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Neue Märchen

Paul Heyse: Neue Märchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleNeue Märchen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
year1899
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20150225
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Buchschmuck

Die Dryas

 

Zuerst in den »Weihnachtsgeschichten« (1891) erschienen und den » neuen Märchen« hier wieder angereiht.

 

(1890)

 

Vom Thurm der Frauenkirche hatte es eben erst Fünf geschlagen. Aber ein Schneesturm tobte durch die Gassen der Stadt und löschte den letzten bleichen Tagesschimmer so völlig aus, als wäre die Nacht schon hereingebrochen. Auch brannten schon seit einer Stunde in dem Atelier des jungen Malers Ralph die drei Gasflammen, die ihm zu einer eiligen Arbeit hatten leuchten müssen. Es galt, an einer großen Landschaft die letzten Striche zu thun, um sie »Punkt Heiligabend«, wie der Besteller sich ausgedrückt hatte, seiner Frau ins Weihnachtszimmer hängen zu können. Er war Vormittags selbst gekommen, um den Meister an sein Wort zu mahnen, hatte die ansehnliche Summe, die ausgemacht war, in blanken Doppelkronen auf den Tisch gezählt und Nachmittags zwei handfeste Packträger geschickt, das Werk wie es gehe und stehe von der Staffelei zu holen. Die Leute hatten sich noch eine Weile gedulden müssen; immer noch konnte die letzte Hand sich nicht genugthun. Endlich hatte der Künstler, von seiner eigenen Erschöpfung bezwungen, da er seit dem ersten Tagesschein nicht von der Staffelei gewichen war, das Bild den Boten ausgeliefert und war dann wohl eine halbe Stunde auf dem Stuhl vor dem leeren Gestelle sitzen geblieben, mit geschlossenen Augen in sich hineinstarrend. Es war ihm jedesmal eine peinliche Empfindung, eine seiner Arbeiten in fremde Hände geben zu müssen. Wenn er seinem Werk dann am dritten Ort in schlechtem Licht, unter gemüthlosem Luxus von seelenlosen Augen begafft, wiederbegegnete, beschlich ihn eine peinliche Reue und Scham, als hätte er ein eigenes Kind in die Sclaverei verkauft und müßte mitansehen, wie es mißhandelt würde.

Nun vollends dieses Bild, an das er sechs Wochen lang all seine Liebe gewendet hatte. Die Skizze dazu, nach der Natur gemalt und unter anderen Entwürfen an die Wand geheftet, hatte dem reichen Kunstfreund in die Augen gestochen, und als Ralph äußerte, er könne sich nicht von diesem Stücke trennen, hatte Jener nicht nachgelassen und einen so hohen Preis geboten, daß der Maler in einem Augenblick der Schwäche auf den Antrag eingegangen war, ein großes Bild darnach zu malen. Hundert Mal hatte er seine Nachgiebigkeit, seinen Geiz verwünscht. Was für Erinnerungen an dieser Waldscenerie hingen, warum jeder Blick auf die sanft ansteigende grüne Halde, von hohen Fichten abgeschlossen, auf das schlanke Stämmchen vorn neben dem Wildbach und die kleine Bank im Schatten darunter ihm das Herz in süßen und bitteren Gefühlen aufwallen machte, hatte er dem Besteller freilich nicht verrathen. Und doch war es ihm wie eine Entweihung, daß er dieses Fleckchen Erde, wo ihm so wohl und weh geworden war, wie nie in seinem Leben, den gleichgültigen Blicken wildfremder Menschen Preis geben sollte.

Es war nun geschehen. Er gelobte sich im Stillen, keinen Fuß je in das Haus des Mannes zu setzen, dem er für schnödes Geld ein Stück seiner Seele verhandelt hatte. Und hätte ihn noch die Noth dazu getrieben! Aber so jung er war, sein Ruf hatte sich schon dergestalt verbreitet, daß ihm jede Leinwand zu jedem Preise, den er machen wollte, frisch von der Staffelei weggekauft wurde.

Ein heftiger Windstoß, der an dem großen Fenster rüttelte, riß ihn endlich aus seinem Brüten. Er stand mühsam, wie aus einem schweren Schlaf sich ermunternd, auf, trug die Staffelei in einen dunklen Winkel seines Studio und begann überhaupt ein wenig aufzuräumen. Es war ja Heiligabend, er erwartete seinen einzigen vertrauten Freund, um unter vier Augen mit ihm sich über die Stunden hinwegzuhelfen, die schwersten des ganzen Jahrs für einsam Lebende, zumal in der Jugend. Dennoch hatte er verschiedene Einladungen in töchtergesegnete Familien höflich abgelehnt und sich ebenso wenig entschließen können, an den lustigen Veranstaltungen Theil zu nehmen, welche die jüngeren Künstler in ihrer Kneipe vorbereitet hatten. Er wußte, daß sich unter den Fröhlichen und Ausgelassenen die Schwermuth nur drückender ihm auf die Seele legen würde.

Denn freilich, im Sommer hatte es so ausgesehen, als ob er diesen heiligen Abend froher als je feiern würde. Daß er das verscherzt hatte – wenn auch ohne seine Schuld, wie er meinte, – mußte ihm jede andere Festfreude vergällen.

Er war es aber sehr zufrieden, daß auch sein langer Freund, den sie wegen seiner ungeschlachten Glieder Enak nannten, die gleiche Abneigung gegen eine lärmende Weihnachtsfeier empfand und versprochen hatte, auf ein Glas Punsch und einen stillen Schwatz bei ihm vorzusprechen. Dem guten Menschen, der übrigens auch ein guter Maler war und eine besondere Virtuosität in Jagdstücken nach Snyder's Vorbild besaß, sollte es heute Abend so heimlich und behaglich werden, wie ein paar einsame Menschen sich's irgend zu bereiten vermöchten.

Im eisernen Ofen summten und glühten noch die Kohlen, und das hohe Gemach war trotz des wüthenden Decembersturmes leidlich durchwärmt. Ralph aber entfachte noch zum Ueberfluß ein Feuerchen im Kamin, den er neben dem Ofen eigens hatte anbringen lassen, da er nichts lieber that, als in Zwielichtstunden in das helle Feuer schauen und dem Flug der springenden Funken folgen. Er schob das breite Ruhebett, über das ein persischer Teppich geschlagen war, in die Nähe der Feuerstätte, breitete das Bärenfell davor aus und trug ein Tischchen herbei, auf dem etwas kalte Küche und alles zum Punsch Erforderliche einladend beisammen stand. Daneben stellte er den großen Schaukelstuhl, in welchem Enak seine gewaltige Figur lang auszustrecken liebte, und nachdem er einen zufriedenen Blick über diese Zurüstung geworfen, wandte er sich dem Fenster zu, wo in den Winkel gepflanzt die dritte Hauptperson des heutigen Heiligabendfestes stand: ein herrlich gewachsenes, frischgrünes Fichtenbäumchen, das mit seinem obersten, kerzengerade aufstrebenden Wipfelzweig bis genau an die Decke des hohen Raumes reichte.

Schon gestern, als er nach der hastigen Arbeit durch die Stadt geschlendert war, um sich ein wenig zu erfrischen, war ihm auf einem der Plätze, wo Weihnachtsbäume feilgeboten wurden, der stolze Wuchs dieses jungen Stämmchens aufgefallen, das seine ansehnlichsten Genossen um etliche Haupteslängen überragte. Er hatte dann die Nacht davon geträumt und war in grauer Morgenfrühe wieder hingegangen, besorgt, Andere möchten ihm zuvorgekommen sein. Damit habe es keine Gefahr, versicherte ihm der Händler. So hohe Bäume würden nur selten begehrt, und er wisse selbst nicht, warum er diesen mitgenommen; er habe es ihm aber gleichsam angethan, weil er so schön gewachsen sei und die Zweige so regelmäßig um den Stamm herumständen. Aber weil er ihn sonst doch schwerlich loswerden würde, gebe er ihn dem Herrn Kunstmaler billig und fordere für das Prachtstück nur so und so viel.

Ralph hatte trotz des unverschämten Preises nicht daran gedacht, zu handeln. Auch ihm schien das Bäumchen es angethan zu haben. Und freilich, so ungefähr hob auch jenes, das die kleine Bank an dem Waldbach überschattete, sein kräftiges Haupt – oder war es nur der Trug seines schwermüthigen Herzens, daß ihn heute so Vieles an die schöne verschwundene Sommerszeit erinnern mußte?

Er hatte den Transport des Fichtchens die drei steilen Treppen zu seinem Atelier hinauf selbst geleitet und darüber gewacht, daß keiner der weit ausladenden Zweige geknickt wurde. Ueber Tag, in jenem Winkel am Fenster, hatte sein Weihnachtsbaum ihm dann Modell gestanden, und die Arbeit nach der lebensgroßen Natur war dem Bilde noch sichtbar zu Gute gekommen.

Nun trat der Maler zu dem stillen Gefährten seines Fleißes und sog mit vollen Zügen den kräftigen Harzgeruch und die Waldfrische ein, die aus dem Labyrinth des Nadeldickichts ihm entgegenströmte. Nachdenklich vertiefte sich sein Blick in das geheimnißvolle Innere des Astwerks, und seine Hand strich liebkosend an einem der Zweige entlang, ohne auch nur eine der kleinen derben, glatten Nadeln abzustreifen. Du bist schön, sagte er vor sich hin, und hast so jung dein bischen Leben hingeben müssen, armer Geselle! Dir wäre jetzt wohler draußen in deinem Wald, trotz der Schneelasten, die du tragen müßtest, als hier in der dumpfen Ofenluft. Aber auch Anderen geht es nicht besser, denen es noch schärfer in Mark und Bein fährt, wenn sie losgerissen werden, wo sie Wurzel geschlagen zu haben glaubten. Komm, wir Beide wollen den Kopf nicht hängen lassen, sondern uns putzen und gute Miene zum bösen Spiel machen!

Wenn er vom Putzen sprach, so hatte er durchaus nicht im Sinn, den schönen dunklen Baum mit allerlei Zierwerk, vergoldeten Nüssen, Gold- und Silberketten zu behängen. Sein Künstlerauge hatte, seitdem er die Knabenschuhe ausgetreten, diesen kindlichen Schmuck der Weihnachtsbäumchen abscheulich gefunden, als eine Entstellung der edlen natürlichen Gestalt, in welcher die Kinder des Waldes aufwachsen. Aber der Glanz des heiligen Abends sollte denn doch auch in dieser Künstlerwerkstatt von dem Baume ausstrahlen. Aus einem hohen geschnitzten Schrank nahm der Maler einen wohl zwei Fuß im Umkreis sich ausbreitenden Stern, dessen gläserne Strahlen in bunten Farben leuchteten. Hinter dem Kern, einer kreisrunden Kapsel aus Rubinglas, war ein Lämpchen angebracht, das theilte sein Licht den farbigen Strahlen mit, die alle davon wie in einem sanften Feuer zu entbrennen schienen. Behutsam stieg der Maler auf einem Leiterchen bis zur Gipfelhöhe des Baumes hinan und befestigte dort das magische Leuchtwerk, das schon bei manchem Künstlerweihnachtsfest eine Rolle gespielt hatte. Auch heute goß es seinen Schimmer so freundlich herab, daß die oberen Zweige wie in Korallen oder Smaragden verwandelt schienen und Ralph sich eine Weile oben auf der Leiter an dem märchenhaften Anblick weiden mußte, ehe er wieder herunterstieg. Er löschte dann sogleich die Gasflammen; nun war eine reizende Dämmerung ringsum, – die Glut im Kamin schien nach dem Stern hinauszuwinken und die Strahlen droben das verwandte Element in der Tiefe zu grüßen. Nur eine dreiarmige römische Messinglampe trug der Maler noch auf das Credenztischchen; er wollte sie aber erst anzünden, wenn der Gast sich eingestellt hätte.

*

Es war nun so heimlich in dem hohen, halbdunklen Gemach, von den Wänden blickten die schönen Studien aus dem ernsten Norden und dem lachenden Süden den jungen Meister, der sie auf die Leinwand gebannt, so vertraulich an: die helle Brandung an den Nordseeklippen, die stille blaue Flut an dem hochgethürmten Strande von Amalfi, die leuchtenden Seeen der Lombardei und die Buchenwälder und dunklen Marschengelände Holsteins. Seine Augen aber kehrten immer wieder zu der kleinen Skizze von jener grünen Halde am Wildbach zurück und blieben an den Zweigen der jungen Fichte hangen, die das Bänkchen unten im hohen Grase beschatteten. Draußen wurde das Unwetter immer ärger; der Sturm trieb den Schnee in große Massen geballt gegen die klirrenden Scheiben und fuhr sausend durch den Schlot herab, daß die Flammen hoch aufprasselten. Den Maler überlief ein fröstelnder Schauer. Er ging, die Hände in die Taschen vergraben, eine Weile mit halbzugedrückten Augen im Kreise herum, schwer athmend, mit brennender Stirn und klopfenden Schläfen, bis die Ermüdung ihn still zu stehen zwang. Da nahm er aus dem Geigenkasten, der neben seiner Palette lag, das alte schwärzliche Instrument heraus, das in seiner Familie schon vom Urgroßvater herab sich vererbt hatte, und that ein paar Bogenstriche. Aber das kräftige Beschwichtigungsmittel versagte heute; auch war die gute Freundin bedenklich verstimmt. Mechanisch machte er sich daran, die reine Stimmung wieder herzustellen; als es ihm aber gelungen war, legte er die Geige auf seine Pinsel und wandte sich mit einem tiefen Seufzer ab, dem Kamine zu. Da stand er und starrte lange in das Geflacker und schürte den Brand und warf sich dann auf das Ruhebett und seufzte wieder. In diesem Augenblick fühlte er sich so unselig und verlassen, als könne es auf der weiten Welt keinen Menschen geben, der einen trostloseren heiligen Abend erlebte.

Auf dem Kaminsims lagen neben allerlei kleinen antiken Figürchen in Bronce etliche Skizzenbücher aufgeschichtet. Das oberste haschte seine Hand, von selbst schlug das Blatt sich auf, das er unzähligemal betrachtet hatte: der Umriß eines schönen Mädchenkopfes halb vom Rücken gesehen, das Profil mit einem reizenden Lächeln zurückgewendet, das Haar in einen starken Knoten hoch aufgebunden, so daß ein kleiner Kranz krauser Löckchen über dem Nacken sichtbar wurde. Ein Zug von Muthwillen und junger Schelmerei belebte Mund und Augen des lieblichen Gesichts, und die Unterlippe schien von einem schalkhaften Trotz geschwellt, daß man sich zugleich angezogen und gewarnt fühlte, mit dieser gefährlichen Person sich in kein Herzensabenteuer einzulassen, da sie selbst von ihrem Herzen noch nicht das Mindeste zu wissen schien.

Nur einen raschen Blick warf der Maler auf das Blatt, fast als habe er sich nur versichern wollen, ob das Gesicht noch immer den gleichen unbarmherzig lustigen Ausdruck habe. Dann ließ er das Buch aus der Hand gleiten und lehnte sich auf dem Divan zurück. Die strenge Arbeit des Tages machte sich fühlbar, auch konnte er den Freund noch vor einer Stunde kaum erwarten. So schloß er die Augen und versank in einen dumpfen Halbschlummer.

*

Nicht lange aber konnte er so geruht haben, da rüttelte ihn ein tobender Windstoß auf, der mit solcher Macht gegen das Haus fuhr, daß es in seinen Grundvesten erzitterte und in allen Fugen erkrachte. Der junge Maler öffnete schlaftrunken die Augen, aber was er sah, war dazu angethan, ihn sofort zu hellem Wachen zu ermuntern.

Das Ungestüm der Windsbraut hatte die mittlere große Scheibe seines Atelierfensters aufgerissen und trieb den Schnee in einer dichten weißen Wolke mitten in das Gemach. Da aber, wo auf dem Teppich die schweren Flocken nach und nach zu einem kleinen Hügel anschwollen, blieb es nicht lange regungs- und gestaltlos. In dem Schneehäuflein wurde es lebendig, ein wunderliches Zucken und Schwellen begann, und plötzlich hob sich aus der schimmernden feuchten Masse eine lustige Gestalt, die aus der Nebelhülle sich herauswand und nun frei auf winzigen Füßchen sich zu bewegen begann.

Der Maler, den der Wunderanblick völlig zur Bildsäule erstarrt zu haben schien, folgte mit weitgeöffneten Augen jeder Regung des sonderbaren Wesens. Es schien ihm die Größe eines etwa zehnjährigen Mädchens zu haben, zugleich schlanker und schmächtiger und doch mit den voll ausgereiften Formen eines jungen Weibes. Die aber blickten nur hin und wieder bei einer hastigeren Bewegung aus dem Schleier hervor, den das wallende aschgraue Haar, das bis zu den Knieen reichte, rings um die zarte Gestalt flattern ließ. Das Gesicht konnte er nicht gleich erkennen. Denn ohne auf ihn zu achten, schritt oder schwebte vielmehr der zierliche Spuk auf das Bäumchen am Fenster zu und stand dort eine Weile still, zu dem Stern hinaufschauend, während kleine weiße Hände aus dem Lockenmantel hervortauchten und eifrig die glatten Nadeln der unteren Zweige zu streicheln begannen.

So gespenstig das Alles sich ausnahm, so fühlte der heimliche Zeuge der wunderlichen Scene doch nicht das geringste Grauen, nur ein gewisses Befremden darüber, daß es ihm mit keiner Gewalt möglich war, sich von seinem Sitz zu erheben oder nur einen Laut von den Lippen zu bringen. Er meinte, nie etwas Anmuthigeres gesehen zu haben, als die zierliche weiße Gestalt, die dort das Bäumchen liebkos'te, und das Verlangen regte sich in ihm, wenigstens mit ein paar flüchtigen Strichen die Erscheinung in seinem Büchlein festzuhalten. Da wandte die kleine Fremde sich plötzlich nach ihm um und kam mit gelassenen Schritten, immer den Boden kaum berührend, auf ihn zu.

Nun sah er auch ihr Gesicht. So viel er bei dem Zwielicht und dem Feuerschein aus dem Kamin unterscheiden konnte, waren die weichen, kinderhaften Züge von einem leidvollen Ausdruck beseelt, der dem schmalen Gesichtchen, noch dazu in der wunderlichen Umrahmung der grauen Haare, etwas anziehend Frauenhaftes gab. Der kleine blutlose Mund schien nie gelächelt zu haben, aber auch nie durch einen bösen Hauch von Haß oder Tücke entstellt worden zu sein. Das Wunderbarste aber waren die großen, ruhigen Augen von smaragdenem Glanz, mit langen Wimpern umsäumt, die niemals auf und nieder gingen. Und doch blickten diese grünen Sterne nicht starr und seelenlos. Wie eine innere Flamme zuckte es zuweilen in ihnen auf, die dann wieder zusammensank, so daß der grüne Schein plötzlich zu erlöschen schien.

Sie war nun ganz nah an den jungen Maler herangeglitten, da schienen die Flammen im Kamin ihre Aufmerksamkeit abzulenken. Leise wandte sie sich nach der Glut, kauerte davor nieder, den grauen Haarschleier dicht um ihre Schultern und den jungen Busen gezogen, und schüttelte dann ein paar Mal wie in tiefer Betrübniß das kleine Haupt. Dann erhob sie sich wieder und trat dicht vor den Regungslosen hin.

Eine leise Kühle wehte ihn an, zugleich ein feiner Duft wie von frisch abgerissenen Fichtenzweigen. Er wollte etwas sagen, aber noch immer war er wie verzaubert.

Ein Weilchen stand sie vor ihm. Dann sagte sie mit einer zarten Frauenstimme, die ungemein lieblich klang: Schläfst du, Ralph?

Jetzt erst fiel der Bann von ihm. Aber aufzustehen vermochte er noch immer nicht.

Ich schlafe nicht, sagte er. Siehst du nicht, daß ich die Augen offen habe und Alles sehen kann, was du thust? Aber woher weißt du meinen Namen? Und wer bist du? Und warum bist du zu mir gekommen?

Deinen Namen hab' ich ja draußen im Walde gehört, erwiderte sie, ohne eine Miene zu verändern. Entsinnst du dich nicht mehr? Es war ein schöner Tag, die Sonne schien, und der Kuckuck rief, und die Mücken spielten über meinem Bach. Damals schon gefiel dir mein Baum. Hast du ihn nicht darum zu dir genommen, weil dir's leid that, wie er abgehauen draußen unter den häßlichen Menschen stehen mußte und Alle gingen an ihm vorbei? Warum fragst du nun, wer ich bin und warum ich zu dir gekommen bin?

Er sah sie mit erstaunten Augen an. Dein Baum? fragte er. Aber wer bist du denn, und was hast du mit jenem Baum zu schaffen?

Ich bin ja seine Dryas, sagte sie, einen traurig zärtlichen Blick nach dem Fichtenbäumchen werfend.

Seine Dryas? wiederholte er mit ungläubigem Lächeln. Kind! du willst mir ein Märchen aufbinden.

Ihre großen grünen Augen funkelten. Wir sind immer wahr, sagte sie. Aber ihr habt grobe Sinne, ihr Menschen von heute. Meine Mutter, als sie noch neben mir stand – vor drei Wintern haben die grausamen Männer ihren Stamm gefällt – oft hat sie mir erzählt, was sie von ihrer Mutter gehört hatte, und die von der ihren, und so fort: einst sei eine Zeit gewesen, da habe man auch uns in Ehren gehalten, uns und all unsere Verwandten, die im Wald, in Felshöhlen, Bächen und Weihern leben, und damals seien wir auch frommen Menschen sichtbar geworden. Der Hirt habe uns gesehen, wenn wir am heißen Mittag aus dem Wipfel unseres Baumes hervorgeschlüpft seien, oder uns zu der Quellnymphe geneigt hätten, ein Stündchen zu verplaudern und unser heißes Gesicht zu kühlen. Und in hellen Nächten, wenn die schöne Mondgöttin durch den Hain gefahren, hätten wir uns ganz hinausgewagt aus unserm Gezweig und Reigen getanzt auf der Waldwiese, daß der Jäger am Morgen noch die Spuren gesehen, wo unser langes Haar im thauigen Grase nachgeschleift war, während wir uns neigten und beugten. Es sei aber schon lange her, daß fremde Götter ins Land gekommen und die alten vertrieben hätten. Die seien traurig geflüchtet und wohnten nun – Niemand wisse, in welchem dunklen Versteck. Wir Kleinen aber, die wir an unseren Ort gebannt seien und ihnen nicht hätten folgen können, würden seitdem Menschenaugen nimmer sichtbar, und nur selten sei es einem Begnadigten, einem Künstler oder Poeten vergönnt, etwa eine Dryas leibhaftig zu schauen oder die schönen Nymphen, die in den Waldbächen hausen. Und so kannst auch du mich mit Augen sehen und hören, was ich sage. Ist es dir nicht lieb? Gefalle ich dir nicht?

Sie schmiegte sich an seine Knie und hob die schlanken, blassen Aermchen zu seinem Nacken aus, als ob sie sich an ihn hängen wolle. Er empfand aber nur ein kühles Wehen, wie wenn ein Nebelstreif seine Brust umwallte.

Wie solltest du mir nicht gefallen? stammelte er, da es ihm nicht ganz geheuer war, sie sich so nah zu fühlen. Aber wenn das Alles wahr ist, wie kommt es, daß du meine Sprache sprichst, und warum bist du überhaupt hier hereingekommen?

O, sagte sie, das ist doch einfach. Ich stand ja draußen nah am Wege, und auf der Bank unter mir ließen sich täglich wandernde Menschen nieder, Alte und Junge, Männer und Frauen, und führten oft lange Gespräche. Da habe ich die Ohren gespitzt und bald verstanden, was sie sagten; denn wir Waldgeister sind klüger als ihr. Wie es gemeint war, wußte ich nicht immer, denn sie redeten oft von Dingen, die ich nie gesehen. Manches aber erklärte mir die Mutter, Manches auch die Quellnymphe, die weiter hinaus ins Land reisen konnte, und in der Mühle unten, wenn die Bauern und Jäger dort sich trafen, Vieles erfuhr, wie's in den Dörfern und großen Städten zugeht. Da hörte ich auch, warum allemal um Winters Mitte die Holzleute mit ihren blanken Aexten zu uns kommen und meine jungen Geschwister an der Wurzel umhauen, damit sie dem neuen Gott geopfert werden. Schon darum haßte ich ihn, wenn er auch nicht all die anderen verjagt hätte. Denn du mußt wissen, Ralph: unser Leben ist an das unseres Baumes gebunden. Nur wenn wir uns durch Zufall gerade zu der Zeit, wo das Eisen unsern Stamm verwundet, von ihm entfernt haben, flackert in uns noch ein Weilchen die Lebensflamme, bis der Stamm und die Zweige verdorrt oder – und sie warf einen düsteren Blick nach dem Kamin – von dem gefräßigen Feuer verzehrt sind.

Nun schlafen wir Jungen meist in der kalten Zeit, und so trifft uns die Axt erbarmungslos, ohne daß wir noch einen Seufzer dem schönen Leben nachschicken. Ich aber – ich weiß nicht, wie es kam, – vor drei Tagen wachte ich aus aus einem hellen Frühlingstraum und wunderte mich, daß es schon an der Zeit sein sollte zu neuem Blühen, und stieg leise zum Wipfel hinaus, zu sehen, ob die Quellnymphe ihre starre Decke schon abgeschüttelt habe und die Wiese grün werde. Da war's noch tiefer Winter ringsum, kein Vogelruf erscholl, aber nahe bei mir die Axtschläge der bösen Männer, die meine kleinen Brüder und Schwestern fällten. Bisher hatten sie mich immer verschont, vielleicht weil ich dem Bänkchen und den Leuten, die darauf rasteten, Schatten gab. An jenem Morgen aber hörte ich Einen sagen: Warum soll die Große da stehen bleiben? Die Wiese wird doch nächstens wieder zu Ackerland gemacht, der Thalmüller hat sie gekauft, der nutzt den Boden anders aus. – So kamen sie zu mir, und mein Glück war's, daß ich schon das Haus geräumt hatte. War's denn aber wirklich ein Glück? Wär's nicht besser gewesen, ich hätte zu leben aufgehört, als sie meinen lieben Baum von der Wurzel trennten? Ich fühlte doch jeden Axthieb wie einen Schlag auf mein Haupt, und wie von Sinnen vor Schmerz flog ich dem Schlitten nach, auf dem sie meinen Baum in die Stadt schleiften. Da saß ich in seinen Zweigen, und Niemand konnte mich sehen, und ich kam fast nicht zur Besinnung vor all dem Neuen und Wunderlichen, was sich da um mich her bewegte. Nur immer weher und trauriger wurde mir zu Muthe, und ich wünschte nur eins, daß es bald ganz zu Ende gehen möchte. Das einzig Hübsche, was ich sah, waren die vielen Kindergesichter mit den rothen Backen und blanken Augen, die zu mir hinaufstaunten, und ich wünschte nur in ein Haus zu kommen, wo recht viel lustiges Kindervolk um mich herum tanzte, und wenn ich dort endlich in Feuer aufginge – ich meine, mein Baum – wollte ich mich nicht beklagen.

Statt dessen aber bist du gekommen, und ich kannte dich gleich wieder, weil du einmal so lange auf meinem Bänkchen gesessen hattest, und nicht allein; und hernach bist du noch zweimal wiedergekommen. Weißt du es noch? Und wie du mein Bäumchen kauftest, flog ich dir ganz vergnügt nach. Aber in das dunkle, dumpfe Haus, die enge Treppe hinauf dir zu folgen, konnt' ich mich nicht überwinden. Da umflatterte ich die hohen Fenster, bis ich das deine fand und sah, wie mein Baum von dir dorthin gestellt wurde, und hing draußen an den Scheiben, sehnsüchtig, denn ich wäre gern zu ihm und zu dir hineingekommen. Und endlich riß der Sturm das Fenster auf, und da bin ich nun!

*

Sie schwiegen darauf eine Weile, denn die lange Rede schien sie erschöpft zu haben, und ihm schwirrte Alles, was er gehört, so wunderlich durch den Sinn, daß er Mühe hatte, sich's zurechtzulegen. Er betrachtete sie, wie sie vor ihm auf dem Bärenfell kauerte, die lange aschfarbene Mähne, die wie die Bartflechten alter Tannen herabhing, mit ihren silberweißen Händchen strählend, wie ein spielendes Kind. Denn sie dachte nicht daran, sich vor ihm zu verhüllen, und sein Malerauge konnte sich an den feinen Linien weiden, mit denen der jugendliche Leib aus dem spinnewebenen Schleier hervorschimmerte.

Wie es nur möglich ist, daß du in dem schmalen Stämmchen wohnen kannst! sagte er, vor sich hin sprechend.

Ich weiß es selbst nicht, erwiderte sie und sah nach dem Fichtchen hin. Aber es geht ganz leicht. Wir werden wie ein dünner Rauch und schlüpfen zwischen den Jahresringen durch ins Innere. Wenn wir aber an die Luft hinaufsteigen, schwillt unsere Gestalt sofort zu der Fülle an, wie du mich siehst. Es ist aber viel hübscher, wenn die Wohnung uns so dicht und warm umschließt, als wie ihr Menschen in den weiten, leeren Räumen haus't.

Willst du meine Wohnung dir ein wenig ansehen? fragte er und stand auf. Er öffnete die Thür zu dem Nebenzimmer, wo sein Bette stand, sie aber warf nur einen gleichgültigen Blick hinein. Sie wußte offenbar nicht, was sie aus all dem Geräth und den Möbeln, die da herumstanden, machen sollte. Dagegen schienen die Skizzen an den Wänden des Ateliers sie zu fesseln, aber sie hörte Alles, was er darüber sagte, mit einem dumpfen Staunen an. Was ist das, was du das Meer nennst? fragte sie. Und Pinien und Cypressen, von denen hab' ich nie gehört. – Er sah, daß es vergebene Mühe sein würde, ihr so viel Fremdartiges zu erklären. Komm hieher! sagte er. Erkennst du das? – Es war die Skizze der Berghalde mit ihrem eigenen Baum und dem Bänkchen davor, und sie erkannte es nach einigem Sinnen. Aber es ist todt! sagte sie. Es rauscht nicht und duftet nicht. Wie ist das Bild da an die Wand gekommen? Wenn ich mich im Bache spiegelte, sah ich Alles viel schöner, obwohl die Wellen es kraus und wirr machten. Nein, hier möchte ich nicht wohnen. Es ist wärmer hier als draußen, aber es macht die Brust beklommen und ist nicht, wie wenn das Sonnenlicht durch meine Zweige rieselte.

Dann sah sie die Geige liegen und fuhr mit den Händen darüber hin. Was ist das? fragte sie. Er nahm das Instrument aus und begann leise darauf zu spielen. Da wurde sie erst sehr ernst, aber nach und nach verklärte sich ihr Gesicht, ihre Augen leuchteten, und sie horchte wie verzückt. Mehr, mehr! hauchte sie. Es ist, wie wenn der Winter vergeht und das Eis schmilzt, und nun wachen alle Vögel auf, und der Bach fängt wieder an zu rauschen, und oben in den hohen Wipfeln unserer Alten säuselt und saus't es – oh, wie süß!

Und ihre Aermchen über dem kleinen Haupt zusammenschlingend, begann sie mitten im Zimmer auf dem Teppich zu tanzen, in dem Schnee, der durch das aufgerissene Fenster hereingedrungen war, zartverschlungene Figuren mit den Spitzen ihrer schlanken Füße zeichnend, dazwischen sich wie ein flatterndes Wölkchen aufschwingend und in der Luft herumwirbelnd und dann wieder herabschwebend, von der grauen Mähne umflogen, ähnlich einer Möve, die aus dem weißen Wellenschaum schwebt, sich hin und wieder aufschwingt und in die Flut zurücksinkt. Während er all seine Kunst aufbot in den lieblichsten Tanzmelodieen, hingen seine Augen entzückt an der reizenden Gestalt, und er hätte bis an den lichten Morgen so fortspielen und ihrem Herumgaukeln zuschauen mögen. Da sprang plötzlich eine Saite, und wie er einen Augenblick innehielt, sah er die Tänzerin in die Kniee sinken und ihn mit flehenden Augen anblicken.

Was hast du? rief er erschrocken und eilte zu ihr hin.

Es ist nichts, hauchte sie. Mir ward so wunderlich, es fuhr mir wie ein Blitz durch alle Glieder. Aber spiele nicht mehr. Mir ist, als könnte ich nicht ruhig sterben, wenn ich solche Musik höre, als fühlte ich zum ersten Male, wie süß das Leben ist, und wie bitter der ewige Schlaf.

*

Sie erhob sich langsam und glitt nach dem Kamin.

Er sah, wie sie davor niederhockte und in die Glut starrte, die jetzt bis auf wenige zuckende Flämmchen zusammengesunken war. Dann schüttelte sie sich und wandte sich nach dem Divan, wo sie sich lang ausgestreckt zum Schlafen anzuschicken schien. Doch dauerte es nur wenige Augenblicke, so schnellte sie wieder in die Höhe. Ihr Blick war auf das Skizzenbuch gefallen, das er vorhin weggeworfen hatte; das Blatt mit dem Mädchenkopf war noch aufgeschlagen, sie senkte ihre Augen dicht darauf und rief mit einer munteren Stimme, wie er sie in der ganzen Zeit nicht von ihr gehörte hatte:

Da ist sie ja! Warum hast du sie mir nicht längst gezeigt? Und warum ist sie nicht selber hier?

Wer? fragte er verwirrt. Wer sollte hier sein?

Sie antwortete nicht. Sie strich nur mit der Hand über die Zeichnung, als ob sie den schönen Mädchenkopf liebkosen wolle. Dann schüttelte sie die Haare von der Stirn zurück und sah den Maler mit einem mißbilligenden Blicke an.

Du warst nicht gut zu ihr. Weißt du's nicht mehr? Und es war doch ein so schöner Tag. Ich hatte den heißen Mittag verschlafen. Als die Luft sich verkühlte, stieg ich in meinen Wipfel und sah mich um und freute mich an den hellgrünen jungen Sprossen, die an all meinen Zweigen vorgedrungen waren. Auch die Nymphe kam aus dem Bach hervor; mit halbem Leibe tauchte sie aus dem Wasser und nickte mir zu, und wir plauderten in unserer Sprache miteinander.

Wovon? fragte er.

Von unsern Geheimnissen. Die würdest du nicht verstehen. Bald aber horchten wir auf die Menschenstimmen, die droben im Walde unter den alten Bäumen laut wurden. Wir sahen einen fröhlichen Schwarm gelagert, sie hatten Tücher auf das Moos gebreitet, blanke Geräthe standen darauf, wir konnten deutlich sehen, wie sie aßen und tranken, und hernach sangen sie. Auch eine Musik erklang, ungefähr wie dein Spiel auf dem kleinen braunen Holz.

Ich war's, der spielte! warf er dazwischen und senkte seine Stirn mit einem düsteren Ausdruck,

Freilich warst du's, fuhr sie fort. Und damals sah ich dich auch zum ersten Male, du aber konntest mich nicht sehen, weil heller Tag war, und du warst auch zu fern von mir. Und Kinder sah ich, die droben auf dem Hang Ball spielten und jauchzten, und die Alten lagerten im Schatten und schauten ihnen zu. Einige liefen über den Rasen und Andere ihnen nach, sie zu haschen, und es gab viel Gelächter, und ich mußte heimlich seufzen, da ich eure Lust sah und selber einsam war. Denn die Nachbarin war wieder in ihre Wellen hinabgetaucht.

Und auf einmal sah ich ein schönes Mädchen, das kein Kind mehr war, sich unter die Kleinen mischen und zwei an den Händen nehmen und mit ihnen tanzen. Du aber warst an den Saum des Waldes getreten und blicktest immer auf die Schöne, und wie sie dann ein Tanzliedchen zu singen anfing, nahmst du dein braunes Spielgeräth und begleitetest ihre Stimme, daß alle Kinder zu lärmen aufhörten und ganz still herankamen, um auch zuzuhören. Das Mädchen aber verstummte plötzlich, drehte sich im Kreise, daß ihr Röckchen flog, und rief dir etwas zu, was ich nicht verstand. Ich sah aber, wie sie auf einmal zu laufen anfing, und du ihr nach, und erst huschte sie oben zwischen den Stämmen durch und lachte, da du ihr nicht nachkommen konntest, und als sie's so eine Weile getrieben hatte, während die Kinder lachten, daß du sie nicht fangen konntest, tauchte sie jetzt aus dem Waldschatten hervor und saus'te den grünen Abhang herunter, gerade auf mich zu, und warf sich athemlos auf das Bänkchen unter mir, das liebe Gesicht ganz roth von der hastigen Jagd, und dabei blitzten ihr die schwarzen Augen vor Lebensfreude und Schelmerei. Du aber – du wirst wohl noch wissen, wie du dann athemlos nachgestürmt kamst und dich neben sie setztest, und was du ihr ins Ohr sagtest, mit heimlicher Stimme, obwohl Niemand als ich in der Nähe war, dich zu belauschen, und meine Zweige euch auch gegen die Blicke der Anderen beschirmten. Oder hast du's vergessen, du böser, wunderlicher Mensch?

Er war auf einen Sessel gesunken und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Schone mich! stammelte er. Warum mahnst du mich an die süßeste und traurigste Stunde meines Lebens?

Ich habe seitdem oft daran denken müssen, sagte sie, das Köpfchen ernsthaft wiegend.

Ich wußte schon so Manches von euch Menschen; vierzehn Jahre lang hatte ich hören können, was man auf dem Bänkchen plauderte. Aber so zärtliche Worte hatte ich nie gehört, wie du sie dem schönen Mädchen ins Ohr rauntest. Ich sah auch, wie ihr das Lachen verging, und wie schwer sie athmete, daß sie kaum ein Wörtchen zu erwidern vermochte. Du aber schienst auch keine lange Rede erwartet zu haben, du stießest einen Freudenruf aus und wolltest das Liebchen stürmisch in deine Arme schließen. Aber sie wehrte dir und sagte: Laß mich! Wir sind hier nicht allein. Was würden die Eltern denken und die Andern, wenn sie uns sähen! Ist dir's nicht genug, daß ich dir gesagt habe, ich wolle dein sein? – Da runzeltest du die Stirn. Ist es denn auch kein Traum? riefst du. Hat mich nicht der Mittagszauber zum Besten, und wenn es Abend wird, erlischt all mein Glück, und ich bin so arm wie zuvor? Wie soll ich glauben, daß du mich wirklich liebst, wenn du mir nicht einmal den ersten Kuß gönnen willst, und auch sonst habe ich kein sichtbares Zeichen, das meine Zweifel beschwichtigt! – Da lächelte sie schalkhaft und sagte: Du Ungläubiger! Wart, ich will dich trösten! – und aus einer kleinen Tasche, die sie am Gürtel trug, zog sie ein Scheerchen hervor und sagte: Ich werde dir eine der jungen Sprossen von diesem Bäumchen abschneiden, die sollen dir dafür bürgen, daß ich eine immergrüne Liebe zu dir trage. – Du aber ergriffst ihre Hand und sagtest: Was soll mir der kleine stachlige Zweig! Wenn du es ernstlich meinst, was ich immer noch nicht glauben kann, da ich dich immer lachen sah, während ich selbst so betrübt und hoffnungslos dich anschaute – so gieb mir ein Pfand, das mir eine bessere Bürgschaft leistet: laß mich eines der krausen Löckchen abschneiden, hier hinten an deinem Nacken, die nur einmal anzurühren ich mich so toll gesehnt habe. Wenn ich so ein Stück von dir selbst besitze, werde ich nicht mehr zweifeln, daß du dich mir ganz schenken willst.

Sagtest du nicht so, du Wunderlicher? Und sahst das liebe Kind mit glühenden Augen dabei an, als wolltest du sie zu Asche versengen, wenn sie dir nicht den Willen thäte? Sie aber fürchtete sich nicht. Sie schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf und sagte: Wenn du das Fichtenzweiglein nicht willst, bekommst du nichts. Eines von meinen Löckchen darf ich dir nicht eher geben, als bis meine Eltern mich dir verlobt haben. Es sind genau gezählt ihrer sieben. Die Mutter zählt sie jeden Abend nach, und wehe mir, wenn eines fehlte! Also sei lieb und vernünftig! Und gedulde dich fein!

Du aber warst gar nicht zur Vernunft und Geduld aufgelegt. Wenn du mir dies Kleine verweigerst, in der ersten Stunde, da du mir dein Herz ergeben hast, wie soll ich glauben, daß du es redlich meinst, daß du überhaupt ein Herz besitzest? – O, rief sie und lachte, zu einer richtigen guten Frau gehört nicht bloß ein Herz, sondern auch ein bischen Verstand, und der meine warnt mich, dir nicht gleich zu viel nachzugeben. Du mußt wissen: in diesen Nackenlöckchen steckt meine ganze Stärke und Selbständigkeit. Wenn ich eines davon verliere, muß ich deine Sclavin werden, und dazu habe ich keine Lust, wenigstens für jetzt noch nicht. Hernach, wenn wir Mann und Frau sind, kannst du sie mir alle abschneiden, und wenn sie mir nicht wieder wachsen, mußt du freilich mein Herr sein, setzte sie schalkhaft hinzu. Für heute aber begnüge dich mit dem Zweiglein, das grün ist wie die Hoffnung.

Damit stand sie auf und schnitt wirklich eine der frischen Sprossen ab und reichte sie dir. Du aber sahst sie mit einem wilden Blick fast feindselig an, nahmst das Zweiglein und zerrissest es. Ich sehe, was ich dir werth bin, riefst du. Es war ein Wahnsinn, zu denken, du trügst ein Herz in der Brust, und dies Herz könne mir gehören. Zu einem Spiel bin ich dir gut genug, aber im Ernst willst du mir nicht das kleinste Opfer einer eigensinnigen Laune bringen. – Da sah die Liebliche dich mit großen traurigen Augen an. Das kann dein Ernst nicht sein, Ralph! sagte sie gelassen. – Mein bitterster Ernst! riefst du dagegen und standst nun ebenfalls auf. Und es ist besser, es entscheidet sich gleich zwischen uns, als daß du dein übermüthiges Spiel ferner mit mir treibst, wie bisher. – Ich spiele nicht! antwortete sie, und ihre Stimme zitterte. Auch wäre mir der Einsatz zu hoch. Wenn du mir nicht vertrauen kannst, so ist es besser, wir bleiben Beide frei. – Du weißt, womit du mich ewig binden kannst, sagtest du da. – Dann war's eine ganze Weile still zwischen euch, und ihr standet mit abgewendeten Gesichtern. Ich sah, wie es feucht unter ihren langen schwarzen Wimpern vorquoll, aber sie blieb fest. Sie steckte die kleine blanke Scheere wieder in die Tasche, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte: Wir wollen zu den Andern gehen. Sie werden unruhig sein, wo wir geblieben sind.

Dann schritt sie langsam die Halde hinaus, ohne sich nach dir umzusehen. Du aber sankst auf das Bänkchen, und ich glaube, die Hände, die du vor das Gesicht drücktest, sollten der Sonne droben verbergen, daß du großer Mensch in Thränen ausbrachst, wie ein krankes Kind.

*

Er hatte sie reden lassen, ohne einen Laut von sich zu geben. Nur zuweilen fuhr ein schmerzliches Zucken durch seine Brust, und er drückte die geschlossenen Lider fester zu, als ob er einer unbequemen Erleuchtung, die sich ihm aufdrang, wehren wolle. Eine ganze Weile war es so still in dem weiten Raum, daß man das leise Geräusch der zu Asche sinkenden Kohlen im Kamin vernehmen konnte. Da fühlte er auf einmal ein kühles Wehen an seinen Schläfen, wie wenn ein Lüftchen drüber hinführe, und als er die Augen aufschlug, sah er seinen geheimnißvollen Gast aus seinen Knieen sitzen, mit dem rechten Händchen sein Gesicht streichelnd, während das linke ihm über die feuchte Wimper fuhr. Er fühlte aber keinen Druck eines körperlichen Wesens auf seinem Schooß, nur wieder der seltsame Harzduft umspielte ihn.

Was träumst du nun, du armer Narr! hörte er sie flüstern. Damals im Walde war ich höchlich erstaunt, wie thöricht du es getrieben. Denn du mußt wissen, so jung ich dir erscheine, ich bin kein Kind mehr, das noch nichts vom Lieben wüßte. Nur verstehen wir im freien Walde es anders, als ihr Menschen in den steinernen Häusern. Wenn wir unsere Reife erlangt haben und in der Mondnacht mit den Andern unseren Reigen tanzen, finden wir uns zusammen mit Denen, die uns benachbart sind, und vermählen uns, wie es uns beliebt. Wir sind nicht so thöricht, von Herrschen und Dienen zu plaudern und ein Pfand zu fordern für unsere Treue, uns das junge Leben zu verbittern mit eigensinnigen Grillen. Auch ich hatte schon einen schönen Geliebten und Gemahl, er stand nur wenig Schritte auswärts am Bache neben mir, und ich hätte ihm, wenn er so thöricht gewesen wäre, es zu verlangen, all meine grünen Sprossen geopfert. Vorm Jahr hat man ihn gefällt, seitdem bin ich einsam geblieben. Aber eben, weil ich weiß, was man da leidet, habe ich nicht begriffen, wie ihr jungen Menschenkinder, die ihr euch soviel klüger dünkt als unsereins, euch so plagen und narren mögt. Denn, wie ich sehe, noch immer bist du nicht zur Vernunft gekommen, und diesen Abend, der in allen Häusern fröhlich gefeiert wird, verbringst du allein, und hätte ich dich nicht besucht, wer weiß, du hättest dich erst spät in den Schlaf geweint. Wenn ich schadenfroh wäre, hätte ich geschwiegen, zur Rache dafür, daß mein Leben dahin ist, da ihr meinen Baum umgehauen habt. Aber wir Waldgeister sind gut und mitleidig. Und darum dauerst du mich, und ich möchte dich glücklich sehen.

Glücklich! rief er. O Dryas, ich kann es nie wieder werden. So gut du es meinst, du verstehst das nicht, was mich all meiner Hoffnungen beraubt. Sie ist kalt wie ein Stein geblieben, all die langen Monate, sie hat mir nicht das kleinste Zeichen gegeben, daß es ihr leid thue um mich. Ich habe nur eine Hoffnung: daß ich sie mit der Zeit vergessen lerne!

Sie wiegte nachdenklich das Köpfchen und legte die kleine Hand über die Augen, wie um ungestört nachzusinnen. Nach einer stummen Pause sagte sie: Du warst blind damals. Ich aber hatte die Augen offen. Ich sah, daß eine schöne, stille Flamme in ihrem Herzen loderte, du aber streutest Asche darauf durch deinen unsinnigen Trotz. Nur ein Hauch von deinen Lippen, und die Glut schlägt ihr wieder hell aus den Augen. Willst du sagen, du liebtest sie, und bist so ungroßmüthig? Und bestehst auf deinem herrischen Willen, daß du sie von dir zurückschreckst, statt sie mit holder Milde vertraulich zu machen? Schäme dich, du großer, thörichter Mensch, und mache wieder gut, was du verdorben hast. Heut' ist eben die rechte Zeit. Ich flog an einem hohen Hause vorbei, da stand ein Greis mitten unter vielen Menschen und sprach zu ihnen von Engeln, die in dieser Nacht eine Friedensbotschaft vom Himmel gebracht hätten. Willst du nun taub dagegen bleiben und nicht auch Frieden schließen? Nein, verliere keine Zeit, geh zu dem schönen Lieb und zause sie an ihren Löckchen, und freue dich, daß sie alle sieben so kraus um den schlanken Nacken stehen. Und bring ihr einen Gruß von der Dryas, die ihr wünscht, daß sie ihres Glückes sich länger freuen möge, als es mir beschieden war. Auf, du Träumer! Wenn du wiederkehrst, wirst du mich nicht mehr finden. Ich kehre in meinen Baum zurück und will dort einschlafen, um nie mehr zu erwachen.

Sie neigte ihr weißes Gesichtchen gegen ihn, und er empfand den kühlen Hauch ihrer Lippen an den seinen. Dann glitt sie von seinen Knieen herab und wandte sich nach dem Baum. Er hatte sich erhoben und blickte ihr nach, und wie er sie zwischen den Aesten hinaufklimmen sah und das reizende Spiel der weißen Glieder zwischen dem Gezweig bemerkte, kam ihm plötzlich die Lust, die schwindende Erscheinung festzuhalten.

Er nahm das Skizzenbuch zur Hand, setzte sich auf den Divan und bat sie, ihm nur ein kurzes Weilchen still zu halten. Sofort blieb sie ruhig im Astwerk hängen, auf einen der breitesten Zweige hingelagert, den einen Arm um den Stamm geschlungen, den anderen über ihr schlankes Haupt gelegt. Sie schien einzuschlummern in dieser Lage; zuweilen kam ein Laut wie ein tiefer Seufzer von ihren Lippen, und nur die Augen blieben weit geöffnet und schienen dem jungen Freunde liebreich zuzuwinken.

Der aber sputete sich, die reizenden Linien nachzuzeichnen, und die Sorge, sie möchte ihm entschwinden, drängte sein Verlangen zurück, gleich auf der Stelle fortzueilen und zu beweisen, daß er darauf brenne, Frieden auf Gnad' und Ungnade zu schließen. So zeichnete er immer hastiger, der Schweiß trat ihm vor die Stirn; er hielt den Athem an, als könne jeder Hauch das Bild verschwinden machen; nun begann er schon, die Zweige um ihre lieblich hingegossene Gestalt hinzustricheln, der Stern zackte sich über ihrem Kopf in großen, hellen Strahlen, noch eine kleine Geduld, und auch der Stamm, an den sie lehnte, war im Umriß vollendet – da erschollen drei kräftige Schläge an die Thür des Ateliers, der Zeichner fuhr in die Höhe, das Buch glitt ihm von den Knieen, und wie er nach dem Fichtenbäumchen hinübersah, war der weiße Spuk aus den dunklen Zweigen drüben verschwunden.

*

Die Thüre ging auf, ohne daß das Herein! abgewartet wurde. An der Schwelle stand eine hohe Gestalt in langem Kapuzenmantel, über und über beschneit, und stampfte den Schnee von den derben Stiefeln. Teufel auch, ist's hier ungemüthlich! rief eine tiefe Baßstimme. Ich glaube gar, die Höhle ist leer, oder das Murmelthier schläft seinen Winterschlaf!

Du bist's, Enak? klang jetzt die Stimme des Malers vom Divan her. Ich habe dich schon lange erwartet.

Es sieht nicht gerade darnach aus, erwiderte der Ankömmling und trat vollends herein, den triefenden Hut auf einen Schemel werfend und den Mantel lüftend. Wenigstens hast du dich nicht sehr angestrengt mit den Vorbereitungen zu meinem festlichen Empfang. Eine sibirische Temperatur und die schönste ägyptische Finsterniß und da schneit es noch dazu ganz frech zum Fenster herein. Erlaube, daß ich die Luftscheibe schließe und dann vor allem die Beleuchtung verbessere. Denn bei dem zweifelhaftem Glimmen des Weihnachtssterns da oben hätten weder die Hirten auf dem Felde noch die heiligen drei Könige den Weg zur Krippe finden können. Oder möchtest du noch weiter in den heiligen Abend hineinschnarchen?

Er war zu dem Gaslüster getreten, der von der hohen Decke des Ateliers herabhing, und im Nu leuchteten sämmtliche Flammen auf und warfen ihren Schein über die Gestalt des jungen Malers, der sich jetzt schwerfällig von dem Ruhebett erhob.

Guten Abend, Enak! sagte er und streckte dem Freunde die Hand entgegen. Du bist sehr im Irrthum, wenn du meinst, daß ich geschlafen hätte. Ich habe vielmehr Besuch gehabt, sehr angenehmen, – Damenbesuch!

Nun, dann begreif' ich, lachte Enak mit seinem dröhnenden Baß, daß du's hier warm genug gefunden hast, und daß dir auch die Beleuchtung genügte. Am Ende habe ich gestört, und das verschämte Fräulein hat sich wie ein aufgescheuchtes Hühnchen ins Nebenzimmer geflüchtet, als ich anklopfte. Ruf sie nur wieder herein, ich bin kein Spielverderber, und übrigens weißt du, daß ich immer den Kopf geschüttelt habe, wie du dein junges Leben vertrauert hast, seit du mit deiner Toni auseinandergekommen bist. Teufel auch! du hättest froh sein sollen, daß du noch bei Zeiten den Kopf aus der Schlinge ziehen konntest. Wenn's Ernst geworden wäre mit dieser Liebschaft – wie ich das Mädel kenne, wärst du furchtbar unter den Pantoffel gekommen. Aber wenn es die Vorsehung gnädig mit dir gemacht und dir deine Freiheit erhalten hat, mußt du darum das ewig Weibliche ein für alle Mal dir vom Leibe halten? Komm! Laß uns Feuer im Ofen und im Kamin machen und einen süßen und feurigen Punsch brauen, und wenn es dann hier gemüthlich zu werden anfängt, laden wir deinen verstohlenen Damenbesuch ein, an unserem frugalen Tische vorlieb zu nehmen, und ich werde mich so unwiderstehlich liebenswürdig betragen, daß ich sie dir abspenstig mache, eh' sie das zweite Glas ausgetrunken hat. Wer ist's denn? Kenn' ich sie? Etwa die kleine blonde Hexe mit den Taubenaugen, die neulich bei dir war, um zu fragen, ob du kein Kopfmodell brauchen könntest?

Während der Freund diese lange Rede in seinem humoristisch brummigen Ton von sich gab, war Ralph wie ein Träumender im Zimmer herumgegangen, in alle Winkel spähend, als suche er etwas schmerzlich Vermißtes; zuletzt war er an dem Bäumchen neben dem Fenster stehen geblieben und hatte seinen Blick in das Dunkel der grünen Zweige gesenkt.

Nun wandte er sich zu dem langen Gefährten um der bemüht war, in dem erloschenen Ofen die Kohlen wieder in Brand zu bringen.

Wer bei mir gewesen ist, sagte er langsam, erzähle ich dir nachher. Ich habe jetzt – du wirst mich entschuldigen – aber ich muß vor Allem einen eiligen Gang machen. Spätestens in einer halben Stunde bin ich zurück. Indessen magst du dafür sorgen, daß es hier warm wird, und wenn du mittlerweile unsern Schlaftrunk präpariren willst – da auf dem Tische findest du alles Nöthige. Also auf Wiedersehen, mein Alter! rief er, indem er sich in großer Eile, als fürchte er zurückgehalten zu werden, den Mantel umhing und den Hut aufstülpte. Frage mich jetzt nicht! Hernach – wenn ich hoffentlich ein leichteres Herz mitbringe – sollst du Alles erfahren.

Der Freund sah in höchstem Erstaunen von seinem Heizgeschäft, das er knieend verrichtete, auf. Aber ehe er noch den Mund zu einer Frage öffnen konnte, war Ralph schon aus der Thür, und der Zurückgebliebene hörte brummend und kopfschüttelnd, wie er die steile Treppe in weiten Sätzen hinunterstürmte.

*

Die halbe Stunde war aber noch kaum vergangen, da hörte Enak dieselben beflügelten Schritte die Treppe wieder heraufsausen; die Thür ward ausgerissen, und der Träumer, der vor Kurzem hier herumgewankt war, trat mit strahlenden Augen und elastischem Gang ins Zimmer.

Da bin ich wieder! rief er. Nein, nicht ich, sondern ein neuer Mensch, ein glücklicher, selig wie ein junger Gott! Ahnst du, wo ich war, mein Alter? Bei ihr, bei dem geliebten, einzigen Mädchen, gegen das ich mich so sträflich vergangen habe. Die Dryas hatte Recht: es war eine kindische Thorheit, an ihrem Herzen zu zweifeln. Wie ich in ihrer Wohnung ankam – mein Herz klopfte so laut, ich meinte, sie müßten es drinnen hören, ohne daß ich klingelte. Aber dann öffnete mir das Dienstmädchen, ich drückte ihr einen Thaler in die Hand, daß sie schweigen möchte, wer da sei, und nur das Fräulein herausrufen. Und nun stand ich in dem Flur, wo nur ein schwaches Lämpchen brannte, und hörte im Wohnzimmer drinnen die Stimmen von Toni's jungen Geschwistern und dachte, wie auch ich jetzt unter ihnen Weihnachten feiern könnte, wenn ich nicht ein so verzweifelter Starrkopf gewesen wäre. Und jetzt ging eine Seitenthür auf, und ich sah meine Liebste eintreten – nein, ich sah sie kaum, denn ohne daß ich wußte, wie es geschah, hielt ich sie in den Armen und drückte sie an mich, und wir hatten uns auf den Mund geküßt, so lang und fest, wie ich es im schönsten Traum nie erlebt hatte. Als wir aber ein wenig zur Besinnung kamen, stammelte ich von der langen trefflichen Rede, die ich mir unterwegs ausgedacht, nichts weiter als: Toni, ich war ein großer Narr! Kannst du mir vergeben? Und sie drückte mir ihr kühles, zitterndes Händchen auf den Mund und flüsterte: Und ich erst, Ralph, was für eine Närrin ich gewesen bin! – und gleich darauf hörte ich ihr süßes schalkhaftes Lachen, und sie sagte: So wäre ja Alles in Ordnung, da der Narr und die Närrin in einander vernarrt sind! – Dann sprachen wir noch ein paar Augenblicke vernünftiger miteinander, und wir waren Beide einverstanden, daß ich nicht jetzt in ihren heiligen Abend hineinschneien, sondern morgen früh ganz ehrbar bei ihren Eltern um sie anhalten sollte. Die Hauptsache ist doch, sagte sie, daß wir uns jetzt einander selbst beschert haben fürs ganze Leben. – Und nun wollte ich fort, damit wir nicht überrascht würden, aber: Warte noch einen Augenblick! raunte sie mir zu und ließ mich im Vorplatz stehen. Nicht drei Minuten, so huschte sie wieder herein und gab mir ein verschlossenes Briefcouvert. – Was hast du mir noch zu schreiben gehabt, Schatz? fragt' ich. – Nur ein ganz kleines Liebesbriefchen. Aber lies es erst, wenn du zu Hause bist, sagte sie, und drückte mich noch einmal an sich und drängte mich dann hinaus. Wie ich den Weg zurückgefunden, weiß ich wahrhaftig nicht. Hier aber ist der Brief.

Er zog das kleine Couvert aus der Tasche und öffnete es beim Schein der römischen Messinglampe. Ein zusammengelegtes Papier war darin enthalten, unbeschrieben. Als er es aber auseinanderfaltete, kam eine kleine braune Haarlocke zum Vorschein.

Das herrliche Kind! rief er. Siehst du nun, Enak, wie Unrecht du ihr gethan hast? Sie denkt nicht daran, ihre Macht über mich zu mißbrauchen. Sie liefert mir selbst den Zauber aus, in welchem sie ihre Stärke verborgen glaubt.

Und er drückte das seidene Pfand demüthiger Liebe an seine Lippen.

Armer Junge! brummte der Freund. Du wirst deinem Schicksal nicht entgehen. Meinst du, ein Frauenzimmer verzichte je auf ihre Herrschaft über uns Mannsbilder? Aber ich merke, daß all meine Weisheit heut' an dir verschwendet wäre. Laß uns lieber darauf trinken, daß dir die Augen nie aufgehen, daß du aus dem Traum, den du heute träumst, nie unsanft geweckt werden möchtest.

Er schenkte beide Gläser voll. Auf das Wohl deiner Braut, rief er, wenn's denn einmal nicht anders sein soll!

Und auf das der Dryas, der ich sie verdanke! setzte Ralph andächtig hinzu, indem er das Glas auf einen Zug leerte.

Was ist's mit der Dryas? fragte der Andere. Du hast schon vorher den Namen genannt.

Das ist eine lange, seltsame Geschichte, sagte der glückliche Bräutigam, indem er sich auf den Divan setzte. Aber da ich versprochen habe, dir von meinem Damenbesuch zu berichten –

Und er erzählte, was ihm begegnet war.

Als er geendet hatte, sagte der Andere ruhig:

Das hast du geträumt, mein Sohn, und ich könnte dich darum beneiden. Man träumt nicht immer so artige Sachen.

Geträumt! Aber wenn ich dir sage, daß ich es nur ihr verdanke, zur Vernunft gekommen zu sein und meiner Liebsten das erste gute Wort gegeben zu haben! Und übrigens, ich kann dir's ja beweisen, daß es keine Einbildung war, daß sie mich wirklich leibhaftig besucht hat, Gott weiß freilich, wie es damit zugegangen ist. Da liegt ja noch das Buch, in das ich meine Skizze von ihr gemacht habe, wie sie sich oben zwischen den Zweigen ihres Baumes so malerisch hingestreckt hatte. Deinen eigenen Augen wirst du doch glauben müssen.

Er hob das Skizzenbuch aus und blätterte darin herum. Er wußte ganz genau, auf die linke Seite, Toni's Porträt gegenüber, hatte er seinen lieblichen Gast abconterfeit. Aber wie er jetzt die Seite ausschlug, sah ihn nur das Gesicht seiner jungen Braut schalkhaft über die Schulter an; – die Seite gegenüber war leer!

Buchschmuck

Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N.

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