Eintauchung desselben sich darin höbe, als dann, wenn man das Eiglas nicht hätte liegen lassen. Es ist wahrscheinlich und wenigstens der Ermittelung werth, dass dergleichen eintreten würde; denn selbst in Körpern, die nicht so gleichartig sind, bewirkt der Zeitverlust etwas Aehnliches. So springt ein gebogener Stab, wenn er lange gebogen gelegen hat, nicht wieder zurück, und dies kommt nicht von einem Verlust an Holzmenge durch den Zeitverlust, da dasselbe sich auch bei einer lange gekrümmt gelegenen eisernen Feder zeigt, die durch Verdunstung nichts verlieren kann.

Sollte auch der Versuch mit dem einfachen Zeitablauf nicht gelingen, so ist die Sache doch deshalb nicht aufzugeben, sondern es sind andere Hülfsmittel anzuwenden, da es von Erheblichkeit wäre, wenn man durch Gewalt den Körpern feste und dauernde Eigenschaften beilegen könnte. Dann könnte man z. B. die Luft durch blossen Druck in Wasser verwandeln und Anderes der Art erreichen, da der Mensch diese gewaltsamen Bewegungen mehr in seiner Gewalt hat als die anderen.Nach dieser Stelle nimmt Baco für Wasser und Luft den gleichen Stoff an und findet ihren Unterschied nur in der verschiedenen Dichtigkeit dieses Stoffes. Dies stimmt mit Descartes und der Lehre des modernen Materialismus; während in der modernen Chemie noch einige 60 elementare Stoffe auch der Beschaffenheit nach unterschieden werden. Baco hält jedoch diesen Gedanken, wie viele andere, nicht fest; sonst hätte er zur Gleichartigkeit des Stoffes in allen Körpern gelangen müssen, wie dies bei dem ausdauerndem Descartes geschieht.

Die dritte von den sieben Verfahrungsarten bezieht sich auf jenes grosse Werkzeug der Natur und der Kunst, auf die Wärme und Kälte. Hier hinkt gewissermassen die Macht des Menschen auf einem Fusse. Denn wir haben zwar die Wärme des Feuers, welche viel mächtiger und stärker ist als die zu uns gelangende Wärme der Sonne und die Wärme der Thiere, aber es fehlt uns die Kälte, mit Ausnahme der zur Winterszeit und der in den Höhlen und in den Schnee- und Eisgruben, die sich vergleichsweise mit der Wärme der Mittagssonne in einem heissen Lande messen könnte, wenn sie durch das Zurückprallen von den Bergen und Wänden noch gesteigert wird. Sowohl Wärme wie Kälte von so hohen Graden kann nur kurze Zeit von lebenden Wesen ertragen werden; dennoch verschwinden diese Grade gegen die Hitze eines glühenden Ofens und einer diesem Grade umgekehrt entsprechenden Kälte. Deshalb drängt bei uns Alles zur Verdünnung, Vertrocknung und Verzehrung, und beinah Nichts zur Verdichtung und Erweichung; nur durch Mischungen und gleichsam unächte Mittel kann dergleichen erreicht werden.

Man muss deshalb die Fälle der Kälte sorgfältig ermitteln; sie zeigen sich, wenn man Gegenstände bei starkem Frost auf Thürmen ausstellt oder in unterirdische Höhlen oder in dazu an tiefen Orten ausgegrabene Schnee- und Eisgruben legt; oder wenn man Gegenstände in Brunnen hinablässt oder sie in Quecksilber oder andere Metalle hüllt oder in Wasser, was das Holz versteinert, eintaucht oder in die Erde eingräbt u. s. w. So soll bei den Chinesen das Porzellan in der Weise gemacht werden, dass die dazu vorbereitete Masse 40 bis 50 Jahre in der Erde bleibt und selbst auf die Erben, ebenso wie die für die Gewinnung der Metalle eingerichteten Bergwerke, übergeht. Sollten in der Natur Verdichtungen durch Kälte vorkommen, so müssen sie ebenfalls untersucht werden, damit man nach erlangter Kenntniss ihrer Ursachen sie in den Gewerben verwenden kann. Dergleichen zeigt sich bei den Ausschwitzungen des Marmors und der Steine, bei dem Gefrieren der inneren Fenster des Morgens nach kalten Nächten, bei der Entstehung und Ansammlung der Dünste auf unterirdischen Gewässern, woher viele Quellen kommen, und dergleichen mehr. Neben der fühlbaren Kälte zeigt sich auch eine andere Kälte der Kraft nach, welche ebenfalls verdichtet; doch scheint sie nur auf die thierischen Körper zu wirken und nicht weiter. Der Art findet sich Vieles bei den Arzneien und Pflastern; manche davon verdichten das Fleisch und die fühlbaren Theile; dahin gehören die zusammenziehenden und eingespritzten Arzneimittel; andere verdichten den Geist, vorzüglich sind dies die einschläfernden. Diese Verdichtung der Geister durch einschläfernde Arzneimittel geschieht auf doppelte Art; einige stillen die Bewegung, andere verflüchtigen den Geist. Denn die Nachtviole, die getrockneten Rosenblätter, die Laktuke und andere heilsame oder wohlthuende Pflanzen veranlassen durch ihre angenehmen und leise kühlenden Dünste die Geister, sich zu verbinden, und stillen deren heftige und unruhige Bewegungen. Ebenso macht das bei Ohnmächten unter die Nase gehaltene Rosenwasser, dass die aufgelösten und zu sehr getrennten Geister sich wieder sammeln; es ernährt sie gleichsam. Dagegen vertreiben die Opiate durch ihre boshafte und feindliche Beschaffenheit die Geister gänzlich. Werden sie deshalb äusserlich angewendet, so entflieht sofort der Geist aus dem betreffenden Theile und kehrt nicht leicht zurück; werden sie eingenommen, so steigen ihre Dünste zu Kopf und verzehren die in den Höhlen des Gehirns vorhandenen Geister; da bei diesem Zurückziehen die Geister nirgends einen Ausweg haben, so fliessen sie zusammen, verdichten sich, und manchmal verlöschen und ersterben sie gänzlich. Werden dagegen diese Opiate mässig eingenommen, so stärken sie durch eine zufällige Vermittelung, nämlich durch die aus dem Zusammentreten entstehende Verdichtung, die Geister, machen sie kräftiger und beseitigen ihre unnützen und erregenden Bewegungen. Deshalb sind sie für die Heilung der Krankheiten und die Verlängerung des Lebens sehr zuträglich. Auch die Vorbereitungen der Körper für Aufnahme der Kälte darf man nicht übersehen; so friert das laue Wasser schneller als das ganz kalteDies ist ein Irrthum; wenn Baco hier wirklich durch eine Beobachtung dazu verleitet worden ist, so hat er wahrscheinlich die Bewegung übersehen. Zum Gefrieren gehört Ruhe des Wassers; vielleicht war nur sein laues Wasser ruhig, während der kalte Bach oder Fluss in Bewegung blieb. u. s. w. Da die Natur die Kälte so sparsam bietet, so muss man es wie die Apotheker machen, die, wenn die Sache nicht einfach zu haben ist, das aus ihr Folgende erfassen, das Quid pro Quo, wie sie es nennen; z. B. das Aloeholz für den Holzbalsam, die Kassia statt des Zimmtes. In ähnlicher Weise muss man die der Kälte am nächsten stehenden Zustände aufsuchen, d. h. die Mittel, welche neben der Kälte diejenige Verdichtung der Körper herbeiführen, welche eigentlich die Kälte als ihr Werk vollbringt. Dergleichen Verdichtungen scheint es, so viel sich jetzt übersehen lässt, vier zu geben. Die erste geschieht durch einfaches Zusammenstossen; damit ist für eine dauernde Dichtigkeit wenig zu erreichen, denn die Körper springen zurück; aber unterstützend kann dieses Verfahren von Bedeutung werden. Die zweite geschieht durch die Zusammenziehung der gröberen Theile eines Körpers, nachdem die feineren Theile sich verflüchtigt haben, wie dies bei dem Härten der Metalle durch das Feuer mit wiederholtem Verlöschen geschieht. Die dritte geschieht durch den Zusammentritt der gleichartigen und festesten Theile eines Körpers, die vorher zerstreut und mit weniger festen vermengt waren. Dies geschieht z. B. bei der Wiederherstellung des sublimirten Quecksilbers, das als Pulver einen viel grösseren Raum einnimmt als das einfache Quecksilber; Aehnliches geschieht bei jeder Reinigung des Metalls von seinen Schlacken. Die vierte Verdichtung geschieht durch Uebereinstimmung, indem man das annähert, was durch seine geheime Kraft verdichtet. Dergleichen Uebereinstimmung ist selten bemerkbar; allein darüber kann man sich nicht wundern, da vor Entdeckung der Formen und inneren Gestaltungen für die Ermittelung dieser Uebereinstimmungen wenig zu hoffen ist. Rücksichtlich der thierischen Körper giebt es unzweifelhaft mancherlei Arzneien, welche, äusserlich oder innerlich angewendet, durch eine solche Uebereinstimmung verdichten. Dagegen zeigt sich dieser Vorgang bei dem Leblosen selten. Durch Schriften oder mündliche Mittheilung hat sich allerdings das Gerücht von einem Baum verbreitet, der auf einer der Kanarischen oder Tercerischen Inseln fortwährend Tropfen fallen lässt und so die Einwohner leicht mit etwas Wasser versorgt.Cardanus erwähnt dieses Baumes in seinem Werke: »De varietate rerum«; von ihm hat Baco diese Fabel wahrscheinlich entlehnt. Uebrigens hätte Baco der Birkenwein, welcher aus dem Safte der Birken im Frühjahr gezogen wird, näher gelegen. – Auch Paracelsus sagt, dass das »Sonnenthau« genannte Kraut sich am Mittag bei brennender Sonne mit Thau überziehe, während alle anderen Kräuter vertrocknen. Indess halte ich beide Erzählungen für Fabeln; wären sie jedoch wahr, so wären es Fälle von der grössten Bedeutung, welche die genaueste Untersuchung verdienten. Auch jener Honigthau, der gleich dem Manna im Mai auf den Blättern der Eichen angetroffen wird, wird nicht von einer Uebereinstimmung entstehen und sich verdichten und auch keine Eigenthümlichkeit der Eiche sein; denn er fällt auch auf andere Blätter und hält nur auf den Eichenblättern länger vor, da diese dicht und nicht so schwammig wie die anderen sind.Hier zeigt sich eine Vorsicht und strengere Prüfung der Thatsachen, die bisher vielfach von Baco verabsäumt worden ist.

Dagegen steht die Macht und Menge der Wärme dem Menschen in Ueberfluss zu Gebote; bei einzelnen und sehr nothwendigen Dingen fehlt aber noch die Beobachtung und Untersuchung, da sie nur vereinzelt auftreten. Man erforscht und betrachtet nur die Werke der stärkern Hitze; aber die der gelinden Wärme, die vorzüglich innerhalb der natürlichen Wege sich zeigen, werden nicht durch Versuche ermittelt und sind unbekannt. So geschieht es, dass man durch jene hochgeschätzten vulkanartigen Oefen die Geister der Körper sehr erhöht; ebenso lässt man in starken Wassern und einigen chemischen Oelen die fühlbaren Stoffe verhärten und nach Vertreibung des Flüchtigen fest werden; gleichartige Theile trennt man; selbst ungleichartige Theile werden in grober Weise gemischt und zu einem Körper verbunden. Durch dieses Mittel wird hauptsächlich die Verbindung der zusammengesetzten Körper und die feinere innere Gestaltung zerstört und verwirrt. Statt dessen hätte man indess die Werke der gelinden Wärme erproben und erforschen sollen, aus denen die feinern Mischungen und die gewöhnlichen innern Gestaltungen sich erzeugen und entwickeln. Man hätte hier dem Beispiel der Natur und der Wirksamkeit der Sonne folgen sollen, wie in dem Artikel über die Fälle des Bündnisses an Einigem gezeigt worden ist. Die Wirksamkeit der Natur vollzieht sich in viel kleinern Theilen und in genauem und mannichfaltigem Verhältnissen im Vergleich zu den Wirkungen des Feuers, das man jetzt benutzt. Der Mensch wird erst dann seine Macht vergrössert haben, wenn er durch künstliche Wärme und Kräfte die Werke der Natur im Einzelnen darstellen, mit höherer Kraft ausstatten und der Zahl nach vervielfältigen kann.

Dazu gehört auch die Abkürzung der Zeit. Denn das Rosten des Eisens braucht lange Zeit, während die Umwandlung in Erz schnell geschieht; ebenso braucht der Grünspan viel Zeit, die Herstellung des Bleiweisses nur wenig. Der Krystall zieht sich langsam zusammen, das Glas wird schnell geblasen. Die Steine wachsen langsam, die Ziegeln werden schnell gebrannt u. s. w.

Einstweilen müssen alle besondern Vorgänge der Wärme mit ihren verschiedenen Wirkungen sorgfältig und fleissig gesammelt und überall aufgesucht werden. Dahin gehören die Himmelskörper mit ihren Strahlen, sowohl den geraden wie den zurückgeworfenen, gebrochenen und durch Brennspiegel vereinigten, die Blitze, die Flammen, die brennenden Kohlen, das Feuer, je nach dem verschiedenen Brenn-Material, das offene, das verschlossene, das eingeengte und das verbreitete Feuer, endlich das durch den verschiedenen Bau der Oefen veränderte Feuer, das Feuer, was durch Blasen gesteigert ist oder ruhig und nicht angefacht wird, das Feuer in grosser oder geringer Entfernung, das Feuer, was durch unterschiedene Medien hindurchwandert. Die feuchte Wärme z. B. bei den Marien-Bädern,Balneum mariae. Das richtige Wort ist Balneum maris womit damals die Prozedur bezeichnet wurde, welche den zu erwärmenden Gegenstand in ein Gefäss stellte und dies in ein anderes mit heissem Wasser brachte, wodurch sich die Hitze des letztern jenem gelinde mittheilte, wie man dies noch heutzutage mit der Kaffeekanne thut, die man in heisses Wasser setzt, um den Kaffee warm zu halten und doch nicht aufkochen zu lassen. Das umgekehrte Verfahren geschieht bei dem Eiskühler der Weine. Das Wort balneum maris wurde von den Franzosen bain marie ausgesprochen, da sie das s nicht hören liessen, und daraus hat sich denn das balneum mariae gebildet. bei dem Mist, bei der thierischen Wärme, äusserlich oder innerlich, bei dichtgepacktem Heu, die trockene Hitze der Asche, des Kalkes, des heissen Sandes, endlich die Wärme jeder Art und jeden Grades überhaupt. Insbesondere sind die Wirkungen und Werke der hinzutretenden und wieder abtretenden Wärme nach ihren Graden und ihren Folgen, nach ihren Perioden und den bestimmten Entfernungen und Zeiträumen durch Versuche und Beobachtungen festzustellen. Denn diese hier bestehende Ungleichheit ist in Wahrheit eine Tochter des Himmels und die Mutter der Erzeugung. Dagegen kann man von der heftigen oder plötzlichen oder springenden Hitze nichts Grosses erwarten, wie bei den Pflanzen sich klar zeigt. Selbst in der Gebärmutter der Thiere herrscht eine grosse Ungleichheit in der Wärme, je nach der Bewegung, dem Schlafe, der Ernährung und den Leidenschaften der weiblichen trächtigen Thiere.Dies ist falsch, und Baco hätte nach den zu seiner Zeit schon geschehenen Entdeckungen des Blutumlaufs von Harvey dies wissen können; aber freilich hätte er dann sein Prinzip verlassen müssen, wonach der Wechsel der Temperatur die Mutter, d. h. die Ursache der Erzeugung ist. Auch dieses Prinzip ist nur aus rohen und oberflächlichen Beobachtungen entlehnt. Endlich besteht diese Ungleichheit auch in den Geburtsstätten der Erde, wo sich die Metalle und Erze bilden. Um so auffallender ist die Unwissenheit einiger Alchymisten der neuen Schule, welche durch die gleichbleibende Hitze der Lampen und anderer stets in gleicher Weise brennenden Vorrichtungen ihre Wünsche verwirklichen zu können glauben.

So viel über die Wirkungen und Ergebnisse der Wärme. Eine vollständige Ergründung derselben ist indess nicht eher an der Zeit, als bis die Formen der Dinge und die innere Gestaltung der Körper genauer erforscht und bekannt geworden sind. Erst wenn das Einzelne bekannt ist, lassen sich die passenden und entsprechenden Instrumente herstellen.

Die vierte Art der Wirksamkeit geschieht durch den Zeitablauf; dieser ist gleichsam der Ausgeber und Wiedereinnehmer der Naturvorräthe und zum Theil auch deren Vertheiler. Ich verstehe darunter den Fall, wenn ein Körper eine erhebliche Zeit sich selbst überlassen bleibt, während welcher er durch eine äussere Kraft geschützt und vertheidigt wird. Dann zeigen und vollziehen sich die innern Bewegungen, wo die äussern und von aussen kommenden fehlen. Die Ergebnisse des Zeitablaufs sind viel feiner als die des Feuers. So könnte keine solche Klärung des Weines durchs Feuer bewirkt werden, wie sie die Zeit bewirkt; selbst die Umwandlung in Asche geschieht durch das Feuer nicht so vollkommen, wie die Auflösung und Vorzehrung durch den Ablauf von Jahrhunderten bewirkt wird. Ebenso bleiben die Umwandlungen zu einem Körper und die Mischungen, die plötzlich und schnell durch Feuer geschehen, weit hinter denen, welche der Zeitablauf vollführt, zurück. Ebenso wird die ungleiche und verschiedene innere Gestaltung der Körper, welche wie die Fäulniss im Zeitverlauf beginnt, durch Feuer und starke Hitze zerstört. Doch ist es merkwürdig, dass die Bewegungen der ganz verschlossenen Körper etwas von der gewaltsamen Bewegung an sich haben; es ist, als ob das Gefängniss die freien Bewegungen des Körpers hemmte. Deshalb ist der Zeitablauf bei offenen Gefässen wirksamer zur Trennung, bei geschlossenen Gefässen aber wirksamer zur Mischung, und in solchen, die nicht luftdicht geschlossen sind, wirksamer zur Fäulniss. Indess müssen die Fälle für die Wirksamkeit und Thätigkeit der Zeit sorgfältig gesammelt werden.

Die Leitung der Bewegung, welche die fünfte Verfahrungsart bildet, vermag viel. Ich verstehe darunter den Fall, wo ein Körper von selbst einem andern begegnet und damit dessen Bewegung hemmt, zurückstösst, aufnimmt oder leitet. Diese Fälle kommen vorzüglich nach den Gestalten und Verhältnissen der Gefässe zum Vorschein. So befördert die Form eines aufrechten Kegels die Verdichtung der Dünste in den Destillirhelmen; die Form eines verkehrten Kegels befördert die Reinigung des Zuckers von den Schmutztheilen.Diese Fälle zeigen deutlich, wie Baco überall zu schnell bei den Aeusserlichkeiten stehen bleibt und dadurch Unterschiede annimmt, wo in Wahrheit für die wirkende Kraft keine vorhanden sind. Ein Fall der Art ist schon früher vorgekommen, wo Baco den leichten Körpern eine besondere Kraft, gen Himmel zu steigen, zutheilt. Ebenso ist es hier dieselbe Kraft, welche die Dünste, die leichter als Wasser sind, nach oben steigen und die Schmutzstoffe, die schwerer sind, nach unten sinken lässt. Davon ist es nur eine Folge, dass für Dünste der aufrechte Kegel, für Schmutzstoffe der umgekehrte Kegel am besten passt. Manchmal ist eine Einbiegung und Verengerung nöthig, welche mit einer Erweiterung abwechselt u. s. w. Davon sind die Durchseihungen bedingt, wo der entgegentretende Körper einem Theile des andern den Weg frei macht, ihn aber für den andern Theil verstopft. Diese Durchseihung sowie andere Leitungen der Bewegung geschehen nicht immer von aussen, sondern auch durch Körper im Körper. So wirft man Steine in das Wasser, um ihren Schmutz niederzuschlagen, so klärt man den Syrup mit Eiweiss; die gröbern Theile hängen sich an und können dann getrennt werden.Baco verwechselt hier chemische Vorgänge mit mechanischen. Dieser Leitung der Bewegung schreibt Telesius leichthin und fälschlich die Gestalt der Thiere zu, welche vermittelst der Riefen und Ausweitungen der Gebärmutter gebildet werden soll.So plump ist die Theorie des Telesius nicht; er lässt erst ein System von Adern sich bilden, und diese legen sich an einzelne Stellen der Gebärmutter und vermitteln so die Ernährung. De rerum natura, VI., 4, 40. Allein er hätte dieselbe Gestaltung an dem Eidotter beobachten können, obgleich da weder Runzeln noch Unebenheiten vorhanden sind. Doch ist es richtig, dass durch diese Leitung der Bewegung sich die ersten Bildungen in den Formen und Vorbildnern vollziehen.

Die Wirkungen der Uebereinstimmung oder Flucht, welche die sechste Art bilden, sind meist ganz verborgen. Was man geheime und spezifische Eigenschaften, Sympathien und Antipathien nennt, ist meistentheils Trug der Philosophie. Man kann für die Uebereinstimmung der Dinge auf keine Entdeckungen rechnen, so lange nicht die Formen und die innern Gestaltungen der einfachen Körper entdeckt sind. Denn die Uebereinstimmung ist nur das gegenseitige Gleichmaass der Formen und innern Gestaltungen.Baco verwirft hier die Sympathien und Antipathien, und mit Recht. Allein er benutzt statt deren die »Uebereinstimmungen« (Consensus) und diese sind im Grunde nur die Uebersetzung der griechischen »Sympathien«.

Die bedeutendern und allgemeinern Uebereinstimmungen sind nicht unbekannt; ich will deshalb mit ihnen beginnen. Der vornehmste und grösste Unterschied hierbei ist, dass manche Körper in der Menge oder im Mangel des Stoffes sehr von einander abweichen und doch in ihrer Gestaltung übereinstimmen; andere stimmen dagegen in dieser Menge oder diesem Mangel des Stoffes überein, aber weichen in der Gestaltung ab. So bemerken die Chemiker in ihren drei Prinzipien richtig, dass der Schwefel und das Quecksilber gleichsam durch die Gesammtheit der Dinge hindurchwandert; dagegen gilt dasselbe nicht von dem Salz;Schwefel, Quecksilber und Salze galten der damaligen Chemie als die drei ersten Wesenheiten der Körper, insbesondere war dies ein Grundsatz des Paracelsus. man hat es nur angenommen, um die trocknen, erdigen und festen Körper zu erklären. In jenen zweien zeigt sich daher eine der verbreitetsten Uebereinstimmungen der Natur; so stimmen der Schwefel, das Oel und die fetten Dünste, die Flamme und vielleicht auch die Körper der Sterne überein. Auf der andern Seite besteht eine Uebereinstimmung zwischen Quecksilber, Wasser und wässrigen Dünsten, Luft und vielleicht dem zwischen den Sternen befindlichen reinen Aether. Diese zwiefache Vierzahl oder grossen Klassen der Dinge sind jedes in seiner Art nach Menge und Dichtigkeit des Stoffes ausserordentlich verschieden, aber in der Gestaltung stimmen sie sehr überein, wie sich aus Vielem ergiebt. Dagegen stimmen die Metalle in der Menge und Dichtigkeit, namentlich den Pflanzen gegenüber, sehr überein, während sie in der innern Gestaltung sehr verschieden sind. Ebenso wechselt bei den Pflanzen und Thieren die innere Gestaltung ausserordentlich, während der Grad ihrer Menge oder Dichtigkeit an Stoff nur wenig verschieden ist.

Die allgemeinste Uebereinstimmung nächst dieser besteht zwischen den Körpern und den Herden ihrer Entstehung, d. h. ihren erzeugenden Stoffen und ernährenden Mitteln. Deshalb muss man untersuchen, in welchem Klima, in was für Erde und bis zu welcher Tiefe die einzelnen Metalle sich bilden; dasselbe gilt von den Edelsteinen, sowohl denen, die im Gestein, als die in den Erzen entstanden sind. Ebenso ist zu ermitteln, in welchem Erdboden die einzelnen Bäume, die Fruchtpflanzen und Gräser am besten fortkommen und gedeihen; ebenso, welche Art von Düngung für die einzelnen am förderlichsten ist, ob Mist, oder Kreide, oder Meersand, oder Asche u. s. w., und welche Arten davon nach Unterschied der Erde am besten passen und fördern. Ferner ist das Pfropfen und Okuliren bei den Bäumen und Sträuchern zu prüfen und deren Grund zu ermitteln; es hängt sehr von der Uebereinstimmung ab, welche Pflanzen hierbei am besten an andern fortkommen. Hier wäre der Versuch, von dem ich kürzlich hörte, ganz zweckmässig, nämlich das Pfropfen der Bäume im Walde, während man bisher es nur in Gärten geübt hat. Die Blätter und Eicheln würden dadurch an Umfang zunehmen, und die Bäume würden schattiger werden.

Ebenso müssen die Nahrungsmittel für die Thiere jeder Gattung, sowie das, was nicht dazu taugt, festgestellt werden; denn die fleischfressenden können sich nicht von Kräutern ernähren; deshalb ist der Orden der Feuillant's ziemlich erloschen, welcher, obgleich der Mensch über seinen Körper mehr als die Thiere vermag, doch in seinen Regeln mehr forderte, als die menschliche Natur ertragen kann, und dies zur Ausführung brachte.Die Kenntniss dieses Ordens schreibt sich bei Baco wahrscheinlich von seinem Aufenthalte in Frankreich her. Johann v. Baviere stiftete diesen Orden 1573 in der Cisterienser Abtei von Feuillans, woher der Name kommt. Sie hatten sehr strenge Regeln; selbst Eier, Fische, Butter, Oel, ja sogar Salz war ihnen verboten und so blieb ihnen nur eine Suppe von Kräutern in Wasser gekocht und ein Brot so grob und schwarz, dass selbst das Vieh es nicht fressen mochte. Ebenso müssen die mancherlei faulenden Stoffe, aus denen die kleinen Thiere sich erzeugen, verzeichnet werden.

Die Uebereinstimmung der Hauptkörper mit ihren Nebenkörpern, wozu die hier erwähnten gehören, ist sehr deutlich und erkennbar. Dahin gehört auch die Uebereinstimmung der Sinne mit ihren Gegenständen; sie ist sehr bekannt, gut beobachtet und eifrig erörtert; sie kann deshalb für die weniger bekannten Uebereinstimmungen Aufklärung gewähren. Dagegen sind die innern Uebereinstimmungen der Körper, sowie ihr Fliehen oder ihre Freundschaften und ihre Kämpfe, denn die Worte »Sympathie« und »Antipathie« sind mir wegen ihres abergläubischen und nutzlosen Gebrauchs zuwider, noch wenig bekannt, da sie theils fälschlich vertheilt, theils mit Fabeln vermengt, theils übersehen worden sind. Sagt man z. B., dass zwischen dem Weinstock und dem Kohl eine Unverträglichkeit bestehe, weil sie neben einander schlecht gedeihen, so kommt dies vielmehr davon, dass beide Pflanzen saftig und aussaugend sind, mithin eine der andern die Nahrung wegnimmt; und wenn man behauptet, dass zwischen den Saaten und Kornblumen oder wildem Pfeffer eine Uebereinstimmung und Freundschaft bestehe, weil diese Pflanzen nur in bebautem Lande wachsen, so hätte man vielmehr sagen sollen, es bestehe eine Feindschaft zwischen ihnen, weil der Pfeffer und die Kornblumen sich aus demjenigen Saft der Erde bilden und entwickeln, welchen die Saaten zurückgelassen und von sich gestossen haben; die Saaten bereiten die Erde nur zu deren Wachsthum vor. Solcher falschen Verbindungen giebt es eine grosse Menge. Beseitigt man noch die Fabeln, so bleibt nur eine geringe Zahl von Uebereinstimmungen, welche auf sichern Versuchen beruhen, wie die zwischen Magnet und Eisen, zwischen Gold und Quecksilber u. s. w. Auch bei den chemischen Versuchen mit Metallen kommen einige merkwürdige vor; die meisten finden sich noch in den Arzneimitteln, welche nach ihren verborgenen Eigenthümlichkeiten Specifica heissen und auf bestimmte Glieder oder Säfte oder Krankheiten oder andere besondere Zustände wirken.

Auch die Uebereinstimmungen zwischen den Bewegungen und Zuständen des Mondes und den Zuständen der irdischen Körper sind beachtungswerth; sie können aus den Erfahrungen beim Ackerbau, der Schifffahrt und bei der Arzneikunst gesammelt und davon entlehnt werden; doch muss dabei eine strenge und redliche Auswahl getroffen werden. Je seltener die allgemeinen Fälle geheimer Uebereinstimmungen sind, desto sorgfältiger müssen sie aus zuverlässigen und sichern Mittheilungen und Erzählungen entlehnt werden; es darf dabei nicht leichtsinnig und leichtgläubig verfahren werden, sondern mit ängstlicher und misstrauischer Sorgfalt.

Es ist nun noch die Uebereinstimmung der Körper in der Art ihrer Wirksamkeit übrig; sie geschieht zwar ohne Kunst, ist aber von vielfältigem Gebrauch und deshalb nicht zu übersehen, sondern sorgfältig zu beobachten. Es ist das Zusammentreten oder die Vereinung der Körper durch blosses Zusammen- oder Aneineinander-Stellen. Sie vollzieht sich bald leicht, bald schwer; denn manche Körper mischen und vereinen sich leicht und gern, andere schwer und ungern. So vereinen sich Pulver leicht mit Wasser, Kalk und Asche leicht mit Oelen u. s. w. Hier sind nicht blos die Fälle zu sammeln, wo Körper eine Hinneigung oder Abneigung zur Mischung haben, sondern auch wo eine solche zu einer bestimmten Stellung und Vertheilung ihrer Bestandteile nach der Mischung besteht oder zu einer Vorherrschaft, nachdem die Mischung geschehen ist.

Es bleibt noch die letzte von den sieben Verfahrungsweisen: die, welche in dem Wechsel und der Veränderung der sechs vorgehenden besteht. Ehe hier das Einzelne nicht näher untersucht sein wird, wäre es unzweckmässig, Beispiele anzuführen. Die Reihe oder Kette, in welcher hier der Wechsel, je nach der zu erzielenden Wirkung erfolgen muss, ist sehr schwer zu erkennen, aber für die Praxis höchst wichtig. Am meisten schadet hierbei die Ungeduld, wenn man bei solchen Versuchen und Arbeiten sich nicht bezähmen kann, obgleich doch bei grossen Arbeiten dieses Mittel dem Faden des Labyrinths gleicht. – So viel zur Erläuterung des Gemeinnützigen.

51.

Zu den vornehmsten Fällen rechne ich siebenundzwanzigstens und letztens die magischen Fälle. Ich zähle dazu die, wo der Stoff oder das Wirkende so fein und klein im Verhältniss zur Grösse des Ergebnisses und der folgenden Wirkung ist, dass solche Fälle, selbst wenn sie oft vorkommen, doch Wundern gleichen, bei manchen für den ersten Anblick, bei manchen selbst nach genauerer Betrachtung. Die Natur bietet solche Fälle von sich allein aus nur selten; aber was sie leisten wird, wenn erst ihr Busen erschlossen, und die Formen, Prozesse und innern Gestaltungen entdeckt sein werden, wird die spätere Zeit erfahren. Diese zauberhaften Wirkungen vollziehen sich, so viel ich bis jetzt vermuthen kann, auf dreifache Art. Entweder vervielfältigt sich der Gegenstand, wie z. B. das Feuer, die sogenannten spezifischen Gifte und auch die Bewegungen, die von Rad zu Rad übergehen,Was hier Baco meint, ist schwer zu entnehmen, da dergleichen zauberhafte Experimente jetzt nicht mehr in Gebrauch sind. Vielleicht meint er bei dem Feuer die Vervielfältigung nur deshalb, weil nach seiner frühern Darstellung das Feuer stets erlischt und ein neues dafür eintritt; ebenso vervielfachen sich die Gifte in dem Körper durch die Ansteckung, gleich der Gährung durch Hefe. Die Bewegung von Rad zu Rad bezieht sich wohl auf Maschinen, z. B. auf Flaschenzüge, wo die Bewegung des einen Rades sich dem andern mittheilt, ohne selbst zu erlöschen. oder sie erfolgen durch eine Erregung oder Einladung eines andern Gegenstandes, wie bei dem Magnet, welcher ohne Verlust oder Verminderung seiner Kraft unzählige Nadeln magnetisch machen kann, was auch bei den Gährungen und Aehnlichem stattfindet, oder durch Forttreibung der Bewegung, wie bei dem Schiesspulver, den Bomben und bei den Hebeln gezeigt worden ist, von denen die beiden ersten noch der Ermittelung der Uebereinstimmung, und der dritte noch der Feststellung des Maasses der Bewegung bedürfen.

Ob es aber ein Mittel giebt, die sogenannten kleinsten Körper zu verändern und die feinere Gestaltung des Stoffes zu wechseln, wodurch überhaupt die Umwandlung der Körper erfolgt, und wodurch dann die Kunst in kurzer Zeit das erreichen könnte, was die Natur nur auf vielen Umwegen mühsam erreicht, darüber fehlen bis jetzt noch die genügenden Anhaltspunkte, und sowie ich in dem Ernsten und Wahren das Aeusserste und Höchste erstrebe, so hasse ich ebenso sehr das Eitle und Aufgeblasene und schlage es nieder, so viel ich vermag.

52.

So viel über die wichtigern oder vornehmsten Fälle. Ich muss aber bemerken, dass ich in diesem meinem Organon die Logik, nicht die Philosophie behandle;D. h. Baco will noch nicht die Gesetze und Erkenntniss der Natur selbst geben, sondern in seinem Organon nur ein Mittel bieten, sie zu finden. aber meine Logik belehrt und unterrichtet den Geist, und zwar nicht so, dass sie, wie die gemeine Logik, mit den feinen Schlüsselchen des Verstandes nur das Abstrakte von den Dingen erfasst und ergreift, sondern so, dass sie die Natur wahrhaft zerlegt, die Kräfte und Wirksamkeit der Körper und deren nach den Stoffen bestimmten Gesetze entdeckt, damit die Wissenschaft nicht blos aus der Natur des Geistes, sondern aus der Natur der Dinge abfliesse. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn diese Wissenschaft überall aus Beobachtungen und Versuchen rücksichtlich der Natur-Gegenstände, nach dem Beispiel meiner Kunst sich zusammensetzt und erläutert.

Nach dem bisher Vorgetragenen giebt es also 27 vornehmere Fälle, nämlich:

  1. Die isolirten Fälle;
  2. die wandernden Fälle;
  3. die aufzeigenden Fälle;
  4. die verborgenen Fälle;
  5. die begründenden Fälle;
  6. die übereinstimmenden Fälle;
  7. die Fälle einziger Art;
  8. die ableitenden Fälle;
  9. die beschränkenden Fälle;
  10. die Fälle der Macht;
  11. die Fälle der Freundschaft und Feindschaft;
  12. die zugehörigen Fälle;
  13. die Bündniss-Fälle;
  14. die Kreuzes-Fälle;
  15. die Scheidungs-Fälle;
  16. die Fälle der Thüre;
  17. die herbeiholenden Fälle;
  18. die Wege-Fälle;
  19. die ergänzenden Fälle;
  20. die zerschneidenden Fälle;
  21. die Fälle der Ruthe;
  22. die Fälle des Wagens;
  23. die Gaben der Natur;
  24. die Fälle des Kampfes;
  25. die andeutenden Fälle;
  26. die gemeinnützigen Fälle und
  27. die Fälle der Magie.

Der Nutzen dieser Fälle, wodurch sie die gewöhnlichen Fälle übertreffen, erstreckt sich im Allgemeinen entweder auf die Belehrung oder auf die Herstellung von Werken, oder auf Beides. Als Belehrung unterstützen sie entweder die Sinne oder den Verstand; so unterstützen die fünf Fälle der Lampe die Sinne. Der Verstand wird unterstützt, wenn das zur Form nicht Gehörige schneller hervortritt, wie bei den isolirten Fällen, oder wenn das Bejahende der Form näher gebracht und angedeutet wird, wie dies bei den wandernden, den andeutenden, den begleitenden und zugehörigen Fällen geschieht, oder wenn der Verstand aufgerichtet und zu den Gattungen und gemeinsamen Eigenschaften geleitet wird, wie dies bei den verborgenen, den Fällen einziger Art und Bündniss-Fällen, und zwar unmittelbar geschieht, oder bei den begründenden Fällen in näherem Grade, oder bei den gleichartigen in sehr schwachem Grade, oder wenn der Verstand von seinen Angewöhnungen weg auf den rechten Weg gebracht wird, wie in den ableitenden Fällen, oder wenn er zur grossen Form oder zur Werkstätte des Weltalls geführt wird, wie bei den beschränkenden Fällen, oder wenn er vor falschen Formen und Ursachen gewarnt wird, wie bei den Fällen des Kreuzes und der Scheidung.

Was die Herstellung von Werken anlangt, so zeigen diese Fälle der Praxis entweder den Weg, oder sie geben ihr das Maass, oder sie unterstützen sie sonst. Ersteres geschieht durch Angabe dessen, womit der Anfang zu machen ist, damit man nicht das schon Gethane noch einmal thue; dahin gehören die Fälle der Macht, oder es wird das Ziel gezeigt, wenn die Kraft erlangt worden, wie bei den andeutenden Fällen geschieht. Das Maass geben jene vier mathematischen Fälle; die Unterstützung gewähren die gemeinnützigen und die magischen Fälle.

Von diesen siebenundzwanzig Fällen müssen manche, wie ich bei einzelnen oben gezeigt habe, gleich vom Anfang ab gesammelt werden, und man darf damit nicht bis zur besondern Untersuchung bestimmter Eigenschaften warten. Dahin gehören die gleichförmigen, die einzigen, die ableitenden, die beschränkenden Fälle; ebenso die Fälle der Macht, der Thüre, die andeutenden, die gemeinnützigen und die magischen Fälle. Diese helfen und bessern entweder den Verstand und die Sinne, oder sie unterrichten im Allgemeinen die Praxis.

Dagegen brauchen die übrigen erst dann gesammelt zu werden, wenn es zur Aufstellung der Uebersichts-Tafeln kommt, um zur Erklärung bei einer besondern Eigenschaft zu dienen. Diese durch dergleichen Vorzüge ausgezeichneten Fälle bilden gleichsam die Seele unter den gemeinen Fällen der Uebersicht, und von jenen sind, wie ich schon gesagt, wenige schon so viel werth als dort viele. Deshalb müssen diese bei Aufstellung der Tafeln mit aller Sorgfalt aufgesucht und eingetragen werden; es ist dies für das Folgende unentbehrlich; deshalb muss auch die Erörterung mit ihnen begonnen werden.

Jetzt habe ich nun zu den Unterstützungen und Berichtigungen der Induktion überzugehen; dann zu den Verbindungen und zu den verborgenen Prozessen und innern Gestaltungen und zu den übrigen, in dem Art. 21 aufgezählten Gegenständen, damit ich wie ein rechtschaffener und treuer Verwalter den menschlichen Geist aus seiner Unterwürfigkeit befreie, gleichsam grossjährig werden lasse und so der Menschheit ihren Reichthum erkennen lasse. Daraus muss nothwendig eine Verbesserung der menschlichen Zustände und eine Vergrösserung der menschlichen Macht über die Natur hervorgehen.Baco verspricht hiernach ausdrücklich die Fortsetzung seines Werkes; allein sie ist nie erfolgt, obgleich er noch sechs Jahre in voller Musse lebte und in dieser Zeit viele andere Schriften aus dem Gebiet der Geschichte, der Rechtswissenschaft und Naturwissenschaft verfasst und insbesondere an dem übrigen Theile seiner Instauratio magna gearbeitet hat. Dies kann umsomehr auffallen, als Baco das Organon mit Vorliebe behandelt, zwölf Jahre ununterbrochen daran gebessert und es für das beste seiner Werke erklärt hat. Allein näher betrachtet, ergiebt sich, dass Alles, was er hier am Schluss als noch zu bringen aufzählt, entweder in dem Obigen schon vorausgenommen war oder Dinge betraf, wo er selbst keine weitere Auskunft geben konnte. Denn die Untersuchungen und Berichtigungen der Induktion sowie das Uebrige in Art. 21 Erwähnte sind in den bisher behandelten 27 vornehmsten Fällen schon überall beiläufig mitgegeben worden. Die geheimen Prozesse und innern Gestaltungen der Dinge aber kannte Baco selbst noch nicht; er war trotz seiner Methode bis zu ihnen nicht vorgedrungen und konnte deshalb darüber nichts bieten. Was er davon bei Einzelnem, wie bei der Wärme und bei der weissen Farbe, erkannt zu haben glaubte, war ebenfalls im Vorgehenden schon mitgetheilt. Es kann deshalb sachlich das Werk als vollendet angesehen werden, und deshalb hat es Baco wohl auch äusserlich nicht fortgesetzt.

Denn der Mensch hat durch den Sündenfall seinen Stand der Unschuld und seine Herrschaft über die Geschöpfe verloren; aber Beides lässt sich schon in diesem Leben einigermassen wiederherstellen; das Eine durch die Religion und den Glauben, das Andere durch die Künste und Wissenschaften. Denn die erschaffene Welt ist durch den Fluch nicht durchaus und bis auf das Aeusserste widerspenstig gemacht worden, sondern sie kann in Folge jenes Ausspruchs: »Im Schweisse Deines Angesichts sollst Du Dein Brod essen«, durch mancherlei Arbeit, aber freilich nicht durch Disputationen und nutzlose Zauberformeln, zuletzt wenigstens theilweise so weit unterworfen werden, dass sie dem Menschen sein Brod gewählt, d. h. den Zwecken seines Lebens dient.Ein allgemeines Urtheil über den Werth dieses Werkes ist in der Vorrede gegeben worden, und die einzelnen Erläuterungen zu dem Texte werden hoffentlich die Beweise dazu beigebracht haben. – Baco ist ein genialer Kopf; er erkennt die Mängel der damaligen Wissenschaft und Gelehrsamkeit im Prinzip und spricht dies in blendenden Gleichnissen und kräftigen Sätzen aus; aber so wie er an die Arbeit im Einzelnen geht, verfällt er selbst den Irrthümern, die er eben gerügt hat. Einmal liegt dies in der grossen Schwierigkeit, mit der selbst ein grosser Mann sich den angelernten Begriffen und dem Geist seiner Zeit entziehen kann; anderntheils ist es die Folge davon, dass Baco nicht die nöthige Ruhe sich gönnte, um sein Prinzip auch in der Anwendung auf das Einzelne aufmerksam zu verfolgen. Dies lag theils in der Universalität seines Geistes, der auf das Allgemeine und die Umfassung aller Gebiete mehr als auf die Erkenntniss des Einzelnen gerichtet war, theils in seiner überwiegenden Leidenschaft für politische Thätigkeit und in seinem unverwüstlichen Ehrgeiz nach staatlicher Macht und Geltung. Deshalb blieb er auch ein Gegner seiner grossen Zeitgenossen, des Kepler, Gilbert, Galilei u. s. w., obgleich gerade Diese dasjenige praktisch vollführten, was er in seinem Organon als die Aufgabe der neuen Zeit hinstellt. Baco's Mangel an mathematischen Kenntnissen und seine zerstreuenden Beschäftigungen mit Politik und Jurisprudenz hinderten ihn an dem ernsten Studium der Werke jener grossen Männer und liessen ihn beinahe, wie Don Quichote gegen die Windmühlen, einen Kampf gegen die Scholastiker führen, obgleich sie von jenen grossen Männern seines und des vorgehenden Jahrhunderts bereits besiegt waren und nur noch in dem Schlendrian der Schulen ein Scheinleben fortführten.
  Trotz alledem haben Baco's Schriften einen Reiz und üben einen Zauber auf den Leser, den man erst inne wird, wenn man Werke anderer und selbst bedeutender Schriftsteller aus jener Zeit daneben aufschlägt. Selbst Descartes erscheint dann matt und ohne Reiz. Gerade die Höhe, in der sich Baco hält, und die Blitze, mit dem sein Geist auf jeder Seite in kernigen Sentenzen, in treffenden Gleichnissen, in kraftvollen Worten hervorbricht, üben eine magische Gewalt und lassen gleich den grossen Augen und der hohen Stirn eines Antlitzes die Fehler vergessen, die man sonst an demselben wohl auszusetzen hätte. Vor Allem erquickend und labend wirken die Schriften Baco's für einen Leser, der durch die leere Breite, die Phrasen und die abgedroschenen Gedanken der meisten modernen philosophischen Werke bis zum Tode erschöpft ist.

 

Ende des zweiten Buchs des Neuen Organon.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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