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Neues Kasperl-Theater

Franz Graf von Pocci: Neues Kasperl-Theater - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
authorFranz Pocci
titleNeues Kasperl-Theater
publisherGebrüder Scheitlin
addressStuttgart
year1855
firstpub1855
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060710
projectid9500f124
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II.

Kasperl als Professor.

Ein philosophisches Lustspiel.

(Ein Studierzimmer.)

Kasperl. O langweiliges Leben! Bedienter bei einem gelehrten Professor zu seyn! Das ist etwas Schreckliches! Erstens: darf man den ganzen Tag nicht muxen; rührt man sich nur ein wenig, so heißt's gleich: »Still Bursche! Du störst meinen Ideengang!« und was ist denn eigentlich so ein Ideengang? Ich kenn' nur den Gang in's Wirthshaus. Zweitens: krieg ich keinen Lohn, aber dafür auch nichts zu essen; denn mein Herr sagt immer, das Essen sey eigentlich ungesund; denn es laßt den Geist nit aufkommen. Ich verlang' mir aber keinen Geist, sondern was für den Magen oder einen Branntweingeist. Aber mein Herr kann furchtbar hungern. Ich glaub' sein Magen muß mit lauter Geist ausgefüllt seyn. Ich werd' noch aus Verzweiflung so ein paar alte Bücherschartecken auffressen. Wenn's gekocht ist, muß das Pergament gar nicht schlecht schmecken. Ich will's einmal probiren. So! etwas in Wasser gesotten, gibt das eine Art Rumfortersuppen. Auweh! jetzt hör' ich den Professor aus dem Collegium kommen. Er trappt schon die Stiegen herauf.

Professor Wassermaier (tritt ein) Kasperl.

Kasperl. Was befehlen Sie, Herr Professor?

Professor. Bringe mir mein Frühstück!

Kasperl. Ja, was soll ich denn bringen? Es ist ja nichts Genießbares im ganzen Logis.

Professor. Gehe an den Brunnen und hole mir ein Glas Wasser; Wasser, Wasser ist der Quell des Lebens. Wasser ist der Urstoff der Schöpfung; Wasser ist das elementare Fluidum, aus welchem sich alle Stoffe entwickelt haben und in den wieder zurückkehren.

Kasperl. Sie kommen mir allweil mit dem Urstoff. Von mir aus können Sie d'ran satt werden, aber meinerseits dank' ich gehorsamst dafür.

Professor. Das verstehst Du nicht! Geh', bringe mir ein Glas Wasser!

Kasperl (geht ab).

Professor. Endlich hoffe ich mit meinem System der Philosophie durchzudringen. Meine Gegner werden bald schweigen müssen. Ja! Wasser als Grundlage alles Geschaffenen angenommen – das ist etwas Neues! Die Centralisirung auf das Flüssige läßt sich schon auf chemischem Wege aus der Natur selbst nachweisen; denn Alles ist zuletzt lösbar in flüssiger Materie!

Kasperl (kömmt mit einem Glas Wasser). Da ist Ihr Frühstück, Herr Professor! Ich wünsch' guten Appetit.

Professor (geht mit dem Glas Wasser ab). Nun will ich ein wenig ruhen!

Kasperl (allein). Ruhen Sie von mir aus, so lang Sie wollen. Ich muß einstweilen wie gewöhnlich hungern; da kann mein Magen ruhen. (Es schellt am Hause.) Hoho, wer läut't denn! Gewiß wieder eine Visite von einem gelehrten Narren; denn ein gescheidter Mensch kommt doch das ganze Jahr nit in's Haus. (Ruft hinaus.) Wer will herein?

(Stimme von außen.) Wohnt hier der Herr Professor Wassermaier?

Kasperl. Aha! ein fremder Gelehrter! Den will ich etwas fexiren. (Ruft.) Nur herauf, die Thür ist offen. Jetzt zieh' ich den alten Schlafrock meines Herrn an und stell' den Herrn Professor vor. (Verkleidet sich.) Weil mich der Herr Professor halb aushungern laßt, so werd' ich es versuchen, diesem unvorsichtigen Fremdling durch List oder Gewalt einiges Geld zu entlocken.


Tintenklexer. Kasperl.

Tintenklexer (unter Verbeugungen eintretend). Habe ich die Ehre, den Herrn Professor Wassermaier zu sprechen?

Kasperl (immer in affektirtem Hochdeutsch). Sie haben die Oehre.

Tintenklexer. O, wie glücklich schätze ich mich, solch' einen berühmten Mann kennen zu lernen.

Kasperl (mit Herablassung). Und wen habe ich die Oehre bei mir zu sehen.

Tintenklexer. Ich bin Tourist und mein Name ist Tintenklexer.

Kasperl. Sie sind also Schnurrist und Ihr Name ist – – ?

Tintenklexer. Tintenklexer –

Kasperl. Tintenklexer? – Aha, ich verstehe: Ihre Beschäftigung ist also Tintenklexe zu machen.

Tintenklexer. Verzeihen Sie, verehrtester Herr Professor – ich begreife nicht – – ich bin, wie gesagt – Tourist und beschäftige mich, alles Interessante auf meinen Reisen zu sammeln –

Kasperl. Ich finde das sehr interessirt von Ihnen.

Tintenklexer (für sich). Ein sonderbarer Mann! (Zu Kasperl.) Vor Allem war es mir von höchstem Werthe bei meinem hiesigen Aufenthalte, den Erfinder des neuen neptunischen Philosophems persönlich kennen zu lernen.

Kasperl (sich vergessend). Was schwatzen Sie daher? – (Sich besinnend). Ja so! Ich verstöhe. Allerdings, gewissermaßen – Allein demungeachtet insoferne nicht nur allein, sondern auch –

Tintenklexer. Es wäre mir höchst wichtig, aus Ihrem Munde einige nähere Erörterungen zu vernehmen, inwiefern Sie den Vulkanismus so ganz und gar umgehen können. Ich bin darüber ganz und gar nicht im Klaren.

Kasperl. Ich auch nicht. Doch lassen wir das. Sagen Sie mir lieber, ob Sie Geld bei sich haben?

Tintenklexer. Wie? Herr Professor, ich verstehe Sie nicht.

Kasperl. Ich werde mich also deutlicher ausdrücken. Leihen Sie mir gefälligst fünf Gulden.

Tintenklexer. Herr Professor? Ich finde es sehr sonderbar, daß Sie, nachdem Sie kaum meine Bekanntschaft gemacht haben, mit derlei sonderbaren Zumuthungen – – –

Kasperl. Ich finde es auch sehr sonderbar; aber wenn Sie mir nicht gleich die fünf Gulden geben, so schlage ich Ihnen Eine auf Ihren Schädel hinauf, daß Sie daran denken werden.

Tintenklexer. Welche Arroganz! und wie – Sie sollten wirklich der berühmte Wassermaier seyn?

Kasperl (im alten Tone). Wassermaier hin, Wassermaier her; ich versteh' kein' G'spaß und das werd' ich Ihnen gleich beweisen. (Gibt ihm eine Ohrfeige.)

Tintenklexer. Unverschämt. Ich verlange Genugthuung!

Kasperl. Wenn Sie noch nicht genug haben, kann ich mit mehr aufwarten. (Prügelt ihn.)

Tintenklexer. Weh mir! Welche Rohheit!

Kasperl. Was Rohheit! (Balgerei; Kasperl schlägt ihn zu Boden.) Da liegt der Tintenklex! – Jetzt nur gleich seine Taschen visitirt. Aha! Ein Geldbeutel! bis er von seiner Ohnmacht wieder aufwacht, werd' ich dieses unfreiwillige Staatsanlehen auf nationalökonomische Zwecke verwenden, d. h. in's Wirthshäusl gehen. (Ab.)

Tintenklexer (erwacht allmählig). Ha! welch' schmähliche Behandlung! So Etwas ist mir unter den Wilden nicht geschehen! Und dieß ein Professor, ein Philosoph! Ich werde mich rächen und die Hülfe der Gerichte in Anspruch nehmen, damit dieser Frevler bestraft werde. (Ab.)

Professor Wassermaier. Der Schlaf hat mich gestärkt! Das Fluidum hat geruht, um zu neuen Wellenbewegungen des Geistes zu erwachen. Ich fühle schon, wie ein Tropfen nach dem andern aus dem Meere des Lichtes herabfällt, um sich an der Gehirnhöhle zu cristallisiren. – Nun will ich an dem zweitausendsten Paragraphe meines Systems arbeiten. (Schlägt ein Heft auf.) »Aha! das Wasser in der vierten Schöpfungsperiode als verkörperter Organismus sich setzend und Niederschläge bildend« – – (Es klopft stark an der Thüre.) Wer klopft? Kann ich keine Ruhe haben? Kasperl, wo bist Du?

Ein Polizeidiener (tritt ein) Sie sind arretirt.

Professor Wie? Ich arretirt? – aus welchem Grunde?

Polizeidiener. Man hat eine hohe Polizei nie nach dem Grund zu fragen. Sie gehen mit mir. Es ist keine Manier, die Leute in Ihrer Wohnung zu prügeln.

Professor. Unverschämt! Sie müssen durch eine unrechte Thüre gegangen seyn. Ich bin Professor Wassermaier.

Polizeidiener. Ja, Wassermaier! das ist mein Mann! (Packt ihn beim Kragen und schleppt ihn fort.)

Professor (schreit). Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Ein Irrthum in der Person! (Beide ab.)

Kasperl. Juhe! Jetzt hab' ich gerad' meinen Herren begegnet, wie man ihn auf die Polizei geführt hat. Da werden's ihm seine Wasserphilosophie schon austreiben; denn ich hoff', daß er für mich eine ordentliche Portion Prügel bekommt. Geschieht ihm aber gerad recht: warum hat er mich in seinen Diensten so aushungern lassen, daß ich selber beinah zu einem Wassergeist worden bin. Ich geh' in einen andern Dienst und find' ich keinen Herrn, so bleib ich mein eigener Herr und schaff mir selbst an.

(An's Publikum gewendet.)

Wenn vielleicht von Ihnen da unten Jemand einen treuen, soliden Bedienten braucht, so steh' ich gleich zu Diensten und sehe mehr auf gute Behandlung als auf guten Lohn. Wenn ich nur alle Stunden Etwas zum Essen und Trinken und nix zu arbeiten hab', dann wird gewiß meine Herrschaft mit mir zufrieden seyn. So – und jetzt mach ich mein höfliches Kompliment. Wenn Ihnen die Komödie etwas zu gelehrt war, so ist das nur Ihre eigene Schuld – da müßten Sie halt für ein anders Mal zuvor zum Herrn Professor Wassermaier in die Schul gehen.

III.

Madame Kasperl.

Ein Schauspiel, in welchem auch der Teufel in Person vorkommt.

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