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Neues Organon

Francis Bacon: Neues Organon - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Bacon
titleNeues Organon
publisherVerlag von L. Heimann
editorJ. H. v. Kirchmann
year1870
translatorJ. H. v. Kirchmann
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Franz Baco von Verulam's Leben und Schriften.

Franz Baco, der zweite Sohn des Nicolas Baco, Gross-Siegelbewahrers von England, wurde am 21. Januar 1561 in London geboren. Sein Vater stammte aus einer angesehenen Familie Englands, bekleidete die höchsten Staatsämter und war ein hochbegabter Mann und Freund der Wissenschaften. Seine Mutter war die Tochter des Anton Cook; sie hatte eine vortreffliche Erziehung genossen und verstand Griechisch und Latein. Schon als Kind zeichnete sich Fr. Baco durch witzige Antworten aus. Eines Tages fragte ihn die Königin Elisabeth nach seinem Alter, und er antwortete sofort: »Ich bin um zwei Jahre jünger als Ihrer Majestät glückliche Regierung.« Elisabeth nannte ihn gern ihren kleinen Siegelbewahrer.

Mit zwölf Jahren trat Baco in das Dreieinigkeits-Kollegium bei der Universität Cambridge und machte so schnelle Fortschritte, dass er seine Studien schon nach drei Jahren beendet hatte. Während dieser Universitätsjahre beschäftigte sich Baco viel mit den Schriften von Aristoteles und Plato. Er suchte mit ausdauerndem Fleisse aus den Citaten der alten Schriftsteller auch die Systeme der älteren griechischen Philosophen wieder vollständig herzustellen; daher seine genaue Kenntniss aller philosophischen Systeme der Griechen. Wenn auch Baco in seinem »Organon« Plato und Aristoteles heftig angreift, so hat er doch im Allgemeinen eine grosse Achtung vor ihnen bewahrt. In seiner Instauratio magna sagt er ausdrücklich: »Wer Plato und Aristoteles nicht zu den grössten Geistern des menschlichen Geschlechts rechnet, der versteht entweder ihre Systeme nicht oder ist parteiisch.«

Bald nach seiner Rückkehr von der Universität schickte ihn sein Vater mit dem englischen Gesandten an den französischen Hof nach Paris. Hier wurde er zu mehreren schwierigen Aufträgen benutzt, deren er sich mit Geschick entledigte; auch war es seine Absicht, länger in Frankreich zu bleiben, aber der Tod seines Vaters rief ihn 1780 nach England zurück. In seiner Schrift ›Sylva Sylvarum‹ erzählt Baco, dass drei oder vier Tage vor seines Vaters Tode er in Paris geträumt habe, wie seines Vaters Landhaus ganz in einen schwarzen Schleier eingehüllt gewesen, und stellt über diese Vision naturwissenschaftliche Betrachtungen an.

Sein Erbtheil war, da er sich in den Nachlass mit vier Brüdern und drei Schwestern zu theilen hatte, nur klein; Baco wurde deshalb Advokat, trat in die Zunft der Advokaten in Gray's-Inn und erwarb sich bald durch Kenntnisse, Fleiss und angenehmes Wesen zahlreiche Freunde. Allein schon damals beschränkte sein Geist sich nicht auf die Jurisprudenz und eine vereinzelte Wissenschaft; seine Beobachtungen richteten sich auf das ganze Gebiet des Wissenswerthen, und der Plan zu seinen späteren grossen Werken entwickelte sich allmählich bestimmter in seiner Seele. Seine erste, 1586 vollendete Schrift unter dem Titel: »Die grösste Geburt der Zeit«, ist verloren gegangen; indess ist das Meiste davon in seine spätere: »Valerius Terminus«, übergegangen, von welcher Schrift Heinrich Cuffe damals sagte: »Ein Narr konnte und ein Weiser mochte ein solches Werk nicht schreiben.« In demselben Jahre verfasste er sein »Lob der Wissenschaft«, welches von den gröbsten Schmeicheleien für die damals 53jährige Königin Elisabeth angefüllt ist; er wünscht ihr darin Glück, »dass die weissen und rothen Rosen (Anspielung auf die früheren politischen Parteien in England) auf ihrem Gesicht Frieden geschlossen haben« u. s. w. Baco suchte auf jede Weise in den Staatsdienst zu gelangen, und weniger durch diese Schmeicheleien als durch seinen Ruf als Advokat gelang es ihm auch endlich, zum ausserordentlichen Staatsrath und Kron-Advokaten ernannt zu werden. Dies genügte indess seinem Ehrgeiz nicht; er versuchte alle Mittel, eine Stelle von grösserem politischen Einfluss zu erlangen. Im Jahre 1591 schrieb er in dieser Beziehung an seinen Onkel, Lord Burleigh, damaligen Schatzkanzler: »Ich wage es, mich Ew. Lordschaft zu empfehlen; ich bin nicht mehr jung; in 31 Jahren fallen gar viele Sandkörner in der Sanduhr nieder. Meine Gesundheit ist jetzt, Gott sei Dank, wieder kräftig und hindert mich nicht in meiner Thätigkeit, obgleich keine Thätigkeit angreifender ist als Studium und Nachdenken, welche meine regelmässige Beschäftigung bilden. Ich habe immer eine besondere Stelle in dem Dienste Ihrer Majestät mir gewünscht; nicht aus Ehrgeiz, denn mein Leben ist der Wissenschaft geweiht; aber um einer Königin zu dienen, der alle Talente ihrer Unterthanen angehören. Auch meine beschränkten Vermögensverhältnisse nöthigen mich zu dieser Bitte; ich bin kein Verschwender, aber meine Lebensweise und die Pflege meiner Gesundheit verursachen mir viele Ausgaben. Endlich ist mein Ehrgeiz im Gebiete der Wissenschaft so schrankenlos, wie bescheiden in dem Gebiet der Politik; denn ich zähle alle Wissenschaften zu meiner Aufgabe. Gelingt es mir, sie von zwei Klassen von Räubern zu befreien, von denen die eine durch leichtsinniges Disputiren und thörichtes Geschwätz, die andere durch lügnerische Berichte und groben Betrug der Wissenschaft Schaden bringen, so hoffe ich an deren Stelle sorgfältige Beobachtungen, begründete Wahrheiten, nützliche Erfindungen und Entdeckungen zu setzen. Diese Hoffnung, mag man sie Menschenliebe oder kindische Neugierde oder eitle Ruhmsucht nennen, hat in meinem Geiste so tiefe Wurzeln geschlagen, dass sie nicht mehr herausgerissen werden kann. Ich bitte deshalb nicht um eine Stelle, die mehr von mir verlangt, als ich leisten kann. Sollte Ew. Herrlichkeit mich abweisen, so will ich zwar Anaxagoras' Beispiel nicht nachahmen, der die Armuth erwählte, um ungestörter den Wissenschaften leben zu können; aber ich werde mein Erbtheil verkaufen und ein kleines Gut pachten oder eine einträgliche Stelle kaufen, die ich durch einen Andern verwalten lassen kann, um dann als armer Schriftsteller zu leben und als einfacher Bergmann in dem Schacht der Wahrheit zu arbeiten, dessen Tiefe so gross sein soll. Dies sind nicht blos Worte, sondern meine innigsten Gedanken; ich theile sie ohne Verstellung, ohne Künstelei, ohne Rückhalt Eurer Herrlichkeit im Vertrauen mit« u. s. w.

Kein Dokument bezeichnet deutlicher wie dies den Charakter Baco's und seine ihn beherrschenden Leidenschaften, politischer Ehrgeiz und Liebe zu den Wissenschaften. Trotzdem gelang es ihm nicht, während der Regierung der Königin Elisabeth, eine einflussreichere Stellung zu gewinnen. Selbst sein Abfall von der Opposition als Mitglied des Parlaments brachte ihn nicht weiter. Baco wendete sich deshalb von dem Premierminister Lord Burleigh weg zum Grafen Essex, dem erklärten Günstling der Königin, und drängte diesen mit Briefen und Bitten, dass er ihm eine höhere Stelle im Staatsdienst verschaffe. Allein auch Essex, welcher ihm wohl wollte und im Privatleben viele Freundlichkeiten erwies, vermochte hier nichts, weil Burleigh mit seinem Anhang, welcher den Einfluss Baco's fürchtete, sich widersetzte.

1595 schreibt deshalb Baco an den Grafen Essex: »Weil mir Alles fehlschlägt, werde ich, im Fall die Königin mir meine jetzige Bitte nochmals abschlagen sollte, keinen falschen Schritt thun, der meinem Gewissen widerstreitet, sondern ich werde mit ein paar Freunden, meine Ungnade, den Ruhm, den ich mir erworben und mich selbst in der Universität Cambridge begraben und dort den Rest meines Lebens den Studien und dem Nachdenken widmen.« Baco war damals sogar Willens, sein Vaterland zu verlassen. Ein anderer Brief von 1596 an Essex lautet: »Mein Vermögen ist gering, und ich bin mit Schulden belastet und brauche Hülfe. Mein Vater wollte mich bevorzugen; aber vielmehr hat er mich wie den zuletzt Gekommenen behandelt. Ich selbst habe mehr nach Rechtlichkeit als Reichthum gestrebt und bereue dies nicht.« – »Mir liegt an der Beschäftigung als Advokat nichts; ich werde jede Stelle annehmen, welche die Königin mir verleihen möchte. Die Jurisprudenz kostet mir zu viel Zeit, und meine Zeit habe ich für ein höheres Ziel bestimmt. Für einen Philosophen giebt es noch eine bessere Beschäftigung, als die Pandekten zu studiren; die Jurisprudenz ist für mich ein Zahn, den man sich ausziehen lassen will. Schon als Knabe, wo ich noch wenig von Philosophie verstand, war ich in einem solchen Fall erst zufrieden, wenn die Operation geschehen war.« – Trotzdem schrieb Baco damals ein Werk: »Die Anfangsgründe des englischen gemeinen Rechts«, welches ihm Ruhm und allgemeine Anerkennung einbrachte. 1597 erschienen seine Essay's über Moral und Politik (die später in das Lateinische übersetzten »Sermones Fideles«), welche er seinem Bruder Anton mit den Worten widmete: »Ich mache es wie ein Weinbergsbesitzer, der schlechte Nachbarn hat. Um den Dieben zuvorzukommen, pflücke ich die Trauben, ehe sie reif sind. Diese Aufsätze gleichen Halben-Pfennig-Stücken; trotzdem, dass sie aus gutem Silber geprägt sind, werden sie doch nur als Scheidemünze gelten.« Diese Essay's machten ausserordentliches Glück und verbreiteten den Ruhm Baco's über sein Vaterland hinaus. Bald darauf veröffentlichte Baco auch seine »Religiöse Untersuchungen«, in welchen ein Geist ernster Frömmigkeit weht. In ihnen befindet sich der seitdem berühmt gewordene Satz: »dass ein wenig Naturphilosophie zum Atheismus führe, dass aber ihre tiefere Kenntniss zur Religion zurückführe.«

Trotz seines Ruhmes als Advokat und Schriftsteller besserten sich die Vermögensverhältnisse Baco's nicht; seine Gläubiger verfolgten ihn und brachten ihn 1598 auf einige Zeit in das Schuldgefängniss. Zwei Jahre später fiel Graf Essex, sein Gönner, in Ungnade, und Baco musste als Kronanwalt auf Befehl der Königin die Anklageschrift gegen ihn fertigen. Baco entledigte sich des Auftrages zu Gunsten von Essex soweit, als ihm möglich war; er schilderte namentlich die Ehrfurcht und Verehrung ausführlich, mit der Essex sich immer über die Königin geäussert habe. Als Baco die Schrift der Königin vorlas und an diese Stelle kam, sagte sie lächelnd: »An dieser Weise, den Grafen zu entschuldigen, sehe ich, dass alte Anhänglichkeit nicht leicht erlischt.« Elisabeth liess sich auch zunächst besänftigen und gewährte dem Grafen wieder ihre Gunst. Baco that alles Mögliche, um das Verhältniss gut zu erhalten; allein Essex liess sich, durch falsche Freunde verleitet, in verrätherische Umtriebe mit König Jakob von Schottland ein, und so überliess zuletzt Baco, um seine eigne Stellung nicht aufs Spiel zu setzen, den Grafen seinem Schicksal.

Der General-Prokurator Coke und Baco als Kronadvokat wurden mit der neuen Anklage beauftragt, Essex wurde zum Tode verurtheilt und am 25. Februar 1601 in einem Alter von 43 Jahren hingerichtet. Zur Beschwichtigung des allgemeinen Unwillens musste Baco im Auftrage der Königin eine Rechtfertigungsschrift verfassen, über welche Baco selbst sagt: »Niemals musste ein Sekretair in Gedanken und Worten mehr dem Willen des Diktirenden gehorchen, als ich hier der Königin gegenüber; ja, noch mehr, als ich die Schrift vollendet hatte, wurde sie einer Kommission von Lords unterbreitet, von Anfang bis zu Ende verlesen, korrigirt, verändert und zu einer ganz neuen Schrift umgearbeitet. Ich gab nur den Ausdruck, aber der Inhalt wurde mir vorgeschrieben. Nachher prüfte noch die Königin die Arbeit, korrigirte von Neuem, und nun erst kam sie zum Druck.« – Dennoch erweckte dieses Benehmen Baco's den allgemeinen Unwillen gegen ihn, und noch heute gilt es als ein Schandfleck seines Charakters. Allein in seiner Stellung als Kronadvokat konnte Baco sich dieses ausdrücklichen Auftrags der Königin nicht entziehen, wenn er nicht selbst sein Amt und vielleicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Ein hoher, edler Charakter hätte dies vielleicht gethan; aber deshalb kann Baco's Handlungsweise nicht als eine so niederträchtige verdammt werden, wie es seitdem allgemein geschehen ist. Er hat nicht gross und edel, aber deshalb noch nicht verwerflich gehandelt; er hat nur gethan, was er nach seinem Amt zu thun verpflichtet war. Ob die Pflicht der Freundschaft und Dankbarkeit in diesem Falle vor der Pflicht seines Amts den Vorzug verdiente, ist kaum zu entscheiden. Das ganze Verhältniss des Grafen Essex zu Baco erscheint mehr als das eines vornehmen und wohlwollenden Gönners zu seinem Schützling, wie als das einer wahren, innigen Freundschaft.

Uebrigens war auch Baco, wo sein Amt ihm es gestattete, nicht immer der unterthänige Diener. Als er eines Tages der Königin gegenüber heftig gegen die Klöster gesprochen hatte, fragte sie ihn um seine Meinung, ob eine Sache nicht an eine Spezial-Kommission zu verweisen sei; Baco antwortete: »Ihre Majestät wissen, dass ich ein Feind von allen Klöstern bin, vor Allem aber von der Klosterjustiz« (cloisterd justice, was im Englischen den Doppelsinn von Kloster- und von verschlossener (geheimer) Justiz hat). Dennoch hielt die Königin wenig von seinem Charakter und äusserte einmal über ihn: »Welches Ansehen kann ein Mann als Beamter haben, den man als Mensch verachten muss.«

Jakob von Schottland folgte Elisabeth 1603 auf dem Thron von England. Baco benutzte diesen Wechsel und suchte auf alle Weise die Gunst des neuen Herrschers zu gewinnen, was allerdings für ihn um so schwerer war, als Jakob mit Essex in vertrauten Unterhandlungen gestanden hatte. Zu dem Ende schrieb Baco 1603 seine Apologie, um sein Benehmen in dem Prozess des Grafen Essex zu rechtfertigen; es gelang ihm jedoch nicht, die öffentliche Meinung für sich umzustimmen; dagegen erhielt er den Dank des Parlaments für die beredte Vertheidigung eines Antrags auf Aufhebung von gehässigen Steuern. Der König beehrte ihn bald mit seinem Vertrauen, zog ihn auch in den kirchlichen Angelegenheiten zu Rathe, und dies gab Baco Anlass zu seiner Schrift: »Ueber den kirchlichen Frieden und die Stärkung der englischen Kirche«, welche voll trefflicher staatsmännischer Gedanken ist. »Die Kirche ist das Auge Englands,« sagt er darin, »und wenn man etwas im Auge hat, so muss man es herausziehn, aber nicht das Auge ausreissen.« Jakob ertheilte Baco die Ritterwürde und ernannte ihn 1604 zum ordentlichen Kronadvokaten.

1605 veröffentlichte Baco sein Werk: »Ueber den Fortschritt der göttlichen und menschlichen Wissenschaften«, was später mit einigen Erweiterungen in seine »Instauratio magna« als erster Theil übergegangen ist. Baco äussert sich über seinen damaligen Zustand und dieses Werk in einem Briefe an Brodley dahin: »Niemand hat, glaube ich, mehr Recht, mit dem Psalmisten auszurufen: ›Meine Seele ist mir fremd gewesen.‹ Denn ich gestehe es, so lange ich mich kenne, ist meine Seele niemals auf ihrem wahren Platze für ihre Thätigkeit gewesen. Daher die mancherlei Irrthümer, die ich begangen habe und gern eingestehen will. Aber mein grösster Fehler ist, dass, obwohl ich weiss, ich passe mehr zum Schreiben als zum Handeln, ich doch fortwährend mich den Staats-Geschäften zuwende, für die die Natur mich nicht gemacht hat, und für welche die Richtung meines Geistes mich noch unfähiger macht. – Ich sende Ihnen mein Buch. Bücher gleichen den Reliquienkästen mit Gebeinen der Heiligen; je mehr der Besitzer sie verehrt, desto mehr verdient er, sie zu besitzen.« Aehnlich schreibt Baco an den Grafen Salisbury: »Der Gegenstand meines Buches ist von grosser Bedeutung, und es kann nützlich wirken; ich selbst bin zufrieden, wenn es die Geister weckt, welche mir überlegen sind; ich will nur der Glöckner sein, der zuerst aufsteht, um die Andern zur Kirche zu rufen.«

In demselben Jahre verheirathete sich Baco mit Alix Barnham, Tochter eines Aldermanns von London, deren Schönheit er wiederholt in seinen Briefen rühmt, und die ihm ein Einkommen von 1500 Thalern jährlich als Heirathsgut mitbrachte, was seine Vermögens-Umstände erheblich besserte. 1607 wurde Baco zum »Sollicitor general« ernannt, wodurch er den Betrieb aller wichtigen Rechtshändel der Krone überkam. Von nun ab stieg der Ruf und selbst die Beliebtheit Baco's bei dem Volke von Tage zu Tage. Die Nation betrachtete mit Stolz sein Genie als ihr Eigenthum und erfreute sich an seinen grossen Erfolgen in den Wissenschaften und Staatsangelegenheiten. Vom Parlament, dessen Mitglied er war, wurde er in der Regel mit den schwierigsten und zartesten Angelegenheiten betraut, und er erledigte dieselben meist so geschickt, dass ihm wiederholt der Dank des Hauses votirt wurde. Auch im Auslande stieg sein Ruf. Der berühmte Casaubonus in Paris wurde auf seinen Anlass vom König nach London eingeladen, und Baco schreibt in einem Briefe an Casaubonus: »Der Verkehr der Geister und die gegenseitige Mittheilung dessen, was man treibt, befestigen die Freundschaft mehr als die gewöhnlichen Gefälligkeiten des Lebens. Von mir kann ich leider mit den Psalmisten sagen: ›Meine Seele ist immer ein Fremdling für mich gewesen‹; auch habe ich weit mehr mit den Alten als mit den Zeitgenossen gelebt. Sie dürfen sich deshalb nicht wundern, dass ich lieber mit Abwesenden als Anwesenden verkehre, und dass ich meine Freunde lieber wähle als vom Zufall mir zuführen lasse.«

Obgleich Baco 1615 zum »Attorney general« ernannt wurde, und seine amtlichen Geschäfte sich sehr steigerten, wurde er doch der Philosophie und den Wissenschaften nicht untreu. Um diese Zeit begann in Italien die Verfolgung gegen Galilei, weil er mit Kopernikus behauptet hatte, dass die Erde sich bewege. Baco erhielt davon durch einen seiner Freunde Kenntniss und antwortete 1617: »Ich wollte lieber, die Astronomen Italiens hielten sich etwas mehr an die Erfahrung und Beobachtung, anstatt uns mit chimärischen und verrückten Hypothesen zu unterhalten.« Baco blieb bis an sein Ende ein hartnäckiger Gegner Galilei's in Bezug auf die Bewegung der Erde, wie auch aus seinem hier folgenden Hauptwerke, dem Neuen Organon, erhellen wird. Trotz der Universalität seines Geistes war doch die Mathematik seine schwächste Seite, ein Umstand, der Baco nicht blos das Verständniss von Galilei erschwerte, sondern überhaupt ihn tiefer in den Fesseln der Scholastik stecken bleiben liess, als man es bei seiner erklärten Gegnerschaft gegen sie hätte erwarten dürfen.

1617 wurde Baco zum Mitglied des Geheimen Raths ernannt. Die Universität Cambridge gratulirte ihm dazu, und Baco sagt in seiner Antwort am Schluss: »Was mich betrifft, so wünsche ich, dass dieser Eintritt in die grossen Staatsgeschäfte mir für mein späteres Leben als Vorbedeutung gelte, und die spätere Rückkehr von ihnen zur wissenschaftlichen Musse bedeute. Inmittelst hoffe ich, dass mitten unter den wichtigen Geschäften, welche mir obliegen, es mir alle Jahre möglich sein wird, einige Tage in Ihrer Mitte zuzubringen, um mich besser über Ihre Wünsche unterrichten zu können.«

1617 wurde Baco zum »Gross-Siegel-Bewahrer« und 1618 zum »Gross-Kanzler«, den höchsten Aemtern des Reiches, vom Könige ernannt. Baco hatte lange danach gestrebt; es war mit denselben ein Einkommen von 26,000 Thalern jährlich verbunden. In demselben Jahre wurde er zum »Baron von Verulam« erhoben. Gleichzeitig verbreitete sich sein literarischer Ruhm weit ins Ausland; seine Schriften wurden in Frankreich und England gelesen und übersetzt. Nur die strengen Mathematiker und Naturforscher, wie Galilei, Gassendi, Kepler, Descartes, blieben seine Gegner, und Galilei veröffentlichte unter Anderem eine ausführliche Widerlegung von Baco's Schrift über die Ebbe und Fluth.

Um diese Zeit war auch Baco's Einfluss am Hofe und beim König am grössten. Man hörte ihn wie ein Orakel an. Als der König von Frankreich H. v. Cadenet als Botschafter an Jakob absandte, fragte der König Jakob Baco um seine Meinung. »Er ist gross und wohl gewachsen,« antwortete Baco. – »Aber was halten Sie von seinem Kopf,« fragte der König; »passt er wohl zu einem Gesandten?« – »Sire,« antwortete Baco, »hoch gewachsene Leute gleichen den Häusern von vier und fünf Stockwerken; das höchste ist in der Regel am schlechtesten eingerichtet.« – Auch bei dem Unterhause stand Baco in gleicher Gunst; es betraute ihn namentlich mit der Rechtfertigung der Religions-Beschwerden.

1620 veröffentlichte Baco sein Hauptwerk, das »Neue Organon.« Er widmete es dem König, welcher ihm schriftlich antwortete, »dass er es mit Vergnügen lesen werde. Schon eine flüchtige Ansicht habe ihn bemerken lassen, dass Baco, wie er selbst, die Mitte zwischen den Extremen zu halten suche, und dass er in Vielem mit ihm übereinstimme« u. s. w.

M. Chamberlain sagte von diesem Werke in einem Briefe: »Dieses Buch ist wie der Friede Gottes, der allen Verstand übertrifft.« Die Universität Cambridge sandte ihm für dieses Werk ihre Huldigungen, und Baco antwortete: »Erschrecken Sie nicht über den neuen Weg, den ich betreten habe; im Laufe der Zeit und der Jahrhunderte muss nothwendig Neues entstehen. Ein Ruhm wird den Alten immer ausschliesslich bleiben, der des Genie's; aber Glauben verdient nur das Wort Gottes und die Erfahrung. Ist es nicht möglich, die Wissenschaften, nach ihrem jetzigen Zustande, zur Erfahrung zurückzuführen, so ist es wenigstens möglich, wenn auch schwer, die Wissenschaften selbst durch die Erfahrung wiederherzustellen.«

1621 ernannte der König Baco zum Vice-Grafen von St. Albans und fügte dieser Rangerhöhung noch eine Pension hinzu. Der König holte mehrmals den Rath Baco's in Bezug auf das Parlament ein; die Art seiner Wahl und die Grenzen seiner Rechte wurden mit ihm besprochen; Baco neigte in seinem Eifer, dem Könige zu dienen, sehr zur Beschränkung der parlamentarischen Vorrechte. Trotzdem wurde im Januar 1621 das Parlament einberufen, dessen Beschlüsse für Baco so verderblich werden sollten. In Folge mannichfacher Beschwerden über Missbräuche und Bestechungen bei Ertheilung von Patenten und Licenzen begann das Unterhaus eine Untersuchung, die sich bald auf Baco's richterliche Thätigkeit ausdehnte, und in welcher mannichfache Bestechungen gegen ihn als Lord-Kanzler und Oberrichter zur Sprache kamen. Als das Verfahren eine bedrohliche Wendung annahm, entzog der König ihm seinen Schutz. Baco wandte sich an den Minister Buckingham zur Abwendung der ihm drohenden Gefahr; allein vergeblich. Im April 1621 wurde ihm vom Oberhause, als dem hierfür kompetenten Gerichtshofe, eine Anklageakte zugestellt, und in seiner schriftlichen Antwort bekannte sich Baco bei sämmtlichen 28 Punkten derselben für schuldig. Sie betrafen Bestechungen, die er sich als Kanzler des höchsten Gerichtshofes hatte zu Schulden kommen lassen. Baco's Entschuldigung bestand darin, dass er diese Geldsummen im Betrage von Hundert bis Tausend Pfund erst erhalten habe, nachdem die Sachen schon von ihm entschieden gewesen, und dass diese Geschenke ihn nie zu einem unrechten Urtheil verleitet hätten. Er schliesst seine Erklärung mit den Worten: »Was ich hier erklärt habe, ist aufrichtig gemeint; findet sich ein Irrthum, so trifft er mein Gedächtniss und kommt nicht aus einem bösen Willen, die Wahrheit zu verdunkeln. Ich gestehe nochmals, in den mir zur Last gelegten Thatsachen kann man Bestechung und Mangel an Rechtlichkeit finden; ich bereue sie aufrichtig und unterwerfe mich dem Urtheil so wie der Gnade des hohen Gerichtshofes. Ich will nichts zu meiner Vertheidigung sagen; ich bitte Eure Herrlichkeiten nur, ein mitleidiges Auge auf meine Person und meine Lage zu werfen. Man hat mir nie Geiz vorgeworfen; aber die Begierde ist, wie der Apostel sagt, der Weg zu allen Lastern. Deshalb werden Eure Herrlichkeiten meine Reue anerkennen; denn beinahe alle mir zur Last gelegten Fälle sind schon über zwei Jahre her. Bestechliche Personen sind in der Regel unverbesserlich; dagegen scheint Gott mich allmählich zu der Reue geführt zu haben, die ich jetzt empfinde. Meine Lage ist jetzt so elend und traurig, dass die Bezahlung meiner Schulden mir die grösste Sorge macht u. s. w.« Am 3. Mai 1621 verurtheilte das Oberhaus Baco zu einer Geldstrafe von 40,000 Pfund Sterling (250,000 Thaler), zur Gefangenschaft im Tower, so lange es dem König beliebe, zum Verlust seiner Aemter, seines Sitzes im Parlament und des Rechts, am Hofe zu erscheinen.

Die Gefangenschaft Baco's im Tower dauerte nur zwei Tage; auf sein Ansuchen erliess ihm der König diese Strafe. Obgleich Baco sich nun vorgesetzt hatte, ein stilles, den Wissenschaften geweihtes Leben zu führen, so konnte er doch mit dieser Lage sich nicht befreunden und versuchte unausgesetzt durch Briefe theils unmittelbar an den König, theils an Buckingham und andere einflussreiche Personen, in die öffentlichen Geschäfte in irgend einer Weise wieder einzutreten. Diese Versuche blieben jedoch ohne Erfolg, und so benutzte Baco seine Musse zur Vollendung seines grossen philosophischen Werkes, was er: »Instauratio magna« nannte, und was eine gänzliche Erneuerung aller Wissenschaften auf Grund der Erfahrung und Induktion in umfassender Weise enthalten sollte. Das Nähere hierüber enthält die hier folgende Vorrede Baco's, auf welche verwiesen wird; das Neue Organon sollte den zweiten Theil dieser Instauratio bilden. Der erste Theil, unter dem Titel: »Ueber die Vermehrung und den Werth der Wissenschaften«, wurde drei Jahre nach dem Organon, 1623, von Baco veröffentlicht. Von dem dritten Theile, welcher eine umfassende Beschreibung aller Natur-Gebiete geben sollte, konnte Baco nur Einzelnes liefern. Das Bedeutendste davon ist seine »Sylva Sylvarum«, eine Sammlung und Beschreibung von Versuchen und Beobachtungen; ferner seine »Geschichte der Winde«; seine »Geschichte des Lebens und des Todes« und seine »Geschichte des Dichten, und Lockern.« Neben diesen ersten drei Theilen sollte die Instauratio noch drei andere haben, in welchen Baco die aus den Unterlagen der ersten drei Theile abgeleitete, wahre und zur Verbesserung der menschlichen Zustände brauchbare Philosophie darstellen wollte. Davon hat indess Baco nur kleinere Bruchstücke und einige Vorreden zu Stande gebracht.

Während Baco in dieser Weise fortwährend mit wissenschaftlichen Untersuchungen und Beobachtungen aller Art beschäftigt war, hatte er viel von seinen Gläubigern zu leiden. Trotz seines hohen Einkommens in den Zeiten seines Glückes hatte doch der Aufwand seines Hauswesens, seine Gutmüthigkeit gegen seine Dienerschaft und eine grosse Gastfreundschaft ihn an Ansammlung eines Vermögens gehindert und jetzt, in der Zeit seines Unglücks, ward er von seinen Gläubigern so bedrängt, dass er wiederholt in demüthigen Briefen sich an den König und dessen Minister wandte und um Unterstützung oder Schutz zu bitten nicht Anstand nahm. Auch beklagte dabei Baco bitter sein Exil und bat wiederholt den König um die Erlaubniss, seinen Aufenthalt wieder in London nehmen zu dürfen. Jakob gewährte ihm Beides, wenn auch in beschränktem Maasse, und Baco schrieb als Dank dafür die Geschichte Heinrich's VII., eines Vorfahren von Jakob, welche Arbeit von diesem sehr gnädig aufgenommen wurde. Auch an das Haus der Lords wandte sich Baco mit seinen Bittschreiben. In einem derselben sagt er:

»Ich beuge mich in Demuth vor der Gerechtigkeit Eurer Herrlichkeiten, und ich rufe jetzt auch nicht Ihr Mitleiden und Ihre Milde an. Ich bin jetzt alt, schwach, gestürzt, arm, ein Gegenstand des Mitleids; trotzdem bitte ich nur um Milderung der Härte meines Exils, eines Exils, das schlimmer ist, als wenn ich im Tower sässe. Denn dort hatte ich wenigstens Gesellschaft, ärztlichen Beistand; dort konnte ich mit meinen Gläubigern verhandeln, mit meinen Freunden verkehren und mir leicht die Mittel für meine Studien und schriftlichen Arbeiten verschaffen. Hier aber lebe ich in fortwährenden Sorgen; gehe ich, so komme ich in Gefahr; bleibe ich, so plagt mich die Langeweile. Jeder Trost, jeder Umgang, jede Pflege der Gesundheit ist mir hier abgeschnitten. Und zur Vergrösserung meines Kummers muss meine Frau mein Elend theilen, während sie meine Fehler nicht getheilt hat« u. s. w. In diesem demüthigen Tone geht es fort, und Baco schliesst mit der Bitte, bei Seiner Majestät sich zu verwenden, dass er sich dauernd in London aufhalten dürfe.

Später gelang es Baco, eine Audienz bei dem König zu erhalten, wo er sich ebenfalls zu den demüthigsten Bitten erniedrigte. Nach seinen eignen Notizen hat er unter Anderem dem Könige gesagt: »Wollten Ew. Majestät mich mit irgend einem Amte wieder betrauen, so verspreche ich, mich so zu führen, dass weder der Neid noch die Verleumdung etwas an mir auszusetzen finden soll. Wollen dagegen Ew. Majestät von meiner nicht ganz unberühmten Feder Gebrauch machen, so bitte ich, mir nur die Aufgabe zu bezeichnen, und meine Feder soll Ihnen ebenso wie mein geschäftlicher Rath zu Diensten stehen. Auf meinen Fehler bin ich weit entfernt, das Sprüchwort anzuwenden: »»Er verzeiht dem Raben, aber peinigt mit seinem Tadel die Tauben««; aber ich kann wenigstens mit der Heiligen Schrift sagen, dass es nicht die grössten Schuldigen waren, auf welche die Mauern von Shilo zusammenbrachen. Wenn Ew. Majestät mich wieder in ein Amt einsetzen sollten, so verspreche ich auch, ein vollständiges Gesetzbuch auszuarbeiten, die Vormundschaftsgerichte neu einzurichten und eine neue Prozessordnung zu fertigen« u. s. w.

Baco erreichte jedoch seinen sehnlichsten Wunsch, in das politische Leben wieder einzutreten, nicht, so sehr er auch sonst noch jede Gelegenheit benutzte, dem Könige durch kleine Abhandlungen und Arbeiten gefällig zu sein. Auch sein grosses Werk: »Ueber die Vermehrung der Wissenschaften«, widmete er zu gleichem Behufe dem König Jakob, der das Buch ebenso gnädig wie das Organon aufnahm und zu durchlesen versprach.

Im Jahre 1624 sandte Baco dem Könige eine Abhandlung über die wahre Grösse von Grossbritannien, in welcher er ausführte, dass die Grösse eines Staats nicht von der Ausdehnung seines Gebiets, nicht von der Menge seines Goldes und Silbers, nicht von der Fruchtbarkeit seines Bodens und nicht von der Menge seiner Soldaten abhänge, sondern von seiner Lage, von seiner Bevölkerung, deren Sitten und kriegerischem Muthe, von der allgemeinen Wehrpflicht aller Bürger, mit Aufhebung aller Privilegien ohne Ausnahme, von der Erziehung zur Sittlichkeit und von der Herrschaft über das Meer. – Man sieht hieraus, wie weit Baco auch in politischen Dingen seinen Zeitgenossen voraus war.

Der König nahm diese Schrift so gnädig auf, dass Baco im Juli 1624 nochmals in den unterwürfigsten Ausdrücken um seine volle Begnadigung einzukommen wagte. Baco sagt in dieser Bittschrift:

»Ich werfe mich zu den Füssen Ew. Majestät; ich, Ihr alter Diener von 64 Jahren und durch viertehalbjähriges Elend zum Greise geworden, erbitte mir von Ew. Majestät weder Unterstützung, noch eine Anstellung, noch ein Amt, sondern nur den vollen Erlass der mir von der hohen Kammer auferlegten Strafe, damit der auf mir ruhende Schandfleck ausgelöscht werde und mein Andenken rein auf meine Nachkommen übergehe. Ich mag nicht als Verbrecher sterben, sondern will bei Eurer Majestät ein neues Geschöpf werden, wie ich es schon bei Gott geworden bin« u. s. w.

Diesmal erreichte Baco sein Ziel; der König begnadigte ihn vollständig; doch wurde, da Jakob bald darauf im März 1625 starb, die Ausführung dieses Gnadenaktes sehr verschleppt; selbst seine Pension erhielt Baco nur unregelmässig ausgezahlt. Karl I. folgte seinem Vater auf dem Thron. Es kam bald darauf dessen Heirath mit einer französischen Prinzessin zu Stande, in deren Gefolge der französische Gesandte, Marquis Effiat, nach London kam und Baco aufsuchte. Er traf ihn im Bett, verhüllt von dichten Vorhängen. Effiat sagte: »Sie sind für mich, was die Engel sind, von denen ich immer viel habe sprechen hören, und auf deren Rechnung ich vielerlei gelesen habe, aber die ich nie zu Gesicht bekommen habe.« – Baco antwortete: »Mein Herr, wenn die Güte Anderer mich den Engeln vergleichen lässt, so lässt meine Kränklichkeit mich fühlen, dass ich ein Mensch bin.« Der Marquis nannte Baco seinen Vater, und dieser ihn seinen Sohn; Jener versicherte ihm, dass man in Frankreich mit derselben Begeisterung ihn selbst empfangen werde, wie man seine Schriften aufgenommen habe. Effiat veranlasste auch die Uebersetzung des ersten Theiles der Instauratio in das Französische.

Baco's Gesundheits-Zustand hatte indess sich sehr verschlechtert. Eine seiner letzten Arbeiten war »Eine Sammlung von Aussprüchen alter und neuer Zeit«, die er seinem Sekretair diktirte. Bei dieser Arbeit erhielt er die Nachricht, dass ein Bittgesuch, was er an den König gerichtet hatte, abschläglich beschieden sei. »Nun wohl,« rief er aus, »das ist wieder ein fehlgeschlagenes Geschäft; aber hier ist eins, das nur von mir abhängt. Wir wollen fortfahren!« Um diese Zeit verfasste Baco auch ein schriftliches Gebet zu Gott für seinen Privatgebrauch, wie es damals Sitte war. Es beginnt: »O Gott, mein geliebter Herr! Du bist seit meiner Kindheit mir der zärtlichste Vater gewesen. O mein Schöpfer, mein Erretter, mein Tröster! Du dringst in die Tiefen des Herzens; Du kennst die Redlichkeit des Einen und die Heuchelei des Andern; Du wägest auf Deiner Wage die Gedanken und die Thaten der Menschen; Du missest an Deinem Maasse ihre Absichten, und Deinen Blicken entgehn ihre eitlen Beweggründe und ihre krummen Wege nicht. – O Herr! Gedenke der Wege, die Dein Diener vor Dir gewandelt ist; gedenke des höchsten Zieles, was ich erstrebt habe, und des Gegenstandes meiner Anstrengungen. Ich habe regelmässig Deine Kirche besucht; ich habe Dich gesucht im Hofe, im Garten, in den Feldern, und ich habe Dich in Deinem Tempel gefunden. – Ich habe tausendfach gesündigt und zehntausendfach Deine Gebote übertreten; aber Deine Gnade hat mich nicht verlassen. O Herr! Du bist mir immer gegenwärtig gewesen, und unzählige Züge der Vorsehung haben mich nie daran zweifeln lassen; Deine Gnade ist gross für mich gewesen, aber Deine Züchtigung nicht minder. – Deine Gnade hat mich gebeugt und in der väterlichen Zucht erhalten; sie hat mich wie ein rechtes Kind behandelt, was man züchtigt, weil man es liebt« u. s. w.

Dieses Gebet, was Baco für sich behielt und niemals veröffentlicht hat, zeigt, dass die vielfach ausgesprochenen Zweifel an seiner Religiosität unbegründet sind; er trennte streng das Gebiet der Religion von dem der Wissenschaft, und in jenem war er ein gehorsamer Gläubiger. Dieses Gebet zeigt zugleich, dass Baco seine Fehler durchaus nicht für so schwer und für so verwerflich hielt, als die Nachwelt es gethan hat. Addisson hat die Erhabenheit und Schönheit dieses Gebetes bewundert.

Da Baco's Zustand sich nicht besserte, so machte er am 19. Dezember 1625 sein Testament, in welchem er viele Legate austheilte. Daneben beschäftigte er sich ununterbrochen mit Versuchen und Beobachtungen. Der harte Winter des Jahres von 1625 zu 1626 brachte ihn sehr herab. Während einer Beobachtung, die er im Frühjahr 1626 im Freien anstellte, erkältete er sich, konnte seine Wohnung nicht erreichen, sondern musste in Highgate, dem Schloss des Grafen Arundel bei London, einkehren, wo er sofort bettlägerig wurde und am Osterfest, den 9. April 1626, am Schlagfluss seinen Geist aufgab. Die nähern Umstände seines Todes sind nicht bekannt; nur ein Brief ist vorhanden, den er während seiner Krankheit an den Grafen Arundel richtete, und welcher lautet: »Mein Lord! Mich soll das Schicksal des ältern Plinius treffen, der seinen Tod fand, weil er sich zur Beobachtung eines Ausbruchs des Vesuvs dem Berge zu sehr genähert hatte. Ich war eifrig mit einigen Versuchen über die Verhärtung und Bewahrung der Körper beschäftigt, und Alles ging nach Wunsch, als ich auf dem Wege zwischen London und Highgate von einem heftigen Erbrechen befallen wurde, das seinen Grund entweder in meinem Steinleiden oder in einer Unverdaulichkeit oder in einer Erkältung haben mochte. Es nahm so zu, dass ich in Ihrem Hause Zuflucht suchen musste. Ihr Kastellan nahm mich freundlich auf, und Sie werden es ihm nicht bös anrechnen. Ich bedurfte der Ruhe, die mir hier zu Theil geworden ist. Ich muss diesen Brief durch einen Dritten schreiben lassen, da die Krankheit mir die Hand so gelähmt hat, dass ich die Feder nicht halten kann« u. s. w.

Baco wurde bei St. Alban neben seiner Mutter begraben. Einer seiner Hausoffizianten liess das Grab mit Baco's Büste von Marmor schmücken.

Baco war von mittlerer Statur und gut gebaut. Seine breite und offene Stirn zeigte später die Spuren des Alters. Sein Blick war lebhaft und durchdringend und meist in die Höhe gerichtet, als wenn er nach dem Grund der erhabenen Gedanken suchte, die ihn beschäftigten. Sein Antlitz hatte angenehme und wohlwollende Züge; seine Miene war streng und ernst, aber doch einnehmend. – Seine Ehe blieb kinderlos, was er indess seine Frau nie entgelten liess; nur in seiner letzten Lebenszeit scheint der eheliche Frieden durch Schuld der Frau gestört worden zu sein; denn Baco widerrief in einem Codicill alle in seinem Testament seiner Frau zugewandten Vortheile. Wenige Monate nach Baco's Tode heirathete seine Wittwe ihren damaligen Haushofmeister, was die Sache ziemlich aufklärt. Sie starb erst 1650.

Der Tod Baco's erregte in England allgemeine Trauer. Auch in Paris traf die Nachricht seine Freunde hart, die noch Grosses für die Wissenschaften von ihm erwartet hatten.

Baco verfasste seine Schriften mit grosser Leichtigkeit. Sein Sekretair Rawley wendete auf ihn die Worte des Hirtius über den Cäsar an: »Die Leser werden die Reinheit und das Talent bewundern, mit der seine Schriften verfasst sind, aber Niemand ausser mir kann wissen, wie leicht und schnell er sie diktirt hat.« Ueber Baco's grösste Schrift sagt sein Sekretair Rawley: »Sein ›Neues Organon‹, welches er für sein Hauptwerk hielt, war kein blosser Einfall oder die leichte Geburt seines Gehirns, sondern ein festes und wohlverbundenes Geisteswerk und das Ergebniss der Anstrengungen und Arbeiten vieler Jahre. Ich selbst habe wenigstens zwölf Manuskripte von dem Neuen Organon bei ihm gesehen, die Jahr ein Jahr aus eines nach dem andern revidirt, verändert und in der Darstellung verbessert waren; nur spät erhielt es die Gestalt, in der es veröffentlicht worden ist.«

Der berühmte Ben-Johnson sagt von Baco: »Er war ein grosser Redner; seine Worte waren ernst, mitunter spottend, aber nie gemein. Nie sprach Jemand so treffend, so leicht, so gewichtig wie Baco. Jeder Theil seiner Rede hatte seinen eignen Reiz. Wenn er sprach, wagte man nicht zu husten oder den Kopf wegzuwenden. Er gebot über die Aufmerksamkeit seiner Hörer, reizte und besänftigte die Richter und machte sich zum Herrn ihres Gemüths.«

Nach seines Sekretairs Rawley's Mittheilungen las Baco viel, aber nie bis zur Ermüdung und Ueberdruss. Er überschlug Vieles und wusste mit grossem Geschick das Wichtige aus einem Buche schnell herauszufinden. Er arbeitete nie übermässig, sondern erholte sich durch einen Ausgang in das Freie, entweder zu Fuss, zu Pferde oder in einer Sänfte; mitunter spielte er auch eine Partie Billard. Müssig konnte er niemals sein; so wie er nach Hause kam, wandte er sich wieder den Büchern oder seinen Arbeiten zu.

Sein Tisch diente ebenso zur Nahrung des Geistes wie des Körpers. Oft notirten sich bedeutende Männer nach Aufhebung der Tafel die gehabte Unterhaltung in ihren Taschenbüchern. Baco liess im Gespräch Jedem sein Recht; er bemächtigte sich nie der Unterhaltung ausschliesslich, vielmehr konnte Jeder zu Worte kommen. Insbesondere sprach er gern mit Jedwedem über dessen eigene Geschäfte oder Handwerk. Wenn Baco das, was ein Anderer gesagt hatte, wieder erzählte, geschah dies in so zierlicher Weise, dass Jener seine Gedanken zwar genau, aber vielfach verschönert wiederfand. Diese zierliche Ausdrucksweise war Baco so natürlich, dass er mit Ovid sagen konnte:

»Alles, was ich zu schreiben begann, wurde zu Versen sofort.«

Gegen seine Dienstleute war Baco höchst nachsichtig und liebevoll. Vielen verschaffte er als Lohn für treue Dienste eine gute Stelle, und deshalb befanden sich auch junge Leute von guter Familie und Erziehung in seiner Dienerschaft. Viele haben seine Nachsicht gemissbraucht, und der Ruin in seinen Vermögensverhältnissen, so wie viele Beschwerden über Bestechlichkeit mögen weit mehr seiner Dienerschaft als Baco selbst zur Last fallen. Als das Urtheil der Lords gegen ihn gesprochen war, geriethen seine Diener in grosse Sorge. Sie wussten, dass die Schwäche ihres Herrn gegen sie selbst seinen Fall mit veranlasst hatte, und es waren viele Schuldige unter ihnen. Während des Prozesses ging Baco einmal durch das Vorzimmer, wo seine Diener sassen. Als sie bei seinem Erscheinen aufstanden, sagte er: »Bleibt sitzen, Ihr Herren; Eure Erhebung hat meinen Fall zuwege gebracht.«

Der Charakter Baco's gilt noch heute vielfach als ein Räthsel; er verbindet scheinbar so widersprechende Eigenschaften, dass man sich zur Entstellung der Thatsachen nach einer oder der andern Seite hin hat verleiten lassen. Allein diese Widersprüche lösen sich, wenn man nur diese Entstellungen und Uebertreibungen nach beiden Richtungen hin bei Seite lässt und zugleich auf die Sitten Englands zu jener Zeit die nöthige Rücksicht nimmt. Baco zeigt sich von zwei Leidenschaften während seines ganzen Lebens beherrscht: von der Liebe zu den Wissenschaften und von dem politischen Ehrgeiz; irrig ist es, wenn Kuno Fischer in seinem Buche: »Baco und die Realphilosophie«, Seite 304 sagt: »Wenn Baco eine Leidenschaft hatte, die ihn mächtig und ernsthaft erfüllte, so war es allein die Wissenschaft. Sie war der einzige Freund, dem er treu blieb. Der Wissensdurst war sein grösster Ehrgeiz.« Dieses Urtheil würde für Descartes und Spinoza richtig sein, aber nicht für Baco. In diesem überwog der politische Ehrgeiz die Liebe zur Wissenschaft, und aus diesem Uebergewicht erklären sich alle Räthsel in seinem Leben und Benehmen. Beide Leidenschaften beherrschten Baco; aber wo sie kollidirten, behielt der Ehrgeiz stets die Oberhand. Auch ist die Bedeutung Baco's für die Philosophie und Naturforschung überschätzt worden. Das Prinzip der Beobachtung war schon vor Baco und gleichzeitig mit ihm von bedeutenden Männern in England, Frankreich und Italien zur Anerkennung und Anwendung gekommen; Galilei, Gilbert, Harriot, Harvey, Kepler, Stevins, Gassendi, Descartes und Andere stehen ganz auf diesem Prinzip. Insbesondere ist Descartes, dessen Arbeiten in dieselbe Zeit fallen, wenn auch seine Schriften etwas später erschienen, Baco gerade in dem Prinzip der Beobachtung und der Versuche weit überlegen. Während Baco in seinen positiven Forschungen noch mitten in den scholastischen Begriffen des Mittelalters stecken bleibt, die Körper mit Sympathien, Antipathien, Begehren und Verabscheuen aller Art anfüllt und aus diesen und andern seelischen Bestimmungen die körperlichen Vorgänge ableitet, ist Descartes in seinen »Prinzipien der Philosophie« weit darüber hinaus. Descartes kennt nur vier einfache Bestimmungen, den Stoff, die Grösse, die Gestalt und die Bewegung; aus diesen einfachen, noch heute geltenden Elementen sucht er die ganze organische und unorganische Welt zu konstruiren, und zwar in mathematischer Strenge. Vergleicht man damit die positiven Arbeiten Baco's in seinem zweiten Theile des Organon und seinen übrigen Schriften, so erscheinen sie wie verunglückte Versuche mit verworrenen und unklaren scholastischen Begriffen gegenüber den klaren und bestimmten Sätzen von Descartes. Baco ist deshalb nur in der Verneinung gross, und in seinem Kampfe gegen die Scholastik; aber so wie er zum eigenen Schaffen übergeht, fällt er selbst in die Fehler seiner eben von ihm bekämpften Gegner. Daher erklärt es sich, dass von Baco nicht eine einzige positive Leistung oder Entdeckung in den Naturwissenschaften ausgegangen ist; im Gegentheil, er hat durch Festhaltung falscher scholastischer Begriffe die Untersuchungen noch lange Zeit auf Irrwegen festgehalten. Baco konnte wegen der amtlichen Arbeiten, mit denen er überhäuft war, bei seinen wissenschaftlichen Forschungen nicht ausdauern, er konnte die meisten Versuche nicht selbst vornehmen; selbst die Grösse seines Unternehmens, der ungeheure Umfang der Arbeit, die er sich in seiner Instauratio magna gesetzt hatte, hinderte ihn an beharrlicher Verfolgung einzelner Fragen, ohne die doch nie etwas erreicht werden kann. Baco blieb immer vorwiegend von den Plänen seines politischen Ehrgeizes erfüllt; selbst in seinem hohen Alter und selbst nach seiner entehrenden Verurtheilung gab er sie nicht auf, und fortwährend zogen sie ihn von der Wissenschaft ab. Baco hatte ein reiches Wissen; mit genialem Blick hatte er die schwachen Seiten der Scholastik und der Gelehrsamkeit seiner Zeit erkannt; Alles, was er in dieser Beziehung sagt, ist vortrefflich; allein so wie er zu dem Positiven, zur eigenen Untersuchung übergeht, verletzt er selbst die Regeln, welche er eben aufgestellt hat, und mengt und mischt das Verschiedenste auf Grund äusserlicher Aehnlichkeiten und leerer Beziehungsbegriffe zusammen. Ein wesentliches Hemmniss waren für Baco auch seine geringen Kenntnisse in der Mathematik. Gerade deshalb ist ihm Descartes so überlegen, und gerade dadurch vermochte dieser sich von den hohlen und leeren scholastischen Begriffen weit mehr als Baco zu befreien, der trotz seines Kämpfens tief in den Netzen seiner Gegner verwickelt blieb.

Indem bei Baco der politische Ehrgeiz seine Liebe zu den Wissenschaften überwog, erklärt es sich zunächst, dass er keines seiner grossen Werke zu Ende gebracht hat; selbst das Neue Organon, was er selbst für sein bestes Werk erklärt, hat er unvollendet gelassen, obgleich das Wesentliche davon schon in seiner 1612 erschienenen Schrift: »Cogitata et Visa« niedergelegt war. Baco's Geist war voll von Plänen und umfassenden Gedanken für die Wissenschaft; er begann auch damit an verschiedenen Stellen; aber seine vorzugsweise der politischen Macht zugewandte Richtung liess ihn selbst in seinem Exile nicht die nöthige Ruhe finden, um diese Werke zu vollenden. Nur Männern wie Descartes und Spinoza war dies möglich, die fern von bürgerlichen Geschäften ausschliesslich und mit voller Seele der Philosophie und den besondern Wissenschaften ihre Kraft widmeten.

Es erklärt sich daraus weiter die überwiegend praktische Richtung, welche Baco den Wissenschaften zu geben versucht. Ueberall sind es bei ihm die »Opera«, die »pars activa«, welche den Wissenschaften ihren Werth geben. Der Zweck aller Wissenschaft ist, nach Baco, die Macht des Menschen über die Natur und seinen Lebensgenuss zu erhöhen. Die Beschwerden des Alters sollen überwunden, durch die Erkenntniss der elementaren Formen die Verlängerung des menschlichen Lebens erreicht werden u. s. w. Die uninteressirte hingebende Liebe zur Wissenschaft, die reine Lust am Wissen (B. XI. 29) tritt bei Baco nirgends hervor. Er war allerdings im vollen Recht, wenn er das Spiel der Gelehrten mit den Syllogismen und Disputationen, was man während des Mittelalters getrieben hatte, als nutzlos für die menschliche Gesellschaft bekämpfte; allein sein politischer Ehrgeiz, sein auf Rang und Macht gerichteter Sinn liess ihn hier aus einem Extrem in das andere fallen.

Es erklärt sich endlich aus diesem Ueberwiegen seines politischen Ehrgeizes, dass ihm der edle Stolz und die tiefe Selbstgenügsamkeit abging, welche sich ohnedies mit der eifrigen Liebe zur Wissenschaft bei den reinen Jüngern derselben verbindet, und von denen in seinem Zeitalter Descartes und Spinoza als glänzende Muster dastehn. Jene selige Ruhe, welche die Erkenntniss der Wahrheit als solche gewährt, und welche Plato und Aristoteles in so begeisterten Zügen schildern, jene »geistige Liebe zu Gott«, wie Spinoza dieses Gefühl nennt, jene stolze Genügsamkeit, mit der Descartes alle Huldigungen der Gelehrten und Grossen von sich abweist, kennt Baco nicht. Deshalb vermögen weder seine reichen Kenntnisse, noch sein Eifer in Ausdehnung der Wissenschaften, noch sein Scharfsinn, noch seine Philosophie ihn vor den Versuchungen und Erniedrigungen des politischen Lebens zu schützen. Um hier seiner Laufbahn nicht zu schaden, verlässt er seinen Gönner, den Grafen Essex, und wird dessen Ankläger; um im Staatsdienst emporzusteigen, erniedrigt er sich zu schmeichlerischen Bittgesuchen an die Königin und ihre Günstlinge; um den äussern Glanz seines Hauswesens zu erhalten, nimmt er Geschenke zu Tausenden von Thalern von den Parteien an, die bei ihm Recht suchen; um nach seiner Verurtheilung wieder in das öffentliche Leben einzutreten, belästigt er noch in hohem Alter und bei erschütterter Gesundheit den König und die Minister mit Suppliken, fleht um Verzeihung, verspricht Besserung wie ein Schulknabe und bietet sein schriftstellerisches Talent zum Kauf an, wie eine Waare, die man auf dem Markte feil hält.

Dieses Alles war nur möglich, weil der Ehrgeiz, die Sucht nach Rang und Macht, Baco bis an sein Lebensende nicht verliess und jede Gelegenheit, die hier sich ihm bot, seine wissenschaftlichen Pläne und Arbeiten sofort in den Hintergrund drängte.

Lösen sich schon damit zum grössten Theile die Widersprüche, die man bisher in Baco's Charakter zu finden gemeint hat, so verschwinden sie ganz, wenn man bedenkt, dass Vieles zu seiner Zeit selbst bei hohen Beamten als zulässig, als erlaubt galt, was die strengere Moral der Gegenwart als schwere Amtsvergehen behandelt. Schon oben ist gezeigt worden, dass Baco's Benehmen gegen den Grafen Essex nicht die schweren Vorwürfe verdient, die man von jeher deshalb gegen ihn erhoben hat; er handelte allerdings nicht edel und hochherzig gegen Essex, aber in der Kollision seiner Pflichten, in den an ihn erlassenen ausdrücklichen Befehlen der Königin ist ein erhebliches Entschuldigungsmoment enthalten. Was die spätern Anklagen gegen ihn anlangt, die zu seiner Verurtheilung durch das Oberhaus führten, so hat er in allen da gerügten Fällen das Geld erst nach dem Urtheilsspruch, oft erst nach Monaten und Jahren angenommen; eine wirkliche Bestechung, um ungerecht zu entscheiden, ist durchaus von ihm bestritten und in keinem Falle erwiesen worden. So wenig nun auch das Erstere jetzt als zulässig erachtet werden kann, so waren doch die Ansichten in jenen Zeiten ganz andere. Dergleichen Missbrauch wurde allgemein bis hinauf zu den höchsten Stellen der Minister getrieben; Jedermann fand dergleichen natürlich, und wenn einmal eine Verfolgung, wie bei Baco, eintrat, so waren immer besondere Parteiinteressen dabei im Spiele, welche das Hauptmotiv abgaben. So auch hier bei Baco, wo das Unterhaus nur durch den Missbrauch mit den Licenzen, dessen sich der Premierminister, Herzog v. Buckingham, selbst schuldig gemacht hatte, zur Strenge gegen Baco veranlasst worden war.

Daraus erklärt es sich auch, wie der König Baco trotz seiner Geständnisse und seiner entehrenden Verurtheilung noch mit seinem Vertrauen beehren, mit ihm in Verkehr bleiben und ihm vielfache Gnadenbeweise ertheilen konnte. Daraus erklärt sich, wie der Ruf Baco's als grossser Gelehrter davon so gut wie gar nicht in jener Zeit berührt wurde, wie der französische Gesandte Effiat ein Jahr nach seiner Verurtheilung ihm seine aufrichtigen Huldigungen darbringen konnte, und wie Baco selbst zwar seine Fehler eingestehen, aber sie durchaus nicht als unverzeihlich und entehrend ansehen konnte. Selbst in seinem oben erwähnten Gebet zu Gott behandelt er diese Bestechungen als einen entschuldbaren Fehler, der gegenüber seiner sonstigen grossen Verdienste verschwinde.

So lösen sich alle scheinbaren Widersprüche in dem Leben und Charakter dieses merkwürdigen Mannes, sobald man seine Bedeutung und seine Liebe für die Wissenschaft nur etwas ermässigt und seine Bedeutung und seinen Ehrgeiz für das öffentliche Leben etwas erhöht und dabei der Moral seiner Zeit die nöthige Rechnung trägt.

Die wichtigsten Schriften Baco's sind bereits oben bei Schilderung seines Lebens erwähnt. Das hierbei noch Fehlende wird an den passenden Stellen des »Neuen Organon« nachgeholt werden. Sein philosophisches Hauptwerk ist die Instauratio magna. Davon ist aber nur der erste Theil, eine Encyklopädie der Wissenschaften unter dem Titel: »Die Vermehrung und der Werth der Wissenschaften«, und der zweite Theil, die Lehre von der Induktion, unter dem Titel: »Neues Organon«, zu dem grösseren Theile vollendet; von den übrigen vier Theilen, welche die Instauratio noch umfassen sollte, hat Baco, wie bereits erwähnt, nur Bruchstücke oder Vorreden geliefert.

Was den Inhalt seiner Philosophie anlangt, so muss auch in dieser Beziehung auf das nachfolgende Werk und die ihm beigefügten Anmerkungen verwiesen werden. Es bedarf zu dessen Verständniss keiner Einleitung, und es ist am besten, dass der Leser sich gleich zur Quelle selbst wendet. Naturwissenschaft und Naturphilosophie sind die Gebiete, welche Baco vorzugsweise bearbeitet hat. Die Ethik berührt Baco nur in dem ersten Theile seiner Instauratio, wo er insbesondere über die Rechtswissenschaft in geistreicher aber mehr fragmentarischer Weise sich ausspricht. Hobbes, sein Schüler, hat später diese Lücke in der Philosophie Baco's ergänzt. Neben seinen philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften hat Baco eine grosse Zahl von Abhandlungen über politische, volkswirthschaftliche und religiöse Fragen, so wie Werke über einzelne Theile der englischen Geschichte und des englischen Rechts geschrieben. Seine politischen und moralischen Essay's machten zu ihrer Zeit ein ausserordentliches Glück und haben den Essay's der spätern Zeit in England als Muster gedient. Unter dem sonderbaren Namen: »Sermones fideles« liess sie Baco später in das Lateinische übersetzen.

Neben vielen Ausgaben einzelner Schriften sind Gesammtausgaben von Baco's Werken herausgekommen: von Rawley zu Amsterdam 1663; von Mallet London 1740 und 1765; von Montague London 1825-34 und die neueste von Ellis und Spedding London 1858 und 1859, mit einem historischen Kommentar von Spedding, London 1862.

Deutsche Uebersetzungen sind vorhanden von der »Vermehrung der Wissenschaften« von Pfingsten, Pest 1783; von dem »Neuen Organon« von Bartholdy, Berlin 1793, und von Brück, Leipzig 1830; erstere ist die bei Weitem bessere, aber sie ist unvollendet und umfasst nur den ersten Theil des Organon.

Die Schriften über Baco und seine Philosophie füllen allein eine Bibliothek. Das Wichtigste über diese Literatur ist in der Geschichte der Philosophie von Ueberweg zu finden. Zu den bedeutendsten Leistungen hier gehört das Werk von Kuno Fischer: »Franz Baco, die Realphilosophie und ihr Zeitalter. Leipzig 1857.« Interessant sind die Angriffe von dem berühmten Chemiker Justus Liebig in seiner Brochüre: »Franz Baco und die Methode der Naturforschung. München 1863.« Treffend sagt Lewes in seiner Schrift über Aristoteles, London 1864: »So grossartig Baco die verschiedenen Ströme des Irrthums bis zu ihren Quellen verfolgt, so wird er doch von denselben Strömen mit fortgezogen, sobald er die Stellung eines Kritikers verlässt und die Ordnung der Natur selbst zu untersuchen beginnt.«

 

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