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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vierzehntes Kapitel.

Bei beginnender Dunkelheit steuerte Nero mit Poppäa und einem Teile seiner Gefolgschaft ins Meer hinaus.

Die Fahrt ging glücklich von statten. Am Morgen des dritten Tages ankerte man in Ostia, wo eine lange Kolonne von Reisewagen die Ankömmlinge empfing und binnen wenigen Stunden nach Rom brachte.

Nero, dem nichts zu glänzend und nichts zu groß erschien, war gleichwohl beim Anblick dieser neuerstandenen Riesenstadt innerlich überrascht, sowenig er's an den Tag legte.

Das Gefühl überkam ihn, als seien die Hütten des Romulus nun durch Paläste ersetzt: so sehr übertraf dieses neue Rom das Rom des Augustus, der sich doch auch schon gerühmt hatte, ein Rom aus Ziegeln ererbt und eins aus Marmor hinterlassen zu haben.

Gewisse vornehme Straßen waren in ihrer üppigen Ausstattung mit den prachtvollen Säulengängen zu beiden Seiten nicht wiederzuerkennen. Ja, selbst die Viertel der Armen zeichneten sich im Vergleich mit früher durch eine löbliche Regelmäßigkeit aus, wenn schon die zahlreichen holzgezimmerten Stockwerke den Beweis lieferten, daß auch jetzt die Spekulation habsüchtiger Bauunternehmer wie ehedem sich stärker bethätigt hatte, als im Interesse des Volks und der Sicherheit gegen erneute Brände erwünscht war.

Endlich hielten die Wagen vor dem zauberhaften Vestibulum des neuen Palastes. Hofbeamte und Sklaven, sowie eine Abteilung der Leibwache mit ihren Feldzeichen, harrten hier in festlicher Aufstellung.

Nachdem die feierliche Begrüßung seitens der Höflinge und der Prätorianer vorüber war, stieg Nero mit Poppäa in seine persische Sänfte und ließ sich von Raum zu Raum tragen, um seiner Gemahlin die Einzelheiten zu zeigen, die ihm längst schon aus den Baurissen und den Beschreibungen Phaons geläufig waren. Der Freigelassene machte den Führer.

Der gigantische Bau erstreckte sich weit hinaus über den Esquilinischen Hügel. Der Haupteingang mit den turmhohen korinthischen Säulen lag südwärts. Eine dreifache Kolonnade von viertausend Fuß Länge umgab den eigentlichen Palast. Phaon hatte nicht übertrieben, wenn er behauptete, niemals habe ein fürstliches Heim dieses »Goldene Haus« an Herrlichkeit übertroffen. Ueberall prunkte die tollste Verschwendung, der wahnwitzigste Luxus, leider vielfach zum Nachteil eines wirklich künstlerischen Geschmacks.

Sämtliche Decken waren aus Elfenbein, von kostbarster Kassettierung, mit Edelsteinen durchsetzt; manche so eingerichtet, daß sie durch die Arbeit eines einzigen Sklaven in der Mitte auseinander geschoben werden konnten, um bei günstiger Witterung den blauen Himmel hereinschauen zu lassen.

Das Mobiliar, meist in Alexandria, zum Teil auch in Mediolanum gefertigt, wies in jedem Gemach einen besonderen scharf ausgeprägten Charakter aus. Hier ahmte es die meerumbrandeten Klippen am Strande Capräas, dort den Eindruck blumiger, lichtüberglänzter Wiesengründe und dort die marmorne Hoheit eines pästischen Tempels nach. Als Material hatte man lediglich Edelmetalle, Seide und Purpur, hier und da auch duftige Hölzer vom entlegenen Taprobana oder vom Südgestade Arabiens verwandt.

Die Mosaikböden, nach Zeichnungen und Gemälden der berühmtesten Künstler, stellten welthistorische Scenen, wie die Schlacht bei Arbela und den Tod der dreihundert Fabier, oder üppige Schaustücke und Idyllen aus der Mythologie vor. Hier streckte die liebebrünstige Aphrodite ihre blendenden Arme sehnsuchtsvoll nach dem schönen Adonis aus; dort lag Danae, die Augen halb geschlossen, auf dem schimmernden Ruhebett. Und dies alles war mit so feinen, kunstvoll gereihten Stiften gebildet, daß man das Werk sorgsamster Pinselstriche, nicht die Arbeit musivischer Künstler vor sich zu sehen glaubte.

Ein Gemach befand sich in dem Riesenpalast, das sich vermöge einer sinnreichen Maschinerie um seine Achse bewegte und so die Drehung des Himmelsgewölbes nachahmte, dergestalt, daß von hier aus betrachtet die Sonne nicht zu wandeln, sondern nur senkrecht auf- und abwärts zu steigen schien.

»Sieh, Poppäa,« sagte der Kaiser, als er seiner Gemahlin die Eigentümlichkeit dieses Raumes erörterte, »hier werde ich thronen, wenn ich über das Schicksal des Reiches nachsinne. Ich bin dann losgelöst von dem Bann alles Irdischen. Ich schwebe – mein himmlisches Gegenbild, das Tagesgestirn, stets in der nämlichen Richtung gewahrend – frei über der Erdscheibe, und kreise so um die Welt, die mein Scepter zur Sklavin macht.«

An das Hauptgebäude schlossen sich zahlreiche Säulenhöfe, umfriedigte Gärten, Wiesengründe, kleine Wälder, künstlich aufgeschichtete Hügel mit Aussichtspunkten, – alles durch Gänge, Bogenreihen und Brücken miteinander verbunden, so daß man stets das Gefühl hatte, noch innerhalb eines einzigen architektonischen Ganzen zu weilen. Selbst mehrere Teiche enthielt der Palast mit Ruder- und Segelbooten.

»Beim Zeus,« rief Poppäa, »hier läßt sich zwischen den glänzenden Marmorufern eine förmliche Lustfahrt in Scene setzen, nicht ein bloßes Geschaukel, wie auf dem Onyxbecken des neuen bajanischen Landhauses!«

»Hier läßt sich alles leisten, was du begehrst,« sagte der Kaiser. »Endlich, endlich sind wir am Ziele! Wie es dem Cäsar geziemt, bewohnt er nun eine Stadt für sich.

Diese Stadt soll Roma heißen, bis sie dereinst im Laufe der Jahrtausende untergeht. Hiermit ist der Erinnerung an Romulus, den Begründer des Staates, Genüge geschehen. Sein Geviert-Rom war ja nicht halb so groß als dies Haus. Das Rom da draußen jedoch, das ich aus der Asche des Brandes neu erstehen ließ, sei fürder Neronia benannt, denn es ist mein Werk, nicht das des Romulus. Du staunst, daß ich einen Gedanken hier aufgreife, den mir die Gegner einst untergeschoben, eh' ich ihn hegen konnte? Ebendeshalb! Ich will auch hier den Beweis liefern, daß alles Ueble, was die Bosheit mir ansinnt, wie von selbst sich in Lorbeer und Rosen verwandelt. An dem Tage, da wir dem Sohne, den du mir schenken wirst, den glorreichen Namen Claudius Nero Sabinus geben, soll auch die Stadt die neue Benennung erhalten durch einen Senatsbeschluß, den ich feierlich vor dem gesamten Quiritenvolk anerkenne.«

»Es lebe Claudius Nero Sabinus!« hauchte Poppäa verzückt. »Es lebe Neronia!«

In diesem Augenblick strauchelte einer der Sänftenträger über die Malachitschwelle, die in das größte der fünf Cavädien führte.

Er sank in die Kniee und riß im Fallen den Tragebalken so heftig mit, daß auch sein Hintermann ins Wanken geriet.

Zwar gelang es der Anstrengung der beiden übrigen Träger, den völligen Umsturz der Sänfte zu hintertreiben. Poppäa Sabina jedoch hatte so dicht am Rande gelehnt, daß sie mit großer Gewalt wider eine der Säulen geschleudert wurde.

Laut aufschreiend stürzte man von allen Seiten herzu. Nero, der sich noch rechtzeitig festgehalten, sprang elastisch zu Boden und beugte sich über sie, die totenbleich, die Augen geschlossen, von dem Freigelassenen Phaon sorgsam aufgerichtet und von einer der Sklavinnen mit Essenzen besprengt wurde, während der Agrigentiner den unglückseligen Träger sofort abführen ließ.

»Poppäa!« rief Nero verzweiflungsvoll.

Da schlug sie die Wimpern auf. Sie versuchte zu lächeln, aber ein banger, gequälter Ausdruck um Stirne und Brauen verriet, daß sie heftige Schmerzen empfand.

»Es ist nichts,« seufzte sie, noch einmal die Augen schließend. »Der entsetzliche Schreck . . . Laßt den Schurken in Stücke hauen! Phaon, ich danke dir. Nicht doch, ihr hebt mich zu stark! Laßt mich ausgestreckt . . . so . . . so!«

»Ruft mir die Aerzte!« schrie der Kaiser verstört. »Auf! Bringt die Fürstin nach dem Cubiculum! Fluch diesem Unheilstage! Wahrlich, ein schöner Einzug und ein erquicklicher Willkommen! Vorsicht, wenn euer Leben euch lieb ist! Fasse dich, süße Poppäa! Da kommen sie schon, Aristodemus und der kluge Eurotas.«

Man brachte Poppäa mit Aufbietung aller erdenklichen Sorgfalt in das luxusstrotzende Schlafgemach und entkleidete sie. Eurotas und Aristodemus untersuchten sie aufs genauste. Da sich nirgendwo eine äußere Verletzung fand, hielten es beide für ausgemacht, daß die plötzliche Ohnmacht und die heftigen Schmerzen lediglich mit dem besonderen Zustand der hohen Patientin zusammenhingen; daher denn schlimmstenfalls . . .

Aristodemus flüsterte seine Vermutung dem Imperator ins Ohr.

»Das wäre dein Tod, Schurke!« rief Nero außer sich. »Soll ich zum zweitenmal um diese Hoffnung betrogen werden? Gerade jetzt, da sie gewiß war, mir einen Knaben zu schenken?«

»Herr,« stammelte Aristodemus, »wie kann die Erlauchte dessen gewiß sein . . .«

»Elender Sklave! Dem Cäsar und seiner Gemahlin ist das gewiß, was sie begehren! Und so befehle ich dir: thue dem Unheil rechtzeitig Einhalt, oder du stirbst!«

Eine seltsame Zuckung Poppäas nahm dem Arzte jeglichen Zweifel.

»So töte mich gleich!« sprach er, das Haupt senkend. »Gegen die Macht des Schicksals und der Natur kann ich nicht ankämpfen.«

»Wie? Du wagst es?«

»Ich wage es, dich auf den Ratschluß der Götter und die Allmacht des Verhängnisses hinzuweisen, dem wir alle unterthan sind –, du, Herr, der Gewaltige, so gut wie ein verurteilter Sklave. Schlag mir das Haupt vom Rumpfe, mir, dem Sterblichen, da du den Göttern und dem Fatum nichts anhaben kannst!«

Nero erwiderte nichts. Er war starr vor Entsetzen.

Endlich, den Sklaven bei der Rechten ergreifend, sprach er fast flehentlich: »So versuche es doch! Ich will dich belohnen! Ich nehme alles zurück, was ich dir angedroht. So bedenke doch: es gilt die Zukunft der Welt, den Claudius Nero Sabinus, den Herrscher über den Erdkreis bis zur Vistula und zur Insel der Rugier!«

»Der Jammer hat ihn verwirrt,« murmelte Aristodemus, wieder ans Lager tretend. »Herrin, wie fühlst du dich?«

»Unerträglich,« stöhnte Poppäa leise. »Es will mir das Herz auseinanderzerren. O, dieser Schurke! Ich glaube, er that es mit Absicht. Er zählte . . . zu . . . den heimlichen Anhängern . . . der . . . toten Octavia! . . .«

»Wahrlich nein,« versetzte Aristodemus. »Es war ein Mißgeschick, Herrin! Alle, die es beobachtet, stimmen darin überein.«

»Still! Ich weiß das besser . . . Es war . . . es war . . . Octavia. Fort! Fort! Laßt mich allein! O, wie das wühlt! Als trüg' ich . . . die ölgetränkte Werghülle der Nazarener! Flammen ringsum! Ich vergehe vor Qual!«

Nero mußte fast mit Gewalt aus dem Zimmer entfernt werden. Von Tigellinus, Phaon und einigen Sklaven begleitet, begab er sich in jenes wunderbare Gemach, das die Drehung des Himmelsgewölbes nachahmte. Die kunstvolle Maschinerie war bei der Ankunft des Kaiserpaares in Thätigkeit gesetzt worden.

Hier thronte er nun, der Beherrscher des Weltalls, und hielt gleichen Schritt mit der allerleuchtenden Sonne, während da drüben, nur wenige hundert Schritte von ihm entfernt, der Traum der neronischen Dynastie kläglich in Trümmer sank.

Cassius bot seinem Gebieter schweren Samier und einige Früchte dar. Nero trank voll Begier; einen Bissen zu essen, selbst von den saftstrotzenden Feigen, war ihm unmöglich. Er bebte an allen Gliedern.

Nach zwei Stunden ward ihm die Meldung, Poppäa habe ein totes Kind geboren, – in der That einen Knaben, wie sie es immer vorausgesagt.

Der Sklave, der ihm dies mitteilte, schaute ängstlich zu Boden, als fürchte er einen Dolchwurf. Dann regten sich seine Lippen. Aber er brachte kein Wort hervor.

»Weiter!« schrie Nero, zu ihm herantretend.

»Herr, ich getraue mir's nicht . . .«

Thränen stürzten ihm über das Antlitz.

»Sprich!« bat nun der Kaiser, von plötzlicher Rührung ergriffen. »Siehst du denn nicht, wie dein thörichtes Schweigen mein Herz zerfoltert? Rede, und wär' es das Schlimmste!«

»Herr, deine erlauchte Gemahlin – eine innere Verletzung – Aristodemus gibt ihr kaum eine Stunde noch.«

»So wollte ich, daß ihr alle in Wahnsinn dahinführet, wo der Cocythus durch die uranfängliche Nacht heult! Laß mich los, Tigellinus! – Fort, Phaon, oder ich würge dich! Einen Tyrannen hat mich die Bosheit genannt, einen Volksverderber und Mordbrenner? Ihr Götter da droben, wenn ihr denn mehr seid als nichtige Hirngespinste – ich will euch nun zeigen, wie Nero, der Gott auf Erden, an eurer Tücke sich rächt! Ihr und eure fluchbeladene Fügung, ihr habt's darauf abgesehen, mich zum Rasen zu bringen. Nun soll euch selber ein Grausen anwandeln bei der Unmenschlichkeit meines Tobens.«

Er sank erschöpft in den Sessel.

Dann plötzlich emporfahrend: »Ich muß zu ihr! Ich muß sie sehen! Noch einmal muß ich die süßen, schmeichelnden Hände halten, die mir die Stirne geglättet, wenn aller Jammer der Erde auf mich hereinstürzte. Phaon, begleite mich! So! Deinen Arm! Phaon, Phaon, ich glaube, auch du bist ein Schurke!«

»Ich bin dir treu, Herr, bis in den Tod. Siehe, auch mir entströmen die Thränen, denn, so wahr ich die Gottheit glaube, ich kann's nicht ertragen, wenn dein Gemüt leidet.«

Nero war unfähig, ihm zu danken. Nur ein leiser Druck seiner Finger bewies dem Freigelassenen, daß sein Gebieter von der Aufrichtigkeit dieser Thränen durchdrungen war.

Als Nero den Raum betrat, wo Poppäa trost- und hilflos ausgestreckt lag, überkam ihn ein konvulsivisches Zittern. Sie regte sich nicht. Nur zuweilen ging ein Schauer durch ihren Körper, ein wilder, heftiger Krampf.

»Poppäa!« schrie er, die Hände ringend.

Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen, eine Verzerrung, die etwas Höhnisches hatte. Dann lag sie wieder unbeweglich und ausdruckslos. Ihr Bewußtsein schien im Entschwinden.

Mit einemmal fuhr sie im Bette empor. Jach, wie der Schrei einer Irrsinnigen, klang es von ihren Lippen: »Octavia! Hast du dich satt getrunken an meinem Blute?«

Die Augen quollen ihr weit hervor. Mit geierartig gekrallten Fingern schlug sie drei oder viermal ins Weite. Dann sank sie zurück. Ihr Haupt fiel schlaff über die rechte Schulter. Noch einmal knirschten die Zähne wie vor qualvollem Ingrimm über das Scheitern all ihrer Hoffnungen. Poppäa Sabina war tot.

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