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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Achtes Kapitel.

Octavia saß mit einer Sklavin im Oecus und lauschte der Vorlesung eines Briefes, den der geheimnisvolle Apostel Paulus schon vor Jahren aus Philippi in Thracien an die Nazarenergemeinde zu Korinthus gerichtet.

Das ehrwürdige Dokument, um seiner schlichten, herzbewegenden Innigkeit willen höher geschätzt, als viele andre Episteln des unermüdlichen Christusverkünders, war in zahlreichen Exemplaren vervielfältigt worden und befand sich in den Händen fast sämtlicher Nazarener, die lesen konnten.

Die Sklavin, vor dritthalb Jahren getauft, ein zwanzigjähriges Mädchen aus Argolis, legte in die ergreifenden Worte, die sie der Kaiserin vortrug, allen Wohlklang ihrer melodischen Tiefstimme, alle Glut ihres Glaubens.

Octavia, die bis dahin stets nur mit einer staunenden Neubegier, und noch halb widerstrebend, den Thaten und Worten des großen Apostels gefolgt war, und, aller Teilnahme für die Lehren des Nazarenertums ungeachtet, im Innern festhielt an der stillen, altrömischen Ehrfurcht vor dem gewaltigen Jupiter, fühlte zum erstenmal das Wehen eines allbesiegenden Geistes, da die Sklavin nach kurzer Pause jetzt fortfuhr:

»Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen rede, und habe die Liebe nicht, so bin ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.

Und wenn ich weissagen kann und alle Geheimnisse weiß, und jede Erkenntnis habe und allen Glauben, so daß ich Berge versetze, und habe die Liebe nicht, so bin ich ein Nichts.

Und wenn ich all mein Besitztum den Armen schenke, und meinen Leib dahingebe, auf daß er verbrenne, und habe die Liebe nicht, so kann mir's nicht frommen.

Die Liebe ist langmütig und freundlich; die Liebe eifert nicht. Die Liebe treibt nicht Mutwillen; sie ist nicht hoffärtig.

Sie ist nicht ungebärdig; sie suchet nicht das Ihre; sie läßt sich nicht erbittern; sie trachtet nicht nach Verderblichem.

Sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit; sie freuet sich aber der Wahrheit.

Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe endet nicht . . .«

»Phöbe,« unterbrach hier Octavia die Sklavin, »ich bitte dich! Eine Sekunde nur laß mir Zeit.«

Die junge Fürstin hatte die Hand fest auf die Augen gepreßt.

»Die Liebe endet nicht . . .« wiederholte sie langsam. »Sie sucht nicht das Ihre; sie trägt alles . . . Noch einmal, Phöbe! Diese Stelle noch einmal . . .!«

Phöbe gehorchte. Die Augen starr auf das mildverklärte Antlitz des Mädchens geheftet, hörte Octavia ihr zu.

Und wieder klang es ihr wie Musik aus einer überirdischen Welt entgegen: »Die Liebe endet nicht . . .«

Da plötzlich – welch ein gespenstisches Hin und Her! Hastige Schritte im Atrium, angstvolles Murmeln, und gleich danach ein leises Geklirre, wie von Gewappneten, die vorsichtig auf den Zehen schleichen . . .

Octavia sprang auf. In die Thüre tretend, prallte sie wider die zwei prätorianischen Hauptleute, die von Poppäa mit der Vollstreckung des Todesurteils betraut waren.

»Herrin,« sagte der eine, »wir kommen im Auftrag des Imperators. Erspar uns die Worte, die uns nur mühsam über die Lippen wollen! Hier, lies!«

Er zeigte der bebenden Fürstin das Dokument.

Sie warf einen Blick darauf, scheu, ungläubig, ach, und dennoch gebannt, wie das Vöglein, das in den Rachen der Schlange starrt.

Dann endlich begriff sie. Laut aufjammernd, brach sie in ihre Kniee. Unter glühenden Thränen flehte sie um ihr Leben, sie, die Unglückliche, die Enterbte, für die Leben und Leiden doch eins war.

Glomm vielleicht immer noch eine Hoffnung unter der Asche ihres zerstörten Daseins?

Oder hatte der furchtbare Widerstreit der Gefühle die Kraft ihrer Jugend vollständig aufgesaugt, damit ihr das Schicksal auch den letzten Trost der Verzweiflung nähme: die Hoheit eines würdigen, mutvollen Todes?

»Erbarmen!« rief sie, die zitternden Hände ringend. »Ich bin noch so jung und habe nur Gram erfahren auf dieser Welt! Laßt mich entrinnen, weit hinaus bis zu den Säulen des Herkules! Nur die Sonne will ich noch schauen, und die himmlische Luft noch atmen, ach, die süße, himmlische Luft!«

Schon schwankten die Centurionen, denn es war eine harte Arbeit für ehrliche Kriegsleute, an diesem lieblich-zarten Geschöpf, das doch von Rechts wegen aller Ehren des Thrones teilhaftig war, Henkersdienst zu verrichten.

Bald aber siegte die Furcht vor Poppäa und die Besorgnis um die eigene Sicherheit.

»Herrin, es geht nicht!« sagte der Aelteste. »Der Kaiser befiehlt: die Centurionen müssen gehorchen.«

Er zückte das Schwert, aber die Waffe entsank seiner Hand beim Anblick dieser herzzerreißenden Todesangst. –

»Tritt her!« sagte er zu dem Jüngeren.

Da auch der nicht den Stoß führen wollte, so winkte der erste seinen Begleitern und gab den Befehl, die Fürstin mit aller Schonung zu fesseln.

»Vergib mir!« sagte er feuchten Auges, während die Prätorianer ihr mit weichen Wolltüchern Hände und Füße banden. »Ich frevle, aber ich muß. Wenn's eine Gottheit gibt und ein zukünftiges Leben, und du erschaust sie in ihrer Herrlichkeit, so bitte für mich, daß sie mir diese Unthat verzeihe!«

Nun ward die halb Ohnmächtige in ein lauwarmes Bad gebracht, wo man mit einem haarscharfen Dolch ihr die Adern öffnete.

»Herrin, es thut nicht weh,« sagte der ältere Centurio. »Du wirst leise dahinschwinden – gerade, als wenn du einschliefst.«

Aber dies Leben sträubte sich mit verzweifelter Hartnäckigkeit gegen die ewige Nacht, in der es, dem Lauf der Natur zuwider, so früh schon erlöschen sollte. Langsam nur, und allmählich versagend, quoll das Blut aus der Wunde. Schreckliche Zuckungen stellten sich ein; den halbgeöffneten Lippen entrang sich ein Aechzen der unbeschreiblichsten Qual.

Da überkam den alten Kriegsmann ein Schauer. Aufstöhnend griff er mit nerviger Faust in ihr volles, lichtbraunes Haar und drückte ihr den Kopf unter das Wasser.

Nach kurzer Zeit war alles vorüber. Der Centurio aber, der sie ertränkt hatte, stieß einen schrecklichen Fluch aus wider den Kaiser und die Metze der Hofburg, zog sein Schwert und durchbohrte sich selbst.

Sein jüngerer Genosse hieß den Leib der gemordeten Kaiserin und den des unglücklichen Kameraden im Atrium aufbahren und mit Tüchern bedecken, damit späterhin die Verbrennung stattfände.

Das Haupt aber der Octavia brachte er, den Befehlen Poppäas gemäß, nach Rom und überreichte es seiner erlauchten Auftraggeberin.

Diesmal hatte Poppäa ihr Lügengewebe so gut gesponnen, daß es ehrliche Leute gab, die ihr halbwegs zu glauben schienen. Die Aktenstücke mitsamt dem gefälschten Briefe Octavias gelangten im Senat zur Verlesung. Die einzigen Stimmen, die sich erfolgreich für die Ehre der ruchlos Dahingeschlachteten hätten erheben können, waren verstummt. Flavius Scevinus weilte in Mediolanum; Thrasea Pätus und Barea Soranus, des Hochverrats und des Verbrechens wider die kaiserliche Majestät beschuldigt, saßen hinter den festen Mauern des Staatsgefängnisses. Wer sonst noch einen Funken von Ehrgefühl sich bewahrt hatte, wie Piso, der vornehm lächelnde Epikuräer, blieb neuerdings den Verhandlungen grundsätzlich fern, um nicht entweder feig und niederträchtig erscheinen, oder den eigenen Kopf zwecklos aufs Spiel setzen zu müssen. So geschah's denn, daß die kapitolinische Körperschaft den an Octavia begangenen Mord als eine politische Großthat feierte und den Beschluß faßte, in sämtlichen Heiligtümern der Hauptstadt Dankesopfer zu bringen, zum Preise für die Errettung des Kaisers und des römischen Reichs vor den Ränken Octavias.

»Elendes Hundegesindel, diese Herren im Purpur!« lachte Poppäa, da sie von diesem Beschluß Kunde bekam. »Die Spül-Sklaven des Küchenmeisters sind Heroen gegen die Speichellecker vom Kapitol! Sie sollen künftig danach behandelt werden!«

Vier Wochen später feierten Claudius Nero und Poppäa Sabina ihre Vermählung.

Die leichtlebige, jedem neuen Eindruck zugängliche Bevölkerung hatte sich inzwischen beruhigt.

Die Gegner Poppäas, die hier und da im Palatium selber gegen die eheliche Verbindung mit Nero heimlich gewirkt hatten, schienen verstummt.

Durch persönliche Liebenswürdigkeit und reichliche Geldspenden wußte die neue Kaiserin bald das nämliche Volk zu erobern, das einst ihre Bildnisse umgestürzt und in den Staub geworfen.

Ihr Ansehen erreichte den Gipfelpunkt, als sie im Februar des folgenden Jahres ihrem Gatten eine Tochter gebar.

Der Festjubel, der die Zweimillionenstadt mehrere Tage lang vom Janiculus bis zur Labicanischen Straße durchbrauste, war ebenso unbeschreiblich als der Wonnetaumel des Imperators.

Wie leidenschaftlich aber der Kaiser die schöne Poppäa liebte, das zeigte sich deutlicher fast in dem Schmerz, der dem stürmischen Freudenrausch unmittelbar folgte.

Noch hatte die junge Mutter sich nicht vom Lager erhoben, als das Kind, dem ganz Italien wie einer welterlösenden Göttin zugejauchzt hatte, plötzlich starb, – vermutlich infolge der großen Gemütsbewegungen, die Poppäa während der letzten Monate vor der Geburt durchgemacht hatte.

Man suchte ihr das Mißgeschick zu verheimlichen. Aber da sie nun immer energischer nach der Tochter verlangte, die ihr vor wenigen Stunden noch in den Armen gelegen, und Nero zaghaft zu ihr herantrat und flüsterte: »Fasse dich, süße Poppäa: unsre Blume ist tot!«: da sank sie mit einem verzweifelten Aufschrei in die Kissen zurück und verlor die Besinnung.

Drei Tage lang delirierte sie. Einmal war sie nahe daran, sich die Stirn zu zerschmettern. Zur rechten Zeit noch fing der Kaiser sie auf.

»Octavia,« schrie sie, »die kinderlose Octavia! Seht, dort steigt sie empor aus dem Totenreiche! Sie rächt sich! Sie trinkt mit ihren blassen Lippen mein Herzblut!«

Nero hegte und pflegte sie unermüdlich. Alles versäumend saß er an ihrer Lagerstatt, – tagelang, wochenlang.

Ende März trat sie zum erstenmal, auf den Arm ihres Gatten gestützt, über die Schwelle des Krankenraums. Rings im Säulenhof glänzte die Frühlingssonne; warm und wohlig spielte die Luft um das Haupt der Genesenen. Ueber ihr schönes Antlitz bebte ein Lächeln, so fein, so schimmernd wie die Wasser des Springquells. Dieses Lächeln besagte: ›Ich litt, – aber als Kaiserin!‹

Poppäa Sabina stand nun am Ziele. Der Verlust ihres Kindes erschien ihr nachgerade wie ein Tribut gegen die Götter, den sie willig bezahlen mußte, wenn sie vor dem Neid der Unsterblichen sicher sein wollte.

Sie strengte jetzt alles an, um sich auf der einmal errungenen Höhe fest zu behaupten. Das Beispiel Octavias hatte sie gründlich belehrt, wie wenig die Stellung der Kaiserin zu besagen hat, wenn die Neigung des Imperators nicht dauernd beherrscht wird.

Sie erwies sich als Meisterin in der Kunst, die Sehnsucht und Liebe ihres Ehegemahls nicht einschlummern zu lassen, ihn bald in die tollsten Zerstreuungen zu stürzen und dann wieder zärtlich an ihre Brust zu ziehen, damit er empfinde, daß hier allein, in der Umschlingung ihrer wonnigen Arme, seine wirkliche Heimat sei.

Jeder Laune zeigte sie sich gefügig – ohne Bedenken, ohne Furcht, ohne Gewissensbisse.

So gab sie ihm zwar, was er dankerfüllt das wahrhaftige Glück nannte, aber sie trug auch mehr als irgend wer sonst dazu bei, die ungezügelte Tollheit, die hohnerfüllte Mißachtung jeder Gerechtigkeit, kurz, den Cäsarenwahnsinn ihres Gemahls völlig zur Blüte zu bringen und jenen furchtbaren Dämon zu zeitigen, der noch jetzt wie ein rätselhaftes Gespenst zu uns herüber funkelt aus den gähnenden Tiefen der Weltgeschichte.

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