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Neue Märchen

Paul Heyse: Neue Märchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleNeue Märchen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
year1899
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20150225
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Buchschmuck

Holdrio
oder:
Das Märchen vom wohlerzogenen Königssohn

(1898)

Es war einmal ein junger Königssohn, Prinz Florio genannt, den seine Mutter, da ihr hoher Gemahl früh verstorben war, mit absonderlicher Liebe und Sorgfalt erziehen ließ. Als er das neunzehnte Jahr erreicht hatte, war er denn auch ein so ausbündig wohlerzogener Jüngling geworden, daß die Mütter im ganzen Reich ihn ihren minder tugendhaften Söhnen zum Vorbild aufstellten, während die Väter heimlich den Kopf schüttelten und flüsterten, der hochselige Monarch würde seinem Thronerben wohl etwas mehr Freiheit gegönnt haben, den Most seiner Jugend verbrausen zu lassen.

Denn die überzärtliche Mutter hatte ihrem einzigen Kinde, damit sein Fuß nie über ein Steinchen strauchle, zwei treue Hüter beigesellt, die Tag und Nacht nicht von seiner Seite wichen, einen Kriegs- und einen Friedens-Hofmeister. Diese beiden ehrwürdigen Herren hatten die wissenschaftliche und sittliche Bildung des jungen Prinzen zu leiten, bis er mit Vollendung des zwanzigsten Jahres den Thron besteigen würde. Außerdem daß ihre Unterweisung den größten Theil der Tagesstunden ausfüllte, wurde der hohe Zögling auch noch in allen körperlichen Künsten und Fertigkeiten durch besondere Lehrmeister unterrichtet, und zu dem Fecht-, Tanz- und Reitlehrer kam noch ein gelehrter Professor, der ihm in der Menschenkenntniß Lectionen gab, einer Wissenschaft, die für einen Königssohn, der in Zukunft Land und Leute regieren soll, wichtiger ist, als selbst eine genaue Kenntniß des Gothaischen Kalenders. Auch pflegt das Studium derselben eine vergnügliche Sache zu sein, wenn es nur in der richtigen Art betrieben wird. Leider aber, statt das Lehrbuch der wirklichen Welt und des menschlichen Lebens vor dem Jüngling aufzuschlagen, bestand der Unterricht einzig im Auswendiglernen gewisser Regeln und Maximen und im Vorzeigen eines dicken Bilderbuches, in welchem die verschiedenen menschlichen Leidenschaften, Triebe, Laster und Tugenden in fratzenhaften Charakterköpfen dargestellt waren, so daß der Erfolg dieser Lehrstunden nicht viel besser war, als wenn man einem Knaben auf dem trockenen Lande das Schwimmen beibringen will.

Zudem hatte die besorgte Mutter verfügt, daß bei diesem Unterricht ein Hauptcapitel des ganzen Lehrstoffes überschlagen werde: die Wissenschaft vom weiblichen Geschlecht, vielleicht in der richtigen Erkenntniß, daß die Weisheit aller Weisen an den unergründlichen Räthseln dieser schwachen und doch unüberwindlichen Wesen zu Schanden werde und es Niemand zu ersparen sei, erst durch Schaden klug zu werden. Davor aber ihr Söhnchen so lange als möglich zu behüten, duldete sie in ihrem Hofstaat nur Frauen und Fräuleins von gesetzten Jahren, die eine Häßlichkeitsprobe zu bestehen hatten, ehe sie in ihren Dienst treten durften. Daß es außer diesen noch anmuthigere Geschöpfe des anderen Geschlechts gebe, war dem Prinzen nur dadurch bekannt geworden, daß er zuweilen am Fenster des königlichen Schlosses durch ein Opernglas in die Stadt hinaussah, wo hübsche junge Kinder allein oder mit ihren Familien über den Marktplatz gingen und manchmal auch einen neugierigen Blick nach den Fenstern des Schlosses emporsandten, hinter denen der schöne Königssohn wie ein gefangener Paradiesvogel in seinem Käfich ihre Gedanken beschäftigte.

Ins Freie durfte er nur zu den körperlichen Übungen, auch dann nur in den Hofraum oder Garten, so lockend auch über die Mauer desselben die Wipfel des weiten Parks herüberwinkten. Nur eine einzige Stunde nach Tische war ihm freigegeben, ohne Aussicht sich im Garten zu ergehen, da der Professor der Menschenkenntniß der Königin-Mutter vorgestellt hatte, ein junger Mensch müsse auch Gelegenheit haben, sich im richtigen Gebrauch der Freiheit zu üben. Diese Freiheit bestand freilich nur darin, daß er sich selbst entscheiden konnte, welchen der abgezirkelten Gartenwege er wandeln und von welchen Bäumen er sich zum Nachtisch einige reife Früchte pflücken wolle. Doch schon die Versuchung, die in jungen Gemüthern mächtig ist, gerade in unreife Aepfel und Birnen zu beißen, war ihm als sündhaft so kräftig dargestellt worden, daß er nicht wagte, ein solches Gelüst zu befriedigen.

Nun geschah es an einem dieser Nachmittage im Sommer, daß das gute junge Herrlein bei seinem Gartenspaziergang an das Ende des Hauptweges gelangte und zum ersten Mal die schwere eiserne Gitterthür offen fand. Vielleicht hätte ein ausdrückliches Verbot, die Schwelle nicht zu überschreiten, so viel Macht über sein wohlerzogenes Gemüth gehabt, um die Neugier, wie es wohl da draußen aussehe, zu ersticken. Da aber Niemand an einen solchen Fall gedacht hatte, regte sich auch in unserm Prinzen keine Sorge, als ob es ein Mißbrauch seiner knapp bemessenen Freiheit wäre, sich etwas weiter vom Schlosse zu entfernen.

Wie er nun vollends in die Schattenwege des Parks eingetreten war und bald von der breiten Straße abbiegend sich in wildwüchsige Seitenpfade verirrte, wurde ihm das Herz so weit und der Sinn so fröhlich, daß er ein Schelmenliedchen zu singen anfing, das er von einer der Kammerfrauen seiner Mutter gelernt hatte. Ihm war, als habe er nie den Himmel so hoch und die Lüste so balsamisch gefunden, und sein Blut stürmte ihm so heiß zum Herzen, daß er zuweilen stehen bleiben mußte, um Athem zu schöpfen.

Herrgott! sagte er vor sich hin, hätte ich doch nie geglaubt, daß die Welt so schön und das Leben so lustig sei! Ich will die Mutter bitten, daß sie mich öfters in den Wald hinausläßt. Wie hier alles so fröhlich durcheinander wächst: kein Zweig wird beschnitten, die Blätter liegen auf dem Weg, und die Brombeeren wuchern darüber hin. Und dazu singen alle Vögel weit heller als in unserm Schloßgarten!

Unter solchen glücklichen Betrachtungen war er immer tiefer in den Wald hineingeschritten, als er auf einmal stutzte und still hielt. Auf einer grasbewachsenen Lichtung nämlich sah er einen jungen Menschen sitzen, mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einen moosigen Baumstumpf hingekauert, der ihn mit einem lustigen Zwinkern der kleinen schwarzen Augen und einem nachlässigen Nicken des Hauptes begrüßte, doch ohne das schief aufs linke Ohr gedrückte Hütchen zu lüften.

Das befremdete ein wenig den wohlerzogenen Königssohn, der gewohnt war, daß Jedermann mit abgezogenem Hut ihm begegnete. Da ihm aber der wunderliche Geselle im Uebrigen gefiel, nickte auch er ihm herablassend zu und fragte:

Wer bist du und wie kommst du in diesen Wald?

Von der Landstraße her, entgegnete der muntere Bursche, da ich nach deinem Schlosse wollte und die Wachen am großen Thor mich zurückwiesen. Ich wünschte dich zu sprechen und habe hier auf dich gewartet.

Und was hast du von mir gewollt? fragte der Prinz, der an dem schlanken, verwogenen Fremdling immer mehr Gefallen fand. Wie heißest du übrigens, und was für eine Kunst oder Gewerbe treibst du?

Mein Name ist Holdrio, sagte der Andere, der sich auf seinem Sitz hin und her wiegte, und da du nach meinem Gewerbe fragst, sollst du wissen, daß ich Prinzenerzieher bin.

Du? spottete der Königssohn. Und darum willst du zu mir, der ich bereits sehr wohlerzogen bin, während du selbst eine so mangelhafte Erziehung genossen hast, daß du nicht einmal weißt, wie ungehörig es ist, einen Prinzen mit du anzureden, statt mit Königliche Hoheit?

Ich nehme mir diese Freiheit, sagte der Fremde, weil der Erzieher immer eine Respectsperson ist, der ohne solchen devoten Schnickschnack mit seinem Zöglings verkehrt. Wenn du aber meinst, deine Erziehung sei vollendet, so muß ich dir sagen, daß sie in einem hochwichtigen Punkt völlig vernachlässigt worden ist.

Der wäre –?

Du hast noch nicht gelernt, dumme Streiche zu machen; eine Kunst, ohne der aus einem jungen Menschen nie etwas Rechtes werden kann.

Der Prinz sah ihn mit großen Augen an. Dumme Streiche? sagte er. Was ist das?

Das ist, daß Einer auch einmal die Courage hat, über die Schnur zu hauen, etwas zu thun, wonach seinem Herzen gelüstet, auch wenn es ihm die Frau Mutter und hundert Hofmeister verboten haben. Verstehst du, was ich meine?

Der gute Königssohn blickte einigermaßen verdutzt in die Wolken hinaus und dann wieder auf den grünen Rasen.

Etwas thun, was verboten ist, ist ja eben – verboten! stammelte er.

Ja, aber es braucht darum noch keine Sünde zu sein. Alte Leute wissen nicht mehr, was junge Menschen zu ihrem Seelenheil bedürfen. Das müssen diese in ihrem eigenen Herzen spüren und sich herausnehmen, danach zu handeln, wenn sie nicht ewig am Gängelbande bleiben wollen. Darum aber ist es gar nicht so dumm, das zu thun, was die weisen Alten dumme Streiche nennen, sondern vielmehr eben das Klügste, was ein guter Juvenil anstellen kann, um sich mündig zu machen, zumal ein Königssohn, der späterhin viel weniger als andere Sterbliche seinem Herzen folgen darf, da alle Welt auf ihn blickt und die sogenannte Staatsraison ihm die Brust einschnürt.

Hieraus entstand eine kleine Pause, während deren der Fremde von seinem Sitz herunterglitt und einen Tannenzapfen nach einem Eichhörnchen schnellte, das der Unterredung neugierig zugehört hatte.

Dann sagte der Prinz: Ich hätte wohl Lust, Holdrio, dich in dieser Kunst zum Lehrmeister anzunehmen. Denn in der That, es ist mir oft vorgekommen, als hätte ich einen eisernen Reifen um die Brust, der immer, wenn mein Herz schneller und heißer schlagen wollte, es zurückzwang. Und heut zum ersten Mal, als ich über die Schwelle des Gartens in die Wildniß trat, ist mir's zu Muth gewesen, als fiele mir eine Kette von den Füßen und jene eiserne Klammer vom Herzen. Wenn du mich in die Lehre nehmen und in dem unterweisen willst, was du dumme Streiche nennst, soll's dein Schade nicht sein, vorausgesetzt, daß die Mutter nichts dagegen hat.

Ja, wenn du Die fragen willst, achselzuckte Holdrio, bin ich nicht dein Mann. Niemand macht dumme Streiche mit Erlaubniß der Vorgesetzten. Nein; du mußt die Lectionen bei mir geheim halten, und wegen des Honorars sei ohne Sorgen. Es ist mir Lohn genug, einen talentvollen Schüler zu haben, und wenn du willst, können wir den Unterricht gleich jetzt anfangen.

Die Augen des Prinzen leuchteten.

Ich verlange mir nichts Besseres. Aber wie?

Das laß meine Sorge sein. Zunächst wollen wir noch ein wenig weiter schlendern. Du weißt noch gar nicht, wie wundervoll die Welt jenseits deiner Gartenmauer ist!

*

Indem er das sagte, schob er seinen Arm zutraulich in den seines Zöglings und schlug einen Seitenpfad ein, der sie bald aus dem Dickicht hinausführte. Als sie den Waldrand erreicht hatten, blieb der Königssohn mit einem Ausruf des Entzückens stehen. Vor ihm breitete sich im goldenen Sonnenlicht eine weite Landschaft aus mit blühenden Thälern, sanften Höhenzügen, Wäldern und Kornfeldern, dazwischen verstreut kleine Gehöfte schimmerten, von Schwalben umflogen. Ein breiter Fluß, der hier und da einen Bach mit blinkenden Wellen aufnahm, zog durch das lachende Land und trug kleine Schiffe, deren Segel sich im Winde blähten.

Nein, wie schön! rief der Prinz. Wo sind wir hier?

In dem glücklichen Lande deiner Königlichen Hoheit, antwortete Holdrio lachend. Deine weisen Erzieher haben dir's bisher nur auf der Landkarte gezeigt, damit du nicht zu früh danach verlangtest, in deinem Reich herumzufahren und dich als Herren zu fühlen. Aber hier wollen wir nicht einwurzeln, auch heute noch nicht deine getreuen Unterthanen incognito begrüßen. Es ist heiß, und wir werden wohl thun, uns im Schatten dieser hohen Buchen und Eichen zu halten.

So gingen sie weiter, wieder Arm in Arm, und der Königssohn schaute dabei unverwandt in die lachende Ferne, während ihm die Stirn glühte und die Glieder taumelten, als wandle er im Traum, oder ein feuriger Wein habe ihm das Blut erhitzt. Als sie daher an eine Stelle kamen, wo zu Füßen eines dichtbewaldeten Hügels ein Weiher lag, dessen tiefe, klare Flut ihnen Kühle entgegenhauchte, blieb Holdrio stehen und sagte: Hier wollen wir ein wenig rasten und dann uns durch ein Bad erfrischen.

Wo denkst du hin! sagte Florio. Unten in jenem Dorfe hat es schon fünf Uhr geschlagen. Mein Professor der Menschenkenntniß erwartet mich zur Lection.

Die zu schwänzen ist einer der klügsten dummen Streiche, die du heute noch machen kannst.

Aber im Freien zu baden ist mir nie erlaubt worden.

Und hast du dich nicht zuweilen danach gesehnt? So folge heute deinem Herzen. Niemand wird uns hier überraschen. Und sieh nur, wie blank und rein der Grund durch die helle Flut heraufsieht.

Also fügte sich der Prinz mit einigem Herzklopfen. Als sie aber aus dem Bade wieder herausstiegen und auf dem sonnigen Ufer gelagert sich langsam trockneten, überkam den wohlerzogenen jungen Herrn ein solches Wonnegefühl, zum ersten Mal seine blanken Gliedmaßen auf einem kräftig duftenden Mooslager auszustrecken, statt auf dem seidenen Ruhebett neben der silbernen Badewanne, daß er seinem neuen Mentor erklärte, er fühle sich als einen neuen Menschen, und wenn das die Frucht dummer Streiche wäre, werde er diese Kunst eifriger studiren als irgend eine andere.

Daraus schlüpften sie wieder in ihre Kleider, Holdrio in sein graues Wams, der Prinz in sein fürstliches Habit von weißer, goldgestickter Seide, und vertieften sich von neuem in das liebliche Waldrevier, während Holdrio allerlei übermüthige Melodien pfiff, und der wohlerzogene Königssohn sich im Stillen über sich selbst wunderte, daß er noch immer gehorsam neben seinem neuen Lehrmeister hinwandelte, obwohl man ihn im Schlosse längst vermißt haben mußte. Er ließ seine Augen wieder wie in einem glücklichen Traum herumgehen, und auf einmal hafteten sie an einem überaus herrlich hochgewachsenen Baum, der seine Zweige über eine Waldwiese ausbreitete, in so bequem zum Aufstieg einladenden Abständen, daß große Vögel und Eichhörnchen dieser natürlichen Leitersprossen sich fleißig bedienten.

Möchtest du auch hinauf? fragte Holdrio. Ich sehe, du besinnst dich nur, weil deine ängstliche Mutter dir das Klettern verboten hat. Aber versuch es dreist! Wenn du herunterfällst, sollst du in meine Arme fallen.

Alsbald machte der Prinz sich daran, sein Gelüst zu befriedigen, und da er ein gelenker Springinsfeld war, klomm er vergnüglich durch die aufgescheuchten Waldthiere bis in den obersten Wipfel, wo er einen Jubelruf erschallen ließ, dem sein Mentor unten ein kräftiges Echo entgegensandte. Im Hinabsteigen aber blieb der Unbedachte mit seinem weiten Beinkleid an einem vorstehenden spitzen Ast hängen, und da er sich losmachen wollte, fuhr ein langer Riß in die schimmernde Seide, so daß sein Begleiter, der ihn unten empfing, in ein fröhliches Gelächter ausbrach.

Du wirst noch ganz anderes Lehrgeld in meiner Schule zahlen, als einen Schlitz im Gewand, rief er. Doch die Frau Mutter soll dich nicht mit Schelten empfangen, wenn du ihr so vor die Augen trätest. Ich weiß, wie wir den Schaden ausbessern, und du sollst mir noch danken, daß ich dich dazu verleitet habe.

*

Damit faßte er ihn wieder unter und führte ihn aus dem Walde hinaus zu einer offenen Halde, auf der ein sauberes Häuschen stand. Auf einem Schilde über der Thür las man die Worte: »Zur Waldschenke«, und einige Tische und Bänke auf beiden Seiten ließen erkennen, daß es nicht an Leuten fehlte, die sich hier im Freien an einem kühlen Trunk zu erquicken liebten. Heute sah man keinen Menschen dort sitzen, nur aus den offenen Fenstern der Trinkstube drinnen drang Lärm von streitenden Stimmen, da gerade ein paar Bauern mit einem Jagdgehülfen beim Kartenspiel saßen und beständig mit den harten Knöcheln der derben Fäuste ihre Karten auf den Tisch hintrumpften.

Als aber die beiden jungen Leute sich der Thüre näherten, trat ein Mädchen heraus, das Holdrio wie eine alte Bekannte mit einem »Guten Tag, Aennchen!« begrüßte. Das schlanke junge Kind, das kaum Siebzehn sein mochte, sah ihn wie einen Wildfremden groß an, nickte auch dem Königssohn ohne viel Umstände zu und fragte, was die Herren begehrten.

Wein, Aennchen! sagte Holdrio, vom besten, der in eurem Keller ist, und bring ihn uns hier ins Freie.

Damit ließ er sich an einem der Tische nieder, die Beine lang auf die Bank gestreckt und mit seinem lustigen Lächeln den guten Königssohn betrachtend, der dem Aennchen, das im Hause verschwunden war, wie einer Fee oder Engelserscheinung nachstarrte.

Ich sehe, das gute Ding findet Gnade vor deinen hochprinzlichen Augen, sagte Holdrio. Auch ist sie ein braves Kind, das dem Vater, der ein Trunkenbold ist, ganz allein mit einem einzigen Knechtlein das Haus versieht und die Wirthschaft führt. Wer Die einmal zum Weibe bekommt, ist gut versorgt, nur darf er freilich kein Königssohn sein, denn höfische Manieren kennt sie nicht.

Was redest du! braus'te Florio auf. Keines von allen Hoffräuleins meiner Mutter bewegt sich nur halb so zierlich; und wie sie dich anblickte, als du so vertraut mit ihr thatest, – sie ist das Reizendste, was ich je gesehen habe!

Nun, wie du meinst, warf Holdrio gleichmüthig hin. Jedenfalls wird sie's nicht übel nehmen, wenn du's ihr sagst.

Indem trat das Aennchen wieder zu den Beiden hinaus, eine blanke Flasche, in der es wie Gold schimmerte, nebst zwei Gläsern auf einem zinnernen Teller tragend. Sie setzte das Geschirr auf den Tisch, schenkte die Gläser voll und wollte sich mit einem Wohl bekomm's! wieder entfernen. Holla! sagte Holdrio, sie bei dem runden nackten Aermchen packend, so geschwind entwischest du uns nicht, kleine Hexe! Da, nimm das Glas und kredenz es erst dem Herrlein, in welchem du einen hochgeborenen und wohlerzogenen Prinzen, deinen künftigen Landesherrn, verehren sollst. Er ist im Zuge damit, zu lernen, wie man dumme Streiche macht, und du thätest ein gutes Werk, ihm dabei ein bischen an die Hand zu gehen. Zunächst aber hole dein Nähzeug und verbinde ihm die klaffende Wunde an seinem Schenkel. Wenn es in guter Absicht geschieht, braucht eine getreue Unterthanin sich nicht zu scheuen, ihrem Souverän etwas am Zeuge zu flicken.

Das Mädchen, das schon das eine Glas ergriffen und sich dem Prinzen genähert hatte, erschrak nicht wenig, da es hörte, welch hohen Gast es vor sich hatte. Da aber jedes hübsche Kind im Stillen sich seiner Macht und Ebenbürtigkeit dem hochgeborensten Mannsbild gegenüber bewußt ist, faßte sie sich rasch, nippte mit ihrem Schelmenmündchen an dem Glase und reichte es dann zierlich knixend dem Königssohn, der, weit verlegener als sie, das Glas in Empfang nahm und, die Lippen an die Stelle setzend, wo sie getrunken hatte, das goldene Feuer auf einen Zug hinunterstürzte.

Holdrio, sagte er, während das Aennchen flink wie ein Vogel wieder ins Haus huschte, Die oder Keine muß meine Königin werden.

Hierüber wird ja wohl noch ein Mehreres zu reden sein, versetzte der Andere sehr gleichmüthig. Einstweilen genügt es, wenn du dich am Feuer dieser schwarzen Augen ein wenig versengst. Das ist Alles, was ich fürs Erste von meinem gelehrigen Schüler verlange. – Der Tausend! Sieh nur, wie der Grasaff sich herausgeputzt hat, seitdem er erfahren, daß dir das blaueste Blut in den Adern rinnt.

Es war aber kein großer Aufwand, den das Aennchen in der Eile mit seinem Anzug gemacht hatte, bloß daß es sein Haar, das vom schönsten Braun war, ein wenig sorgsamer gestrählt und eine frische Krause um das schlanke Hälschen geknüpft hatte. Nun kam sie mit einem lieblichen Erglühen des ganzen Gesichts auf den Prinzen zu, Nadel und Faden in der einen Hand und eine große Scheere in der andern. Mit einer verlegenen Geberde lud sie ihn ein, sich auf die Bank zu setzen und ihr das verwundete Beinkleid zuzuwenden. Dann kniete sie an seiner Seite nieder und begann flink und geschickt mit einem langen Seidenfaden den klaffenden Schlitz zusammenzuheften. Während ihrer Arbeit sprach Keines ein Wort. Der Königssohn sah unverwandt auf ihren zierlichen Kopf herab, den die krausen goldbraunen Löckchen umflogen, und auf die kleinen von Sonne und Arbeit gebräunten Finger, die längs der weißen Seide nur so zu tanzen schienen.

Es hält nun wohl, sagte das Aennchen, da es sich mit einem kleinen Seufzer von den Knieen erhob. Aber bitte, Herr Prinz, laßt Niemand wissen, daß ich die Stiche gemacht habe, ich schämte mich zu Tode, denn meine Hände sind zu grob für so seine Arbeit, auch habe ich mir nicht getraut, da ich es Eurer Majestät am Leibe machen mußte, so langsam daran zu sticheln, wie es nöthig gewesen wäre.

Du hast das so herrlich zu Stande gebracht, der Hofschneider könnt' es nicht besser! sagte der Prinz in großer Verwirrung. Dann aber fiel ihm ein, daß er sich dem lieben Kinde für diesen Liebesdienst in keiner Weise erkenntlich zeigen, ja nicht einmal den Wein bezahlen konnte, da er kein Taschengeld bekam. Leihe mir deinen Beutel! rannte er Holdrio zu. Der aber zuckte mit den Achseln.

Ich bin ein Vagabund, sagte er, und trage nie Geld in der Tasche. Für diesmal aber sei unbesorgt. Auch das Schuldenmachen gehört zu den dummen Streichen, die ein junger Mensch verüben muß, und ich denke, du bist nicht zum letzten Mal in der Waldschenke gewesen. Gelt, Aennchen, dein zukünftiger Landesherr hat soviel Credit bei dir, daß er dir heute die Zeche schuldig bleiben kann?

Statt aller Antwort haschte das schöne Kind nach der Hand des Prinzen, einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf zu drücken. Der Jüngling aber entzog ihr die Hand, umfaßte ihr schlankes Gestältchen, und da sie sich erschrocken ihm entwand, konnte er mit seinen sehnsüchtigen Lippen nur eben die Härchen an ihrer Stirne streifen. Dann flog sie zitternd und in rothe Glut getaucht ins Haus zurück.

*

Für heute wollen wir die Lection beschließen, sagte Holdrio, indem sie den Rückweg antraten. Aller Anfang ist schwer, ich bin aber mit deinem Eifer und deinen guten Fortschritten zufrieden und denke, wenn du dich ferner befleißigst, einen Musterschüler an dir zu haben. Ich bringe dich nun nach dem Schloß zurück. Natürlich wirst du deiner Frau Mutter nicht auf die Nase binden, wie gut du diese Stunden angewandt hast. Frauen haben Vorurtheile, und deine beiden Gouverneure sind nichts besseres als alte Weiber.

So plauderte er munter an seinen Zögling hin, der mit gesenktem Kopf wieder wie ein Träumender neben ihm herschritt, während immer die funkelnden schwarzen Augen und krausen Härchen von der Waldschenke vor seiner Seele tanzten. Er wachte erst auf, als er von vielen Stimmen seinen Namen rufen hörte und Fackelschein durch die Stämme des Waldes glimmen sah. Es waren die Boten, die die Königin ausgesandt hatte, nach dem verlorenen Sohn zu spähen. Dieser besann sich jetzt erst, wie er der erzürnten Mutter gegenüber treten sollte. Doch da er sich nach seinem Lehrmeister umsah, dessen Rath zu erbitten, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß Holdrio spurlos verschwunden war.

Er hatte aber nicht lange Zeit, sich hierüber Gedanken zu machen. Denn der ganze Schwarm seiner Erzieher und viele Würdenträger des Hofes umringten ihn und bestürmten ihn mit Glückwünschen wie einen Geretteten und mit Fragen, wohin er sich denn verloren habe. Hierüber gab er erst seiner Mutter Bescheid, indem er die erste Lüge seines Lebens hervorstotterte, nämlich, er habe sich, da er das Gartenthor offen gefunden, in den Wald gewagt und dort müde gelaufen, bis er endlich in Schlaf gesunken sei und allerlei schöne Träume gehabt habe.

Die Königin Mutter schickte ihn sogleich zu Bett, damit er nicht etwa die feuchte Waldeslust mit einem Fieber zu büßen hätte. Vor dem Fieber freilich, das ihn noch lange nach Mitternacht wach hielt, konnte sie ihn nicht bewahren.

Das verließ ihn auch nicht, als er am hellen Tage wieder nach seinem Lectionsplan Stunde um Stunde hinschleichen ließ, so unaufmerksam, wie seine Lehrer sich's nicht entsinnen konnten, da er nur den einen Gedanken hatte, wie er den Unterricht seines Freundes Holdrio ferner genießen möchte.

Als aber die Nacht gekommen war, litt es ihn nicht in seinem Zimmer. Er stieg sacht über den Lakaien hinweg, der vor seiner Thüre schnarchte, nickte den beiden schlafenden Pädagogen im zweiten Vorzimmer ein Gute Nacht! zu und schlich sich auf den Zehen nach der Schatzkammer, zu der er sich am Tage zuvor den Schlüssel mit List zu verschaffen gewußt hatte. Als er drin war, öffnete er hastig die Schränke und Truhen, so daß der Mond auf die Pracht der goldenen Geschmeide und blitzenden Steine sein Licht werfen konnte. Er achtete aber nicht auf die Kronjuwelen, das hohe Diadem, den Scepter und Reichsapfel, noch auf alle Prunkgeräthe und kostbaren Kleinodien. Nur eine Schnur großer bläulicher Perlen, mit einem goldenen Schlößchen, darin ein schöner Rubin funkelte, wählte er aus all dem Reichthum und ließ sie in seine Tasche gleiten. Dann schlüpfte er aus dem Gemach ins Freie, verschloß es hinter sich und stieg in den mondbeglänzten Garten hinab.

Daß er diesmal das Gitter nicht offen finden würde, wußte er wohl, das schreckte ihn aber nicht. Er hatte sich in ein dunkles, enganschließendes Gewand gekleidet, das ihm nicht hinderlich war, als er am Pfirsichspalier der Gartenmauer hinaufklomm. Wie er aber die Höhe erreicht hatte und nun hinuntersprang, erschrak er im ersten Augenblick wie ein ertappter Dieb und frohlockte im nächsten, da er an einen Baum gelehnt seinen Lehrmeister Holdrio stehen und lustig das Hütchen schwenkend ihn begrüßen sah.

Bravo! So gefällst du mir! rief der Meister seinem Schüler entgegen. Wer es in unserer Kunst zu etwas bringen will, muß auch die Nachtarbeit nicht scheuen, da gerade die allerschönsten dummen Streiche von jeher bei Mondschein verübt worden sind. Ich weiß, es hat dir keine Ruhe gelassen, deine Schulden zu bezahlen. Mit deiner Erlaubniß aber will ich dich ein wenig begleiten, da du sonst im dicken Walde von Irrlichtern genarrt werden könntest.

Er faßte ihn wieder unter den Arm, und sie wanderten in leisen Gesprächen dahin, wie wenn sie den schlafenden Wald nicht aufwecken wollten. Als sie endlich zu der Waldschenke kamen, sahen sie das Haus wie verzaubert im Mondschein liegen; im Gärtchen auf der einen Seite dufteten alle Blumen, und die Vögel in ihren Nestern zirpten verschlafen aus dem Traum; auf der anderen Seite, wo ein Grasanger, mit etlichen Fruchtbäumen bestanden, sich bis zum Walde hinzog, sahen sie ein lichtgelbes Pferd friedlich weiden, neben ihm ein junges Fohlen, das bei den nahenden Schritten scharf die Ohren spitzte und in ängstlichen Sprüngen an dem niederen Stacket, das die Wiese umgrenzte, dahinflog, während seine Mutter nur wie fragend den Kopf hob und ihn dann wieder in das duftende Futter zwischen ihren Hufen eintauchte.

Nun müssen wir die Hexe heraustrommeln, sagte Holdrio. Er schien mit der Oertlichkeit wohlbekannt, denn er klopfte gleich an das richtige Fenster, dessen Laden sich ein wenig öffnete, um das schlanke weiße Näschen der jungen Wirthstochter in dem Spalt erscheinen zu lassen. Der wohlerzogene Königssohn harrte indeß mit Herzklopfen, welchen Erfolg die eifrige Zwiesprach haben würde, die sein Freund und Meister mit dem Mädchen pflog. Er hatte aber nicht lang sich zu gedulden. Denn nach fünf Minuten wurde der Laden vollends aufgestoßen, und das Aennchen, nur mit einem rothen Rock und weißen Kamisol bekleidet, übrigens barfuß und mit lose zusammengestecktem Haar, schwang sich über den Sims in die Nacht hinaus.

Um Gotteswillen, ihr Herren, sagte sie, weckt nur den Vater nicht! Er schlüge mich todt, wenn er merkte, ich hätte noch so spät in der Nacht Besuch. Auch bin ich nur herausgeflitzt, euch zu bitten, daß ihr gleich wieder fortgeht. Ich könnt' euch nicht einmal zu einem Trunk Wein verhelfen.

Schau nur deinen Prinzen an, lachte Holdrio, der ist ohnehin schon mehr, als gut ist, berauscht. Und nun höre, was er dir zu sagen hat. Ich unterhalte mich indeß mit der braven Lise, der auch unter den Bäumen dort wohler ist als in ihrem dumpfen Stall.

Aennchen, sagte jetzt der Prinz, ich bin dir noch das Geld für den Wein von gestern und den Lohn für deine Schneiderei schuldig geblieben. Ich habe aber kein Geld, und so mußt du dies Geschmeide von mir annehmen. Da ich doch bald den ganzen Kronschatz mein nennen werde, darf ich diese kleine Perlenschnur wohl heute schon verschenken.

Er zog sie aus der Tasche und wollte sie ihr um den Hals legen. Aber sie wehrte ihn mit beiden Händen beharrlich ab, und als er Miene machte, sie mit Gewalt gegen die Mauer zu drängen und ihr so das Geschmeide aufzunöthigen, entwand sie sich kräftig seiner Umschlingung und flüchtete über das niedere Stacket in die Baumwiese, wo Holdrio bei der Stute stand und ihr liebkosend über Hals und Nüstern strich.

Willst du einmal reiten, Kind? raunte er. Sie nickte und sah sich dabei fragend nach dem Prinzen um, der ihr mit schwermüthiger Miene nachkam. Holdrio aber lief in den Stall, holte eine wollene Decke und einen leichten Zaum, und nachdem er beides dem frommen Thier auf- und angelegt hatte, hob er das flinke Mädchen hinauf und führte die Lise am Zügel sacht in der Baumwiese herum, während der wohlerzogene Königssohn mißmuthig hinterdreinschlich und das Füllen, den dicken Kopf am Fell der Mutter reibend, immer an ihrer Seite blieb. Dann blieb Holdrio stehen und sagte:

Wie wär's, Prinz Florio, wenn du dich hinter das Aennchen hinaufschwängest? Es ist Platz für Zwei auf der weichen Decke, und es könnte dann eine lustige Reiterei geben.

Das ließ sich der Verdrossene, dessen Gesicht sich auf einmal aufhellte, nicht zweimal sagen. Im Nu saß er auf dem breiten Rücken des Pferdes, so daß das Aennchen, das sich fest an die Mähne geklammert hatte, einen leisen Schrei ausstieß. Hupla! schnalzte Holdrio mit der Zunge und gab der Stute einen kräftigen Schlag auf den Schenkel. Mit einem raschen Sprung setzte das Pferd über das niedere Stacket, das Junge kletterte etwas unbeholfen der Mutter nach, und so trabten die Paare, sobald sie im Freien waren, munter die Straße entlang, die am Waldsaum hinführte. Hinter ihnen drein klang Holdrio's lustiges Lachen.

*

Dem Prinzen aber war wunderlich zu Muth. Das Aennchen hatte die Mähne fahren lassen und statt dessen die schlanke Gestalt des Reiters umklammert. Die Scheu, sich so nah an ihren künftigen Landesherrn zu schmiegen, verlor sich bald, da ihr war, als hätte sie nie in ihrem Leben so weich und warm gesessen. Dem Prinzen aber, der auf den braunen Schopf und den weißen Nacken des jungen Kindes herabsah, klopfte das Blut in den Schläfen, und so gern er ein kleines Zwiegespräch angefangen hätte, konnte er das erste Wort nicht finden. Erst als sie eine Weile so fortgeritten waren, während nur die Lise von Zeit zu Zeit mit fröhlichem Wiehern die Stille unterbrach, faßte er sich ein Herz, zu fragen, ob sie auch bequem sitze. Sie nickte nur und drückte dabei ihr Näschen noch dichter gegen seine Brust. Manchmal blieb die Lise stehen, um ein würziges Kraut am Wege abzurupfen oder sich nach ihrem Sprößling umzusehen, der sie in drolligen Capriolen umsprang. Dann hob auch das Aennchen den Kopf, sah aber nicht zu ihrem Cavalier empor, sondern in die weite Landschaft hinaus, die im Mondnebel sich in silbernem Duft ausbreitete. Die Wälder und reifen Kornfelder standen ganz still, nur die Wellen, die in dem sanft rauschenden Fluß hie und da aufblitzten, ließen erkennen, daß noch Leben in der schlummernden Weite sei.

Was seufzest du? fragte der Prinz leise und berührte mit seinen heißen Lippen das Haar des jungen Kindes.

Weil es so schön ist in der Welt! hauchte sie kaum hörbar. Aber wir müssen wieder zurück. Wenn der Vater aufwachte – –

Statt aller Antwort drückte der Prinz dem Pferde die Fersen in die Weichen, und sie trabten weiter. Wie lange noch, wußte Keines. Am liebsten wären sie ohne Aufhören bis ans Ende der Welt geritten. Die Lise aber schien es endlich doch müde zu werden, zwei Menschen auf ihrem Rücken zu tragen, zumal sie bisher nicht zum Reiten erzogen, sondern nur in den Pflug oder vor einen Wagen gespannt worden war. Auf einmal stand sie still und war durch kein Zureden oder Fersenstupfen zum Weitergehen zu bewegen.

Wir müssen sie wohl ein wenig rasten lassen, sagte der Prinz, sprang hinab und hob das Mädchen sorgsam von seinem hohen Sitz zur Erde nieder. Sofort kam das Füllen herangesprungen und steckte den Kopf unter den Leib der Mutter, an ihrem Euter seinen Durst zu löschen. Das Aennchen aber sagte lächelnd: Jetzt sollt' ich in unsern Keller hinuntersteigen und Euch einen frischen Trunk holen können. Aber wartet; es duftet hier nach Erd- und Himbeeren. Ich will Euch rasch eine Handvoll pflücken.

Damit lief sie ins Dickicht hinein, und der Prinz hörte sie im Laube rascheln, saß im Gras nieder und sah in die lichten Wipfel hinauf, durch die das goldene Mondlicht hereinquoll. Eine Nachtigall sang ganz nahe in einem weißblühenden Holderbusch, das machte sein Herz so sehnsüchtig schwellen, daß er seine Krone darum gegeben hätte, hier im Verborgenen mit dem Aennchen bis an sein seliges Ende hausen und träumen zu können. Da trat sie wieder aus den Zweigen heraus, in ihrem Röckchen tragend, was sie an Beeren gesammelt hatte. Sie wollte vor ihm stehen bleiben, daß er die Früchte aus ihrem Schooß naschen könnte. Er aber ergriff ihren schlanken braunen Arm und zog sie neben sich nieder, und da sie sagte: Alles ist für Euch! steckte er ihr, redlich theilend, eine Beere um die andere zwischen die lachenden rothen Lippen, bis die letzte verspeis't war.

Dann stand er auf, wieder nach ihrem Pferde zu sehen, das aber keine Lust bezeigte, sie wieder aufsitzen zu lassen. Die Decke war ihm dabei von dem breiten Rücken geglitten; die hob der Königssohn auf und brachte sie zu seiner Gefährtin. Die Lise will noch eine Weile grasen, sagte er. Inzwischen sollst du ein wenig schlafen. Komm! Der Thau fällt kühl. Ich will dich in die Decke wickeln, dann bewach' ich deinen Schlaf, daß keine Kröte oder Schlange dir übers Gesicht kriecht.

So that er, obwohl die Erröthende sich erst gewaltig sträubte. Als sie dann wehrlos wie ein Wickelkind auf dem grünen Lager ruhte, kniete er neben ihr hin, band ihr jetzt die Perlenschnur um den Hals und sagte: Schlaf wohl, meine kleine Königin! Darauf bückte er sich zu ihr hinab und küßte sie einmal herzlich auf den Mund, der noch von den Himbeeren duftete. Sie litt es geduldig, drückte dabei die Augen vor Seligkeit ein und seufzte leise. Und so, da rings die Blätter säuselten und die Nachtigall immerfort ihr Schlummerlied flötete, blieben die Augen des jungen Kindes geschlossen, und sie war bald in festen Schlaf gesunken.

Florio aber saß noch eine Weile neben ihr und weidete sich an ihrem Anblick, der ihm das Holdeste schien, was die Erde je getragen habe. Es war ihm ganz Ernst damit, daß er sie seine Königin genannt hatte. Er meinte, wenn die Mutter sie sähe, wie liebreizend und unschuldig sie sei, werde auch sie nichts dagegen haben, daß er dies einfache Kind neben sich auf den Thron setze. In solchen glücklichen Gedanken überfiel auch ihn endlich eine weiche Müdigkeit. Er streckte sich neben der Schläferin ins Gras, schob sanft seinen Arm unter ihren Nacken, damit der kleine Kopf bequemer ruhte, küßte noch einmal behutsam ihre halbgeöffneten rothen Lippen und versank gleichfalls in einen traumlosen Schlaf.

*

Als die helle Sonne am Morgen ihm endlich die Augen öffnete und er sich mit taumelnden Sinnen ausrichtete, durchfuhr ihn ein heftiger Schrecken: die Schläferin an seiner Seite war verschwunden, mit ihr die Lise und ihr Junges; vor ihm aber standen seine beiden Hofmeister nebst einigen Lakaien, und auf der Straße am Walde erblickte er eine Hofkutsche mit vier Pferden bespannt. Er öffnete eben den Mund zu der Frage, was mit Aennchen geschehen sei, als einer der Hofmeister sich vor ihm verneigte und ihm das Wort abschnitt, indem er ihm einen guten Morgen wünschte und ihn einlud, in den Wagen zu steigen und nach dem Schlosse zurückzufahren, wo seine königliche Frau Mutter schon wegen seines Ausbleibens in schwerer Sorge gewesen sei.

Willenlos, da er ernstlich darüber nachgrübelte, ob er nicht am Ende vom Aennchen und dem nächtlichen Ritt bloß geträumt hätte, ließ er sich von den beiden Alten in die Mitte nehmen und nach Hause zurückgeleiten. Er verrieth aber der Mutter gegenüber, die ihn mit heftigen Vorwürfen wegen seines nächtlichen Abenteuers empfing, mit keinem Wort den wahren Hergang. Nur als er hörte, man habe eine leichtsinnige Person mit ihm gefunden, und da sie eine Perlenschnur aus dem Kronschatz gestohlen, sei sie in den Thurm gesteckt worden, braus'te er auf und erklärte, das arme Kind sei unschuldig, da er selbst ihr das Geschmeide geschenkt habe, und er sei fest entschlossen, sich mit ihr zu vermählen, weßhalb er darauf bestehe, daß sie sofort aus der Hast entlassen werde.

Die Königin sah die beiden Hofmeister mit einem vorwurfsvollen Blicke an, daß ihre Erziehung keine bessere Frucht getragen habe. Dann erwiderte sie ihrem so gänzlich verwandelten Sohn, das Mädchen werde erst in Freiheit gesetzt werden, wenn er sich auf die Brautfahrt an den benachbarten Hof begeben habe, mit dessen einziger Tochter er sich nach festbeschlossener Verabredung mit ihren Eltern binnen weniger Monate vermählen solle.

Zu ihrem bittern Erstaunen aber fand die Mutter ihren Sohn nicht mehr so gefügig wie sonst, da er schon durch Holdrio's Lehre und Umgang ein wenig verwildert war. Das Einzige, wozu er sich nach langen, ernsten und liebevollen Vorstellungen herbeiließ, war, zu versprechen, daß er auf das Aennchen verzichten und die ihm bestimmte Braut in Augenschein nehmen wolle, wenn das liebe Kind sofort aus der Haft entlassen, ihm auch die Perlenschnur nicht abgenommen würde, da es schimpflich für einen Königssohn wäre, ein Geschenk zurückzufordern. Hierein willigte endlich die Mutter widerstrebend, nachdem der Sohn ihr gelobt hatte, keinen Versuch zu machen, die angesponnene Liebschaft heimlich fortzusetzen.

Er hielt auch sein Versprechen, doch mit so schwerem Herzen, daß es einen Stein erbarmen konnte, wie er darüber alle Munterkeit verlor und so blaß und mager wurde, wie ein gemalter junger Heiliger in der Schloßkapelle. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, beeilte die Mutter die Brautfahrt, und schon acht Tage nach jenem Mondscheinritt setzte sich vom Schlosse auf ein glänzender Zug in Bewegung, in dessen Mitte die Kutsche mit dem Brautwerber fuhr, der eine Miene zeigte, als ob er eher zu einer Hinrichtung, als zu hochzeitlichen Festen reis'te.

*

Sie waren aber noch eine Stunde Weges von der fremden Hauptstadt entfernt, als der Kutscher anhielt, und da die beiden Gouverneure, die auf dem Rücksitz mitfuhren, nach der Ursache fragten, erwiderte er, ein junger Herr, der am Wege gesessen, habe ihm zugewinkt und befohlen, zu halten, bis er mit der jungen Königlichen Hoheit ein Wort geredet habe.

Sogleich erschien denn auch der Fremde am Wagenschlag und war Niemand anders als der heimliche Freund und Lehrmeister des Prinzen, jetzt in einer schmucken Hoftracht, in der ihn selbst sein Zögling nicht sogleich erkannte. Er verneigte sich tief vor dem erstaunten Florio und fragte dann ganz unbefangen, ob nicht noch ein Platz im Wagen frei sei; da er desselben Weges reise, wäre es ihm lieb, mitgenommen zu werden.

Die beiden Hofmeister sahen einander rathlos an. Da sie aber für diesen Fall keine Vorschrift hatten, auch der Prinz sofort den Wagenschlag öffnete, mußten sie es geschehen lassen, daß der Fremde ohne Weiteres einstieg und sich sogar neben den Prinzen setzte. Worauf er dem Kutscher zurief, jetzt nur geschwinde fortzufahren.

Als sie dann die Grenze des benachbarten Königreichs erreichten, fanden sie dort einen schönen Triumphbogen, an welchem in goldenen Buchstaben die Inschrift »Willkommen!« angebracht war. Hier wartete ihrer der Kronprinz des Landes, ein langer blonder Jüngling, der zu seinem künftigen Schwager in den Wagen stieg und mit ihm nach dem königlichen Schlosse fuhr. Unten am Portal desselben empfing ihn der König in Person mit allen Würdenträgern, und nachdem Prinz Florio dem dicken alten Herrn, dem seine Krone auf dem kahlen Kopf wackelte, sein Gefolge vorgestellt hatte, darunter auch seinen Freund Baron Holdrio, stiegen sie die breite Marmortreppe hinauf in den Thronsaal, wo die Königin mit ihrer Tochter und sämmtlichen Hofdamen den Schwiegersohn aufs Huldvollste empfing und ihn sofort seiner jungen Braut vorstellte.

Der Prinz aber hatte kaum einen Blick auf das Prinzeßchen geworfen, als er am liebsten Kehrt gemacht hätte und eilig wieder nach Hause gereis't wäre.

Denn Prinzessin Blandine erschien ihm mehr wie eine mit Goldschmuck und kostbaren Steinen ausgeputzte Wachsfigur, denn wie ein lebendiges junges Menschenkind. Die Züge ihres Gesichtes waren zwar nicht unlieblich, aber so regungslos wie ein geschnitztes Bild, dazu ihre kleine Gestalt schon jetzt von so übermäßiger Fülle, daß man fürchten mußte, schon in wenigen Jahren werde sie ihrer Mutter gleichen, die in Folge des sorgenfreien und müßigen Stillsitzens auf dem Thron zu einem unförmlichen Umfang gediehen war. So stand die Tochter neben ihr, wie ein Tönnchen neben einem Oxhoftfaß, wenn bei so hohen Personen ein so unehrerbietiger Vergleich gestattet ist.

Daß aber der Schreck dem Brautwerber die Rede verschlug und er sich nur mit einer gezwungenen Geberde vor seiner Zukünftigen verneigte, wurde ihm in den Augen des gesammten Hofstaats nicht zum Nachtheil ausgelegt. Vielmehr fanden es die Herren nur begreiflich, daß die Reize der Prinzessin ihren Freier verwirrten, während die Damen unter sich flüsterten, er sei ein entzückender junger Mann und rechtfertige den Ruf vollkommener Wohlerzogenheit, der ihm vorangegangen.

Bei der Galatafel nun, zu der man sich sofort verfügte, kam der Prinz natürlich neben seiner hohen Braut zu sitzen. Doch alle seine Bemühungen, nachdem er sich von der ersten Bestürzung erholt hatte, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, scheiterten an dem fast feierlichen Ernst, mit dem die Prinzessin sich den aufgetragenen Gerichten widmete, so daß sie nur ein kaum hörbares Danke! von sich gab, wenn ihr Nachbar ihr das Glas von Neuem vollgoß.

Je länger das Mahl dauerte, je unseliger wurde dem gefeierten Gast zu Muth. Zudem beneidete er immer glühender seinen lustigen Mentor Holdrio, der ihm gerade gegenüber an der Seite einer in Schönheit und Frische glänzenden jungen Dame saß, der Frau des alten Hofmarschalls, die oft zu ihm hinüberblickte und ihrem Nachbarn allerlei boshafte Anmerkungen ins Ohr zu flüstern schien. Als die Tafel endlich aufgehoben wurde und der Ball begann, schritt Florio, nachdem er die Prinzessin zu ihrer Mutter zurückgeführt hatte, auf die reizende Frau zu und bat sie um den nächsten Tanz. Sie sah ihm mit einem spitzbübisch feinen Lächeln in die Augen und legte ihren weißen Arm in den seinen, worauf sie mit ihm nach den Klängen der Musik durch den Saal schwebte. Doch hatte sie dabei noch Athem übrig, ihn zu fragen, welchen Eindruck seine hohe Braut auf ihn gemacht habe, und als er erröthend schwieg, setzte sie eifrig hinzu: man könne die Prinzessin nicht auf den ersten Blick nach ihrem wahren Werthe schätzen. Wenn ihm daran liege, sie näher kennen zu lernen, wolle sie ihm gern ein getreues Bild ihres Gemüths und Wesens entwerfen, unter vier Augen, da hier nicht der Ort dazu sei. Sie pflege täglich am frühesten Morgen im Park spazieren zu gehen. Wenn er sie dort aufsuchen wolle –

Hier brach die Musik ab, und sofort näherte sich der Hofmarschall dem Prinzen und erlaubte sich, Seiner Königlichen Hoheit in tiefster Ehrfurcht zu bemerken, daß der erste Tanz nach der Etikette mit der königlichen Braut zu tanzen gewesen wäre. Diesen Fehler nachträglich so gut es ging zu verbessern, forderte der Bräutigam, heimlich sein Geschick verwünschend, die Prinzessin zum nächsten Tanze auf und hatte nicht geringe Mühe, das schwerfällige Figürchen, das sich schläfrig an ihn hing, mit Anstand durch den weiten Saal zu schleifen. Dann aber, sich die Stirne trocknend, bat er die Majestäten für heut um Urlaub, da er von der Reise angegriffen sei und sich in seine Gemächer zurückziehen möchte.

Kaum fand er sich hier allein, nachdem er seine beiden Hofmeister verabschiedet hatte, als »Baron« Holdrio bei ihm eintrat. Er fand den Prinzen auf einem Ruhebett liegend, mit der Miene der tiefsten Niedergeschlagenheit, wie einen Menschen, der über verzweifelten Entschlüssen brütet.

Du brauchst mir kein Wort zu sagen über deinen Seelenzustand, lieber Zögling, rief er ihm entgegen. Hier handelt es sich nur darum, was du zu thun gedenkst, ob du Willens bist, dies Püppchen, das mit seinen haferblonden Haaren, der weißen Haut und den gerötheten Augenlidern wie ein fettes weißes Kaninchen aussieht, trotz alledem zu deiner Königin zu machen, oder ihr den Verlobungsring zurückzugeben.

O Holdrio, stöhnte der Prinz, versetze dich in meine Lage! Die Mutter hat mir erklärt, wenn ich dies seit langem beschlossene Ehebündniß nicht einginge, werde es zwischen den beiden Höfen zu einer Todfeindschaft und zwischen den beiden Reichen zu einem mörderischen Kriege kommen. Und ich –

Und du, als ein wohlerzogener Sohn, wirst dich knirschend unter das Joch fügen, da du in meiner Schule noch nicht lange genug gesessen bist, um den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Dies habe ich vorausgesehen und bin dir eben darum hieher gefolgt, um dir im Nothfall den Rücken zu stärken. Uebrigens haben deine künftigen Schwiegereltern einen Koch, der seine Sache versteht, und wenn sie dir den in deine junge Ehe mitgeben, ließe sich Manches verschmerzen.

Du hast gut spotten! rief der Unglückliche. Deine liebenswürdige Tischgefährtin hat dich bei guter Laune erhalten. Auch sie aber scheint sich über mich lustig zu machen, da sie mir morgen früh im Garten von all den verborgenen Gaben und Tugenden meiner Zukünftigen ein Loblieb singen möchte. Daß ich ein Narr wäre, ihr dazu Gelegenheit zu geben!

Mit deiner Erlaubniß, lieber Prinz, versetzte Holdrio sehr ernsthaft, du wärest ein Narr, es nicht zu thun. Versprich mir, dich morgen früh zu dem Stelldichein im Garten einzufinden, um das ich dich übrigens beneide. Ich bürge dir dafür, daß all deine Nöthe dadurch gehoben werden und du für diesmal noch mit einem blauen Auge davonkommst.

Damit verließ er seinen Zögling, der die Nacht in schweren Träumen verbrachte, da ein weißes Kaninchen sich ihm beständig auf den Schooß setzte und mit Kohlblättern gefüttert sein wollte. Als endlich der Morgen heraufdämmerte, entschloß er sich nach langem Zweifeln und Schwanken, dem Rathe seines getreuen Meisters und Freundes zu folgen und sich in den Garten hinabzuschleichen.

Im Schlosse begegnete er erst wenigen schläfrig herumschwankenden Lakaien, die ihn verwundert anstarrten, da die Majestäten noch nicht aufgestanden seien und Prinzessin Blandine vor drei Stunden nicht sichtbar sein würde.

Florio aber ging in sich gekehrt die hohen Treppen hinab und betrat den thaufrischen Garten, in welchem schon alle Vögel ihr Morgenlied anhoben. Auch war er noch nicht weit in die schöngepflegten Anlagen vorgeschritten, als er ein weißes Kleid zwischen den Taxushecken und Rosenbeeten schimmern sah und sofort die schlanke Gestalt der jungen Hofmarschallin erkannte.

Guten Morgen, Prinz! rief sie ihm entgegen, wobei ihre blanken Zähnchen lustig zwischen den rothen Lippen hervorblitzten. Schön, daß Ihr Wort haltet. Denn wahrlich, mir liegt viel daran, Euch eine gute Meinung von unserer Prinzeß beizubringen, da, falls Ihr Euch nicht entschließen könntet, sie heimzuführen, auch ich hier zurückbleiben müßte, wo es zum Sterben langweilig zugeht. Folge ich aber meiner jungen Königin an Euern Hof, so hoff' ich, da Ihr ein ritterlicher junger Herr seid, wir werden ein vergnügliches Leben führen. Die junge Hoheit freilich ist von etwas bequemer Complexion, schläft gern lang in den Tag hinein, liebt eine gute Tafel und hat bis jetzt nur Interesse für ihre Hunde, deren sie ein ganzes Dutzend von allen Arten und Unarten besitzt, und die zu füttern bisher ihr einziges ernstes Geschäft war. Das wird Alles anders werden, wenn sie erst einen lieben Gemahl hat und einen Haufen kleiner Kinder, die zu füttern, zu waschen und zu kämmen ergötzlicher ist, als die kleinen Kläffer zu versorgen. Und da sie im Uebrigen Alles gehen läßt, wie's Gott gefällt, und die gute Stunde selber ist, werdet ihr eine recht behagliche Ehe mit einander führen.

Der Prinz hatte all diese Reden nur mit halbem Ohre gehört, da ihn die Anmuth der eifrigen Sprecherin völlig gefangen hielt. Sogar das Bild des armen Aennchens verblaßte neben dieser reifen und übermüthigen Schönheit, die in ihrem losen Morgengewande nur noch verführerischer aussah. Als sie sich daher an einer traulichen Stelle auf eine Bank niederließ und ihn einlud, sich neben sie zu setzen, fing er, gleichsam um seiner ersten Liebe Treue zu halten, vom Aennchen zu reden an, und daß er überhaupt keine Neigung spüre, sich mit einer Anderen zu vermählen und nur der Staatsräson gehorcht habe, als er um Prinzessin Blandine warb. Die kluge Frau bezeigte das tiefste Mitgefühl mit seinem jungen Herzeleid, äußerte mit einem Seufzer, auch Anderen werde oft nicht zu Theil, was sie in ihrem Herzen ersehnten, und für das versagte volle Glück müßten sie sich dann mit guter Freundschaft trösten. Das griff der mehr und mehr verliebte Königssohn begierig auf, faßte die zarte Hand der schönen Frau und fragte schüchtern, ob er hoffen dürfe, durch ihre Freundschaft getröstet zu werden, und als sie mit geheuchelter Verwirrung erwiderte, sie zweifle, ob sie dessen würdig sei, raunte er ihr ins Ohr, sie sei das zauberhafteste Wesen, das ihm je begegnet, und wenn sie in seiner Nähe bleibe und ihn ein wenig lieb haben könnte ,– ob sie das können würde? – Gewiß! hauchte sie. Auch ich bin ja nicht glücklich, und ein so liebenswürdiger Freund, wie Ihr, könnte mir wohl über manche schwere Stunde hinweghelfen. Nur freilich –

Nein, keine Bedenken! rief der glühende junge Herr, indem er den Arm um ihren Nacken schlang, und laßt uns gleich auf der Stelle den Freundschaftsbund mit einem brüderlichen Kuß besiegeln.

Damit neigte er sich dicht zu ihr und berührte feurig ihre Lippen, um die ein feines Lächeln schwebte. Aber wie vom Blitz gerührt fuhr er jählings zurück, denn hinter dem nächsten Busch hervor trat kein Geringerer als sein königlicher Schwiegervater in eigener Person, in einem langen Morgenrock von Goldbrokat; statt der Krone ein sammtenes Käppchen, an dem eine goldene Troddel hing, auf dem blanken Schädel.

Im ersten Augenblick standen sich die Drei wortlos gegenüber. Der König aber fand zuerst die Sprache wieder, zog die weißen Brauen in die Höhe und überschüttete seinen Eidam mit Vorwürfen, daß er am ersten Morgen, nachdem er seiner Braut vorgestellt worden, einer anderen Dame den Hof zu machen sich habe erlauben können. Dieses Vergehen werde er nur wieder gut machen, wenn er die Hochzeit beschleunige, dagegen seine Mitschuldige für immer den Hof werde verlassen müssen.

Seid getrost, schöne Freundin, versetzte der Prinz, da er sah, daß die Marschallin weinend auf die Bank zurücksank; ich würde es als eine schimpfliche Felonie betrachten, wenn ich Euch nicht hielte, was ich Euch soeben gelobt habe. Eher würde ich auf die Ehe mit der Prinzessin verzichten, als auf unseren Freundschaftsbund, was ich Eurer Königlichen Majestät hiermit in aller Ehrfurcht als mein letztes Wort verkünde. Und nun gebt mir Euern Arm, holde Frau, und laßt Euch ins Schloß führen.

Sie erhob sich zögernd. Der König aber, der vor Entrüstung kirschroth im Gesicht geworden war, rief: Wenn dies Euer Liebden letztes Wort ist, sind Hochdieselben unwürdig, die Hand meiner Tochter zu erhalten. Also überlegt wohl, was Ihr thut.

Hier ist nichts mehr zu überlegen, erwiderte der Prinz, sich hoch aufrichtend. Ich verzichte hiermit auf die Ehre, Eurer Majestät Schwiegersohn zu werden, und bitte, mich der hohen Gemahlin und Prinzessin Tochter zu Gnaden zu empfehlen, da ich noch in dieser Stunde Euer Liebden Schloß und Reich verlassen werde.

*

Als der Prinz dann wirklich mit den beiden höchst bestürzten Hofmeistern, denen er über seinen plötzlichen Entschluß keinerlei Aufklärung gab, den Reisewagen wieder bestieg, trat aus der Volksmenge, die sich trotz der frühen Stunde vor dem Schlosse versammelt hatte, Baron Holdrio an den Wagenschlag heran, verneigte sich mit einem seinen Zwinkern der klugen Augen vor dem jungen Herrn und sagte: Ich beurlaube mich für diesmal von Eurer Königlichen Hoheit und erkläre Hochdemselben meine allerhöchste Zufriedenheit.

Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Von seiner Frau Mutter wurde der Brautwerber, der ohne Braut heimkehrte, mit den heftigsten Vorwürfen empfangen. Wenn er übrigens gedacht habe, seine Liebschaft mit der Dirne aus der Waldschenke jetzt wieder anspinnen zu können, so habe er sich verrechnet. Das Mädchen sei inzwischen mit einem Förster aus der Nachbarschaft verheirathet worden, der es sich höflich verbitten werde, wenn der hohe Herr geruhen wollte, sich fernerhin zu seiner jungen Frau herabzulassen.

Hierüber verfiel Prinz Florio in eine schwarze Melancholie, der er jedoch nicht lange nachzuhängen Zeit hatte. Denn ihm auf dem Fuße folgte die Kriegserklärung des benachbarten Königs, der für den Schimpf, den man seiner Tochter angethan, blutige Sühne zu nehmen drohte.

Dem Prinzen kam dies nur erwünscht, um seinem Liebeskummer in wilden Thaten Luft zu machen. Als aber der Heereszug zum Abmarsch gegen den Feind bereit stand, berief ihn die Königin in ihr Gemach, setzte ihm einen zierlichen goldenen Helm aufs Haupt, gürtete ihm einen seinen Hofdegen um und las ihm einen Paragraphen des Staatsgrundgesetzes vor, in welchem verordnet war, daß die Prinzen des königlichen Hauses sich unter keinen Umständen in ein Gefecht zu mischen, sondern dem Gang der Schlacht nur durch ein Fernrohr zu folgen hätten.

In tiefer Beschämung hörte der wohlerzogene Thronerbe diese Vorlesung an, verabschiedete sich schweigend von seiner zärtlichen Mutter und folgte mit gesenktem Kopf auf seinem zahmen Pferde dem ausrückenden Heer, von seinem Kriegshofmeister und dem kommandirenden General in die Mitte genommen.

Als sie aber an dem Ort angelangt waren, wo das Lager ausgeschlagen wurde und am nächsten Tage die entscheidende Schlacht geschlagen werden sollte, erschien plötzlich in der Rüstung eines einfachen Soldaten der wohlbekannte junge Freund, der um die Gnade bat, dem Prinzen als Schildknappe zur Seite bleiben zu dürfen. Hiergegen hatte der Hofmeister nichts einzuwenden. Holdrio aber flüsterte dem trübsinnigen Herrlein zu, er solle gutes Muthes sein, es werde sich schon Gelegenheit finden, seiner strengen Ueberwachung zu entwischen und etliche rühmliche dumme Streiche zu machen.

Dazu kam es denn auch gleich am nächsten Tage. Denn in dem Zelt auf einer Anhöhe, von der aus man den Gang der Schlacht beobachten konnte, war neben dem Prinzen nur sein Lehrer in der Kriegskunst zurückgeblieben, der, während draußen die Geschütze donnerten, die Trompeten schmetterten und die Pferde wieherten, über eine Landkarte gebückt seinem hohen Schüler die Stellungen beider Heere und den strategischen Plan erläuterte. Da der wackere Mann schon bejahrt war und die letzte Nacht nicht sonderlich geschlafen hatte, nickte er über seinem Vortrag ein. Da erschien Holdrio geräuschlos am Eingang des Zeltes, winkte dem Prinzen, sein Fernrohr niederzulegen und herauszukommen, und sagte ihm draußen mit einem Blick auf das Schlachtfeld, die Sache scheine schief zu gehen, die Seinigen seien auf beiden Flügeln ins Weichen gebracht, jetzt sei es Zeit, mitten ins Getümmel hineinzureiten und durch den Anblick ihres künftigen Königs die gesunkenen Geister von Neuem anzufeuern.

Im Nu hatte der Prinz, dessen Augen leuchteten, sich in die Waffenrüstung seines Freundes geworfen und dessen starkes Roß bestiegen. Als er dann mit hochgeschwungenem Degen die Anhöhe hinuntersprengte, wurde er schon von Weitem von seinen Landeskindern erkannt und mit brausendem Jubel begrüßt. Sofort wandte sich das Glück. Der General erschrak zwar, daß der Prinz all seine weisen Anordnungen über den Haufen warf und mitten in das Gewühl hineinritt, eine Fahne schwingend, die er dem verwundeten Bannerträger aus der Hand genommen hatte. Als aber nach wenigen Stunden der Sieg erfochten, der feindliche Thronfolger von Prinz Florio mit eigener Hand gefangen genommen und sein Heer in die Flucht geschlagen war, ritt er auf den ganz mit Blut und Staub bedeckten jungen Sieger zu, salutirte tief mit dem Degen und brachte ihm ein Hurrah aus, in das alles Kriegsvolk begeistert einstimmte.

*

Die Folge dieses denkwürdigen Tages war, daß der besiegte Monarch gegen die Auslieferung seines Sohnes sich zum Frieden bequemte und eine ansehnliche Kriegsentschädigung zu zahlen gelobte. Prinz Florio aber sollte des Triumphes, mit dem er in seine Hauptstadt einzog, nicht lange froh werden. Denn bei dem bloßen Bericht, welchen Gefahren ihr Söhnchen sich ausgesetzt hatte, wurde seiner Frau Mutter so wind und weh ums Herz, daß sie in eine Ohnmacht sank, aus der sie nicht wieder zum Leben erwachte.

Ihr guter Sohn betrauerte sie mit aufrichtigem Herzen, da die Strenge, mit der sie ihn erzogen hatte, nur aus liebevollen Vorurtheilen entsprungen war. Von dem prunkvollen Begräbniß aber, das er ihr veranstaltete, zog er sofort in die Kirche, sich daselbst zum König krönen zu lassen, denn das Reich durfte keinen Tag lang seines sichtbaren Herrschers entbehren.

Auch diese feierliche Handlung wurde mit allem Pomp vollzogen, nur daß der Hochaltar, von dem der junge König die Krone nahm, dicht umflort war. Als der Gekrönte dann aus dem Portal hinausschritt und durch das Spalier, das die unabsehliche Volksmenge gebildet hatte, sich nach dem königlichen Schlosse begab, erblickte er in der vordersten Reihe das vertraute Gesicht seines Lehrmeisters Holdrio, der huldigend vor der jungen Majestät ein Knie beugte. Es machte kein geringes Aussehen, daß der König bei diesem unbekannten, unscheinbaren Fremdling stehen blieb, ihn aufrichtete und in die Arme schloß. Folge mir ins Schloß, sagte er leise zu ihm. Hinfort sollst du in meiner Nähe bleiben, und ich will dich mit Ehren und Würden reich belohnen für Alles, was du an mir gethan hast.

Eure Majestät wolle verzeihen, erwiderte Holdrio mit einem leisen Lächeln, von jetzt an würde mein Dienst und guter Rath unnütz, ja verderblich sein. Ein König, der seinem Volke voranleuchten soll, darf sich, auch wenn er noch jung an Jahren ist, keine dummen Streiche mehr erlauben. Auch wäre ich für ein seßhaftes Leben nicht geschaffen, da ich überhaupt kein gewöhnlicher guter Staatsbürger sein kann, sondern eine Art landstreichender Kobold bin, der durch die Welt ziehen und überall, wo er guten jungen Leuten aus der Enge ihrer Zucht und Ueberwachung heraushelfen kann, ihnen seine Unterweisung anbieten muß. Und so entlasset mich in Gnaden, und möge es Euch bis ans Ende Eurer Tage wohlergehen!

Damit verneigte er sich vor seinem Zögling, ihn noch einmal vertraulich auf die Schulter klopfend, zum Zeichen, daß er mit ihm zufrieden sei. Dann war er zum größten Erstaunen aller Umstehenden so spurlos verschwunden, als ob der Erdboden ihn eingeschluckt hätte.

*

Von dem weiteren Leben, den Kämpfen und Siegen des jungen Königs soll hier nichts berichtet werden. Wer Näheres darüber erfahren will, möge die Chroniken und Geschichtsbücher jenes Reiches nachschlagen. Hier sei nur soviel gesagt, daß er eine lange und gesegnete Regierung führte, eine Gemahlin nahm, mit der er in friedlicher Ehe lebte, und die ihm seine Kinder weiser und freier erziehen half, als seine eigene Mutter es für heilsam befunden hatte.

Als er dann aber endlich gleichfalls der Zeitlichkeit den Zoll bezahlen mußte und auf seinem Sterbebette mit ruhiger Seele von allen Seinigen und dem gesammten Hofstaat Abschied nahm, sah er mit schon halb erlöschendem Auge bescheiden neben der Thür seinen alten Freund Holdrio stehen, der sich mit einem Tüchlein die Augen trocknete. Da richtete er sich noch einmal in den Kissen auf, winkte die vertraute Gestalt zu sich heran und reichte ihm die Hand. Lieber Alter, sagte er, ich danke dir, daß du noch einmal gekommen bist, mir Fahrwohl zu sagen, damit ich dir noch einmal danken kann. Denn soviel Gutes und Großes mir auch in meinem langen Leben durch die Gnade des Herrn zu Theil geworden, nichts hat mich wieder so bis ins innerste Herz erfreut und beseligt, wie die dummen Streiche, zu denen du in meiner fröhlichen Jugend mich angeleitet hast.

Da überflog das Gesicht des Greisen noch einmal ein verklärtes Lächeln, wie wenn er in eine weite, im Mondlicht schimmernde Landschaft blickte und einem süßen Vogelgesang lauschte. Dann sank ihm das Haupt in die Kissen zurück, und er lag still und friedlich, wie ein Mensch, der nach einem mühevollen Tagewerk sich den Schlummer gönnen darf, in dem tröstlichen Bewußtsein, daß nichts Menschliches ihm fremd geblieben.

Buchschmuck
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