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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Siebzehntes Kapitel.

Am folgenden Morgen brach Agrippina, wie vereinbart, in aller Frühe von Bauli auf.

Nero, von einem glänzenden Hofstaat umringt, begrüßte sie feierlich an der Landungstreppe, half ihr mit emsiger Höflichkeit aus der Barke und küßte ihr beide Hände. Auch Acerronia wurde huldvoll bewillkommt.

Agrippina, mit dem Cäsar vorauf, schritt nun die Stufen hinan zu dem breiten, myrtenumhegten Pfade, wo die Sänften bereit standen. Selbst die wenigen Schritte bis zum Vestibulum sollten der Fürstin erspart bleiben: so streng nahm es der Flottenbefehlshaber Anicetus mit den Forderungen der Etikette.

Ein Freigelassener des Kaisers war inzwischen damit beauftragt worden, die Barke abseits in einer der ausgemauerten Buchten anpflocken zu lassen, und die schweißtriefenden Ruderknechte, sowie die Sklavinnen Agrippinas ordnungsgemäß zu verpflegen.

Poppäa Sabina, das Haupt voll Demut geneigt, die Hände nach orientalischer Sitte über der Brust gefaltet, harrte bereits am Eingang des Atriums. Längst hatte sich Agrippina daran gewöhnen müssen, die willensstarke Poppäa als eine ebenbürtige Macht anzuerkennen. Der Kaiser empfand für die schöne, in allen Schmeichelkünsten erfahrene Frau in der That eine leidenschaftliche Neigung, die nur dann flüchtig verdunkelt wurde, wenn ihn das halbverblaßte Erinnerungsbild Actes beschäftigte, oder in Augenblicken jener unstillbaren Lebensgier, die ihn meist dann ergriff, wenn er am tiefsten philosophiert hatte. Von solcher Ekstase geschüttelt, wünschte er allen Weibern der Erde einen gemeinsamen wonnestrahlenden Leib, um so in einer einzigen Liebesumarmung alles das auszukosten, was Aphrodite in ihrer göttlichen Thorheit so kläglich zersplittert hatte. War die Ekstase nachhaltig, so bemühte er sich wohl einige Tage lang, die Splitter zu sammeln. Von einer Inkarnation der Schönheitsidee schwärmte er dann zur andern. Er küßte die Töchter der Senatoren ganz mit der nämlichen Inbrunst wie die sigambrischen Sklavinnen; die Gemahlin des Konsuls wie die des Maultiertreibers; die Modedame Septimia, wie die Sängerin Chloris, die keine Gewissensbisse empfand, ihrem Liebhaber Tigellinus untreu zu werden, nachdem sie das wahre Glück ihres Lebens mit Artemidorus längst über Bord geworfen. Immer jedoch kehrte der Cäsar mit erneuter Leidenschaft zu Poppäa zurück, und diese war klug genug, von den Streifzügen des Gewaltigen nichts zu bemerken. So verlor er sich mehr und mehr an die Unwiderstehlichkeit ihrer Anmut.

Jetzt vollends, da man sich überall zuflüsterte, Poppäa Sabina fühle sich Mutter, und Otho, von dem Sachverhalt in Kenntnis gesetzt, habe ruhig und ohne Erbitterung die Absicht geäußert, sich scheiden zu lassen, – jetzt vollends mußte sich Agrippina bekennen: ›Wenn ich hier siegen will, darf ich den Haß, den die Dirne mir einflößt, nicht an den Tag legen.‹

Sie verstand es denn auch, diesen Entschluß meisterlich durchzuführen. Die demutsvolle Gebärde der jungen Frau ward glänzend belohnt. Agrippina umarmte sie, nannte sie ihre teuerste Freundin, küßte sie auf die halbgeöffneten Lippen, und schwur, die süße Poppäa habe noch nie so entzückend, so hold und so schwärmerisch ausgesehen, wie jetzt.

Gleich danach tischte man unter dem Zeltgewebe des kleinen Tricliniums ein köstliches Frühstück auf. Nur fünf Personen waren bei diesem Prandium beteiligt: Nero, Agrippina, Acerronia, Poppäa und der Flottenbefehlshaber Anicetus.

Der Agrigentiner hielt sich während des ganzen Tages verborgen. Alle Welt glaubte, er sei verreist. Uebrigens wurde sein Name während des Mahls nicht erwähnt.

Anicetus und Poppäa Sabina trugen vorzugsweise die Kosten der Unterhaltung. Insbesondere war Anicetus gegen seine Gewohnheit gesprächig. Es galt ja, der Kaiserin-Mutter jede Möglichkeit einer Verständigung mit dem Kaiser von vornherein abzuschneiden. Durch Poppäa und Acerronia mit lautem Beifall belohnt, gab er ein überraschendes Seemannserlebnis nach dem andern zum besten, – bald durch den Reiz der Gefahr und der Spannung wirkend, bald aufs Gebiet der Komik und der Verliebtheit abschweifend, oder die Neugier durch unaufgeklärte Rätsel kitzelnd. Selbst die Kaiserin-Mutter schien ein paarmal durch die lebhafte Art und Weise des Mannes völlig gepackt zu sein.

Jeder Zuschauer würde geglaubt haben, an dieser üppigen, gold- und silberglänzenden Tafel herrsche der fröhlichste Lebensgenuß, die klarste Gemütsruhe, die sonnigste Heiterkeit.

Agrippina jedoch kämpfte mit einem seltsamen Unbehagen. Daß sie noch mißtrauisch war, das merkte Poppäa an der zwar unauffällig, aber doch sehr konsequent gehandhabten Vorsicht, mit der sie erst dann eine Speise berührte, wenn der Kaiser oder Poppäa davon gekostet hatte.

Einmal, wie Agrippina gerade den Kopf wandte, machte Poppäa den Imperator mit einer nur ihm verständlichen Handbewegung auf diese Thatsache aufmerksam.

Nero krauste die Stirn. Die Aengstlichkeit Agrippinas schien ihm der klarste Beweis ihrer Schuld.

Mit dem Zeigefinger der Hand schrieb er wie spielend ein langgezogenes B auf den Tisch.

In den Augen Poppäas glomm eine stille Genugthuung. Sie wußte: dieses – hieß ›Britannicus‹.

Das Prandium war ausgezeichnet. Riesige Austern und zarte, grätenlose Muränen; das vortrefflichste Garum, das jemals ein römischer Kochvirtuose bereitet hatte; zwei Pasteten, – eine von Lerchengehirn, die andre von gedünstetem Rehfleisch mit zwanzig Gewürzen; Früchte aus den berühmtesten campanischen Kunstgärten –: kurz, das Erlesenste aus allen Gebieten ward hier von den prunkvoll gekleideten Dienern vorgelegt, während ein schneegekühlter, blinkender Aetnawein den berauschendsten Duft verströmte.

Die einzige aber, die von all diesen Herrlichkeiten Genuß empfand, war die Hispanierin Acerronia. Sie schwelgte – und mehr als eine herzerquickende Schale goß sie mit dem brünstigen Wunsch über die Zunge, die Tage der Einsamkeit in der Villa zu Bauli möchten nun wirklich zu Ende sein.

Wie anders lebte sich dies vergängliche Leben hier unter dem luftgebauschten Velarium, als drüben in ihrem ›Hochzeitsgeschenk‹! Dank den Unsterblichen, war sie den schauderhaften Ehegemahl jetzt los: nun fehlte nur noch der flotte, farbenreiche Verkehr von ehedem, und ein Ersatz für den Toten! Sie wollte nicht wieder heiraten, – nicht um die Welt: aber . . . einen Freund wünschte sie sich. ›Allgütige Cypria, du kennst ja das Leid junger, lebenslustiger Witwen!‹

Anicetus zum Beispiel . . . Seine Nase war etwas breit; aber man küßte ja nicht mit der Nase!

Beim Herkules, wie er so schlankweg plauderte, und so herzlich mitlachte, wenn Acerronia losplatzte – da begriff sie gar nicht, daß sie ihn früher so wenig beachtet hatte! Und nun gar ihre lächerliche Vision im Park des Scevinus! Seine jetzt so beweglichen Augen hatten sich damals jählings geschlossen . . . Grünliches Wasser floß ihm über das Antlitz. Der Mund war verzerrt, bleich, schreckhaft . . . Und hinter ihm die Pomona, die mit einemmal die Züge der Kaiserin-Mutter annahm . . .!

Zu albern!

Nun, die kluge Aegypterin Epicharis hatte ihr ja schon damals eine günstige Deutung gegeben. Sie hatte geweissagt, der Flottenbefehlshaber werde sie einstmals im Lauf der Jahre fröhlich zum Hafen geleiten . . . Der Hafen natürlich konnte auch bildlich gemeint, und als Minneglück aufgefaßt werden . . .

So gingen ihre Gedanken auf und ab, und die Zukunft malte sich ihr in verlockenden Bildern.

Während der Mittagsglut hielten sämtliche Insassen der Villa Rast.

Zwei Stunden erst vor Beginn der Hauptmahlzeit fand man sich in der Exedra, dem kühlsten Raume des Hauses, wieder beisammen, wo die Sängerin Chloris einige Lieder vorsang.

»Zierliche Rhodierin,« sagte der Kaiser, als sie zum zweitenmal die Kithara gesenkt hatte, »jetzt noch eines, das wir lange entbehrt haben. Ich bitte dich, sing uns dein weiches, volltönendes › Glykeia mater‹!«

Glykeia mater . . .‹ – ›O süße Mutter . . .‹ – das war der Anfang eines beliebten dorischen Volksliedes.

Die ganze Zuhörerschaft, vor allem Poppäa und Anicetus, klatschten dem Cäsar Beifall.

Agrippina gab sich dem Zauber dieser feinfühligen Aufmerksamkeit willig gefangen. Sie war nun ganz überzeugt: der junge Kaiser gehörte ihr wieder an. Daß die Stimme Neros bei der Aufforderung, die er an Chloris richtete, merklich gebebt hatte, legte sie vollends zum Guten aus. Was ihr Stolz auch gelitten, wie sehr auch ihre Herrschbegierde sich aufgebäumt hatte wider den störrischen Knaben, der ihr so dreist, so unerwartet über den Kopf gewachsen: er war und blieb doch ihr zärtlich geliebtes Kind. Und da die Sängerin nun begann, und den Worten › Glykeia mater‹ die ganze Glut ihrer leidenschaftlichen Seele einhauchte, da klangen die herzbewegenden Töne so hold, so verführerisch, daß Agrippina, die Meisterin sieghafter Selbstbeherrschung, für Augenblicke vergaß, was sie sonst für das erste Erfordernis ihrer Würde hielt. Ihre Augen feuchteten sich; zwei funkelnde Thränen schienen bereit, ihr von den Wimpern zu rollen, als Sühne vielleicht für so manche blutige That, die durch kein Gebet wieder gut gemacht werden konnte.

Glykeia mater‹ sang die Rhodierin Chloris.

Inzwischen rückte für die also Gefeierte der Moment des Verderbens näher und näher.

In der vierten Stunde nach Mittag ward unter Hinzuziehung sämtlicher Hausgenossen und zahlreicher Gäste die Coena eröffnet.

Der Phönicierin Hasdra war auf ihren dringenden Wunsch hin gestattet worden, die Austeilung der üblichen Kränze zu übernehmen. In wallendes Rot gekleidet, ernst, langsam, weihevoll, als begehe sie eine heilige Handlung, so nahte sie der festlich geschmückten Doppeltafel. Zu oberst auf ihrem Flachkorb lag ein Gewinde von weißen Rosen, das sich durch Fülle und Feierlichkeit von den übrigen auszeichnete. Funkelnden Auges trat sie zum Ehrenplatz, wo die stolzlächelnde Agrippina zwischen dem Kaiser und dem Flottenbefehlshaber Anicetus auf prunkenden Polstern ruhte.

Die Vertraute Poppäas hob den duftigen, diademartig geflochtenen Kranz wie triumphierend empor.

»Rosen aus Cumä!« sagte sie bebend. »Die schönsten in ganz Italien! Claudius Nero, unser Herr und Gebieter, hat sie für dich bestimmt. Dir allein diese Auszeichnung! Rosen, wie vom Brautschmuck der Todesgöttin Proserpina, so bleich und so königlich!«

Anicetus, empört über diese unkluge Auslegung, warf ihr einen wütenden Blick zu. Hasdra jedoch lächelte, als verachte sie den schnöden ›Geschäftsmann‹, der so um des Goldes willen Mord und Verrat übte, während sie Millionen und aber Millionen freudig geopfert hätte, nur um sich rächen zu dürfen. Beinahe hochmütig schritt sie weiter.

Agrippina hatte die Ansprache ihrer heimlichen Widersacherin fast überhört. Gleichmütig setzte sie sich den Todeskranz auf das Haar, und litt es, daß Anicetus ihr mit höfisch-ehrfurchtsvoller Gebärde die saphirgekrönte Nadel zurechtschob.

Längst schon hatte ihr Blick nachdenklich auf der ewig heiteren Poppäa Sabina geruht. Wie leicht hatte es diese schönheitstrahlende Frau, den Cäsar gefügig zu machen! Beim Zeus, überall sonst hätte sich Agrippina getraut, im Punkte des Liebreizes und der Verführungskraft es mit jedermann aufzunehmen, – selbst mit Poppäa! Hier jedoch wollte es leider das Unglück, daß sie die Mutter war . . .

Lächelnd teilte sie diesen Gedanken dem Anicetus mit.

»Du wirst mir einräumen,« fuhr sie nach einer Pause fort, »der Kampf war ungleich. Die zuverlässigste Waffe ist mir versagt geblieben. Ich denke, so darf ich mich trösten.«

Anicetus, heimlich mit seinen Plänen beschäftigt, verstand sie falsch. Er zuckte zusammen. Die Ungeheuerlichkeit der Absicht, die er zu ahnen glaubte, ließ ihn erschaudern. Dann aber führte er, innerlich hohnlachend, den Becher zum Munde, und trank im Geist auf die ›glückliche Fahrt‹, die er der bräutlich geschmückten Kaiserin-Mutter bereiten wollte.

Es war Nacht geworden, als Agrippina sich vom Speisesofa erhob, um nach Bauli zurückzukehren.

Ueber den Höhen der leugarischen Berge stand der Mond und goß sein beruhigendes Licht auf den weiten, spiegelnden Golf und die zahlreichen Tempel, Theater und Landhäuser, die ihn umsäumten.

Nero führte die Kaiserin bis zum Gestade. Die meisten der Gäste folgten. Ueberraschenderweise war die Barke nicht vorgefahren. Von der gemauerten Bucht, wo sie am Ring gelegen, scholl ein befremdliches Stimmengewirre.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Flottenbefehlshaber.

»Die Barke ist leck,« versetzte einer der Ruderknechte.

Agrippina zog die Brauen zusammen.

»Unbegreiflich! Wer kann das verschuldet haben? Du, Androclus?«

»Herrin, bei meinem Leben . . .«

»Schweig!« wehrte ihm Nero. »Morgen soll sich's herausstellen, wen hier ein Vorwurf trifft. Cassius, bring mir die Leute in Haft! Du aber, teure Mutter, laß dir um solcher Kleinigkeit willen die gute Laune nicht rauben! Hundert Schritte von hier liegt das Prachtschiff, das mir der luxusliebende Anicetus jüngst zum Geschenk gemacht. Flink, Eurysthenes! Alle Ruderer an Bord! So, Mutter! Raste nur eine Weile hier auf der Steinbank! In fünf Minuten steuerst du deinem Ziele entgegen.«

Die Worte blieben ihm fast in der Kehle stecken. Dorrend lag ihm die Zunge wider den Gaumen. Aber er konnte nicht mehr zurück. Es mußte sein, um der Gerechtigkeit, um des eigenen Heiles, um der Sicherheit Roms willen; denn er selbst war ja Rom!

Ein regelmäßiges Klatschen und Rauschen verkündete das Herannahen der üppig ausgestatteten Jacht. Anicetus hatte das Fahrzeug mit den verwegensten seiner Seesoldaten bemannt, die jetzt harmlos in schlichter Matrosentracht auf den Bänken saßen und beim Zeichen des Obmanns die Ruderstangen zum Halten einstemmten.

Man schob ein teppichbelegtes Brett aus dem Schiff nach der Strandmauer. Agrippina umarmte den Cäsar und die marmorbleiche Poppäa, reichte dem Anicetus die Hand, winkte den übrigen huldvoll zu, und schritt, von Acerronia und den Dienerinnen gefolgt, ruhigen Wandels an Bord.

In der Mitte des Schiffes befand sich ein persischer Baldachin. Schwellende Sessel und Ruhebetten waren hier aufgestellt. Agrippina lagerte sich; ihre Begleiterinnen scharten sich um sie her, blühende Mädchen in rosiger Tunica, die schimmernden Mäntel aus lichtem Wollgewebe nachlässig um die Hüften gelegt. Man konnte an Galathea denken im Kreise der Nereiden.

Ein letztes ›Gehabt euch wohl!‹ klang vom Lande herüber. Dann streckte der Obmann die rechte Hand aus. Zwei Flötenspieler huben ihre schmelzende Weise an: ›O goldenes Bajä!‹, nach deren Takte die Seesoldaten zu rudern begannen. Das Schiff machte eine Schwenkung nach links, und vorwärts ging die köstliche Fahrt in den schweigsamen Golf hinaus.

Die Nacht war entzückend. Auf den leicht gekräuselten Wassern glänzte das weithinflutende Mondlicht immer voller und flammiger. Das fernverschwimmende Cap Misenum, die villenbesäten Hügel, die ragenden Pinienwälder – alles schien wie in Silber und Schnee getaucht. Silber und Schnee troff in schäumender Herrlichkeit von den Spitzen der Ruderstangen, rieselte an den Pfeilern des Baldachins auf das breite Verdeck herab und senkte sich kühlend in die halbermatteten Seelen.

Agrippina stützte das Haupt in die Hand. Der milde Azur, die balsamische Luft, das melodische Flötenspiel, – das wirkte unsäglich beruhigend! Ein weiches Lächeln schwebte um ihren Mund. Sie war seit langer Zeit wieder glücklich.

Welch ein unvergeßlicher Tag! Alles, alles wandte sich ja zum Guten!

Ihr Sohn hatte aufs neue die Grenzen gefunden, wo ihre mütterliche Autorität begann. Er hatte gelobt, diese Grenzen zu achten, ihr fest zu vertrauen, ihrem Rat zu gehorchen, so lange sie atme!

Das war die Rückkehr zum Einst, die cäsarische Machtfülle, die Oberhoheit über das Reich.

Ach, und die Herrschaft war so verlockend, so göttlich, so folgenschwer!

Was konnte die neugefestete Kaiserin-Mutter gerade jetzt Entscheidendes leisten! Was konnte sie wirken, schaffen, stürzen, vernichten! Fort mit dem öden Gesindel, das Rom zur Taberne entwürdigte! Fort mit dem Gaukler aus Agrigent und seinem saft- und kraftlosen Anhang! Ordnung sollte geschafft werden in dem Staat des Augustus, Ordnung um jeden Preis! Die Parther sollten sich ducken, wie die Hunde sich ducken beim Wutgebrülle des Löwen! Die Deutschen droben am Ufer der Logana wollte sie ein für allemal niedertreten, um dem ewigen Streit zwischen hüben und drüben ein glorreiches Ende zu machen. – Die den Varus geschlagen, die dem großen Augustus Thränen des Grams entlockt, die furchtbare blondlockige Riesin Germania –: sie sollte erzittern und in den Staub sinken vor Agrippina, der römischen Kaiserin!

Schlaftrunken sank ihr Haupt in das Polster zurück. Rosige Genien, die Siegeskrone der Triumphatoren schwingend, quollen in unerschöpflicher Fülle vor ihr empor, – eine dichte, endlose, phantastische Wolke. Sie schloß die Augen. Ein wonniger Hauch streifte ihren halblächelnden Mund, wie vom Kusse eines unsterblichen Gottes . . .

Da mit einemmal erscholl ein furchtbares Krachen, ein Prasseln, ein wildes, gelles, mark- und bein-durchdringendes Angstgeschrei. Das Fahrzeug des Anicetus hatte sich wie von selbst in drei Teile zerlegt, von denen der mittlere, wo der Baldachin stand, bleischwer hinabstürzte.

Ehe noch Agrippina völlig erwacht war, hörte sie rechts und links das dunkle Gewässer gurgeln. Die salzige Flut drang ihr in Mund und Nase; fast entschwand ihr schon die Besinnung.

Endlich tauchte sie wieder empor. Sie hörte die Hilferufe der jungen Sklavinnen, die qualerfüllt um ihr Leben rangen; sie hörte die Jammertöne der schreienden Acerronia.

Das Herz der Kaiserin krampfte in unendlichem Weh. Nicht die Todesangst schnürte ihr so mitleidslos die Kehle zusammen, sondern die fürchterliche Erkenntnis der Wahrheit. Lautlos ergriff sie einen der korinthischen Holzpfeiler, der sich vom Baldachin abgelöst hatte und kreisend im Strudel schwamm.

»Weh mir, die geschlossenen Augen des Anicetus!« wimmerte Acerronia, ihrer jüngst so rosig ausgelegten Vision gedenkend.

Mit der Kraft der Verzweiflung schwamm sie auf das größere der beiden flott gebliebenen Schiffsteile zu.

Der Mond verbarg sich hinter den Wolken. Ein seltsames Aschgrau spannte den unheimlich-düstern Schleier über die Schreckensscene.

»Rettet mich!« schrillte es schauerlich von den Lippen der Cordubanerin. Sie hatte eine der niederhängenden Stangen umklammert. Und nochmals: »Rettet mich!«

Da niemand sich um sie kümmerte, fügte sie kreischend hinzu: »Ich bin die Mutter des Imperators!«

Kaum waren ihr diese verhängnisvollen Worte entflohen, als ein Hagel von Ruderschlägen ihr von rechts und links über den triefenden Kopf sauste.

Mit zertrümmertem Schädel sank die einst so lebenslustige Acerronia blutend ins Bodenlose. Fast in derselben Minute sanken auch sämtliche Sklavinnen.

Nur die Kaiserin Agrippina, von dem schwimmenden Pfeiler gegen die Blicke der Meuchelmörder geborgen, trieb langsam in der Richtung des offenen Meeres.

»Acte,« murmelte ihr verzerrter Mund, »kommst du, um Rache zu nehmen?«

Die Todesqual des blühenden jungen Mädchens, das ihrer Meinung zufolge kläglich ertrunken war, trat ihr mit zerknirschender Greifbarkeit vor die Seele. Ja, das ewig gerechte Schicksal vergalt ihr nun buchstäblich das Gleiche mit Gleichem. Sie hatte das schauerliche Gefühl, als ob eine Geisterhand aus der Tiefe nach ihrer Gewandung fasse. Eine widerspruchsvolle Reue glomm in ihr auf. Diese Freigelassene – trotz allem – war ihr sympathisch gewesen, sympathisch von der ersten Minute an. Agrippina hatte gegen ihr eigenes Empfinden gehandelt, da sie den Haß und den Verfolgungsgrimm in sich groß zog . . . Ach, und er, der Fluchbeladene, der zweite Orestes, – stammte sein erster Groll gegen die einst so zärtlich geliebte Mutter nicht aus dem Kampf um die eine, die er sein Glück nannte?

Wie jäh aufloderndes Wetterleuchten zuckten ihr diese Gedanken durchs Hirn. Dann ward es tiefdunkle Nacht in ihrem Gemüt. Sie schwankte, ob sie der grausigen Qual nicht ein Ende machen, den Pfeiler loslassen, und, eine letzte Verwünschung wider den Mordbuben auf den sterbenden Lippen, hinabtauchen sollte in den purpurnen Abgrund. Eines jedoch hieß sie ausharren: die tobende Gier, den Missethäter zu züchtigen. Wie Acte einst die erlahmenden Kräfte im Born ihrer vertrauenden Liebe gestählt hatte, so schöpfte das tödlich verwundete Herz Agrippinas erneute Hartnäckigkeit aus dem Quell ihrer Rachsucht.

Nachdem die Schandgesellen des Anicetus ihr Werk vollendet glaubten, bestiegen sie ein versteckt gewesenes Langboot, brachten die beiden noch unversehrten Teile der Jacht zum Sinken und kehrten, froh der gelungenen That, nach Bajä zurück.

Der Morgen graute bereits, als sie ans Land stiegen.

Anicetus war dreist genug, ungeachtet der günstigen Witterung die Mär zu verbreiten, Agrippina habe bei ihrer Rückfahrt nach Bauli Schiffbruch gelitten.

Kein Mensch glaubte das. Jedermann aber gab sich den Anschein, als sei er fest davon überzeugt. Tigellinus hatte deutlich betont, daß der Golf seine Klippen habe. Die Jacht des Anicetus war vielleicht tiefer gegangen als die üblichen Prunkschiffe. Die Kauffahrteischiffe jedoch, die nach Puteoli kamen, hatten einen mehr nördlichen Kurs. Tigellinus verstand sich darauf, und da er ja neben der Einsicht die Macht besaß, so übte man keine unbequeme Kritik

Nero, dem der Agrigentiner alsbald nach erfolgter Rückkehr der Seesoldaten vermeldete, was sich ereignet hatte, schien, so wenig er überrascht wurde, furchtbar erschüttert.

»Du hast mich übel beraten,« hauchte er tonlos. »Ja, ja, ich weiß, was du sagen willst. Ich glaube dir's auch. Sie hat mir frevlerisch nach dem Leben getrachtet. Dennoch, dennoch . . . Ich hätte sie lieber verbannen sollen . . .«

»Verbannen?« rief Tigellinus. »Herr, wie wenig kennst du die Eigenart solcher Verbrecherinnen! Turmhohe Wälle reichen nicht aus, ihre Bosheit unschädlich zu machen. Sie durchbrechen selbst die Quadern des mamertinischen Kerkers und die ewigen Felsengrüfte Sardiniens. Ich will ein Dankopfer zünden, wenn uns die Gräßliche nicht aus dem Totenreiche zurückkehrt, um neues Unheil zu säen!«

»Sie wird zurückkehren!« sagte der Kaiser schaudernd. »Ich sehe sie schon, wie sie allnächtlich zu meinem Lager tritt, ein blasses Gespenst; wie sie mir jammernd die Brüste zeigt, aus denen ich Leben trank; wie sie mich keuchend erwürgt . . !«

»Fasse dich!« sagte der Adjutant. »Soll ich's zum hundertstenmal wiederholen? Sie hat das nur erlitten, was ihr gebührte. Nicht den Sohn allein wollte sie töten, sondern den Cäsar. Der Sohn hätte verzeihen können: der Cäsar durfte dies nicht.«

Nero schüttelte sich.

»Es läuft mir kalt über den Rücken,« stöhnte er zitternd. »Ich habe kein Wort dafür, was ich empfinde, – aber ich leide unsäglich!«

»Denke an Brutus! Wie oft, Vielteurer, hab' ich auch diesen Namen dir angerufen! Die Söhne des Brutus hatten sich lediglich wider den Staat versündigt; das Leben ihres Erzeugers war ihnen heilig. Trotzdem zögerte Brutus keine Sekunde lang. Er sprach voll heroischer Würde das Todesurteil. Er verleugnete, was zehntausendmal heißer lodert, als alle Kindesliebe der Welt: die Vaterliebe! Nein, Claudius Nero: was du geschehen ließest, war lobenswert und gerecht, – und die Nachwelt wird dir um dieser That willen den Kranz ebensowenig vorenthalten, wie dem ehernen Konsul.«

»Muttermörder wird sie mich nennen!« ächzte Nero verzweifelt.

»Wenn du mich liebst, so beherrsche dich! Deine Nerven sind krankhaft erregt. Geh schlafen, Cäsar! Noch ist's nicht vollständig Tag. Du benötigst der Ruhe.«

»Ich kann nicht schlafen. Hunderttausend Gedanken rasen mir durchs Gehirn, – alte, längst verblaßte Erinnerungen . . . O, ihr Tage meiner frühesten Kindheit! Da ich zu ihren Füßen noch spielte, wie war ich glücklich! Wie frei und rein fühlte sich dieses Herz! Sie schaute sinnend auf mich herab; ihre Züge wurden so mild, so klar: ich fühlte, daß ich geliebt wurde . . .«

»Herr, ich beschwöre dich . . .«

»Einmal . . . ich entsinne mich noch . . .« fuhr Nero fort, – »es war im Dezember, kurz vor dem Feste der Saturnalien . . . Der Tag neigte sich. Wir saßen im Oecus, während der Vater mit seinen Freunden zu Tische lag. Sie nahm mich auf ihren Schoß. ›Du sollst mir einst Ehre machen,‹ sagte sie nachdenklich. – Auf dem Tischchen neben der Mauerblende lag ein Lorbeerstrauß, den ich gepflückt hatte. Sie nahm die Zweige und flocht mir eine Krone davon. Dann lächelte sie und nannte mich ihren Liebling, ihren König und Gott. Und sie küßte mich . . .«

Von wühlender Reue bewältigt, warf Nero sich auf das Ruhebett und barg sein thränenbeströmtes Angesicht in den Polstern.

Tigellinus fühlte mit jedem Augenblick sich unbehaglicher und verstimmter. Nach einer langen Pause der Ueberlegung sprach er pathetisch: »Weine dich aus, herrlicher Cäsar! Diese Thränen gelten der Kindheit, die ja dem Glücklichsten unter uns wie ein ewig verlorener, seliger Traum erscheint. Von der Zaubergewalt der Erinnerung übermannt, fühlst du jetzt nicht, daß alles längst schon begraben war; daß jene liebende Mutter, die den Sohn auf den Knieen gewiegt, in der Schlammflut eines gehässigen Ehrgeizes, einer abgrundtiefen Selbstsucht ertrunken ist, nicht, wie du dir einredest, in den Gewässern des Golfs. Weine, Cäsar, und bringe so, wenn du es willst, ihren Manen ein Sühnopfer! Befreie ihr Andenken von allem Verwerflichen, was ihr anhaftet! Vergiß die zahlreichen Opfer, die sie geschlachtet hat! Gönne ihr deine Verzeihung – und hebe dann frohen Mutes das Haupt, um aufs neue zu strahlen, zu herrschen und zu genießen!«

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