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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Dreizehntes Kapitel.

Ein Jahr verstrich, und wieder kam die tropische Glut des Hochsommers und der schreckliche Tag, an welchem die Einäscherung der Weltstadt begonnen hatte.

Ganze Regionen waren inzwischen schöner und glänzender als zuvor aus den Trümmern entstanden.

Breite, regelmäßige Straßen, rechts und links mit Kolonnaden versehen, hatten die Gassen und Gäßchen vieler winkliger und übelberufener Quartiere von einst ersetzt.

Der Brandschutt war auf riesigen Lastschiffen stromabwärts bis nach Ostia geführt worden, um die sumpfigen Niederungen in der Nähe der Hafenstadt ausfüllen zu helfen.

Dank den Prämien, die der Cäsar für die bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgte Fertigstellung der Neubauten ausgeworfen hatte, übertraf die Thätigkeit der Privaten jede Erwartung. Man schaffte bei Tag und bei Nacht; selbst die furchtbare Julihitze unterbrach diese Arbeiten nicht vollständig.

Ein neuer, lebendiger Geist hatte sich der Römer bemächtigt, so daß der Jahrestag der furchtbaren Katastrophe zwar mit ernsten, aber durchaus nicht trübseligen und niedergeschlagenen Gefühlen begrüßt wurde.

Die Provinzen, besonders Kleinasien und Griechenland, hatten herhalten müssen, um die Schatzkammern des Imperators zu füllen, der das also erbeutete Gold mit vollen Händen über die Hauptstadt ausgoß.

Eine Art von Privatministerium – Helius, der ›Mann mit den Schweinsaugen‹, an der Spitze – war dazu eingesetzt worden, um zu beratschlagen, wie man der kaiserlichen Schatulle immer neue Geldquellen aufschließen möchte; und die Methode, die man bei dieser Erschließung befolgte, sprach jeder Gerechtigkeit Hohn.

Gegen Mitte September nahm die Bauthätigkeit einen erneuten Aufschwung. Gallische und hispanische Werkleute waren zu vielen Tausenden eingetroffen. Wenn das so fortging, durfte man gegen Ende des Jahres die Vollendung auch des letzten Hauses erwarten, – abgesehen von einigen Rückständen betreffs der inneren Einrichtung, namentlich im Punkte der Malerei; denn die Herren vom Senatoren und Ritterstand erhoben hier große Ansprüche.

Der Hof hatte den ganzen Sommer wieder in Bajä verbracht, und zwar in der prachtvollen neuen Villa, deren Kosten der Freigelassene Phaon damals auf neunhundert Millionen veranschlagt hatte, während sie in der That mit all ihren Kunstschätzen und Luxuseinrichtungen noch drittehalbhundert Millionen mehr verschlungen hatte. Auf dem Dach dieser Villa befanden sich Baumanlagen, Pflanzungen, Springbrunnen und ein zierlicher Teich von einigen dreißig Ellen im Geviert, ganz in Onyx gefaßt. Eine Barke aus Zedernholz, für zwei Personen und einen Ruderer berechnet, lag hier am Stamm einer Fächerpalme. ›Meine hängenden Gärten‹ nannte Poppäa Sabina dies wunderbare Solarium.

Dennoch war Nero durch dieses Meisterstück unerhörter Verschwendung nicht völlig zufriedengestellt. Er träumte Gewaltigeres, – und dieses Gewaltigere hatte sich unterdessen am Esquilinischen Hügel zu Rom verwirklicht: der orientalische Märchenpalast, der im staunenden Volke den Namen des ›Goldenen Hauses‹ erhalten sollte.

Gegen Ende Oktober lehnte das Herrscherpaar unter den Wipfeln des Dachgartens und blickte hinaus in den Bajanischen Golf, wo eben, von Ostia kommend, die kaiserliche Trireme Ichthys am Kap Misenum vorüber in stolzem Bogen hereinschwenkte. Neben dem Kaiser stand Tigellinus. Auf einem gepolsterten Rundstuhl, einige Schritte entfernt, saß Phaon, der Freigelassene, der vor kaum einer Viertelstunde von Rom angelangt war. Ganz im Hintergrund kauerte der Leibsklave Cassius mit einigen Dienerinnen Poppäas.

»Du siehst, Herr,« sagte der Freigelassene mit einer Handbewegung nach der Trireme, »wie pünktlich der Obersteuermann seine Fahrten berechnet. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang wollte er drüben beim Herkulestempel vor Anker gehen.«

»Ich danke euch,« gab ihm der Imperator zurück. »Heute abend noch brechen wir auf. Nach allem, was du erzählt und berichtet hast, darf ich voraussetzen, daß ich nun endlich ein wirklich menschenwürdiges Heim erhalte.«

»Ein Heim aus lauterem Golde, mit Edelsteinen geschmückt, von denen mancher den Wert dieser Villa erreicht.«

»Du hörst's, Poppäa. Spiegelnde Goldplatten überdecken die Wände. Aus dem königlichen Metall wird dein blühendes Bildnis dir tausendfältig entgegenstrahlen. Dein Fuß wandelt über akanthusfarbigen Malachit. Rubine, Smaragde und Diamanten wetteifern mit dem Glanze des Tages, der durch Scheiben aus phönicischem Glas in die funkelnden Säle bricht. Alles was Kunst und Reichtum, lodernde Schöpferkraft und keuchender Sklavendienst irgend zu leisten vermögen –: dort, in dem goldenen Hause hat's Leben gewonnen. Nun soll eine Aera des Taumels beginnen, des todverachtenden Schwelgens, der wonnigsten Raserei, wie sie nicht dagewesen seit Ninus und Sardanapal!«

»Herr, du bist glücklich,« sagte der Agrigentiner, eine tiefe Gemütsbewegung erheuchelnd. »Heil dir, Liebling des Schicksals! Heil auch dir, Poppäa Sabina, Herrin des Reichs, Schönste und Beneidenswerteste unter den Fürstinnen! Jegliches habt ihr besiegt: die Verleumdung, den Haß, die Scheelsucht, das Toben der Elemente. Ringsumher atmet und lebt nur alles für euch: ihr steht auf dem Gipfel des Daseins, und die Erde ist euer Schemel!«

»Wendet es ab, ihr Götter!« murmelte Phaon.

»Was sagst du da?« fragte der Kaiser, flüchtig die Stirne krausend.

»Ich meine . . . wenn die Worte des Tigellinus den Uranionen Verdruß bereiten . . .«

»Wieso?«

»Herr, du weißt, bei allem Volk herrscht der Glaube, daß eine Glückpreisung, wie die des erlauchten Sophonius, nichts Gutes bedeutet. So sprach ich denn, die Götter möchten es abwenden.«

»Thorheit!« versetzte der Kaiser pathetisch. »Die Götter sind wir. So lange ich selbst noch die Blitze schleudere, wie Jupiter-Zeus, so lange fürchte ich weder die sogenannten Olympier noch das blinde, blöde, alberne Fatum. Hab' ich nicht hundertfältig erlebt, daß ich den frechsten Angriffen dieses Fatums gewachsen bin? Laß sie heranstürmen, die tosende Brandung, die sich Anangke nennt: an dieser Brust wird sie sich teilen und brechen, wie die Meerflut an den Quadern des Steindamms. Rom ist in Asche gesunken: ich habe es herrlicher wieder und glorreicher aufgebaut. Das Volk raste über dies Unheil; es warf seinen Geifer empor bis zur Höhe des Thrones: ich habe es zahm gemacht. Die Aristokraten, die sich von Anfang wider mein Glück verschworen, weil es für sie die Ohnmacht bedeutete, haben sich unter der Führung der abgefeimtesten Buben zusammengeschart und die furchtbarste Revolution geplant: ich reckte die Hand aus – und Piso, mitsamt den Tausenden, die er befehligte, lag zerschmettert am Boden.«

»Dennoch . . .« murmelte Phaon.

Er unterbrach sich und blickte scheu in das Antlitz des Imperators.

Nero indes war so ganz erfüllt von der Unantastbarkeit seiner Größe, daß er dem Freigelassenen nicht zürnte.

»Rede nur, wenn du etwas auf dem Herzen hast,« sagte er lachend.

»Ich fürchte unehrerbietig und dreist zu erscheinen.«

»Unmöglich. Sieh, Phaon, wenn irgend ein Mensch mein volles Vertrauen besitzt, so bist du es. Ich weiß selbst nicht, warum. Du hast mir Dienste erwiesen – aber das nämliche gilt auch von andern. Nur mein trefflicher Tigellinus ist mir in gleicher Treue ergeben wie du: sonst niemand. Das seh' ich an deinem Blick. In deinen frischen, fröhlichen Augen blitzt etwas wie heimliche Sympathie. Ja, auf die Gefahr hin, dich, Sophonius Tigellinus, eifersüchtig zu machen, muß ich's bekennen: Phaon würde meinem Herzen vielleicht nahe gekommen sein, auch wenn ich ein Bettler wäre, indes für dich nur die Freundschaft mit dem Princeps vorherbestimmt war!«

»Mein Kaiser . . .!« sagte der Agrigentiner, die Rechte aufs Herz drückend.

»Laß nur!« wehrte ihm Nero. »Es war eine flüchtige Laune, die mir just durch den Kopf ging. Also, was wolltest du sagen, Phaon?«

»Ich wollte den Cäsar anflehen, sich nicht allzusehr in Sicherheit wiegen zu lassen. Die Verschwörung des Piso zittert mir noch in der Seele nach, und ich staune, wie rasch mein Herr und Gebieter den Schmerz überwunden hat. War nicht Piso dein Freund?«

»Er nannte sich so, aber er war es nicht. Unter dem Deckmantel seiner geheuchelten Liebenswürdigkeit barg er die Tücke.«

»Dennoch: er war dir unverdächtig, wie so viele der Mitverschworenen, – Fannius Rufus zum Beispiel, der in Gemeinschaft mit Tigellinus die Prätorianer befehligte, und Flavius Scevinus, der dich einst seinen Sohn genannt, und nun von seinen Genossen das Recht erbat, zuerst die Waffe zu zücken.«

»Wie?«

»Ja, Herr! Man hat dir's verschwiegen, aber es ist so, und die übrigen haben's bezeugt. ›Ich fordere von euch als eine besondere Auszeichnung, daß ich den ersten Stoß führe!‹ Das waren die Worte, die er in jener letzten Versammlung gebrauchte.«

»Er hat's gebüßt,« versetzte der Kaiser.

»Und der Dichter Lucanus . . .« hub Phaon wiederum an.

»Pah! Ihn quälte der Neid! Seine Verse waren nicht halb so gut, wie die meinen.«

»Aber die höfliche Epicharis! Hättest du dieser Aegypterin angesehen, was sie plante? Mit Piso war sie die Seele der Rebellion! Und Seneca, dein alter, bewährter Lehrer! Auch er hat sich von den Verschwörern umgarnen lassen! Wahrlich, sie müssen ganz unglaubliche Künstler in der Verführung gewesen sein, wenn selbst er ihren Lockungen unterlag.«

»Er war altersschwach,« sagte der Cäsar.

Phaon schüttelte ernst und bedächtig das Haupt.

»Sein Sterben bewies uns das Gegenteil,« versetzte er nachdenklich. »Wie Sokrates trank er den Giftbecher ruhig und gleichmütig, als sei der Tod nur das Aufstehen von einem fröhlichen Gastmahl. Ich bekenne dir, Seneca hat mich besorgt gemacht.«

»Ich begreife dich nicht,« meinte Poppäa. »Wenn er noch lebte, – wohl, so hättest du Ursache, ihn zu fürchten. Jetzt aber, da er den Lohn geerntet für seinen Treubruch, kann die Erinnerung unsern Stolz nur erhöhen, ebenso wie der Tod des herrischen Thrasea und des heuchlerischen Soranus.«

»Auch Thrasea starb wie ein Held. Oft genug hörte ich die gefährlichen Worte nachsprechen, die er ausrief, als er die Hand mit den aufgeschnittenen Adern zum Himmel hob: ›Dir Zeus, Befreier, spende ich dieses Blut!‹ – Es klang heroisch, bei allen Göttern, peinvoll heroisch! Zehn Jahre gäb' ich darum, wäre er feig gewesen. Aber ich schweife hier ab. Was ich betonen wollte, liegt ja wo anders. Gestattest du, Herr, daß ich weiterrede?«

»Immerhin,« lächelte Nero.

»Die Verschwörung des Piso ist glücklich vereitelt worden. Du hast hier das Fatum besiegt. Aber wie kam das? Hätte sich Flavius Scevinus ruhiger verhalten, sich weniger theatralisch gebärdet – wer weiß, wer weiß . . . Milichus, der pfiffige Freigelassene, dem er den Dolch übergab, damit er ihn schleife, Milichus, dem er zurief: ›Diese Waffe ist heilig!‹, Milichus, mit dem er sein Testament aufsetzte – sieh, Herr, das war doch streng genommen die Quelle, aus der uns die Rettung entsprang. Hätte Milichus die Sache nicht in der zwölften Stunde noch angezeigt . . .«

»Das ist's ja eben,« unterbrach ihn der Kaiser. »Mein Genius, der da mächtiger ist als das Schicksal, erweckte mir solche Bundesgenossen. Nein, Phaon, du bist ein Schwarzseher. Aber ich danke dir. Zweierlei hast du erreicht. Ich fühle jetzt doppelt, wie sehr mein Wohl dir am Herzen liegt – und doppelt, wie hoch ich stehe über dem Wechsel der Dinge.«

So sprechend erhob er sich und trat an die Brüstung. Poppäa folgte ihm, während der Agrigentiner mit Phaon zurückblieb und ihm heimlich Vorwürfe machte über den unerquicklichen Ton, den er angeschlagen.

»Herr,« sagte Phaon mit einem verzweifelten Blick in die Augen des Tadlers, »seit lange schon trug ich's hier auf der Seele, und nun endlich mußt' es herunter. Ich liebe ihn, denn von jeher hat er mir Gutes gethan; und überdies – wie er selbst ja gesagt hat – es ist, als ob ein verborgenes Band mich an ihn gekettet hielte. Mir scheint, ein offenherziger Warner ist nützlicher, als der liebenswürdige Schwärmer, der alles lichtblau und rosig malt.«

»Du zielst auf mich. Aber ich male nicht, sondern ich lass' ihn die Wahrheit schauen. Das Reich des Nero strahlt wirklich in ambrosischer Himmelsfarbe; ersteht wirklich auf dem Piedestal uranionischer Größe. Ich glaube an die Unfehlbarkeit seines Glücks, das auch das meine ist. Geh! Du warst doch sonst kein thörichter Kopfhänger! Laß dir ein Mahl vorsetzen und berausch' dich in Cyprier! Dein Blut wird zu dick; du bedarfst einer Auffrischung. Im übrigen: alles ist vorbereitet. Mit Sonnenuntergang reisen wir.«

Aehnlich wie Tigellinus zu Phaon, sprach Poppäa zum Kaiser. Auch sie war mit fortgerissen von dem Größenwahn, der da meint, er könne dem Schicksal Gesetze auflegen. In ihren sonst so weltklugen Augen blitzte etwas von der phantastischen Aufregung einer Prophetin.

»Ja,« flüsterte sie, das erglühende Antlitz auf Neros Schulter geneigt, »wir sind und bleiben die Bezwinger der Moira. Kein Fürst der Erde hat solche Gefahren bestanden wie du, und keiner mit so olympischem Gleichmut auf sie herabgelächelt. Dein Glück ist beispiellos. Die Zukunft gehört dir und deinem Geschlecht.«

Mit erkünstelter Schamhaftigkeit schlug sie die Augen nieder.

»Poppäa . . .« flüsterte Nero zärtlich.

»Ja,« fuhr sie fort, »ich fühle es mit unmittelbarem Gewißheit: das Kind, das ich unter dem Herzen trage, wird ein Knabe sein und das Ebenbild seines Vaters. Dereinstens, wenn wir längst unter den Schatten weilen, wird das Haus der Neronier weit und weiter über den Erdkreis herrschen. Die Parther und Inder werden sich seinem Scepter beugen, und die trotzigen Enkelsöhne des Giso. Ich seh' sie im Geiste, die künftigen Riesenheere, die sich nach Norden und Osten wälzen und Germanien erobern bis zum Strande der Vistula, und das Land der Sarmaten, und Rugia, und das eisige Scandia. Ueberall jedoch, wo die Neronier ihre Standarte aufpflanzen, wird das lorbeergeschmückte Apollohaupt ihres Ahnherrn prangen, in Tempeln aus Marmor und Gold, als der einzige und wahrhaftige Gott, zu welchem alle Völker sich in dem gleichen Gebet erheben, den sie anrufen: ›Nero, allmächtiger Vater über den Wolken, erbarm dich unser‹!«

»So sei es!« rief der Kaiser leuchtenden Auges.

Er umarmte sie, küßte sie auf die Stirne und sprach dann feierlich: »Heil dir, Gesegnete unter den Weibern, die du im Schoße das Heil und die Zukunft der ganzen Welt trägst!«

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