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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Viertes Kapitel.

Zwei Tage später begann jener schauderhafte Skandalprozeß, wie ihn die Weltgeschichte kaum zum zweitenmale verzeichnet hat.

Sophonius Tigellinus führte namens des Imperators die Anklage. Seine halbstündige, kunstvoll emporgebaute, mit den schmutzigsten Einzelheiten übersättigte Rede wies den Freigelassenen Octavias deutlich die Wege vor, die sie mit ihrer Aussage würden beschreiten müssen, wenn sie die ›Aufmunterungen‹ der Folterknechte vermeiden wollten.

Nachdem er mit einer heuchlerischen Phrase des Schmerzes geendet hatte, forderte Tigellinus die marmorbleiche Octavia noch einmal auf, rückhaltslos zu bekennen.

»Du siehst hier,« sprach er, »welterfahrene Männer und Greise, denen die offenkundige Schimpflichkeit deines Wandels die Röte der Scham in die Stirne treibt. Sie haben vieles erlebt, aber nichts von so niedriger, durch und durch besudelter Frechheit. Dennoch wird dich die hohe Körperschaft der Gnade des Imperators empfehlen, aus Rücksicht auf deine erlauchte Herkunft –: wenn du gestehst.«

»Ich bin schuldlos,« versetzte Octavia, wider Erwarten ruhig. »Alles, was hier vorgebracht wird, ist ein Werk der Verleumdung, ein schnödes Lügengewebe, das die versammelten Väter nicht täuschen kann.«

»Gewiß nicht!« rief eine mächtige Stimme.

Es war Soranus, der würdige Stoiker.

»Nein, beim Jupiter!« fügte Thrasea Pätus hinzu. »Und deß zum Beweis erkläre ich, eh' noch ein weiteres verhandelt ist, daß ich mich glücklich schätze, wenn die erlauchte Kaiserin mir die Gnade erweist, meine vierzehnjährige Tochter zur Gesellschafterin zu wählen.«

Ein Murmeln der Ueberraschung ging durch die Sitzungshalle. Man kannte die sittliche Strenge dieses Senators, die geradezu peinliche Sorgfalt, mit der er seine durch Schönheit ausgezeichneten Kinder erzogen hatte.

»Reize ihn nicht!« flüsterte Flavius Scevinus, der ihm zur Rechten saß. »Ein einziger Blick in diese angstbeklommenen Gesichter muß dich belehren, daß wir dem Schicksal nicht in den Arm fallen können. Das Unglaubliche wird sich vollziehen: die reinste, züchtigste Frau, die je das Palatium betreten, wird von der feigen, ewig duckenden Mehrheit verurteilt werden.«

»Aber soll ich zu dieser Missethat schweigen?«

»Nein, Barea! Bei der Abstimmung werden wir laut und allem Volke vernehmlich unser ›Nichtschuldig‹ sprechen. Nur die offenkundige Feindseligkeit ist verfrüht. Willst du, daß er die wenigen Träger der Freiheitsidee meuchlings ermordet? Ich dächte, wir hätten eine höhere Mission zu erfüllen. Glaube doch, mir kocht's in den Adern – stürmisch wie dir! Aber ich zähme mich. Die Stunde der Abrechnung wird schon herankommen.«

»Du hast recht. Still, mein Flavius! Unser Geflüster scheint den Glatzkopf dort an der Ecke zu interessieren.«

»Den Verwandten des Agrigentiners?«

»Jawohl, den widerwärtigen Cossuthianus. Seit jener Streitsache mit den Kilikiern ist er uns aufsässig wie ein Dämon.«

Sophonius Tigellinus hatte die Demonstration des Thrasea Pätus mit einem spöttischen Achselzucken beantwortet. Ohne sich weiter um die Bewegung in den Reihen der Senatoren zu kümmern, schritt er zum Verhöre der Zeugen.

Die Freigelassenen Octavias wurden einzeln vorgeführt.

An erster Stelle ein bildschöner Jüngling mit Namen Alkinous, dessen aschfahle Blässe die unsäglichste Angst verriet . . .

Er hatte sich durch die Güte der jungen Kaiserin Geldes genug erspart, um demnächst im Sabinerlande ein Gütchen zu kaufen und seine heißgeliebte dreizehnjährige Lalage heiraten zu können.

Nun sollte er – unmittelbar vor der Schwelle des Glücks – seinen Körper zerbrechen lassen, um Zeugnis abzulegen für die Unschuld Octavias, ein Zeugnis, das vielleicht fruchtlos gemacht wurde durch das abgefolterte ›Schuldig!‹ der andern.

Ein sichtbarer Schauer überrieselte seinen Leib, da ihm nun Tigellinus die Frage zurief: »Freigelassener, was ist dir von dem ehebrecherischen Verhältnis zwischen der Gattin des Imperators und jenem schmutzigen Hund von Aegypter bekannt geworden?«

»Herr –,« sagte der Jüngling mit einem prüfenden Blick auf die bereitstehenden Folterknechte, ». . . ich . . . es mag ja wohl sein . . . ich hörte . . .«

Dann aber ergriff's ihn wie heilige Scham.

»Zerreißt mich in Stücke!« rief er, die Fäuste ballend. »Meine Herrin ist rein wie das Sonnenlicht! Versammelte Väter, die ihr doch Frauen besitzt und Töchter, könnt ihr denn zweifeln, wenn ihr nur einen einzigen Blick in dieses hehre, unschuldsvolle Gesicht werft? Der Aegypter Abyssus war ihr allezeit ein getreuer Knecht, wie jeder, der sich in ihrem Dienste befand: aber wie hätte er wagen sollen . . .? Der Gedanke ist ja nicht auszudenken!«

»Laßt uns prüfen, ob der Freigelassene Alkinous bei dieser Behauptung verharrt!« sagte der Agrigentiner mit einer Gebärde gegen die Folterknechte.

Die handfesten Sklaven traten herzu, packten ihr Opfer mit wunderbarer Geräuschlosigkeit und spannten es auf eine längliche Maschine aus Stahl, die ›das Ruhebett des Prokrustes‹ genannt wurde.

»Sie ist schuldlos!« beteuerte Alkinous unablässig.

Die Schraube ward angezogen.

»Stärker!« befahl Tigellinus.

Jetzt, da ihm die gräßliche Qual fast die Besinnung raubte, rief der Jüngling verzweiflungsvoll: »Gnade! Gnade! Ich will alles bekennen!«

»Gebt's ihm gelinder!«

Die Schraube ging um eine Drehung zurück.

»Laß mich frei!« schrillte es immer noch herzzerreißend von seinen Lippen.

Ein Wink; die Folterknechte ließen ihn los.

»Du bekennst also?« fragte der Agrigentiner.

»Ja.«

»Du hast die Frevlerin überrascht?«

»Ja.«

»Sie suchte dich zu bestechen?«

»Ja.«

»Sie gab dir Geld?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Ich weiß nicht. Hunderttausend Denare.«

»Gut! Das sind schätzbare Aufschlüsse. Du kannst dich entfernen.«

Gesenkten Hauptes schritt der Jüngling von dannen.

Plötzlich sah er sich um. Feierlich hob er die Rechte, die von der ausgestandenen Marter noch zitterte.

»Und sie ist dennoch schuldlos!« rief er mit Donnerstimme.

»Du widerrufst?« lächelte Tigellinus. »Nun, wir erörtern das noch. Nehmt ihn fest, Leute! Zuvor aber hören wir wohl die übrigen.«

Der nächstfolgende war ein stattlicher vierzigjähriger Mann, der Weib und Kind hatte.

»Spart euch die Mühe,« sagte er gleichmütig zu den Tortursklaven. »Meine Herrin ist unschuldig. Ob ihr mich nun auseinander zerrt oder nicht: ich verharre dabei. Das wär' eine schöne Treue, die sich um einiger Schmerzen willen in Lüge verkehrte. Da, nehmt mich hin! Athenäus fürchtet sich nicht vor denen, die nur den Leib töten.«

Auf die Folter gebracht, zuckte er nicht mit der Wimper.

»Sie ist unschuldig,« war das einzige, was man aus ihm herausbrachte.

Tigellinus, durch die Tapferkeit des begeisterten Nazareners gereizt, wollte die Folter verschärfen, und ihm die qualvoll gezerrten Glieder, beim Fuße anfangend, mit dem eisernen Klöppel zerschlagen lassen.

Thrasea Pätus aber widersetzte sich dem.

»Wie?« sprach er mit herzbewegender Leidenschaft, »ihr bewundert den Regulus, weil er den Glutstrahlen der afrikanischen Sonne getrotzt hat, und den liederverherrlichten Mucius, der lächelnd die Hand im Feuer verkohlen ließ: hier aber wollt ihr so viel Standhaftigkeit mit dem Tode bestrafen? Seid ihr noch Römer, oder wird uns Judäa seine Lehrmeister schicken müssen, um uns begreiflich zu machen, was Ehrgefühl ist und göttlicher Mannesmut?«

Das alte Zauberwort von der römischen Heldengröße that seine Wirkung. Drei Senatoren aus den Reihen der sonst so gefügigen Majorität ersuchten in aller Ehrerbietung den ›einsichtsvollen, gütigen‹ Tigellinus, von einer weiteren Vernehmung des ehemaligen Sklaven absehen zu wollen.

So ward der unerschütterte Athenäus denn losgegeben.

Mit ähnlicher Hartnäckigkeit wiesen zwei Drittel der Zeugen die schamlose Anklage als Verleumdung zurück; – heldenmütig wie Mucius Scävola, treu wie Regulus. Es schien, als sei der altrömische Heroismus, der im Senate nur noch ein halbes Dutzend echter Vertreter hatte, in die Herzen dieser Geringen und Glanzlosen eingekehrt, um die entartete Menschheit nicht an sich selbst verzweifeln zu lassen. Die wenigen Hausgenossen Octavias, die den Schmerzen erlagen, und sich dem Ankläger willig erzeigten, kamen hier kaum in Betracht.

Tigellinus kochte vor Wut, obwohl er dem Senat gegenüber sich völlig den Anschein gab, als ob er die Angeklagte für zweifellos überführt erachte.

Die letzte, die man zur Folter schleppte, war die strenge Rabonia; denn auch die Frauen und Mädchen wurden von dieser schauderhaften Justizgepflogenheit nicht verschont.

Da Rabonia für Octavias nächste Vertraute galt, und ihr Zeugnis so am entscheidendsten ins Gewicht fiel, hatte der Agrigentiner sie für den Schluß aufgespart, und den Knechten bedeutet, sie möchten ihr gleich von vornherein tüchtig zusetzen.

Aber auch die getreue Rabonia war sich über die große Verantwortlichkeit, die auf ihr lastete, klar, und so beschloß sie, lieber zu sterben, ehe sie ihrer Gebieterin auch nur den leisesten Makel anhaften ließe. Alle Fragen des Tigellinus beantwortete sie mit einem trotzigen ›Nein, du Schurke!‹

Immer heftiger spannten die Folterer das entsetzliche Marterbett. Der rechte Arm der Unglücklichen zerriß. Ohnmächtig sank ihr das leichenfarbige Haupt auf die Seite. Als ihr jedoch das Bewußtsein zurückkehrte, und Tigellinus ihr zitternden Mundes die Worte zurief: »Wirst du nun endlich bekennen?« – da versetzte sie ihr unerbittliches ›Nein, du Schurke!‹ ganz mit der gleichen Furchtlosigkeit wie zuvor.

»Hinweg mit der Kupplerin!« zischte der Agrigentiner, uneingedenk seiner sonst so hocharistokratischen Haltung.

»In meine Wohnung, falls es gestattet ist!« rief der Stoiker Thrasea. »Meine Aerzte sollen mir die Zermarterte pflegen, denn ich bewundere diese heldenhafte Person. Ja, ich bewundere sie, ihr versammelten Väter, wenn ich auch zugebe, daß sie gegen den hochwürdigen Adjutanten des Imperators nicht gerade sehr höflich gewesen.«

Der Agrigentiner widersetzte sich nicht.

Nachdem die Schreckensscenen dieser ekelerregenden Untersuchung beendigt waren, erhoben sich die Verteidiger.

Zuerst Barea Soranus, dann Thrasea Pätus.

Beide beschränkten sich auf die Betonung der Thatsache, daß niemand, absolut niemand in der erlauchten Versammlung an die Schuld der Octavia glaube.

»Bei allen Göttern!« – so schloß die kurze Rede des Thrasea – »der Prozeß hat die unantastbare Tugend der Kaiserin nicht erst beweisen müssen. Sollte jedoch, aller Vernunft zum Trotz, irgend jemand Zweifel gehegt haben an der Hoheit ihrer Gesinnung, an der Unsträflichkeit ihres Wandels, an der unbefleckten Reinheit ihres Gemüts, so hat die Zeugenvernehmung erhärtet, daß dieser Zweifel eine Lästerung war. Tigellinus, im löblichen Eifer, seinem Herrn und Kaiser zu dienen, ist augenscheinlich zu weit gegangen. Er hat auf die Zuträgereien schnöder Spione und giftsprühender Angeber ein größeres Gewicht gelegt, als er gedurft hätte. Er wird sich nun überzeugt haben, daß man ihn schmählich belogen hat. Glorreicher ist niemals ein Angeklagter aus einer Gerichtsverhandlung hervorgegangen, als Octavia, die Schwester des edlen Britannicus. Neuer, erhöhter Glanz leuchtet um ihr ambrosisches Haupt. Bis dahin ist sie die holdeste Fürstin, das beste, vollendetste Weib gewesen: jetzt steht sie vor uns wie eine Unsterbliche. Versammelte Väter, bittet um ihre Gnade!«

In der That, nicht einer unter den Senatoren glaubte an ihre Schuld, aber ein jeder wußte, was die Komödie bedeuten sollte. Der Kaiser, oder zum wenigsten Poppäa Sabina und der allmächtige Tigellinus wünschten das Band der Ehe zwischen Octavia und Nero gelöst zu sehen. Diese Erkenntnis genügte für eine Körperschaft, die seit Jahrzehnten bereits mehr an die Sicherung ihrer persönlichen Vorteile als an die Wahrung des Rechts und der öffentlichen Moral dachte.

So wurde denn, aller vernünftigen Einsicht zum Trotz, mit erdrückender Mehrheit der Ehebruch für erwiesen erklärt, die Scheidung ausgesprochen, der Aegypter Abyssus zum Tode, und die Kaiserin zur Verbannung verurteilt. Das Landhaus zu Antium sollte ihr Kerker werden auf Lebenszeit. Damit sie jedoch ihre schändlichen Ausschweifungen nicht fortsetze, würden ihr die Censoren eine besondere sittenpolizeiliche Wache bestellen, deren Anordnungen sie unweigerlich zu gehorchen habe.

Im tiefsten Innern gebrochen hörte die unglückliche Fürstin diesen entsetzlichen Richterspruch an, – leblos, unfähig, nur eine Thräne zu weinen.

Da schritt Thrasea Pätus feierlich auf sie zu, neigte sein Haupt und küßte voll Ehrerbietung den Saum ihrer Palla.

»Nochmals,« sprach er mit schmerzlich bewegter Stimme, »ich bitte um deine Erlaubnis, dir meine Tochter zu senden. Möchte sie einst dir ähnlich werden, – und sollte sie diese Aehnlichkeit mit noch größerem Elend bezahlen müssen, als du erduldest!«

Octavia konnte nicht sprechen. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu, der ihm tief in die Seele drang.

Gleich darauf wurde sie von den Prätorianern hinweggeführt. Der Wagen, der sie nach Antium bringen sollte, stand schon bereit.

»Sei nicht allzu verwegen!« raunte eine haßbebende Stimme dicht hinter Thrasea Pätus.

Der Stoiker blickte sich um. Es war Cossuthianus, den er vor Jahren im Auftrage der Kilikier der Unterschlagung bezichtigt hatte.

»Ich verstehe dich,« lächelte Thrasea, »aber ich fürchte dich nicht; weder dich noch deine Verwandten, die damals für dein Verbrechen die Gnade des Imperators erwirkten. Es gibt Frevelthaten, die aus jeglichem Straßenstein wutsprühende Fechter für das mißhandelte Recht erwecken. Ihr seid ja schlau wie die Geier: diese Verurteilung aber war ein thörichter Knabenstreich. Denkt an mich, dafern er euch etwa übel bekommen sollte!«

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