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Neue Märchen

Paul Heyse: Neue Märchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleNeue Märchen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
year1899
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20150225
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Die gute Frau

(1898)

 

Eines Morgens war der Teufel in sehr schlechter Laune aufgewacht. Sein Gesinde mußte es entgelten, da er bei dem gewohnten frühen Rundgang durch das finstere Reich noch strenger als sonst jede Nachlässigkeit im Dienst ahndete, so daß sich die verwegensten Höllengeister zitternd zusammenduckten, wenn nur ein Blitz aus den rothen Augen ihres Herrn und Meisters auf sie hinfuhr.

Als er dann zu seiner Großmutter kam, erkannte die Greisin, die so alt ist, wie die Welt, da sie schon im Paradiese die Menschenmutter in Gestalt der Schlange verführt hat, an den verzerrten Zügen ihres Sohnes, daß ihm übel zu Muthe war. Sie langte eben wieder mit ihren dürren schwarzen Fingern in ein Becken voll glühender Kohlen, die sie in ihren zahnlosen Rachen schob. Denn ihre morschen Glieder fröstelten mitten in der Höllenglut, und sie mußte sorgen, sich von innen zu erwärmen.

Sie schob aber das Becken zurück, als sie ihren Sohn bei sich eintreten sah, der nie versäumte, die Uralte in der Frühe zu begrüßen und sich nach ihrer Nachtruhe zu erkundigen. Denn sie war das einzige Wesen, vor dem er Furcht hatte. Dir ist nicht wohl, mein Sohn, sagte sie. Bist du mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden, oder hast gestern Abends zu viel schwedischen Punsch getrunken, vor dem ich dich schon oft gewarnt habe, da er süß ist, wie die Sünde, aber selbst dem ausgepichtesten Trinker in die Krone fährt, wenn er ihn kannenweise in sich hineinschüttet? Oder hast du dich wieder einmal im Traum mit einem Engel gebalgt, der dir eins deiner Hörner ausgerissen oder sonst eine Schmach an dir verübt hat? – Nein, Großmutter, versetzte der Enkel, indem er eine wilde Grimasse schnitt, von Alledem ist mir nichts begegnet. Der Grimm und Gram, der an mir nagt, rührt nur davon her, daß es seit einiger Zeit hier unten bei uns verdammt langweilig wird, da immer nur das alltäglichste Armsündervolk, gemeine Verbrecher, Mörder, Fälscher und Brandstifter eingeliefert werden, nicht der Kohlen werth, mit denen ihnen hier eingeheizt wird. Du entsinnst dich, Großmutter, es gab bessere Zeiten, wo man an kühnen und ausbündig gescheidten Missethätern seine Lust hatte, Manns- und Weibsbildern, die durch die ärgsten Martern nicht zu beugen und zu bändigen waren und werth gewesen wären, in unsere Zunft aufgenommen zu werden. Ob es daran liegt, daß meine dienstbaren Geister in ihrem Eifer auf Erden nachlassen, oder ob die Menschenwelt zahmer und sittsamer geworden ist – genug, das Gesindel, über das ich täglich Musterung halte, erregt mir nur Ekel und Abscheu, und mich verlangt nach irgend einer rechten Bestie von einem Menschen oder Einem, der lange im Geruch der Heiligkeit gestanden und jählings einen so tiefen Fall gethan hat, wie dein eigener lieber Enkel, als der Erzengel ihn auf ewig in den Abgrund schleuderte.

Die Alte sann eine Weile, ihre welken Augenlider halb zugedrückt, wie eine Schleiereule, die ins Licht sieht. Dann sagte sie: Du solltest dich einmal selbst droben unter der Sonne umsehen, wie es damit steht, ob deine Rüden bei der Seelenjagd ihre Schuldigkeit thun, oder nicht; denn daß die Menschen sich gebessert haben sollten, glaube ich nicht. Die Erbsünde sitzt ihnen zu tief im Blut, und sie lernen höchstens, ihre Laster und Niedertrachten besser verbergen. Zudem würde es nicht schaden, wenn du dir ein wenig Bewegung machtest. Bei deiner sitzenden Lebensart verdickt sich dein Blut. Ich würde dich gern begleiten, aber ich werde alt, und meine armen Knochen rasseln zu stark, sobald ich mich rühre. Auch muß doch Eins von uns Beiden hier unten bleiben, damit die Mäuse nicht auf dem Tische herumtanzen, wenn beide Katzen aus dem Hause sind.

*

Dieser liebreichen Ermahnung fügte sich der Enkel, der vor der großmütterlichen Weisheit den unbedingtesten Respect hatte, und fuhr alsbald in die Oberwelt hinauf, nicht auf dem mühsamen Terrassenweg, den jener alte Dichter hinabgewandelt war, sondern indem er seine riesigen Fledermausflügel entfaltete und sich durch den schwarzen Kamin emporschwang. Denn bekanntlich ist die Hölle im Mittelpunkt der Erde gelegen und schon darum von einer heißen, beklommenen Luft erfüllt, da nur ein einziger Schlot die glühenden Schwefeldämpfe ins Freie strömen läßt.

Oben angelangt, begann er seinen langsamen Flug durch mancher Herren Länder, zuerst bis ins Mark erschauernd, da ein scharfer Novemberwind durch Wälder und Fluren strich, bis er sich warm geflogen hatte. Wo er etwas entdeckte, das ihm merkwürdig schien, ließ er sich zur Erde nieder und stapfte gemüthlich mit seinem hinkenden Pferdefuß an den Wohnungen der Menschen vorüber, in die kleinen Fenster schielend oder auch in offene Thüren tretend, immer für sterbliche Augen unsichtbar. Was er aber suchte, gewaltige, trotzige, dämonische Missethäter, die ihm selbst auf zu rathen gegeben hätten, fand er nirgend, überall nur die arme, schwache, von ihren Begierden und kleinen Selbstsüchten verführte Menschheit, bei denen der Ungeschickteste seiner Versucherbande leichtes Spiel gehabt hätte. Noch weniger begegnete ihm eine leuchtende Heiligengestalt, die sich durch den übermächtigen Zauber der Gelegenheit in den Abgrund locken ließ, was dem Teufel stets eine besondere Lust und der höchste Triumph seiner gottlosen Künste ist.

So war er, immer heftiger die laue, flaue Sündenwelt verwünschend, den ganzen Tag erfolglos herumgestrichen, wie ein Jäger, der viele Stunden lang dem Wilde nachgegangen ist, ohne zu Schuß zu kommen, als er in der Abenddämmerung zu einer einsamen Hütte im dichten Eichenforst gelangte, in der, wie er wußte, ein armer Waldhüter mit seiner jungen Tochter wohnte. Er kannte die Beiden, da er schon früher einmal sich bemüht hatte, das Mägdlein in seine Gewalt zu bekommen, indem er ihr einen schmucken Jagdgehülfen zuführte, der schon bei Anderen sein Glück nicht umsonst versucht hatte. An dieser einsamen Unschuld aber waren die Künste des schlauen Burschen gescheitert, obwohl er sich alles Ernstes verliebt hatte und nur um ihrer blutigen Armuth willen nicht daran denken konnte, die Waldhüterstochter zu seinem Weibe zu machen. Das fromme Kind nämlich hatte in einer Ecke seiner Kammer ein geschnitztes und buntbemaltes Muttergottesbild über einem Weihbrunnkesselchen stehen, das die Inwohnerin vor allen sündigen Wünschen und Werken schützte. Also war sie, auch wenn ihr alter Vater weit vom Hause weg im Forst zu thun hatte, in der offenen Hütte so sicher geborgen, wie nicht jedes Nönnchen in seiner Klosterzelle.

Daß hier nichts für ihn zu machen sei, wußte der Teufel nur allzu gut, und nur so verloren schweifte sein Blick nach dem offenen Kammerfenster des jungen Kindes. Plötzlich aber hemmte er den Schritt, denn was er drinnen gesehen hatte, durchzuckte ihn mit einer wilden Schadenfreude.

Es war ein kahles, weißgetünchtes Kämmerchen, das Muttergottesbild an der Wand der einzige Schmuck. Kein Ofen oder Kamin gab auch im Winter ein wenig Wärme, und unter der dünnen Bettdecke mußte es des Nachts, in so rauher Herbstluft, wie heute, nicht eben behaglich sein. Die junge Waldhüterstochter aber war, wie es schien, an herbe Witterung gewöhnt. Sie trug auch jetzt nur ein leichtes Röckchen, die kräftig aufgeblühte Brust durch eine Linnenjacke gegen den Abendwind, der zum Fenster hereinstrich, schlecht verwahrt. Auf dem einzigen Holzstuhl neben dem Bette aber saß ein großer, schöner, stattlicher Mann in einer schmucken Jägertracht, der hatte das Mädchen mit beiden Händen an sich gezogen und hielt es zwischen seinen Knieen fest, obwohl es sich mit seitwärts gewandtem Gesicht zurückbog und sich loszumachen strebte. Aber es kämpfte nur schwach gegen die schmeichelnde Gewalt des vornehmen Herrn, der leise und dringend in das holde Kind hineinsprach. Der Teufel kannte ihn wohl; es war der reiche Graf, dem all diese weiten Waldungen bis an sein Schloß hin gehörten, und da der Waldhüter sein Leibeigener war, durfte er auch über dessen Tochter sein Herrenrecht geltend machen.

Warum bist du mir so unhold, Katherlieschen? sagte der Verführer und streichelte mit der Hand ihren nackten Arm. Ich weiß ja doch, daß du mir gut bist. Gestern, als ich mit deinem Vater sprach, den ich heute drei Stunden weit verschickt habe, da sah ich wohl, wie deine Veilchenaugen beständig nach mir hin schielten, und du die Kette bewundertest, die ich um den Hals trug. Ich will sie dir schenken, wenn du mich ein wenig lieb haben und thun willst, um was ich dich bitte. Denn ich weiß kein Mutterkind weit und breit, das röthere Lippen hat und die ich lieber küssen möchte, als deine.

Sie athmete schwer, und nur mühsam brachte sie die Worte heraus: Es ist aber Sünde, gnädiger Herr. Die Muttergottes sieht uns und würde mir's nie vergeben.

Närrchen! versetzte er. Was du dir einbildest! Die Muttergottes hätte viel zu thun, wenn sie alle Menschen bestrafen wollte, die sich lieb haben. Aber damit sie uns nicht länger sehen kann – wart! wir wollen ihr die Augen verbinden.

Damit zog er dem erglühenden Kinde das Tüchlein vom Halse, das ihre runden, weißen Schultern bedeckte, stand auf und umhüllte damit das geweihte Bild an der Wand. Als er dann zu dem Mädchen zurückkehrte, stand sie zitternd, die Hände vor die klopfende Brust gedrückt, mitten im Kämmerchen und wehrte ihm nicht, da er die Arme um sie schlang und ihre Augen und Lippen mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte.

Mit einem verächtlichen Grinsen wandte der Späher draußen sich weg. Immer die alte Komödie! knirschte er voll Unmuth. Ein vornehmer Wolf und ein armes gelüstiges Schäfchen! Großmutter würde höhnen, wenn das die ganze Jagdbeute wäre, die ich mit heimbrächte. Hol's der Kuckuk! Man möchte ein Nachmittagsprediger werden, der noch an jedem solchen philisterhaften Sündenfall ein Aergerniß nimmt. Das würde wenigstens die Galle in Bewegung setzen.

Indem er aber seine schwarzen Fittiche eben wieder entfalten wollte, fuhr ihm ein Gedanke durchs Gehirn, der ihn auflachen machte.

Er kannte die Gemahlin des gräflichen Sünders, den er hier auf verbotenen Wegen ertappt hatte. Diese Frau, jetzt über die erste Jugend hinaus, da sie schon zwanzig Jahre vermählt war, hatte er früher mit tückischen Anschlägen umschlichen und zuletzt ingrimmig von ihr abgelassen. Denn sie war eines von den reinen und hohen Wesen, die keines Kampfes bedürfen, um jeder Versuchung zu widerstehen, und da sie ihren Gemahl seit ihren jüngsten Mädchenträumen einzig und allein im Herzen getragen hatte, war's auch kein verdienstliches Werk, daß sie sowohl unter den Verlockungen des sittenlosen Hofes, als in der Einsamkeit ihres Waldschlosses ihre Seele durch keinen Hauch sündiger Gedanken beflecken ließ.

Der Einzige neben ihrem Gatten, für den sich ein weicheres Gefühl in ihrer Brust geregt hatte, war ein Vetter gewesen, etliche Jahre jünger als sie, ein schöner, heißblütiger Junker, der sie im Stillen mit wilder Leidenschaft umwarb, bis sie ihn eines Tages für immer aus ihrer Nähe verbannt hatte. Er war in die Welt gezogen und hatte Jahre lang nichts von sich hören lassen, also daß sie beruhigt denken konnte, er habe sich seine frevelhaften Wünsche aus dem Sinn geschlagen. So genoß sie ferner ohne jede Unruhe ihr häusliches Glück, da sie nicht ahnte, daß ihr vergötterter Gemahl hin und wieder verstohlenen Freuden nachging, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen, da er trotzdem sein edles Weib nach wie vor als die Krone ihres Geschlechts betrachtete und in höchsten Ehren hielt.

Dies Alles erwog der böse Feind, als er von der Waldhütte sich langsam entfernte, und im Nu hatte er seinen höllischen Plan darauf gegründet.

*

Die Gräfin saß in dem hohen Wohngemach ihres Schlosses, in dessen Kamin ein mächtiges Feuer brannte, und suchte, die Tasten ihrer Zimmerorgel berührend, eine trübe Stimmung, die ihr den ganzen Tag nachgegangen war, durch Musik zu bannen. Als sie am Morgen ihre reichen braunen Haare flocht, hatte sie zum ersten Mal einige weiße Fäden darin bemerkt und sich gesagt, daß ihres Lebens Mittsommer verblüht sei und es nicht lange mehr währen würde, bis über ihre Schönheit der Herbst hereinbräche, wenn auch minder rauh und verheerend, als eben draußen im Walde. Und da sie zugleich ihren Gatten bei sich eintreten sah, der, nur ein Jahr älter als sie, sich noch in der Vollkraft seiner Mannesschöne befand, konnte sie sich eines leisen Kummers nicht erwehren, der Sorge, ob das Glück, das ihr seine Liebe und Treue gewährte, noch lange dauern könne.

Sie hatte ihm, da sie ihm all ihre Gedanken vertraute, auch diesen nicht vorenthalten, er aber mit Scherzen und Liebkosungen sie getröstet und ihr so zärtliche Worte gesagt, daß sie wieder lächelte, als er sie verließ. Dann aber war die zweifelnde Stimmung doch wieder mächtig über sie geworden und hatte auch durch den Zauber der geistlichen Hymnen, die sie auf ihrem Harmonium anstimmte, sich nicht ganz verscheuchen lassen.

So empfand sie es als eine Wohlthat, daß ihr ein Besuch gemeldet wurde, und selbst der Anblick des Vetters, den sie früher gemieden hatte, war ihr willkommener als die Einsamkeit. Auch sah sie in seiner Rückkehr ein Zeichen, daß er seiner sündigen Leidenschaft Herr geworden sei, ging ihm mit einem herzlichen Gesicht entgegen und reichte ihm die Hand.

Sie fand ihn, der den Verwirrten und Verlegenen spielte, nicht im Geringsten verändert, nur daß er den linken Fuß nachschleppte, fiel ihr auf. Doch ehe sie noch danach fragen konnte, erzählte er ihr, in einem Gefecht in Spanien, wo er freiwillig mitgekämpft, habe ihn eine Kugel am linken Knöchel verwundet, und der Schaden sei leider schlecht geheilt worden. Bekanntlich ist es dem Teufel nicht möglich, mag er sich im Uebrigen in noch so menschliche Gestalt verwandeln, seinen Pferdefuß gänzlich zu verbergen.

Nun setze dich zu mir, Frank, sagte die Gräfin, und erzähle mir von deinen Fahrten und Abenteuern. Du hast dich in all der Zeit nicht verändert, nicht ein einziges graues Haar dir wachsen lassen, während ich –

O Base, sagte er, dich finde ich ganz so wieder, wie du mir in meinen trostlosen Gedanken und Träumen vorschwebtest. Doch nicht um dir vorzuklagen, habe ich gewagt, das strenge Verbot der Verbannung zu übertreten. Um deinetwillen, Cäcilie, da ich ein tiefes, zorniges Mitleid mit dir fühle –

Mitleid? unterbrach sie ihn. Das magst du für Frauen sparen, die nicht gleich mir von Gott und dem Glück gesegnet sind. Auch daß mir Kinder versagt blieben, hat reichen Ersatz darin gefunden, daß wir diese zwanzig Jahre hindurch wie in einem ewigen Brautstand oder Honigmond gelebt und uns nur fester aneinander geschlossen haben.

So möge es denn auch bleiben! versetzte der vermeintliche Vetter und stand auf. Ich will nicht schuld sein, daß du an deinem ewigen Bräutigam und den Flitterwochen irre wirst, obwohl ich ihn darum hassen könnte, daß er eine solche Gnade des Himmels und des Glücks nicht besser zu schätzen weiß. Grüß ihn von mir und leb wohl!

Nein, Frank! rief sie, und ihre Wangen überflog eine leise Röthe, du wirst nicht von mir gehen, ehe du diese schnöde Verdächtigung widerrufen hast. Du sollst die Rückkehr meines Mannes von der Jagd erwarten und dann mit eigenen Augen sehen, daß Alles zwischen uns noch ist wie vor zwanzig Jahren.

Deinen Mann erwarten, Bäschen? Das möchte ein wenig lange währen. Denn er ist allzu wohl aufgehoben, wo er sich gerade befindet, um sich so bald nach Hause zu seinem treuen Weibe zu sehnen. Also entlaß mich, da ich nicht gesonnen bin, den Frieden deiner Seele zu stören.

Halt! rief sie, als er sich schon der Thür näherte. Nun wirst du nicht von mir gehen, ehe du diese bösen dunklen Worte mir enträthselt hast. Wo sagst du, daß mein Gatte zu wohl aufgehoben sei, um sich nicht nach seinem Weibe zurückzusehnen?

Sie maß ihn mit einem stolzen Blick, in dem die Empörung ihrer reinen Frauenseele loderte. Er aber schlug die Augen nicht nieder.

Wenn du denn durchaus dein eigenes Unglück willst, versetzte er, so wisse, daß dein edler Gemahl in dieser Stunde sich herabgelassen hat, die junge Tochter eines seiner Untergebenen seiner zärtlichen Huld und Gnade zu versichern. Du wirst dem armen Kinde die Brosamen nicht mißgönnen, die ihr von dem reichen Tische deines ehelichen Glücks in den Schooß fallen.

Hierauf ward eine kleine Stille zwischen den Beiden. Man hörte nur die Flammen im Kamin zischen und sprühen, wie wenn das höllische Element sich der Nähe seines Herrn und Meisters freute und ob seines tückischen Anschlages auf die edle Frau frohlockte.

Du lügst! sagte diese, sich hoch aufrichtend. Ich sehe, daß du ungebessert zu uns zurückkehrst, ja in noch schlimmerer Verfassung, da du glaubst, durch niedrige Verleumdung meines Mannes bei mir etwas zu erreichen. Wo sind deine Zeugnisse für eine so schmähliche Anklage?

Hier diese meine zwei Augen, theure Frau. Und wenn du diesen nicht glaubst, wirst du auch deinen eigenen mißtrauen? Ich bin bereit, dich dorthin zu führen, wo du das alltägliche Wunder mit Händen greifen kannst, daß die süßeste Frucht einen verwöhnten Schlemmer zuletzt übersättigt und ihn gelüsten läßt, in eine herbe Schlehe einzubeißen. Soll ich dir aber rathen, so ergieb dich darein und denke, daß dir nichts Schlimmeres geschieht, als Tausenden deines Geschlechts.

Statt aller Antwort schritt die Gräfin zu einem Sessel, über den ein seidener, mit Zobel verbrämter Mantel geworfen war. Sie hüllte sich hastig darein und zog die Kapuze über den Kopf. Ein Schauer lief ihr über den Leib, als ihr der hohe Spiegel ihre Gestalt in dieser Vermummung zeigte. Komm! sagte sie mit rauher Stimme. Und wehe dir, wenn du falsch Zeugniß geredet hast!

So ging sie ihm voran, der mit höhnischem Grinsen sich vor ihr verneigte und die Marmortreppen hinab ihr nachhinkte.

*

Draußen angelangt, mußte sie es freilich dulden, daß er neben ihr her schritt, ihr den Weg zu zeigen. Sie sprach aber kein Wort zu ihm, sondern sah mit einem steinernen Gesicht vor sich hin und zog den Mantel fest um ihre Schultern, sich gegen den Wind zu verwahren, der eisig durch den Forst strich. Sie hatte bald wahrgenommen, daß sie nach dem Hause des Waldhüters gingen. Seine Tochter war ihr wohlbekannt. Mehr als einmal hatte sie dem Grafen von dem guten und schönen Kinde gesprochen, und daß sie ihm einen braven Mann wünsche. Ihr Gemahl hatte mit einer gleichgültigen Miene zugestimmt, darum, da sie von den Listen und Tücken der Männer nichts ahnte, schien es ihr auch jetzt undenkbar, daß er sich zu diesem unschuldigen Geschöpf sollte herabgelassen haben. Von Zeit zu Zeit warf der böse Feind einen lauernden Blick in das Gesicht der schönen, stolzen Frau an seiner Seite. Was aber hinter diesen halb zugedrückten Augen lag, blieb ihm ein Räthsel.

Es war volle Nacht geworden, als sie nach einer halben Stunde raschen Gehens das einsame Haus erreichten. Das Kammerfenster liegt an der anderen Seite, raunte ihr der Teufel zu. Sie schien es zu überhören und ging geradewegs auf die Hausthür zu, die sie unverschlossen fand. Ein gebieterischer Blick bedeutete ihm, draußen zu bleiben. Sie aber trat ein, durchschritt das erste, größere Zimmer, wo der Vater wohnte, der, einem Befehle des Grafen zufolge, diese Nacht nicht nach Hause kommen sollte, und öffnete mit zitternder Hand die Thür zur Kammer seines Kindes.

Eine schaurige Kühle schlug ihr entgegen, da ein Luftzug das Fensterchen gegenüber geöffnet hatte. Ein schwacher Schimmer des Herbstmondes drang herein, bei dessen Lichte sah sie das Paar aus dem dürftigen Lager schlummern, den schönen Mann, der seinen Arm unter den Kopf des Mädchens gestreckt hatte, während seine Rechte ihre Linke hielt, beide Hände sanft ineinandergelegt auf der dünnen Decke, über die der Nachtwind hinstrich.

Die Frau war an der Schwelle stehen geblieben, das Herz pochte ihr zum Zerspringen, sie hatte all ihre Kraft nöthig, nicht zusammenzusinken. War das ein Trug ihrer Sinne, was sie da erblickte, von einem bösen Geist ihr vorgespiegelt, sie im Innersten zu vernichten? Dieser Mann, der ihr Abgott gewesen war, jetzt des schmachvollsten Verrathes an ihr überführt – das Mädchen, dem sie so gütig begegnet war, im Bunde mit dem Treulosen – so schamlos Beide aller menschlichen und göttlichen Gebote spottend, daß sie es nicht der Mühe werth hielten, sich vor den Augen der Welt zu verschließen, die durch offene Thüren und Fenster zu ihnen eindringen konnte?

Ein schneidender Schmerz durchzuckte die Brust der Unglücklichen, die ihre Augen nicht wegzuwenden vermochte von dem, was sie so tief empörte. Aber seltsam; je länger sie hinstarrte, rathlos, was sie beginnen sollte, je wundersamer verwandelte sich ihr Gefühl. Der Haß, der gegen das Mädchen, das ihr das Theuerste entwendet, in ihr auflodern wollte, wich einer Regung des Mitleids. Konnte sie es der unerfahrenen Jugend zum Verbrechen anrechnen, daß sie der Uebermacht so großer Versuchungen nicht zu widerstehen vermocht hatte? War sie nicht gestraft genug, wenn sie beim Erwachen ihres Unglücks und ihrer Schande sich bewußt werden mußte? Und Er, der sein edles Weib zwanzig Jahre auf Händen getragen, – wenn in einer bösen schwachen Stunde ihn das heiße Blut überwältigt, die frische Mädchenblüte neben seiner alternden Frau ihn seiner Gelübde vergessen gemacht hatte, – würde nicht auch er, aus diesem flüchtigen Rausch der Sinne erwacht, mit einem wunden Gewissen ihr wieder begegnen und sein Vergehen in langer Reue und Scham zu büßen haben?

Je länger sie diesem Gedanken nachhing, je milder wurde das Wehgefühl, je mehr gelang es ihr, was hier geschehen war, als ein unseliges Schicksal, ein unentrinnbares Verhängniß mehr mit Staunen und Trauer als mit Empörung zu betrachten. Als sie dann einen Blick über die kahlen vier Wände des frostigen Gemaches und das armselige Lager warf und dachte, in solcher Umgebung habe sie ihren verwöhnten, stolzen Gemahl angetroffen, regte sich etwas wie ein mütterliches Gefühl in ihr, ein Bedauern darüber, daß ihr Liebling sich so ärmlich gebettet habe. Ohne weiter zu überlegen, nahm sie den weichen, warmen Mantel von ihren Schultern, breitete ihn sanft über die dünne Decke, daß er bis an die beiden zusammengefügten Hände reichte, und verließ lautlos die Kammer.

Der Versucher draußen, als er sie todtenbleich, doch in ruhiger Haltung aus dem Hause treten sah, näherte sich ihr mit geheuchelter Beileidsmiene. Du hast nun gesehen, Base, flüsterte er ihr zu, daß du mich mit Unrecht der Lüge und Verleumdung geziehen hast und keinen treueren Freund besitzest als mich. Gebiete über mich, und Alles was du von mir heischest, dir zur Rache an dem Treulosen zu verhelfen, der diese Schmach dir angethan –

Meine Rache ist schon vollzogen, unterbrach sie ihn. Niemand als Gott bin ich darüber Rechenschaft schuldig. Du aber verlaß mich sofort und wage nie wieder, vor mein Angesicht zu treten!

Damit wandte sie sich von ihm und trat langsam den Rückweg nach dem Schlosse an. Der böse Feind sah ihr einen Augenblick nach, in wildem Grimm über seinen gescheiterten Anschlag. Was hatte sie mit der Rache gemeint, die sie bereits vollzogen habe? Es war ihm aufgefallen, daß sie ohne ihre warme Hülle aus dem Hause wieder herausgetreten war. Hatte sie das ehebrecherische Paar im Schlaf erdrosselt und ihren Mantel darüber gebreitet? Kein Laut drang aus dem Innern des Hauses, es schien die Stille des Todes zu sein. Als er aber hastig eintrat und sah, wie sie es gemeint hatte, schlug er eine ingrimmige Lache auf, daß die Schlummernden erschrocken emporfuhren. Sie sahen aber den höllischen Spötter nicht mehr, der mit dem Huf stampfend in die Tiefe versunken war und nur einen leichten Schwefeldunst zurückgelassen hatte, der wie ein gelbes Wölkchen zu der offenen Thür und dem kleinen Fenster hinauszog.

*

Eine Stunde später öffnete sich leise die Thür, die in die Wohnhalle des Schlosses führte. Der Graf trat zögernd ein, über dem Arm den Mantel seiner Gattin tragend. Diese aber stand vor dem großen Kamin, in welchem ein gewaltiges Feuer brannte, die Hände weit der Glut entgegengestreckt, von einem Frostschauer durchrieselt, den sie vergebens zu bezwingen suchte. Als sie die Thüre gehen hörte, wandte sie sich halb um und nickte leise mit dem Haupt. Cäcilie –! sagte der Eintretende und blieb hinter ihr stehen. – Du bist's, Hubert? erwiderte sie. Willst du dich auch wärmen? Es ist eine böse, kalte Nacht. Komm, ich mache dir ein wenig Platz. Aber nein, sprich nichts! Was könntest du sagen wollen, das ich nicht schon wüßte? Und Gelübde für die Zukunft –? Haben wir nicht erlebt, daß die heiligsten Schwüre schwache Stützen sind, wenn die Leidenschaft daran rüttelt? Wie es nun sein wird, zwischen uns, – ich habe es noch nicht überlegt, mich fror zu sehr im Walde, all mein Denken erstarrte, aber glaube, du wirst kein unholdes Wort von mir hören, nur den Mantel gieb mir wieder, den muß ich aus der Welt schaffen, unsern Mitwisser – gieb!

Sie nahm dem tief Verwirrten und Verstummten die seidene Hülle vom Arm und warf sie in die Flammenlohe des Kamins. So! sagte sie mit einem Seufzer, nun wird mir leichter. Dann starrte sie regungslos, die Arme über der Brust gekreuzt, in das Spiel der Vernichtung, das die prasselnde Glut mit dem kostbaren Gewande trieb. Cäcilie! stammelte er, hinter ihr in die Knie sinkend, du bist eine Heilige! – Da wandte sie sich um, mit einem wehmüthigen Lächeln. Nein, mein Freund, sagte sie leise, keine Heilige bin ich, nur ein armes irdisches Weib, das seinen Mann mehr liebt, als sich selbst. Aber steh auf! Wir sollen nur vor Gott knieen, und ich – ich bedarf der Hülfe und Stütze. Denn in der That, mir ist nicht ganz wohl. Rufe meine Frauen, daß sie mich zu Bett bringen. Ich will morgen zeitig aufstehen, um in die Frühmesse zu gehen. –

In der Nacht brach ein hitziges Fieber aus. Erst nach langen Wochen konnte die edle Frau sich von ihrem Bette wieder erheben. Während dieser ganzen bangen Zeit wich ihr Gemahl nicht von ihrer Seite. Als sie zum ersten Mal an seinem Arm wieder ins Freie ging, sehr lieblich durch die Blässe ihrer Wangen und die vor Freude glänzenden Augen, sagte sie, sich sanft an ihn lehnend: Du bist gut, Hubert, ich habe dir zu danken. Die Kammerfrau hat mir erzählt, daß sich für das arme Kind ein braver Gatte gefunden hat, du aber hast ihm eine gute Stelle gegeben auf unserem fernen Gut und das Mädchen reich ausgestattet.

Sie neigte sich zu ihm, ihm die Stirne zu küssen. Er aber, tief erröthend, beugte sich auf ihre Hand hinab, drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß daraus und sagte: Ich bin ein großer Sünder. Aber dein überfließender Gnadenschatz, du meine Heilige, soll mich entsühnen!

*

Als der Teufel in jener Nacht in die Hölle hinabgefahren war und seiner Großmutter mit Knirschen erzählt hatte, wie all seine Tücke an dieser guten Frau zu Schanden geworden war, wiegte die Uralte langsam den grauen Kopf und versetzte: Auch du wirst alt, mein Sohn, und deine besten Künste versagen. Diese Frau aber – wenn du nicht mit eigenen Augen gesehen hättest, was sie gethan, so würde ich glauben, es sei nur ein Märchen, was du mir von ihr erzählt hast, oder du habest es nur geträumt.

Buchschmuck
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