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Karl Gutzkow: Nero - Kapitel 1
Quellenangabe
typetragedy
booktitleNero
authorKarl Gutzkow
firstpub1835
year1835
publisherJ. G. Cotta
addressStuttgart und Tübingen
titleNero
pages1-197
created20070418
sendergerd.bouillon
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Nero.

Tragödie

von

Karl Gutzkow.


                       

Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das dir gleich sey,
Zu leiden und zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Göthe.

Stuttgart und Tübingen.
Im Verlage der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
1835.


Prolog.

Locusta. Ihr Menschen dort, rings auf den Marmorsitzen,
Bergt Euer Angesicht, und preßt zurück
Den Athemzug in unbelauschte Ritzen,
Den Mantel ziehet über das Genick,
Des Auges Pfeile lasset matter blitzen,
Und öffnet, da in diesem Augenblick
Die Hölle qualmt, zu meinem Schreckensworte
Bedächtig halb nur Eures Ohres Pforte!

Locusta bin ich, die Giftmischerin,
Die alte Ahnfrau römischer Cäsare,
Dem Tod zum vorgezeitigten Gewinn
Vermittle ich die Wiege und die Bahre.
Verwesung wehet über Alles hin,
Wohin ich nur mit meinem Athem fahre:
Und nah' ich mich, gleich ist am Himmelsthor
Der Stern umreift mit einem Nebelflor.

Des Tags wohn' ich im afrikan'schen Sande,
Bis man des Nachts nach Rom mich rufen läßt,
Noch schwillt im gelben flatternden Gewande
Der blasse Hauch der afrikan'schen Pest:
So eben brachte mich von Libyens Strande
Zum heute angesagten Todtenfest
Ein gift'ges Schlangenpaar, das nun, ich glaube,
Dort raschelt in des Parkes schatt'gem Laube.

Herauf, herauf, ihr schwerversöhnten Schatten!
Ihr Töchter, die ich liebte, Julia!
Untreue Gattinnen untreuer Gatten,
Du Messalina, und Du, Livia.
Hebt Euern Fuß, den schlotterndmatten,
Es ist die greise Ahnenmutter da!
Herauf, verlaßt des Orkus finstre Säle,
Daß ich durch Euch mich für den Jüngsten stähle!

Zersprungen ist der Hölle Schloß und Riegel,
Es nahet sich die dichte Larvenschaar,
Es sprützen aus dem infernal'schen Tiegel
Blutrothe Funken, wie Kometenhaar;
Ich seh' Euch; aber löst des Mundes Siegel
Und streckt mir drohend nicht die Hände dar!
Wollt' Einer unter Euch viel Jahre zählen,
Konnt' ich doch mehr, als sie dem Andern stehlen?

O zürne, bleich Gespenst, Germanikus,
Nicht allzusehr dem Mund, dem willenlosen,
Der früh' auf Dich gedrückt den Todeskuß!
Und Du, dem ich zum Knabenspiel statt Rosen
Nicht minder früh, mein Kind Brittanikns,
Gegeben einen Kranz von Todesmoosen,
Der du entmannt schon starbst, und noch nicht Mann,
Nimm ohne Graun den Gruß der Mutter an!

An meines Jüngsten Schwelle steh' ich jezt,
An Nero's Schwelle, der den Göttern treulich
Sich angetraut hat, ob er gleich verlezt
Der ewigen Natur Gesetze neulich:
Denn hat nicht Agrippina so benezt
Mit Blut die Erde und gerast so gräulich,
Daß selbst Erinnys jene Fackel senkt,
Mit der sie einst Oresten hat bedrängt?

Die Fahne weht, die schwarze Todesfahne,
Vom Winde flatternd nun einmal gefaßt;
Wer ist noch Held? O sey nur Partisane
Von dem, was einmal stürzt mit Hast;
Die alte Schuld sucht. wo sie Weg sich bahne:
Einmal begonnen, los und ohne Rast
Rollt sich die Kette um; – der Sieg ist dessen,
Der Unerhörtem Größres zugemessen.

Du aber, wirrer Kranz, den das Entsetzen
Um anzuschauen hier zusammenflicht,
Woll'n etwa deine Blicke sich ergetzen
An bunten Scenen, welche im Gedicht
Dir Blumen vor die trunknen Augen setzen:
So halte dich zurück und traue nicht,
Denn leicht wohl möchte sich der Schlange Zischen
In Philomelens süße Strophen mischen!

Wenn Ihr die Freundschaft und die Jugend seht
Den treuen Arm sich um die Hüften winden,
Wenn wo die Schwester nach dem Bruder späht,
Und wenn ein Sohn vor'm Vater, vor dem blinden,
Im Spiel mit seinen Greisenlocken steht:
So eilet schnell, den Ausgang hier zu finden;
Denn eben war es häuslicher Verrath,
Der schleichend in das Herz des Kindes trat!

O fluchbeladne Zeit! wo wie ein Dieb,
Ganz leise hämmernd, zu gesunden Theilen,
Durch alle Muskeln, durch der Adern Sieb,
Wo irgend unversehrte Keime weilen,
Unheilbar schleicht des Gift's Ansteckungstrieb!
Wer hier noch leben will, muß sich beeilen;
Denn rings sind falsche Netze ausgestellt;
Die große That kömmt mit dem Sarg zur Welt.

So rolle denn der Vorhang auf, und zeige
Euch eine Welt, die Manchem wohl verhüllt,
Ob eine Haut auch auf die Andre zeige
Wie einstmals an des Telamoniers Schild!
Des Alterthumes abgestandne Neige,
Die große Roma ist's, womit erfüllt
Ein Becher sich Euch beut, dem Phantasien
Und mancherlei Erfindung Würze liehen.

Erwache Mondenschein, des Tages Lüge!
Ihr schlummernden Geheimnisse, erwacht!
Es nahen sich die langen Geisterzüge,
Die, ob sie gleich aus Fleisch und Blut gemacht,
Doch schon am Leben nicht mehr haben Gnüge,
Und halb schon ragen in des Orkus Nacht:
Was Wirklichkeit, was Traum hier im Gedichte,
Malt sich zu einem Traum der Weltgeschichte.

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