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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vierzehntes Kapitel.

Was die Genossen des Lucius Menenius so mit Schrecken erfüllte, war eine Reihe sonderbarer Geräusche; vor allem ein heftiger Wortwechsel, der mit unheilverkündender Klarheit durch die schweigsame Nacht scholl.

Der Thürhüter Romäus, der seit kurzem mit einer der niedlichsten Sklavinnen des Nachbarhauses zärtliche Beziehungen unterhielt, hatte auf das bekannte schüchterne Pochen seiner Geliebten hin vorschriftswidrigerweise geöffnet, so energisch man ihm die äußerste Sorgsamkeit gerade für diese Nacht auf die Seele gebunden.

Das Mädchen aber, das scheinbar so gluterfüllt zu ihrem Anbeter in die Zelle schlüpfte, war von den Spähern der Kaiserin-Mutter erkauft.

Eh' der Ostiarius begriff, daß die reizende Schlange ihn überlistet hatte, drängte sich Pallas, der Vertraute der Agrippina, mit fünfzehn Bewaffneten in den Thürgang.

Verzweifelt stemmte sich nun Romäus, von den Sklaven des Atriums unterstützt, den Bedrängern entgegen.

Er rief mit Donnerstimme das jüngst noch erneute Gesetz an, demzufolge es streng untersagt war, einen römischen Bürger, selbst wenn er der schwersten Unthat verdächtig war, zur Nachtzeit in seinem Daheim zu belästigen.

Umsonst.

»Gib Raum,« erwiderte Pallas, »oder ich spieße dich auf!«

»Vorwärts!« schrieen die Prätorianer.

Dazwischen tönte ein heiseres Gebell, dem plötzlich ein Wutgekläffe und gleich danach ein fürchterliches Geheul folgte.

Der große Molosserhund, der links an der dritten Kolonne lag, hatte sich losgerissen und einen der Prätorianer scharf bei der Gurgel gepackt. Ein Schwertstoß in die zornerzuckende Weiche streckte das schäumende Tier auf die Steinfliesen. In das Wimmern des verendenden Hundes mischten sich das Dröhnen der Rundschilde, der zehnmal erneute Mahnruf der Sklaven, die wilde Beteuerung, Menenius sei nicht zu Hause, die barschen Befehle des Anführers.

Unterdes hatten sich die Verschworenen doch nicht völlig verblüffen lassen.

»Verrat!« schrie Lucius Menenius, nachdem die Lähmung der ersten Sekunden vorüber war. »Das Schicksal hat es beschlossen! Rette sich, wer da kann! Ich werfe mich den Schurken entgegen, sie aufzuhalten!«

Da die Genossen sich unschlüssig zeigten, rief er noch einmal gebieterisch: »Flieht – um der Sache willen! Ihr seid Rom: wenn ihr jetzt dahinsinkt, stirbt die Freiheit des Vaterlandes für allezeit. Mir aber ist nicht zu helfen. In meiner Wohnung hat der Tyrann uns entdeckt; ich bin gezeichnet; er würde mich dingfest machen, und fände ich Zuflucht bei den Sarmaten.«

»Ich kämpfe an deiner Seite,« sagte der ältere Menenius. »Ich, als dein Bruder, wäre verdächtig wie du.«

»Fort, fort!« drängte Julius Vindex die Zögernden. »Wollt ihr ein Volk befreien, so müßt ihr auch lernen, euren Mannesstolz und das leicht bewegte Herz zu bezwingen. Dieses herrliche Brüderpaar ist beneidenswert. Vielteurer Lucius, und du, hochsinniger Didius, wir werden eurer gedenken, solange wir atmen. Bezeug es mir, allmächtiger Jupiter: an ihrer Stelle würd' ich das Gleiche wagen!«

Gezückten Schwertes eilten nun die Verschworenen dem Posticum zu, während Pallas mit seinen Trabanten vom Atrium her in das Peristyl eindrang.

»Verwünscht!« murmelte Flavius Scevinus. »Hier flüchten zu müssen, anstatt loszuschlagen wie der gätulische Leu, den die Meute hetzt! Ha, das kömmt wie gerufen!«

Der letzte Ausruf klang wild-überrascht. Er bezog sich auf den urplötzlichen Anblick einiger Prätorianer, die Pallas an der Rückwand des Hauses, dicht neben dem Posticum, aufgestellt hatte.

»Zurück!« brüllte der vorderste, und streckte den Verschworenen das Schwert entgegen.

Ein furchtbarer Hieb des greisen Flavius Scevinus war die Antwort auf dieses ›Zurück!‹ Der Helm des Getroffenen barst entzwei, wie eine wurmstichige Walnuß. Die Klinge senkte sich ihm zwei Zoll tief in das Gehirn. Lautlos brach er zusammen.

Auch dem zweiten der Prätorianer machte die Riesenkraft des erbitterten Flavius den Garaus.

Die beiden übrigen fielen unter den Schwertern des Pharax, des Julius Vindex und des Dichters Lucanus, während der kurze, etwas unbehilfliche Osker Velinus trotz aller Tapferkeit nicht zur Entwickelung gelangte.

Das ganze Gefecht hatte kaum zwei Minuten gedauert. Die Verschworenen entkamen. Nicht einer hatte eine Verwundung empfangen, bis auf den hoffnungsfreudigen Pharax, dem die feindliche Klinge den Hals beinah vom Rumpf trennte. Als Julius Vindex sich zu ihm niederbeugte, war das Leben bereits erloschen. Ein jähes Ende für die weltbewegenden Hochgedanken des Pharax-Cäsar! Man mußte ihn, allen Geboten der Pietät zuwider, bei den Leichen der Prätorianer zurücklassen, wollte man nicht das Schicksal der ganzen Verschwörung aufs Spiel setzen.

Lucius und Didius Menenius hatten indes am Ausgang des Korridors, der vom Atrium nach dem Peristyl führte, Stellung genommen.

»Wenn es ein Jenseits gibt, so bewahre mir auch dort deine Liebe!« murmelte Lucius, dem Bruder die Linke reichend.

»Und du mir die deine! Da kommen Sie. Mir graust nicht vor der schweigsamen Totenurne. – Im Reiche des Nero ist dies Leben kaum eine Thräne wert.«

Die tapferen Menenier wichen und wankten nicht. Bis an die Augen deckten sie sich mit den wuchtigen Schildern, die noch soeben als harmloser Schmuck an den Wänden geprangt. Nicht umsonst hatten die beiden Brüder im Feldzug wider die Parther gekämpft. Ihre machtvoll geschwungenen Schwerter säten Verderben.

Endlich jedoch ward der Ansturm zu heftig. Die Prätorianer, müde, sich einzeln abschlachten zu lassen, drängten mit unwiderstehlicher Macht vor. Sie warfen die beiden Brüder zurück in den Säulenhof, und hatten nun freie Hand.

In der nächsten Sekunde fiel Didius, von zwei Klingen auf einmal durchbohrt.

»Es lebe das Vaterland! Nieder mit den Tyrannen!«

Das waren die letzten Worte des Sterbenden.

»Halt!« rief Pallas, der die Ausbeute seiner Entdeckung gefährdet sah, wenn auch Lucius getötet wurde. »Schont ihn! Lucius Menenius, ergib dich!«

»Niemals!«

»Tausend Denare demjenigen, der ihn entwaffnet!« schrie der geängstigte Pallas noch lauter.

Es entstand eine Pause. Mit keuchender Brust stand Lucius Menenius drei Schritte weit von den Angreifern, den Schild auf die Marmorfliesen gestemmt, den blutigen Stahl in der Rechten, jede Bewegung der Prätorianer beobachtend, und gewillt, den ersten, der sich ihm nähern würde, über den Haufen zu stoßen.

Plötzlich, das Verzweifelte seiner Lage erkennend, warf er den Schild weg und hielt sich das Schwert vor die Brust, um sich, wie weiland Quintilius Varus, hineinzustürzen.

In demselben Moment jedoch hatte einer der Prätorianer mit tollkühnem Sprunge sich über ihn her geworfen.

Lucius Menenius taumelte rückwärts. Die Klinge, die den Soldaten rechts an der Weiche schwer verwundet hatte, brach in zwei Stücke.

Eine Minute später war der Verschworene gefesselt.

»Pallas,« rief Lucius Menenius, »handle vernünftig und töte mich!«

»Werde mich hüten! Erst auf die Folter mit dir, und dann magst du abwarten! Die Gnade der Agrippina stellt dir vielleicht anheim, die Art des Todes dir selbst zu wählen.«

»Was ihr erfahren sollt, das kann ich hier gleich bekennen. Mehr aber wird auch die grausamste Folter mir nicht erpressen.«

»Wohl, so rede!« schmunzelte Pallas, höchlich erfreut über die Aussicht, seiner Gebieterin etwas Genaueres vermelden zu dürfen.

»Ich werde sprechen, dafern du mir eine Gunst gewährst. Sie ist arm und gering. Willst du?«

»Laß hören!«

»Gib mir die Hände frei! Diese Ketten zerfleischen mich. Du siehst ja wohl, daß ich ganz ohne Waffen bin. Mit diesem Strick um die Kniee werd' ich euch niemals entweichen können.«

Pallas willfahrte ihm, nachdem ihn die Prätorianer durchsucht hatten, ob er nicht doch einen Dolch unter den Kleidern trage.

»Vernimm denn,« sagte Lucius Menenius, »und berichte es deiner allmächtigen Auftraggeberin Wort für Wort! Ich erkläre mich schuldig, zu den Häuptern einer Verschwörung zu zählen, die sich tausendfältig bis in die äußersten Winkel Italiens verzweigt, und die das glorreiche Ziel verfolgt, den bübischen Imperator, seine schurkische Mutter und die ehrsuchtgeile Poppäa Sabina aus dem Wege zu räumen.«

»Dafür haben wir die Beweise in Händen.«

»Das habt ihr nicht, hochmögender Pallas. Ihr kennt keinen der Mitverschworenen: sonst hättet ihr sie in aller Gemütlichkeit bei Tage verhaften lassen. Das Geständnis, das ich dir ablege, soll die Verbrecher der Hofburg mit fröstelnder Angst erfüllen: denn sie lieben dies vergängliche Leben, das ich und meine Gefährten geringschätzen. – Auch weiß ich ja nur zu genau, daß im Reiche des Bluthunds schon der bloße Verdacht zu meiner Verurteilung ausreicht. Deshalb leugne ich nicht. Einige Kampfgenossen sind hier bei mir gewesen, wohl vermummt, von keinem unsrer Sklaven erkannt. Du begehrst ihre Namen? Das wäre so was! Vielleicht entspreche ich deinem Wunsche, vielleicht auch nicht. Wo gedenkst du mich hinzubringen?«

»Ins Staatsgefängnis,« erwiderte Pallas, verblüfft durch den unerwarteten Ton seines Gefangenen.

»Gut. So befiehl nur dem Kerkermeister, daß er mir eine würdige Bettstatt bereitet, und mir ausnahmsweise die Toga beläßt. Kommst du dann morgen und fragst mit gebührender Höflichkeit, so will ich schon zusehen, was ich erwidere.«

Pallas verbarg nur mit Anstrengung seine Triumphgefühle. Er hätte laut aufjubeln mögen inmitten seiner Bewaffneten. Dieser Lucius Menenius war ja ein unbezahlbarer Fund! Wenn der tollkühne Staatsverbrecher, gleichsam durch ihn, Pallas, beredet, die tausend geheimen Fäden jener Verschwörung bloßlegte: welch eine thronerhaltende That für den Vertrauten der Kaiserin!

Und wie die Götter das alles gefügt hatten! Der unglaublichste Glücksfall! Bis dahin hatte ja niemand die leiseste Ahnung gehabt! Nur daß Lucius Menenius ein Feind des Palatiums war, und daß heute nacht eine späte Zusammenkunft bei ihm stattfinden sollte, nur das hatten die Kreaturen der Kaiserin ausgekundet: – sonst nichts!

»Die Uranionen verwöhnen mich,« dachte Pallas.

Dann, zu Lucius gewandt, sagte er vornehm: »Sei's! Ich verspreche dir's. Man soll dir ein Lager bereiten, wie du's gewohnt bist, – und die Toga behältst du.«

Acht prätorianische Krieger nahmen jetzt den Verhafteten in die Mitte. Pallas empfahl ihnen eine rücksichtsvolle Behandlung. Für den Beschließer des mamertinischen Kerkers schrieb er einige Worte in seine Wachstafel. Dann aber eilte er, nur von drei seiner Soldaten begleitet, auf den Fittichen eines unwiderstehlichen Hochgefühls nach dem Palatium. Agrippina hatte den Wunsch geäußert, möglichst frühzeitig Kunde von dem Erfolge des Ueberfalls zu erhalten. Nero dagegen wußte noch überhaupt nicht, daß die Kaiserin-Mutter so insgeheim für die Wiederbefestigung ihres Einflusses wirkte.

Die drei Soldaten im Vorhof zurücklassend, wandte sich Pallas mit äußerster Vorsicht nach den Gemächern seiner schon ungeduldig harrenden Gönnerin. Eine griechisch gekleidete Sklavin öffnete ihm, und zog sich alsbald mit einem seltsam-pfiffigen Lächeln zurück.

Unverhofft, und zum erstenmal zu so ungewöhnlicher Stunde, sah sich Pallas mit Agrippina allein.

Von der Decke des märchenhaft ausgestatteten Raumes hing in Gestalt eines fliegenden Phönix die berühmte purpurne Ampel, ein Meisterwerk des alexandrinischen Künstlers Anthrax. Sie verbreitete eine rosige, wunderliebliche Dämmerung. Agrippina lehnte in einem der Ruhesessel. Ihre prunkvolle Schönheit, durch die entglittene Tunica halb nur verhüllt, wirkte in dieser märchenhaften Beleuchtung verführerisch. Man glaubte unter der durchsichtig-schimmernden Haut das ambrosische Blut kreisen zu sehen.

Pallas, mit jeder Feinheit der palatinischen Sitte vertraut, kniete bedächtig nieder, legte die Hand auf die Brust, wie ein Mann, der gewillt ist, sein ganzes Dasein freudig zum Opfer zu bringen, und sprach mit stürmisch bewegter Stimme: »Herrin, wir haben's erreicht.«

Sie lächelte voll überschwenglicher Huld.

»Ich wußte, daß der gefürchtete Pallas nur mit dem Schild oder auf dem Schild heimkehren würde,« sagte sie theatralisch. »Weiter! Berichte das Einzelne!«

Pallas, noch immer knieend, erzählte, was vorgefallen.

»Morgen in aller Frühe« – so schloß er im Ton eines Weltbeherrschers – »wird der Gefangene mir sämtliche Rädelsführer beim Namen nennen. Dann: ein mutiger Griff, und die ganze hundertköpfige Hydra ist lahmgelegt.«

Agrippina bot ihm die Hand. »Wahrlich, du hast dich wohl verdient gemacht um deine dankbare Freundin! Glaube mir: diese Stunde bedeutet das Wiederaufblühen meiner Autorität! Ich werde dem übermütigen Tigellinus, der öden Poppäa, kurz, allen, die den Kaiser umstrickt halten, die Frage ins Antlitz schleudern: ›Was habt ihr gethan, um dieser rebellischen Anzettelung zu begegnen?‹ Und wenn sie verstummen, dann soll die Kunde von dem, was ich geleistet, wie helles Fanfarengeschmetter weit über das römische Reich schallen. Vor aller Welt soll Claudius Nero bekennen: ›Agrippina hat mir das Leben gerettet. Sie allein ist fähig, den Thron der Cäsaren wirksam zu schützen!‹ Nun aber komm, du ruhmgekrönter, glücklicher Triumphator! Ich muß dich umarmen.«

Pallas beugte sein Antlitz über die weiße Hand Agrippinas, und drückte, leise erschauernd, die Lippen darauf.

»Nein, so war's nicht gemeint,« raunte sie zärtlich.

Aus ihren nachtschwarzen Augen sprühte ein versengender Blitz. Pallas erschien ihr in diesem Moment wie ein Heros, der nach zwanzig gewonnenen Schlachten ans Herz der Geliebten heimkehrt.

»Küsse mich auf den Mund!« hauchte sie schmachtend. »Fürchtest du dich? O du närrisches großes Kind!«

Und jählings, als drücke ein unsichtbarer Finger auf ihre Dochte, erlosch die Ampel.

Fast in der gleichen Minute hatte sich Lucius Menenius in der Quaderzelle des Staatsgefängnisses langhin aufs Lager gestreckt.

Die Schritte des Kerkermeisters verhallten. Grabesstille brütete über dem lichtlos-dumpfen Gelaß.

Der junge Mann schloß die Augen. Ein freundliches Frauenantlitz tauchte vor seiner Seele empor, ein Gesicht, das weder schön war, noch jugendlich, aber so mild, so über alle Beschreibung gut, – das Antlitz seiner in Rhegium wohnenden Mutter.

Noch einmal krampfte sein Herz wild und schmerzlich zusammen. Dann glitt ein Lächeln über den einst so beredten Mund. Er führte, tief atemholend, den linken Arm an die Zähne und biß sich mit einem einzigen Rucke die Adern auf.

Drei Stunden später wollte der Kerkermeister ihn wecken. Pallas, noch glühend von den betäubenden Küssen der Kaiserin, stand in der Vorhalle, um das Verhör zu beginnen.

Diesmal hatte das alte catonische Rom über das Rom der Entartung gesiegt. Der Vertraute der Agrippina fand einen blutüberströmten Leichnam.

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