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Neues Organon

Francis Bacon: Neues Organon - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Bacon
titleNeues Organon
publisherVerlag von L. Heimann
editorJ. H. v. Kirchmann
year1870
translatorJ. H. v. Kirchmann
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Eintheilung des Werkes.

Das Werk hat sechs Theile; davon handelt

der erste von der Eintheilung der Wissenschaften;

der zweite von dem Neuen Werkzeuge oder von den Mitteln zur Erklärung der Natur;

der dritte von den Erscheinungen des Weltalls oder von der beobachtenden Naturbeschreibung, als Unterlage der Philosophie;

der vierte von der Leiter der Erkenntniss;

der fünfte von den Vorläufern oder von den im Voraus aus der zweiten Philosophie entlehnten Sätzen;

der sechste von der zweiten Philosophie oder von der thätigen Wissenschaft.Diese Eintheilung bezieht sich noch auf die ganze Instauratio, von der das Organon nur den zweiten Theil bildet. Baco veröffentlichte sie schon mit dem Organon, um wenigstens eine Uebersicht zu bieten und die Stelle des Organon in dem Systeme zu bezeichnen. Die Erläuterung der einzelnen Ueberschriften wird später folgen.

*

Inhalt der einzelnen Theile.

Es gehört zu meiner Aufgabe, Alles so klar und offen als möglich darzulegen; denn die Nacktheit der Seele ist, wie ehedem die des Körpers, die Gefährtin der Unschuld und Einfalt. Deshalb ist zunächst die Anordnung und die Eintheilung des Werkes aufzuzeigen. Ich sondere es in sechs Theile.

Der erste Theil giebt eine Uebersicht der allgemeinen Darstellung aller Wissenschaften oder Lehren, in deren Besitz die Menschheit sich jetzt befindet. Es schien rathsam, auch bei dem jetzt Geltenden etwas zu verweilen, um desto leichter dem Alten seine Vollendung und dem Neuen den Eintritt zu bereiten; denn ein gleicher Eifer treibt mich zum Ausbau des Alten wie zur Erwerbung von Neuem. Auch hilft dies das Vertrauen wecken, nach dem Ausspruche: »Der Thor hört nicht auf die Worte der Wissenschaft, bevor ihm nicht gesagt worden, was in seinem Herzen vorgeht.« Deshalb werde ich nicht versäumen, die Küsten der vorhandenen Wissenschaften und Künste zu besuchen und gleichsam im Vorbeifahren mancherlei Nützliches zuzuführen.

Die Eintheilung der Wissenschaften nehme ich aber so, dass sie nicht blos das Entdeckte und Bekannte, sondern auch das bisher Uebersehene und noch Nöthige mit umfasst. Denn auf der Geisteskugel giebt es, wie auf der Erdkugel, sowohl angebaute als wüste Ländereien; man wundere sich deshalb nicht, wenn ich die gewohnte Eintheilung mitunter verlasse; denn ein Zusatz, der das Ganze verändert, muss auch die Theile und Abschnitte verändern, und die hergebrachten Eintheilungen entsprechen nur dem jetzigen Vorrath des Wissens.

In Bezug auf das bisher Uebersehene werde ich nicht blos inhaltslose Bezeichnungen aufstellen, sondern bestimmt angeben, was gefordert wird. Sollte hierbei Manches vorkommen, was schwer fasslich erscheint, und muss ich deshalb fürchten, dass man meine Absicht und das Werk, was ich in Gedanken habe, nicht recht verstehen möchte, so werde ich bei allen erheblichen Fällen solcher Art stets entweder die Anleitung zur Verfertigung solcher Werke beifügen, oder auch einen von mir bereits gefertigten Theil davon zur Veranschaulichung des Ganzen hinzufügen, um im Einzelnen mit Rath und That zu Hülfe zu sein. Denn nicht blos der Nutzen Anderer, sondern auch die Rücksicht auf meinen eignen guten Ruf verlangt von mir den Nachweis, dass nicht blos oberflächliche Begriffe von solchen Dingen meine Seele durchzogen haben, und dass das, was ich fordere und mir vorsetze, mehr ist als ein blosser frommer Wunsch. Im Gegentheil ist es der Art, dass die Menschen, wenn sie nicht selbst verzagen, die volle Macht dazu haben, und dass ich selbst in mir den bestimmten und deutlichen Begriff davon trage. Denn es ist nicht meine Absicht, wie die Vogelschauer, zur Erforschung des Kommenden die Himmelsgegenden im Geiste abzustecken, sondern als Führer einzutreten, mit dem Willen, mich nützlich zu machen. Dies ist der erste Theil des Werkes.Dieser erste Theil ist drei Jahre später unter dem Titel: »De augmentis et dignitate scientiarum« erschienen. Bereits 18 Jahre früher, 1605, hatte Baco eine Schrift in seiner Muttersprache unter dem Titel: »Advancement of learning« veröffentlicht, welche den Kern dieser spätern enthält. Baco hat hier das erste Werk nur erweitert, und die Uebersetzung in das Lateinische rührt zum grössern Theile nicht von ihm selbst her. Dieser erste Theil ist, wie Baco hier selbst sagt, eine Encyklopädie der gesammten Wissenschaften; sie werden in drei Klassen, Geschichte, Poesie und Philosophie, eingetheilt, welche Eintheilung Baco auf die drei Vermögen der Seele, das Gedächtniss, die Einbildungskraft und die Vernunft, gründet. Obgleich dieser Eintheilungsgrund nicht zutrifft, so hat doch diese Eintheilung für die induktive Methode ihre volle Berechtigung. Bei ihr ist das Erste die Kenntniss der einzelnen Dinge; dies leistet die Geschichte; daraus erst können die allgemeinen Begriffe und Gesetze abgeleitet werden, welche den Inhalt der Philosophie bilden, zu welcher Baco auch die besondern Wissenschaften nach ihren allgemeinen Theilen rechnet. Die Poesie hat es dagegen nicht mit der Wirklichkeit, nicht mit dem Realen, sondern mit dem Idealen zu thun und bildet deshalb ein besonderes Gebiet für sich. Der hier von Baco aufgestellten Eintheilung sind auch Diderot und d'Alembert bei Aufstellung der grossen französischen Encyklopädie im vorigen Jahrhundert gefolgt. Dieser erste Theil der Instauratio ist voll tiefer und geistreicher Auffassungen, umfasst alle Gebiete des Wissens, zeigt die Lücken der noch fehlenden Wissenschaften, ist selbst für die Aesthetik und die Religionsphilosophie von hohem Interesse, und man kann zweifeln, ob er nicht wissenschaftlich höher zu stellen sei als das Neue Organon, dessen zweite Abtheilung, wie sich zeigen wird, als ein verfehltes Werk angesehen werden muss.

Nachdem ich so an den alten Künsten vorbeigefahren bin, werde ich den menschlichen Geist zur Fahrt ins offene Meer vorbereiten. Im zweiten Theile folgt deshalb die Lehre über den bessern und vollkommneren Gebrauch der Vernunft bei Erforschung der Dinge und über die wahren Hülfsmittel der Erkenntniss; damit auf diese Weise (so weit der Stand des Menschen und seiner Sterblichkeit es gestatten) der Geist erhoben werde, seine Kraft sich erweitere, und er das Steile und Dunkle in der Natur überwinde. Die Kunst, welche ich einführe (und die ich Erklärung der Natur zu nennen gewohnt bin), gehört zur Logik; obgleich sie vielfach und also auch gleichsam unendlich von ihr verschieden ist. Die gewöhnliche Logik verspricht, auch dem Verstande Hülfsmittel und Unterstützung zu gewähren und zu bereiten, und darin stimmen beide überein; dagegen unterscheidet sich die meine von der gewöhnlichen in drei Punkten; nämlich in dem Zwecke, in der Art des Beweisens und in den Anfängen der Untersuchung.

Denn das Ziel meiner Lehre ist nicht, Beweisgründe, sondern Künste zu entdecken; nicht das, was den Prinzipien entspricht, sondern diese Prinzipien selbst; nicht das blos Wahrscheinliche, sondern die bestimmte Erkenntniss der Thatsachen. So folgt aus dem Unterschied des Zweckes auch ein Unterschied in den Ergebnissen. Dort wird der Gegner durch Disputiren besiegt und gefesselt, hier wird es die Natur durch die That.

Diesen Zielen selbst entspricht auch die Natur und Form der Beweise. In der gewöhnlichen Logik wird alle Kraft auf den Syllogismus verwendet, und an die induktive Methode hat man kaum gedacht; mit wenig Worten wird sie da bei Seite geschoben, und man eilt zu den Formeln des Disputirens. Ich aber verwerfe die Beweisführung durch den Syllogismus, denn er verwirrt und lässt die Natur aus den Händen entschwinden. Wenn es auch unzweifelhaft ist, dass, wo Zwei mit einem Mittleren übereinstimmen, sie auch unter sich stimmen (was ja auch zum Theil die mathematische Gewissheit bildet), so steckt doch in dem Syllogismus insoweit ein Betrug, als er aus Sätzen und die Sätze aus Worten bestehen, die Worte aber nur die Marken und Zeichen der Begriffe sind. Hat deshalb die Seele diese Begriffe (welche gleichsam die Seele der Worte sind und die Grundlage des ganzen Baues und Werkes abgeben) schlecht und übereilt von den Dingen entlehnt, schwankend und nicht genau umschrieben und bestimmt, sondern in vieler Hinsicht mangelhaft gebildet, so bricht Alles zusammen. Deshalb verwerfe ich den Syllogismus, und nicht blos in Bezug auf die Prinzipien (wofür er auch dort nicht benutzt wird), sondern auch für jene Mittelsätze, die zwar jeder Syllogismus herausfördert und erzeugt, aber die unfruchtbar und unpraktisch und für den thätigen Theil der Wissenschaften ohne Werth sind. Ich überlasse deshalb dem Syllogismus und den übrigen berühmten und viel geübten Beweisführungen dieser Art die Herrschaft über die landläufigen in der Meinung sich bewegende KünsteDer Eifer, mit dem Baco den Syllogismus oder den logischen Schluss bekämpft, ist durchaus berechtigt; allein den Kern der Sache hat er dabei nicht blossgelegt. Der Mangel des Syllogismus liegt darin, dass er sich innerhalb der Identität bewegt und nie zur Erweiterung der Erkenntniss dienen kann. Der Obersatz kann nur durch Beobachtung und Induktion gewonnen werden; ebenso der Mittelsatz; die Konklusion, das eigentliche und ausschliessliche Werk des Syllogismus, ist aber nur die nichtssagende Wiederholung des Obersatzes für einen besondern, in ihm an sich schon mitenthaltenen Fall. Das Nähere hierüber ist ausgeführt B. I. 82 und Ph. d. W. 378. Insbesondere ist es irrig, wenn man meint, dass die Geometrie durch Syllogismen vorwärts schreite. Sie kleidet allerdings ihre Beweise in diese Form, aber die Hauptsache, die Feststellung des Obersatzes und die Ermittelung, dass eine neue Gestalt in sich eine Besonderung dieses Obersatzes enthalte, muss schon vor der Konklusion geschehen sein. Dazu hilft kein Syllogismus, vielmehr dienen dazu insbesondere die Hülfskonstruktionen (B. I. 83). Die Konklusion giebt auch in der Geometrie der an sich schon gewonnenen Erkenntniss nur die schwerfällige logische Form. – Daher kommt es auch, dass man im gewöhnlichen Leben sich des Syllogismus zur Begründung seiner Behauptungen nie bedient; nur die Prämissen werden begründet; die Konklusion ist dann selbstverständlich. Zur Erweiterung der Erkenntniss giebt es deshalb nur zwei Wege; der eine ist der der Beobachtung und Induktion, welchen Baco vertritt. Der andere gestaltet den Syllogismus der alten Logik in die spekulativ-dialektische Entwickelung um, wie es bei Hegel geschieht. Selbst diese zweite Methode kann den in der Identität verharrenden Syllogismus nicht gebrauchen, sondern behauptet, dass aus dem Gegensatz zweier abstrakteren Begriffe durch spekulative Vereinigung ein höherer Begriff von neuem Inhalt hervorgehe. Beide Methoden stimmen also in der Verurtheilung des Syllogismus überein; er ist nur ein Spielwerk für grosse Kinder. (mit denen ich nichts zu thun habe), und ich werde für die Natur der Dinge mich der Induktion überall, sowohl zu den niedern wie zu den höhern Aufgaben, bedienen. Induktion nenne ich aber das Beweisverfahren, welches die sinnliche Wahrnehmung festhält, auf die Sache eindringt und den Werken nahe steht und beinahe daran Theil nimmt.Auch die wichtige Methode der Induktion wird hier von Baco nicht entsprechend entwickelt; man kann das leicht ersehen, wenn man Stewart Mill's berühmtes Werk über die deduktive und induktive Methode damit vergleicht. Ueberhaupt ist dieses Werk Mill's sehr für das Studium von Baco zu empfehlen; es enthält eine grosse Bereicherung der Baconischen Methode. – Baco umfasst hier unter Induktion auch die Wahrnehmung und Beobachtung des Einzelnen; allein streng genommen, ist die Induktion nur die Ableitung allgemeiner Sätze aus einer Mehrheit solcher einzelnen Fälle. Deshalb bedarf sie so vieler Vorsicht und Hülfsmittel, und deshalb bleiben alle ihre Gesetze mit einer Unsicherheit in Bezug auf ihre Allgemeingültigkeit behaftet, welche allerdings die Anhänger dieser Methode nicht eingestehen wollen; weder Baco noch Mill wollen es.

Auch die Regeln des Beweisens werden dabei völlig verändert; denn bisher pflegte man so zu verfahren, dass man von dem sinnlich Wahrgenommenen und Einzelnen sofort zu dem Allgemeinsten sich erhob, als zu jenen festen Polen, um die alle Disputationen sich drehen. Von diesen wurde das Weitere durch Mittelsätze abgeleitet.Beispiele zu diesem falschen Verfahren werden später vorkommen. Es ist natürlich, dass das Ergebniss der Induktion um so mehr an Zuverlässigkeit und Bestimmtheit verlieren muss, je allgemeiner das aus wenigen einzelnen Fällen abgeleitete Gesetz lautet; denn desto weniger ist der Umfang seiner Geltung durch so wenige Fälle gestützt. Ein solcher Weg ist allerdings kurz, aber auch gefährlich; von der Natur führt er ab, aber zum Disputiren ist er bequem und verführerisch. Nach meiner Weise werden dagegen die Lehrsätze im Zusammenhange und nach und nach aufgestellt, und erst zuletzt gelangt man zu dem Allgemeinsten. Dieses Allgemeinste tritt dann aber nicht in selbst gemachten Begriffen auf, sondern wohl begrenzt und so, wie es die Natur als ihr zugehörig anerkennt, und wie es den Dingen in dem Marke steckt.

Vorzugsweise behandele ich hierbei die Form der Induktion und den daraus sich ergebenden Satz. Jene Form, welche die Dialektiker erwähnen, und welche auf der einfachen Zählung beruht, ist ein kindisches Geschäft; sie kommt nur zu bittweisen Sätzen, bleibt den Gefahren entgegengesetzter Fälle ausgesetzt, hat nur das Gewohnte im Auge und findet den Ausgang nicht.Diese Induktionsart, »per enumerationem simplicem«, ist die, wo einige positive Fälle zur Ableitung einer allgemeinen Regel benutzt werden, und diese Regel für wahr gilt, blos weil sie in diesen Fällen zutrifft. Allein diese Methode vergisst, dass daneben Fälle bestehen können, die dieser Regel entgegenstehen, und wo ein einziger Fall hinreicht, sie zu widerlegen. Deshalb legt Baco auf die ausschliessende Methode so grossen Werth, welche durch Beibringung solcher verneinender Fälle darlegt, dass die per enumerationem simplicem gefundene Regel entweder falsch oder zu weit gefasst worden ist.

Die Wissenschaften bedürfen vielmehr eines solchen induktiven Verfahrens, was die Erfahrung auflöst und trennt, und was erst, nachdem das Erforderliche ausgeschlossen und beseitigt worden, zu den Schlussfolgerungen gelangt. Hat nun schon jene gebräuchliche Weise der Dialektiker Mühe gemacht und grosse Geister beschäftigt, wie viel mehr Anstrengung ist dann nöthig, wenn das Gesuchte nicht blos aus dem erreichbaren Inhalt der Seele, sondern auch aus den Eingeweiden der Natur herausgezogen werden soll?

Aber damit ist das Ziel noch nicht erreicht. Denn auch die Fundamente der Wissenschaften lege ich tiefer und fester nach unten und den Anfang der Untersuchung stecke ich höher, als es bis jetzt geschehen ist, indem ich auch das der Untersuchung unterwerfe, was die gewöhnliche Logik auf Treue und Glauben annimmt. Die Dialektiker borgen die Prinzipien der einen Wissenschaft bei der andern wechselsweise; dann beugen sie sich in Ehrfurcht vor den obersten Begriffen des Geistes, und zuletzt beruhigen sie sich bei der unmittelbaren Kundgebung der gesunden Sinne. Ich meine aber, dass die wahre Logik die einzelnen Gebiete der Wissenschaften mit einer wahren Macht betreten muss, die über deren eigene Prinzipien hinausgeht, und dass auch diese vermeintlichen Prinzipien sich erst über ihre Gestaltung zu rechtfertigen haben. Was aber die obersten Begriffe des Verstandes anlangt, so ist mir Alles, was der Verstand in seiner Isolirung sich ausgedacht hat, verdächtig; ich erkenne es nicht an, bevor es sich nicht einer neuen Untersuchung unterworfen hat, und nur so, wie da der Spruch gefällt werden wird.Unter »obersten Begriffen des Geistes oder Verstandes« meint Baco hauptsächlich das, was B. I. 31 die Beziehungsformen des Denkens genannt worden ist. Es sind Begriffe, die kein Seiendes abspiegeln, sondern nur Formen des Denkens, mittelst deren die Seele das Seiende auf einander bezieht, um dadurch den Inhalt desselben sich inniger zu eigen zu machen und für den leichten Gebrauch des Wissens theils zu verknüpfen, theils zu sondern. Diese Beziehungsformen werden sehr leicht mit den Begriffen des Seienden verwechselt, und man meint durch eine Bearbeitung jener auch eine Erkenntniss des Seienden selbst gewonnen zu haben. Auf dieser Täuschung beruht das ganze Wesen der scholastischen Philosophie. Dies ist es, was Baco hier mit Recht bekämpft, wobei freilich die besondere Natur der Beziehungsformen ihm noch unklar bleibt. Auch die Auskunft der Sinne prüfe ich auf vielfache Art; denn die Sinne täuschen wohl, aber sie zeigen auch ihre Irrthümer an; die Irrthümer sind freilich sofort da, während ihre Berichtigung weit hergeholt werden muss.

Der Fehler der Sinne ist ein zwiefacher; entweder lassen sie uns im Stich, oder sie täuschen. In erster Hinsicht giebt es Vieles, was selbst den vollkommen gesunden und unbehinderten Sinnen entgeht, sei es, dass der Gegenstand überhaupt zu fein ist, oder die Theile zu klein sind, oder dass die Entfernung zu gross, oder die Bewegung zu langsam oder zu schnell ist, oder weil der Gegenstand zu bekannt ist, oder aus andern Gründen. Aber auch da, wo die Sinne die Sache erfassen, sind ihre Wahrnehmungen nicht immer zuverlässig. Denn das Zeugniss und die Kundgebung der Sinne geschieht immer nur in Beziehung auf den Menschen, nicht in Beziehung auf das Weltall, und es ist ein grosser Irrthum, zu behaupten, dass die Sinne das Maass der Dinge seien.Protagoras sagte: Der Mensch ist das Maass der Dinge. Diesen Ausspruch wendet Baco hier auf die Sinneswahrnehmung an. Der Satz will sagen, das Zeugniss oder die Kunde, welche die Sinne geben, ist nicht rein gegenständlich (in Beziehung auf das Weltall), sondern durch die Wirksamkeit der Sinne selbst verändert und deshalb mit subjektiven Zuthaten vermischt (in Beziehung auf den Menschen).

Um dem entgegenzutreten, habe ich mit vieler und ernster Arbeit von allen Seiten die Hülfe für die Sinne aufgesucht und herbeigeholt, damit der Mangel durch den Inhalt und das Schwankende durch das Richtige ersetzt werde. Nicht Instrumente, sondern Experimente benutze ich dazu.Weil die Instrumente wohl die Sinne schärfen, aber die ihnen anhaftenden subjektiven Zuthaten nicht beseitigen; dies können nur Experimente, d. h. das auf solche sich stützende vergleichende und trennende Denken. Deshalb giebt der Sinn nur Kunde über den Versuch; aber der Versuch giebt durch das auf ihn sich stützende Denken Kunde über die Sache selbst. Denn die Feinheit der Versuche übertrifft die der Sinne, wenn sie von guten Instrumenten unterstützt werden. (Ich meine die Versuche, die für einen bestimmten Zweck mit Umsicht und Geschick erdacht und ausgeführt werden.) Deshalb gebe ich auf die unmittelbare und eigentliche Sinneswahrnehmung nicht viel, sondern ich richte die Sache so ein, dass der Sinn nur über den Versuch, der Versuch aber über die Sache das Urtheil fällt. Deshalb habe ich die Sinne (von denen im Natürlichen Alles entnommen werden muss, wenn man nicht irrsinnig reden will) zu den kirchlichen Thürstehern und zu den erfahrenen Auslegern der Orakel erhoben; und während Andere nur in Worten die Sinne vertheidigen und ehren, thue ich es in Wirklichkeit.Baco will damit sagen, dass alle Erkenntniss des äusserlich Seienden auf der Sinnes-Wahrnehmung beruht; sie giebt nicht unmittelbar die Wahrheit; allein sie bleibt doch der einzige Weg (Thürsteher, Ausleger), auf dem der Inhalt des Seienden erreicht werden kann, wenngleich er noch einer Reinigung bedarf. Es sind damit genau die Fundamentalsätze des Realismus (B. I. 68) ausgesprochen, wenn auch nicht in voller Deutlichkeit und Schärfe.

Solcher Art ist das, was ich für die Erleuchtung der Natur, für die Anzündung und das Eindringen des Lichtes vorbereite. Es würde für sich genügen, wenn der menschliche Geist geebnet und aller Inhalt, wie bei einer Tafel, in ihm ausgelöscht wäre; allein die Geister der Menschen sind wunderlich verhüllt, und es fehlt die getreue und glatte Fläche, um die Strahlen der Dinge richtig aufzufangen; deshalb muss auch hierfür ein Hülfsmittel gesucht werden.

Die Götzenbilder, welche die Seele erfüllen, sind entweder von aussen gekommen oder angeboren. Erstere dringen entweder aus den Aussprüchen und Sekten der Philosophie oder aus den verkehrten Beweisregeln in die Geister der Menschen. Die angebornen hängen dem Geiste von Natur an; er neigt viel mehr als die Sinne dem Irrthume sich zu. Denn so sehr man auch sich darin gefällt, den menschlichen Geist zu bewundern und gleichsam anzubeten, so ist es doch ganz gewiss, dass, so wie ein unebener Spiegel die Strahlen der Gegenstände durch seine eigene Gestalt und Biegung verändert, so auch der Geist bei dem sinnlichen Wahrnehmen und bei Austrennung und Mischung seiner Begriffe seine eigene Natur mit der Natur der Gegenstände in keinesweges redlicher Weise vermengt.Die nähern Erläuterungen über die Götzenbilder (Idola) werden von Baco im ersten Buche des Organon gegeben. Wenn Baco hier nicht blos den Sinnen, sondern auch dem Denken (Geist) Täuschungen beilegt, so sind darunter theils die übereilt und mangelhaft gebildeten Begriffe zu verstehen, theils die Verwechselung der Beziehungsformen mit Begriffen des Seienden; darauf beziehen sich wohl auch die gleich folgenden drei Widerlegungen, welche Baco erwähnt. In Art. 115, Th. I., kommt er nochmals auf diese drei Widerlegungen zurück, ohne indess die Sache viel deutlicher zu machen. Früher hatte Baco nur drei Arten von Götzenbildern aufgestellt; später machte er vier Arten daraus.

Jene beiden ersten Arten von Götzenbildern sind schwer, die letzte aber in keiner Weise zu vertilgen; es bleibt nur übrig, dass man sie kennen lernt, und dass diese hinterlistige Kraft der Seele erkannt und gehemmt werde, damit nicht etwa aus der Zerstörung der alten Irrthümer Sprösslinge zu neuen wegen der schlechten Beschaffenheit der Seele hervorkeimen, und die Sache darauf hinausläuft, dass die Irrthümer nicht vertilgt, sondern nur vertauscht werden. Vielmehr muss es in Ewigkeit gelten und feststehen, dass der Geist nur durch Induktion und die rechte Weise derselben zur Erkenntniss gelangen kann. Deshalb schliesst die Lehre von der Reinigung des Verstandes, um ihn für die Wahrheit geschickt zu machen, mit drei Widerlegungen; mit der Widerlegung der Philosophien, mit der der Beweise und mit der der angebornen menschlichen Vernunft. Ist dies geschehen, und erhellt endlich, was die Natur der Dinge, und was die Natur des Geistes zu übernehmen hat, so meine ich das gemeinsame Brautbett für den Geist und die Welt unter dem ehestiftenden Schutz der göttlichen Liebe bereitet und geschmückt zu haben.Baco will damit sagen, dass nur die Sinneswahrnehmung und das Denken vereint (im Brautbett) das Wahre von den äussern Gegenständen (der Welt) zu erreichen vermögen; derselbe Gedanke, welchen der Realismus bestimmter dahin ausdrückt, dass nur die Verbindung der beiden Fundamentalsätze der Erkenntniss zur Wahrheit führt (B. I. 68). Der Wunsch des Hochzeitsgedichtes sei aber, dass aus dieser Verbindung Hülfe für die Menschen und ein Geschlecht von Erfindern hervorgehen möge, welche die Noth und das Elend des Geschlechts einigermassen lindern und besiegen. Dies ist der zweite Theil des Werkes.

Es ist aber rathsam, die Wege nicht blos zu zeigen und zu ebnen, sondern auch zu betreten; deshalb umfasst der dritte Theil des Werkes die Erscheinungen des Weltalls, d. h. die Erfahrungen aller Art und die Naturgeschichte, so wie sie der zu errichtenden Philosophie zur Grundlage dienen kann.Dieser dritte Theil, die Historia naturalis, wie sie Baco nennt, enthält nur die Beschreibung und Erkenntniss des Einzelnen in der Natur; also noch keine Gesetze und Regeln; diese bilden vielmehr den Inhalt der Erkenntniss des Allgemeinen, d. h. der besondern Wissenschaften oder der zweiten Philosophie, wie sie Baco nennt, welche in den drei letzten Theilen der Instauratio behandelt wird. Denn weder die ausgezeichnetste Art der Beweisführung, noch die beste Weise, die Natur zu erklären, vermag, obgleich sie den Geist gegen Versehen schützt und stützt, den Stoff des Wissens zu gewähren und zu unterbreiten. Wer nicht blos vermuthen und prophezeihen, sondern entdecken und erkennen will, und wer nicht blos die Aeffchen und Fabeln der Welt sich merken, sondern dieser wirklichen Welt Natur durchschauen und auseinanderlegen will, der muss Alles von den Dingen selbst entlehnen.Das heisst kürzer ausgedrückt: Der Inhalt des Seienden kann nicht durch das Denken, sondern nur durch das Wahrnehmen erfasst und der Seele zugeführt werden (B. I. 68). Diese Arbeit und Untersuchung und Durchwanderung der Welt kann von keinem scharfsinnigen Nachdenken und Beweisen ersetzt oder ausgeglichen werden; selbst wenn die volle Geisteskraft Aller sich vereinte. Deshalb muss man sich hierzu entschliessen, oder das Unternehmen für immer aufgeben. Bis zu dem heutigen Tag hat man es aber in einer Weise getrieben, dass man sich nicht wundern darf, wenn die Natur sich nicht zu erkennen gegeben hat.

Denn erstlich lässt die Kunde die Sinne im Stich und ist trügerisch; die Beobachtung geschieht unaufmerksam, unregelmässig und gleichsam zufällig. Die Ueberlieferungen sind eitel und beruhen auf Gerüchten; der Praxis kommt es nur auf das Werk an, und sie ist knechtischen Sinnes; die Kraft zu Versuchen ist blind, beschränkt, schwankend und voreilig; endlich ist die Naturkunde leichtfertig und hülflos, und so ist dem Geist nur der mangelhafteste Stoff für die Philosophie und die Wissenschaften geboten worden. Zuletzt sucht man, aber zu spät, in spitzfindigen Ausführungen und Wendungen eine Hülfe, ohne damit die Sache verbessern und die Irrthümer beseitigen zu können. Deshalb liegt alle Hoffnung auf eine erhebliche Vermehrung und auf den Fortschritt der Wissenschaften nur in einer gewissen Erneuerung derselben.

Eine solche hat aber mit der Naturgeschichte zu beginnen, und diese selbst muss in einer neuen Weise eingerichtet werden. Denn das Putzen des Spiegels nützt nichts, wenn die Bilder fehlen, und man muss den passenden Stoff dem Geiste gewähren und nicht blos zuverlässige Hülfsmittel beschaffen.Die »zuverlässigen Hülfsmittel« sind die verschiedenen Arten des Denkens (B. I. 10); die »Gewährung des Stoffes« geschieht durch das Wahrnehmen. Das »Putzen des Spiegels« bezeichnet die Ausbildung des Denkens; die »Bilder« bezeichnen den dem Denken durch die Wahrnehmung zugeführten Stoff. Meine Naturkunde unterscheidet sich also, wie meine Logik, vielfach von der jetzt vorhandenen; sowohl in dem Ziele oder der Aufgabe wie in dem Stoffe oder Inhalte, in der Schärfe wie in der Auswahl und in der Reihenfolge der Gegenstände.

Denn erstlich will meine Naturkunde nicht blos durch die Mannichfaltigkeit des Inhaltes ergötzen oder mit sofortigen Früchten aus den Versuchen Hülfe bringen, sondern der Auffindung der Ursachen Licht gewähren und der noch mit der Muttermilch zu nährenden Philosophie die erste Brust darreichen. Denn wenn ich auch die WerkeDie »Werke« (opera) sind ein bei Baco sehr oft wiederkehrender Begriff. Er versteht darunter alle von dem Menschen durch die Anwendung der wissenschaftlichen Regeln hervorgebrachten Erzeugnisse, welche zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse bestimmt sind; also die Häuser, die Schiffe, die Werkzeuge, die Maschinen, die Vorräthe, die Brücken, die Strassen, die Waffen u. s. w.; ohne Unterschied, ob diese Dinge blos der Nothdurft des Lebens dienen oder der Bequemlichkeit und dem Luxus. Der »thätige Theil der Wissenschaften« ist die Anwendung ihrer Regeln zur Hervorbringung solcher Werke. und den thätigen Theil der Wissenschaften vorzüglich im Auge habe, so warte ich doch die Zeit der Ernte ab und mag nicht das MoosMoos (muscus) bezeichnet wohl das Unkraut und die wilden Pflanzen überhaupt, die zwischen der Saat der Getreidepflanzen sich eindrängen. und die noch grüne Saat abmähen. Denn ich weiss wohl, dass, wenn die Lehrsätze richtig entdeckt sind, ganze Haufen von Werken von selbst nachfolgen und die Früchte nicht einzeln, sondern in Masse abfallen. Jenes unzeitige und kindische Verlangen, mit der man ein Unterpfand für neue Ergebnisse schleunigst erlangen will, verdamme ich gänzlich und weise es wie den Apfel der Atalanta zurück, weil er den Lauf hemmt.Atalanta war eine Tochter des Jason und Begleiterin der Artemis (Diana). Von ihren Freiern versprach sie den zu ehelichen, den sie im Wettlauf nicht einholen werde; wen sie aber einholte, den durchbohrte sie von hinten mit ihrem Wurfspiess. Meilanion besiegte sie mit Hülfe der Aphrodite dadurch, dass er goldene Aepfel, welche er von dieser erhalten, bei dem Wettlauf fallen liess, durch deren Auflesen Atalanta das Ziel versäumte. Derart ist die Aufgabe meiner Naturkunde.

Was aber den Stoff anlangt, so gebe ich nicht blos eine Beschreibung von der freien und gelösten Natur (wo sie nämlich von selbst fliesst und ihr Werk vollführt), wie dies bei der Beschreibung der Himmelskörper, der Lufterscheinungen, des festen Landes und der Meere, der Steine, Pflanzen und Thiere geschieht, sondern mehr noch eine Beschreibung von der gebundenen und bedrängten Natur; wenn sie durch Kunst und menschliches Zuthun aus ihrem Zustand verdrängt, gepresst und geformt wird. Deshalb werde ich in allen mechanischen Künsten, in dem ganzen ausführenden Theile der freien Künste und in aller praktischen Thätigkeit, die sich noch zu keiner besondern Kunst ausgebildet hat, die Versuche beschreiben, so weit ich sie ermitteln konnte und sie zu meiner Aufgabe gehören. Ich habe mich, um es offen zu bekennen, bei dem Luxus der Menschen und bei den Schönheiten nicht aufgehalten, sondern auf diesen Theil mehr Arbeit und Mittel als auf jenen verwendet; denn die Natur verräth sich mehr, wenn sie von der Kunst gedrängt wird, als wenn sie sich frei überlassen bleibt.Es ist der Gegensatz der blossen Beobachtung der unmittelbar von der Natur gebotenen Gegenstände und der Versuche, welche die Natur »pressen und drängen«, d. h. durch künstliche Veränderung oder Zertheilung der natürlichen Gegenstände die Wirksamkeit der Natur zu Aeusserungen, die ihre Kräfte deutlicher darlegen, nöthigen.

Ich gebe auch nicht blos eine Beschreibung von den Körpern, sondern ich habe es zu meiner Aufgabe gerechnet, auch die Beschreibung der Kräfte selbst daneben zu geben, und zwar derer, die als die obersten in der Natur gelten können, und auf denen alle Anfänge in der Natur beruhen, also die ursprünglichen Leidenschaften und Begehren des Stoffes, d. h. das Dichte, das Lockere, das Warme, das Kalte, das Feste, das Flüssige, das Schwere, das Leichte und Anderes mehr.Unter »Leidenschaften und Begehren des Stoffes« wird von Baco nur die Kraft, insbesondere auch die in der Ruhe durch Druck sich äussernde Kraft verstanden, ohne dass er damit dem Stoff ein Wissen beilegen will. In den abstrakten Eigenschaften, von denen Baco hier Beispiele aufführt, liegt die Schwäche seiner Theorie, wie sich später deutlicher ergeben wird; die meisten dieser Eigenschaften sind nur Beziehungsformen des Denkens, ohne Gegenständlichkeit. Was den Scharfsinn anlangt, so suche ich nach einer Art von Versuchen, die weit gelöster und feiner sind als die, welche sich Jedermann darbieten. Denn Vieles gewinne und ziehe ich aus der Dunkelheit hervor, dessen Aufsuchung Niemandem in den Sinn gekommen wäre, der nicht festen und beharrlichen Schrittes in der Entdeckung der Dinge vorschreitet. Denn an sich haben sie keinen Nutzen, und es ist klar, dass man sie nicht um ihrer selbst willen gesucht hat; vielmehr verhalten sie sich zu den Dingen und Werken wie die Buchstaben des Alphabetes zur Rede und zu den Worten; auch diese sind für sich ohne Werth und bilden doch die Elemente jeder Rede.

In der Auswahl der Erzählungen und Versuche glaube ich besser als Die, welche sich bisher mit der Naturkunde beschäftigt haben, für die Menschen gesorgt zu haben. Nur das, was sich auf den Augenschein und eine genaue Untersuchung stützt, habe ich, und zwar erst nach strenger Prüfung, aufgenommen. Nichts ist des Wunderbaren wegen vergrössert worden; sondern was ich mittheile, ist rein und unbefleckt von Dichtung und Eitelkeit; vielmehr habe ich die allgemein geltenden und umlaufenden Unwahrheiten (die durch eine wunderbare Nachlässigkeit vieler Jahrhunderte lange sich erhalten haben und eingewurzelt sind) einzeln bezeichnet und verbannt, damit sie die Wissenschaft nicht länger belästigen. Denn man hat bemerkt, dass die Fabeln, der Aberglaube und die Possen, welche die Ammen den Kindern beibringen, deren Seelen ernstlich verschlechtern, und deshalb bin ich auch ängstlich darauf bedacht, dass nicht gleich im Beginne, wo wir die Philosophie gleichsam in ihrer Kindheit als Naturkunde behandeln und pflegen, sie sich an Eitelkeit gewöhne. Bei jedem neuen und schwierigern Versuche habe ich, wenn mir auch das Ergebniss sicher und festgestellt schien, doch das dabei beobachtete Verfahren offen dargelegt, damit man durch die Mittheilung, wie ich das Einzelne gewonnen habe, erkenne, ob ein Irrthum dabei sich eingeschlichen haben könne, und damit sicherere und ausgewähltere Beweise erreicht werden, soweit solche möglich sind. Endlich füge ich überall die Einwürfe, die Bedenken und die Einschränkungen hinzu und vertreibe gleichsam durch Religion und Beschwörungsformeln alle Gebilde der Einbildungskraft.

Endlich ist mir bekannt, wie sehr die Erfahrung und die Beschreibung die Mittel des Geistes zerstreut, und wie schwer es ist, vom Grunde aus mit der Natur vertraut zu werden, namentlich für zartere und voreingenommene Gemüther; deshalb füge ich öfter Bemerkungen bei, die gleichsam die ersten Wendungen und Neigungen und Blicke der Naturkunde nach der Philosophie vorstellen. Dies mag den Lesern ein Pfand sein, dass sie nicht immer in den Fluthen der Naturbeschreibung festgehalten werden sollen. Gelangt man dann dahin, wo der Verstand sich thätig zu zeigen hat, so wird Alles mehr in Bereitschaft sein. Durch eine Naturgeschichte, wie sie hier gebildet worden, gewinnt man nach meiner Ansicht einen sichern und bequemen Eingang zur Natur und bereitet für den Geist den rechten und geprüften Stoff vor.

Nachdem ich so den Geist mit den zuverlässigsten Hülfsmitteln und Bundesgenossen versehen und ein tüchtiges Heer für das göttliche Unternehmen mit strengster Auswahl gesammelt habe, bleibt nur übrig, an die Philosophie selbst heranzutreten. Aber in einer so schwierigen und schwankenden Sache muss Einiges vorausgeschickt werden, theils der Belehrung wegen, theils zum vorliegenden Gebrauch.

Dahin gehört erstens, dass Beispiele zu der Untersuchung und Entdeckung nach meiner Weise und Richtung an einzelnen Fällen gegeben werden und dabei hauptsächlich solche gewählt werden, welche die vornehmsten und dabei unter sich die verschiedensten sind, damit so für jede Besonderung das Beispiel nicht fehle. Ich meine hier nicht jene Beispiele, welche zur Erklärung einzelner Vorschriften und Regeln beigefügt werden (denn dies ist in dem zweiten Theile des Werkes genügend geschehen), sondern ich verstehe darunter die Grundformen und Gestaltungen, welche das ganze Verfahren des Geistes und die stetige Wirksamkeit und Reihenfolge bei dem Erscheinenden an einzelnen hervortretenden und unterschiedenen Fällen gleichsam vor Augen stellen. Denn ich hatte bemerkt, dass in der Mathematik mit Hülfe der Figuren der Beweis leicht und klar ist, und dass ohne diese Hülfe Alles verwickelter und dunkler scheint, als es in Wahrheit ist. Deshalb habe ich für solche Beispiele den vierten Theil des Werkes bestimmt, der in Wahrheit nur eine Verdeutlichung und Anwendung des zweiten Theiles auf das Besondere ist.Den vierten Theil seines Werkes nennt Baco die »Leiter des Verstandes.« Unter Leiter versteht er die beginnende Induktion, welche von den einzelnen, in dem dritten Theil (der Naturbeschreibung) gebotenen Fällen allmählich und stufenweise sich zu Begriffen und Regeln allgemeinerer Natur, wie auf einer Leiter, erhebt und damit die Gesetze und Elemente der Natur zuletzt erreicht. Aehnlich steigt dann der Geist von diesen obersten Sätzen und Begriffen auf der Leiter wieder zur Anwendung derselben auf das Einzelne, d. h. zur Hervorbringung der Werke herab. Im vierten Theile will Baco aber nur einzelne Fälle solcher Auf- und Absteigung geben; deshalb nennt er sie Beispiele und unterscheidet sie von den Beispielen, die blos die Absicht haben, einen bereits vorhandenen Begriff oder Regel verständlich zu machen.

Der fünfte Theil soll nur für die Zeit gelten, bis das Uebrige vollendet ist; er wird als Zins gegeben, so lange man das Kapital nicht haben kann.Dieses zierliche Gleichniss, was freilich nicht recht passt, kehrt öfters wieder; so in Art. 115 und 116. Denn ich verfolge mein Ziel nicht mit so verdüstertem Blick, dass ich das Nützliche, was auf meinem Wege liegt, übersehe. Ich bilde deshalb den fünften Theil des Werkes aus dem, was ich entdeckt oder untersucht oder erweitert habe, und zwar nicht mittelst der blossen Deduktion und der Auslegungsregeln, sondern durch Anwendung derselben Geisteskraft, welche zu deren Aufsuchung und Erfindung gedient hat. Da in Folge meines steten Verkehrs mit der Natur ich grössere Dinge erwarte, die über meine schwachen Kräfte hinausgehen, so mögen jene einzelnen Entdeckungen gleichsam als Herbergen gelten, welche dem Wege entlang aufgerichtet worden sind, damit der Geist auf seinem Wege zur Wahrheit in ihnen etwas ausruhe. Indess erkläre ich vorläufig ausdrücklich, dass ich Alles, was nicht in der richtigen Weise der Naturerklärung gefunden und geprüft worden ist, keinesweges festgehalten wissen will. Niemand wird diese Vorsicht im Urtheilen missbilligen bei einer Lehre, welche zwar nicht behauptet, dass man überhaupt nichts wissen könne, aber doch, dass man nur auf dem rechten Wege und durch das rechte Verfahren etwas wissen kann. Diese Lehre stellt deshalb einstweilen gewisse Grade der Gewissheit zur Benutzung und Erleuchtung auf, bis der Geist zur Erklärung der Ursachen gelangt ist. Denn selbst jene Philosophen-Schulen, welche einfach an der Zurückhaltung des Urtheils festhalten, standen nicht hinter jenen zurück, welche in ihren Behauptungen sich alle Freiheiten erlaubten. Jene haben sich nur nicht die Hülfe der Sinne und des Verstandes bereitet, wie ich es thue, sondern den Glauben und die Gewissheit völlig aufgehoben, was ein durchaus anderes und entgegengesetztes Verfahren ist.Der Unterschied des fünften Theiles von dem vierten und sechsten ist kein systematischer, sondern liegt nur in der Methode. An sich bilden der vierte, fünfte und sechste Theil die Wissenschaft und Philosophie, zu der der dritte Theil, als die Beschreibung des Einzelnen, die Unterlage gegeben hat. Sie fallen deshalb sachlich zusammen, und nur weil Baco nicht dazu gelangte, den sechsten Theil auszuarbeiten, begnügte er sich, die Ergebnisse seiner neuen Methode an einzelnen Gegenständen und einzelnen Eigenschaften darzulegen. Der fünfte Theil enthält solche vorläufigen Ergebnisse, die deshalb noch auf keine unbedingte Gültigkeit Anspruch machen; der vierte Theil giebt die Veranschaulichung der Methode, welche das Organon in allgemeinen und grossen Zügen dargelegt hat. Hätte Baco seine Instauratio vollendet, so würde er wahrscheinlich diese Eintheilung nicht beibehalten haben; sie ist nur stehen geblieben, weil sein Unternehmen unvollendet blieb.

Endlich erschliesst und bringt der sechste Theil meines Werkes (dem die andern nur dienen und vorarbeiten) die Philosophie, wie sie aus einer solchen hier dargelegten, und vorbereiteten reichlichen, keuschen und strengen Untersuchung hervorgeht und sich erhebt. Diesen letzten Theil zu vollenden und zu Ende zu führen, ist eine Aufgabe, die meine Kräfte und meine Hoffnungen übersteigt. Ich habe einen, hoffentlich nicht zu verachtenden Anfang gemacht, das Ende wird das Geschick des menschlichen Geschlechts so gewähren, wie bei jetziger Lage der Dinge und dem gegenwärtigen Zustand der Geister man wohl nicht leicht es erfassen und übersehen kann. Denn es handelt sich nicht blos um das Glück der Wissenschaften, sondern in Wahrheit um die Lage und das Glück der Menschheit und um die Macht zu allen Werken. Denn der Mensch, als Diener und Dolmetscher der Natur, wirkt und erkennt nur so viel, als er von der Ordnung der Natur durch seine Werke oder seinen Geist beobachtet hat; darüber hinaus weiss und vermag er nichts. Denn keine Kraft vermag die Kette der Ursachlichkeit zu lösen oder zu brechen, und sie wird nur besiegt, wenn man ihr gehorcht. Deshalb fallen jene Zwillingsziele, die menschliche Wissenschaft und die menschliche Macht, in Eins zusammen, und die meisten Werke misslingen aus Unkenntniss der Ursachen.

Und darin ist Alles enthalten, dass man das geistige Auge nie von den Dingen selbst wegwende, und dass man deren Bilder ganz so, wie sie sind, aufnehme. Denn Gott wird es nicht gestatten, dass ich einen Traum meiner Einbildung als das Exemplar der Welt biete; vielmehr wird er mir gnädig beistehen, dass ich eine Offenbarung und ein wahres Gesicht von den Spuren und Zeichen des Schöpfers in seinen Geschöpfen niederschreibe.Ist eine Anspielung auf die Offenbarung (Apokalypsis) Johannis.

O Gott Vater, der Du das sichtbare Licht als erste Schöpfung gewährt hast und das geistige Licht bis zu dem Gipfel Deiner Werke dem Antlitz des Menschen eingeflösst hast, schütze und leite Du das Werk, was von Deiner Liebe ausgegangen ist und nur Deinen Ruhm wiederholt! Du hast, als Du Dich umwandtest, um die Werke zu schauen, die Deine Hand geschaffen hatte, gesehen, dass Alles sehr gut war, und hast ausgeruht. Aber wenn der Mensch sich zu den Werken seiner Hand wendet, sieht er, dass Alles Eitelkeit des Geistes ist, und er wird in keiner Weise ruhen. Wenn ich also in Deinen Werken mich anstrenge, so mache Du mich Deiner Einsicht und Deines Sabbaths theilhaftig. Ich bitte demüthig, dass ein solcher Geist mir bewahrt bleibe, und dass Du mit neuen Almosen durch meine Hände und die Hände Derer, denen Du gleichen Sinn schenkst, die menschliche Familie ausstatten wollest!

*

Der erste Theil der Wiederherstellung der Wissenschaften
fehlt.

Er enthält die Eintheilung der Wissenschaften.

Zum Theil kann dieser aus dem zweiten Buche des Werkes: »Ueber die Fortschritte in göttlicher und menschlicher Lehre«, entnommen werden.Dieser ganze Titel ist so wörtlich abgedruckt, wie die Originalausgabe ihn bietet. Da Baco mit dem zweiten Theile, dem Organon, anfing, aber doch den Titel des ganzen Werkes vorsetzte, so war er zu dieser Erläuterung genöthigt. Das angezogene Werk war 1605 unter dem Titel: Advancement of Learning in englischer Sprache erschienen.

Es folgt:

Der zweite Theil der Erneuerung der Wissenschaften,
welcher die Kunst der Naturerklärung und eines richtigem Gebrauchs des Verstandes enthält; doch nicht in der Form einer richtigen Abhandlung, sondern nur in der Hauptsache auf einzelne Sätze gebracht.

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