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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zweites Kapitel.

Die Seesoldaten warteten am Vestibulum. Durchweg straffe, wettergebräunte Gesellen, denen die rauhste Verwegenheit auf der Stirne geschrieben stand. Die meisten von ihnen trugen Schwerter am Gurt; einige waren mit Spießen und Stöcken bewaffnet. Der Flottenbefehlshaber nahm sich nicht lange Zeit, sie zu mustern. Im Sturmschritt ging es der breiten Heerstraße zu, die nach Bauli führte.

»Soldaten,« sprach Anicetus, da sie die Stadt hinter sich hatten, »Rom zählt auf euch! Die Löhnung soll euch auf sieben Jahre verdreifacht werden, falls ihr nun durchführt, was ich euch auftrage. Wollt ihr?«

Die ›Möwen‹ beteuerten ihre Ergebenheit.

Anicetus setzte nun kurz auseinander, um was es sich handle, und wie es geboten sei, aus Rücksicht auf das leicht erregte Gemüt des Kaisers die Wahrheit zu modeln.

»Es lebe der Imperator! Es lebe unser glorreicher Anicetus!« riefen die Seesoldaten.

Wie sich der Flottenbefehlshaber jetzt umsah, gewahrte er einige hundert Schritte weit hinter dem Zug, den er befehligte, eine zierliche Mädchengestalt in flatternder Tunica.

Es war Hasdra, die kleine, schwarzgelockte Phönicierin.

Anicetus, einen Auftrag der Poppäa oder des Tigellinus vermutend, ließ einen Augenblick Halt machen.

»Was willst du?« fragte er, als das Mädchen atemlos zu ihm heran kam.

»Nichts von Belang. Mitziehen will ich nach Bauli. Ich weiß alles. Ich will dabei sein – wenn sie getötet wird.«

»Hat dich Poppäa dazu ermächtigt?«

»Nein. Aber ich hörte, wie Tigellinus meiner Gebieterin mitteilte, was ihr im Schilde führt. Ihr sollt die ruchlose Agrippina über den Haufen stoßen.«

»Ich bitte dich, schweig!« versetzte der Flottenführer. »Oder willst du dich um den Hals reden?«

»Ganz im Gegenteile. Ich werde schon reinen Mund halten. Aber mit muß ich, – um jeden Preis.«

»Thorheit! Was soll ein gebrechliches Mädchen bei solchem Waffenwerk? Kehr nur getrost wieder um! Hörst du? Ich dulde das nicht.«

»Sei nicht so barsch, Herr! Wenn ich sage: ›Ich will das!‹, so will ich's.«

»Unglaubliches Mädchen! Du bringst mich in die widerlichste Verlegenheit. Den Menschen, die dort vorüber kommen, fällt dein Gebaren schon auf. Du bist hier in ganz Bajä bekannt wie ein hinkendes Reitpferd. Laß uns allein! Ich befehle dir's.«

»Herr, ich begleite euch. Das steht so fest, wie der Himmel zu unsern Häupten. Rolle nicht so die Augen: es hilft dir doch nichts! Wenn du jetzt nicht sofort einwilligst, so erheb' ich dir ein Geschrei, daß uns die Strandbewohner schockweise über den Hals kommen. Ich erzähle dann, was du vorhast. Ich verrate, daß alles erlogen ist; daß Poppäa Sabina . . .«

»Kein Wort mehr!« drohte der Flottenführer, die Hand am Schwerte. Er verbiß seinen Aerger. »Wenn dir das Herz denn daran hängt, so trabe meinetwegen mit durch die Gluthitze! Aber neugierig wäre ich doch, zu erfahren, was dich so närrisch macht. Wenn du nach Blut verlangst, besuche doch die Arena!«

»Nicht nach Blut verlang' ich, sondern nach ihrem Blut.«

»Aber weshalb?«

»Das ist meine Sache.«

Das bleiche Mädchen schien so erregt, daß Anicetus für gut fand, sie weiter nicht zu beachten. Sie zog sich bescheidentlich hinter die Mannschaft zurück, und vorwärts ging nun der Eilmarsch nach der Villa von Bauli.

Hasdra, die Zierliche, Zarte, schien unermüdlich. Keiner der Seesoldaten übertraf sie an Raschheit und Ausdauer, keiner an schweigsamer Spannung. Sie trank nicht einmal, obschon ihr die Zunge bleiern am Gaumen klebte. Es war, als habe sie dem allrächenden Gott ihrer Heimat gelobt, nicht eher die Qual ihres Durstes zu stillen, bis ihr der Born einer höheren Labe entgegengesprudelt sei aus den geöffneten Adern ihrer tödlich gehaßten Feindin.

In der That, die kleine Phönicierin regte unmerklich die Lippen, wie im Gebet.

»Melkarth, Unfaßbarer,« mochte es wild durch ihre verzweifelte Seele ziehn, »gönn mir das eine noch! Schrecklicher, dessen Schemel die Erdscheibe, dessen Odem der sandaufwirbelnde Sturm ist, laß mich, o laß mich teilhaben an dem Werk dieser Rache! Mein verwundetes Herz schreit zu dir auf; mein Gebein ist zerschlagen: ich bin ein verwüstetes Land, seit er mir dahingegangen. Du selber hast's ja geboten: ›Duldet nicht wie die Hunde, die sich treten lassen vom Uebermut ihrer Peiniger!‹ Du selber hast uns gemahnt: ›Zwei Augen für eines und das Leben für beide!‹ Melkarth, geherrlicht in Zor, in Berytus und Sidon, Zertrümmerer der Lüge, Beschützer des Rechts und der Treue, verlaß mich nicht!«

So schritt sie einher, das Auge fest auf den Boden geheftet, einer Verzückten gleich, die ganz und gar vom Glanze ihrer Vision erfüllt ist.

In der vierten Nachmittagsstunde war man am Ziele.

Anicetus ließ das Landhaus umzingeln. Dann warf er sich mit den kräftigsten seiner Leute aufs Ostium. Die wenigen Prätorianer, die hier die Wache hielten, waren bald niedergemacht. Keinen verschonte man.

Gleich danach rauschte es auf den Fliesen von dem gefalteten Saum einer Palla. Stolzen Schrittes trat Agrippina ins Atrium. Sie wußte sofort, daß ihre Stunde gekommen war. Der Anblick, der sich ihr darbot, war ja mehr als beredt. Anicetus mit seinem breit-sinnlichen Galgengesicht allein hätte genügt.

Nun zeigte es sich, daß dieses fürstliche Weib, trotz aller Ausschweifungen, aller Verbrechen, die ihr zur Last fielen, mehr von jenem halbvergessenen Heroismus der alten Republikaner besaß, als die meisten ihrer männlichen Zeitgenossen.

In ihren Augen flammte es trotzig auf.

»Was wollt ihr?« frug sie mit fester Stimme.

»Dich, elende Vettel!« schrie ein brutaler Kelte, rasch auf sie zuspringend. Er versetzte ihr mit dem Stock einen heftigen Schlag gegen die Stirne.

Die Kaiserin taumelte. Ein leises Stöhnen rang sich von ihren Lippen. Dann, mit königlicher Gebärde ihren Busen entblößend, sagte sie voll unsäglicher Bitternis: »Verschont mir das Haupt: seine Gedanken haben allzeit der Größe Roms gegolten! Aber dies Herz durchbohrt mir: – unter dem Herzen trug ich den Muttermörder!«

Anicetus, trotz der Niedrigkeit seiner Gesinnung heimlich erschüttert, wehrte den Seesoldaten, die in Masse auf sie hereinstürzen wollten, ärgerlich ab.

Flüsternd wandte er sich zu dem blonden, riesenhaften Gesellen, der ihm zunächst stand: »Gelo, gib ihr den Rest! Aber fehle sie nicht!«

Der Soldat zückte sein Schwert.

Inzwischen hatte die bleiche, zitternde Hasdra sich unbemerkt in die Säulenhalle geschlichen, um Agrippina von rückwärts zu packen. Wie eine rasende Wölfin sprang sie an der Unglücklichen empor und schlug ihr die spitzigen Zähne tief ins Genick, während die zuckenden Hände sich wie giftige Krallen in Agrippinas blühende Kehle vergruben.

»Nimm das für deinen Verrat,« hatte die tolle Phönicierin aufgezischt, als sie ihr Opfer anfiel. »Ich bin Hasdra, die Verlobte des Pharax.«

Eine Sekunde lang hatte die Fürstin bei diesem Anprall gestrauchelt. Dann faßte sie mit der Rechten, während die Linke noch immer den Busen entblößt hielt, die Finger der Wutentbrannten und drückte sie, daß sie zerbrachen.

In dem nämlichen Augenblick stürzte die Hünengestalt des Kelten auf die Kaiserin zu und führte den Todesstoß.

So furchtbar war die Gewalt, mit der sich der scharfgeschliffene Stahl in die Brust bohrte, daß er am Rücken wieder herausdrang, und dem kleinen menschlichen Ungeheuer, das sich trotz der Qual, die es litt, nach wie vor mit den geifernden Zähnen im Genick der Kaiserin festhielt, tief in die Seite fuhr.

Agrippina brach lautlos zusammen.

Von Ekel erfüllt, packte der Riese die mordlustschäumende Hasdra beim Schopf und schleuderte sie vier Ellen weit von sich weg in den Säulengang.

»Hörst du mich noch, hündische Agrippina?« schrie die Phönicierin, wieder hervorkriechend. »Das war die Strafe für deine Buhlschaft mit Pharax! Weshalb stahlst du mir ihn? Hattest du nicht genug an den Maultiertreibern und Leichenträgern, die du ans Herz gedrückt? Du Straßendirne! Du schandbesudelte Bestie!«

Hasdra verlor die Besinnung. Ihr Arm war gebrochen, ihre Hände zerquetscht. Aus der breitklaffenden Schwertwunde quoll in Strömen das Blut hervor.

»Schafft sie hinweg!« befahl Anicetus.

Zwei seiner Leute hoben sie vorsichtig auf.

»Verwünscht!« raunte er durch die Zähne. »Poppäa Sabina wird uns aufsässig werden. Sie war vernarrt in dies Frauenzimmer . . .«

Die zwei Soldaten hatten die ohnmächtige Phönicierin im benachbarten Bibliothekzimmer auf eine Bank gelegt.

Gleich danach traten sie wieder ins Atrium.

»Sie ist tot, Herr!« sagten sie gleichgültig.

»Und hier?« fragte Anicetus mit einem Blick auf die Kaiserin.

Gelo, der Hüne, beugte sich über sein Opfer.

»Alles zu Ende!« sprach er nach einer Weile.

Dann, sich aufrichtend und die hehre Gestalt betrachtend, deren Antlitz im Tode noch zu gebieten schien, sagte er halblaut: »Ein üppiges Weib, hol' mich der Henker, und eine wirkliche Herrscherin! Wäre sie blond, sie gliche der Chattenfürstin Gudbara!«

Anicetus ließ die Hälfte seiner Leute zurück und beauftragte sie, die beiden Leichname heut noch in aller Stille dem Holzstoß zu übergeben.

Die wenigen Sklaven des kleinen Landhauses waren beim Eintritt der Seesoldaten entflohen, so daß die Mär von der Selbstentleibung der Kaiserin kaum widerlegt werden konnte. Hasdra sollte für ihre maßlosen Schimpfreden von Agrippina erdolcht worden sein.

Froh des gelungenen Verbrechens zog Anicetus wieder nach Bajä.

Schon am folgenden Morgen hatte die Lüge des Mörders den Weg gemacht über das weite Campanien bis in die lärmenden Straßen von Cajeta und die schweigsamen Rosengehege von Pästum.

Ob sie geglaubt wurde?

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