Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Die unglückliche Octavia hatte den Sommeraufenthalt in der antianischen Villa länger ausgedehnt als dies üblich war. – Die Ulmen verstreuten bereits ihre welken Blätter; man war im November.

Vom Schimmer der Abendsonne bestrahlt, lehnte die junge Fürstin zwischen den Lorbeerhecken des Parks auf einem polsterbelegten Steinsessel und blickte hinaus über das flammrot leuchtende Meer. Ihr sonst so marmorbleiches Gesicht schien hier im Glanz des ersterbenden Tags aufzublühen: aber die halbverschleierten Augen, die von unsäglicher Qual und bangster Ermüdung redeten, ließen deutlich erkennen, daß der wahre Grund für die Verlängerung der Villeggiatur nicht in der auffallend milden Witterung, nicht in dem Zauber dieser leuchtenden Sonnenuntergänge zu suchen war, sondern in der heimlichen Furcht, die erneute Begegnung mit der siegesfrohen Poppäa nicht mehr ertragen zu können.

Zu den Füßen Octavias, dankbar und voll heiliger Scheu zu ihr emporsehend, lag die Freigelassene Acte, jetzt Ismene geheißen, von keinem der Insassen – Abyssus und die getreue Rabonia allein abgerechnet – als die frühere Geliebte des Imperators erkannt oder auch nur vermutet.

»Wenn du recht hättest!« seufzte Octavia nach langer Pause. »Geduldig wollte ich harren, und sollte es Jahre währen. Aber ich kann's nicht glauben. Ich kann nicht.«

»Herrin . . .«

»Mühe dich nicht!« wehrte sie kopfschüttelnd. »Nach und nach bin ich klug geworden. Ich begreife jetzt, daß es ein Wahnsinn ist, die Treue zur Pflicht zu machen. Treue ist Gunst; Treue ist Gnade. Mühelos und ohne jeglichen Kampf übt sie der Liebende. Alle Gesetze der Welt jedoch und alle Göttergebote werden den Flüchtling nicht fesseln, den nicht die Neigung hält; – geschweige denn ihn zurückführen.«

»Aber die Neigung erwacht, wenn die Verblendung dahinsinkt. Laß ihn doch erst erfahren, was für ein Herz du im Busen trägst, wie edel und ohne Falsch du bist, und wie heiß du ihn anbetest! Ach, ich möchte ja wie im Sturm zu ihm hineilen, seine Kniee umfassen, und jubelnd ihm zurufen: ›Siehe, Octavia allein von allen Frauen der Erde ist würdig, dein Los zu teilen!‹ Aber das geht ja nicht; das hieße die Göttliche, Reine schmählich entweihen: denn ich selbst ja bin eine Frevlerin am Glücke Octavias – nicht minder, als jene Poppäa, die nur den Haß und die Herrschbegierde vor mir voraus hat.«

»Schweig! Du hast ja ehrlich bereut!« sagte Octavia. »Was auch hätte ich dir zu verzeihen? Daß du ihn hinnahmst, als er sich liebeglühend dir darbot? Oder willst du behaupten, du hättest ihm Netze gestellt, wie Poppäa Sabina?«

Die junge Fürstin stützte den Kopf in die Hand.

»Blondes Mädchen,« begann sie nach einer Weile, »es ist ein schweres Bekenntnis – aber ich muß es aussprechen. Ich beneide dich, Acte!«

»Du zermalmst, du vernichtest mich! Sünde war's und Verrat, – kein Glück! Ach, das wahre Glück beruht in der Tugend, die ich so schmählich mit Füßen getreten! Du, die Heilige, solltest den Wunsch nähren, mit der Verworfenen zu tauschen? Welch ein Wahnsinn!«

»Ich beneide dich!« wiederholte Octavia.

»Also liebst du ihn noch!« rief die Freigelassene triumphierend. »Noch vor zehn Minuten erklärtest du ›Nein!‹ Aber ich seh's nun, du liebst ihn noch, trotz seiner Treulosigkeit, trotz der entsetzlichen Undinge, die das Gerücht uns zu Ohren trägt . . .«

»Schone mich! Das alles stößt mir das Herz ab. Ich vergehe vor Scham. Dennoch – es scheint, daß die Liebe unsterblich ist.«

Nach langem Sinnen hub die Freigelassene wiederum an: »Herrin, gestattest du eine Frage, die ich jetzt Tag für Tag mit Gewalt unterdrücke?«

»Sprich!«

»Was hast du dieser Poppäa auf ihre schmachvolle Zuschrift geantwortet?«

»Nichts.«

»Also gedenkst du . . .«

»Ruhig festzuhalten an meinem Rechte. Sieh, Mädchen, so bleibt mir doch immer noch eins! Wenn er sich ausgetobt, wenn er der sinnlosen Orgien im Kreis dieser widerlichen Gesellschaft müde ist, so überkommt's ihn vielleicht urplötzlich wie grausende Einsamkeit; er sehnt sich nach einem ehrlichen Herzen, an dem er ausruhen kann. Dann, gute Ismene, will ich befugt sein, ihm eine stille, freundliche Zuflucht zu bieten. Folg' ich dagegen aus Feigheit oder Erschöpfung dem Vorschlag seiner Geliebten, willige ich in die Scheidung, so ist alles verloren, alles! Poppäa wird vor den Menschen und Göttern seine Gemahlin, und wenn er nun aus dem thörichten Traume erwacht, so bleibt ihm nur die Verzweiflung.«

Acte erhob sich. Die Thränen standen ihr in den Augen.

»Wie glühend,« sprach sie, »wie sehnsuchtsvoll will ich beten, daß sich dir alles zum Heil wende!«

»Gutes Geschöpf!« sagte Octavia lächelnd. »Ach, und ich weiß doch, daß du . . . nicht ganz ohne Kampf betest.«

Acte errötete.

»Herrin, du irrst,« hauchte sie schamhaft. »Glaube mir doch: freudlos denk' ich an jene Tage zurück, wie Paulus, unser teurer Apostel, an die Thorheit des Saulus.«

»Weshalb weinst du dann aber? Setz' dich nur wieder hierher und erzähl' mir ein weiteres von diesem göttlichen Manne . . . Schon gestern erwähntest du, daß er in Rom sei.«

Acte trocknete ihre Augen und Wangen. Auf dem süßen, rosigen Antlitz brannte die helle Glut der Begeisterung.

»Von Abyssus hab' ich's gehört,« sagte sie, auf die Rasenböschung sich niederlassend. »Um die Kalenden etwa ist Paulus dort eingetroffen. Im Lande Judäa hatten die Priester und Schriftgelehrten ihn angeklagt. Felix, der Prokurator, wollte ihn vor Gericht stellen. Paulus jedoch legte Verwahrung ein. ›Ich bin römischer Bürger,‹ sprach er, ›und verlange mein Recht vor dem Kaiser.‹ Da hat ihn Felix unter Bedeckung nach Rom geschickt. Eh' es jedoch zum Prozeß kam, ward er in Freiheit gesetzt. Tigellinus, der die jüdischen Priester um deswillen haßt, weil Poppäa sie eifrig begünstigt, soll den Kaiser dazu bestimmt haben. Eher noch glaub' ich, daß man dem großen Apostel nichts vorwerfen konnte. Nun weilt er im Herzen des Weltreichs, verkündet die Lehre des Nazareners und spendet den Mühseligen und Beladenen den Gottesfrieden, der da höher ist, als alle Vernunft.«

»Ich möchte den Mann wohl hören,« sagte Octavia. »Unbegreiflich zwar erschien mir so vieles, was du von dem gekreuzigten Jesus berichtet hast. Seine Liebe aber und seine Kraft im Erdulden hat mich ergriffen. Er ist mir ein Beispiel geworden, wenn ich vermeinte, dies Elend sei nicht länger zu tragen, und oft überkam's mich bei deiner sanften Art zu erzählen, wie eine überirdische Ruhe. Ich fragte mich dann: Wie? Wenn das alles nicht eine fromme Fabel, sondern das endlich gefundene Heil wäre?«

»Herrin, es ist kein Märchen,« flüsterte Acte, »sondern die einzige Wahrheit von Gott dem Allmächtigen. Ohne die Gnade dieses himmlischen Vaters und die versöhnende Fürbitte Jesu Christi – ach, wie hätte ich wohl dies alles in meiner Seele verwinden können . . .!«

Sie unterbrach sich und sah in unbeschreiblicher Seelenverwirrung zu Boden. Octavia sollte ja doch überzeugt bleiben, der sündige Traum von ehedem sei vergessen! Ach, und nun zeigte die Büßerin mit ergreifender Klarheit, wie tief und fest ihr diese Vergangenheit noch im Herzen wurzelte!

Octavia blickte, unmerklich seufzend, auf das schimmernde Haar, das dem schweigenden Mädchen wie gesponnenes Gold über die Stirn wallte.

Da ertönten Schritte aus der Richtung des Peristyls. Eine vornehme, hochgewachsene Männergestalt ward sichtbar, die auf der Schwelle des Posticums stehen blieb und den forschenden Blick über den Park schweifen ließ.

Octavia erkannte sofort den Agrigentiner.

Noch hatte er sie und die Freigelassene nicht wahrgenommen.

»Verbirg dich, Mädchen!« sagte Octavia erschreckt. »Wenn er dich findet, bist du verloren. Seine Freundin Poppäa würde nicht rasten, bist du beseitigt wärest.«

Acte trat ins Gebüsch.

Fast in der gleichen Sekunde hatte der Agrigentiner die junge Fürstin bemerkt, die sich den Anschein gab, als schaue sie, in Gedanken versunken, auf die purpurglühende Meerflut. Bedächtigen Schrittes kam er zu ihr heran. Er grüßte sie höflicher als er gewollt hatte.

»Herrin,« sprach er, »ich habe dir mitzuteilen, daß du entlarvt bist.«

Octavia erhob sich. Mit unverhohlener Geringschätzung heftete sie den Blick auf den Mann, den sie seit lange als den verderblichsten Dämon des Imperators hassen und fürchten gelernt.

»Was soll das?« fragte sie kalt.

»Jede Verstellung ist nutzlos,« sprach Tigellinus. »Du bist – um kurz und bündig zu sein – des Ehebruchs angeklagt, begangen mit deinem Sklaven Abyssus.«

Siedende Schamröte floß der Fürstin über das Antlitz.

»Du rasest. Ich angeklagt?«

»Du, Octavia, die Gemahlin des Imperators.«

»Und von wem?« fragte sie zornbebend.

»Selbstverständlich vom Kaiser.«

»Du lügst. So tief ist Nero im Schlamm der Gemeinheit noch nicht versunken. Du und Poppäa, ihr beide habt diese lächerliche Verleumdung ausgebrütet.«

Sophonius Tigellinus zuckte die Achseln.

»Ich wiederhole dir, daß alles entdeckt ist. Längst schon hat man euch stark im Verdacht gehabt, – damals bereits, im Beginn deiner Krankheit, wie dich Abyssus so lüstern betastete und so . . . bräutlich umschlungen hielt.«

»O, ihr Elenden!« ächzte die junge Kaiserin außer sich. Die plumpe Schamlosigkeit dieser Mißdeutung überwältigte sie. Die Hände vors Antlitz pressend, stöhnte sie nochmals: »Ihr Elenden! Ihr Verruchten!«

»Beim Herkules, mach keine Umstände! Wenn du klug bist, legst du sofort ein offenes Geständnis ab. So ersparst du dir und dem Kaiser den grauenvollen Skandal, und deinen Freigelassenen die Folter.«

»Die Folter!« rief Octavia erschüttert. »Habt ihr diesen schändlichen Wahnwitz noch immer nicht aufgegeben?«

»Das Gesetz ist uns heilig,« sagte der Sicilianer bedeutsam.

Die junge Kaiserin kämpfte einen erschütternden Kampf. Sie wußte nun, daß sie ohne Rettung verloren war. Der grausigen Qual der Tortur widerstanden nur wenige. Auch die unwahrscheinlichste Aussage ließ sich erpressen, wenn sich die Gliedmaßen der Belastungszeugen unter den furchtbaren Instrumenten der Folterknechte zerrenkten. Der Senat würde die Angeklagte demgemäß schuldig sprechen: das schien ihr unzweifelhaft. Sollte sie nun – ganz ohne Zweck – so viel Jammer verhängen über die Hausgenossen, die ihr fast ausnahmslos in dankbarster Liebe zugethan waren?

Dennoch, sie konnte nicht Ja sagen. Sie durfte, selbst aus dem edelsten Drange ihres Gemütes heraus, nun und nimmer durch ein falsches Geständnis ihre weibliche Ehre beflecken.

»Ich glaube dir nicht!« rief sie nach langem Zögern. »Und sprächst du die Wahrheit, und kämst du wirklich von Claudius Nero: er würde in letzter Stunde noch Reue fühlen. Es ist ja unmöglich, daß er im Ernste an meiner Treue zweifelt. Unmöglich! Geh und sage ihm das!«

»Du hast nicht weise gewählt. Hättest du ruhig bekannt, was nun der öffentliche Prozeß dir schmachvoll beweisen wird – beim Herkules, du wärest besser gefahren! Die hohe Körperschaft hätte die Scheidung verfügt: du selber jedoch wärest vom Kaiser begnadigt worden. So aber . . . Nun, du wirst sehen . . .«

»Ich sehe nur eins: daß die Schurkerei vielleicht mächtiger ist als die Tugend.«

»Redensarten! Ich befehle dir jetzt im Namen des Imperators: rufe mir sämtliche freigeborene oder befreite Insassen deiner Villa ins Peristylium. Die Sklaven können, dem Gesetze zufolge, nicht wider dich Zeugnis ablegen.«

»Du befiehlst mir?«

»Kraft meines Auftrags.«

»Und ich weigere dir den Gehorsam.«

»Meinetwegen!« lachte der Agrigentiner. »So gehe ich selbst. Ich habe so manchen Schritt in dieser unsauberen Sache gethan: es soll mir auf einen mehr oder minder nicht ankommen.«

Er wandte sich nach dem Hause.

Plötzlich zurückschauend, machte er wieder kehrt.

»Noch ein Mittel gibt's, dich zu retten,« sagte er leise.

»Mich zu retten!« lachte sie mit unsäglicher Bitternis.

»Ich rede im Ernste. Wie die Sache jetzt steht, bist du verloren. Also lass' diesen Ton der beleidigten Seelengroße und höre mich an!«

Octavia besann sich. Was konnte ihr Gutes von diesem Verräter kommen? Dennoch: das Unheil schlug ihr fast schon über dem Haupte zusammen . . . Vielleicht, vielleicht . . .

»Nun,« fragte sie zaghaft, »was wäre das für ein Mittel?«

»Gönne mir, was du deinem Sklaven Abyssus gegönnt hast,« hauchte er durch die Zähne.

»Ich? . . . gegönnt . . .? Ha, ich verstehe dich . . .!«

»Um so besser! Willst du . . . vernünftig sein, und wär' es nur diesen einzigen Tag, so – hab' ich mich überzeugt, daß du betreffs des Abyssus vollständig unschuldig bist.«

»Bube!« rief sie erbleichend.

»Du sträubst dich?« raunte er liebegirrend und legte ihr mit brutaler Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter.

»Rühr' mich nicht an, du Auswurf der Menschheit! Lieber sterb' ich von Henkershand . . .«

»Das Sterben von Henkershand ist bei weitem nicht so bequem, als ein wonniger Liebesrausch.«

»Fort!« rief Octavia gebieterisch. »O, wenn Claudius Nero das ahnte . . .!«

»Er wird nie was davon erfahren. Und wenn selbst: fragt er denn eine Sekunde nach dir und nach dem, was du treibst? Laß mich offen sein, edle Octavia! Du siehst so lieblich aus und so herzbewegend in deinem Leid, daß ich Erbarmen fühle, Erbarmen mit dir und mir. Ja, das alles ist Lüge. Du bist rein wie der Schnee. Poppäa Sabina hat diese fürchterliche Beschuldigung ausgebrütet, weil sie dich haßt, weil sie entschlossen ist, dich um jeden Preis aus dem Wege zu räumen. Ich, in meiner verzehrenden Rachsucht, bot ihr die Hand, weil du mich damals von hinnen scheuchtest, wie einen Bettler. Höre nun, was ich dir sage! Die Geliebte des Kaisers soll schmählich enttäuscht, sie soll aus ihrer glänzenden Höhe für immer gestürzt werden, falls du die Herbheit jener schnöden Zurückweisung wieder gut machst. Erwäg in Ruhe, was ich dir biete, – und was ich verlange. Ich liebe dich, süße Octavia! – Ich bin vernarrt in diese träumenden Augen! Laß uns Freunde sein! Laß uns genießen, was uns keiner verwehren kann! So erlösest du dich und mich! Suche doch klar zu werden und rechne mit dem Gegebenen! Damals hofftest du noch: heute aber ist alles vorüber. Du bist seit lange nicht mehr die Gattin des Imperators. Nein, Octavia! Nur das hilflos-elende Opfer seiner Geliebten! Wem also, du Verblendete, hältst du die Treue? Dem Gespenst der Erinnerung? Der frechen Poppäa? Den Marmorsäulen eures Cubiculums?«

»Mir selbst!« sagte Octavia hoheitsvoll.

Der Agrigentiner war einen Augenblick wie erstarrt. So ernsthaft hatte er's nie im Leben gemeint, so klangvoll war ihm nie der Wohllaut seiner Beredsamkeit von den Lippen geflossen. Und nun warf ihn dieses mädchenhafte Geschöpf mit zwei Worten platt auf den Boden!

Er stammelte noch einige Redensarten, bald schmeichelnd, bald drohend, bis er sich endlich in siedender Wut von ihr abwandte. Octavia hatte ihm nichts mehr erwidert.

»Dir soll's noch leid werden!« knirschte er im Dahinschreiten. »Ganz wie du willst! Dein Schicksal erfülle sich!«

Achselzuckend schritt er durchs Posticum in den Säulenhof, wo die fünfzehn Bewaffneten, die ihn begleiteten, mit den Dienerinnen ein harmloses Plaudern begonnen hatten. Keiner von diesen Soldaten wußte, um was es sich bei der unerwarteten Expedition handelte.

»Flieh!« wandte die schluchzende Kaiserin sich zu Acte.

Das junge Mädchen trat zitternd und totenbleich aus dem Strauchwerk. »Fliehen? Das wäre feiger als feig! Aussagen will ich zu deinen Gunsten.«

»Wem sollte das frommen? Denkst du, irgend jemand werde an meine Schuld glauben? Aber verurteilen werden sie mich, ob du nun sprichst oder schweigst, denn der Senat kriecht ja vor Tigellinus. Flieh, ich beschwöre dich!«

»Herrin . . .«

»Willst du dich foltern lassen, thörichte Schwärmerin?«

»Um dir beizustehn, ja!«

»Aber ich, Octavia, verbiete dir's. Acte, Acte, erspar mir doch die maßlose Demütigung! Begreifst du denn nicht? Du, seine – frühere Geliebte, solltest vor mir und ihm . . .?«

Die Freigelassene erbleichte. »Ja, du hast recht,« sagte sie kummervoll. »Verzeih meinem Ungestüm, daß ich's gewagt habe . . . Acte, die Sünderin, muß sich verborgen halten. Aber wenn alles vorüber ist, wenn du gesiegt hast – o, dann gestatte mir, daß ich zurückkehre! Siehe, ich habe ja keine Heimat auf Erden als hier die Stelle zu deinen Füßen.«

»Was auch geschehen mag: glaube an meine Freundschaft! Da aber niemand weiß, wie die Götter es fügen werden, so versieh dich mit einigem Geld! Ich eile ins Peristyl, wo der elende Agrigentiner die Hausgenossen zusammentreibt. Ich will ihn schon hinhalten. Schleiche dich dort um die Pinien und schlüpfe durchs Fenster. In meinem Cubiculum steht eine Truhe. Hier ist der Schlüssel.

Nimm dir, was du begehrst! Flink, flink! Ich würde verzweifeln, wenn sie dich festnähmen . . .«

Acte schmiegte sich wieder ins Lorbeergebüsch.

»Fahr wohl!« seufzte Octavia. »Mir liegt's todschwer auf dem Herzen. Ich ahne das Schrecklichste.«

»Bete!« flüsterte Acte; »nicht zu Jupiter, sondern zum Gott Jesu Christi!«

»Ich will's versuchen.«

»Ach, und noch einmal reich mir die Hand! Sprich, vielteure Gebieterin, hast du mir wirklich und von ganzem Herzen verziehen?«

»Von ganzem Herzen.«

»So bin ich getrost. Unser Vater im Himmel kann so viel Güte nicht unbelohnt lassen.«

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.