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Neue Märchen

Paul Heyse: Neue Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleNeue Märchen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
year1899
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20150225
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Buchschmuck

Johannisnacht

(1898)

 

Die Uhr der kleinen Friedhofskirche hatte kaum ihren zwölften mitternächtigen Schlag gethan, als zwei junge weibliche Gespenster aus ihren Gräbern hervorschlüpften, ein wenig gähnten und die Arme reckten und sich dann neugierig in dem mondhellen, stillen Revier umschauten. Das eine, schlank und zart von Gestalt, in ein spitzenbesetztes, wallendes Leichenhemd gehüllt, betrachtete das hohe Monument aus weißem Marmor aus seinem Grabe, dessen Goldinschrift besagte, daß hier die hochgeborene Gräfin Adelheid aus und zu Warteinweil in der Blüte ihrer Jahre und ihres Glückes die letzte Ruhe gefunden, tief betrauert von ihrem trostlosen Gatten und dem unmündigen Knäblein, das die beste Mutter verloren habe. Ein Bibelspruch vertröstete auf das himmlische Wiederfinden. Nur um wenige Gräber von diesem prunkvollen Denkmal entfernt erhob sich über einem einfachen, nicht mit eisernem Gitter umzirkten Hügel ein schlichtes hölzernes Kreuz, das nur den Namen Jungfrau Trude Fürchtegott, Schulzentochter, trug und die Daten der Geburt und des Todes, aus denen zu ersehen war, daß die hier Bestattete in ihrem zwanzigsten Jahre von der sonnigen Welt hatte scheiden müssen. Gewiß so widerstrebend, wie die vornehme Nachbarin. Denn noch in ihrer Geistgestalt zeigte sich, daß sie in Fleisch und Bein ein gesund genaturtes Menschenkind gewesen sein mußte, dessen junge Brust sich gewiß kraftvoller gegen das weiße Fürtuch erhoben hatte, als noch jetzt unter den dünnen Falten des schmucklosen Sterbehemds.

Diese arme Seele hielt sich nicht lange mit der Entzifferung der schon halb verwaschenen Buchstaben an ihrem Kreuzchen aus, sondern setzte sich, die Arme um die Kniee geschlungen, aus den Hügel nieder, seufzte ein paar Mal, rieb sich die Augen und schien zu überlegen, was sie nun zunächst unternehmen sollte. Dabei blickte sie zufällig nach dem Grabe der jungen Gräfin hinüber, die ihrerseits soeben entdeckt hatte, daß sie nicht allein hier oben herumspukte. Doch Keine wurde darüber klar, wen sie vor sich habe, und so begann die Hochgeborene, nachdem sie sich gleichfalls niedergelassen hatte, mit dem Dorfkind gemüthlich zu plaudern, indem sie ihr zunächst einen guten Morgen zurief und dann fragte, ob sie auch schon lange da unten geschlafen habe. – Erst seit sechs Wochen, erwiderte die Andere, aber sie liege unbequem, da der Tischler ihr das Maß zu kurz genommen habe, und übrigens werde man ganz steif von dem langen Schlafen, zumal wenn man an Arbeit in freier Luft gewöhnt gewesen sei. – Ihr gehe es nicht besser, versetzte die todte Gräfin; sie habe nichts lieber gehabt als Reiten und Schwimmen. Da sei es eine wahre Wohlthat, daß in der Johannisnacht alle abgeschiedenen armen Seelen ihren Ausgang hätten, sich ein wenig zu lüften oder etwas nachzuholen, was sie auf Erden versäumt. Ich, fuhr sie fort, habe es kaum erwarten können, bis diese Nacht kam. Ich habe droben mein Herz zurückgelassen in der Wiege meines Kindes. Davon träumte mir beständig, und ich will hin und nach ihm sehen. Waren Sie auch verheirathet? – Nein, aber verlobt, und da ist mein Herz zurückgeblieben bei meinem Liebsten. Das ließ mir keine Ruhe. – O, erzählen Sie! rief die Andere und stand auf, sich der Leidensgefährtin zu nähern. Das ist ja sehr interessant. Wer war denn Ihr Bräutigam? War er von Familie? – Er war Großknecht auf dem herrschaftlichen Gut, der sauberste Bub im ganzen Dorf, zu Michaelis sollte er mich heuern. Wenn Sie Den gekannt hätten – – Aber dann sind Sie ja – dann bist du die Trude Fürchtegott! rief die Andere sehr enttäuscht und machte eine Bewegung, als ob sie sich wieder zu ihrem Erbbegräbniß zurückziehen wollte. Dann aber schien sie die Gesellschaft des Dorfkindes doch ihrer gräflichen Einsamkeit vorzuziehen, ließ sich auf den nächsten Hügel nieder und sagte: Es freut mich, dich hier zu finden, Trude; du hast mir immer gefallen mit deinen rothen Backen und den blanken Zähnen und deinem lustigen Lachen. Was hat dich denn nur so früh in die Grube gebracht?

O, sagte das jungfräuliche Gespenst, nun erkenn' ich die gnädige Gräfin. Ich war noch ganz frisch und gesund, als man unsere Frau Gräfin zu Grabe trug; es war eine schöne Leich', und ich hab' viel geweint und zehn Vaterunser für Ihre ewige Ruh' gebetet. Hernach hat's mich selbst getroffen; der Jäger des Herrn Grafen hat bei einer Treibjagd, da ich der Schützenkette zu nah gekommen bin, mich erschossen, ich bin gleich maustodt gewesen; nun, um mich war's nicht so schade wie um die Frau Gräfin, bloß um meinen Hans hat mir's leid gethan, und daß ich nicht erlebt hab', wie's thut, ein Kleines zu säugen. Der Herr Graf hat mich sehr schön begraben lassen, ich könnt' nun recht zufrieden sein und schlafen bis zur Auferstehung, aber ich hab' auch, wie die gnädige Gräfin, mein Herz droben gelassen in der Scheune, wo ich das letzte Mal mit dem Hans zusammengekommen bin. Darum hab' ich keinen festen Schlaf.

Die Andere nickte. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sagte sie mit einem frommen Blick nach oben. Er hätt's uns aber wohl ein bischen länger lassen können. Jetzt aber – wir haben nur eine Stunde Zeit, da dürfen wir uns hier nicht lange aufhalten. Komm, Trude, gieb mir deinen Arm, – nein, zier dich nicht, hier sind wir Alle gleich, und du darfst mich auch du nennen. – Das brächte ich nie über die Lippen, versetzte Trude; ich weiß, was man der Herrschaft schuldig ist; aber den Arm will ich Ihnen gern geben, denn ich seh', die gnäd'ge Gräfin ist ein bissel schwach auf den Beinen. So, und nun hopsa! Da kommt wieder ein Grabstein, und der Mond geht hinter die Wolken. Stützen Sie sich nur dreist auf mich, Frau Gräfin, ich bin gut zu Fuß.

So strichen die Beiden Arm in Arm die lange Zeile zwischen den Grabhügeln dahin. Als sie an das Friedhofsthor kamen, sahen sie den Tod dort sitzen in seinem Wächterhäuschen. Wohin, ihr Landstreicherinnen? brummte er sie an, indem er aus der kurzen Thonpfeife zwischen den blanken Kiefern eine mächtige Rauchwolke hervorstieß. Als sie ihm sagten, sie wollten nur einmal nach ihren Herzen sehen, die sie droben zurückgelassen, schob er fluchend mit seiner Knochenhand den Riegel am Thor zurück und sagte: Nun so fliegt aus, ihr dummen Gänse, ihr werdet was Rechts davon haben. Aber das sag' ich euch, bleibt mir nicht über den Glockenschlag aus, sonst soll euch ein heiliges Donnerwetter –!

Damit ließ er sie hinausschlüpfen und schlug die Thür dröhnend hinter ihnen zu.

*

Als sie ins Freie kamen, umfing sie nach dem schwülen Blumen- und Moderduft der Gräberstätte die reine Luft der Juninacht so erfrischend, daß die armen Gespenstlein tief aufathmeten. Ein schwacher Mondglanz lag über der Gegend, der die fernen Zinnen des Grafenschlosses und die Giebel der Bauernhäuser ein wenig verschleierte. Eben wollten sie ihren Weg die breite Dorfstraße entlang antreten, da sahen sie auf einem Baumstumpf zur Seite ein seltsames Figürchen hocken, ein junges Weib, das nur mit einem dünnen, grauen Florschleier bekleidet war, durch dessen Risse und Löcher ihr weißer Leib hervorschimmerte. Sie war damit beschäftigt, ihr langes schwarzes Haar zu flechten, das ihr über die Schultern floß und über das Gesicht herabhing, aber zwischen den Strähnen blitzten zwei grünliche Augen die beiden armen Seelen mit lauernder Tücke an, und sie lachte, daß all ihre Zähne zu sehen waren, als sie ihnen zurief: Guten Abend, ihr armen Kinder! Seid ihr auch durstig geworden in euren staubigen Betten und wollt einen frischen Trunk thun? Kommt mit! Ich weiß, wo frisches rothes Blut zu haben ist.

O Gott, flüsterte die Gräfin, sich dichter an ihre Gefährtin schmiegend, Die da ist ein schreckliches Wesen, ein Vampyr, der Nachts lebendige Menschen überschleicht und ihnen das Blut aussaugt. Laß uns geschwinde vorbeihuschen!

Die Fremde lachte nur unbändiger. Du magst mich nennen, wie du willst, rief sie, ich thue, wozu ich Lust habe, und bin klüger als ihr Beide. Ich will zu meinem Mann, von dem ich so früh weggestorben bin; nun soll er keine Zeit haben, sich darüber zu trösten, sondern mit mir hinunter in meine kühle, dunkle Kammer. Sieben Nächte hab' ich ihn schon besucht und mich immer an ihm satt getrunken, daß er schon ganz bleich und schwach geworden ist. Wenn ich noch einmal sieben Nächte bei ihm war, ist's um ihn geschehen, dann trennt uns Nichts mehr. Der alte Wächter am Thor drinnen läßt mich darum auch jede Nacht hinaus, weil ich ihm eine Mühe spare. Ihr aber, wozu seid ihr denn aufgestanden?

Ich will nach meinem Kinde sehen, bei dem ich mein Herz zurückgelassen habe, erwiderte die junge Gräfin.

Und ich nach meinem Hans! sagte Trude.

Hahaha! gellte das Hohngelächter der Wilden. Als ob man droben noch der Todten gedächte, so lang' ein Mensch noch einen Tropfen warmes Blut im Leibe hat! Aussaugen müßt ihr's ihnen, wenn ihr sie nicht freigeben wollt, nur den Meinen, den gönn' ich Keiner. Ueberhaupt ist Blut ein Labsal für so arme Seelen, wie wir sind; seht nur, wie frisch und rund mein junger Leib noch geblieben ist, während eure Glieder so schattenhaft in euren Hemden schlottern. Wenn ihr klug seid und doch euer Liebstes am Leben lassen wollt – ich kann euch schmucke Männer anzeigen, an denen ihr euch erfrischen könntet. Ihr wollt nicht? Nun, Jeder nach seinem Geschmack. Ade, und ich wünsch' euch viel Vergnügen. Hahaha!

Damit erhob sie sich rasch von ihrem Sitz, und ein Paar kleine Schwingen, die wie spitze Schwalbenflügel aussahen, entfalteten sich ihr plötzlich am Rücken und trugen sie windsschnell die helle Dorfstraße entlang.

Mir graus't's! hauchte die Gräfin. Komm, wir wollen ihr nicht nach, auch macht da die Straße einen weiten Bogen um den Erlensumpf; wenn wir den überschreiten, kommen wir geradeaus nach dem Dorf.

Ueber den Sumpf? erwiderte das gespenstige Jüngferchen. Da ist's gefährlich zu gehen, weil man einsinken kann, und dann – es spukt ja im Erlenmoor!

Närrchen! Was kümmert uns das? Wir schweben leicht darüber hin und brauchen uns auch vor keinem Spuk zu fürchten, da wir jetzt selbst Geister sind. Also halt meinen Arm fest, in zehn Minuten sind wir geborgen.

Sie waren aber kaum zehn Schritt weit in das moosige, mit Haidekraut überwucherte Gebiet eingedrungen, als ihnen zwei unheimliche feurige Gestalten entgegenflogen, zwei wegelagernde Irrwische, die das Sumpfland bei Nacht durchstrichen, unbedachte späte Wanderer ins Verderben zu locken. Als sie die beiden Gespenster erkannten, flackerten sie lustig auf und verneigten sich unter wirbelnden Geberden vor ihnen, wobei die langen, rothen Frackschöße im Winde wehten und die spitzen, feurigen Haarschöpfe aufloderten wie züngelnde Flammen. Sie erboten sich, die Damen sicher nach dem Dorf zu geleiten, der Größere blieb der Gräfin zur Seite, der Kleinere hielt sich zu dem Jüngferchen, dem er zuweilen mit täppischer Zärtlichkeit auf die Schulter klopfte. Den beiden in die Mitte Genommenen war die Sache nicht ganz geheuer. Nur die Gräfin hatte den Muth zu fragen, ob sie am Ende gar am Hexenbühel vorbeikämen, aus dem es in der Johannis- und Walpurgisnacht so unheimlich zugehen solle.

Wir kommen gleich dahin, erwiderte der Irrwisch. Siehst du nicht schon dort zur Linken die Lichter durch die Büsche glänzen?

Richtig hatten sie den verrufenen Hügel schon in der nächsten Minute erreicht. Er stieg in sanftem Abhang aus dem flachen Haideland auf und breitete sich oben zu einer runden Kuppe, aus deren ebenem Grund ein zartes, hellgrünes Gras wucherte, mit bunten Feldblumen durchwirkt. Ringsum aber war eine lebendige Mauer von dichtem Buschwerk aufgewachsen, aus der einzelne Erlen und Ebereschenbäumchen aufragten, die im lustigen Winde ihre schlanken Wipfel wiegten.

Die seltsame Lieblichkeit dieser schönumfriedeten Stätte mitten im unwirthlichen Moorgrund mochte schon seit Urzeiten allerlei elfisches Gelichter angelockt haben, hier seine nächtlichen Feste zu feiern, zumal in geweihten Nächten, und hin und wieder hatte ein verirrter Wanderer sie belauschen können und Wunderdinge davon berichtet. Die beiden armen Seelen aber mit ihren flackernden Begleitern kamen gerade, da der Tanz der kleinen Elementargeister am wildesten war, und so sehr sie Eile hatten, ins Dorf zu gelangen, blieben sie doch wie bezaubert von dem wundersamen Schauspiel hinter einer Weißdornhecke stehen und schauten dem Reigen zu, der, von hundert bunten Elfengestalten getanzt, um die Königin herumwirbelte. Diese ruhte auf einem erhöhten, mit Rosen ausgepolsterten Sitz in der Mitte des Kreises, schien aber von dem entzückenden Schauspiel ermüdet und horchte zerstreut der Musik, die aus den Büschen erklang, wo ein Nachtigallenpaar ein Duett flötete, während weit umher die Grillen dazu geigten und unten im Moor die Glockenfrösche den Baß spielten.

Auf einmal schien die Feeenfürstin der fremden Zuschauer gewahr worden zu sein. Sie winkte einer der größeren Elfen, die neben ihr standen, und sagte ihr ein Wort, worauf das zierliche Wesen sich den beiden armen Seelen näherte und höflich die Einladung an sie richtete, am Tanze Theil zu nehmen. Die Gräfin entschuldigte sich und Trude, ihr Trauerjahr sei noch nicht zu Ende, sie dürften daher keinen Ball besuchen, dankte aber verbindlich für die ihnen zugedachte Ehre und war heimlich froh, eine so triftige Entschuldigung gehabt zu haben. Denn jetzt wurde der Reigen wilder und wilder, die kleinen Tänzerinnen erhitzten sich so sehr, daß sie zuletzt ihre lustigen Gewändlein abwarfen und nun die allerliebsten nackten Gliederchen, vom Mondlicht vergoldet, in rasender Verzückung herumschwangen.

Die Lustbarkeit sollte aber ein Ende mit Schrecken nehmen. Aus dem dichtesten Dunkel des Buschwerks brach plötzlich ein Schwarm kleiner schwarzbehaarter Waldteufel, mit Bocksbeinen und Hörnchen über der niederen Stirn, hervor, jeder haschte die ihm zunächst vorbeiflatternde Elfe und bedeckte das zarte, vom Schreck verzerrte Gesichtchen mit derben Küssen. Geschrei, Angstgestöhn, grenzenlose Verwirrung, der endlich die Fürstin ein Ziel setzte, indem sie ihren Rosenzweig gegen die wilde Horde schwang. Sofort ließ Jeder seine schlanke Beute fahren und starrte die zürnende Herrscherin eingeschüchtert an. Diesen Moment benutzten die befreiten Tänzerinnen, schlüpften wieder in ihre Schleiergewande, und im nächsten Augenblick schwirrte das ganze Elfenheer wie ein aufgescheuchter Schwarm bunter Vögel hoch in die hellen Lüste davon, während sein Spottgelächter mit silbernem Klang aus der Höhe schallte. Die Waldteufel aber verzogen sich, ohne einen Laut von sich zu geben, und der Hexenbühel lag wieder stumm und einsam da, nur daß die Nachtigallen fort und fort ihren Zwiegesang ertönen ließen.

*

Es war ganz hübsch, sagte die junge Gräfin, als ihr rother Galan sie fragte, wie ihr das Fest gefallen habe. Nur zuletzt betrugen sich die Tänzerinnen allzu indecent, und ich war froh, daß es nicht weiter ging. Aber nun laßt uns eilig unsern Weg fortsetzen. Wir haben uns hier schon zu lange versäumt.

So schwebten sie wieder in hastigem Lauf über die Haide dem Dorfe zu. Die beiden Irrwische rückten ihnen immer näher, sie betrugen sich überhaupt so zudringlich, daß einmal Trude einen leisen Schrei ausstieß, da ihr Begleiter sie zu küssen gewagt hatte. Nun aber war die Dorfstraße wieder erreicht, und die feurigen Herren, die ihren Moorgrund nicht verlassen durften, mußten zurückbleiben. Die Damen würden sie aber wieder vorfinden, wenn sie zurückkämen, versicherten sie. Ihr Leben sei so einförmig, daß sie glücklich wären, könnten sie Nacht für Nacht eine so liebenswürdige Gesellschaft haben.

Hierauf antwortete die junge Gräfin gar nicht, die ihren Begleiter überhaupt sehr von oben herab behandelt hatte. Alle ihre Gedanken waren einzig bei ihrem Kinde, wie sie es finden und ob es sie noch wiedererkennen würde. Als sie dann mit ihrer Begleiterin die ersten Häuser des Dorfes erreicht hatte, hielt sie einen Augenblick an. Hier erhob sich neben der Straße ein schlichtes Holzkreuz, von dem herab der Gekreuzigte einen mitleidigen Blick nach den armen Seelen warf, die sich ins Leben zurückwagten. Von dem fernen Dorfplatz unter der Linde klang eine mißtönende Musik von Fiedeln und Pfeifen herüber, in die von Zeit zu Zeit der Juhschrei der Burschen und Dirnen hineingellte, die dort die Johannisnacht feierten. Ob mein Toni auch dabei ist? flüsterte das Dorfkind. – Wir wollen uns hier wieder zusammenfinden, sagte die Gräfin. Du gehst nun rechts; ich links. Wir machen dann den Rückweg zusammen.

So trennten sie sich. Trude schwebte die Dorfstraße entlang, die Gräfin den Burgberg hinaus. Sie wurde mit geschlossenen Füßen vom leisen Zuge der Nachtluft getragen; wie ein Rauchwölkchen im Winde dahinzieht. Dabei sah sie weder rechts noch links durch die Stämme der alten Ulmenallee in die Landschaft hinaus, die schlafend im Mondschein sich ausbreitete. Immer rascher flog sie hinan, bis sie endlich oben vor dem alten Schlosse hielt, tief aufathmend. Sie nahm sich aber auch hier nicht die Zeit, all die wohlbekannten Plätze, das hohe, wappengekrönte Portal, die breite Freitreppe und weiter unten den Garten mit seinen vom Mond versilberten Springbrunnen zu betrachten. Unaufhaltsam strich sie um den Eckthurm herum nach der Hinterseite des Schlosses, zu den Fenstern des Kinderzimmers, die auf eine Terrasse und die Bäume des Parks hinausgingen. Eines davon war nur angelehnt. Sie spähte in den hohen, lustigen Raum hinein, der durch ein Nachtlämpchen dämmernd erhellt war. Da stand das Bett ihres Knaben neben dem seiner Wärterin, einer treuen alten Dienerin ihres Hauses, die schon bei Lebzeiten der Mutter das Kind gepflegt hatte; damals ließ sich das verwöhnte Herrlein nur widerstrebend vom Schooß der Mutter wegnehmen und von der alten Margret zu Bette bringen. Heut' war es ihr allein überlassen.

Im nächsten Augenblick war die junge Gräfin über den niederen Sims durchs Fenster geglitten und huschte unhörbar an das Bett des Kindes. Jetzt erst sah sie, daß der große Hund, sein steter Begleiter, neben dem Bettchen lag; doch ehe sie noch das Gesicht des schlafenden Kindes deutlicher hatte sehen können, richtete sich der riesige Wächter auf den Vordertatzen auf, mit gesträubtem Fell, die Augen ins Weite gerichtet, und stieß ein dumpfes, feindseliges Knurren aus dem weitgeöffneten Maul. Als sich dann aber das arme Gespenst zum Kissen ihres Knaben hinabneigte, ihm einen Kuß auf die Wange zu hauchen, fuhr auch das Kind mit einem ängstlichen Wimmern aus dem Schlaf in die Höhe, der Hund heulte wie rasend, die Wärterin ermunterte sich und stand auf, das Kind, das nach ihr schrie, in ihre Arme zu nehmen. Sie trug es, während es beständig weinte und der Hund von Zeit zu Zeit ein kurzes Gebell von sich gab, mit leisem Singsang im Zimmer auf und ab, gab ihm die zärtlichsten Namen und erzählte ihm, der Papa, der in der Stadt sei, werde bald wiederkommen und seinem Herzblatt ein schönes Pferdchen mitbringen und andere herrliche Sachen, wenn es jetzt brav sei und wieder einschlafe. Das Kind aber schauerte in sich zusammen, so oft die Mutter sich ihm näherte, und klammerte sich wie in Todesangst an die Wärterin, die auch den Hund umsonst zu beschwichtigen suchte.

Nur eine kleine Weile ertrug die arme abgeschiedene Seele den Schmerz, sich so unhold empfangen zu sehen. Dann huschte sie mit einem tiefen Seufzer nach dem kleinen Bett, zog unter dem Kopfkissen ihres Knaben, der ihr für immer verloren war, etwas hervor, das sie unter ihrem Hemde verbarg, und schwebte dann durch das Fenster wieder hinaus. Sobald sie draußen war, ward es still im Zimmer; das Kind, sorgsam zugedeckt, schlief schon wieder nach wenig Athemzügen, und der Hund legte den schweren Kopf zwischen die Tatzen, wie ein treuer Wächter, der seine Pflicht gethan.

*

Als die unglückliche junge Mutterseele das Holzkreuz unten am Weg wieder erreichte, fand sie ihre Leidensgefährtin schon auf dem Holzbänkchen sitzend, den Kopf auf die Brust gesenkt, die eine Hand auf die linke Brust gedrückt, an der sie gleichfalls unter ihrem Sterbehemd etwas verborgen hatte.

Sie stand auf, da die Gräfin zu ihr trat. Ich hätt' es denken können! sagte sie mit einem wilden Ausdruck in dem erloschenen Gesicht. Er ist mit der Ursel durchs Feuer gesprungen und tanzt jetzt mit ihr unter der Linde. Ich hab's nicht lange mit ansehen können und bin nur noch in die Scheune, mein Herz zu holen. Es hätt' auch dort bleiben können, bis es die Hunde gefressen hätten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nur daß es gerade die Ursel ist –!

Sie war so in ihr Herzeleid vertieft, daß ihr nicht einfiel, zu fragen, wie die Gräfin es gefunden habe. Die aber sprach kein Wort, sondern schlug so hastig den Weg nach dem Erlenmoor ein, daß die Andere kaum folgen konnte.

Am Rande des Moors trafen sie richtig wieder die beiden langen rothen Gesellen, die sich dienstfertig ihnen wieder anschlossen. Aber auf all ihr Geschwätz erhielten sie keine Antwort. Und da sie etwa in die Mitte des Sumpflandes gekommen waren, wo zu den Seiten des schmalen Steges trübe Lachen blinkten, hielt die Gräfin an und fragte, ob es da besonders tief sei. – Es sei eine bodenlose Stelle, wurde geantwortet. Wer da hineinsänke, käme nie wieder zum Vorschein. – Meine Last wird mir immer schwerer, seufzte die Gräfin. Was soll ich sie auch mit ins Grab nehmen? Wenn dir auch so zu Muth ist, Trude, so versenken wir hier unsere armen Herzen, daß wir für ewige Zeiten Ruhe vor ihnen haben. – Die Andere nickte nur und trat mit an den Rand der schwarzen Lache. Dann ließen Beide, was sie unter ihren Hüllen getragen hatten, in die Tiefe gleiten, die sich mit einem dumpfen Laut über den schweren Herzen schloß.

Wenige Minuten später hatten die Nachtschwärmerinnen das Thor des Friedhofs wieder erreicht. Auch die Blutsaugerin stellte sich pünktlich ein. Sie sah sehr munter aus. Nun, ihr armen Durstigen, rief sie ihnen entgegen, habt ihr euch wenigstens satt gesehen? Ich merk' es euch aber an, ihr seid nicht auf eure Rechnung gekommen. Schlagt euch die dummen Herzen aus dem Sinn, man lebt auch im Tode nur lustig ohne Herz, und morgen Nacht, wenn ihr meinem Rathe folgt –

Da rasselte das Thor auf, und der greise Wächter spähte hinaus, ob die drei Gespenster sich noch nicht wieder zurückgefunden hätten, denn es fehlte nur noch eine Minute an Eins, und er wollte endlich seine Ruhe haben. So huschten sie an ihm vorbei, jedes nach seinem Hügel. Gute Nacht, Trude, sagte die Gräfin. Nun stehe ich nicht wieder auf vor dem jüngsten Tage. – Und ich werde so fest schlafen, als ob ich vierundzwanzig Stunden in einem Strich gemäht hätte. Mir ist jetzt ganz leicht. Gnädige Gräfin haben einen guten Einfall gehabt, die Herzen zu versenken. Wir hätten sie überhaupt nicht droben zurücklassen sollen.

Da schlug es Eins vom Friedhofskirchlein, Beide schlüpften im Nu unter den Rasen, und der grüne Todtengarten lag wieder so still und friedlich im Mondschein, als wäre niemals das Seufzen und Jammern armer Menschenkinder in seinem blühenden Bezirk zu hören gewesen.

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