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Neue Märchen

Paul Heyse: Neue Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleNeue Märchen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
year1899
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
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Buchschmuck

Der Jungbrunnen

(1898)

 

Es waren einmal zwei alte Eheleute, Jörgel und Hanne, die hatten vierzig Jahre in Liebe und Treue mit einander gelebt und, soweit die Unvollkommenheit alles Irdischen es zuließ, vollauf Grund gehabt, mit ihrem Loose zufrieden zu sein.

Erst als sich die Plagen und Nöthe des hohen Alters auch bei ihnen einstellten, wurde, zumal bei dem Manne, die gute Laune getrübt, gleichwie mit der Zeit sein leibliches Augenlicht sich zu verdunkeln begann. Dies war auch die Ursache gewesen, weßhalb er seine Försterstelle nicht länger versehen konnte, da er nicht mehr wie sonst aus hundert Schritt einen Rehbock von einer Gais zu unterscheiden vermochte. Der Fürst, in dessen Diensten er stand, hatte ihm freilich bei seiner Pensionirung die silberne Denkmünze verliehen und ihm zur Wohnung mit seiner alten Frau ein hübsches Häuschen am Waldrande angewiesen, da im Forsthause nunmehr sein Nachfolger wohnen mußte; doch da dieser zugleich der Mann seiner einzigen Tochter war, durfte der in Ruhstand versetzte Vater sich nicht über die Härte seines Schicksals beklagen. Er war aber trotz seiner fünfundsechzig Jahre noch immer von so rastloser Gemüthsart, daß er die nothgedrungene Unthätigkeit als eine unbillige Kränkung ertrug und sich seiner guten, geduldigen Frau gegenüber oft in bitteren Klagen erging. Wenn er des Abends auf der Bank vor seinem Hause saß und das Wild aus dem Eichendunkel auf die mondhelle Wiese herauskommen sah, glaubte er nicht anders, als daß die schönen, arglosen Thiere, die so ruhig nahe bei ihm äs'ten, ihm zum Hohn sich so dicht heranwagten, da sie wußten, daß sie jetzt vor seiner Kugel sicher seien. In der Brunstzeit vollends, wenn Nachts der wilde Ruf der kämpfenden Hirsche aus der Tiefe des Forstes zu ihm herüberschallte, konnte er bis an den frühen Morgen keinen Schlaf finden. Er gestand Niemand den wahren Grund seines Unmuths ein, sondern beklagte sich nur über die gichtischen Schmerzen, die seinen wetterharten Körper befallen hatten, seit er einmal eine eisige Sturmnacht im Freien zugebracht hatte, einem Wilddiebe aufzulauern. Auch machte ihm sein Magen zu schaffen, der vorzeiten Kieselsteine hätte verdauen können, jetzt aber so empfindsam geworden war, daß keine Mahlzeit verging, bei der der Alte nicht seinem treuen Weibe über irgend ein Versehen ihrer Kochkunst Vorwürfe gemacht hätte.

Die gute Frau hätte wohl auch Mancherlei zu klagen gehabt, da auch sie die Last der Jahre empfand. Sie dachte aber, es sei schon genug, wenn in einer alten Ehe der eine Theil beständig seinem Mißmuth Luft mache, und suchte ihrerseits die mancherlei kleinen und großen Beschwerden, unter denen sie litt, durch erprobte Hausmittel insoweit zu lindern, daß sie zu jeder Zeit bereit sein konnte, ihrem stöhnenden oder suchenden Eheherrn die nöthige Pflege zu leisten.

*

So saßen die beiden alten Leutchen wieder einmal eines schönen Herbstabends vor der Thür; die Schüssel, aus der sie ihr Nachtessen eingenommen hatten, stand noch auf dem Tisch, Hanne hatte ihr Strickzeug in den Händen, da sie ihrem Manne für seine gichtgeschwollenen Füße nie genug weite und warme Strümpfe stricken konnte, Jörgel saß gegen die Wand des Hauses gelehnt, die Beine mit einer Pferdedecke umwickelt, aus einem Maserkopf rauchend ihr gegenüber, und da gerade seine Schmerzen ein wenig nachgelassen, hätte er sich wohl in der reinen Abendluft seines alten Lebens freuen können, wenn er sich nicht in der Gewohnheit, sich unzufrieden zu fühlen, allzusehr verhärtet hätte.

Da sahen sie auf der Straße am Waldsaum eine Reiterin herausprengen, eine schlanke Dame in einem silberglänzenden Kleide, ein Hütchen mit hohen, weißen Federn auf den blonden Locken, hinter ihrem braunen Zelter ein Knäbchen in der Tracht eines Stallknechts auf einem milchweißen Maulthier. Die schöne Frau hielt vor dem Hause der beiden Alten, schwang sich von ihrem Pferde herab und trat mit freundlichem Nicken auf das alte Ehepaar zu.

Guten Abend! sagte sie. Ich bin die Fee Floribunde und komme, einmal nachzusehen, wie es euch ergeht. Vor langen Jahren, als der jetzige Herr Jörgel ein neugeborenes Kindlein war, bin ich an seiner Wiege gestanden, da mich seine gute Mutter, mit der ich befreundet war, gebeten hatte, Pathenstelle bei ihrem einzigen Sohn zu vertreten. Als Pathengeschenk habe ich ihm ein Glücksloos eingebunden und möchte nun am Abend seines Lebens sehen, wie mein guter Wille sich an ihm bewährt hat.

Der Alte hatte das Käppchen gelüftet, mit seinem gichtischen Bein aber sich nicht zu erheben vermocht, während seine Frau in eilfertiger Bestürzung ins Haus lief, ihren besten Stuhl heraustrug und mit der Schürze ihn abwischte, zum Sitz für ihren vornehmen Besuch.

Ihr sehet selbst, Frau Pathe, sagte der Alte, wie es um mich steht. Ich bin ein hülfloser alter Krüppel, von Kopf bis Fuß mit Gebresten behaftet und ganz wie ein Wiegenkind wieder zu einem Milchsüpplein verurtheilt. Das Leben, das Ihr mir glücklich machen wolltet, verwünsch' ich jeden Tag hundertmal und würde die elenden Jahre, die mir noch beschieden sein mögen, gern hingeben, wenn ich damit nur wieder ein einziges Jahr meiner frischen Jugend eintauschen könnte.

Ei, Jörgel, sagte die Fee, indem sie den Löffel in die Schüssel tauchte und einen Brocken herausfischte, der in der fetten Milch schwamm, ein solches Süpplein ist nicht zu verachten, wenn man es in Ruhe und Frieden am stillen Abend mit seinem lieben Weibe verzehrt. Alle guten Dinge nehmen einmal ein Ende, und Der hat Ursach, sein Glück zu preisen, der auf ein langes Leben voll rechtschaffener Arbeit und schuldloser Freude zurückblicken kann. So viel ich weiß, sind dir sowohl schwere Schicksalsschläge als auch sündhafte Verirrungen erspart geblieben, wenn du auch, wie alle sterblichen Menschen, den Wechsel von hellen und trüben Tagen an dir erfahren hast. Es sollte dir also, wenn jetzt deine Altersgebrechen dich seßhaft machen, eine heitere Unterhaltung sein, den Erinnerungen an die früheren Zeiten nachzuhängen, in denen du als eine Art König über das Wild in deinem Walde geherrscht hast, wenn du auch jetzt vom Thron hast steigen müssen.

Eine schöne Herrschaft über das zahme Gethier! murrte der Alte. Aus der Haut könnt' ich fahren vor Ingrimm, wenn ich denke, wie einförmig mein Leben verflossen ist, wie ich in dieser Abgeschiedenheit meine jungen Kräfte vergeudet habe an alltägliche Geschäfte, während Andere durch die Welt streiften, Gefahren bestanden und herrliche Siege davontrugen. Die mögen, wenn sie alt und grau geworden sind, sich gern an ihre Abenteuer erinnern, an die fremden Länder, durch die sie gereis't, die Meere, die sie durchschifft, die schönen Frauen, deren Gunst sie genossen haben. Ich dagegen – nun ja, mein Weib hat treu bei mir ausgehalten, und es ist richtig, daß ich sie aus Liebe geheirathet habe. Aber das war auch keine Kunst, da wir außer uns Beiden kaum noch einen jungen Mann oder ein hübsches Jüngferchen gekannt haben, und so werden wir in die Grube fahren, ohne recht zu wissen, was es mit dem Erdenleben eigentlich auf sich habe, und nur froh sein, endlich von unserer Gicht und Magenschwäche erlös't zu werden.

Die Fee hatte ihm mit einem stillen Lächeln zugehört und sagte endlich: Also meinst du, du habest dein wahres Glück verfehlt und würdest es weit klüger einrichten, wenn du noch einmal jung sein könntest und nicht unter den Wipfeln dieses Waldes dein letztes bischen Leben hinzubringen brauchtest? Nun, dazu kann ich dir ja wohl verhelfen. Ich möchte nur erst wissen, ob deine Hanne gleich dir gesinnt ist und froh wäre, wieder siebzehn Jahre alt zu sein, so hübsch wie damals, als du sie kennen lerntest.

O gnädige Fee, rief die Alte, thut mir nur das nicht an! Ich habe gerade genug an dem einen Leben, das, wie Ihr sagtet, voll Müh' und Arbeit und allerlei Schmerzen und Herzensfreuden war. Drei Kinder habe ich geboren, der Aelteste hat nicht gut gethan und ist in die Welt gegangen und gestorben und verdorben, ich weiß nicht einmal, wo er begraben liegt. Die Thränen, die er mich gekostet hat, möcht' ich nicht noch einmal weinen. Seinen Bruder dann, der ein herrlicher Junge war und unser ganzer Stolz, den haben wir früh begraben müssen, da er ein zartes Pflänzchen war und die rauhen Winterstürme im Walde nicht ertrug. Ich dachte, den Kummer um ihn würd' ich nicht verwinden können, bis ich dann noch spät unser kleines Mädchen zur Welt brachte, an der mich Gott so viel Freude erleben ließ. So hab' ich nach seinem Willen Liebes und Leides reichlich erlebt und wünsche mir nur noch so viel Kraft zu Beidem, daß ich meinem Jörgel einmal die Augen zudrücken kann. Denn wenn ich früher abgerufen würde, wär's allzu hart für ihn, der sich nicht allein zu helfen weiß. Noch einmal jung zu werden aber trage ich nimmer Verlangen. Noch einmal so herzbrechende Stunden, wie damals am Sterbebette unseres Knaben, möchte ich nicht erleben, und alle Freuden und Seligkeiten einer zweiten Jugend würden mich nicht darüber trösten können.

Nun wohl, sagte die Fee und stand auf, Jedem geschehe nach seinen Wünschen. Hier in diesem Fläschchen – und sie zog eine schmale silberne Phiole aus ihrem Busen – ist ein Zaubersaft aufbewahrt, von dem du, alter Freund, kurz vorm Schlafengehen drei Tropfen in einem Glase Wasser trinken sollst. Alsdann wirst du um Mitternacht das Weitere erfahren und nach dem Jungbrunnen gelangen, aus dem du als ein neuer, junger Mensch, nur mit der Erinnerung an dein erstes Leben, heraussteigen sollst. Um deine alte Lebensgefährtin brauchst du nicht in Sorgen zu sein; derer werde ich mich annehmen. Und nun gehab dich wohl und viel Glück auf den Weg!

Damit grüßte sie, immer mit ihrem klugen, freundlichen Lächeln, die beiden alten Leute und schwang sich wieder aufs Pferd. Im nächsten Augenblick war sie mit ihrem kleinen Begleiter davongesaust, von einem Schwarm bunter Waldtauben begleitet, die ihre silberne Stimme, während sie mit den Alten sprach, auf allen Zweigen herangelockt hatte.

*

Um Mitternacht erwachte Jörgel aus einem leichten Schlaf, in den ihn die drei Tropfen aus dem Fläschchen der Fee versenkt hatten. Er hörte ein leises Schellengeklingel und Hufgetrappel in der Ferne, das sich rasch näherte und vor seinem Hause anhielt. Sofort fiel ihm wieder ein, daß seine Pathin versprochen hatte, ihn abholen und nach dem Jungbrunnen fahren zu lassen, und lieber wäre er nun im warmen Bette liegen geblieben, statt sich in die rauhe Herbstnacht hinauszubegeben mit seinen schmerzhaften Beinen und ohne das Geleit seiner treuen Pflegerin. Er sah das feine alte Gesicht neben sich, das so friedlich schlummerte, und überlegte, ob er die Gute nicht wecken und doch noch versuchen sollte, sie zu dem vergnüglichen Abenteuer zu bereden. Da pochte es sacht an die Thür, und er rappelte sich mühsam auf, zog seine Kleider an und hinkte hinaus. Draußen fand er den kleinen Stallmeister der Fee neben einem leichten Wägelchen, vor welches das weiße Maulthier gespannt war, das ungeduldig den Boden scharrte und mit seinen Schellen klingelte. Ohne ein Wort zu sprechen, half ihm das Bürschchen auf den Sitz hinauf, schwang sich neben ihn, und fort ging's in die dämmernde Nacht, an dem äsenden Wild vorbei, das verwundert die Köpfe hob und dem vorbeirollenden Wagen nachblickte.

Dem Alten schwebten allerlei Fragen auf der Zunge, ob es noch weit sei, das Bad sehr kalt, die Wunderkur keine Schmerzen mache. Aber das Wiegen und Schweben des Gefährts und das Herumstarren in die fremden Gegenden, durch die sie fuhren, umnebelte ihm die Gedanken, so daß er bald wieder in Schlaf gelullt wurde und immer nur im Traum das Klingeln der Schellen und das leise Sausen der geschwungenen Peitsche hörte.

Er wachte erst aus, als der Wagen hielt, rieb sich die Augen und sah verwundert um sich. Die Morgensonne stand über einem weiten, lachenden Thal, aus dessen Grunde zwei große Weiher ihre röthlichen Strahlen widerspiegelten. Ueber ihren Ufern stieg eine dunkle Felswand empor, mit immergrünem Gebüsch, Myrthen und Oleandersträuchern bewachsen, zwischen denen, obwohl es spät im Jahre war, die schönsten Rosen von allen Farben blühten. Inmitten derselben ragte ein riesiges steinernes Löwenhaupt hervor, das in mächtigem Schwall ein silberhelles Wasser ausströmte, von dem beide Weiher gespeis't wurden. Das klang wie eine wundervolle Musik, und die Vögel in dem dichten Laube zwitscherten und flöteten mit hinein. Vor jedem Weiher war eine offene Halle errichtet, in der es trotz der frühen Stunde von alten Männern und Frauen wimmelte, die kümmerlich sich durcheinander bewegten, einige auf Krücken, andere in Rollstühlen, ächzend und hüstelnd und ihre bresthaften Glieder reibend, in den mannichfachsten Trachten, da auf aller Herren Ländern zitternde Urgreischen hieher gewallfahrtet waren, die Last ihrer hohen Jahre abzuschütteln.

Sofort kam ein Badewärter gelaufen, Jörgel vom Wagen herabzuhelfen, wobei dieser nicht wenig stöhnte und wehklagte; denn es war ihm unheimlich, in diese fremde Gesellschaft sich mischen zu sollen. Er griff in seine Tasche, dem kleinen Kutscher ein Trinkgeld zu geben, da war der schon sammt Wagen und Maulthier verschwunden. Auf den Arm des Dieners gestützt, wankte der Alte dann nach der Halle und sorgte sich heimlich, ob er auch Geld genug haben würde, die Kosten des Bades zu bestreiten. Davon war aber überhaupt nicht die Rede. Man führte ihn in eine Zelle, wo er eingeladen wurde, sich zu entkleiden, alles mit stummen Geberden, doch überaus freundlich, also daß ihm die Sache mehr und mehr behaglich erschien und er nur bedauerte, seine Hanne nicht dennoch mitgenommen zu haben.

Aus der Zelle führte ein Treppchen ins Freie des großen Bassins, in welchem schon Viele, die vor ihm gekommen waren, herumplätscherten, mit dem halben Leibe herausragend, so daß es ein lächerlicher Anblick war, so viele theils zaundürre, eingeschrumpfte Männlein, theils unförmlich aufgeschwemmte Dickbäuche bei einander zu sehen, die alle ächzten, prusteten und sich mit zitternden Händen die welken Gliedmaßen wuschen. Ein mannshoher Zaun trennte das Männerbad von dem der Frauen. Doch fühlte Jörgel auch nicht die geringste Neugier, wie es da drüben aussehen möchte, stieg vielmehr zaghaft in die krystallklare Flut hinab, die mit weicher Wärme seine gichtischen Schenkel umspielte, und empfand schon nach kurzer Zeit die Wohlthat des erquickenden Bades.

Man hatte ihm eingeschärft, langsam das weite Wasserbecken zu durchschreiten und fleißig unterzutauchen. Das befolgte er so gehorsam, daß er weder rechts noch links blickte, bis er in die Mitte des Weihers gelangt war, wo die Flut ihm bis an den Hals ging. Da sah er umher und erstaunte, über dem Wasserspiegel keine Glatzen und Grauköpfe mehr auftauchen zu sehen, sondern blonde, braune und schwarzgelockte Häupter rüstiger Männer; griff dann an seinen eigenen Kopf und faßte zu seiner Freude einen dichten Schopf triefender Haare, wie er ihn in seiner frischen Manneskraft besessen hatte. Zugleich fühlte er seinen Leib von einem regen, warmen Blut durchströmt und jede Spur seiner Schmerzen verschwunden. Am liebsten wäre er nun sogleich aus dem Bade herausgestiegen und hätte es mit diesem Gewinn an neuer Lebenskraft bewenden lassen. Aber eine leise und doch mächtige Strömung der Flut trieb ihn vorwärts mit allen Andern, bis er endlich das jenseitige Ufer erreichte. Da aber traute er seinen Augen kaum, als wieder ein Badewärter ihn in Empfang nahm und in eine Zelle führte, wo er in einem großen Spiegel seine verwandelte Gestalt betrachten konnte. Glich er doch aufs Haar dem Bildchen, das in seiner Bräutigamszeit ein herumziehender Maler von ihm gemacht, der an dem schmucken Forstgehülfen Gefallen gefunden hatte. Er konnte nicht genug sich von oben bis unten betrachten, seine kräftigen, schlanken Arme recken, mit der Hand durch das krause Haar fahren und sich mit offenem Munde anlachen, um sich seiner festen, blanken Zähne zu erfreuen. Auch als er dann das kleidsame, neue Gewand angelegt hatte, das für ihn bereit lag, gefiel er sich ausnehmend. Es glich ein wenig seinem eigenen Jägeranzug, wie er ihn mit vierundzwanzig Jahren getragen hatte; auch darin, daß sich in allen Taschen kein rother Heller fand. Als er aber dem Diener verlegen seine Armuth gestand, schüttelte dieser den Kopf, es sei schon Alles berichtigt, und er habe sich weiter keine Sorgen zu machen.

*

So trat er fröhlich wie ein junger Hirsch aus seiner Zelle heraus und fand es nun ganz in der Ordnung, daß auch aus den anderen Zellen junge Leute zum Vorschein kamen, die Jeder nach seiner Art ihrer neuerworbenen Lebenslust Luft machten. Doch fühlte er kein Verlangen, sich irgend Einem von ihnen anzuschließen, nur eine leider hoffnungslose Sehnsucht, jetzt seinem Hänschen – wie er die Hanne vor Zeiten genannt hatte – wieder zu begegnen. Denn es schmerzte ihn sehr, denken zu müssen, daß sie jetzt als ein runzliges, welkes Mütterchen in dem einsamen Hause herumirren werde, während er so rank und schlank mit rüstigen Gliedern in die Welt hineinwanderte. Er blickte wie suchend nach dem Frauenbade hinüber, aus welchem zu gleicher Zeit eine bunte Schaar frischverjüngter Weibchen und Jüngferchen herauskam, mit munteren Augen nach den Jünglingen spähend und unter einander lachend und kichernd. Aber so hübsch sie alle waren und so lustig ihre goldenen oder dunklen Haare, die sie zum Trocknen ausgelöst hatten, im Morgenwinde wehten, Keine reichte ihm an das stille, züchtige Bauernkind heran, dem seine erste und einzige Liebe gehört hatte.

Doch schlug er sich mit dem Leichtsinn seiner neuen Jugend diese Erinnerung bald aus dem Sinn und wanderte wohlgemuth auf der breiten Straße vorwärts, die vom Jungbrunnen aus nach einer großen Stadt führte. Was er zunächst beginnen sollte, um sich rechtschaffen durch die ihm unbekannte Welt zu schlagen, bekümmerte ihn nicht sonderlich. Er vertraute auf sein Glück und seine rüstige Kraft, pfiff sich ein Liedchen und dachte, irgend etwas würde sich schon finden, was für ihn passend wäre. Zunächst fand sich freilich nichts Anderes als eine von den eben Verjüngten, der er in die Augen stach, da sie sich einmal nach ihm umsah, und die nun langsamer ging, und da er sie erreicht hatte, ihm lustig zunickte und fragte, ob er nichts dagegen hätte, wenn sie sich in seinen Schutz begäbe, da sie so mutterseelenallein unter der Menge sich verloren und verlesen fühlte. Sie lachte ihn dabei so spitzbübisch verlockend an und war eine so anmuthige kleine Person, daß er ihr nicht widerstehen konnte. Also hing sie sich an seinen Arm, und während sie weitergingen, erzählte sie ihm, wie sie gestern noch eine alte verhutzelte Greisin gewesen sei, in ihrem Dorf als Hexe verschrieen, obwohl sie nie mit dem Teufel im Bunde gestanden habe. Man habe sie denn auch verbrennen wollen, und mit genauer Noth sei sie entwischt und die ganze Nacht durch gelaufen, bis sie zu ihrem Glück den Jungbrunnen erreicht habe. Und jetzt wolle sie es klüger anfangen, nicht mehr so rechtschaffen ihr Lebelang arbeiten und sich plagen, um doch zuletzt den bösen Mäulern zu verfallen, bloß weil sie nur einen Zahn im Munde und eine spitze Nase gehabt habe. Sie wolle sich lauter gute Tage machen und hübsche Männer behexen, wie er einer sei, wozu man keine anderen Teufelskünste brauche, als ein Paar rother Wangen und blanker junger Augen.

Dies brachte sie so zierlich übermüthig vor, daß man ihr im Grunde nicht gram sein konnte; auch daß sie sich dabei immer fester an ihren Begleiter schmiegte, mußte man ihrer Hülfsbedürftigkeit in der fremden Welt zu Gute halten. Gleichwohl wurde dabei dem Jörgel schwül unterm Hut, und er hätte das üppige Geschöpf am liebsten wieder abgeschüttelt, um das ihn Mancher, der ihnen begegnete, beneiden mochte. Zum Theil war ihm darum nicht ganz geheuer bei der neuen Freundschaft, weil ihm heimlich unter der rosigen Larve des jungen Hexchens die scharfen, spitzen Züge der Alten vorschimmerten, die mit genauer Noth dem Holzstoß entlaufen war. Doch mochte er auch nicht mit rauher Hast eine Vertraulichkeit zurückstoßen, die sich ihm so unbefangen aufgedrängt hatte. Und so setzten die Beiden unter dem Schwarm der Anderen, die ebenfalls sich fast alle gepaart hatten, die Wanderung auf der Landstraße fort.

*

Als sie sich endlich der Stadt näherten, hörten sie schon von Weitem ein Summen und Brausen wie von einer großen Volksmenge, dazwischen das Knallen von Büchsenschüssen, und erfuhren von Vorübergehenden, daß dort vor dem Thore ein Fest gefeiert werde zu Ehren der Soldtruppen, die morgen in den Krieg ziehen sollten.

Sie fanden denn auch bald die Zelte und Buden, die von einer bunt durcheinanderwimmelnden Menge geputzter Bürger mit ihren Frauen und Kindern umschwärmt wurden. Viele hatten sich schon auf den Bänken vor den Marketenderzelten niedergelassen, trinkend und schmausend, Andere umdrängten den Schießplatz, aus dem zum unblutigen Zeitvertreib die Waffen um den Preis kämpften, die bald gegen den Feind gerichtet werden sollten.

Jörgel hatte sich von seiner klettenhaft an ihm hängenden Gesellin zu einem der Schenktische führen lassen und halb widerwillig neben ihr Platz genommen. Er habe kein Geld, sie zu tractiren, erklärte er. Sie lachte, indem sie ihn in den Arm kniff, und flüsterte: Du lieber, dummer Mensch, ich habe genug für Zwei und werde dich frei halten. Doch konnte er sich nicht überwinden, von dem Wein zu trinken, den sie bestellte, und da sie selbst ein großes Glas auf einen Zug leerte und, indem sie den Arm um ihn schlang, Miene machte, ihn vor allen Leuten zu küssen, schob er sie ein wenig unsanft weg, stand auf und sagte, er wolle erst einmal nach der Schützenhalle gehen und sehn, ob er etwa einen Becher herausschießen könne, damit er sich nicht ganz als einen Bettler und Abgebrannten fühlen müsse.

Sie nahm das mit einem schmollenden Rümpfen ihrer rothen Lippen hin, die sich aber gleich wieder zu einem leichtfertigen Lächeln verzogen, als ein schmucker Bürgerssohn sich ihr näherte und fragte, ob noch Platz an ihrem Tische sei.

Jörgel athmete auf, als er sie nach ihren Wünschen versorgt sah, und schlenderte durch das Gewühl nach der Stätte, von der her die lustigen Schüsse knatterten. Auf seine bescheidene Bitte wurde ihm eine Büchse geliehen, die er mit leuchtenden Augen, wie man einen verloren geglaubten Freund begrüßt, an die Wange drückte, um sogleich mit ihr einen Kernschuß zu thun. Nach langer Zeit erfreute er sich zum ersten Mal wieder seines falkenhellen Augenlichts und vergaß darüber alles Andere, was um ihn her vorging, dergestalt, daß er, immer schießend und wieder ladend, den ganzen Tag eifrig bei diesem einen Geschäft verblieb und sich kaum so viel Muße dazwischen gönnte, einen Bissen Brod und einen Trunk Wein zu sich zu nehmen. Als am späten Nachmittag die Sonne sich neigte, stellte sich's heraus, daß er von allen Mitbewerbern um den Preis das Beste gethan hatte, so daß man nicht umhin konnte, so gern der Neid der Einheimischen und der Soldateska es ihm vorenthalten hätte, den hergelaufenen Unbekannten zum Schützenkönig auszurufen.

Als solcher wurde er vor das mit wehenden Wimpeln und vielen Kränzen geschmückte Zelt geführt, in welchem das schönste Mädchen der Stadt, die Tochter des Bürgermeisters, mit den Ehrenjungfrauen saß. Dem glücklichen Sieger flimmerte es vor den Augen, und seine festen Kniee wankten ein wenig, als die schöne Jungfrau sich lächelnd und erröthend erhob, ihm die Preise zu überreichen: einen silbernen Becher, bis zum Rand mit blanken Goldgulden gefüllt, und eine neue Doppelbüchse, deren Schaft zierlich mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt war. Sie hatte eine kleine Rede einstudirt, ihn als König zu begrüßen und sich ihm als seine Königin vorzustellen. Als sie aber seine treuherzig feurigen Augen so hingerissen auf ihr junges Gesicht gerichtet sah, verwirrte sie sich und vergaß plötzlich das Beste von ihrem Spruch, so daß ihr Vater ihr zu Hülfe kommen und das Hoch auf den Schützenkönig ausbringen mußte, der seine Krone keiner hohen Geburt, sondern dem eigenen Verdienst zu verdanken habe.

In dem Tusch, den die Hörner bliesen, und dem Lärm der tausendstimmigen Jubelrufe wurde der schlichte Dank überhört, den der Gekrönte hervorstammelte. Er beugte sich dann auf die weiße Hand hinab, die ihm die köstlichen Gaben gereicht hatte, und drückte einen bescheidenen Kuß darauf, der ihm doch mehr ins Blut ging, als der Festwein, den man ihm von allen Seiten zutrank. Dann führte er seine Königin mit freiem Anstande durch sein getreues Volk, das ihm ehrerbietig huldigte, und wurde nach und nach seiner Befangenheit so weit Meister, daß er mit der reizenden jungen Person an seiner Seite ein Gespräch anknüpfen konnte, bald so vertraulich, als schritten sie Beide einsam durch einen dunklen Wald, wo kein Lauscher in der Nähe wäre.

Zuvörderst fragte er nach ihrem Namen. Sibylla Feingold heiße sie, war die Antwort. Dann nach ihrer Familie. Sie sei ihrer Eltern einziges Kind, die Mutter schon seit einigen Jahren verstorben. Als dann sie zu wissen verlangte, wer er sei und woher er gekommen, gab er ausweichende Antworten, und da sie fragte, ob er in der Stadt zu bleiben gedenke, hatte ihm der Rausch des Sieges und der reichlich genossene Wein so viel Muth gemacht, daß er erwidern konnte: er werde nur wieder von dannen ziehen, wenn sie ihm jede Hoffnung raube, jemals ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen.

Das schöne, stolze Fräulein zeigte sich über diese dreiste Rede nicht im Mindesten erstaunt oder erzürnt, schien vielmehr auf eine so vom Zaun gebrochene Erklärung als auf etwas Selbstverständliches gefaßt zu sein und erwiderte, indem sie in gespielter Verschämtheit die Augen niederschlug, sie fühle sich durch diesen Antrag des Herrn Königs sehr geehrt, zumal sie auch ihm wohlgeneigt sei, doch habe sie ein Gelübde gethan, nur mit einem Manne vor den Altar zu treten, der in dem bevorstehenden Kriege Ruhm erworben und sich um das Vaterland verdient gemacht habe.

Jörgel, der nicht ahnte, daß dies nur eine listige Ausflucht war, da das verwöhnte Prinzeßchen einen namenlosen Fremdling tief unter sich sah, so wenig sie gegen seine Person einzuwenden hatte, nahm diesen kühlen Bescheid wie eine feste Versicherung künftigen Glückes hin. Er verlange sich nichts Besseres, als morgen mit zu Felde zu ziehen, und die Lorbeern sollten ihm nicht zu hoch hängen, um mit seiner Preisbüchse danach zu zielen. Nur bitte er inständig, ihm eine Bürgschaft mit in den Krieg zu geben, daß sie es ernst mit ihrer Aussage gemeint. Und da er immer inständiger sie umschmeichelte und sein Jugendfeuer auch ihr kühles Blut schließlich zu erwärmen begann, ließ sie sich endlich dazu bewegen, ihm bei ihrer Seelen Seligkeit zu schwören, daß sie auf seine Rückkehr warten und die Seine werden wolle, wenn er im Felde sich Ehre gemacht und einen höheren Rang erworben habe.

Hiermit war vorläufig der kühnste Wunsch des verliebten jungen Königs erfüllt, und er bezeigte sich in seinem Glück so heiter und liebenswürdig, daß er alle seine Unterthanen, so viele sich ihm näherten, bezauberte, auch seine heimliche Halbverlobte, da er sie unter dem Sternenhimmel durch die dunklen Gassen nach ihres Vaters Hause geleitete, zum Abschied unter der Hausthür ihm einen herzlichen Kuß aus ihren zarten Mund nicht versagen konnte.

*

Seine Hoffnung aber, am anderen Morgen, ehe er als frisch angeworbener Landsknecht mit der gesammten Heeresmacht ausmarschierte, noch einen Abschiedsgruß von der Geliebten zu erhalten, ging nicht in Erfüllung. Das weichliche Fräulein ließ sich durch den Trommelschlag und das Schmettern der Drommeten im Morgenschlummer nicht stören, und wenn sie an den gestrigen Festtag zurückdachte, wiegte sie sich mehr in der Erinnerung an den Triumph, den ihre Schönheit gefeiert, als daß sie sich Sorge darüber machte, einen guten Menschen, der sich ihr ganz ergeben, vielleicht in den Tod geschickt zu haben.

Ihn dagegen begleitete ihr Bild auf Schritt und Tritt, und die Hoffnung, sie zu erringen, befeuerte ihn zu den kühnsten Wagnissen. Mit dieser ausbündig schönen jungen Bürgerin konnte auch das Dorfkind Hänschen nicht entfernt den Vergleich aushalten, und er dankte seiner gütigen Pathin tausendmal, daß sie ihn in den Stand gesetzt hatte, eine so stolze und überschwängliche Leidenschaft einmal zu erleben.

Einstweilen freilich mußte er alle Mühsal und Gefahr eines harten Feldzugs bestehen, der sich bis tief in den Winter hineinzog. Doch da er fortfuhr, Wunder von Tapferkeit zu thun, wurde er schon nach der ersten Schlacht zum Feldleutnant befördert, nach der zweiten rückte er zum Hauptmann auf und nahm als solcher an der Belagerung der feindlichen Hauptstadt Theil, die sich bis ins Frühjahr hinein hartnäckig zur Wehre setzte. Da aber gelang es unserm Jörgel, dem die Sehnsucht nach seiner Sibylla keine Ruhe ließ, durch einen tollkühnen Handstreich die Vertheidiger an einem schwachen Punkt zu überrumpeln und mit seinem Fähnlein tapferer Leute in die Stadt zu dringen, so daß nicht lange nachher die Capitulation erfolgte und hiermit der Krieg zu Ende war.

Zur Belohnung für diese denkwürdige That wurde Jörgel am nämlichen Tage, da man den Friedensvertrag unterzeichnete, zum Obristen ernannt. Auch sandte man ihn als Ueberbringer der frohen Botschaft an den Landesfürsten zurück, der ihn mit allen Ehren empfing und ihm einen hohen Orden an die Brust heftete. All dieses Glück jedoch erschien ihm gering gegen die Wonne des Wiedersehens mit seiner Geliebten, die ihm noch schöner erschien, als ihr Bild ihm in seinen Träumen am Biwachtfeuer vorgeschwebt hatte. Er empfand freilich, daß sie seiner stürmischen Freude ein wenig gar zu sehr zurückhaltend begegnete, ahnte aber nicht, daß sie im Stillen bitter bereute, sich durch ihren Eid an ihn gebunden zu haben, da sein Kriegsruhm ihr wenig galt gegenüber seiner dunklen Herkunft. Statt seiner hätte sie sich nun gern mit einem ihrer Vettern vermählt, die gleich ihr den Geschlechtern der Stadt angehörten, obwohl diese geschniegelten Herrlein sich gehütet hatten, ihr seidenes Wams mit dem Harnisch zu vertauschen. So erschien sie an ihrem Hochzeitstage als eine ziemlich mißmuthige Braut, was jedoch Jedermann zu ihren Gunsten als ein Zeichen übermäßiger jungfräulicher Züchtigkeit auflegte.

Vollends aber wuchs ihre üble Laune, als ihr Eheherr, nachdem die Feste verrauscht waren und die Zeit zu ruhigen Erwägungen sich eingestellt hatte, ihr rund heraus erklärte, er werde seinen Abschied nehmen und hinfort sich einem bürgerlichen Berufe widmen. Das Elend, das der Krieg mit sich führe, der Anblick der Verwundeten, die er zu Hunderten hülflos auf der blutigen Wahlstatt habe liegen sehen, verfolge ihn jetzt noch im Traum, und alle Ehren, die mit dem Schwert zu erkämpfen seien, könnten ihm dieses Grauen nicht aufwiegen.

Die junge Frau, die in ihrem Hochmuth sich vielleicht darein gefügt hätte, die Gemahlin eines Generals oder Feldmarschalls zu sein, wenn dieser auch keinen Adelsbrief aufzuweisen hatte, empörte sich in ihrem Innersten dagegen, einen Mann zu haben, der noch unter ihrem Vater, dem Bürgermeister, stand, und als Jörgel wirklich ein bescheidenes Aemtchen erhielt, mit einem Anfangsgehalt, ließ sie ihn ihren Unmuth unzweideutig empfinden. Er entschuldigte diese ihre Schwäche bei sich selbst mit der weiblichen Eitelkeit, die immer dem Glanz nachstrebe, gedachte dabei freilich manchmal seiner guten, bescheidenen Hanne, die ihn um seiner selbst willen geliebt hatte. Uebrigens nahm er sich in seinem Amt so wacker zusammen, daß er auch hier rasch befördert wurde und ihm die Würde des Bürgermeisters dereinst nicht entgehen konnte. Das Alles aber schien auf sein Weib nicht den geringsten Eindruck zu machen.

Sie betrug sich gegen ihren liebevollen Gatten, als wenn er nur ein Hausverwalter wäre, den man aus Gnaden im Dienst behalte, ließ es an scharfen Anspielungen auf seine geringe Geburt und Armuth nicht fehlen und führte neben ihm ein Leben auf ihre eigene Hand, indem sie mit ihren Vettern zu Banketten und Tänzen ging, in Caroussellen mitritt und ein unsinniges Geld für Juwelen und reiche Kleider ausgab.

Das Alles, so tief es ihn kränkte, hätte Jörgel noch hingehen lassen und vor sich selbst damit beschönigt, daß sie von früh an, verwöhnt und meisterlos, einen Götzendienst mit ihrer eigenen Schönheit getrieben hatte. Als er aber sah, daß sie auch die beiden kleinen Mädchen, die sie ihm geboren, über ihrem eitlen Treiben vernachlässigte, und da die zarten Würmlein, in einer Krankheit nur den Dienstleuten überlassen, beide an demselben Tage starben, kaum eine Thräne ihnen nachweinte, vielmehr wenige Wochen später an einem rauschenden Feste theilnahm, dessen Königin sie war, – da verhärtete sich in der Brust ihres Mannes das Herz gegen sie, das einst durch den ersten Blick ihrer Augen geschmolzen war, und er beschloß, eine Fessel zu zerreißen, die ihm den Lebensodem zu ersticken drohte.

*

Also stand er am Morgen nach jener Festnacht vor Thau und Tage auf, nahm nichts mit sich als die Doppelbüchse, die er bei dem Preisschießen erhalten, und den Beutel, in dem er die damals gewonnenen Goldgulden bewahrt hatte, und während seine Frau, vom Tanz ermüdet, in tiefem Schlafe lag, sagte er den Dienern, er wolle auf die Jagd gehen und werde vor dem späten Abend nicht wiederkehren.

Er wandte sich aber nicht dem Walde zu, sondern schritt zum Thore hinaus, kaufte sich draußen auf einem Bauernhof ein Pferd und ritt in die Welt hinein, entschlossen, dieser Stadt und seinem Hause darin für immer den Rücken zu kehren.

Da hast du es nun weit gebracht, sagte er bei sich selbst, daß du nun wieder amt- und heimathlos herumirrst, und der ganze Gewinn deines neuen Lebens ist die Erfahrung, das du durch alle Kriegs- und Friedensabenteuer nicht glücklicher geworden bist und an der Seite eines vielbegehrten, glänzenden Weibes dich nach deiner guten alten Hausehre zurückgesehnt hast. Wenn du nun auch jetzt den Weg zu ihr zurückfändest, würde das vorige stille Glück sich doch nicht wieder einstellen, da du als ein frischer Mann in den besten Jahren neben dem alten Mütterchen eine sonderbare Figur machen würdest. Deine Pathin, die Fee, hat dir einen schadenfrohen Streich gespielt, als sie dir deinen frevelhaften Wunsch in Erfüllung gehen ließ. Nun sieh zu, wie du ferner mit dem so unliebsam verjüngten Leben zurechtkommst.

Unter solchen trübseligen Selbstanklagen setzte er seine Flucht ohne Aufenthalt fort, blieb die Nacht in einer abgelegenen Köhlerhütte und sprengte, ehe die Sonne aufgegangen war, schon wieder davon, nur bedacht, die Grenze des Landes zu erreichen, da er sich erst jenseits derselben vor allen Verfolgungen sicher fühlen durfte.

Er war aber erst wenige Stunden geritten, als er zu einem Schlosse kam, das einem der reichsten gräflichen Geschlechter gehörte. Der jetzige Träger des erlauchten Namens war ihm wohlbekannt, da er im Kriege unter ihm gedient und von ihm die Abzeichen des Hauptmannsranges auf dem Schlachtfelde erhalten hatte. Trotzdem wünschte er ihm nicht wieder zu begegnen. Denn so sehr sich der Graf durch Tapferkeit und Feldherrngaben ausgezeichnet hatte, war er doch im Heere gefürchtet wegen seiner grausamen Sinnesart und wilden Strenge gegen Jeden, der sich das geringste Versehen zu Schulden kommen ließ.

Daher erschrak der Flüchtling nicht wenig, als er den hohen Herrn vor dem Gitter seines Schloßgartens stehen sah in Gesellschaft seiner beiden riesigen Wolfshunde, die ihm auch in der Schlacht stets zur Seite geblieben waren. Ehrerbietig den Hut lüftend, wollte Jörgel vorbeireiten, der Graf aber rief ihn an, nöthigte ihn als einen werthen Kriegskameraden abzusteigen und fragte mit ungewohnter gütiger Herablassung, wohin die Reise gehen solle.

Ehe er sich recht fassen und ein unscheinbares Geschichtchen erfinden konnte, hatte der seltsam Eingeschüchterte die ganze Wahrheit gestanden und konnte schließlich seinen finsteren Zuhörer nur bitten, reinen Mund zu halten und etwaige Verfolger auf eine falsche Fährte zu schicken.

Er wolle noch weit besser für ihn sorgen, versetzte der Graf, indem er seinen langen schwarzen Bart zerzaus'te. Vor einer Stunde habe er seinen Verwalter weggejagt, der sich als einen ungetreuen Knecht erwiesen. Nun schlage er Jörgel vor, in dessen Stelle einzutreten, nur bis sich etwas Besseres für ihn fände. Die großen Güter, die zu dem Schlosse gehörten, würden ihm keine übermäßige Mühe machen, da sie durch Pächter bewirthschaftet würden, auf die der Verwalter nur ein scharfes Auge zu haben brauche. So bleibe diesem Muße genug, in den ausgebreiteten Waldungen dem Jagdvergnügen nachzugehen, was einem so trefflichen Schützen doch wohl verlockend sein werde. In dieser Stellung habe er von seiner verlassenen Gattin nichts zu befürchten, die sich ohnehin, nach Art eitler und herzloser Weiber, in ihrer Strohwittwenschaft bald zu trösten wissen werde.

Ohne Jörgel nur eine kurze Bedenkzeit zu lassen, nahm er ihn bei der Hand und führte ihn wie einen überrumpelten Kriegsgefangenen durch das eiserne Thor, das er hinter ihnen verschloß. Dann rief er mit einem silbernen Horn, das er umhängen hatte, seine gesammte Dienerschaft und die leibeigenen Knechte aus den Wirtschaftsgebäuden und Ställen zusammen und stellte ihnen unter einem fremden Namen den Ankömmling als den neuen Verwalter vor, dem sie den unbedingtesten Gehorsam zu leisten hätten.

Jörgel wußte nicht recht, ob er wache oder träume, als er in seinem Häuschen neben der Gärtnerwohnung sich endlich allein fand. So ehrenvoll und für seine Sicherheit ersprießlich dieser Zufluchtsort erschien, so hatte sich doch seine alte Abneigung gegen den Schloßherrn sofort wieder geregt, und etwas in ihm raunte ihm zu, daß es auch mit dieser Herrlichkeit nicht allzu lange dauern werde.

Sein Amt freilich erwies sich leichter, als er sich's vorgestellt, da Alle, mit denen er zu thun hatte, vor dem Grafen wie vor dem bösen Feinde zitterten und in knechtischer Furcht sich befleißigten, ihre verfluchte Schuldigkeit zu thun. Das aber hatte auch zur Folge, daß eine schwere, drückende Lust wie ein graues Gewölk über dem ganzen weiten Gebiete hing, nirgend unter den Feldarbeitern ein lautes Lachen oder munteres Singen sich vernehmen ließ und die Leute mit schiefen Blicken um einander herumgingen, als argwöhne ein Jeder in seinem Nächsten einen Aufpasser und Angeber im Dienste des Schloßherrn.

Auch den Namen der Gräfin sprachen die Diener unter einander nur mit scheuen Mienen aus, so daß Jörgel, der die junge Frau viele Tage hindurch nur selten und von fern etwa auf ihrem Balkone erblickte, nicht anders dachte, als daß auch sie ein strenges, mitleidloses Hausregiment führe. So war er nicht wenig überrascht, eines Morgens, da er früher als sonst aufgestanden war, zwischen den Taxuswänden des Ziergartens einem sanften, blassen Frauenbilde zu begegnen, das seinen bescheidenen Gruß mit einem lieblich traurigen Lächeln erwiederte.

Er wagte aber nicht, das Wort an sie zu richten, auch nicht an den folgenden Morgen, wo er sich's angelegen sein ließ, sich ihr wieder in den Weg zu stellen. Nur das holde junge Gesicht zu sehen trieb es ihn immer unwiderstehlicher, und eines Morgens wagte er endlich, ihr einen Strauß der schönsten Rosen anzubieten, den er sorgfältig zusammengestellt hatte. Sie dankte ihm erröthend, blieb bei ihm stehen und wechselte einige freundliche Worte mit ihm, deren weicher, dunkler Klang ihm das Herz höher schlagen machte. Als sie ihn dann aber mit einem huldvollen Neigen des blonden Hauptes verabschiedet hatte, sah er den alten Gärtner auf sich zukommen mit einer so wunderlich aufgeregten Miene, daß er sich schon auf eine Scheltrede wegen der entwendeten Rosen gefaßt machte. Der Alte aber zog ihn erst, ohne ein Wort zu sagen, in seine Stube, verschloß dort Thür und Fenster und eröffnete ihm dann, daß er ihn dringend warnen müsse, sich je wieder eine solche Freiheit der Herrin gegenüber herauszunehmen. Wegen einer ähnlichen, nicht bedenklicheren Huldigung sei sein Vorgänger Knall und Fall entlassen worden. Denn der Graf geberde sich bei dem geringsten Vorfall, der seine Eifersucht reize, wie ein Rasender, halte seine unglückliche Gemahlin über Tag in ihren Zimmern eingeschlossen, wie ein Vögelchen im goldenen Bauer, und würde ihr auch die kurze Freiheit in den frühen Morgenstunden nicht gönnen, wenn er nicht täglich um Mitternacht sinnlos berauscht sein Lager suche und den bleiernen Schlaf erst abschüttle, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stehe. So sei die arme Gräfin eine rechte Kreuzträgerin, auch munkele man, daß sie ihrem Gemahl ohne Liebe ihre Hand gereicht habe, von den ehrgeizigen Eltern dazu gezwungen, die ihrem schönen aber mitgiftlosen Kinde eine glänzende Versorgung zu verschaffen gewünscht hätten.

*

Diese Eröffnungen hörte der ritterliche Jörgel in wachsender Empörung mit an. Den Zweck aber, den der besorgte Alte im Auge hatte, ihn vor der Rache des Grafen zu warnen, falls ein diensteifriger Späher jemals einem verbotenen Verkehr mit der armen Gefangenen auf die Spur käme, erreichte er nicht. Vielmehr ging ihr Bild mit dem schwermüthigen Blick und scheuen Lächeln ihm überall nach, und der Tag dünkte ihn verloren, den er nicht damit begonnen hatte, sie ehrerbietig zwischen den Blumenbeeten und Springbrunnen zu begrüßen und ein flüchtiges Wort von ihren Lippen zu erhaschen.

Vergebens zersann er sich den Kopf, wie er ihr helfen, ihre Hast erleichtern oder gar sie befreien könne. Das aber schien für immer hoffnungslos, so wild er die Fäuste ballte und mit den Zähnen knirschte, wenn sie ihm wieder einmal begegnet war, die Spur ihrer heimlichen Thränen noch an den langen Wimpern.

Nun aber geschah es eines Morgens, daß er sie in fassungslosem Weinen betraf, das zu verbergen sie nicht die Kraft hatte. Lebhafter, als er sonst gewagt hatte, näherte er sich ihr und bat sie mit leiser Stimme, ihm die Ursache ihres Grams zu offenbaren und über seine treuen Dienste zu verfügen, wenn er irgend etwas zu ihrem Frommen zu thun vermochte.

Sie hatten sich zwischen hohen, dichten Fruchtspalieren getroffen, wo kein Späherauge vom Schloß auf sie erreichen konnte. Da war es, als ob sein warmes Mitgefühl ihr die letzte eigene Kraft erschütterte, sie wankte nach einer Bank, die im Schatten stand, ihr Tüchlein vor die Augen gedrückt, ihr Fuß aber strauchelte, und sie wäre umgesunken, wenn er sie nicht mit seinen starken Armen umfaßt und nach der Bank geführt hätte. Da ließ er sich neben ihr nieder, und da sie fortfuhr, fassungslos zu schluchzen, umfing er sie wie ein weinendes Kind, flüsterte ihr die zärtlichsten Trostworte ins Ohr und drückte seine heißen Lippen wieder und wieder an ihre feuchte Schläfe und Wange.

Das brachte sie endlich so weit zur Besinnung, daß ihre Thränen zu fließen aufhörten und sie entschieden, aber nicht unfreundlich seine stürmischen Liebkosungen abwehren konnte. Als er dann aber vor ihr auf die Kniee sank und um Verzeihung für seine Kühnheit flehte, versuchte sie durch Thränen ihn anzulächeln und ihn vor Allem aus seiner demüthigen Stellung wieder emporzuheben. Sie stand dann auch auf, und indem sie langsam ihren Weg fortsetzte, gestand sie ihm den Grund ihres leidenschaftlichen Jammers: ihr Gemahl hatte sich in der wilden Weinlaune auf einen blinden Verdacht hin an ihr vergriffen, sie an ihren blonden Haaren gepackt und gedroht, ihren weißen Hals mit dem Tischmesser zu durchbohren, wenn sie nur um Haaresbreite ihren Pflichten untreu würde.

Nun werde er freilich, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen, vor sich selber all seine rasenden Worte und Thaten verleugnen, aber nichts schütze sie vor der Wiederholung solcher Auftritte, die endlich einmal einen blutigen Abschluß finden würden. Denn sie habe keinen Retter und Freund, sie aus diesem schmachvollen Kerker zu erlösen.

Ob sie ihn nicht einer solchen That fähig und würdig halte? fragte Jörgel, der bei ihrer Erzählung abwechselnd roth und bleich geworden war. Und da sie nicht gleich antwortete, sondern ihn prüfend ansah, faßte er sich ein Herz, ihr seine tiefe, glühende Hingebung zu gestehen und sich hoch und heilig zu verschwören, Leib und Leben an ihre Rettung zu wagen und keinen anderen Lohn zu begehren, als den sie selbst in ihrer Güte und Gnade ihm gönnen wolle.

Dieses schrankenlose Bekenntniß hatte die Thränen der holden Frau vollends getrocknet und ihr Gesicht in tiefe Glut getaucht. Sie gestand ihm nun ihrerseits mit stockenden Worten, daß sich eine zarte Neigung für ihn vom ersten Begegnen an in ihr geregt habe. Auch sei sie überzeugt, niemals einen treueren Freund besessen zu haben, und wolle nicht zaudern, sich seinem Schutz für immer anzuvertrauen. Dies aber müsse ohne Verzug ins Werk gesetzt werden, da sie keine Stunde mehr ihres Lebens sicher sei. Wenn es ihm daher Ernst damit sei, sich ihres unglücklichen Lebens hochherzig anzunehmen, so möge er über Tag die Mittel und Wege dazu ersinnen, um Mitternacht aber sich in der Halle des Erdgeschosses einfinden, zu der sie den Schlüssel ihrem schlafenden Gemahl entwenden werde. Das Weitere überlasse sie ihm und dem barmherzigen Gotte, der seine Hand über der verfolgten Unschuld halten und ihre Flucht und Erlösung aus unerträglichen Banden gelingen lassen werde.

*

Hierauf verließ ihn die Gräfin, nachdem sie ihm noch einen innigen, glückverheißenden Blick zugeworfen hatte. Er aber dünkte sich im siebenten Himmel, daß er nun ein so heldenmüthiges Abenteuer bestehen und einen Preis davontragen sollte, der kaum in seinen verwegensten Wünschen ihm vorgeschwebt hatte. So verbrachte er den Tag in einem wonnigen Taumel, so daß seine Untergebenen sich zuraunten, er müsse schon am Morgen sich in einem feurigen Wein übernommen haben. Doch so sehr sein Herz schwärmte, blieb doch sein Kopf bei klarer Besinnung. Er bereitete Alles und Jedes umsichtig vor, was zu der nächtlichen Flucht vonnöthen war, bestellte im nächsten Dorf, unter dem Vorgeben, es handle sich um eine Reise im Dienste des Grafen, ein rasches Fuhrwerk, ordnete die Bücher, in denen er Rechenschaft über seine Geschäftsführung abzulegen hatte, und erwartete dann mit fiebernder Ungeduld die Mitternacht.

Als die Stunde endlich geschlagen hatte, schlich er durch die stürmische Nacht, die ihm für sein Vorhaben willkommen war, seine Doppelbüchse umgehängt und das Waidmesser im Gürtel, nach dem Schlosse, und da er durch die Glasthür der unteren Halle einen schwachen Lichtschein gewahrte, der ihm anzeigte, daß die Gräfin ihn dort schon erwarte, klinkte er hastig auf und trat hinein. So beherzt er aber war, erschrak er doch gewaltig, als aus dem Sessel neben dem Eichentisch, aus dem das Lämpchen brannte, statt der Erwarteten sich die hohe, dunkle Gestalt des Grafen erhob, zugleich mit ihm seine beiden Hunde, die ein dumpfes Knurren hören ließen, sich aber auf einen Zuruf ihres Herrn gehorsam niederlegten.

Einen Augenblick standen die beiden Männer sich schweigend gegenüber. Dann sagte der Graf mit ganz gelassener Stimme: Ihr sucht meine Frau, Herr Verwalter. Sie wird sehr bedauern, daß sie verhindert ist, Euch zu empfangen. Auch mir ist es unlieb, statt ihrer mit Euch verhandeln zu müssen, doch werde ich mich kurz fassen, wenn Ihr so gütig sein wollt, mir zu sagen, ob Ihr vorzieht, daß ich Tyras und Tiger auftrage, Euch zu begrüßen, wie Ihr es verdient, oder – und hier hob er eine lange Reiterpistole, und die verhaltene Wuth brach plötzlich auch in seiner Stimme aus – oder ob ich Euch über den Haufen schießen soll wie einen tollen Hund!

Eins wie das Andere, versetzte Jörgel, der seine Kaltblütigkeit wiedergewonnen hatte, würde einem Manne wohl anstehen, der seinen adligen Namen so sehr entehren kann, daß er eine wehrlose, unschuldige Frau mißhandelt. Ich gebe Euch aber zu bedenken, Herr Graf, daß die Sache nicht so einfach ist und nicht so glatt abgehen möchte, wie Ihr glaubt. Ihr würdet, auch wenn Ihr die Hunde auf mich hetztet und zugleich Feuer gäbt, doch vielleicht den Kürzeren ziehen, da das Zielen im Finstern immer unsicher bleibt und in jedem meiner Büchsenläufe eine Kugel und ein scharfes Messer in meinem Gürtel steckt. Wenn also noch ein Rest von Cavaliersehre in Euch wohnt und Ihr Euch erinnert, wie zwei Feinde, die Beide Waffen tragen, einen solchen Handel auszumachen pflegen, so kommt ins Freie, wo der Lärm unseres Kampfes den Schlaf der Schloßherrin nicht stören wird.

Der Graf schien einen Augenblick zu sinnen. Dann lachte er laut auf. Um diesen Schlaf brauchtet Ihr nicht besorgt zu sein; sagte er. Aber gleichviel. Da Ihr Soldat gewesen seid; will ich es übersehen, daß Ihr keinen ebenbürtigen Gegner stellt und ich Euch züchtigen könnte wie einen leibeigenen Knecht. Also kommt, und machen wir rasch ein Ende!

Er schritt zu der offenen Glasthür, die Hunde immer an seinen Fersen, und wollte Jörgel den Vortritt lassen, was dieser argwöhnisch verweigerte. Dabei brütete er über dem hingeworfenen Wort, daß der Schlaf der Gräfin nicht gestört werden könne, und ein Schauder überlief ihn bei dem Gedanken an die furchtbarste Deutung. Der Graf aber ließ ihm nicht lange Zeit zu der Frage, die ihm schon auf der Zunge schwebte. Als sie zu einem Platz gekommen waren, den in weiter Runde uralte Ulmen umstanden, hielt Jener an und sagte: Hier! Die Weite dieses Kreises wird gerade genügen, und der Schein, den der Sternenhimmel durch die Wipfel hereinwirft, erlaubt Euch zu zielen, wie wenn Ihr nach der Scheibe schösset. Dort ist Euer Platz und hier der meine. Damit Ihr seht, daß ich als Cavalier an Euch handle, überlasse ich es Euch, bis drei zu zählen. Kusch, Tyras! Was sich hier zuträgt, geht dich nichts an.

Er stellte sich an den bezeichneten Baum, während sein Gegner den Platz durchschritt. Als Jener drei! rief, hoben Beide die Waffen. Aber nur Ein Schuß flammte auf, aus der Mündung der Pistole. Die Büchse hatte versagt; der sie abgeschossen, lag hingestreckt am Fuß des dunklen Baumes, während sein Blut aus einer klaffenden Wunde im Schenkel in den Sand rieselte.

Gute Nacht, tapferer Ritter! hörte er den Grafen höhnen. Diesmal schenke ich Euch Euer armseliges Leben, da Euch fortan wohl die Lust vergehen wird, geknechtete Edeldamen aus ihrem Kerker zu befreien. Ihr werdet besser thun, für den Rest Eures Lebens Euch einer Krücke zu bedienen, als Euch mit einem Jagdgewehr herumzutreiben, das seinen Dienst versagt, wenn Ihr's am nöthigsten hättet. Lebt wohl und grüßt mir Eure alte Frau! Hierher, Tyras – Tiger!

Und mit einem schallenden Gelächter, das das Geheul der beiden Rüden noch übertönte, verschwand die finstere Gestalt zwischen den schwarzen Schatten der hohen Bäume.

*

Der so schmählich Besiegte aber lag in der traurigsten Verfassung des Leibes und der Seele auf dem feuchten Kiesgrund und verwünschte die Stunde, die ihn in dieses Schloß geführt, ja sein ganzes verjüngtes zweites Leben mit all seinen süßen und bitteren Ereignissen. Die Schmerzen in seinem zerschossenen Bein, die immer heftiger wurden, und das strömende Blut aus der Wunde ließen ihm keinen Zweifel, daß es mit ihm zu Ende gehe, und nun sollte er dahinfahren mit dem marternden Bewußtsein, den Tod einer edlen Frau verschuldet zu haben. Denn wenn ihr Gemahl sie nicht in der ersten Wuth erwürgt hatte, würde er nicht verfehlen, durch verschärfte Haft und neue Mißhandlungen ihr klägliches Ende herbeizuführen. Und er, Jörgel, hatte diese Frau nicht einmal wahrhaft geliebt, sondern sich nur durch ihr Unglück rühren und durch den stolzen Gedanken, den Ritter einer hochgeborenen Dame zu machen, verblenden lassen. Geliebt – das empfand er jetzt wie nie zuvor – hatte er nur seine gute, bescheidene kleine Frau, und die war nun fern von ihm, wenn er jetzt den letzten Odem aushauchte, und er konnte ihr nicht mehr danken für alles Liebe und Gute, das sie ihm in seinem ersten Leben angethan, und sie um Verzeihung bitten, daß er ohne sie die Reise nach dem Jungbrunnen angetreten hatte. O Hanne! rief er mit einem tiefen Seufzer, wenn die gütige Fee, meine Pathin, dich nur auf eine kurze Frist zu mir führen könnte, daß ich deine Stimme noch einmal hörte, deine Hand in meiner hielte und dann einschliefe, in der tröstlichen Gewißheit, daß diese liebe Hand mir die Augen zudrücken werde – –

Da hörte er dicht neben sich sagen: Was redest du für wunderliches Zeug, Jörgel! Ich bin ja hier bei dir, ohne daß deine Pathin dazu nöthig ist, und statt dir die Augen zuzudrücken, solltest du sie lieber endlich aufmachen. Weißt du, wie spät es ist? Bis an den hohen Tag hast du geschlafen auf die magischen Tropfen, und wenn dich die Schmerzen im Bein nicht geweckt hätten, schliefest du wohl noch. Jetzt aber ist's endlich Zeit, dich herauszumachen. Es ist ja Sonntag, unsere Marie kommt mit den Kindern zu uns heraus, bei uns zu essen, hast du das ganz vergessen? und ihr Mann hat gerade noch vorhin einen Hasen geschossen, den er uns in die Küche geliefert hat. Was starrst du mich so an? Sind dir am Ende die Tropfen zu Kopf gestiegen?

Jörgel hatte sich im Bett aufgerichtet und arbeitete heftig daran, zur Besinnung zu kommen. Also das war der Schuß und die Pistole des Grafen! murmelte er vor sich hin. Und die Wunde im Schenkel – ist es wirklich nur meine alte Gicht? O Frau, ich hätte nie gedacht, daß mich's so freuen könnte, das verwünschte Zwicken und Reißen im Bein zu fühlen, wenn nur meine alte Frau und keine junge Gräfin neben mir steht. Laß dich anschauen, Alte! Ich kann dir sagen, Hänschen, daß du mir heute gerade so hübsch vorkommst wie vor vierzig Jahren, wenn du auch nicht so goldene Haare unter der alten Haube hast, wie meine zweite Frau Sibylle, geborene Feingold. Und nun sage mir, daß du mir all meine schlimmen Seitensprünge und Treubrüche verzeihst, und zum Zeichen der Versöhnung gieb mir einen Kuß, der mich mehr beglücken wird, als die Küsse der blassen Gräfin.

Heiliger Gott! rief die alte Frau, indem sie sich mit halbem Widerstreben von ihrem alten Manne herzen und küssen ließ, ich glaube wahrhaftig, Alter, du bist närrisch geworden! Du treibst es ja so toll und thöricht, wie in unsrer Brautzeit, als wärest du wirklich in den Jungbrunnen gestiegen, von dem deine Frau Pathe dir vorgesabelt hat.

Da gab Jörgel sie frei und erwiderte mit einem seinen Lächeln, indem er sein schmerzendes Bein streichelte: Ja, Hänschen, ja, Mütterchen, allerdings habe ich das Zauberwasser an meinen alten Gliedern gespürt, aber nicht zu meinem Schaden, denn geheilt hat es mich von meiner Narrheit, wofür ich meiner Pathin ewig dankbar sein werde. Wie das aber zugegangen, will ich erzählen, wenn wir mit den Kindern den Hasen verspeisen. Denn es kann auch Anderen zu Nutz und Frommen dienen, die damit unzufrieden sind, daß jedes Alter seine eigene Plage hat, und nicht wissen, daß man Gott danken soll, wenn einem endlich die Gicht nur in den Gliedern sitzt und nicht als ein nagendes Weh im Gewissen.

Buchschmuck
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