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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zehntes Kapitel.

All-Heilmittel ist die Arbeit. Wäre es Winter gewesen, und der todwunde Cäsar hätte sich tief in den Strudel der inneren und äußeren Politik stürzen können, – wer weiß, wie die Dinge sich schließlich entwickelt hätten. So aber stand die Sonne fast schon im Zeichen des Löwen; die Staatsgeschäfte stockten; Rom war nach den Begriffen der vornehmen Welt unbewohnbar, – und so blieb nur die campanische Villeggiatur mit ihren tollen, märchenhaften Vergnügungen . . .

Es war eine wetterleuchtende Nacht im herrlichen Bajä. Das geräuschvolle Treiben der Hafenstraße begann zu verstummen. Hier und da klang noch ein Trinklied aus den Matrosentabernen über den Golf herüber. In den glänzenden Villen herrschte die Ruhe der Uebersättigung. Die ermüdeten Großstädter lagen bei weit geöffneten Thüren auf den Polstern ihrer Cubicula, um der Ruhe zu pflegen, wenn auch die drückende Temperatur den Schlaf scheuchte.

Nur droben, einige hundert Schritte aufwärts vom Gestade der Bucht, flammte es noch von zahllosen Pechpfannen, deren rötlich bestrahlter Qualm nahezu senkrecht zum Himmel aufstieg.

Hier, in den Rosengärten des Salvius Otho, hatte sich noch zu später Stunde ein auserlesenes Convivium gelagert, das mit jubelnder Flottheit Becher um Becher leerte.

Salvius Otho, der Hausherr, war auf Antrag seines erlauchten Freundes, des Imperators, zum König dieses Conviviums ernannt worden und entledigte sich seiner scherzhaften Obliegenheiten als Trinkrichter mit vollendeter Grazie.

Reichgekleidete Sklaven füllten unablässig die silbergetriebenen Kelche; allerliebste Hispanierinnen mit langhinwallendem Haupthaar schwebten im Glanze ihrer enganschließenden coïschen Florkleider wie beflügelte Genien umher und boten die sogenannten Bellaria, die würzigen Leckerbissen, durch deren Genuß die römische Zecherwelt ihre Leistungsfähigkeit zu steigern gewohnt war.

Otho, als der König des Festgelags, lehnte mit einer Griechin aus Epidamnus, die vor kurzem erst in der Hauptstadt weilte, stolz am oberen Ende der Tafel.

Rechts von der Griechin folgte der Herzenseroberer Sophonius Tigellinus mit der Gattin eines Senators. Die junge Frau, Septimia geheißen, gebärdete sich wie von Sinnen. Ihr Blick bohrte sich förmlich in die dunklen Augen ihres blasierten Partners. Trotz der Länge seines berauschend klingenden Namens hatte sie das Gelübde gethan, im Verlauf einer Stunde ihn ordnungsgemäß abzutrinken, das heißt: aufs Wohl des vergötterten Mannes so viel Becher zu leeren, als das Wort › TIGELLINVS‹ Buchstaben zähle.

Sie war jetzt eben beim › V‹.

Links von dem Trinkrichter zechte der würdige Seneca, der Horazischen Mahnung folgend, daß es reizend sei, bei Gelegenheit über die Schnur zu schlagen. Vielleicht entschuldigte ihn sein Gewissen mit dem hochpolitischen Lehrsatz von der Obmacht der Staatsraison. Nero war, der Meinung des Philosophen zufolge, jetzt gerade im besten Zuge, den letzten Einfluß der Kaiserin-Mutter beiseite zu schieben. Zur Durchführung dieser Oppositionsrolle bedurfte der junge Cäsar einer gewissen Betäubung. Trotz aller Enthüllungen über Agrippinas Vergangenheit regte sich immer wieder die vielberufene kindliche Pietät; in den Stunden der Einsamkeit suchte der Kaiser nach Entschuldigungsgründen für die Missethaten der Mutter, ›die doch stets nur gefrevelt hatte um seinetwillen!‹; und so hielt es der Staatsminister für günstig, wenn sich der Imperator, anstatt wie früher zu grübeln, frisch und frank in das laute Getümmel des Lebens stürzte.

Senecas Nachbarin war nicht viel ernsthafter und gediegener, als die Septimia des Tigellinus: aber sie war eine größere Modenärrin, und die Mode verlangte es, mit Seneca zu philosophieren. Deshalb beneidete sie ihre Freundin Septimia keineswegs um den glänzenden Agrigentiner; ihre Eitelkeit war stärker als ihr Bedürfnis nach Huldigung.

Nero selbst hatte den äußersten Platz am Ende der Tafel, damit, wie Otho sich schmeichlerisch ausdrückte, dies untere Ende ins obere verwandelt würde.

Die Tafelgenossin des Kaisers war Poppäa, Othos Gemahlin.

Tänzerinnen und Flötenspieler, Gaukler und Deklamatoren hatten die Trinkpausen nach altüberlieferter Weise musterhaft ausgefüllt. Mitternacht war vorüber. Da nahte in Begleitung einiger Fackelträger die allbeliebte Sängerin Chloris. Dem Zuge des großstädtischen Lebens und Treibens folgend, hatte sie um die Iden des Mai Rom verlassen, um zu Bajä in den Landhäusern der reichen Aristokraten Tausende und Abertausende mühelos zu verdienen. Ohne es zu wollen, erbeutete sie nebenher auch die Sympathien der zahlreichen Lebemänner, die auf Schritt und Tritt ihr den Weg verlegten und den Jupiter Ultor zum Zeugen ihrer verliebten Meineide anriefen.

Mit unnachahmlicher Grazie erhob sie jetzt das stählerne Plectrum. Sie sang ein Liebeslied der Melinno. Von den ruhig lodernden Fackeln bestrahlt, sah sie aus wie Melpomene.

»Diese reizende Unschuld,« raunte Septimia und schmiegte sich zärtlich an die Schulter des Agrigentiners.

Ihr Ton hatte etwas Ironisches. Tigellinus, der sonst nicht der Mann war, die Unsträflichkeit eines Weibes gewichtig zu nehmen, fühlte sich heimlich verletzt. Ohnehin war er verstimmt darüber, daß ihm die sehnsuchtskranke Septimia eigentlich gar nicht die Zeit zur Eroberung ließ, sondern sich blindlings und mit gebundenen Händen ihm auslieferte.

Er bemerkte deshalb: »In der That, dieses Mädchen ist makellos. Ihr Anblick erfrischt mir die Seele wie ein duftiger Tau.«

»Ah!« versetzte die schöne Septimia etwas nervös. »Ich wußte nicht, daß gerade du zu den Männern gehörst, denen die Unschuld so lieblich erscheint.«

»Weshalb sollte sie nicht?«

»Weil du im Rufe stehst, ihr verderblichster Gegner zu sein.«

»Ein zierliches Epigramm! Aber man hat mich verleumdet.«

»Wirklich? Die lange Tabelle deiner Trophäen wäre ein Mythus? Hast du mir nicht vor einer Stunde noch zugestanden, daß deine Feldzüge unter den Adlern der Aphrodite nicht völlig des Ruhms entbehrten?«

»Darf ich der holden Septimia betonen, daß ihre Purpurlippen mit gewohnter Unstetigkeit vom Thema abgeschweift sind? Von mir und meinen ›Großthaten‹ war ja durchaus nicht die Rede.«

»Allerdings, wir sprachen von Chloris. Du verteidigst sie; du beschwörst ihre Tugend. Wäre mein Freund Tigellinus vielleicht nur deshalb so fest von ihrer Standhaftigkeit überzeugt, weil er sich jüngst einen Korb geholt?«

»Ich nicht,« gab Tigellinus ihr mit höflicher Ruhe zurück. »Andre jedoch, – und zwar vortreffliche Kämpfer: zum Beispiel – aber die Namen sind peinlich.«

»Mir kannst du sie anvertrauen.«

»Unmöglich!«

»Otho vielleicht?« hauchte sie, schalkhaft lächelnd.

»Was denkst du, Septimia! Otho, der ewige Bräutigam, der so verliebt ist in seine Poppäa Sabina!«

»Freilich ist er verliebt. Aber sie lohnt's ihm schlecht. Oder glänzte nicht auch Poppäa auf der Liste des Tigellinus?«

»Die Frage ist zartfühlend. Nein, Septimia. Unsre Poppäa, so schön sie ist, hat mich allezeit kalt gelassen. Uebrigens steht ja noch lange nicht fest, ob's mir bei Poppäa Sabina nicht genau so ergangen wäre, wie – deinem hochgeborenen Gemahl bei der reizenden Chloris.«

»Was? Meinem Gemahl? Cnejus Camillus, diese Seele von einem Manne, das treueste, schüchternste Maultier, das jemals im Joch der Ehe gewandelt?«

»Du sagst es.«

»Ich spotte deiner Erfindungen.«

»Ich berichte dir Thatsachen – zur gerechten Strafe dafür, daß du Chloris belächeln wolltest.«

»Sieh doch, wie du das Schwert ziehst für deine Virginia! Uebrigens: Strafe? Ich dächte, du könntest allmählich wissen, daß auch die größte Thorheit des Cnejus Camillus mir so gleichgültig wäre, wie der Streich eines Schulbuben. Du glaubst nicht, Sophonius, wie sehr seine Liebe mir lästig ist. Ich danke den Göttern, daß wir ihn glücklich ins Hochland geschickt haben. Der Arzt, mein Vertrauter, hat sich fast heiser geredet. Schließlich jedoch war er fest überzeugt, der gute Camillus, daß ihm die Seeluft nicht zuträglich sei.«

Tigellinus wandte sich ab. Dieses Weib, so jung und so reizend sie war, flößte ihm Ekel ein.

Septimia stürzte den vollen Becher hinunter.

»So, das bedeutet › S‹. Dein Name ist fertig.«

Nun erhob sie sich und rief ihre Großthat hinüber nach Salvius Otho.

»Klatscht Beifall!« sagte der Trinkrichter. »Unbedenklich sei dir der Preis erkannt, schöne Septimia. Hasdra, unsre kleine Phönicierin, wird sich beeilen, dir die Siegerkrone über die Stirn zu drücken.«

Hasdra, die Vertraute Poppäas, trat bedächtig zwischen den Ahornstämmen hervor, wo sie bis dahin gramerfüllt auf der steinernen Bank gekauert. Das lärmende Festgelage hatte das leidenschaftliche Weh, das sie tief in der Brust verbarg, neu zur Flamme entfacht. Pharax, trotz der Ungelenkigkeit seines Briefstils ihr heiß bewunderter Abgott – Pharax, mit dem sie in aller Stille schon einig gewesen, hatte ihr schriftlich vermeldet, daß es mit seiner neuen Stellung als – Militärtribun nicht vereinbar sei, wenn er sie heirate. Am Schluß des Briefes stand freilich die sehr bestimmte Versicherung, daß er demungeachtet in herzlicher Freundschaft ihrer gedenken werde: aber was half das der armen, zierlichen Hasdra, der mit der Freundschaft ihres prächtigen Pharax ebensowenig gedient war, wie dem Hungrigen mit dem Verzeichnis der Tafelgänge – Sie war wie gelähmt. Ein verzehrender Haß brütete hinter den schattenden Wimpern. Jene Gerüchte also, die ihr zu Ohren gedrungen, hatten die Wahrheit gesprochen. Agrippina, die Mutter des Imperators – das Ungeheuerliche war nicht zu glauben! Freilich, wen die Gebieterin Roms in die Arme geschlossen, der mußte von dem Wahn seiner Größe betäubt werden. Die Phönicierin, die ja ohnehin für eine Barbarin galt, war nicht mehr gut genug; er übte noch Gnade, wenn er sich huldvoll zu der cordubanischen Ritterstochter Acerronia herabließ. O, diese rothaarige Bestie mit den giftigen Augen und dem ewig klaffenden Mund! Aber nein, Acerronia war ja nur das Werkzeug in der Hand Agrippinas! Acerronia war schuldlos im Vergleich mit der Kaiserin! Agrippina! Der Name klang der Phönicierin gleichbedeutend mit Folterqual und Entsetzen. Neben der gleißenden Tigerin auf dem Throne war Acerronia nur eine harmlose Wildkatze.

Dies alles tobte, ungeahnt von der Gesellschaft, durch den bräunlichen Busen der kleinen, glutäugigen Orientalin. In der Rechten die rosengeflochtene Preiskrone haltend, die Linke aufs Herz gepreßt, trat sie heran, verneigte sich vor Septimia, die jetzt doch die Wirkungen ihres abgetrunkenen › TIGELLINVS‹ ernstlich verspürte, und setzte ihr den kunstvoll getürmten Festschmuck mit aller Grazie aufs Haupt.

»Tigellinus!« seufzte Septimia, dem Agrigentiner schlaff an die Brust sinkend. »Ich will dich erhören. Ich will dein sein, schlanker Sophonius, dein . . . dein . . .«

Der Agrigentiner löste sich höflich aus ihrer Umstrickung.

Die reizende Chloris hatte inzwischen ihr Lied beendet, unbekümmert darum, daß sie während der Krönung Septimias wenig Beachtung fand. Sie zögerte, ob sie ein zweites hinzufügen sollte. Salvius Otho schnitt ihren Zweifel ab. Den rebenumkränzten Becher hoch in der Rechten schwingend, rief er mit etwas lallender Stimme: »Die große Pause!«

Wer noch dazu fähig war, erhob sich, um allein oder zu zweien in die prächtige Wildnis zu schlendern, die Othos Vater hier groß gezogen.

»Du entschuldigst mich einen Augenblick,« sagte der Agrigentiner zu seiner Partnerin. »Ich habe drei Worte mit Chloris zu reden.«

»Mit der Kitharaspielerin?« fragte Septimia. »Du? Also doch . . .«

»Rein Geschäftliches. Ich bedarf ihrer, – übermorgen für die Seefahrt, die ich geplant habe. Ich hoffe, der Kaiser und die schöne Septimia werden zufrieden sein.«

Sie strahlte nun selbstgefällig über das ganze Gesicht, während der Agrigentiner die rhodische Sängerin heimlich beiseite nahm.

»Du kommst also?« fragte er, langsam ihre Linke ergreifend.

Chloris erbebte. Schweigend sah sie zu Boden.

»Willst du nicht antworten?« fuhr Tigellinus fort.

Seine aristokratischen Finger glitten bedächtig an ihrem entblößten Arme hinauf.

»Ich weiß nicht, ob mir's Artemidorus gestatten würde,« sagte sie bänglich.

»Artemidorus? Der Freigelassene des Flavius Scevinus? Ja, beim Castor, ist denn Artemidorus dein Vormund?«

»Das nicht, – aber mein Bräutigam.«

»Lächerlich! Eine harmlose Kinderei! Glaubst du im Ernste, daß er dich heiraten wird? Er denkt nicht im Traum daran. Heute die Chloris, morgen die Doris! Leute in diesem Alter sind ja beflügelt wie Jynx, der Zaubervogel der Aphrodite.«

»Ich habe sein Wort.«

»Und wenn selbst: wäre das etwa ein Glück für dich? Du, die freigeborene, göttliche Künstlerin – und, Artemidorus, der ehemalige Sklave, der schon dem Henker verfallen war . . .«

»Herr,« stammelte Chloris errötend, »er ist so edel, so gut . . .«

»Aber du liebst ihn nicht! Sonst würdest du seine Vorzüge mir nicht anpreisen wollen, sondern rundweg erklären: ›Er ist mein Gott!‹ Auch ich bin gut, reizende Chloris, und doch wird niemand behaupten, daß ich dein Herz besitze.«

»Gewiß nicht!«

»Nun also! Was bedeuten die Umstände? Du hast mir zugesagt, das Fest auf dem Golfe durch deine Mitwirkung zu verschönen: ich aber kenne besser, als du, den Geschmack meiner Gäste. Ich will aus dem Schatz deiner Lieder mir das Geeignetste auswählen. Scheint dir das so absonderlich?«

»Nein. Aber ich dachte . . .«

»Denke du gar nichts, mein süßes Täubchen, sondern fühle und singe! Morgen also drei Stunden nach Sonnenaufgang! Links der vierte Eingang im Peristyl. Komm aber nicht durch das Atrium, sondern vom Garten her! Du sollst nicht bemerkt werden, sonst verdirbst du die Ueberraschung.«

Sie zögerte noch. Tigellinus klopfte ihr väterlich auf die Schulter.

»Du bist ein Ausbund von Aengstlichkeit, schöne Rhodierin! Gesetzt auch, Artemidorus hätte ein Recht auf dich: wäre es denn etwas Schlimmes, was ich dir zumute? Oder zürnt er zum Beispiel, wenn du ein wüstes Gelage mit alkäischen und alkmanischen Rhythmen schmückst?«

»Das ist mein Beruf . . .«

»Auch was ich von dir heische, ist dein Beruf. Ohne Vorbereitung gibt's keine wirkliche Leistung. Hier, versprich mir beim Musenführer Apollo, daß du den eifrigsten deiner Verehrer nicht warten läßt!«

Er bot ihr die Rechte.

»Gut denn, ich komme,« sagte sie, schüchtern einschlagend. »Aber du hältst mir auch deinerseits treu und ehrlich, was du mir versprochen hast.«

»Alles, alles!« versetzte der freudestrahlende Agrigentiner.

»Pyrrhus, dein kunstverständiger Sklave, wird bei der Auswahl zugegen sein?«

»Selbstverständlich. Sein Urteil ist mir so wertvoll!«

»Ganz bestimmt?«

»Ganz bestimmt! Und nun schau mir doch nur ein einziges Mal in die Augen! Seh' ich denn gar so gefährlich aus? Bin ich ein Raubtier? Lächle doch, reizende Griechin! Oder denkst du noch immer an Artemidorus?«

»Leider zu wenig!« fuhr sie seufzend heraus.

Im nächsten Moment schon bereute sie, was sie gesagt hatte: aber nun war es zu spät. Tigellinus begriff, daß ihm die scheue Gazelle nicht mehr entgehen konnte. Ein Lächeln stolzer Befriedigung spielte um seinen Mund. Diese eine Eroberung wog ihm zwanzig in den Kreisen des senatorischen Adels und der Ritterschaft auf.

Chloris entfernte sich. Während sie hastigen Schrittes durch eine Seitenpforte zu Thal eilte, trat Tigellinus wieder zu seiner liebeglühenden Tischgenossin Septimia und bot ihr huldvoll die Hand.

Sie erhob sich und hing sich mit voller Schwere an seinen Arm. »Ich bin beschwipst! Göttlicher Tigellinus, ich bin beschwipst!« lachte sie unaufhörlich. »Nein, ist das närrisch! Alles dreht sich um mich im Kreise . . . Auch du, Sophonius, auch du . . .! Mensch, so halte mich doch! So! So! Und jetzt führst du mich hinter die Pinien dort und gibst mir einen tüchtigen Kuß . . . einen von zwei Minuten . . . Weißt du . . . einen . . . Ach, der dumme, gute Camillus! Wenn der Esel nur küssen könnte . . .!«

Tigellinus war heute nicht unbarmherzig. Er schleppte seine berauschte Last mutig vorwärts, obgleich Septimia unausgesetzt stolperte, und verabreichte ihr außer dem vorgeschriebenen Langkuß noch etliche minder ausgedehnte als Dreingabe.

Die meisten Gäste wandelten nun paarweise durch den duftüberfluteten Garten, oder suchten sich in der Richtung des Hügelkamms eine lauschige Bank, wo die Luft reiner und kühler schien, als an der Festtafel unter den Ahornbäumen.

Nur Seneca stand noch, wie in Gedanken versunken, bei einem der gewaltigen Mischkrüge, und füllte sich, die Sklaven zurückweisend, eigenhändig den Becher.

»Eine tolle Welt!« sagte er zu sich selbst. »Nichtig, und dennoch im stande, uns ihre Nichtigkeit jeden Augenblick vergessen zu machen! Vielleicht ist Bacchus dennoch die beste aller Philosophien. Sorgenlöser, ich opfere dir, denn hier halt' ich dich leibhaftig zwischen den Händen, und brauche dich nicht erst logisch zu konstruieren!«

Er goß die Hälfte des Becherinhalts zur Erde. Den Rest trank er mit einer verdächtigen Unsicherheit aus.

»Evoë!« rief er, das leere Gefäß schwingend. »Evoë!«

Dann schritt er mit Aufbietung aller Würde dem Hause zu, warf sich in der spärlich erhellten Exedra langwegs auf die Bronzebank und schlief, noch ehe das Echo dieser sturzähnlichen Niederlassung verhallt war, den traumlos tiefen Schlaf des Bezechten.

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