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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Neuntes Kapitel.

Es war im Hochsommer. Die Reichen und Vornehmen hatten sich längst in die Bergschluchten oder ans Meer geflüchtet.

Der Imperator weilte mit seinem Hofstaat zu Antium, wo Tigellinus auf Rechnung seines kaiserlichen Gebieters ein neues, wunderprächtiges Landhaus erstanden hatte.

Rom war des Tages über wie ausgestorben. Erst eine Stunde nach Sonnenuntergang füllten sich die Tabernen mit halbnackten Zechern, und die Rasenplätze des Campus Martius, wo in der kühleren Jahreszeit der Schlauchball gespielt und der Diskus geschleudert wurde, belebten sich mit Erquickungsbedürftigen, die sich ins halbvertrocknete Gras kauerten, Brot und Früchte verzehrten oder begierig die öffentlichen Brunnen umlagerten.

Bald danach waren die Treppen aller öffentlichen Gebäude, die Marmorplatten vor dem Saturnustempel, der weltberühmte Aufstieg zum Kapitol, der Säulengang des Agrippa – kurz, jeder denkbare Ruheplatz von tiefatmenden Schläfern besetzt, denen es in der drückenden Enge der Mietwohnungen unmöglich war, selbst nur minutenlang Rast zu finden. Auch viele Kranke lagen umher: denn die römische Fieberluft, dieses uralte Erbteil der Siebenhügelstadt, forderte wie alljährlich zahlreiche Opfer.

Tausende von verlechzenden Menschenleibern, die zum Schlaf zu erregt waren, suchten Erfrischung in den spärlichen Wassern des Tiberstroms. Von der älischen Brücke bis stromabwärts zum Landungsplatze des Mons Aventinus drängte sich Kopf an Kopf, Männer, Weiber und Kinder, während die Schiffsleute, trotz der Erschlaffung, die auch ihnen schwer in den Gliedern lag, alles aufboten, ihre Ladung am Ufer zu bergen, um Ostia, die gesündere Hafenstadt Roms, wieder erreichen zu können, ehe es Tag würde.

Hier, unmittelbar am Gestade, parallel mit dem Circus Maximus, befanden sich mächtige Warenlager und Stapelräume, namentlich Oelmagazine und Kornspeicher.

Die Sonne des vierundzwanzigsten Juli war in blutfarbigen Dünsten langsam hinabgeschmolzen. Eine unheilverkündende Schwüle, dumpfer als je zuvor, brütete hauchlos über der Weltstadt. Die Luft war dick, wie süditalische Grobwolle. Ueber den Höhen des Quirinals flimmerte ab und zu der fahle Glanz eines ohnmächtigen Wetterleuchtens.

Da, in der zweiten Stunde vor Mitternacht, sah die verblüffte Bevölkerung, wie an dem leichtgezimmerten Dach eines der aventinischen Kornspeicher ein blendender Lichtschein emporzuckte.

»Feuer!« ging es wie Angstgeheul durch die erschreckten Massen. Ein Brand, in dieser Gegend, bei so entsetzlicher Dürre, – da war keiner, der die furchtbare Größe dieser Gefahr nicht begriffen hätte.

Ehe der Ruf noch über die nächste Umgebung hinausgedrungen, wirbelten schon die Flammen haushoch zum Himmel auf. Die Stadtkohorte, die neben dem Sicherheitsdienste auch dem Beruf einer Löschmannschaft oblag, kam später, als wünschenswert. Mit rasender Schnelligkeit hatte die Lohe um sich gegriffen. Von der Bevölkerung unterstützt, mühten sich die Soldaten, alles, was von Baracken und Häusern demnächst bedroht erschien, abzutragen, um so den Herd des Unglücks zu isolieren. Schon waren die Niederlagen der Oelhändler mit ergriffen. Die brennende Flüssigkeit rann, den Lavaströmen des Aetna vergleichbar, verderbensprühend südostwärts. Funken und glühende Späne wurden in unablässigen Garben rings über die ganze Region verbreitet . . . Jetzt zischte es hier, jetzt dort in heller Vernichtungswut zu den schweigsamen Sternen auf, die da schauen sollten, was sie noch nie geschaut, seitdem es auf Erden eine Geschichte der Menschheit gab: den Brand einer Zweimillionenstadt.

Man arbeitete wie von Sinnen: aber die Kräfte hielten nicht lange vor. Nach Verlauf einiger Stunden drängte sich allen die fürchterliche Gewißheit auf, daß der Kampf mit dem tosenden Element auf Grund des bisherigen Operationsplanes vergeblich sein würde. Man hatte nicht Hände genug, den Schutt der niedergerissenen Häuser auch nur zum zwanzigsten Teile hinwegzuschaffen, und dieser Schutt bestand vorzugsweise aus Balken, Dachsparren, Brettern und leicht gezimmerten Möbeln. – Es half nichts: wenn man das übrige Rom retten wollte, so mußte man nicht nur diese Region, sondern auch die zwei nächstbelegenen rückhaltslos preisgeben und die Linie der Isolierung durch solche Stadtviertel ziehen, die vermöge ihrer massiven Bauart dem Funkenregen erfolgreicher widerstehen konnten.

Gegen Ende der dritten Vigilie sandte der Stadtpräfekt einen reitenden Boten nach Antium.

»Gewaltiger Cäsar,« schrieb der Beamte verzweiflungsvoll, »ich verwünsche das Fatum, das mich diesen Tag hat erleben lassen. Rom brennt. Wir haben uns dem wütenden Flammengezüngel entgegengeworfen, wie der Löwe den Hunden: aber die Uebermacht wird uns zu Grunde richten. Komm, Cäsar! Hilf uns kämpfen! Gönne den Römern deine kraftverleihende Gegenwart! Dir allein kann es gelingen, dem Verhängnis noch in den Arm zu fallen.«

Nero, von Poppäa Sabina und einem großen Gefolge begleitet, machte sich sofort auf den Weg.

Das Unglück, das er in Rom vorfand, übertraf alles, was seine bängste Befürchtung sich ausgemalt. Bei seiner Ankunft brannte bereits ein Achtel der Stadt. Er war sichtlich erschüttert.

Tiefer noch bewegte das unerhoffte Ereignis die staats- und weltkluge Poppäa Sabina. Sie wußte, daß sie im Widerstreit gegen die heimlich gärende Feindschaft der Aristokratie und der Mittelklasse keinen besseren Verbündeten hatte, als den Pöbel, der Brot und Spiele verlangte und ›Ave Cäsar!‹ schrie, sobald die Cirkuspferde gut ausgriffen. Nun waren die Wohnsitze just dieser Mindestbegüterten vorzugsweise ein Raub der Flammen geworden. Das schien der Kaiserin mehr als bedenklich. Der so dynastisch gesinnte Pöbel war unberechenbar. Er hatte die Eigenart, pathetisch zu jubeln, wenn er satt und vergnügt war, aber sofort zu murren oder Soldaten zu prügeln, wenn durch Zufall einmal die ägyptischen Kornschiffe ausblieben. Der allmächtige Kaiser, dem diese Leute ihr Wohl verdankten, war ihnen auch verantwortlich für ihr Wehe. Sie suchten in seiner mystisch erhabenen Person die letzte Ursache aller Erscheinungen. Wie leicht konnte nun die halb schon rasend gewordene Menge auf den Einfall geraten, die gleiche unvernünftige Haltung bei diesem furchtbaren Elementarunglück einzunehmen, das so ungezählte Tausende ihres Obdachs beraubte?

Poppäa teilte ihre Gedanken dem Cäsar mit.

»Ebendeshalb bin ich hierhergekommen,« versetzte Nero. »Sie sollen gewahren, daß ich wirklich ihr Gott und Erlöser bin.«

Er wandte sich ernsten Blicks zu seiner Gefolgschaft.

»Es ist keine Zeit zu verlieren. Nicht einmal die Gewänder dürfen wir wechseln. Wir teilen uns in zwei Gruppen. Ich, der Cäsar, führe die eine; du, Tigellinus, die andre. Jeder von euch wird ohne Widerspruch leisten, was ihm befohlen wird, sei er nun Konsular oder Pferdelenker. Wo einer sich auszeichnet durch Tapferkeit oder Besonnenheit, da lohn' ich's ihm fürstlich; ist er ein Sklave, so erhält er die Freiheit und ein Rittervermögen. Tigellinus, bleibe du hier in der Südstadt; ich mit den Meinen wende mich nach der Subura! Vorwärts! Heute noch soll die ewige Roma gerettet sein: denn der Kaiser befiehlt's.«

Die beiden Abteilungen trennten sich, um die Löscharbeiten zu organisieren.

»Der Imperator im Funkenregen!« klang es durch die erstaunte Bevölkerung. »Poppäa vor den zerberstenden Trümmern! Heil! Heil! Nun muß die Tollwut der Flammen zurückweichen! Nun hat Roma gesiegt!«

Und die ewige Stadt hätte gesiegt, wäre nicht jener Auswurf gewesen, der überall aus dem Unglück der Allgemeinheit ruchlosen Vorteil zieht.

In der schauerlichen Verwirrung, die noch dadurch erhöht wurde, daß die meisten Regionen des Nord- und Ostviertels ohne jede polizeiliche Aufsicht blieben, quoll urplötzlich ein vielhundertköpfiges Raubgesindel ans Tageslicht.

Unter dem Vorgeben, die Habseligkeiten bedrohter Häuser in Sicherheit bringen zu wollen, plünderten diese Hyänen mit unerhörter Schamlosigkeit, übten Gewalttaten jeder Art aus und fanden zuletzt die ganze grausenhafte Komödie so lohnend, daß sie, trunken von dem glänzenden Resultat ihrer Raubzüge, das verderbende Feuer auch in solche Stadtteile trugen, die bis dahin verschont geblieben.

Als Claudius Nero am Abend desselbigen Tages in dem hochgelegenen Haus des Mäcenas todmüde aufs Lager sank, brannte die Stadt bereits an vier verschiedenen Punkten.

Das Palatium selber war in Schutt und Asche gestürzt, nachdem die Soldaten der Leibwache eine Reihe der wertvollsten Kunstschätze glücklich gerettet hatten.

Zu der schmachvollen Niedertracht dieser Raub- und Mordbrenner gesellte sich nun, als letzter entscheidender Faktor, die Ungunst der Witterung.

In der Frühe des folgenden Tages erhob sich ein Sturm, der nun binnen wenigen Stunden dem Brand eine Ausdehnung gab, die alle bisherigen Operationen nutzlos erscheinen ließ. Wie ein Heer fackelschwingender Furien raste das Unheil über Theater und Tempel, über die Prachtgebäude der Via Lata und die niederklirrenden Kaufhallen des Argiletums. Die fieberdumpfe Subura schwelte in gleicher Lohe wie die gärtenumringten Lusthäuser der regierenden Konsuln und der vornehm-ernste Palast des Pontifex Maximus.

So weit das Auge reichte: nichts als tiefrote Gluten, weißleckende Flammen, schaurig bestrahlte Rauchwirbel, die, von der Windsbraut gepeitscht, in östlicher Richtung zum Firmament sausten. Unerschöpflich blitzte und zischte und qualmte es aus den hunderttausend Vulkanen hervor, die ehedem Rom geheißen. Die Luft dröhnte und zitterte, wie von unterirdischen Donnerschlägen; die versengende Hitze warf alles Leben, das von dem Hauch des gigantischen Hochofens überströmt wurde, augenblicklich zu Boden.

Die Verzweiflung des gepeinigten Volkes hatte nunmehr den äußersten Grad erreicht. Wild-gelles Geschrei, wie von plötzlich Verrücktgewordenen, durchtobte die noch unzerstörten Regionen. Drohendes Wutgebrüll mischte sich unter die kreischenden Angstrufe.

Die Opfer an Menschenleben zählten nach Tausenden.

Furchtbare Einzelheiten gingen von Mund zu Mund.

Ein ganzes Häuserquadrat war so jählings von den Flammen umzingelt worden, daß sämtliche Insassen – Kinder, Kranke und Greise – bei lebendigem Leibe verbrannten.

In der Subura stürzten viele der schlechtkonstruierten Mietsgebäude schon ein, wenn das benachbarte Haus zu weichen anhub. Dutzende der ärmlichen Inquilinen, die sich abmühten, ihre Habe zu retten, wurden so von den Balken und Wandfüllungen erschlagen, oder, was gräßlicher war, unter den furchtbarsten Qualen festgeklemmt, bis der glühende Schwalch sie erstickte oder das Glimmen des Schuttes langsam ihre halbzerschmetterten Glieder verzehrte.

Die Ungeheuerlichkeit der Gefahr, die sinnlose Angst vor der entsetzlichsten aller Todesarten hatte Scenen herbeigeführt, deren Scheußlichkeit alles in Schatten stellte, was die blutbeträufte Verbrecherin Roma jemals erlebt hatte.

Söhne zertraten ihre wimmernden Väter, um sich empor zu der rauchumzitterten Luke zu schwingen, die allein noch die Möglichkeit des Entrinnens bot.

Mütter warfen ihre schreienden Kinder, die sie am Busen hielten, aufheulend in die Flammen, um so die Arme für die Zertrümmerung einer brennenden Wand frei zu bekommen.

Kurz, alle Bande des Herzens, der Natur, des Gesetzes erwiesen sich als gelöst vor der wahnsinnig-erregenden Uebermacht der tosenden Elemente.

Das Ende der Welt schien nahe zu sein.

Viele Bürger stürzten sich freiwillig in die Glut, entweder hingerissen von jener dämonischen Zauberkraft, die den schauder-erfüllten Wanderer in die Tiefe des Abgrunds reißt, oder in zielbewußtem Todesverlangen, um nicht Zeuge zu sein des Untergangs der, ach, so unsäglich geliebten Roma.

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