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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Neuntes Kapitel.

Der Obersteuermann und die beiden Matrosen, die aus der schrecklichen Katastrophe ihrer Bireme mit dem Leben davongekommen, wußten über die Freigelassene des Nicodemus keinerlei Auskunft zu geben. Alle Welt war der Meinung, Acte sei, wie die übrigen Insassen des verunglückten Fahrzeugs, ertrunken. Wo stämmige Gallier und muskelstarke Iberier im Kampf mit der feindlichen Meerflut zu Grunde gegangen, wie sollte da ein zartes, rosiges Mädchen obgesiegt haben?

Gleichwohl irrte man sich.

Eh' noch der Zweiruderer ganz in die Tiefe sank, hatte sich Acte, eine der losgesplitterten Planken der Brüstung ergreifend, jäh über Bord gestürzt. Heil und ihrer Sinne noch mächtig, tauchte sie aus dem gurgelnden Schlunde wieder empor, immer die Planke wider den Busen pressend, und aus dem Bereich der Matrosen steuernd, die nach kurzem qualvollem Ringen sämtlich im Gewoge verschwanden; denn die Schiffsleute von Beruf waren grundsätzlich keine Schwimmer.

Das junge Mädchen allein harrte aus. Ihre geschmeidigen Glieder, die es gewohnt waren, halbe Stunden lang von dem wallenden Element sich tragen zu lassen, brauchten nur eine mäßige Anstrengung, um jetzt mit Hilfe der Planke den Kopf über Wasser zu halten. Eine Vorwärtsbewegung versuchte sie nicht; der Gedanke, auf eine so große Entfernung die Küste erreichen zu wollen, wäre ein Wahnsinn gewesen. Ein Fischerkahn mußte ihrer gewahr werden oder ein Lastschiff: das war die einzige Möglichkeit einer Rettung. Deshalb hieß es: die Kräfte gespart und den Mut nicht verloren, und die kluge, kühle Besonnenheit . . .

Mit unglaublicher Energie rang ihre zagende Seele wider die Anwandlungen der Furcht, die ihr mehr und mehr das pochende Herz zu ersticken drohte.

Sie sprach sich vor, es sei ja nicht denkbar, daß ihr glückseliger Liebestraum ein so schreckliches Ende nehme. Sie suchte sich das himmlische Selbstvertrauen, wie sie's dem Pallas gegenüber bekundet hatte, wieder zurückzurufen, und sich einzureden, die Liebe Neros wehe als schirmender Odem auch über die endlose Wasserwüste.

Alles vergeblich. Trotz der heiligen Glut ihres Empfindens mußte sie voll begreifen, daß ihre Lage eine verzweifelte war.

Der Frühwind hatte inzwischen die Fluten, so weit der Blick reichte, mit weißen Kämmen besät. Von einem Schiff aus konnte die Unglückliche nur noch entdeckt werden, falls dasselbe ganz in der Nähe vorbeikam: denn ihr bleiches Gesicht, ihr helles Gewand und ihr glänzendes Haupthaar mischten sich mit dem schneeigen Schaumgewirbel zu einem unentwirrbaren Ganzen.

Auf und nieder, auf und nieder, mit der Regelmäßigkeit gewaltiger Atemzüge ging dies Wogen der überstürzenden Wasser. Jetzt sah sich Acte auf der strudelnden Höhe; jetzt strömte sie, willenlos und gleichsam ein Teil der beweglichen Flut geworden, in die schwarzblaue Senkung hinab, um ebenso wieder emporzusteigen.

Das Rauschen und Brausen übertäubte nun ganz und gar ihren oft wiederholten Hilferuf. Die sonst so herrliche Stimme scholl matt und ohne Metall. Oder war es die immer wachsende Todesfurcht, die ihr den süßen, silbernen Klang benahm . . .?

Drüben am westlichen Himmelsrand zogen die riesigen Kauffahrteischiffe, die nach Panormus steuerten, bleich wie fliehende Dunstgebilde vorüber: keines jedoch lenkte den Kurs nach der Unglücksstelle. Die Fischerboote von Antium wagten sich bei dieser bedenklichen Brise nicht so weit in die See hinaus. Was von Gallien oder Hispanien nach Ostia ging, kreuzte mehr nordwärts.

Wo sollte die zitternde Angst hier Umschau halten?

Stärker und stärker sauste der Wind, – und höher und höher bäumten sich die mähnenumflatterten Rosse Neptuns. Eine Sturzwelle nach der andern überströmte die zagende Schwimmerin; aus dem Stirnhaar troff ihr fast unablässig ein rieselnder Guß über das fahle Gesicht, so daß sie die thränenden Augen kaum noch zu öffnen vermochte.

In dieser Herzenspein wandte sie sich zu dem allmächtigen Gott, den fern im Lande Judäa der Zimmermannssohn von Nazarath dem Volke verkündigt hatte. Voll stummer Inbrunst flehte sie um Errettung. Sie bot ihr zuckendes Herz dem Erlöser als Opfer an. »Nimm alles dahin,« stöhnte sie qualdurchschauert. »Mein ganzes Leben soll fürderhin dem Glauben geweiht sein; wandern will ich von Stadt zu Stadt, von Weiler zu Weiler, wie die frommen Apostel, um deine Lehre hinauszutragen bis zu dem ewigen Eise der Goten und Skandier . . .«

Und siehe da, der Heiland der Welt schien ihr gnädig zu lächeln. Neue Kraft durchströmte die ersterbende Seele, – die Kraft der Hoffnung.

Da plötzlich trat die zauberhafte Gestalt des Jünglings, der sie gestern noch so wonnesam in den Armen gewiegt hatte, leuchtend wie ein nächtliches Meteor zwischen sie und den sanften, gütigen Galiläer.

Die Züge des Welterlösers wurden ernster und strenger, bis er sich endlich ganz und gar von ihr abkehrte . . .

Nein, sie konnte nicht beten. Was sie gethan hatte, war ja Todsünde vor dem Gotte der Christen. Sie war eine Abtrünnige, eine Verräterin.

Wohl hatte der Presbyter gar manchmal von der Gnade des allbarmherzigen Gottes erzählt, und wie er den Sünder freudig wiederum aufnehme in die Gemeinschaft der Heiligen, dafern sich in der Brust des Verlorenen die echte, lichtverlangende Reue, das Weh um die lastende Schuld rege.

Aber ach, sie bereute ja nicht!

Um Reue zu fühlen, hätte sie alles, was ihr bis dahin teuer gewesen, grimmig verabscheuen, sie hätte ihr Dasein verleugnen, ihr ganzes Ich von Grund aus zerstören müssen.

Nein, sie bereute nicht!

Und so gab es wohl auch für die Unbußfertige keine Rettung aus dieser gräßlichen Todesnot.

Acte schauderte. Dann überkam sie's – heimlich und rätselhaft – wie eine wundersame Erinnerung.

Hatte sie einst nicht andre Götter gekannt, milder noch und menschlicher im Denken und Fühlen, als die Gottheit der Nazarener?

Hatte ihr Auge nicht in den ersten Tagen der Kindheit sich gläubig emporgerichtet zum Throne der goldenen Aphrodite?

Aphrodite war dem Abgrund des Meeres entstiegen. Sie kannte also dies tosende Element. Sie würde den Sturm, der es aufwühlte, huldreich beschwichtigen, wenn Acte sie gläubigen Herzens anflehte, Acte, die Sehnsuchtsvolle: denn Liebe fühlen hieß ja, voll Andacht auf den Altären der Göttin opfern, und weltvergessende Küsse, ach, Küsse, wie sie den Lippen Neros entblühten, waren in ihren Augen kein Greuel, sondern ein gutes Werk, und ihrer Gottheit ein Wohlgefallen.

Als Acte gewahrte, wie stürmisch dieser Nachklang aus ihrer Kindheit sie heimsuchte, bebte sie in verdreifachtem Schauer. Die strahlenden Zinnen Korinths stiegen vor ihrem geistigen Auge empor; sie hörte die wuchtigen Mahnworte des großen Apostels, sie erblickte sein ernstes, gewaltiges Antlitz und die ehrfurchtstarre Versammlung der Gläubigen . . . Das war damals gewesen, wie sie mit Nicodemus drei Monate lang am Isthmus Wohnung genommen und eben die Taufe empfangen hatte. Die Donnerstimme des warnenden Paulus war ihr ins Herz gedrungen, wie die Posaunenstöße des jüngsten Gerichts. Ewiges Unheil, höllische Qual und Verdammnis war das Los der Verworfenen, die, einmal von der Gnade des Herrn erfüllt, in die Netze des abgeschworenen Mißglaubens wieder zurückfielen.

»Du einziger und wahrhaftiger Gott, vergieb mir die Todsünde!« stöhnte die Dulderin. »Rette, o rette mich um deines geliebten Sohnes willen! Amen!«

Alles umsonst!

Ringsher die trostlos tobende Oede, die tausend Schlünde, die mordbegierig emporgähnten – und kein Schimmer des Heils, keine unsterbliche Hand, die sich der Elenden hilfreich entgegenstreckte . . . Die alten Götter hatten die Macht verloren; sie waren nur Schatten, sinnlose Wahngebilde. Der wahrhaftige Gott aber, der den Heiland zur Erde gesandt, stieß die Verbrecherin mitleidslos in den Abgrund.

»Nero, in deiner Liebe leid' ich den Tod,« hauchte Acte noch einmal mit gebrochener Stimme . . .

Nun fühlte sie, wie sie sank. Ihre Augen umschattete eine blaugrüne Dämmerung; in den Ohren gurgelte ihr die chaotische Flut; phantastische Ungeheuer, von aschfahlen Blitzen umzuckt, schwirrten und sausten um sie herum. Dann ward es still . . . Nur die Wogen trieben ihr einförmiges Spiel über der Tiefe, und hoch oben, im blendenden Sonnenglanz wiegte sich eine bänglich klagende Möwe . . .

Als Acte wieder die Augen ausschlug, befand sie sich in einem kostbar ausgestatteten Schlafgemach.

Ein weicher, mit cordubanischem Linnen bedeckter Pfühl stützte ihr das fieberglühende Haupt.

Die Decken der Lagerstatt waren von feinster tarentinischer Purpurwolle, mit Gold durchwirkt.

Links neben der Kranken kniete ein halbwüchsiges Mädchen, eben damit beschäftigt, ihr die schlaff herniederhängende Hand mit duftigen Essenzen zu waschen.

Eine ältere Frau, strengen Gesichts, aber dennoch sympathisch in dieser Strenge, legte ihr, von rechts sich herüberneigend, ein breites, in Schneewasser getauchtes Tuch über die Stirne.

Am unteren Bettrande aber stand, wie aus Marmor gemeißelt, ein bleiches, jugendlich schönes Weib mit sanften rehbraunen Augen, die leise zusammenzuckten, als sie dem forschenden Blicke Actes begegneten.

»Wo bin ich?« fragte die Freigelassene des Nicodemus.

»Bei Leuten, die es gut mit dir meinen,« versetzte die Alte, mit der runzeligen Hand die Kompresse glättend.

»O, das ist ein unendliches Glück!«

»Freilich, du armes Ding!«

»Und wie komm' ich hierher?«

»Durch die Hilfe der Götter und die eines menschenfreundlichen Schiffers,« sagte die Alte.

»Aber ich sank doch . . . tief, immer tiefer . . . und es war mir, als sei alles vorüber . . .«

»So mochte dir's scheinen. Auch der brave Abyssus, der dich den Wellen entriß, glaubte im Anfang, jede Mühe sei hier verloren.«

»Abyssus? Niemals habe ich diesen Namen gehört.«

»Er ist ein Aegypter – und Ruderobmann auf dem Lustschiffe unsrer Gebieterin.«

»Und der hat mich gerettet?«

»Ja, mein Kind.«

»Aber wie war das möglich? Rings in der weiten Unendlichkeit hob sich kein Segel – nein, nicht ein einziges! Und ich hatte so gläubig gebetet . . .! Ach, es faßt mich von neuem . . .! Ich sinke . . . Helft! Helft mir um Christi willen!«

Sie schloß die Augen. Zwei Minuten lang schien sie besinnungslos. Dann schaute sie klarer auf, als zuvor.

»Nein, es ist nichts,« gab sie dankbar lächelnd zur Antwort, da sich die Alte mit einer besorgten Frage über sie her beugte. »Sagt mir nur, wie alles gekommen ist.

Die Pflegerin warf einen forschenden Blick auf die hohe Frauengestalt, die immer noch unbeweglich am Ende des Bettes stand und sich heimlich zu sammeln schien.

Da ihr die Herrin nicht wehrte, gab die ehrliche Dienerin kurz und bündig die von Acte erbetene Auskunft.

»Früh in der Dämmerung sind wir hinausgerudert, weit von der Küste hinweg. Unsre Herrin konnte nicht schlafen; die erfrischende Luft sollte ihr wohlthun. Als die Sonne nun stieg, da erhob sich der Wind, der sich kaum erst gelegt hatte, mit verdreifachter Heftigkeit. Schleunigst machten wir kehrt, geradeswegs nach dem Hafen. Nun, und so kam's. Mitten auf offener See fanden wir die zierliche Puppe, die nun hier in den Kissen liegt. Krampfhaft hieltest du ein zersplittertes Holz umklammert. Unser Abyssus sieht dich und besinnt sich nicht lange. Wie ein Pfeil saust er vom Bord, faßt dich just in dem Augenblick, da deine Finger sich lösen, und schleppt dich bei den triefenden Haaren heran. Das Schifflein tanzt wie besessen; die Ruderknechte wissen nicht aus noch ein; ich bete verzweiflungsvoll zum Vater Neptunus; vom Steuersitze ruft's schon zum zweitenmal: ›Rette dich selbst, Abyssus, und laß die Verunglückte fahren!‹ Aber die Herrin befiehlt's und Abyssus ist hartnäckig, – und so hilft kein Gewinsel . . . Endlich packt er den Strick. Er umschnürt dir den Leib. So wirst du emporgezogen. Dann folgt er selbst, der todesmutige Schwimmer, halb schon betäubt, aber strahlend, daß er den Sieg gewann. Die Herrin hat ihm schweigend die Hand gedrückt; keine Silbe hat sie gesprochen: aber wir sahen, wie's dem braven Abyssus weich durch die Seele ging. Ich glaube, er hat sich die Augen gewischt – und seitdem pflegt er dich, als wärst du sein eigenes Kind.«

»O, ich danke euch!« stammelte Acte. »Sprich, wie heißest du?«

»Ich heiße Rabonia,« sagte die Alte.

»Gute Rabonia! Womit hab' ich's verdient, daß ihr euch meines armen Lebens so annehmt? Mich dünkt's, als hätte ich lange, lange geträumt, recht beklemmend und herzzermalmend. Nun, da ich aufwache, ist's eine Wohlthat, ein so treues Antlitz zu schauen . . .«

»Acht Tage hindurch lagst du im Fieber,« nickte Rabonia. »Seit gestern erst hat seine Wut sich gelegt. Jetzt aber wird uns Abyssus wohl endlich versichern können, daß die Genesung kömmt.«

»Abyssus? Der mich gerettet hat?«

»Der nämliche. Er ist nicht nur der Seefahrt kundig, sondern auch Arzt; und, wie ich glaube, so trefflich in diesem Fache, wie kaum der Leibarzt des Imperators.«

Acte zuckte zusammen. Das Wort Imperator überströmte ihr Herz mit allen Schauern der Hoffnung und Sehnsucht.

Dann plötzlich erhob sie sich in den Kissen. Ihr starrer Blick haftete wie gebannt auf den lieblich-edlen Zügen der jungen Frau, die noch immer schweigend auf sie herniedersah.

»Foltert mich Satanas?« ächzte die Freigelassene, mit zitternder Hand auf die regungslose Gestalt deutend, »Octavia, die Gemahlin des Kaisers!«

»Ich bin's,« versetzte Octavia gleichmütig. »Fürchte nichts! Unter dem Dach dieses Hauses findest du Schutz gegen alle Unbill der Welt.«

»Aber kennst du mich denn?« rief Acte in trostloser Herzensangst. »Nein, du ahnst nicht . . . Wehe mir, dreimal wehe! Mußtet ihr mich dem Wasser entreißen, um die Gerettete langsam zu Tode zu martern?«

»Beruhige dich!« sagte die Kaiserin. »Du verfällst wieder in die schrecklichen Phantasien des Fiebers.«

»Nein, o nein!« rief Acte bewegt. »Ich bin klarer als je.« – Wie zur Bekräftigung riß sie das kühlende Tuch von der Stirne. – »Schicke die Frauen hinaus! Bei allem, was heilig ist, fleh' ich dich an, Herrin: schick sie hinaus! Wahrlich, du kennst mich nicht! Sonst würdest du nicht so gütig und so mitleidsvoll dreinschauen.«

Rabonia und ihre Gehilfin entfernten sich.

»Kaiserin,« stöhnte Acte, da sie nun mit Octavia allein war, »schwöre mir, daß du die Wahl meiner Todesart mir freigeben wirst!«

»Wie verstehe ich das? Willst du, kaum erst dem Tode entronnen, Hand an dich selbst legen?«

»Nicht ich!« rief Acte verzweiflungsvoll. »Du aber, Kaiserin, wirft mich töten wollen, wenn du erfahren hast, wer ich bin. Wie? Acht Tage ist's her? Ganz Rom also weiß darum! Wahrlich, da wundert's mich über die Maßen, daß du keinen Verdacht geschöpft! – Ach, ich ersticke fast! – Höre denn: ich bin Acte, die Freigelassene des Nicodemus . . .«

»Die Geliebte des Imperators,« ergänzte Octavia mit einem traurigen Lächeln. »Ich wußte das, obgleich ich niemals zuvor dein Antlitz gesehen hatte.«

»Du wußtest das? Und hast mich im Schlaf nicht erdolcht? Haft mir nicht Gift in die Ohren geträufelt? Mir nicht die Augen mit glühendem Stahl versehrt?«

»Nein, du armes, irres Geschöpf! So beruhige dich doch! Du wirst ja bleich, als ob du erlöschen wolltest.«

»Ewige Allmacht!« schluchzte das Mädchen, die Hände ringend. »Welchen Frevel hab' ich begangen! Ist's denn möglich, daß ich jemals Verzeihung finde? Herrin, wenn ich dir sagen könnte . . . Du, du hast mich gehegt und gepflegt . . .? Ach, daß ich doch gleich in den Boden versänke, um diese zermalmende Scham zu begraben!«

»Halte mich nicht für gütiger als ich bin!« wehrte Octavia. »Als ich zuerst an dein Lager trat. wo du im Taumel deiner Delirien den Namen riefst, den ich nicht nennen mag, – als ich den Ring erkannte, den du am Finger trägst: wohl, da war mir's zu Mute, als müßte ich über dich her stürzen, wie ein reißendes Tier . . . Dann aber, wie du zu klagen anhubst und ihm nachweintest, wie ein Kind seiner Mutter nachweint, da verspürte ich eine seltsame Wandlung. Ich brauchte dich nur deinem Schicksal zu überlassen: die Krankheit hätte ihr Werk vollendet, auch ohne mein Zuthun. Im Herzen regte sich eine Stimme, die mir Besseres gebot. Es erbarmte mich deiner, und so folgte ich denn der Mahnung der Gottheit. Abyssus, mein ägyptischer Arzt, hat ganze Nächte an deinem Lager gesessen, und siehe, seiner Gewissenhaftigkeit ist es gelungen, was wir gehofft haben.«

»Gehofft? Wie konntest du hoffen, da ich doch deine Feindin bin, und ein Abscheu für alle Guten?«

»Ja, du bist Acte, und wohl ist es möglich, daß ich mit dir mein Unheil gerettet habe. Ach, ich weiß es ja nun, ihr habt euch geliebt – tief und wahrhaft und mit aller Kraft des Gemüts. Gleichviel: ich konnte nicht anders. Gern will ich sogar den Vorwurf der Thorheit und der Lächerlichkeit ertragen, wenn das Gewissen mich freispricht von dem der Selbstsucht und der herzlosen Missethat.«

»Du rasest, Octavia!« rief Acte, geisterhaft zu ihr aufschauend. »So was vermag kein sterbliches Weib. Nein, niemals, – dafern sie wirkliche Liebe fühlt.«

Octavia errötete über und über.

»Ob ich ihn liebe!« hauchte sie schmerzlich, die Blicke nach oben richtend. »All mein Dasein wollt' ich dahingeben, wenn ich nur eine flüchtige Stunde lang so völlig sein Herz besäße, wie du.«

Der weibliche Stolz, der sie bis dahin aufrecht erhalten, war mit einemmal gebrochen. Die Thränen rannen ihr über das Antlitz. Sie wandte sich ab.

»Du bist niederen Standes,« fuhr sie nach einer Weile fort, – »aber ich schäme mich keineswegs, dich beneidet zu haben. In der Liebe gilt ja nicht Rang, noch Vornehmheit der Familie, – ja vielleicht nicht einmal das Gesetz: denn dies alles hattest du gegen dich. Wahrlich, die Ehren des Herrschertums, die ich sonst hochgeschätzt als ein himmlisches Gnadengeschenk, – ich verachte sie jetzt wie zerstiebende Spreu! Die niedrigste Sklavin wollte ich sein, wenn ich's erlangen könnte, daß er mir nur ein einziges Mal so in die Augen schaute, wie er in deine geblickt hat. Ja, ich beneide dich, – aber ich hasse dich nicht. Eine grausame Qual ist's gewesen, so die Nachklänge deines unsäglichen Glücks aus den Reden der Fieberkranken herauszuhören . . . Fast bin ich gestorben vor Weh. Und dennoch hab' ich's verwunden. Meine Liebe zu ihm ist so tief und so heilig, daß sie auf dich selbst ihren versöhnenden Abglanz wirft.«

Die Freigelassene war wie versteinert.

»Zweifelst du immer noch?« sagte Octavia, durch Thränen lächelnd. »Da – gib mir die Hand! Ich verzeihe dir. Wenn du genesen bist, sollst du frei deines Wegs ziehen, gleichviel wohin. Was auch frommte es mir, wenn ich, wie Agrippina es wollte, dich gewaltsam verbannte? Seinen Augen wärest du freilich entrückt; seine Seele würde sich nach wie vor an das klammern, was er besessen hat. Für die echte, wahrhaftige Liebe, so wie ich sie begreife, strömt kein Lethe in dieser Welt.«

Tief erschöpft sank Acte in die Kissen zurück. Sie hatte die schmale Hand, die sich so hochherzig ihr entgegenstreckte, mit zuckenden Fingern umklammert und stürmisch an die glühenden Lippen gedrückt. Jetzt aber löste sich dieser fiebernde Griff: – sie ward bleich wie Wachs; eine todähnliche Ohnmacht umfing ihr mitleidsvoll die allzutief erschütterte Seele, während Octavia, vom Ungestüm ihrer inneren Kämpfe bewältigt, am Lager des jungen Mädchens stöhnend zusammenbrach.

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