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Neues Organon

Francis Bacon: Neues Organon - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Bacon
titleNeues Organon
publisherVerlag von L. Heimann
editorJ. H. v. Kirchmann
year1870
translatorJ. H. v. Kirchmann
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vorwort des Uebersetzers.

Der nachfolgenden Uebersetzung des Neuen Organon liegt der lateinische Text nach der Ausgabe von Spedding und Ellis, London 1857, zu Grunde, welche an Genauigkeit und Sorgfalt alle früheren übertrifft. An deutschen Uebersetzungen sind bereits eine von Bartholdy von 1793 und eine von Brück von 1830 vorhanden, von denen die erstere die bessere, aber unvollendet geblieben ist und nur den ersten Theil des Organon enthält.

Jede Uebersetzung von Baco's Organon hat ihre eigenthümlichen Schwierigkeiten. Der Stil Baco's ist auf der einen Seite von prägnanter Kürze und auf der andern mit Pleonasmen überladen. Der Ausdruck ist meist hart und gleicht dem knorrigen Astwerk einer mächtigen Eiche in Starrheit und Steifheit, wie in Festigkeit und Kernhaftigkeit. Diese starre, eckige Form verletzt im Anfange, allein der reiche, gedankenvolle Inhalt versöhnt schnell damit und lässt über den tüchtigen Kern die grobe Schale vergessen, ja sie lieb gewinnen. Eine gute Uebersetzung hat deshalb diese Form nicht blos zu schonen, sondern deren knorrige und harte Weise so weit als möglich in das Deutsche zu übernehmen, denn sie gehört nicht dem Genius der lateinischen Sprache, sondern dem Genius des Autors an, der dieselbe Form auch in seiner Muttersprache festhält. In dieser Richtung dürfte der wesentliche Unterschied der hier gebotenen Uebersetzung von den früheren enthalten sein. Der Leser möge deshalb nicht ungeduldig werden, wenn er an der vorliegenden Uebersetzung die Glätte und Leichtigkeit des Verständnisses vermisst, welche bei andern Autoren, wie Hume und Grotius, möglich war. Das Harte, das Eckige, das Unbeholfene, das Gewaltsame, das Erzwungene, das Dunkle, was der Uebersetzung hier zur Last fällt, herrscht ebenso im Original, und jede Ausglättung, jede Umschreibung und Milderung würde dem Werke das Mark aus den Gliedern gezogen haben. Die Schwierigkeiten des Verständnisses sind übrigens nur im Anfange erheblich; im Fortgange wird bald die nöthige Uebung gewonnen, um dem Autor in seiner originalen Ausdrucksweise folgen zu können. Wo noch eine besondere Hülfe nöthig schien, ist sie, um den Text nicht zu beschädigen, in die Erläuterungen gebracht worden.

Bei den Erläuterungen sind die bisherigen Grundsätze auch hier festgehalten worden. Da Baco's Philosophie dem Realismus der Gegenwart in den Grundgedanken sehr nahe steht, so war die Erläuterung des Werkes vom realistischen Standpunkte aus gewissermassen selbstverständlich; aber gleichzeitig gewährte dieser Standpunkt auch die Mittel, den wesentlichen Unterschied des Bacoschen Empirismus von einem reinern Realismus und die Mängel des ersteren gegenüber dem letzteren darzulegen. Es wird sich dabei zeigen, dass Baco trotz seines Kampfes gegen die Scholastik noch tief in ihren formalen und leeren Beziehungsbegriffen befangen geblieben ist, und dass gerade deshalb es ihm weniger wie irgend einem seiner grossen Zeitgenossen, wie Galilei, Gassendi, Kepler, Gilbert, Descartes, gelungen ist, selbst einen neuen Inhalt den Naturwissenschaften zuzuführen und durch neue Entdeckungen sie zu bereichern.

Die Erläuterungen werden in Verbindung mit denen zu den philosophischen Werken von Descartes (Bd. XXV. und XXVI. der Phil. Bibl.) auf das Ueberzeugendste darlegen, dass die Prinzipien des Descartes und Baco nicht in dem Gegensatze von Idealismus und Realismus stehen, wie bisher in allen Geschichten der Philosophie und noch neuerlich von Kuno Fischer in seinem Werke über Baco (Leipzig 1857) gelehrt worden ist. Descartes steht genau auf denselben Fundamenten der Erkenntniss mit Baco, und in der wahrhaft realistischen Ausführung derselben ist er Baco weit überlegen. Während Baco in seinen positiven Untersuchungen überall noch in scholastischen Begriffen verstrickt bleibt, Fremdartiges zusammenbringt und trotz seiner Induktion zu falschen Ergebnissen gelangt, hat Descartes in seinen Prinzipien der Philosophie alle diese Begriffe über Bord geworfen und operirt da nur mit den einfachen Bestimmungen des Stoffes, der Grösse, der Gestalt und der Bewegung. Aus diesen vier Elementen baut er die Welt in mathematischer Strenge und in geometrischen Beweisen auf. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn die Naturwissenschaften in ihren neuesten Richtungen in auffallender Weise zu Descartes zurückkehren, und wenn viele seiner Annahmen noch heute gelten, während Baco's positive Untersuchungen sich für die moderne Naturwissenschaft als durchaus unbrauchbar erwiesen haben.

Dies Alles thut jedoch der Grösse dieses Geistes in seinem Kampfe gegen die Scholastiker keinen Eintrag. Diese Kämpfe und die klare Begründung der induktiven und beobachtenden Methode sind der unsterbliche Kern des Werkes, was hier dem Leser in einer neuen Uebersetzung geboten wird. Baco selbst hat es wiederholt für sein bestes erklärt. Darüber lässt sich streiten; vielleicht hat seine Schrift »De augmentis scientiarum«, welche den I. Theil der »Instauratio magna« bildet, einen noch höheren Werth. Indess hat hier der Unterzeichnete gern der allgemeinen Meinung und dem eigenen Beispiele Baco's, der auch mit dem Organon begonnen, nachgegeben und bietet deshalb zuerst die Uebersetzung des Organon; hoffentlich wird es ihm möglich sein, jenen ersten Theil der Instauratio bald nachzuliefern.

Die dem Werke beigegebene Lebensbeschreibung ist hauptsächlich aus den eignen Briefen und Schriften Baco's zusammengestellt. Indem dabei die äusseren Thatsachen zurücktreten, aber dafür sein Inneres, seine Gedanken, Pläne und Leidenschaften deutlicher hervortreten, wurde es möglich, einen Schlüssel für die Auflösung der Widersprüche in dem Charakter dieses grossen Mannes zu finden, welche bis auf die Gegenwart ein Räthsel für alle Geschichtschreiber gebildet haben.

Berlin, im April 1870.

v. Kirchmann.

 

Erklärung der Abkürzungen.

B. I. oder XI. bedeutet den ersten oder elften Band der Phil. Bibl., und die dabeistehende arabische Ziffer die Seitenzahl.

Ph. d. W. 319 bedeutet Seite 319 der Philosophie des Wissens von J. H. v. Kirchmann. Berlin 1864. Bei J. Springer.

Aesth. I. 72 bedeutet Seite 72, Theil I. der Aesthetik auf realistischer Grundlage von J. H. v. Kirchmann. Berlin 1868. Bei J. Springer.

 

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