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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Achtes Kapitel.

Im Atrium hatten sich unterdes die Senatoren mit einer Vollzähligkeit eingefunden, die geradezu überraschend war; denn die Mehrzahl der hohen Herren war bereits in die Sommerquartiere übergesiedelt und nur, der Einladung der Kaiserin-Mutter gehorchend, eigens zum Zweck des großen Chattenempfangs nach Rom zurückgekehrt.

Der kaiserliche Geheimschreiber Epaphroditus hatte die Ankömmlinge begrüßt, und sie ehrerbietigst nach den kissenbelegten Sesseln geführt, die da rechts und links vor den festlich geschmückten Arkaden in bogenförmiger Linie aufgestellt waren.

Die Morgensonne malte bereits einen Streifen von Mannshöhe an den oberen Rand der Archivmauer. Die ringsher verstreute Blumenfülle, von den Sklaven mit künstlich zerstäubtem Wasser besprengt, schimmerte wie ein Frühlingsgarten im Tau, und die kostbaren Teppiche glühten mit jeder Minute farbenreicher und prächtiger.

Der Staatsminister hatte von jeher eine Art Stolz darein gesetzt, daß derartige Zeremonien, wie der jetzt bevorstehende Empfang der Chattengesandtschaft, bis ins kleinste pünktlich in Scene gingen.

Fast in dem nämlichen Augenblicke, da Nero, von seinem glänzenden Hofstaat umringt, nach dem Hochsitz wandelte, und die versammelten Senatoren mit einem weit vernehmlichen ›Ihr Herren, seid mir gegrüßt!‹ bewillkommte, tauschte Seneca draußen vor dem Vestibulum mit dem hochgewachsenen, graubärtigen Führer der germanischen Edelinge einen kräftigen Händedruck. Die Gesandten waren von ihren mähnenumwallten Rossen gesprungen.

Nero, das ›Heil dem Kaiser!‹ der Senatoren mit einer huldvollen Handbewegung erwidernd, hatte sich auf einen der beiden Prunksessel unter dem Baldachin niedergelassen.

Zu seiner Rechten stand Burrus mit einigen Militärtribunen. Zur Linken der Agrigentiner Sophonius Tigellinus; Otho, der Gatte der schönen Poppäa Sabina; der junge Dichter Lucanus, den Seneca während der letzten Monate auffällig beschirmt und gefördert hatte; der Geheimschreiber Epaphroditus; und einige andre Hof- und Staatsbeamte mit ihren vornehmsten Untergebenen.

Weiter nach rechts und nach links folgten kleine Abteilungen von Prätorianern, in vergoldeten Harnischen, hochrot gefärbte Roßschweife auf dem blinkenden Helmfirst, an der Hüfte das Schwert, – den gewaltigen Langspeer nach Art der Wachtposten senkrecht im Arme.

Rechts und links an der Spitze der Senatoren saßen die regierenden Konsuln, deren Amt seit der staatlichen Neugestaltung nur noch äußerlich eine Bedeutung hatte, aber nichtsdestoweniger glühend erstrebt wurde.

Auch der germanischen Botschaft hatte der Staatsminister eine Ehrenwache von prätorianischen Kriegern zugeführt, die jetzt zunächst durch das Ostium einzog, und sich links vom Eingang, gerade dem Thron gegenüber, ordnungsgemäß aufstellte.

Hiernach erschien der Staatsminister mit dem Führer der Chatten, Lollarius geheißen. Die übrigen, stattliche, hochgewachsene Männer von dreißig bis vierzig Jahren, blauäugig und blond, bis auf zwei, deren Haupthaar die dunklere Färbung des Südens zeigte, wandelten unmittelbar hinter Lollarius einher und machten dann in der Mitte des Atriums Halt, während ihr Anführer mit dem höflichen Seneca dicht zu dem teppichbelegten Podium heranschritt.

»Allgewaltiger Cäsar,« begann der Staatsminister, »der vortreffliche und tapfere Mann, der in Gemeinschaft mit seinen edlen Genossen als ein Freund des römischen Namens hier das Palatium betritt, ist der Gaufürst Lollarius, wohl der Erste im Rate unter den chattischen Großen, ein ruhmreicher Heerführer und ein ausgezeichneter Kenner unsrer Sprache, unsrer Gesetze und Sitten.«

So sprechend, trat Seneca neben den Agrigentiner Sophonius Tigellinus, der die Hünengestalt des chattischen Gaufürsten mit staunender Neugier musterte.

Nero erhob sich, schritt bis auf die letzte Stufe des Podiums herab, und reichte dem Botschafter mit einem gewinnenden Lächeln die Hand.

»Wir heißen dich und die Deinen in unsrer geheiligten Siebenhügelstadt freudig willkommen. Aus deinen Augen blickt Geradheit und Mut. Ich liebe das. Im Namen der hier versammelten Väter und des unbezwungenen römischen Volkes biet' ich dir ehrliche Freundschaft an. Denn unsre Freundschaft zu suchen – das wissen wir von unserm Proprätor, eurem Nachbar am Rheine – seid ihr nach Rom gereist.«

»Du sagst es, großmächtiger Kaiser,« versetzte Lollarius in musterhaftem Latein; denn auch er hatte, wie jetzt sein ältester Sohn, vor vielen Jahren die Weltstadt am Tiberstrome besucht, um Studien zu machen auf dem Gebiete der Staatswissenschaften und der römischen Kriegskunst. »Nachdem dein Stellvertreter unsre berechtigten Wünsche erfüllt hat, wüßte ich nicht, weshalb wir Chatten euch grollen müßten, – wenn ich's auch tief beklage, daß die kaiserlichen Legionen manchen urgermanischen Landstrich nach und nach in römischen Boden verwandelt haben.«

»Weshalb beklagst du das?« fragte der Cäsar.

»Weil wir Nordlandsmänner, die ihr Römer nur als Einzelvölker beurteilt, weit näher untereinander verwandt sind, als der Italier mit dem Hispanier; weil wir ein großes, gewaltiges Reich von einerlei Stamm und Nation ausmachen könnten, wenn nicht ein Teil uns durch Rom entfremdet, ein andrer durch die leidige Zwietracht vollständig lahmgelegt wäre. Wir Chatten allein und die wackeren Sigambrer haben Verständnis für die Zusammengehörigkeit aller germanischen Stämme, für die Allmacht der Staatsidee, die euch Römer so groß gemacht, – kurz: für das Vaterland.«

Der Imperator stieg jetzt wieder die Stufen hinauf und ließ sich langsam unter dem Baldachin nieder, während zwei Sklaven, die Blicke des Staatsministers verstehend, einen Goldsessel zum Podium hinantrugen.

»Ich begreife das,« sagte der Kaiser wohlwollend. »Inzwischen bitte ich dich, auf diesem Stuhle hier Platz zu nehmen. Es ziemt sich nicht, daß man Gesandte, die dem Völkerrecht wie dem Gastrecht gleichmäßig heilig sind, länger stehen läßt, als die Begrüßung währt.«

Lollarius zögerte einen Augenblick. Dann stieg er ruhigen und selbstbewußten Schrittes das Podium hinan, als sei es den Stammesgenossen des Mannes für spätere Jahrhunderte vorbehalten, sich im Kaiserpalaste heimisch zu fühlen, wie jetzt der hochgebietende Imperator.

»Lollarius,« hob Nero wiederum an, da sich der Chatte gesetzt hatte, – »du siehst es: unsre bloße Begegnung hat ausgereicht, um die Sache, über die wir verhandeln wollten, ins reine zu bringen. Kein Römer, solange nicht offener und ehrlicher Krieg zwischen uns herrscht, soll hinfürder eure Landschaft in ungebührlicher Absicht betreten dürfen. Das gleiche versprecht ihr uns. Auch im übrigen halten wir freundliche Nachbarschaft. Eure Leute verkaufen uns die Erträgnisse der Jagd und des Fischfangs, die herrlichen Tierfelle, das köstliche Wild und die Lachse der Logana. Von uns bezieht ihr die kunstvollen Werkzeuge, die tarentinischen Wollstoffe, die milchweißen Gewänder für eure Frauen und Jungfrauen, die Gürtel und Spangen, vor allem aber die Gabe des unsterblichen Bacchus. Denn, wie ich höre, da droben bei euch will die herzerquickende Rebe nicht recht gedeihen; ihr behelft euch mit einem sonderbaren Gebräu von Weizen und Gerste, das ihr – ein wahres Wunder – zu einer gewissen Aehnlichkeit mit unserm italischen Weine herankünstelt.«

»Herr,« versetzte Lollarius, und strich sich schmunzelnd über den breiten, graugesprenkelten Bart, – »unsrer Getränke gibt's zwei: ein süßeres und ein herberes. Das erste nennen wir Met, das zweite Bier, – und wahrlich, wenn die Metpokale so kreisen, oder gar die gewaltigen Bierhörner, und ein kriegerischer Gesang ertönt in der Runde, und die Hirschkeule oder der Bärenschinken liefert uns die saftigen Scheiben, dann möchtest auch du, o Cäsar, uneingedenk des römischen Prunkes, bekennen, daß wir Germanen zu leben wissen.«

»Daran zweifle ich nicht,« erwiderte Nero. »Jegliche Gepflogenheit ist berechtigt, jegliche Art und Sitte hat ihre Vorzüge. – Also wir stehen nun am Ziele. Hier meine Hand! Friede und Freundschaft! Nur der Form halber soll mein Geheimschreiber Epaphroditus einen Staatsvertrag abfassen, – nicht, weil ein Zweifel bestünde, sondern zur Einverleibung in die Archive. Denn auch ihr besitzt wohl Amtsgebäude oder Heiligtümer der Götter, wo ihr gewichtige Aktenstücke verwahren laßt.«

»Unsre Priester und Edelinge sind des Schreibens nicht unkundig,« sagte Lollarius. »Auch wird es den Chatten genehm sein, die Freundschaftsworte des Kaisers auf kräftigem Pergament zu besitzen. Es gibt Leute bei uns, denen man solcherlei Dinge gelegentlich wiederholen muß.«

»Morgen noch empfängst du die Urkunden zur Unterzeichnung,« versetzte der Imperator. »Nun aber, nachdem das alles erledigt ist, erzähle mir doch, ich bitte dich, einiges von dir und deinen Genossen. Wer sind die Männer, die dich begleiten? Du könntest sie wohl heranführen.«

Lollarius erhob sich.

Der Kaiser hielt ihn zurück.

»Zuvörderst du,« sagte er huldvoll. »Du heißest Lollarius. Der Name klingt ja beinah lateinisch?«

»Er ist nach lateinischer Weise umgebildet – für euch; dieweil ihr die rauheren Laute des Nordens minder beherrschen würdet. Ich heiße in germanischer Sprache Lautharto, das ist verdolmetscht: ›das große Herz‹. Mein Edelsitz erhebt sich am Ufer der Lahn, die ihr Logana nennt, unweit der Stelle, wo die reißende Wisacha in den Fluß mündet. Weiterhin erhebt sich der waldüberkleidete Vogelsberg, so genannt um seiner unzähligen Urhähne willen, deren Balzen wie das wunderbare Gekreische der Wotansraben durch den dämmernden Forst klingt. O, es ist ein herrliches Land, unser Chattenland!«

»Seltsam,« erwiderte Nero. »Wir Römer lieben weder die Bergwälder noch die Felsengeklüfte. Uns verlangt es nach lieblich blühenden Auen, nach Lorbeerhainen, vornehmlich aber nach dem Gestade des Meeres. Du hast kein Meer, selbst keinen See in der Nähe?«

»Nein, Imperator. Die Lahn und die Wisacha müssen uns schadlos halten. Eure gewaltigen Brandungen kennen wir nicht. Doch, daß ich's gestehe: hundert Schritte nur von meinem Gehöft strömt die Wisacha über steiles Geröll so schroff in die Tiefe hinab, daß ihr Gebrause schier an den Wellenschlag des Tyrrhenischen Meeres erinnert. ›Den Guß‹ oder ›die Gießen‹ nennt man diesen Strudel im Volke, und mein Edelsitz heißt danach die Burg an den Gießen.«

Eine Weile noch plauderte so der Cäsar mit dem bärtigen Chattenführer, als ob der Beherrscher des Römerreichs nahezu willens sei, demnächst während der Sommermonde in den Wäldern der Logana als Gast zu erscheinen. Dabei warf er indes ab und zu einen Blick nach Seneca, der dann jedesmal kaum bemerklich die Lippen regte: ›Du hast noch Zeit, Herr.‹

Endlich stieg Lollarius vom Podium hernieder und holte die drei vornehmsten Männer seiner Gefolgschaft heran.

Einer derselben, der goldhaarige, wangenblühende Heilo, war beauftragt, dem Kaiser ein stattliches Ehrengeschenk anzukündigen: zwölf lebende Auerochsen, die man in eigens dazu hergerichteten Wagen auf der großen linksrheinischen Heerstraße bis nach Vesontio und von dort nach Massilia gebracht hatte, wo sie nach Ostia eingeschifft wurden.

Das Schiff mit den Ungeheuern, die für die kaiserliche Arena bestimmt waren, lag jetzt am aventinischen Hügel vor Anker, und Heilo ersuchte den Imperator, sobald es ihm gut dünke, die Freundschaftsgabe des chattischen Volks in Empfang zu nehmen.

Nero dankte, hieß, da Seneca immer noch gleichmütig dastand, auch die übrigen Teilnehmer der Deputation vortreten, redete eifrig mit jedem einzelnen und erhob dann die Rechte.

Zwölf scharlachrot gekleidete Hofbedienstete schritten auf diesen Wink hin aus dem Säulengange hervor und überreichten jedem der zwölf Gesandten als Gegengabe des Imperators ein kostbares Schwert mit Goldgriff und in glänzender Goldscheide.

Die Senatoren, die anfangs über die gar zu leutselige Art des Kaisers heimlich gemurrt hatten, hielten es dennoch für angebracht, in die Beifallsrufe miteinzustimmen, die jetzt Flavius Scevinus, Barea Soranus, Thrasea Pätus und andre Genossen der hohen Körperschaft in wohlberechneter Absicht erschallen ließen. Einige ausgesprochene Anhänger der Kaiserin-Mutter indes konnten sich kaum noch beherrschen. Mit jeder Minute malte sich deutlicher in ihren verblüfften Gesichtern die ungeduldige Frage: ›Wo bleibt Agrippina? Weshalb nimmt sie nicht Platz an der Seite des Sohnes, den sie zum Kaiser gemacht hat?‹

Agrippina befand sich noch immer auf der hallenden Landstraße in ihrer breitüberdeckten Carruca.

Der Staatsminister hatte ›ordnungsgemäß‹ bei ihr angefragt, wann der Empfang der Chattendeputation stattfinden solle, – und die entsprechende Antwort erhalten.

Agrippina hatte die Zeit für die Wagenfahrt reichlich bemessen.

War es die Schuld nun etwa des Seneca, wenn ihm der Kaiser ›plötzlich befahl‹, just eine halbe Stunde früher die Zeremonie anzuberaumen, als Agrippina gewünscht hatte . . .?

Arglos lehnte sie an der Seite ihrer Vertrauten, der meergrünäugigen Pantherin Acerronia, und scherzte darüber, wie außerordentlich leicht es sei, einem störrisch gewordenen Knaben wieder die Zügel zu straffen.

Sie glaubte sich völlig Herrin der Situation.

Sie pries im stillen ihre bedeutende Staatsklugheit, die nun der Zufall so meisterhaft unterstützte . . .

Ja, ja, diese Acte hätte den Herrschergelüsten der Kaiserin-Mutter gefährlich werden, sie hätte im fortgesetzten Verkehre mit Nero allgemach einen Standpunkt der Einsicht erklimmen können, der ihr gezeigt hätte, wie wenig Wissen dazu gehört, um ein Weltreich zu lenken. Jener phantastische Liebesrausch war ja doch nur das Vorspiel. Nach einigen Monaten wären ihr andre Empfindungen, andre Wünsche und Hoffnungen in der Seele gereift . . . Wenn diese Acte zum Beispiel dem Kaiser ein Kind, einen Knaben geschenkt hätte! Welch ein gewaltiger Sporn für die Mutter, nach Einfluß, ja nach der Herrschaft zu streben! . . . Nein, das Schicksal hatte hier einen Geniestreich begangen: Agrippina durfte zufrieden sein.

Ein huldvolles Lächeln schwebte auf ihren Lippen.

»Nun, Acerronia?« fragte sie nach Beendigung dieses schönen Gedankengangs. »Du scheinst ja heute so kühl und so gleichmütig? Nicht ein einziges Mal hast du zum Wagenfenster hinausgeschaut, während doch Pharax, der stattliche Pharax, in eigener Person unsre Bewaffneten führt. Jüngst noch ein Jauchzen und Jubeln wie von hunderttausend liebedurstigen Lerchen, – und nun mit einemmal diese Verschlossenheit? Habt ihr euch etwa veruneint? Wie?«

»Nein!« sagte die hübsche Pantherkatze mit erstaunlicher Barschheit.

Jeder andre Sterbliche wäre durch ein halb so häßliches ›Nein‹ für immer der Gnade Agrippinas verlustig gegangen. Nur Acerronia genoß in dieser Beziehung die unglaublichsten Vorrechte.

Agrippina ergriff ihre Hand. »Was ficht dich an, Täubchen?« fragte sie mütterlich. »Schon bei der Abfahrt hab' ich bemerkt, daß dein Antlitz etwas umflort war.«

»Pah! Dieser Pharax!« rief Acerronia geringschätzig.

»Ist dein Verlobter und wird, dafern es die Götter nicht hindern, noch vor Herbst dein Gemahl. Ich hab's ihm versprechen müssen . . .«

»Müssen?« fragte Acerronia. »Wer konnte dich zwingen?«

»Nun, er bat mich darum, er flehte . . .«

»Wie viele bitten, ohne erhört zu werden!«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Kaiserin. »Hat dein Sinn sich geändert? Pharax gefiel dir doch. Gleich bei der ersten Begegnung.«

»Ja, er gefiel mir, und er gefällt mir noch heute; aber eines gefällt mir nicht: daß er dir so gefallen hat.«

»Närrin!« lächelte Agrippina. »Träumst du oder bist du bezecht? Wie kann's dich verdrießen, wenn der Mann, den ich dir zugedacht, meinen Beifall hat? Wär es dir lieber, ich fände ihn widerwärtig?«

»Vielleicht, – – denn es kommt mir bisweilen so vor . . .«

»Nun?«

»Darf ich offen meine Gedanken aussprechen?«

»Freilich.«

»Nun, ich meine, du selber bist – über die Ohren verliebt in ihn.«

Agrippina ward außerordentlich ernst.

»Dank es den Göttern, daß der Cäsar dieses Wort nicht vernommen hat! Er ließe dich kreuzigen.«

»Meinetwegen!« murmelte Acerronia. Sie nagte die Lippen. Ihre Stirn umwölkte sich zusehends.

»Laß jetzt die Thorheiten!« sagte die Kaiserin strafend.

»Nun, so verbiete den Sklaven, daß sie dir Dinge nachsagen, die . . . die . . .«

»Du solltest vor Scham in die Erde sinken! Acerronia, die Tochter des cordubanischen Ritters, hört auf das Schandgerede der Unfreien! Jetzt verstehe ich erst! Wisse denn, Acerronia: mit eigenen Ohren hab' ich gehört, was zwei Dirnchen, die im albanischen Parke die Hecken zustutzten, selbander geschwatzt haben. Sie erfrechten sich, ihre Kaiserin zu beschimpfen; denn solche gemeine Seelen wissen ja niemals die politische Gunst der Fürstin von den Zärtlichkeiten des Weibes zu trennen. Ich rede hier ganz ohne Scheu, denn es ekelt mich an, daß gerade du in diesen schmutzigen Sumpf trittst. Ein Wink von mir, und jene Sklavinnen würden sterben. Agrippina aber denkt zu groß von ihrem unsterblichen Namen, als daß die Kleinheit und die Niedrigkeit sie beleidigen könnte. Artemis schoß die Pfeile auf die Töchter der Niobe, aber die Frösche im Tümpel mißachtet sie.«

Die Worte der Kaiserin klangen so würdig und weihevoll, daß sie die Zweifel Acerronias glänzend besiegten.

»Verzeih mir!« schluchzte das Mädchen.

Sie legte ihr Antlitz wider die Schulter ihrer Gebieterin, als suchte sie Schutz vor sich selbst.

Dann plötzlich zurückfahrend und ihre Hände wie Krallen ausstreckend: »Ich aber, ich bin keine Fürstin von hohem Geblüt; ich kann mich herablassen, die erbärmlichen Lügenmäuler zu züchtigen, wenn ich sie jemals wieder bei so schandbaren Reden ertappe. Und so schwör' ich's beim Jupiter . . .«

»Ruhig, mein Kind!« unterbrach Agrippina die Zürnende. »Siehst du, hier sind wir bereits mitten im Häusergewühl. Trockne die Thränchen! Du hast eine Rolle zu spielen. Zum erstenmal erscheinst du vor dem Senat.«

»Weshalb ist Pallas nicht mitgekommen?«

»Er liegt im Fieber. Gestern abend ließ er sich krank melden.«

»Ich bekenne dir, Herrin, daß ich für meine Person recht wenig Verlangen trage, mich von den ernsthaft-albernen Senatoren begaffen zu lassen.«

»Du liebst Ausdrücke . . . Ernsthaft-albern! Uebrigens was du dir einbildest! Heute, bei einer so wichtigen Staatsaktion . . .!«

»Mein rotes Haar ist noch wichtiger. Daß es schön ist, hast du ja selber gesagt, – fast so schön wie dein eigenes nachtschwarzes, und je älter die Männer, um so verrückter.«

Die Hufschläge der Kappadozier dröhnten jetzt über das Pflaster der Via Sacra . . .

Tigellinus hatte inzwischen von dem Herannahen des harnisch-umblitzten Reisewagens Kunde bekommen.

Während der Kaiser noch mit den Chatten plauderte, schlich der Agrigentiner hinweg, um die Kaiserin-Mutter mit ihrer Gefolgschaft am Vestibulum zu bewillkommnen.

»Herrin,« sprach er, »ich bitte, beeile dich! Wenn dir's genehm ist: hier durch die Seitenthüre! Vor der Mündung des Ostiums stehen die Polstersessel der Botschafter.«

»Wie? Schon jetzt?« fragte die Kaiserin, während ein helles Rot ihr Gesicht überflammte.

»Ja, schon jetzt. Du hast dich nämlich zum Bedauern des Kaisers und der versammelten Väter etwas verspätet.«

»Ich? Wieso? Wir sind pünktlich, wie die Soldaten zur Wachablösung. Sprich! Was bedeutet das?«

Tigellinus, die größte Unterwürfigkeit heuchelnd, zuckte die Achseln. »Unser Herr und Gebieter hat es gewollt. Ich machte ihm Vorstellungen, aber er meinte, man dürfe die Chatten, die in so trefflicher Absicht gekommen seien, nicht warten lassen. Noch ist es ja vollauf Zeit, du Erlauchte! Noch kann dem weltgeschichtlichen Akte durch dein Erscheinen die letzte Weihe gespendet werden.«

Agrippina fieberte. Ohne auf Acerronia und die sonstige Gefolgschaft zu warten, schritt sie majestätischen Ganges durch die vorderste Thüre der Linkswand.

Die Senatoren erhoben sich. Agrippina wandte sich nach dem Podium.

Da stieg Nero, alle Bitternis, die in ihm aufquoll, bekämpfend, ruhig von dem Throne herab, eilte der Kaiserin-Mutter entgegen und begrüßte sie mit der üblichen zeremoniellen Umarmung. »Welch freudige Ueberraschung!« rief er – so hatte ihm Seneca diese Rolle entworfen – »Die Staatsgeschäfte sind nun beendet. Freuen wir uns jetzt doppelt der trauten Gemeinschaft in der Familie!«

Das Murmeln des Beifalls, das die Mehrheit der Senatoren vernehmen ließ, zeigte der Fürstin die Vollständigkeit ihrer Niederlage. Sie fühlte, daß sie geradezu lächerlich wurde, wenn sie nicht gute Miene zum bösen Spiel machte. Die Meisterschaft ihrer Selbstbeherrschung feierte jetzt einen Triumph.

»Ich danke dir,« sprach sie, den Sohn auf die Stirn küssend, »daß du so rasch und so glücklich eine höchst schwierige und verwickelte Angelegenheit zum Schlusse geführt hast. Es scheint mir, die edlen Männer, die hier versammelt sind, Römer wie Chatten, warten darauf, daß sie der Cäsar verabschiedet. Dies erledige noch! Vermelde ihnen den herzlichen Anteil, den ich an dem Gelingen des Freundschaftsbundes genommen habe, und folge uns dann zum Frühmahl nach dem kleinen Triclinium!«

Würdevoll grüßend entfernte sie sich. Innerlich aber kochte ihr die empörte Seele vor Wut und herzzerfressendem Haß.

»Ein Werk des Seneca!« knirschte sie durch die Zähne, als sie bei Acerronia vorbeikam. »Ich habe es wohl bemerkt, wie der Schurke seit einiger Zeit lau wurde und verlogen. Die Mär von diesem Ereignis wird hinausdringen in die Stadt, in das ganze latinische Land, in alle Provinzen. Mein Ansehen ist unwiderruflich erschüttert. Allerorts wird es heißen: ›Agrippina hat abgedankt . . .‹ Abgedankt? Nun und nimmer! Die Zeit soll's lehren! Geduld nur und Mäßigung! Hüte dich, Acerronia! Kein Mensch unter dem Himmel des Jupiter, und er, der Undankbare, am wenigsten, darf eine Ahnung haben, wie tief mir dieser schreckliche Stoß in die Brust gedrungen. Der Pöbel würde sonst jauchzen. Geduld, nochmals Geduld! Ganz unmerklich kann ich zurückerobern, was er mir abgetrotzt. O, ich verstehe ihn! Das war die Rache für Acte! Nun freut's mich doppelt, daß ihr götterverfluchter Leib den Fischen zum Fraß geworden!«

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