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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Elftes Kapitel.

Tigellinus hatte bei Tafel, trotz des Eifers, mit dem ihn Septimia beschlagnahmte, Zeit gefunden, die sonderbare Erregtheit Poppäas und den wechselnden Ausdruck im Antlitz ihres fürstlichen Partners zu beobachten.

Der Imperator schien mehr und mehr von Othos verführerischer Gemahlin gefesselt. Zwei oder dreimal hatte er, wie von heimlichem Dank erfüllt, zu ihr aufgeschaut. Die Wolken, die sich sonst mitten im tollsten Jubel auf seiner Stirn zeigten, waren heute nur ganz vorübergehend emporgetaucht, als nämlich Chloris in die Saiten ihrer Kithara schlug.

Tigellinus freute sich dieser Wahrnehmung.

Die dumme Geschichte mit Acte, die ja freilich ein ganz allerliebstes Persönchen gewesen, fast so schön und so küßlich, wie die reizende Rhodierin, mußte jetzt endlich aus dem Gedächtnis des Kaisers getilgt werden. Dazu war Poppäa das rechte Weib. Und welch ein Vorteil für das Palatium, wenn sie den Princeps in ihre Netze zog! Wo Poppäa Sabina herrschte, da schlug die Freude, die üppige Lebenslust ihren Thron auf. Gelang ihr die große Eroberung, dann war die Hofburg in alle Zukunft ein Göttersitz. Man brauchte dann nicht mehr so ängstlich mit seinen Abenteuern und Herzensgeheimnissen hinter dem Schilde zu halten; man konnte Milliarden vergeuden, wo jetzt nur Hunderttausende oder Millionen draufgingen; kurz, man durfte seine Persönlichkeit, wie die Gnade der Götter sie einmal gestaltet hatte, rückhaltslos offenbaren und alles mit Füßen treten, was dieser freien Betätigung irgend zuwiderlief.

Gar zu gern hätte der glänzende Virtuose der Orgie in Verfolgung dieser Gedanken den Kaiser belauscht, wie er jetzt mit Poppäa an der marmorbelegten Parkmauer Halt machte, und hinab auf den Golf schaute. Die ›beschwipste‹ Septimia indes hielt ihren freundlichen Kavalier so energisch beim Arme und flüsterte so weinberedt auf ihn ein, daß er sie, ohne brutal zu werden, nicht abschütteln konnte.

Poppäa und Nero lehnten dicht nebeneinander.

Beide sprachen kein Wort. Der Kaiser starrte mit weitgeöffneten Augen in das verschwimmende Blaugrau der Meeresflut . . . Poppäa hatte mit reizender Koketterie die Hand auf seine Schulter gelegt als wollte sie sagen: ›Erinnere dich, daß hier neben dir eine Freundin steht, die ein Herz hat für alles, was dich bewegen mag!‹

Lange schwiegen sie so. Die Phantasien des Imperators schienen trüb und traumvoll ins Weite zu schweifen.

Endlich fragte Poppäa: »Was sinnst du, Cäsar? Denkst du noch immer an die Ewig-Verlorene?«

Er gab keine Antwort.

»Ich weiß,« fuhr sie fort, »daß ein edles Gemüt nur schwer und langsam vergißt. Wohl denn: meine Aufgabe soll es sein, dir die heimlich blutende Wunde allmählich heilen zu lassen. Raffe dich auf, mein Freund! Oder muß ich es wirklich beklagen, daß dich ein Zug meines Angesichts an die Tote gemahnt? Ich hoffte im Gegenteil, durch diese flüchtige Aehnlichkeit dir um so teurer zu werden . . .«

»Wahrlich, so ist's!« versetzte der Kaiser. »Ich fühle, wie du mit jedem Tag mir unentbehrlicher wirst . . .«

»So bin ich glückselig! Ach, gedulde dich nur! Allmählich wirst du mit immer sanfterer Trauer auf das Vergangene zurückschauen, – und schließlich kaum noch als Schmerz empfinden, was dich jetzt noch zerfoltert. Claudius Nero! Schau mir ins Angesicht! Seneca hat dich erzogen, der große Weltweise. Durftest du, als der Schüler dieses Heroen, überhaupt in so krankhaften Trübsinn verfallen? Dem Unabänderlichen sich fügen – das allein ist Mannes- und Menschenmut. In eine Welt der Vergänglichkeit bist du hineingeboren: und du wunderst dich, daß dir ein Frühling zu Grabe geht?«

»Vergänglichkeit!« wiederholte Nero dumpf. »Ein entsetzliches Wort! Leuchtend, wie unsterbliche Götter, wandeln dort oben die Sterne, ungezählte Jahrtausende lang: und dennoch wird dereinstens die Stunde kommen, da auch die Sterne für allzeit erlöschen, die schreckliche Todesstunde des großen Pan . . .«

»Die Geburtsstunde der götterverschlingenden Welt-Nacht,« – seufzte Poppäa. »Menschenlos, wie bist du klein und erbärmlich! Eine Ewigkeit lang waren wir nicht, – und wenn die kurze Zeit dieses Daseins vorüber ist, werden wir eine Ewigkeit lang nicht mehr sein. Was bedeutet also die Sorge, der Gram, der Jammer in dieser Zeitspanne, die uns geschenkt ist? Acte ist tot, weil das Schicksal es so gewollt hat. Eh' ein Jahrhundert verstreicht, wäre sie tot, auch wenn ihr die Götter das Leben bis an die äußersten Grenzen gnädig beschirmt hätten. Ach, und das gilt auch von uns! Der Sand im Zeitenglas des Saturn kann für uns heut noch zu Ende gehen. Wirst du dann sterblich nicht jede Minute verwünschen, die du glücklos vertrauert hast? Heute leben wir! Heute laß uns genießen!«

Nero atmete tief.

»Beim Styx, du hast recht!« sagte er plötzlich emporgerichtet. »Alles ist eitel, am meisten aber die Klage ums Einst.«

Thränenfeuchten Auges sah sie zu ihm herauf.

»Du weinst, Poppäa?«

»Vor Freude, vor Seligkeit . . .«

Nero umschlang sie zärtlich.

»Heute leben wir!« seufzte er, halb schon betäubt von ihrem unwiderstehlichen Zauber. »Weib, wie du schön bist!«

Mit gut erkünstelter Bangigkeit suchte Poppäa sich ihm zu entwinden.

»Heute trägst du noch Rosen im Haar, – und Rosen, Rosen auf den blühenden Lippen.«

»Laß mich, Cäsar!« flehte sie schmeichlerisch. »Denke an Otho!«

»Soll Otho allein sich als Zeus fühlen? Dafür blüht diese unvergleichliche Io zu wonniglich.«

Die faltige Stola war ihr von der Schulter geglitten. Mit wütenden Küssen durchflammte er den üppigen Arm, die zarte, sammetweiche Kehle, den herrlich geformten Nacken.

»Heute leben wir!« wiederholte er, nachdem er sich endlich ersättigt hatte. »Droben die frostigen Sterne mit ihrer menschenverhöhnenden Ewigkeit, – was gehen sie uns an, wenn wir selig dahinschmelzen im Genusse des Augenblicks? Wahrlich, Poppäa, du scheinst mir Thales, Herakleitos und Plato in einer Person! Du verdunkelst den Seneca, wie die Sonne das Mondlicht. Süße Trösterin, dir folg' ich mein Leben lang!«

Nun warf sich Poppäa, wie vom Ueberschwang ihres Glückes bewältigt, an seine Brust.

»Nero,« hauchte sie schmachtend, »ich bete dich an!«

Er umschlang sie von neuem. Ihre Lippen saugten sich an den seinigen fest, als wollte sie ihm das Herz aus der Tiefe der Brust holen.

»Und Otho?« fragte er plötzlich, da der bezaubernde Mund ihn freigab. »Otho, an den mich Poppäa so strafend erinnert hat?«

»Was frag' ich nach Otho, – nun, da ich weiß, daß Claudius Nero mich liebt? Einer fürstlichen Laune hätte ich mutvoll die Pflicht entgegengesetzt: deine Liebe jedoch wirft das alles über den Haufen. Ich fühle jetzt, was ich zuvor nur geahnt habe: daß Otho mir gleichgültig ist, wie ein Fremdling.«

»Ach, und dennoch wirst du bei diesem Fremdling rasten, sein Lager, sein Leben teilen . . .«

»Kann ich's ändern? Bin ich nicht seine Gattin?«

Es entstand eine Pause.

»Wann und wo sehen wir uns wieder?« fragte dann plötzlich der Imperator. »Ich meine natürlich: unter vier Augen . . .?«

»Wann und wo du befiehlst. Aber hüte dich! Otho ist eifersüchtig, als wär er ein Greis . . .«

Nero zuckte die Achseln.

»Wem sagst du das, schöne Poppäa?«

»Verstehe nicht falsch! Ich betone das nicht um deinetwillen, sondern um meinetwillen.«

»Pah, was kann er dir anhaben? Uebrigens braucht er ja vorläufig nichts zu wissen. Ich rede mit Tigellinus. Der soll ihn schon anderweitig beschäftigen. Wahrlich, Poppäa, du entweihst mir im voraus das unerwartete Glück, wenn du so kleinliche Furcht bekundest.«

»Ja, du hast recht,« sagte sie frohmütig. »Mag da kommen, was will: ich bin deine Sklavin . . .«

»Meine Führerin,« verbesserte Nero, »meine reizende Lehrmeisterin im Vollgenusse des Daseins.«

»So sei es! Und ich hoffe bestimmt, der jugendstrahlende Schüler soll morgen bereits vergessen, daß er jemals getrauert hat. Früh nach dem ersten Imbiß findest du mich dort drüben im Gartenhaus . . .«

»Ich komme, du himmlische Aphrodite! Ach, ich vergehe vor Sehnsucht! Einmal noch laß dich hier an das Herz drücken!«

»Horch! Schritte!« sagte Poppäa.

»Fernab! Einen Kuß noch, Geliebte! So! Und nun brechen wir auf! Der zweite Teil des Gelages muß jeden Augenblick seinen Anfang nehmen.«

Ein lauter Drommetenstoß klang, jede Stimmung verscheuchend, grell durch die bläuliche Sommernacht.

Poppäa und Nero traten Hand in Hand von der epheuumrankten Mauer zurück und schlugen schweigsam den Rückweg nach der Festtafel ein.

Im Busen des jungen Weibes jauchzte es wie von Triumphgesängen.

Otho, der nüchterne, öde, abgeschmackte Geselle, er sollte nun fühlen, was eine Poppäa vermag, die sich von Claudius Nero geliebt weiß!

Nero selber – das stand ihr so fest, wie der Glaube ans ewige Nichts – würde dereinst sie zur Lösung ihres verhaßten Ehebunds hindrängen. O, sie wollte ihm, wenn er vom Glück ihrer Liebe erst gründlich berauscht war, schon ausmalen, wie sinnlos glühend ihr Gemahl sie begehrte . . . Die Eifersucht und der fürstliche Stolz des Kaisers mußten geweckt, sein Herz mußte zermartert werden, bis er aus eigenstem Antriebe ihre Scheidung verlangte. War sie erst frei, dann würde sie zusehen, wie ihre Stellung sich weiter befestigen ließ, und ob sie – der Gedanke kam ihr erst heute – den Kaiser bewegen könnte, im Widerstreit gegen die allgefürchtete Agrippina, die glühend gehaßte Octavia aus dem Wege zu räumen.

Poppäa Sabina konnte nicht sprechen: so tobte das Hochgefühl des erwarteten Sieges in ihrer ehrsuchterfüllten Brust, die weder Liebe empfand, noch selbst die naiv-brutale Sinnlichkeit einer Septimia. Poppäa liebte nur sich, und dieser Eigenliebe hätte sie alles, auch das Heiligste, blindlings zum Opfer gebracht.

Nero indes bemerkte kaum, daß sie schwieg. Seine Gedanken jagten sich, wie die Wolken in jener stürmischen Nacht, da man die unvergeßliche Acte aus ihrer Villa entführte. Er kam sich vor wie ein Verräter an der Vergangenheit.

Wer Acte besessen, konnte der noch ein Glück von Poppäa hoffen?

Ferner: war nicht Otho – nächst dem Agrigentiner – sein bester Freund? Und diesen Freund betrog er nun um das Liebste. Dem arglos Vertrauenden grub er den Boden unter den Füßen weg; er bewies ihm punische Treue, während Otho ihm voll Zärtlichkeit anhing . . .

Bald jedoch überkam ihn wieder die alte Bitternis, der unversöhnliche Groll wider das Fatum.

Wenn er dem Freund die Gemahlin entfremdete, wohl, so that er genau das gleiche, was die unsterblichen Götter an ihm gesündigt. Dieser sogenannte allgütige Jupiter hatte ihm Acte geraubt, ohne zu fragen, ob ihm das Herz bei diesem Eingriff in Stücke brach. Jetzt spielte Nero selber den Jupiter. Diese Vertauschung der Rollen schien ihm nur billig. Auch war es ja, bei Lichte betrachtet, Poppäa selber gewesen, die sich ihm angetragen. So machte er nur von dem selbstverständlichen Rechte Gebrauch, das zu ernten, was ihm gesät wurde.

Und vor allem: ›Heute nur leben wir!‹ Ihre eigene Sirenenstimme hatte das Wort ihm ins Ohr geflüstert. Her mit dem schäumenden Becher! Schlürfe ihn aus bis zur Trunkenheit! Frage nicht, ob ein andrer verdurstet, während du schwelgen darfst! Schämt sich etwa Fortuna? Weshalb, zum Henker, hat sie so wenige auserwählt? Otho, wenn er Poppäa verlor, hatte nichts Besseres verdient. Hohn und Spott nur blieben sein Erbteil. Ach, der Erbärmliche! Menelaos, der Fürst der Achäer, konnte doch Krieg führen wider den Räuber seiner Gemahlin. Otho aber, der Tropf, – was vermochte er gegen die Allgewalt seines Kaisers? Die Prätorianer waren ein besseres Bollwerk, als die Mauern von Ilion. Der arme Betrogene mußte sich fügen, wenn's ihn nicht etwa gelüstete, blindlings, wie ein rasend gewordener Stier, in die Speere zu rennen.

Nero seufzte.

Die Prätorianer! Mit dem ersten Verstoße wider sein Rechtsbewußtsein fühlte er auch die Notwendigkeit dieses ehernen Schutzwalls. Bis dahin hatte er niemals darüber nachgedacht.

Die Giftblume der Tyrannei war im Wachsen.

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