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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Elftes Kapitel.

Der Brand war vorüber. Zehn Tage lang hatte er wie ein rasendes Tier durch die Zweimillionenstadt hingewütet und zwei Drittel davon erwürgt.

Jetzt endlich glomm es nur noch insgeheim unter den Schutthaufen. Aschfahle Rauchsäulen stiegen lotrecht zum glühenden Sommerhimmel empor – die letzten Verkünder einer sterbenden Elementargewalt.

Beim Morgengrauen des elften Tages trat Nero, wie er dies während des Brandes so oft gethan, wieder hinaus auf die Plattform des mäcenatischen Turmes.

Er gedachte der Abendstunde, da er beim Anblick der brennenden Urbs die Kithara geschlagen. Das Feuer in seiner wildverzehrenden Kraft, vom Sturme gepeitscht, prunkvoll dahinwogend über das endlose Häusermeer, hatte ihn damals berauscht. Er wähnte sich in der Rolle des Zeus, der, den Donnerkeil in der Rechten, mit zerschmetternden Blitzen die lebendige Erde bis hinauf zu den Höhen des Olympos in Lohe setzt. Diese Stadt flammte für ihn; sie zeigte, daß Rom stürzen konnte, und daß dennoch der Welt nichts verloren ging, wenn nur er, der Gewaltige, feststand auf dem Piedestal seiner cäsarischen Gottheit.

Jetzt aber, da er, die Schwüle des Lagers fliehend, hoch an der Brüstung lehnte und nahezu alles, was noch vor kurzem der Schauplatz sorgloser, vergnügungssüchtiger Menschen gewesen, in rauchendem Schutt erblickte: da ergriff ihn etwas wie Groll gegen die Götter, die er nicht glaubte, etwas wie Haß gegen das unbesiegbare Fatum. Diese starre Notwendigkeit glich in ihrer entsetzlichen Willkür einem frevelnden Knaben, der boshaft ein blühendes Beet zertritt, ein Gemälde besudelt, eine kunstvolle Statue zerschlägt. Das Fatum, die Anangke, die Moira, war der einzig echte Herrscher des Universums, mächtiger nicht nur als der geträumte Jupiter, sondern sogar als er, Claudius Nero, der bis dahin vermeint hatte, alles, vom Steingefilde Arabiens bis zu den Säulen des Herkules, unter sein Joch zu beugen. Er hatte mit diesem Fatum gerungen; das Ergebnis des ungleichen Kampfes lag vor ihm: ein unermeßliches Chaos, schwarzgraue, qualmende Trümmer, – ein Anblick, schauderhafter als der eines leichenbesäten Schlachtfeldes.

Wenn das Fatum sich anmaßte, so ins Blaue hinein zu toben wie ein bezechter Schurke, wenn es ihm tausend Hemmnisse da in den Weg legte, wo er das Gute wollte: weshalb sollte der Cäsar, im Besitze der obersten Herrschergewalt, an Kühnheit und Großartigkeit seiner Willkürpläne hinter dem Fatum zurückstehen? Unschuldige und Schuldige hat das große Verderben hinweggerafft. Auch Nero wollte jetzt ein Verderben sein für die Menschheit, nur mit dem Unterschied, daß er noch edler fühlte als jene Schickung, die ihm Seneca einst mit dem unbegreiflichen Namen ›Vorsehung‹ zu bezeichnen gewagt hatte.

Die Opfer des Nero sollten nicht blindlings fallen, wie die des Fatums, sondern nach wohlerwogenen Grundsätzen. Er schlachtete sie zunächst seinem Hasse, dann aber auch, wie er zögernd sich eingestand, seiner Sicherheit.

Das Volk, so sehr sich der Imperator bemüht hatte, das öffentliche Unglück zu lindern, insbesondere auch durch eine trefflich organisierte Zufuhr der nötigen Lebensmittel, tobte dennoch vor nicht zu stillender Wut über die furchtbare Katastrophe, und heischte mit Ungestüm ein Sühnopfer, das dem Mißgeschicke der Siebenhügelstadt an Großartigkeit gleichkäme.

Geizte Nero mit der Befriedigung dieser Rachlust, so lief er Gefahr, daß der Unwille der entfesselten Menge bis zu ihm selber heraufzischte.

Auch dieser Unwille wäre das Fatum gewesen, – eine veränderte Form nur der nämlichen, Göttern und Menschen verhaßten Anangke, die Rom in Asche gelegt.

Mit der Anangke jedoch war nicht zu ringen. Er konnte sie nur verhöhnen, ihr durch listige Kunstgriffe ausweichen oder vielleicht – und das war eines Weltbeherrschers am würdigsten – ihre schwindelerregende Brutalität übertrumpfen.

Die Christen, die heute abend, dem Volk zum ergötzlichen Schauspiel, in den cäsarischen Gärten am Mons Vaticanus zu Tode gequält werden sollten: sie mochten, wenn ihre Marter den Gipfel erreicht hatte, dem waltenden Kaiser bezeugen, ob er der Aufgabe, die er sich vorgesetzt hatte, gewachsen war.

Ja, er haßte die Christen! Ihre Lehre schien ihm jetzt ebenso thöricht, so zweck- und sinnlos, wie die stoischen Philosopheme des Seneca. Diese erbärmliche Welt, die ihm hier aus den schaurigen Trümmern der ›Arestochter‹ ein so lautes Verdikt ihrer eigenen Unvernünftigkeit zurief, lohnte weder den Ernst noch die Selbstbeherrschung. Greifbar und echt war lediglich der Genuß: philosophisch-mystische Spekulationen, die ja doch dem entsetzlichen Rätsel nie auf den Grund drangen, konnten die Echtheit und Greifbarkeit nur beeinträchtigen. Nicodemus und Seneca flossen dem Imperator gleichsam in eine einzige unheilbringende, hagere Gestalt zusammen. Wie unablässig hatte ihm Seneca in den Ohren gelegen mit seinen volltönigen Phrasen von der sittlich-freien Entwickelung der Menschheit, von der abstrakten Pflicht, von dem Hochgefühl der Entsagung! Es war geradezu unerträglich!

»Die Wahnwitzigen!« murmelte Nero, nach Osten starrend, wo ein gelblicher Lichtstreif das Erwachen des Tages verkündete. »Was ist Tugend! Einen duftigen Becher unberührt stehen zu lassen, obgleich die Seele danach verschmachtet! Tantalus nach eigener, freier Entschließung! Wer dankt mir's denn, ihr hirnverbrannten Heuchler und Narren? Wenn ich nun wirklich eurer Lehre gehorchte, stünde ich deshalb weniger unter dem Banne des Daseins? Hätte ich minder die Krankheit zu fürchten und den alles zerbrechenden Tod?«

Er seufzte.

»Wahrlich, der Tod ist noch nicht einmal das Entsetzlichste! Hassenswerter scheint mir der Fluch, altern zu müssen! Das gierige Greisentum, das sich boshaft an unserm Blut mästet, bis wir selber zum spotterregenden Schatten dahinschwinden, – welch ein Dämon hat es ersonnen? Was da schön ist und blühend auf dieser Erde, was da jubelt und jauchzt –: die Zeit wird ihm die Frische und Kraft aus den Adern saugen, und der erbärmliche Rest gleicht diesen Trümmern hier! Alt zu werden! Heimlich zu fühlen, wie der schwellende Arm, der deinen Nacken umwindet, nicht mehr so wonnevoll und so selig erbebt wie der deine! Zu merken, daß die schmelzende Zärtlichkeit Heuchelei, daß der Kuß, die Verzückung der schmachtenden Augen Komödie ist! Nicht du, Claudius Nero, wirst dann mehr geliebt werden, sondern der mächtige Kaiser, dein fürstliches Prunkgewand, dein Scepter, deine unermeßlichen Reichtümer! Wie dort drüben das ehedem so stolze Palatium, wirst du einst nur noch die fahle Ruine sein von dem, was du warst, – hohläugig, welk, das Antlitz gefurcht, ein Abscheu selbst für die Dirnen vom Walle des Tullius!«

Er legte die Hände über die Augen, als habe er das Bild seiner Zukunft schon leibhaftig erblickt.

»Und das ahnen sie alle voraus!« dachte er ingrimmig. »Seneca erlebt es schon an sich selbst. Er fühlt, wie der Brand seiner Lebensglut Funke um Funke verlischt, – und dennoch ging er mit Nicodemus ans Werk, mich blind zu machen gegen die einfache, unverkennbare Wahrheit! Ich sollte die flüchtigen Stunden der Jugendkraft mit asketischer Philosophie vertrödeln, statt mich der Gegenwart hinzugeben, und das Licht zu genießen, solange es Tag ist! Ich sollte ein Cäsar werden für die Anhänger des Gekreuzigten!«

Er beugte sich über die marmorgedeckte Brüstung und stützte das Haupt in die Hand. Ein wehmütiges Zucken spielte um seinen Mund. Weitgeöffneten Auges sah er hinaus in das beginnende Morgenrot.

»Ja, auch ich erblicke in eurem Propheten ein wahrheitsvolles Symbol: seine dornenbekränzte Gestalt verkörpert mir das traurige Los alles Irdischen. Wir alle sind vom Fluch des Schicksals an jenes furchtbare Kreuz genagelt, das Erde heißt. Wir alle werden, früh oder spät, an diesem Marterholze verbluten, und zuckenden Angesichts wie der sterbende Galiläer zum Himmel rufen: ›Hoffnung, du, Trügerin alles dessen was atmet, und du, unsterblicher Mut, warum hast du mich nun verlassen?‹ Jesus mit seinem trostlosen Ausgang ist der duldende Mensch. Weil dieser Ausgang aber gewiß ist, soll ich mir deshalb die Qual meiner Wanderschaft noch vergrößern? Soll ich trauern, wo ich vergessen, soll ich entsagen, wo ich erobern kann? Nein, ihr Asketiker! Dann lieber gleich in den Tod! Ein Sprung hier über die Brüstung schiene mir logischer, als der Irrwahn eurer trostlosen Selbstverleugnung.«

Zur Tiefe schauend, gewahrte er einen langen Zug seiner Sklaven, die mit schweren Ladungen aller Art nach den vatikanischen Gärten hinauszogen.

Im Auge des Imperators flammte es auf wie von plötzlicher Wildheit. Er sah ihnen nach, bis sie hinter den ragenden Mauern eines ausgebrannten Theaters verschwunden waren.

»Ja, so ist's,« hauchte er durch die Zähne. »Wenn nicht jeder Tag, der über die Berge steigt, uns neue Wonnen verkündet, neue Erregungen, dann ist's eine Qual zu leben. Genießen will ich, bis mir der letzte Blutstropfen in den Adern erstarrt; Auge und Ohr ergötzen; im berauschenden Cäcuber den letzten Verstand lassen, und am Busen verliebter Weiber und knospender Mädchen Verzückungen schlürfen wie der hellenische Donnergott. Ich wäre nicht Nero, wenn Poppäa allein mir genügen könnte. Nein, ihr alle genügt mir nicht, und wäre ich turmhoch unter dem Blütenglanz eurer schimmernden Leiber begraben! Die rasendste Lust ist nur eine Täuschung für Augenblicke. Sie stillt nicht, was da drinnen so maßlos wütet und tobt. Nazarener, ihr sollt mir die Antwort geben, ob's noch ein Mittel gibt, den Lebensdurst des Imperators zu löschen! Ich fühle es, wie's mich stürmisch hinaustreibt zum Anblick eurer grausigen Todesqualen. Vielleicht bedarf ich eurer unsäglichen Marter als Hintergrund für das Glück, dem ich nachjage. Wenn jeglicher Nerv eures gefolterten Leibes vor Schmerz zusammenzuckt wie eine zertretene Schlange, so muß die Wonne sich zwiefach als Wonne fühlen. Unsre Altvordern bauten ihre Triclinien mit dem Ausblick auf Gräber und Leichensteine: das erhöhte ihnen die Freuden am Festgelage. Ich will das noch überbieten. Körper will ich erblicken, die langsam dahinsterben, die toll werden bei dieser entsetzlichen Langsamkeit, während mich zitternde Wollust zum Gotte macht. Ich muß jetzt nachholen, was ich früher versäumt habe.«

Die Arme über der Brust verschränkt, umwandelte er einigemal die Plattform. Ein seltsames Lächeln zog ihm die Lippen kraus.

»Die guten Quiriten! Wenn sie ahnten, daß ihr Kaiser nahe daran war, den elenden Nicodemus Bruder zu nennen! Wäre er minder bübisch gewesen, – beim Styx, wer möchte dann sagen, wie's heute um Rom stünde . . .?«

Er seufzte.

Dann zog er die Achseln hoch.

»Schwerlich besser!« sagte er zu sich selbst. »Deutlich in jeder Linie erblick' ich es vor mir, das harte, starre Gesicht mit den tiefliegenden Augen. Seine lauernde, demütig-stolze Art schien zu sagen: ›Steige herab vom Thron der Imperatoren: ich, Nicodemus, hoffe hier Platz zu nehmen!‹ Wenn das geschehen wäre, wenn die Ehrsucht des Nicodemus jede Selbständigkeit in der Seele des Herrschers vernichtet und die eigene, siegverlangende Unduldsamkeit an die Stelle gesetzt hätte: wahrlich, die furchtbare Katastrophe, die jetzt eben zu Ende ging, wäre ein Scherz gewesen im Vergleich mit den blutigen Umwälzungen im weiten Weltreich! Er hätte die Feinde des Nazarenertums mit Feuer und Schwert verfolgt, und Scheiterhaufen errichtet, in ihrer Gesamtheit größer und qualmender, als die lodernde Roma!«

Er sah zu Boden.

»Wunderbar!« klang es halblaut von seinen Lippen. »So verschiedenartige Früchte zeitigt ein und derselbe Glaube. Nicodemus und Acte! Welch ein Gegensatz zwischen den beiden! Welch ein klaffender Abgrund!«

Höher und höher flammte das Morgenrot über dem Kamm des Sabinergebirges. Zartes Purpurgewölk schwamm flockengleich im Zenith. Der erste Strahl zuckte über die niedergebrannte Stadt und verkündete einen Tag, der unvergeßlich sein sollte in den Annalen der römischen Kaisergeschichte.

Zwei Stunden später empfing der Cäsar den Agrigentiner, der ihm zu melden kam, wie weit sich die Vorbereitungen zu dem für heute abend geplanten Riesenfeste entwickelt hatten.

Alles ging hier nach Wunsch.

»Ich bürge dafür,« lächelte Tigellinus, »du selber, dessen Auge doch wahrlich von Schaustellungen und kunstvoll ausgedachtem Gepränge schier übersättigt ist, du selbst, o Cäsar, wirst überrascht sein und mir bekennen, mein Werk sei musterhaft.«

»Also wie lautet dieses musterhafte Programm?«

»Laß mich die Einzelheiten verschweigen, ich bitte dich! Du bist Künstler genug, um zu begreifen, daß man lieber zu wenig verrät als zu viel. Die Bewirtung des Volkes leitet mir der vortreffliche Phaon, dessen Talente ich Tag für Tag mehr bewundere. Halb Capua hat seine Magazine geleert für die Beleuchtung, den Blumenschmuck, die Flaggen, die Teppiche. Alles übrige fügt sich harmonisch in das Gesamtbild. Wenn ich hinzusetze, daß ich die Festmusik eigens zu diesem Zwecke durch unsre beliebtesten Tondichter habe verfertigen lassen, so hab' ich genug gesagt. Mit einem Worte: das Ganze wird glorreich.«

»Nun, und das Volk? Was sagt es zu der glänzenden Gastfreundschaft seines Kaisers?«

»Es jubelt.«

»Das sagtest du gestern bereits. Gibt es noch Leute, die bezüglich der Nazarener im Zweifel sind? Ich meine . . . die sie für schuldlos halten?«

»Kaum. Die Verhafteten leugnen zwar; aber einer von ihnen, Paulus mit Namen, hat seinen Richtern mit Donnerstimme entgegengerufen, in diesem Brande erblicke er das Strafgericht des allmächtigen Gottes und die Erfüllung der alten Wahrsagung, die da lautet: ›Ich will ihren Namen auslöschen, und ihr Land will ich zu einer Wüste machen.‹«

»Paulus . . .? Der Name ist mir zu Ohren gekommen.«

»Ich selber sprach dir von ihm,« sagte der Agrigentiner. »Eine Persönlichkeit von unwiderstehlicher Kraft. Die dämonische Wucht seiner Rede riß – für Momente wenigstens – alles dahin, was irgend jemals in ihr Bereich kam. Deshalb nahm ich auch Anstand, diesen höchst gefährlichen Menschen mit ins Programm zu nehmen. Sein bloßer Anblick vielleicht hätte ihm Schüler geworben – und vollends, wenn er in letzter Stunde den Mund geöffnet und gezeugt hätte für die Lehre des Nazareners . . .«

Claudius Nero nickte still vor sich hin. Dann richtete er aus den Agrigentiner einen fragenden Blick.

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