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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Viertes Kapitel.

Mit großer Hast drängte sich Acte durch das Getümmel und erreichte das Freie, ohne daß Nicodemus ihr Enteilen bemerkt hätte.

Es war ihr ein unerklärliches, aber zwingendes Herzensbedürfnis, mit den Eindrücken dieser bedeutsamen Stunde allein zu sein.

Wenn sie sich vorstellte, wie ihr Gebieter sie ausforschen, wie er jegliches Wort, das der Kaiser zu ihr gesprochen hatte, zweifach und dreifach beleuchten würde, so verspürte sie eine unsägliche Angst. Es war ihr, als solle sie einer ungeweihten, fühllosen Hand die Durchmusterung ihrer kostbarsten Schätze gönnen. Eh' dies geschah, wollte sie wenigstens eine Weile noch glücklich sein im Alleinbesitz; sie wollte, was sie erlebt hatte, ungestört auskosten, und sich hinlänglich sammeln.

Fast eine halbe Stunde lang schritt sie so durch die entlegneren Teile des Marsfeldes, ab und zu die zaghaften Blicke auf das Kleinod gerichtet, das sie am Finger trug. Sie meinte zu träumen. Ein Ring mit dem Insiegel des römischen Imperators, von dem Allgewaltigen selber gespendet, an ihrer Hand! Klang das nicht wie ein Märchen aus der pelasgischen Urzeit? Damals stiegen die Uranionen, vom Lichte des Aethers umflossen, zu den Töchtern der Menschen herab und legten den Hirtenmädchen des Oeta die himmlischen Donnerkeile zu Füßen. Aber hier, in dem wirklichen, wahrhaftigen Rom, das von dem gar nicht märchenhaften Schwerter- und Lanzengeklirre der Prätorianer erdröhnte, hier am Tibergestade, wo alles so neu, so frisch, so lebendig ins Dasein blickte – es war unfaßlich!

Ihr Blick schweifte hinüber nach der gewaltigen Zweimillionenstadt . . . Ein rötlicher Dunst lagerte, trotz des klaren Oktobertages, breit über dem südlichen Horizont. Fernab ragten die sonnbestrahlten Tempel des Kapitols, rechts davon das hochgetürmte Palatium, der Herrschersitz des blühenden Jünglings, der über dies ganze unabsehbare Häusermeer, über Italien, über den Erdkreis das Scepter hielt, und doch mit ihr, der Niedriggeborenen, so warm, so liebevoll, so ganz über alle Beschreibung traulich gesprochen hatte . . .

Sie seufzte.

»Wär' er doch einer von den elenden Sklaven, die dort mühsam die Steine zum Ausbau der Halle schleppen!« dachte sie traurig. »Alles, was ich besitze, wollte ich geben, ihn loszukaufen, – jahrelang wollte ich schaffen und arbeiten, damit ich's zusammenbrächte, was etwa fehlte, – und dann . . .«

Sie schloß die Augen.

Da plötzlich hörte sie eine Stimme, die sanft ihren Namen rief.

Emporschauend, gewahrte sie einen etwa vierzigjährigen Mann in vornehmer Tracht. Die blitzenden grauen Augen mühten sich offenbar, liebenswürdig und verbindlich zu scheinen.

»Acte,« sprach er, »du wandelst allein, wie die trauernde Demeter. Darf dir ein neugewonnener Freund seine Begleitung anbieten?«

»Herr, ich kenne dich nicht.«

»Diesem Uebelstande ist mit Leichtigkeit abzuhelfen. Mein Name wird dir, so denk' ich mir, weniger fremd sein, als meine Züge. Ich bin Pallas, der Vertraute der Kaiserin.«

»Pallas!« rief sie erschreckt, als habe sie kein gutes Gewissen. »Der Name ist allerdings gekannt und – gefürchtet.«

»Nur derjenige hat mich zu fürchten, der meiner Gebieterin die schuldige Ehrerbietung versagt, ihr weisheitsvolles Wirken mißachtet, ihre glorreichen Pläne zu kreuzen strebt, oder sich sonst wider die göttliche Majestät versündigt. Durch die Gunst Agrippinas bin ich das, was ich bin: Dankbarkeit aber und Treue sind die vornehmsten Tugenden.«

Acte sah, wie in tiefe Gedanken versunken, auf das Kleinod des Imperators. Dann plötzlich das duftige Blondhaar aus ihrer Stirne streichend, fragte sie beinahe keck: »Woher kennst du mich, und was willst du von mir?«

»Ich sah dich neulich, als der Cäsar den Freigelassenen des Flavius Scevinus begnadigte. Ich befand mich an der Spitze der kaiserlichen Gefolgschaft.«

»So? Ich bemerkte dich nicht.«

»Wenig schmeichelhaft. Aber du warst so völlig in Anspruch genommen, daß ich geneigt bin, diese Vernachlässigung zu entschuldigen. Vielleicht reizte mich gerade dein blumenhaftes Versenktsein in die Forderungen des Augenblicks. Du schienst mir wie ein lieblicher Ruhepunkt inmitten der ewig hastenden Weltstadt. Mit einem Wort: du entzücktest mich . . .«

»Weshalb sagtest du mir das?«

»Seltsame Frage! Weshalb sagt man der Amphora, daß man dürstet? Ich liebe dich, Acte, und flehe zu allen Göttern, sie möchten dein Herz mir geneigt stimmen.«

»Da wirst du umsonst stehen,« fuhr das Mädchen heraus. »Ich kann nicht lieben. Ich habe nicht Sinn noch Seele für solche Thorheit.«

»Nennst du Thorheit, was die wonnigste, ja, die einzige Blüte des Lebens ist? Acte, Acte, was sprichst du da? Du nicht lieben . . .? Du mit deinen sehnsüchtig verschwimmenden Augen, mit deinen süßschwellenden Lippen, die wie ein immerwährender Kuß in die Welt lächeln? Täusche du einen Dümmern!«

»Ich kann nicht lieben,« wiederholte sie traurig. »Und wenn ich's könnte – meinst du, ich würde mich wegwerfen?«

»Wegwerfen? Ist denn die Liebe des Pallas so entehrend und schmachvoll?«

»Für hundert andre gewiß nicht. Glaub' mir, ich kenne die Welt und ihre Gebrechen trotz meiner Jugend! Ich weiß, wie Rom von uns freigelassenen Mädchen zu denken pflegt, wie unser Name fast gleichbedeutend geworden ist mit Unehrbarkeit und Leichtsinn. Viele, sehr viele würden sich glücklich schätzen, ihre Sünden mit dir zu teilen; denn du bist mächtig und reich, und etwas vom Glanze der weltbeherrschenden Hofburg fällt auch auf die Geliebte des Pallas. Ich aber verachte solche Erhebung, die in Wahrheit doch nur Erniedrigung ist. Ich verachte sie: einmal weil mir der Abscheu vor solcher Verirrung unüberwindlich im Blute liegt; dann aber, weil Jesus Christus von Nazareth, dem ich von Herzen anhange, die Tugend lehrt und die Reinheit im Sinn und im Wandel.«

Pallas schwieg eine Weile. Dann versetzte er zögernd: »Du sagst mir nichts Neues, Acte. Gleich von Anbeginn war zu vermuten, das junge Mädchen, das für den Nazarener um Gnade flehte, sei Nazarenerin. Dann aber erfuhr ich's von Nicodemus. Ich hatte bemerkt, daß ihr beide in Beziehungen steht; ihn kannte ich, da ich ihn mehrmals bei Seneca traf . . . Wisse also, daß deine hochgemute Erwiderung mich keineswegs überrascht. Dennoch war sie verfehlt.«

»Wieso?«

»Weil du zurückweisest, ohne geprüft zu haben. Acte! Ich sehe dich jetzt zum drittenmal. Vorgestern im Hause des Nicodemus hatte ich vollauf Gelegenheit, dich zu beobachten . . . Ich stand, ohne daß du es ahntest, mit dem graulockigen Sonderling im Tablinum. Wie ein junges Reh huschtest du über die Fliesen; du sprachst mit den Sklaven, und jedem gönntest du ein freundliches Wort; du besprengtest die Spätrosen am Rand des Impluviums; du streutest den Tauben Körner und Brosamen; du gossest sogar von dem Lichte, das dich umfließt, einen Strahl in die Seele des alten Hundes, der halbgelähmt vor dem Bassin lag, und schweifwedelnd zu dir aufschaute. Nun war's beschlossen: bei nächster Gelegenheit wollt' ich dir sagen, wie sehr ich das Tier beneide, das deine beglückende Nähe genießt; ich wollte dir sagen . . . Aber was hast du?«

»Nichts, nichts!« stammelte Acte. »Ein dummer Gedanke . . . eine Erinnerung . . .«

Sie hatte die Hand wie eine Taumelnde vor die Augen gepreßt. Jetzt, da sie merkte, daß Pallas ihr von echter und wahrhaftiger Liebe sprach, stellte sich ihrer Phantasie plötzlich ein Bild, so greifbar, so deutlich, daß sie laut hätte aufschreien mögen: das Bild des Cäsars, wie er zum erstenmal sagte, daß er sie reizend finde. Und mit diesem Bilde kam ein beklemmender Krampf, ein süßbetäubender Schmerz, der sie beinah zu Boden geworfen hätte.

Als sie sich wieder gefaßt hatte, fuhr Pallas mit wachsender Inbrunst fort: »Ich will nicht hoffen, daß meine Worte es waren, die dich erschreckt haben. Bin ich zu stürmisch gewesen? Aber in meinem Alter hat man nicht Zeit, wochen- und monatelang zu werben. Gerade heraus: Pallas der Vertraute der Kaiserin, der Furchtbare, wie du ihn selber genannt hast, – er begehrt dich zum Weibe. Hörst du, Acte? Zur gesetzlichen Ehefrau, nicht zur Geliebten! Was gibst du zur Antwort?«

»Daß ich ihm danke,« flüsterte Acte, zur Erde schauend, »und daß ich ihn bitte, mir zu verzeihen, wenn ich trotz alledem Nein sage.«

»Sprichst du im Fieber?«

»Keineswegs, Herr! Eben weil ich so klar überlege, find' ich den Mut, diese Ehre zurückzuweisen. Ein Mädchen, wie ich, paßt nicht zu dem vornehmen Kavalier . . .«

Er legte ihr kopfschüttelnd die rechte Hand auf die Schulter. Funkelnden Blickes maß er die schlanke Gestalt, die vor Aufregung bebte.

»Muß ich dir sagen, daß du nur allzugut zu mir passest? Muß ich mich demütigen? Weißt du nicht, daß ich selber von unfreier Geburt bin? Antonia, die Mutter des Kaisers Claudius, schenkte mir vor Jahren die Freiheit, – und durch eigene Kraft bin ich geworden, was mir ganz Rom jetzt beneidet: der Vertraute der göttlichen Agrippina.«

»Ja, ich weiß,« versetzte das Mädchen. »Trotzdem – die Kluft ist unübersteiglich. Welch traurige Rolle würde ich spielen in dem glänzenden Kreis des Palatiums! Mir schwindelt, wenn ich nur daran denke.«

»Mit niemand hättest du den Vergleich zu scheuen.«

»Nein, nein, – der Gedanke ist mir entsetzlich. Und dann, Herr: ich sagte dir schon, daß ich nur eine Seele, aber kein Herz besitze. Ich liebe dich nicht, und ohne Liebe dein Weib zu werden, das wäre doch ein Verrat an dir selbst.«

Pallas krauste die Stirn. Auf diese unzweideutige Ablehnung war er denn doch nicht gefaßt gewesen. Seine Eitelkeit blutete.

»Mädchen,« sprach er nach einer Weile, »du gebärdest dich wie von Sinnen. Töchter von Senatoren hab' ich in diesen Armen gehalten – ohne umständliche Zeremonie –, und du weigerst dich, als rechtmäßige Gemahlin mein Leben und meine Stellung zu teilen? Du bist ebenso wahnwitzig mit deinem kindischen Zögern, wie ich mit meinem unerhörten Entschluß dich zu heiraten. Aber ich kann's nicht ändern: ich war wie besessen bei deinem Anblick, und jetzt, da du mir weigerst, was du mit Dankesthränen mir in den Schoß werfen solltest, – jetzt fühle ich um so klarer, daß ich nicht von dir lassen kann. Ueberlege dir's, Acte! Der Vertraute der Kaiserin ist nicht der erste Beliebige, und wer nicht sein Glück frohmutig beim Schopfe ergreift, der jammert nachher vielleicht ein ganzes Dasein hindurch nach dem einen thöricht vergeudeten Augenblick. So: nun gehab dich wohl! Drüben am Reitweg wartet meine Gefolgschaft.«

Er nickte ihr bedeutungsvoll zu. Dann verschwand er zwischen den Myrtenhecken.

Der Tag hatte sich inzwischen geneigt. Die Stunde der Coena war längst vorüber. Die Scharen der Sänften und Fußgänger, die so lebensvoll durch die breiten Alleen gewogt, hatten einer gewissen Oedigkeit Platz gemacht, deren Wirkung durch das glutvolle Rotgold der Abendbeleuchtung erhöht wurde.

Acte gewahrte jetzt, daß sie im Weiterschreiten die älische Brücke erreicht hatte. Unwillkürlich betrat sie den marmorgepflasterten Seitenstieg, wandelte bis zur Mitte, und blieb dann, über den Rand der Brüstung gebeugt, stehen. Hier, von der Höhe des Hauptbogens, stürzten sich alljährlich Hunderte hinab in die Tiefe, – Lebenskranke, denen der Inhalt des Daseins verloren gegangen, Elende, die des unablässigen Ringens mit den Gewalten des Schicksals müde geworden . . . Drunten rauschte und wogte die gelbliche Flut, wie eine unheimlich flüsternde Lockung. Die schaumigen Wirbel drehten sich, bald schwellend, bald nachlassend, mit der Regelmäßigkeit gewaltiger Atemzüge. Welle auf Welle quoll zwischen den quadergetürmten Pfeilern hervor, und Welle auf Welle glitt, allmählich ebbend, ins Weite, bis sie im gleichförmigen Einerlei des breitrollenden Stromes verloren ging.

»Wie wohl das thut!« flüsterte Acte, die Stirn auf die Handfläche stützend. »Das kommt und schwindet, – und so stürmisch es toben mag, es glättet sich dennoch, und beruhigt fließt es dem Meere zu.«

Nun starrte sie lange nachdenklich auf die eine Stelle am Mauerwerk, wo die Strudel am höchsten emporschäumten, bis ihr zu Mute ward, als ob die Brücke mit ihr und allem, was sich darauf befand, glatt und geräuschlos nach rückwärts dahinschwimme. Es war ein unbeschreiblich süßes Gefühl, eine Schlaffheit, die ihrer Seele nach so vielen Erregungen die gleiche Erquickung gewährte, wie ein tiefer Schlummer dem Leibe.

Die Sonne war untergegangen, als Acte sich endlich, ihrer Verpflichtungen eingedenk, auf den Heimweg begab.

Mit hastigen Schritten wandte sie sich in südöstlicher Richtung und erreichte nach vierzig Minuten den Vicus Longus, die ›Lange Straße‹, die den viminalischen Hügel vom qnirinalischen trennte.

An die kaum bemerkliche Böschung des ersteren angelehnt, stand hier das wohlgebaute, stattliche Haus des Lucius Nicodemus, der, in der vierten Generation von Lacedämoniern abstammend, nach Sitte und Lebensgewohnheit durch und durch Römer war.

Acte fürchtete schon, ihr heißblütiger Patronus würde sie ungnädig empfangen, denn sie war über Gebühr ausgeblieben, und Nikodemus, getreu der frommen Strenge der Nazarener, hatte ihr noch jüngsthin gegrollt, da sie mit einer der Dienerinnen um die Stunde des Dämmerns am Ostium gestanden. Auch die Ungeduld konnte ihn peinlich erregt haben.

Nicodemus jedoch, weit entfernt, ihr ein tadelndes Wort zu sagen, strahlte bei ihrem Anblick. Er hatte im Atrium auf sie gewartet. Dicht am Thürweg nahm er sie in Empfang und führte sie am Tablinum vorüber ins Peristyl. Aus dem Speisezimmer glänzten die Lampen. Die Familie hatte vor zwei Stunden bereits das Mahl genommen: der Hausherr, die Hausfrau, eine Tochter und sieben ehemalige Sklaven und Sklavinnen, die von ihrem Gebieter sämtlich mit der Freiheit beschenkt worden waren; denn die Lehre des Heilandes widersprach der persönlichen Knechtschaft zu schroff, als daß selbst ein Mann von dem starren Charakter des Nicodemus das staatliche Institut der Unfreiheit hätte verteidigen mögen. Zudem waren sämtliche Hausgenossen von ihm selber bekehrt und getauft worden: er konnte also nicht thatsächlich die Ketten bestehen lassen, die er durch die Feierlichkeit dieser Handlung geistig vernichtete.

»Du wirst hungrig sein,« sprach er mit beinahe zärtlicher Fürsorge. »Da kömmt Lesbia mit ihren Schüsseln! Sie hat dir einiges warm gestellt, Acte! Iß, trink' und erzähle dann!«

Acte setzte sich auf die Kante des Speisesofas, wo sonst Nicodemus, halb liegend, sein Mahl genoß.

»Iß, iß!« wiederholte er freundlich. »Du mußt ja halbtot sein. Wahrhaftig, deine Hände sind kalt, wie Eis. Hier – der schöne Vesuvwein . . . ich hab' ihn eigens für dich aus dem Keller geholt . . . der wird dir gut thun, Acte. Du scheinst sehr übermüdet.«

»Das bin ich auch,« sprach sie und führte hastig den ehernen Becher zum Munde. »Verzeih, daß ich nicht gleich von dem Zelt des Aegypters aus mit dir heimkehrte . . .«

»Im Gegenteil,« schmunzelte Nicodemus. »Ich danke dir, daß du das heilige Werk, dem du obliegst, gar so eifrig und ernst nimmst. Ich habe gesehen, wie der Cäsar dir gegenüber stand. Wenn du klug bist, hat Nicodemus und mit ihm der göttliche Galiläer gesiegt, ehe zum zweitenmal sich der Mond füllt.«

Acte, sich nur noch mühsam beherrschend, schüttelte traurig den Kopf.

»Nein, Herr!« sagte sie dumpf. »Zürne mir nicht – um Jesu Christi willen – aber es geht nicht!«

»Was geht nicht?«

»Daß ich . . . daß ich den Kaiser Nero bekehre.«

»Du hast ihn bekehrt, wenn du nur folgegerecht ausnützest, was dir das Schicksal fast in den Schoß geworfen. Er war die Huld und die Güte selber . . .«

»Ebendeshalb. Er hat mir sogar die Hände gedrückt, und mir angetragen, seine herzliebe Schwester zu sein . . .«

»Was?«

»Nun ja, das waren just seine Worte. Und ins Palatium lädt er mich ein, und was ich geredet habe, scheint ihm das klare Echo seiner eigenen Gedanken . . .«

»Aber das ist ja ein wunderbarer Triumph, Acte! Das ist die Eroberung Roms, das Kreuz Jesu Christi aufgepflanzt auf die Zinnen des Kapitols . . .«

»Das ist das Ende unsrer freudigen Hoffnungen,« flüsterte Acte. »Herr, ich muß dir den letzten Zweifel benehmen: ich werde den Kaiser nicht wiedersehen.«

»Bist du toll, Mädchen?«

»Gott sei Dank, nein! Seit lange war's nicht so klar in meiner Seele, wie jetzt. Ich will offen und ehrlich sein, denn ich bin dir zu Dank verpflichtet. Du sollst nicht wähnen, Acte zerstöre aus Eigensinn, was du so klug und so redlich gesponnen hast. Ich . . . ich . . .«

Sie stockte. Eine brennende Schamröte flammte über ihr Antlitz, während Nicodemus bleich und geöffneten Mundes ihr zuhörte.

»Ich fühle,« sagte sie endlich, »daß ich die Rolle, die du mir zugeteilt hast, nicht durchführen kann, ohne mich selbst zu verlieren. Ihr alle behauptet, es wohne mir etwas inne, was mehr überrede, als die begeisterndsten Worte des Presbyters . . . Ich weiß nicht, ob ihr euch hierin täuscht. Das aber weiß ich, daß mich der Cäsar mit andern Blicken betrachtet hat, als irgend wer, den ich dem Christentum zu gewinnen suchte . . .«

»Nun, und was folgt daraus?«

»Einfach, daß er . . . daß er mich lieben würde . . .«

»Um so besser!«

»Nicht um so besser; denn auch ich würde ihn lieben. Ja, ich liebe ihn, Herr!«

»Das ist rasch gegangen!« lachte der hagere Nazarener ingrimmig. »Gleichviel: was soll dies abgeschmackte Bekenntnis? Lieb' ihn, so viel du begehrst, – aber thu' deine Pflicht als Verbreiterin unsres göttlichen Glaubens!«

»Dazu fehlt mir die Kraft.«

»Elende!« fuhr Nicodemus heraus. »Hat nicht Christus gesagt: ›Ihr sollt das Irdische abthun um des Ewigen willen!‹? Befiehlt er uns nicht, unser Fleisch zu kasteien und die Sinne zu meistern, wenn sie uns ablenken wollen vom Pfade des Rechts und der Tugend?«

»Eben das will ich,« gab ihm Acte zurück. »Folgte ich meinem Sehnen, so würde ich in dieser Minute noch aufbrechen . . . Ihm nach – in seine Arme, an seine Brust, die so voll ist von allen Hochgefühlen des Schönen und Edlen, – das wäre der Drang meines sündigen, pflichtvergessenen Wollens. Da ich aber in Schande und Schmach sinken würde, wenn ich dem nachgäbe, so steht mein Entschluß fest. Keine Macht dieser Erde soll mich bewegen, den Mann je wieder zu sehen, dessen Nähe mich so zu vernichten droht.«

»Und wenn er selbst es befiehlt?«

»So sterbe ich lieber, eh' ich ihm Folge leiste. Ueber vieles hat der Cäsar Gewalt; den Tod aber kann er keinem verwehren, der den Mut dazu hat.«

Nicodemus saß eine Weile da, wie gelähmt. Dann streckte er seine krampfhaft zitternden Hände aus und sprach schluchzend: »Acte! Im Namen des Heilands, der für uns alle geblutet hat, thue mir das nicht an! Zerstöre nicht so den größten Gedanken seit Christi Dahinscheiden! Zertrümmere nicht die Zukunft des Nazarenertums, das herrliche, himmlische Werk der Erlösung!«

»Durch Sünde kann die Welt nicht erlöst werden.«

»Acte! Beim Grab deiner Mutter, die im seligen Glauben an Gottes Gnade gestorben ist . . .!«

»Beim Grab meiner Mutter!« rief die Freigelassene bewegt. »Diese Heilige brauchtest du noch zu nennen, um die Festigkeit meines Entschlusses zur Starrheit zu machen!«

»So willst du nicht . . .? Trotz meines Flehens, Acte, trotz meiner Thränen?«

»Nein, und tausendmal nein.«

Die Züge des Nicodemus verzerrten sich. Ein gräßlicher Fluch schien auf seinen Lippen zu schweben, ein wilder, unerhörter Schrei der Verdammnis . . . Die fleischlosen Finger hatten sich geierartig zusammengekrallt; die Brust keuchte; aus den geröteten Augen flammte der Blick eines dämonischen Hasses.

Gleich danach überwand er sich. Noch immer zitternd goß er Wein in die nächste Schale und stürzte den Trunk hinab, wie ein Verlechzender.

»Du willst nicht,« sagte er tonlos. »Aber der Cäsar will – und Nicodemus will, – und da möge sich's denn erweisen, ob stiebende Kieselsteine die Bergwand aufhalten, wenn sie ins Thal donnert. Du kennst mich. Geh jetzt schlafen, du arme Thörin! Mit dem neuen Tage kehrt dir vielleicht die alte Vernunft wieder.«

Er verließ das Triclinium. Seine Schritte verhallten im Säulengang. Man hörte das leise Aechzen der Thürzapfen. Dann alles still.

Halbverstört sah Acte sich allein in dem weindurchdufteten Speisegemach. Die Drohworte ihres Gebieters klangen ihr mit zermalmender Klarheit durch das Gemüt. Ja, sie kannte ihn. Gütig sonst und gerecht, war er zu jeder Gewaltthat fähig, wenn ihm das, was er für zweckmäßig oder notwendig hielt, störend durchkreuzt wurde.

Sie sann und sann. Schwerer immer und schwerer legte sich ihr die Ahnung eines künftigen Unheils über die bangende Brust.

Plötzlich war es, als rufe ihr aus der matt erhellten Tiefe des Speisegemachs eine Stimme die Worte zu: »Fort, fort, sonst bist du verloren!«

Eine sinnlose Angst überkam sie. ›Der Cäsar will‹ . . . ›Nicodemus will‹ . . . Aber sie wollte nicht, so wahr der Sohn Mariä geboten hatte: ›Wandle unsträflich!‹ Sie wollte nicht, – und so mußte sie flüchten . . . Nur so entging sie der feindlichen Uebermacht, dem Kampf mit der eigenen Schwäche, dem Ingrimm des Nicodemus.

Leise, wie eine Verbrecherin, schlich sie in ihr Cubiculum. Sie bebte an allen Gliedmaßen. Rasch, als hinge ihr Heil von jeder versäumten Minute ab, schnürte sie das Notwendigste ein. Die goldene Kette, das letzte Vermächtnis ihrer sterbenden Mutter, schlang sie wie einen Talisman um den Hals. Dann warf sie ein dichteres Obergewand über, löschte die Lampe und eilte dem Posticum zu.

Am folgenden Morgen riefen die Hausbewohner vergeblich ihr ängstliches »Acte!« durchs Peristyl. Man fand ihr Lager noch unberührt. Ein Pergamentstreifen, mit einer Schmucknadel wider die Thüre befestigt, trug die wenigen Worte: ›Lebt alle wohl!‹ Nicht die leiseste Spur aber ließ erraten, wohin sie entschwunden war.

Nicodemus, von Zweifeln und Gewissensbissen gequält, schwieg über die Ereignisse des verflossenen Tages. Die ahnungslose Familie suchte daher auch vergeblich nach einem Beweggrund für diese plötzliche Flucht. Alle beklagten nur den Verlust der lieben Genossin wie ein gemeinsames Unglück. Sie war so hold, so erquickend gewesen in ihrer harmlosen Fröhlichkeit; ihr schimmerndes Blondhaar hatte die Räume des Hauses wie mit himmlischem Glanze durchtränkt; ihre ganze rosenhafte Erscheinung, ihre Stimme, ihr lerchenfröhliches Lied, – alles das würde man jetzt vermissen, wie der Blinde die ewig erloschene Sonnenpracht . . .

Nicodemus sprach seiner Gemahlin, die fast in Thränen zerfloß, Mut ein, murmelte etwas wie ›Mädchenlaune‹, ›Ueberspanntheit‹, ›schon zur Vernunft kommen‹ zwischen die Zähne, und begab sich dann auf die Stadtpräfektur, um das Vorgefallene zur Meldung zu bringen.

Pharax, der Obersoldat, der vor acht Tagen den verurteilten Artemidorus eskortiert hatte, war zufällig in dem Geschäftsraum derjenigen Abteilung thätig, die Nicodemus für seine Zwecke in Anspruch nahm.

Die beiden Männer erkannten sich.

Da Pharax hörte, um was es sich handelte, war er Feuer und Flamme. Er führte den Nicodemus geradeswegs zum Präfekten, kam auf die Huld zu sprechen, die Claudius Nero in eigener Person dem jungen Mädchen erwiesen habe, und betonte mit Nachdruck, daß es den Cäsar ohne Zweifel betrüben würde, wenn der Entflohenen irgend ein Unheil begegne.

Der Stadtpräfekt reichte dem Nicodemus die Hand.

»Meine Kohorten – die in der Waffenrüstung wie die in der Toga – sind leidlich geschult. Wir werden die Kleine schon auftreiben, – verlaß dich darauf! Uebrigens möchte ich meinen Rapphengst verwetten: eh' wir noch ernstlich auf sie gefahndet haben, kehrt sie von selbst zurück!«

Sie kehrte weder von selbst zurück, noch auch glückte es den Kohorten des Stadtpräfekten, sie aufzutreiben.

Vierzehn Tage lang hatte man – zuletzt sogar unter Beteiligung der gewerbsmäßigen Sklavenfänger – nach ihr geforscht. Alles umsonst.

Auch Nero, der, von heimlicher Sehnsucht verzehrt, scheinbar aus gnädiger Wohlgesinntheit gegen den trostlosen Nicodemus einen namhaften Preis auf Actes Entdeckung gesetzt und seine Prätorianer beauftragt hatte, den Stadtkohorten hilfreiche Hand zu leisten, mußte sich schließlich mit dem Gedanken vertraut machen, daß Acte, die Süße, die Holdselige, die ihm das Herz mit so zauberischen Melodien erfüllte, ein für allemal spurlos verschwunden sei.

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