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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Drittes Kapitel.

Es war acht Tage später.

Man hatte sich im Palatium soeben von der Frühstückstafel erhoben.

Agrippina lehnte auf blumiger Ottomane unter den Bäumen des Xystus und plauderte mit einer kleinen Schar Auserwählter, an deren Spitze sich wie gewöhnlich der Staatsminister und Philosoph Lucius Annäus Seneca durch Geist und Frische hervorthat. Ihm zur Seite stand Burrus, der Oberst der Leibwache. Zum erstenmal seit seiner Genesung war er heut in der Hofburg zu Gaste und nun erlabte er sich an dem Bilde der Herrscherin wie ein Mitrasdiener am Glanz der Sonnenscheibe. Auch der jugendliche Poet Lucanus, ein Neffe des Seneca, befand sich im Kreis der Erkorenen; denn die beißenden Epigramme, die er auf diese oder jene Persönlichkeit der römischen Aristokratie zu fertigen wußte, hatten ihm bei der Kaiserin mehr genützt als selbst die eifrigen Empfehlungen seines Oheims.

Während so Agrippina auf ihre Art Hof hielt und alle diejenigen wahrhaft entzückte, denen die vollerblühte Erscheinung des stolz prangenden Weibes nicht allzu weltgebietend und mannhaft erschien, hatte sich Nero, der ernsten Mahnungen seines gelehrten Meisters uneingedenk, heimlich hinweggeschlichen.

Im Gemüte des jungen Fürsten regte sich nachgerade, halb im Widerspruch mit dem künstlich herangezogenen, weisheitstriefenden Nero, ein andrer, minder pathetischer, der – von dem lebenslustigen Adjutanten Sophonius Tigellinus beeinflußt – zuweilen die Oberhand über den ersten gewann und schüchterne Anstalten machte, das Leben und seine mannigfachen Genüsse praktisch kennen zu lernen. Sophonius Tigellinus aus Agrigentum war dem Kaiser zuerst im Circus Maximus näher getreten, als der Besitzer nämlich der auserlesensten, immer siegenden Rennpferde. Nero ließ ihn ans kaiserliche Pulvinar entbieten, beglückwünschte ihn und war von der bestechenden Liebenswürdigkeit des glänzenden Kavaliers so entzückt, daß sich bald eine wirkliche Freundschaft entwickelte. Da Tigellinus früher bereits den Rang eines überzähligen Militärtribunen bekleidet hatte, machte ihn Nero zum Offizier der prätorianischen Leibwache und erkor ihn zu seinem persönlichen Dienste. Seneca wollte zunächst zwar Einwendungen erheben, denn der dreißigjährige Tigellinus galt für den ausgesprochensten Herzenseroberer der Siebenhügelstadt und flößte auch sonst nur geringes Vertrauen ein. Nero jedoch betonte so sehr die gesellschaftlichen und künstlerischen Talente des Mannes, daß der Minister bald seinen Widerstand aufgab, und nur mit verdoppelter Sorgfalt über dem Wohl und Wehe des Imperators zu wachen beschloß.

Sophonius Tigellinus war es gewesen, der die abenteuernden Regungen Neros zuerst geweckt und neuerdings mit seiner köstlichen, ewig sprudelnden Laune in Handlungen umgesetzt hatte.

Insbesondere packte den Kaiser von Zeit zu Zeit eine mächtige Schaulust im kleinen, das reizvoll-dunkle Verlangen, sich, ohne erkannt zu sein, unter das Volk zu mischen, interessante Beobachtungen zu machen, Scenen, Begegnungen zu erleben und echte, unverkünstelte Menschlichkeit aufzusuchen.

Vorläufig schienen die Anwandlungen des Kaisers noch äußerst harmlos, und Sophonius Tigellinus hütete sich, in dieser Beziehung die Rolle eines Verführers gar zu deutlich zu spielen. Das wäre ihm, falls etwa Seneca davon Kunde bekommen hätte, teuer zu stehen gekommen. Aber er hoffte bestimmt, die Sache werde sich mit der Zeit machen. Was jetzt noch beinahe knabenhaft und kindlich erschien, das mußte allmählich, trotz aller Warnungen Senecas, in tolle Vergnügungssucht und rasende Lebensgier ausarten, – und dann war Sophonius Tigellinus Beherrscher der Situation. Die Stoa verdrängt durch die Lehren des fröhlichen Epikur; – Senecas philosophische Weisheit als drückende Last empfunden; – er, Tigellinus, als der trostreiche Erretter aus dem Sumpfe des Ueberdrusses und der Langeweile vergöttert: – das war eine Basis, von der es nur eines einzigen Schrittes zur höchsten Gewalt bedurfte!

Von all diesen hochfliegenden Plänen ließ der schlaue Agrigentiner natürlich nicht das Leiseste ahnen. Er gab sich den Schein, als teile er die jugendliche Sehnsucht des Kaisers – er, Tigellinus, der alles bereits genossen, der schon als Knabe in ungezügelter Freiheit geschwelgt hatte! Nero begriff nicht den Unterschied zwischen seinem Entwickelungsgange und dem des Agrigentiners, und glaubte ihm. Er hielt den verwöhnten, üppigen Lebemann für ebenso frisch, wie sich selbst. Er vergaß die freudlose Existenz, die er nach dem Tod seines Vaters Domitius Aënobarbus geführt hatte, bis die zweite Ehe der Agrippina mit dem damaligen Imperator Claudius ihn aus dem Dunkel emporhob. Der künstlerischen Veranlagung Neros schien es ja überdies selbstverständlich, daß ein Auge nach Bildern, ein Geist nach Stoff, eine glühende Phantasie nach Erlebnissen haschte.

Noch stand die Sonne hoch über dem langgestreckten Janiculus-Berg, als Nero und Tigellinus, in leichte Mäntel gehüllt, das menschenerfüllte Marsfeld betraten.

Die zehn Germanen der Leibwache, die man, um jedes Aufsehen zu meiden, vom Palatium her mit weggenommen, saßen bereits in einer der großen Tabernen unweit des Kapitols und tranken das Wohl des Kaisers und seines liebenswürdigen Adjutanten im roten Signiner.

Der Tag war herrlich. Die faltige Kopfhülle, die Nero und Tigellinus, wie zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen, übergestreift hatten, hinderte ihr Erkanntwerden, zumal ja in Rom, wo jeder vornehme Bürger sich stets nur mit einer größeren Gefolgschaft zeigte, keine menschliche Seele in den beiden einsamen Wandrern so hochgestellte Persönlichkeiten vermuten konnte.

Tief Atem holend, sog der Kaiser die warme und doch so erquickende Luft ein. Ueber den riesigen Baumgängen, die hier und da bereits die Verfärbung des Herbstes zeigten, glänzte ein tiefblauer Himmel. Die sorgsam gepflegten Rasenplätze prangten in leuchtendem Grün. Die Marmorbilder, die zahllosen Prunkläden, die Kolonnaden und Denkmäler schienen von reinerem Lichte umflossen als je. Durch die Hauptallee bewegte sich eine endlose Reihe von Sänften und Fußgängern. Rechts und links auf den Reitwegen sprengten feurige Kappadozier einher, schmalhufige Renner aus der Ebene von Hispalis und schnaubende Ponies. Rings aber in den buntverschlungenen Spazierwegen, zwischen den Lorbeer und Myrtenhecken, drängte sich ein farbenreiches Gewimmel aus den verschiedenartigsten Ständen: Senatoren in purpurverbrämter Toga, von zahlreichen Klienten und Freunden umgeben; vornehme Kleinasiaten in goldgesticktem Himation; schwarzlockige Perser mit hoher Tiara und kunstvoll gestickten Beinkleidern; blühende Griechenmädchen in krokusfarbenem Diploïdion; Aethiopier und Gallier, Freie und Sklaven, Kornspenden-Empfänger und Stutzer, Pädagogen mit ihren Schützlingen, Erbsenverkäufer und Schmuckhändler, beide mit gleich gellender Stimme ihre Ware empfehlend, Wahrsager, Schiffsknechte, Soldaten der Stadtkohorte und Invaliden.

»Fühlst du nun wieder, vielteurer Cäsar,« hub Tigellinus an, »wie vortrefflich mein Rat ist, wenn ich dir zuspreche, deinem Genius zu leben und die mühsamen Staatsgeschäfte dem herrlichen Dioskurenpaare Seneca und Afranius Burrus zu überlassen? Du bist jung, Cäsar! Du mußt die vielköpfige Menschheit, die du regieren sollst, in all ihren tausendfachen Gestalten erst kennen lernen.«

»Du hast recht, Tigellinus,« versetzte der Kaiser. »In der That, – was wäre ich ohne Burrus und Seneca? Und mehr noch: was wäre ich ohne dich? Beim Herkules, dir gelingt es doch, mich für Stunden wenigstens aus dem Banne zu lösen, den die Pflicht meines Herrscheramtes mir auferlegt. Ich bin Kaiser, – aber zuvor bin ich Mensch, und so spreche ich mit dem Poeten: Für alles Menschliche hab' ich ein flammenloderndes Herz!«

Sie erreichten jetzt den marmorglänzenden Festraum, wo das römische Volk einen immerwährenden Jahrmarkt feierte. Kauf und Schaubuden aller Art lockten hier in fröhlichem Durcheinander. Tummelplätze für Diskuswerfer und Ballspieler wechselten mit Garküchen, Weinschenken und duftigen Obstlagern ab. Weiter hinaus, am Ufer des Tiberstromes, ragten die Holzgerüste, von denen die Wettschwimmer sich in die kräuselnde Flut stürzten. Dazwischen allerwärts schattende Bäume, hochquellende Sträucher, schimmernde Blumenbeete und parische Götterstatuen.

Vor dem silberumschnürten Leinwandzelt eines ägyptischen Zauberers machte der Cäsar mit seinem Begleiter Halt.

Cyrus – so hieß laut Inschrift am oberen Zeltsaum der lockende Wundermann – war erst vor wenigen Tagen aus Alexandria eingetroffen und bildete jetzt schon den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Die bartumwallte Gestalt lehnte nachlässig neben dem Eingange. Gleichmütig lächelnd blickte er auf das massenhaft herandrängende Volk.

Dann plötzlich, als ob ihm eben nur so der Einfall gekommen sei, stellte er ein sechs oder siebenjähriges Kind auf den sogenannten magischen Dreifuß, überstülpte das Ganze mit einem mannshohen Spitzhute nach persischem Zuschnitt, berührte die bildergeschmückte Umhüllung mit seinem elfenbeinernen Stabe und hob sie empor.

Zum unbeschreiblichen Staunen des Volkes war das Kind spurlos verschwunden.

Nunmehr begab sich der Aegypter ins Innere, während zwei kraushaarige äthiopische Sklaven ihm den Dreifuß und den Papierhut unter mancherlei drolligen Bewegungen nachtrugen.

Alle Umstehenden jubelten Beifall. Auch Nero klatschte mit großer Lebhaftigkeit in die Hände.

»Ein Meisterstück,« sprach er leise zu Tigellinus. »Als wohlerzogener Lebenskünstler soll man nicht staunen; aber ich frage dich: hast du die leiseste Ahnung, wie er dies Wunder bewerkstelligt?«

Tigellinus versetzte achselzuckend: »Wenn nicht die Erde mit diesem Aegypter im Bunde ist, wenn sie nicht insgeheim ihre Tiefen öffnet, um das Kind zu verschlingen, wie einst den todesmutigen Curtius – so fehlt mir die Lösung.«

Jetzt trat ein gelb und rot gekleideter Herold auf das gezimmerte Podium und stieß dreimal mit voller Gewalt in seine dröhnende Tuba.

Hiernach lud er die edlen Quiriten und Quiritinnen ein, länger nicht zögern zu wollen.

»Drei Sesterzen!« so klang es gellend von seinen Lippen. »Drei Sesterzen nimmt man euch ab, um euch anderthalb Stunden hindurch zu Göttern zu machen! Cyrus, mein ruhmgekrönter Gebieter, der Stern des Morgenlandes, der Meister von Babylon, Susa und Alexandria, der Freund so vieler asiatischer Könige, der Liebling aller Völker vom Aufgang zum Niedergang, bietet euch seinen Gruß und fragt, ob jemals ein andrer euch das Gleiche für drei Sesterzen geboten hat? ›Nein!‹ werdet ihr antworten. ›Solches vermag nur Cyrus, der Einzige.‹ Also greift in den Bausch eurer Tunica und ersteht die Elfenbeinmarke, die euch berechtigt, anderthalb Stunden lang die Luft des Olympos zu atmen! Wenn ich zum zweitenmal hier in die Tuba schmettere, wird der unsterbliche Cyrus beginnen!«

In hellen Haufen strömten die Zuschauer rechts nach den Tischen, wo drei stämmige Friesen, gleichfalls in märchenhaftem Kostüm, die Marken verkauften.

Nero und Tigellinus folgten dem Beispiel der Menge.

Der Andrang war ein so heftiger, daß sich der Kaiser schon nach wenigen Augenblicken von Tigellinus getrennt sah.

»Freund,« rief Nero in griechischer Sprache über die Köpfe der jungen Mädchen hinweg, die es so eilig hatten, »sollten wir während der Vorstellung auseinander kommen, so treffen wir uns nach Schluß dort drüben am Ahornbaum des Agrippa!«

»Abgemacht!« nickt der Adjutant.

Das Zelt des Aegypters war von ungewöhnlicher Ausdehnung. Durch eine Längsspalte von der Breite eines Tricliniums fiel reichliches Oberlicht in den prächtig ausgestatteten Raum. Matten aus Spartgras überdeckten den Boden. Teppiche, die man von weitem für syrische halten konnte, hingen von silberdurchwirkten Schnüren herab. In der Mitte eines bühnenartig erhöhten Aufbaus, der vom Zuschauerraum durch bronzene Ketten abgesperrt war, stand ein großer Altar.

Unmittelbar dahinter öffnete sich nun langsam ein gewichtiger Vorhang aus tarentinischer Amethystwolle. In majestätischer Haltung trat der Magier aus den Falten der üppigen Draperien hervor, während draußen der Herold zum zweitenmal seine Tuba erdröhnen ließ.

Nero hatte sich – jetzt mit bewußter Absicht – weiter und weiter von Tigellinus getrennt. Er stand ziemlich vorn bei den Bronzeketten und schaute dem stolzen Aegypter erwartungsvoll in die blitzenden Augen.

Das erste, was der Magier zum besten gab, war sein bereits in Alexandria so hoch gepriesenes Wunder: die schwarze Eurydice. So nannte er, im Anklang an die hellenische Sage, die Tötung und Wiederbelebung einer schwarz gefiederten Taube.

Wie er das ängstlich flatternde Tierchen scheinbar in Stücke riß, da erklang unmittelbar in der Nähe des Kaisers ein leises »Ach!«

Er wandte sich um.

Die da hinter ihm stand, war keine andre, als das reizende blonde Mädchen, das für Artemidorus um Gnade gefleht hatte. Jetzt erst schien sich dem seltsam bewegten Jüngling der ganze Liebreiz dieses rosigen Angesichtes zu offenbaren. Der süße, halbgeöffnete Mund, der von den Zähnchen einen verführerisch blinkenden Streif sehen ließ, atmete Unschuld, Sehnsucht und Wonne zugleich; der Ausdruck des Staunens und des Bedauerns verlieh dem holden Kindergesicht etwas Mütterlich-Schmollendes . . .

Ach, und die Stimme!

Nero fühlte, wie ihn der flüchtige Ausruf immer noch unter dem Bann seines unbeschreiblichen Wohllauts hielt, wie es ihn stürmisch antrieb, diese Stimme weiter plaudern zu lassen, unbekümmert um alle Zauberkünste Aegyptens und Babylons.

Langsam, damit er nicht auffalle, trat er ein wenig zurück. Bald hatten sich andre ihm vorgedrängt. Er stand jetzt dicht an der Seite des jungen Mädchens und flüsterte bebend: »Kennst du mich noch?«

»Ja, Herr!« versetzte sie gleicherweise.

»So verrate mich nicht!«

»Wie du befiehlst.«

»Bist du allein?«

Sie zögerte eine Weile. Dann hauchte sie schüchtern: »Ich bin allein, Herr.«

»Wie heißt du?« fragte der Cäsar.

»Mein Name ist Acte.«

»Leben dir noch die Eltern? – Und welchem Stande gehörst du an?«

»Meine Eltern sind tot. Der Vater stammte aus Mediolanum, die Mutter aus Griechenland. Beide waren von unfreier Geburt.«

»Unmöglich! Du eine Sklavin?«

»Eine Freigelassene des Nicodemus . . .«

»Des Mannes, der zuweilen mit Seneca Philosophie treibt . . .?«

»Des nämlichen.«

Ein brausender Lärm ging jetzt durch die Reihen der Zuschauer.

»Herrlich! Herrlich!« jauchzte die begeisterte Menge. »Es lebe Cyrus, der Götterliebling!«

Das vielbewunderte Meisterstück »Eurydice« war in Scene gegangen, ohne daß Nero das Geringste davon bemerkt hätte. Er stand regungslos. In starrer Bewunderung blickte er dem jungen Mädchen ins Antlitz und prüfte wie traumverloren die berückende Lieblichkeit ihrer Züge. Wer unter allen senatorischen Damen konnte sich mit dieser leuchtenden Holdseligkeit messen? Keine, selbst nicht Poppäa Sabina, die jugendrosige Gattin des Otho, obgleich ganz Rom von der Herrlichkeit dieser Frauenblüte berauscht war! Und nun vollends Octavia, die zukünftige Kaiserin! Ja, Octavia war, vom Standpunkt eines hellenischen Bildners betrachtet, vielleicht untadelhafter; sie besaß eine fürstliche Gemessenheit der Bewegungen: aber wie kalt, wie öde, wie leblos berührte das alles im Vergleich mit der knospenden, duftigen Anmut dieser Niedriggeborenen!

»Unmöglich!« wiederholte der Cäsar. » Was behauptet Acte zu sein?«

»Eine Freigelassene.«

»Eine Göttin,« murmelte Nero, ihr leidenschaftlich die Hand pressend. »Kind, du hast keine Ahnung, wie unsterblich schön du bist!«

»Herr, du verwirrst mich . . . Siehe, ich weiß ja, die Großen der Erde lieben es, mit den Armen und Schutzlosen ihre Scherze zu treiben. Aber von dir, dem edlen Befreier des Artemidorus, kann und darf ich nicht denken, daß du die Absicht habest, meiner zu spotten . . .«

»Ich deiner spotten? Auf den Händen möcht' ich dich tragen wie eine Schwester. Ich beneide den Artemidorus, wie der Tote den Lebenden! Wenn' s dir genehm ist, du liebes Geschöpf, so treten wir aus dem Getümmel hier abseits. Dort drüben am Ausgange beobachtet uns niemand, – und ich habe dir noch so vieles zu sagen!«

Sie folgte ihm schweigend.

»Wahrhaftig, der Gedanke läßt mich nicht los,« fuhr er mit herzentquellender Stimme fort. »Artemidorus! Wer mit ihm tauschen könnte!«

»So glaube ich dennoch, du spottest meiner! Du, der allmächtige Princeps – und Artemidorus! Welch eine gähnende Kluft . . .!«

»Freilich, – aber zu meinem Nachteil! Artemidorus hat das entzückende Recht, dir die Stirne zu küssen, dich in die Arme zu schließen . . . Wie froh und selig muß ihm zu Mute sein, wenn dein frühlingsblühender Mund auf dem seinen geruht hat!«

»Ich küsse den Artemidorus nicht,« sagte das Mädchen bestimmt.

»Wie? Deinen leiblichen Bruder?«

»Das ist er nicht, mit Vergunst. Claudius Nero hat übersehen, daß Artemidorus dem fernen Damaskus entstammt, während Acte einen italischen Vater hat.«

»Aber du hast doch um Gnade gebeten für deinen Bruder . . .«

»Ja, Herr, – im Sinne der nazarenischen Lehre. Ihr zufolge sind alle diejenigen meine Brüder, die ein menschliches Antlitz tragen.«

»So hast du mich nahezu überlistet.«

»Wahrlich, nein! Frage doch einen der Unsern, ob ich dich täusche! Wir Nazarener nennen uns auch im Alltagsverkehr Brüder und Schwestern, – weil wir jegliche Schranke, die uns, nach Ansicht des Volkes, zu trennen scheint, als nicht vorhanden betrachten. Wir nennen uns so, ob nun der eine auch Sklave, der andre ein Ritter sei; denn Menschen sind wir durch unsre Geburt, Sklaven, Ritter und Senatoren aber durch Zufall, wenn nicht durch die Gewalt und die Ungerechtigkeit früherer Geschlechter . . .«

Leuchtenden Auges schaute der Cäsar in das holde Gesicht.

»Mädchen,« raunte er, ganz betäubt von ihrer zaubrischen Weiblichkeit, »du bist eine Frühlingsblume und redest doch weise wie ein Pythagoräer. Was du gesprochen, ist nicht mehr und nicht weniger, als der tiefinnerste Kern jener Philosophie, die mir Seneca in die Seele geträufelt. Du beschämst mich tief. Ich glaubte mit meiner Weltanschauung hoch über den besten meiner Zeitgenossen zu stehen, und nun finde ich hier eine kaum erblühende Jungfrau, die das gleiche empfindet, ja, die es klarer und trefflicher ausdrückt, als mein bewunderter Meister! Träume ich denn? – Hat sich denn Plato mit Sokrates und dem wuchtigen Zeno in eins verschmolzen, damit diese göttliche Dreizahl in Gestalt eines Mädchens aufs neue geboren würde?«

Das Antlitz des Imperators schien bei diesen Worten hellster Begeisterung von einem Feuer durchglüht, das alle Züge verklärte, alle Bewegungen adelte. Die großen Pupillen saugten sich gleichsam fest an Actes tiefblauen Augen. Um die schwellenden, kaum vom ersten Flaume bedeckten Lippen bebte ein Zug unendlicher Sehnsucht, – so beredt, daß selbst ein Ungeübter ihn ablesen konnte. Es war das übersprudelnde, heiße Bekenntnis einer ersten, vergötternden Liebe.

Ungeübt waren nun freilich die Augen nicht, die aus dem Menschengewühle heraus den Imperator beobachteten, so verschieden auch der Gang ihrer Schulung und Erfahrungen sein mochte.

Sophonius Tigellinus, der schlaue, lebenslustige Agrigentiner, verfolgte die Scene zwischen dem Kaiser und dem hocherrötenden Mädchen mit jenem Behagen, das den Lehrer ergreift, wenn er wahrnimmt, wie die Saatkörner, die er ausgestreut, Wurzel schlagen. Claudius Nero schien auf bestem Wege, den hochnäsigen Philosophen Seneca für einen Esel zu halten, und was bis dahin Ausnahme war, zur Richtschnur der Existenz nehmen zu wollen. Die Kleine da mit dem wallenden Blondhaar und den küßlichen Lippen war ganz allerliebst. Hätte nicht Nero so unverhofft angebissen, so würde Sophonius Tigellinus vielleicht in eigener Person . . . Beim Hercules, er konnte sich vorstellen, daß ein kleines intimes Gelage – Cäcuber, Cyprier und dann die Knospe da als Dessert – selbst für ihn seine Reize gehabt hätte. Daran war nun allerdings nicht zu denken, und das blieb sich im Grunde auch gleich, denn Sophonius Tigellinus hatte die Auswahl unter den Schönsten und Vornehmsten; er brauchte die Hand nur auszustrecken, und selbst Poppäa Sabina schlug ihrem Ehegemahl ein Schnippchen . . . Ja, ja, davon war er fest überzeugt, der glänzende Tigellinus, – und nächstens wollte er sich die Sache einmal überlegen. Vorläufig hatte er alle Veranlassung, über das Resultat dieser Marsfeldwanderung zufrieden zu sein, kolossal zufrieden, denn Claudius Nero ging in der That ganz über alle Erwartung ins Zeug, – bei der Pferdegöttin Epona, ganz über alle Erwartung! . . .

Das andre Augenpaar, das unbemerkt auf dem Kaiser und seiner rosigen Partnerin weilte, gehörte dem Nicodemus. Durch seine Späher und Horcher hatte er in Erfahrung gebracht, was Tigellinus und Nero für die Zeit zwischen dem Frühstück und dem Hauptmahl geplant hatten. Sofort war er mit Acte nach dem Marsfeld geeilt, – und als er des Kaisers ansichtig ward, zog er sich schleunigst zurück, alles übrige der Klugheit des jungen Mädchens anheimgebend. Acte, die erst seit einigen Wochen in Rom weilte – sie hatte bis dahin eine Verwandte des Nicodemus in Ostia gepflegt – war in den Kreisen der Nazarener fast schon berühmt geworden wegen der wundersamen Kraft und Eindringlichkeit ihrer Bekehrungsversuche. Die Anhänger, die sie der Lehre Christi erworben hatte, zählten nach Dutzenden. So hatte sich denn der rastlose, fieberische Nicodemus entschlossen, dem verblüffenden Ziele, das er sich vorgesetzt, nicht nur auf dem Weg über Seneca, sondern unmittelbar nahe zu kommen und Acte, die unwiderstehliche Fürsprecherin, schlankweg in den Gesichtskreis des Imperators zu stellen. Ehedem Inhaber eines bedeutenden Handlungshauses, war Nicodemus auf einer Orientfahrt mit den Lehren der Nazarener bekannt geworden; der Tod eines geliebten Sohnes festigte in seinem trostbedürftigen Herzen die Ueberzeugung von der göttlichen Wahrheit des Christentums; und nachdem ihn der Glaube siegreich über den Jammer dieses Verlustes emporgehoben, brannte er nun von einer wahrhaft verzehrenden Glut, diesem Allheilmittel zum endgültigen Triumph über die Irrlehren des römischen Staats zu verhelfen. Wohlvertraut mit der Philosophie des Seneca, den er in früheren Jahren durch finanzielle Gefälligkeiten dringend verpflichtet hatte, fand er die innere Verwandtschaft zwischen der Lehre Jesu und dem weltverachtenden Stoicismus freudig heraus und knüpfte daran die tollkühne Hoffnung, mit einiger Klugheit den Zögling des Seneca in den Jünger des Zimmermannssohnes von Nazareth zu verwandeln.

Acte schien ihm als Mittel zu diesem Zweck wie geschaffen, nicht nur um ihrer warmherzigen Beredsamkeit willen, sondern auch – so sehr er sich dies verhehlte –, weil sie der Inbegriff aller Anmut und Weiblichkeit war. Sie würde auf Neros Gemüt, vielleicht sogar auf sein Herz wirken, – und was schadete es, wenn hier der welterlösende Glauben ausnahmsweise einmal seinen Einzug hielt auf den Flügeln der irdischen, baldvergänglichen Liebe? Acte wußte ja, was sie sich schuldig war . . . Sie würde im letzten Moment noch die Kraft finden, ihre Tugend aus der tosenden Brandung ans Ufer zu flüchten.

So legte sich Nicodemus die Sache zurecht . . . .

In Wahrheit und sich selber nicht klar, hatte er das Gefühl: »Und wenn dies eine Lamm auch zu Grunde geht, – der großen Herde wird sein Verderben zum Heil gereichen.« Der Bethörte hatte vergessen, daß aus dem Ueblen und Schändlichen niemals ein Gutes entsproßt; die vorurteilsfreie Abschätzung der Dinge war ihm abhanden gekommen.

Jetzt verfolgte er, durch die Gestalt eines breitschulterigen Chamaven gedeckt, die rasch wachsende Vertraulichkeit seiner Freigelassenen und Claudius Neros mit fast dämonischer Freude. Das alles spielte sich herrlicher ab, als er jemals gehofft hatte. Das Antlitz des Imperators zeigte nichts von jener schäkernden Leichtmütigkeit, die sonst das Anknüpfen gewisser Beziehungen mit Schönheiten von niederer Geburt charakterisiert; hier glänzte vielmehr eine bewundernde Sympathie, eine fast scheue Verehrung. Wenn Acte sich klug benahm, konnte sie das Herz dieses edelveranlagten Jünglings formen und bilden wie hymettisches Wachs.

Eine Weile noch hatte die Unterredung zwischen dem Cäsar und der lieblichen Freigelassenen fortgedauert. Plötzlich ergriff Nero, von seinen Empfindungen überwältigt, beide Hände des jungen Mädchens und drückte sie stürmisch an seine Brust.

»Acte,« sprach er, »du hast mir's angethan mit der flutenden Melodie deiner Rede, mit der himmlischen Anmut und Klugheit deiner tiefblauen Augen . . . Was du so flüchtig nur angedeutet, weckt mir die gewaltigsten, unermeßlichsten Bilder! Laß uns Freunde sein, Acte, wirkliche Herzensfreunde! Jetzt verstehe ich erst, was ich jüngst im Saturnaliengedichte des jungen Lucanus las: daß jegliche Offenbarung vom Weibe kommt. Du, Acte, hast die Reinheit und Größe des Wollens: ich aber besitze die Macht. Ich brauche die Hand nur zu recken, und die Dinge des Weltreichs verwandeln sich, wie die kleinen Spielzeuge hier unter dem Zauberstabe des Cyrus. Wenn wir mutig zusammenstehen, du und ich . . . Ach, wie reizend du bist, wie gar so herrlich und wonnesam!«

Voll brünstiger Zärtlichkeit küßte er der Glutüberströmten die Fingerspitzen. Sie entzog sich ihm, – fast mehr durch die bittende Kraft ihres Blickes, als mit Gewalt.

»Besuche mich im Palatium,« fuhr Nero fort. »Hier dieser Ring wird dir jederzeit freien Zutritt verschaffen. Seneca muß dich kennen lernen. Du scheinst mir die großen Probleme des Nazarenertums tiefer zu fassen als Nicodemus. Willst du, Acte?«

Er hatte den Siegelring vorsichtig abgezogen und bot ihr ihn jetzt, wie der Bräutigam der Braut eine Rose bietet.

»Dank, Herr,« stammelte Acte verwirrt, – »aber mir sagt eine innere Stimme, daß ich dies Kleinod nicht nehmen darf; ebensowenig wie es mir zusteht, die Schwelle der Hofburg zu überschreiten.«

»Thorheit! Wenn der Cäsar selbst es verlangt! Ah, – du fürchtest für deinen Ruf? Freilich, die verlästernde Welt geht um so rascher ans Werk, je frühlingsfrischer der Gegenstand ihres Hasses ist. Komm also stets nur in Begleitung des Nicodemus . . .«

»Vielleicht, Herr!«

»Weshalb sagtest du nicht ohne Umschweife Ja? Sieht es nicht aus wie Vorausbestimmung, daß wir uns hier zum zweitenmal treffen mußten, nachdem du vor wenigen Tagen erst meine Pfade durchkreuzt und meine Seele mit Sympathie erfüllt hast?«

Acte errötete heftig. Wie in tiefer Beschämung senkte sie schweigend die Augen.

»Also du kommst?« wiederholte der Kaiser.

»Ich will zusehen, ob ich es wagen kann.«

»Wie du glühst, Acte! Seh' ich denn aus, als ob ich dir Uebles wollte? Du sollst meine Schwester sein, meine herzliebe Schwester; – sonst vergeh' ich vor Sehnsucht. Ueberlegst du auch? Nero bietet dir seine Bruderhand, Nero, um dessen Gunst sich Könige in den Staub werfen!«

»O, ich weiß, was diese Gunst wert ist!« sagte sie tieftönig. Es klang eine mächtige, überzeugungsfrohe Kraft in dieser vibrierenden Mädchenstimme. Nero war wie berauscht.

»So bleibt es dabei, du Süße, du Herrliche! Welch ein Gedanke von Tigellinus, mich heute, in dieser Stunde just, nach dem Marsfeld zu locken! Alle Schätze des Reichs können's nicht aufwiegen! Er ist ja ein Thor, ein Mann des Augenblicks, ein Gedankenfeind, – aber dennoch hat er mir mehr gegeben als Seneca mit all seiner Weltweisheit.«

Dröhnender Beifall und gleich darauf ein helles Fanfarengeschmetter bezeichnete jetzt den Schluß der Vorstellung.

»Herr,« flüsterte Acte, da Nero Miene machte, ihr nach dem Ausgang zu folgen, »wenn du mir wohl willst, so lässest du mich allein. Ich möchte erkannt werden, – ach, und du ahnst nicht – wie lieblos und erbärmlich man urteilen würde.«

»Gut, Acte! Du siehst, ich gehorche schon fast wie ein Sklave. Aber den Ring wirst du nehmen? Ich bitte dich herzlich darum.«

»Wohlan denn . . .« stammelte sie bewegt. Der schwere Goldreif glitt ihr über den Mittelfinger. Hier paßte er, als sei er eigens für sie gefertigt. Ein sonderbares Gefühl überrieselte sie, halb Wonne, halb Weh und ahnungsvolle Besorgnis. Es war ihr, als trage sie eine Kette, die keine Gewalt der Erde wieder zerreißen könne.

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