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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Dreizehntes Kapitel.

Am nördlichen Abhang des Mons Cälius, unweit der Via Sacra, stand das Haus des jüngeren Menenius, eines tüchtigen Rechtsanwaltes, der sich vor kurzem in der Beschwerdesache einer Provinz gegen die Aussaugungs- und Erpressungspolitik ihres Statthalters die Aufmerksamkeit weiter Kreise erobert hatte.

Es war zu Anfang des Monats Mai, eine Stunde vor Mitternacht.

Lucius Menenius, von einigen Sklaven umringt, weilte im kleineren Oecus am Peristyl.

Mit halblauter Stimme erteilte er seine Befehle.

Zu ernster Besprechung in einem wichtigen Rechtsstreit erwartete er eine Anzahl von Männern, die spät erst von dem benachbarten Gabiä aufgebrochen. Er habe eingehend zu verhandeln. Jede Störung sei aufs strengste verbeten.

»Wacht mir darüber!« fuhr er in vertraulichem Tone fort. »Besonders haltet mir auch die Lauscher fern, die naseweisen Persönchen, wie Leda und Chloë, oder den Wichtigthuer Philemon. Die sind im stande, noch zu Anfang der zweiten Vigilie das Bett zu verlassen, nur um ein Wort zu ergattern, das sie nicht hören sollen. Als Rechtsanwalt muß ich aber geheim halten, was Fremde mir anvertrauen, unbekümmert darum, ob sich Chloë das Haar zerrauft. Ihr versteht mich?«

Die Sklaven, Leute von alterprobter Ergebenheit, nickten ihm Beifall.

»Zwei von euch,« sagte Menenius nach einer Pause, »könnten im Atrium, in der Nähe des Thürgangs verbleiben. Ich weiß nicht, der brave Ostiarius scheint mir seit einigen Wochen etwas zerstreut. Neulich, da ich an seine Blende trat, fuhr er zusammen, wie Diana im Bade.«

»Er ist verliebt, Herr,« sagte einer der Sklaven.

»Romäus verliebt? Das ist köstlich. Nun, ihr erzählt mir das bei Gelegenheit. Jetzt: auf Wiedersehen!«

Die Sklaven entfernten sich. Lucius Menenius trat heraus in den mondscheinflirrenden Säulenhof und setzte sich schweigend auf eine Bank.

Fünfzehn Minuten später klirrte das Posticum.

Leisen Schrittes trat eine hohe Gestalt herein, die Pänula faltig über die Schultern geworfen, das Haupt in der Wetterkapuze, das Angesicht bis unter die Augen mit Leinwand bedeckt.

»Eos und Thiton!« sprach der Vermummte.

»Komm nur! Du bist der erste!« gab Lucius Menenius zurück, der auch ohne dies Paßwort seinen älteren Bruder Didius an der Stimme erkannt haben würde.

Er führte den Eingetretenen rasch nach dem hellerleuchteten Oecus und hieß ihn Platz nehmen.

Dann eilte er zurück nach dem Posticum, wo fast in dem nämlichen Augenblicke zwei andre Männer, gleichfalls durch die Kapuze der Pänula und ein Tuch vor dem Antlitz gründlich maskiert, über die Schwelle schritten.

Sie trugen unter dem Mantel den Brustharnisch der prätorianischen Militärtribunen.

Wie sie jetzt im Gemach sich der äußeren Hüllen entledigt hatten, zeigte der Schlankere ein geistvolles, aristokratisches Antlitz mit sprühenden Augen und einem höchst sympathischen Zug um die Lippen.

Diese noch jugendliche und dennoch so ausgereifte Persönlichkeit war Julius Vindex, ein Sproß der angesehensten Fürstenfamilie von Aquitanien.

Der andre, wohl ebenso groß, aber weit muskulöser und stämmiger, entpuppte sich als der bedauernswürdige Pharax, der körperlich und geistig geschundene Ehegemahl Acerronias.

Noch fünf Minuten und die Gesellschaft im Oecus des Lucius Menenius war vollzählig.

Die Männer, die sich hier zu geheimer Beratung zusammengefunden hatten, zeigten nach Herkunft, Stellung und Eigenart erhebliche Unterschiede. So bildete Didius Menenius, der neun Zehntel des Jahres auf seinen etrurischen Gütern verbrachte, einen vollendeten Gegensatz zu dem stürmisch beredten Lucius, der fern von der Atmosphäre des römischen Forums nicht hätte leben können. Der greise und dennoch so jugendfrische Senator Flavius Scevinus ließ den finsterblickenden Nicodemus, der ihm zur Seite saß, noch hohläugiger und hagerer erscheinen als sonst, während der Dichter Lucanus, ein schönes Bild vollendeter Urbanität, neben dem kurzen, grobknochigen Osker Marcus Velinus wie ein Edelhirsch neben dem Büffel aussah.

Eines jedoch war all diesen Männern gemeinsam: die wühlende, nicht mehr zurückzudrängende Bitternis über die schnöde Entartung des einst so vielverheißenden Imperators.

Nur Pharax vielleicht, der Gatte der Rotgelockten, hegte einen persönlichen Haß gegen Nero. Der Kaiser nämlich hatte ihn höhnisch zurückgewiesen, als der verzweifelte Militärtribun kniefällig um die Lösung seiner Ehe mit Acerronia ersuchte. Die derbe Spottrede, die ihm der Fürst in Gegenwart zahlreicher Höflinge zugeschleudert, brannte dem urwüchsigen Naturmenschen heiß auf der Seele. Da nun auch Agrippina ihren ehemaligen Günstling kaum noch beachtete, ja seit kurzem sogar rückhaltlos die Partei Acerronias ergriff und der kralligen Pantherkatze die kräftigste Unterstützung in Aussicht gestellt hatte, wenn sich Pharax nicht ducke – so schäumte der unglückliche Emporkömmling vor Entrüstung und Wut und schloß sich mit wilder Freude dem Julius Vindex an, der ihn vorsichtig in die Pläne einer kühnen Verschwörung eingeweiht hatte . . .

Streng genommen war diese Verschwörung nur die Fortsetzung jener Projekte, die sich anfänglich gegen den widerwärtigen Ehrgeiz der Agrippina gekehrt. Nach und nach jedoch hatten sich die Verhältnisse derart verschoben, daß der Kaiser, zu dessen Gunsten man Agrippina hatte befehden wollen, nunmehr gleichfalls, und zwar in erster Linie, der Gegenstand der verborgenen Feindseligkeiten wurde. Nur Barea Soranus und Pätus Thrasea hielten sich neuerdings abseits, da sie den Zeitpunkt eines erfolgreichen Aufstandes nicht für gekommen erachteten.

Seneca vollends, der sich so eifrig an der Agitation wider die Kaiserin-Mutter beteiligt hatte, war aus begreiflichen Gründen diesmal nicht eingeweiht worden. Seine Stellung war ohnedem eine seltsame. Ruhig, beinahe düster, versah er die Staatsgeschäfte. Nero ließ ihn gewähren, verbat sich aber die Einmischung des philosophischen Warners in sein Privatleben. Agrippina schien auf jeden Einfluß verzichtet zu haben. In Wahrheit lauerte sie auf die nächste Gelegenheit, ihren Sohn zu verblüffen und die Herrschaft von ehedem wieder an sich zu reißen. Thatsächlich regierte Poppäa Sabina, denn Seneca, dem sie die größte Ehrerbietung bewies, hatte sich eingeredet, er müsse ihr thunlichst nachgeben, um später durch ihre Vermittelung den jetzt so unphilosophischen Kaiser zurückzugewinnen. Die Schmeicheleien des schlau berechnenden Weibes hatten ihm jede Urteilsfähigkeit lahm gelegt. Er hielt sie für eine geistesverwandte Natur, und da die Kluft zwischen Octavia und Nero nun doch einmal unüberbrückbar erschien, so beruhigte sich auch sein stoisch ernstes Gewissen.

. . . Lucius Menenius eröffnete die Beratung mit einer kurzen, weihevollen Begrüßung der Kampfgenossen.

Dann fuhr er in abgedämpfterem Tone fort: »Es ist nun klar wie das Sonnenlicht, daß wir uns alle in Claudius Nero Cäsar getäuscht haben. Dem Quiritenvolke ergeht es, wie der Henne des Fabeldichters, die einen Raubvogel ausbrütet. Erst nimmt sie ihn für ein Hühnchen, bis sie dann endlich mit Entsetzen gewahrt, wie dem jungen Geier die Griffe wachsen.«

»Dem jungen Aasgeier!« schnaubte der Militärtribun Pharax.

Lucius Menenius schüttelte lächelnd den Kopf. »Leider nein!« sagte er bitter. »Nicht die Toten zerfleischt er, sondern die Lebenden. Wir selber sind seine Opfer. Er trinkt das Herzblut Roms, um neue Kräfte zu sammeln für seine phantastischen Flügelschläge. Ich wiederhole es: wir sind schmählich getäuscht worden. Seneca, der ihn von Jugend auf kennt, hätte ihn längst schon begreifen müssen. Hier galt es die furchtbarste, eisernste Energie. Mit geistreichen Philosophien treibt man die eingeborene Wildheit nicht aus. Fast verspüre ich Lust, ihn der Mitschuld an all diesem Unheil zu zeihen, zumal jetzt, da er schweigend mit ansieht, wie die verlogene Poppäa sich fester und fester nistet. Diese Verderberin ist überhaupt der Urquell jeder Erbärmlichkeit. Agrippina siegte durch Missethaten; Poppäa herrscht durch die Künste der Buhlerin. Ich schwanke da, ob ich die Kaiserin-Mutter nicht vorziehe . . .«

»Oh, oh!« rief Flavius Scevinus.

»Verzeih, – aber ein Opfer der Agrippina ist leicht parteiisch,« sagte der Rechtsanwalt. »Früher, da Agrippina am Steuer saß, wahrte doch Nero den Schein. Seit ihn Poppäa umgarnt hält, tritt er alles, was heilig ist, mitleidslos unter die Füße. Er treibt die Verschwendung bis zur Verrücktheit. Er beugt offenkundig das Recht, um seine ewig-erschöpfte Kasse zu füllen. Er entehrt sich als Pantomime, als Ringkämpfer, ja als Kutscher im Cirkus . . .«

»Zähl ihm das Kleine nicht nach, da es ja leider des Großen genug gibt!« unterbrach ihn Flavius Scevinus. »Wenn er Komödie spielt oder als Ringer auftritt, so läßt sich dies halbwegs noch entschuldigen. Nero ist mehr Grieche als Römer. Sophokles und die Gesänge Homers haben ihn großgesäugt. Er lebt in dem Wahne, alles, was die Achäer vor Ilion getrieben, sei auch in Rom erlaubt. Hat einst Odysseus mit Ajax um den silbernen Dreifuß gerungen, so meint der Sohn Agrippinas, dergleichen stehe auch ihm zu Gesicht. – Das alles wollt' ich ertragen. Ich rechne mit seiner lodernden Phantasie, mit seinem Hange zum Bunten und Märchenhaften. Aber das andre, das Große . . .! Wahrlich, Menenius, in dieser Beziehung wirst du bei aller Beredsamkeit niemals Worte finden, die mir genugthun! Die trostlose Rechtsunsicherheit hast du erwähnt, die schmachvollen Majestätsprozesse, die jeden Bürger zum Spielball tückischer Denunzianten herabdrücken. Ich zittere vor Ingrimm, wenn diese Zustände nur flüchtig berührt werden. Eins aber empört mich noch tiefer: das schurkenhafte Gebaren des Cäsars wider Octavia. Denk' ich daran, so steigt mir das Blut in fast betäubender Welle zum Hirn; meine Finger krümmen sich zuckend, als wollten sie nach dem rächenden Dolch greifen. Ach, und doch – welche unsägliche Qual! Freunde, ihr ahnt ja nicht, wie ich diesen Knaben geliebt habe! Mein Herzblut hätt' ich für ihn gegeben. Er war mir wie ein leiblicher Sohn. Und er liebte mich wieder, anhänglich, treu, voll rührender Pietät . . . Um so glühender hass' ich ihn jetzt. Nein, ich betrüge mich. So schnell reißt Flavius Scevinus nicht ein Gefühl aus der Brust, das einmal dort festgewurzelt. Noch habe ich nicht gelernt, ihn zu hassen, so sehr ich es anstrebe. Um so gerechter werde ich sein, um so parteiloser. Ich verurteile ihn, wie einst Brutus die eigenen Söhne verurteilte, – und mein Wahrspruch lautet: ›Er ist des Todes schuldig!‹«

»Nicht des Todes!« wehrte ihm Nicodemus. »Auch ich bin ja felsenfest überzeugt, daß dem Staate kein Heil erblüht, bevor wir den heuchlerischen Tyrannen vom Throne gestoßen. Aber ihn töten, hieße uns Rechte anmaßen, die nur der ewig waltenden Gottheit zustehen.«

»Mich wundert deine platonische Mäßigung,« sagte der Dichter Lucanus. »Du besonders hättest doch Ursache, ihn zu hassen, denn lächerlicher wie dir hat er keinem unter den römischen Bürgern mitgespielt. Ich weiß das alles von Seneca. Ihr habt Sonderbares geplant. Ueber den Wert oder den Unwert eurer Ideen will ich nicht urteilen. Eines jedoch muß dich meines Erachtens geradezu als Verhöhnung berühren: der Umstand nämlich, daß Claudius Nero zu einer Zeit, als niemand ums Treiben der Nazarener sich kümmerte, höchst überflüssige Duldungsedikte erließ, während er jetzt, den Duldungsedikten zum Trotz, die Verfolgung gestattet, sobald sich ein harmlos-gläubiger Sklavenjüngling gar zu öffentlich seines gekreuzigten Meisters rühmt . . .«

Nicodemus erblaßte. »Ich spreche hier nicht als Gönner des Nazarenertums,« versetzte er frostig. »Auch ahne ich nicht, ob und wie weit dein Oheim Annäus Seneca es für gut befunden, dich einzuweihen, da es sich hier doch um Dinge handelt . . .«

»Beim Herkules, du kannst vollkommen beruhigt sein! – wir sind ja hier unter Freunden! – Also: du willst den Cäsar geschont wissen?«

»Ich scheue das Blutvergießen,« gab Nicodemus zurück. »Morden wir den Verbrecher, so sind wir ebenso große Frevler als er.«

»Du bist zu feige,« grollte der Militärtribun Pharax. »Hat sich Nero etwa bedacht, als ihm der junge Britannicus lästig wurde?«

Flavius Scevinus zog die Brauen zusammen. »Rede nicht thöricht!« wies er den Ungestümen zurück. »Britannicus fiel als ein Opfer der Agrippina.«

»Wem aber zum Vorteil?« fragte der Neffe des Seneca. »Lebte Britannicus, wahrlich, so wäre für Nero im Palatium nicht Raum geblieben. Der Sohn Agrippinas wohnte vielleicht in Athen und spielte in seinem Trauerspiel ›Jokaste‹ die Titelrolle.«

Man lachte.

»Ich rede völlig im Ernst,« sagte Lucanus. »Unser vortrefflicher Flavius hat ja bereits bemerkt, wie sehr den Cäsar das Außergewöhnliche und Phantastische lockt. Neuerdings betreibt er sogar den Spaß nächtlicher Prügeleien.«

»Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen,« rief der Osker Velinus. »Von einigen Schandgenossen begleitet, fiel der Bube mich an, da ich eh'vorgestern zu Anfang der zweiten Vigilie von Didius heimkehrte. Ich erkannte ihn trotz der Kapuze; ebenso den räudigen Hund Tigellinus. Sie waren fünf, wir drei: aber wir hieben sie! Da pfiff der Erlauchte, und plötzlich hörten wir Waffengerassel. Von der curischen Gasse her kamen die Prätorianer. Ich versetzte dem Tigellinus noch einen saftigen Bauchschlag. Dann rasten wir um die Ecke.«

»Freue dich, daß du noch fremd bist,« sagte Menenius der Jüngere. »Wüßte der Agrigentiner, wer ihm so mitgespielt, er machte dir augenblicklich den Majestätsprozeß. – Aber die Zeit rückt vor: wir dürfen nicht weiter abschweifen. Julius Vindex, berichte uns, was du neues gehört!«

Julius Vindex erhob sich. Die Linke am vergoldeten Schwertknauf, begann er wie folgt: »Ich war also vor einigen Tagen in Luna am Flüßchen Macra. Dort traf ich, wie lange vereinbart, mit Giso, dem Sohn des Lollarius, zusammen. Es reiste als Bauunternehmer; wenige Meilen von dem Städtchen entfernt liegen ja die gewaltigen Marmorbrüche. Wir verstanden uns rasch. Salvius Otho konnte uns keinen gewandteren Botschafter senden, als diesen blondhaarigen Chatten. Was Otho uns mitteilen läßt, klingt erfreulicher, als die Stimmungsberichte aus dem Lager der Prätorianer. Zahlreiche Centurionen und Militärtribunen hat er bereits gewonnen. Giso meinte, in Lusitanien würde der Aufstand heute schon möglich sein.«

»Lusitanien, wenn es allein steht, ist nur ein Piedestal ohne Bildsäule,« meinte Scevinus.

»Das denke ich auch,« bestätigte Vindex. »Also, um ganz und gar bei der Sache zu bleiben, noch eins: Otho erklärt sich mit aller Entschiedenheit gegen die Absicht der Truppen, die ihn zum Kaiser ausrufen wollen. Er fürchtet, die Rebellion, die doch lediglich eine Handlung strengster Gerechtigkeit sei, möchte sonst aussehen wie die That eines verwerflichen Ehrgeizes. Ich muß ihm vollständig beistimmen. Soll nicht die Lauterkeit unsrer Beweggründe schmählich verkannt werden, so darf keiner von uns nach der Herrschaft trachten.«

»Keiner!« klang es im Kreise. Nur Pharax schwieg. Er mochte so seine eigenen Gedanken haben. Ihm hatte ja auch kein Wahrsager prophezeit, daß er einst von der hoheitsstrahlenden Agrippina ›mein süßer Junge‹ und ›ach, du wonniger Liebling‹ genannt werden sollte! Wer durfte sich da erdreisten, dem Aufschwung dieses begnadeten Adlers eine Grenze zu stecken? Pharax Cäsar – das klang gar nicht so unwahrscheinlich; und wenn er's erreicht hatte, wenn er alltäglich Tausende unter die Prätorianer verteilen und sämtliche Eselshufe Italias vergülden konnte: dann wollte er auch die rotgelockte Pantherin züchtigen und sie gerade so in die Enge treiben, wie Nero seine Gemahlin Octavia. Die reizende Hasdra, die er so voreilig aufgegeben, war dann sicher nicht abgeneigt, bei Pharax dem Weltbeherrscher die Rolle der schönen Poppäa Sabina zu spielen . . .

Sein Auge strahlte bei diesem Zukunftstraum: man konnte ihm die gaukelnden Hirngespinste fast vom Gesicht lesen.

»Genossen,« fuhr Vindex fort, »ich werde also dem Giso vermelden, daß ihr die Anschauung Othos teilt. Das wird ausreichen, die Halsstarrigkeit der Offiziere zu brechen. Eine Persönlichkeit, die dem Thron des Augustus zur Zierde gereichen würde, besitzt Roma in Cnejus Calpurnius Piso . . .«

»Oder in Galba,« sagte Lucanus.

»Wie ihr beschließt! Beide sind Ehrenmänner und heimliche Todfeinde dieser unglaublichen Schandregierung. Auch zweifle ich keine Sekunde an Pisos Bereitwilligkeit, falls wir erklären können: die Bahn ist geebnet. Hierzu ist nötig, daß wir wenigstens eine Kohorte der Leibwache . . .«

Das Wort erstarb ihm plötzlich zwischen den Lippen. Die Verschworenen fuhren von ihren Sitzen empor, als hätte ein Erdstoß das Haus erschüttert. Todbleichen Angesichts lauschten sie in der Richtung des Atriums.

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